Chorprobe in Babylon

Kraniche Pixabay

Wer glaubt, dass es bei einer Chorprobe ums Musizieren geht, um die richtigen Harmonien, Artikulation, Dynamik, der hat Recht, aber halt nur halb. Es geht auch und vor allem um die Pausen. Das unterscheidet Sänger nicht groß von Bolzplatzhelden und Golfern am 19. Loch.

Beim Moscow International Choir sind die Pausen erst recht wichtig, weil sich da die russischen Sänger Zeit nehmen, uns anderen noch mal zu erklären, was der Dirigent eben gewollt hat, wie ein Wort auf drei U-Laute enden kann oder was Бемоль (beMOLL) bedeutet. (Natürlich nicht b-Moll, das wäre ja einfach.)

Sprachlich treffen wir uns dazu meist im Englischen, auch wenn die wenigsten von uns Muttersprachler sind. Und dann kommt, was ich in all seiner Kreativität und Absurdität liebe: Der Versuch, aus Vokabeln und Anekdoten, aus gemeinsamen Bezügen (also bei Dirty Dancing… also in der Bibel…), aus Pantomime und Ausdruckstanz, aus „Sag das Wort mal in Deiner Sprache“ und „Kennst Du das Wort noch in einer anderen Sprache?“ ein gemeinsames Verständnis zu erreichen. Der folgende Dialog ist echt:

Katja: „Hey, Katrin, I’m trying to explain to Cathérine what this song is about. Are storks and cranes the same birds?“

Katrin: „Don’t think so, no – storks bring babies. Putin flew with cranes.“

Cathérine: „But what are they in French, do you know?“

Katrin: „No idea.“

Cathérine: „Can you say the German words?“

Katrin: „Storch und Kranich.“

Cathérine: „Never heard those before.“

Katja: „There is also a third kind, they are grey and walk on the shore to find food.“

Katrin: „Yes, aren’t they herons? They’re called ‚Reiher‘ in German.“

Cathérine: „Ah, heron, that’s actually the same in French, héron. Is the song about them?“

Katja: „No, the bird on the shore is ‚tsapplya‘ in Russian, but this song is about a flock of zhuravli. May be cranes, may be storks. Can you look it up?.“

Katrin: „Sure… it says ‚grue‘, does that make any sense?“

Cathérine: „Ah, grue – yes of course. And what about them?

Katja: „They fly past and remind the singer of friends who have died in the War.“

Kein Problem, wenn der Lösungsweg komplexer ist als die Ausgangsfrage. Darum sind wir ja hier (und wegen der Musik).

 

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Endlich Impftag!

Neulich nachmittags bei Freunden: Wir reden über Bücher, welche sich aktuell so lohnen, wo man sie in Moskau am besten kauft. Der Blick schweift über die Schrankwand, dann kommen wir auf Kinderbücher zu reden, und schließlich liegt auf dem Tisch ein Liederbuch für Schulkinder. Aus Sowjetzeiten, die Schwester des Gastgebers hatte es damals im Tornister. Und darin ein Lied übers Impfen.

impfsong russland 1976

2015 hat Anti-Vaxxers in den USA und einen tödlichen Masern-Ausbruch in Berlin. 1976 hatte Lieder, in denen Musterschüler von Moskau bis Wladiwostok sehnsüchtig darauf warteten, endlich mit der Impfung dran zu sein.

Wenn man unterstellt, dass der Impfkalender in Russland seitdem zumindest in seinen Grundzügen konstant geblieben ist, war das entweder die Impfung gegen Masern/Mumps/Röteln, oder eine Auffrischungsimpfung gegen Tuberkulose bzw. Diphtherie und Tetanus. So oder so sind die Drittklässler im Buch natürlich begeistert hingerannt, den Text auf den Lippen:

Zur Impfung!
Dritte Klasse, dritte Klasse, dritte Klasse!
Habt ihr es gehört?
Das sind wir, das sind wir, das sind wir!

Ich habe keine Angst vor Spritzen
Wenn es nötig ist, lass ich mich impfen
Zur Impfung! Sie rufen uns, Brüder!

Nur ein Feigling hat Angst davor
Zur Impfung zum Arzt zu gehen.
Ich lächle und scherze,
Wenn ich eine Spritze sehe.

Zur Impfung!
Dritte Klasse, dritte Klasse, dritte Klasse!
Habt ihr es gehört?
Das sind wir, das sind wir, das sind wir!

Ich habe keine Angst vor Spritzen
Wenn es nötig ist, lass ich mich impfen
Zur Impfung! Sie rufen uns, Brüder!

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Trauer

Fresien

Die „Trauer“ und den „Marsch“ haben sich die Russen aus dem Deutschen entlehnt. „Траурный марш“ [traurni marsch] heißt also einer der vielen Facebook-Termine, der am Samstag Morgen die Runde macht: Zum Gedenken an Boris Nemzow, der am Abend vorher erschossen worden ist, werden sich später Zehntausende Menschen treffen – während ich am Rechner sitze, arbeite und über Trauer nachdenke. Über die große, sichtbare um Nemzow, und über die sehr viel weniger öffentliche in den Tagen zuvor.

Anfang der Woche ist Sascha gestorben, unser Pianist beim Moscow International Choir. Tot umgefallen, keiner weiß warum. Eine bedrückende Probe, ein wenig Rat von russischen Freundinnen (Blumen in gerader Zahl, Kopftuch), und dann ist es Freitag und wir stehen in der Auferstehungskirche, zwei Fußminuten von der St. Andrew’s Church, in der Sascha den Chor durch unzählige Abende begleitet hat, beim Üben und im Konzert. Und nicht nur uns, auch andere Ensembles, außerdem hatte er seine Schüler am Konservatorium. Viele junge Gesichter also hier im Gottesdienst. Sascha selbst war noch keine 30.

Fast 200 Menschen stehen um den offenen Sarg; in russischen Kirchen gibt es keine Bankreihen, wie wir sie kennen – höchstens am Rand ein, zwei Sitzgelegenheiten für alte Menschen. Die Gemeinde singt auch nicht, stattdessen wechseln sich der Priester und ein Chor ab. Im Alltag sind das oft gerade mal drei Sänger, heute aber ein ganzes Dutzend. Profimusiker aus seinem Freundeskreis, in eine Ecke gequetscht, die erkennbar für deutlich weniger Leute gedacht ist. Zwischen ihren ersten Tönen und den letzten, zu denen sie später singend den Sarg aus der Kirche tragen, bin ich vor allem eines: überwältigt.

Nicht, weil ich nicht gewusst hätte, wie wichtig Inszenierung und Mystik in der orthodoxen Kirche sind – die Wände voll dunkler Ikonenmalerei, das Gold überall, das Kerzenlicht, die dicken Weihrauchschwaden, immer wieder. Aber jetzt, wo die russischen Chormitglieder uns „Internationals“ dezent und wortlos durch den Gottesdienst dirigieren, hier noch ein Kopftuch leihen, da ein kleines Blatt Papier anreichen, damit einem die Kerze nicht auf die Hand tropft; jetzt, wo diese urtümlichen Harmonien durch den Raum klingen, wo so viele Blumen auf dem Sarg liegen, dass sie herabzurutschen drohen, jetzt, wo wir nicht nur gegen die Kälte die Arme um uns verschränken – jetzt frage mich, ob das alles wohl hilft.

Der Familie, vor allem den Eltern, die hier nun seit fast zwei Stunden ihren toten Sohn ansehen müssen. Den Freunden, die noch mehr mit ihm verband als ein, zwei mal die Woche gemeinsame Musik – und die nun nach und nach zum Sarg gehen, Sascha auf die Stirn küssen und sich bekreuzigen. So offen sichtbare Trauer, ein so lang hingezogener Abschied, vor den Augen der anderen, ohne Rückzugsraum. Spendet das Trost, wenn es das ist, was man kennt und wo man hineingewachsen ist?

Ein paar Tage später kommt die Frage wieder hoch. Eine Woche ist es her, dass wir von Saschas Tod erfahren haben. Heute war es ein anderer offener Sarg, an dem eine andere Mutter stand – Dina Eidman, die sich mit 88 Jahren von ihrem Sohn, Boris Nemzow, verabschiedete.

Von der Redaktion fahre ich direkt zur Probe, natürlich reden wir über Sascha – seine Konzertreisen, noch vor kurzem, seine Geduld mit uns Amateuren. Zu meinem Ausländer-Blick auf die Trauerfeier sagt eine russische Freundin mit viel Europa-Erfahrung: „Ich weiß, anderswo ist vieles verdeckter, dezenter. Für mich fühlt sich das an wie Verdrängung, als wollte man alles schnell hinter sich bringen. Wir trauern wie die Italiener – intensiv und offen.“

Den Flügel hat jemand vor den Altar geschoben. Wo sonst Sascha saß, steht heute ein aufgeschnittener Wasserkanister mit weißen Blumen.

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Ich liebe Öl, ich liebe Gas

Vor nicht einmal zwei Jahren hat einer der bekanntesten DJs Russlands ein Musikvideo namens Нефть (Öl) veröffentlicht. Damals war das Lied von DJ Smash Comedy, eine humorvolle Anspielung darauf, wie wichtig Öl für den russischen Staatshaushalt ist.

Hört man sich die Spaßmucke heute noch mal an, drängen sich ernstere Töne auf. Denn seit der Veröffentlichung des Videos geschah, nur zur Erinnerung, das hier:


source: tradingeconomics.com

Vor dem Einbruch des Ölpreises jedenfalls sah musikalischer Humor in Russland so aus: Eine Frau singt, wie sehr sie Öl liebt, und ist damit nicht alleine. Shoppingtrips, Partys und Teestunden auf dem Lande, alles nichts ohne Öl. Bankräuber erbeuten pralle Ölsäcke. Bettler freuen sich über einen Hut voll Öl. Öl in Champagnergläsern und in Lipglossfläschchen.

Der großen poetischen Tragweite wegen sei hier auch noch in Auszügen der Text der Szene wiedergegeben, in der sich unsere Heldin zwischen zwei Männern wiederfindet. Natürlich löst sie den Konflikt dank Patriotismus. Auch das kommt einem, 2015 in Russland, nicht komplett unbekannt vor.

Mann 1: Liebst du mich?
Frau: Ich liebe Öl.
Mann 1: Öl, das bin ich!
Frau: Ich liebe dich!

Mann 2: Ich habe Gas.
Frau: Ich liebe Gas!

Mann 1: Du liebst aber doch schon Öl!
Frau: Ich liebe Öl! Öl? Gas? Öl? Gas? Öl? Gas? Öl? Gas? Öl? Gas? – Ich liebe Russland!

(Wer das Video wegen seiner Ländereinstellungen nicht sehen kann, hat vielleicht hier mehr Glück.

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Putin der Woche (V)

putin song 2

Gesehen: Im Musikvideo der sibirischen Sängerin Maschani. Auch wenn sie darin eine Doppelrolle hat – als allegorisches Russland in idyllischer Sonne und als Ukraine in höchster Not zwischen Backsteinmauern – ist Putin die eigentliche Hauptfigur.

Begleitung: Die Zeichnung bleibt auf der Bank zurück, nachdem das Original (mehr oder weniger) auf dem Motorrad herbeigerollt ist und die Heldin als Sozia mitgenommen hat.

Text: „Du bist Putin, du bist so Putin/Ich will bei dir sein/Ich schreie nach dir/Mein Putin, mein lieber Putin/Nimm mich mit/Ich will bei Dir sein.“ Den ganzen Text gibt es hier; in Interviews hat Maschani außerdem noch ein paar Weisheiten zu Krim und Ukraine (Überraschung: Nur Putin kann ihr helfen) nachgelegt.

Subtext: Erlöser! Held! Heiland! Wer die Krim russisch macht, der kann auch meine Albumverkäufe in die Höhe treiben. Putin, mein Putin – komm, die dritte Million Youtube-Aufrufe schaffen wir jetzt auch noch!

Oben-Ohne-Punkte: 0/10. Aber beim Eurovision Song Contest wären zwölf Punkte aus Weißrussland eine ziemlich sichere Sache.

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Eine Konzert-Saison mit ForScore

Die Mitsängerinnen hatten Fragen, als die neue Saison begann. Denn auf den Tipp eines holländischen Dirigenten-Bekannten hin (Danke, Danny!) hatte ich diesmal keine Chormappe dabei, sondern nur das iPad Mini, und darauf die App „ForScore“. 5,99 Euro für das Privileg, nicht jede Woche anderthalb Kilo Noten zur Arbeit und dann zur Probe zu schleppen? Definitiv den Versuch wert. Hier eine kleine Bilanz.

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„Hast Du keine Angst, dass die App abstürzt?“

Nein, jetzt nicht mehr. Aus dem Stand wäre ich sicher nicht von analog zu digital gewechselt, aber nachdem in den Proben immer alles gut ging, hat sich ForScore auch in den vier Konzerten zum Ende der Saison bewährt. Die größten Schwierigkeiten hatte ich anfangs noch mit dem schlichten Umblättern, denn wer wischt, landet damit schon mal in einer anderen Ansicht.

Der Trick ist – vorher mal die Anleitung lesen hätte geholfen – einfach auf die Seite zu tippen. Rechts blättert vor, links zurück, fehlerfrei.

„Woher weißt Du dann, welche Takte wir gestrichen haben?“

Eine Stärke von ForScore ist, wie leicht man Anmerkungen machen kann. Denn damit aus einem Notenblatt in einer Sängerhand auch Musik wird, braucht es in der Praxis viele Ergänzungen: Wo atmen wir? Wie artikulieren wir ab, also: Sprechen wir die Schlusskonsonanten auf die Eins oder auf Eins-und? Ist das Forte ein Forte oder doch eher ein Fortissimo? Diese 16 Takte Überleitung brauchen wir aber nicht, oder? Deutsches Latein [Ag-nus dee-i] oder italienisches Latein [An-jus dää-i]? (Oder, Gott behüte, russisches Latein, eine inoffizielle, aber populäre Mischung aus italienischen Vokalen und prinzipiell deutschen, aber im Hals weiter nach hinten gerutschten Konsonanten?)

Eine Textmarker-Funktion, um die eigene Stimme hervorzuheben, eine Tastatur für ausformulierte Anmerkungen und eine große Kollektion gängiger Musikzeichen hat ForScore als Menüpunkte. Und wer seine Legatobögen nun partout gefettet und türkis haben will, kann sich selbst das einstellen.

forScore App Preview from forScore App on Vimeo.

„Und wenn im Konzert der Akku plötzlich leer ist?“

Selbst mit Bildschirm auf hellster Stufe braucht das Notenblättern nicht viel Strom. Mit 100 Prozent zum Konzert kommen, kurz noch mal ein paar Stellen ansingen, später das ganze Konzert, und noch nicht mal die 70 Prozent erreicht – so war das diese Saison, und unser Programm war nicht gerade kurz.

„Fühlt sich das nicht komisch an?“

Jetzt nicht mehr. Klar ist alles Gewohnheit, und manche Anmerkungen hätte ich mit dem Bleistift sicherlich besser hinbekommen als mit dem Finger auf dem Display. Dafür ist es extrem einfach, die Noten in die App zu laden und für verschiedene Konzert-Abläufe Setlists mit dem jeweiligen Ablauf der Titel zu machen.

Außerdem ist das iPad nicht nur leichter, sondern auch leiser: „Nicht in die Pianostellen reinblättern“ muss jedenfalls kein Dirigent mehr zu mir sagen.

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Scratch Messiah in der Royal Albert Hall

Royal Albert Hall Scratch Messiah 2014 panorama 

Einmal das Foto großklicken. Von der Orgel nach rechts, bis da, wo die Logen anfangen. Jetzt ein Stück nach unten, noch ein bisschen, stop: Da irgendwo stehen wir, Katharina und ich, in roten Outfits, dem Dresscode für den Alt beim „Scratch Messiah“ in der Royal Albert Hall. Und ja, es fällt mir auch ein paar Tage danach noch schwer, nicht jedes Mal „Royal Fucking Albert Hall“ zu sagen, so grandios war das Gefühl, dort zu stehen und zu singen.

Über das Scratch-Prinzip hab ich hier schon mal ausführlicher gebloggt – Musiker studieren zuhause ein Stück ein und treffen sich dann, um es aufzuführen. Manchmal gibt es auch noch eine einzige gemeinsame Probe, aber nicht bei der Londoner Version von „The Really Big Chorus„. Jacken abgeben, noch mal zum Klo, Sitzplatz finden, sich den Nebenleuten vorstellen, Trinkflasche
unter den Stuhl stellen und los. Scratch as scratch can.

Völlig richtig natürlich, dass die ersten Chor-Noten vom Alt gesungen werden. Das Orchester ist unerschütterlich – muss es auch sein, denn 3000 Sänger, das ist keine Anzahl, die zum Allegro oder gar zur spontanen Tempoverschärfung neigt. Erst recht nicht, wenn sich manche in die schwierigen Stellen dann doch noch ein bisschen reinfühlen müssen. Aber auch das kennen Chorleute, nicht nur vom Scratch: Manchmal markiert man eben nur und verlässt sich auf die anderen.

Katharina und ich haben beide schon ein paar Messiasse hinter uns, es fluppt also an diesem Abend meistens, auch bei frickeligen Sätzen. Wie viel da jetzt Können ist, wie viel Adrenalin und wie viel Inspiration durch die heiligen Hallen, den genius loci? Komplett egal. Was bleibt, sind das Gefühl beim Schlussapplaus und die Bilder.

(Danke an Anja für das Panorama-Foto obendrüber!)

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„Spasskaja Baschnja“, das Moskauer Militärmusikfestival

Spasskaja Baschnja Totale 

Erste Male: ein Militärmusik-Festival ansehen. Und das in diesen Zeiten, wo der nichtmusikalische Teil des russischen Militärs sich gerne mal in der Ukraine aufhält, natürlich nur auf Eigeninitiative im Urlaub oder weil er sich verlaufen hat. Trotzdem zum Festival gehen, geht das? Es geht.

„Spasskaja Baschnja“ heißt das Festival, nach dem Erlöserturm des Kremls, aber um es ausländischen Gästen leicht zu machen, ist auf der englischen Version der Homepage lieber vom „Kremlin Military Tattoo“ die Rede. Ein „großes ‚Schlachtfeld‘ der Bands aus verschiedenen Ländern“ sei das, ein „Kampf um die Liebe und Bewunderung des Publikums„, ein „gut gestimmtes Instrument des internationalen Kulturaustauschs“.

Antreten zum Austreten - Soldaten in historischen Kostümen kurz vor Beginn.
Antreten zum Austreten – Soldaten in historischen Kostümen kurz vor Beginn.

Im Vorprogramm reiten russische Soldaten Dressur auf Trakehnern, können Kinder unter Anleitung eines Clowns eine Kanone abfeuern, posieren Männer in historischen Uniformen für Fotos. Dann also internationaler Kulturaustausch, will sagen: Russlands Kapellen haben sich Verstärkung geholt. Aus Serbien und Armenien, Italien und der Türkei, aus der Schweiz, Irland und Mexiko. Und dafür, dass im Gastgeberland Militarismus und Uniformen zum Alltag gehören, ist das Ergebnis ungefähr das flauschigste Musikfestival aller Zeiten.

Ja, es gibt Märsche, aber dazwischen „Venus“, „Unchain my Heart“, „You’re in the Army now“ und „Bésame mucho“ – nur eben mit jungen Gardesoldaten, die dazu in Formation ihre Gewehre samt Bajonett jonglieren und Salutschüsse abgeben. Ein Posaunist und ein Saxophonist in Traumschiff-tauglichen Uniformen wetteifern in Bigband-Solos. „Katjuscha“ auf Dudelsäcken gehört zum Programm, auch „Korobeiniki„, die Tetris-Melodie. Eine Frau singt von der Liebe zu Moskau. Männer marschieren in Formationen, mal zackig, mal bilden sie ein warm angestrahltes Herz. Wem das noch nicht genug Flausch ist, der kann beim Bauchladenmann eine rote Fleecedecke gegen die Abendkälte kaufen.

Ein Herz für Militärmusik, gebildet von Militärmusikern
Ein Herz für Militärmusik, gebildet von Militärmusikern

Manchmal erinnert es an Jugend im Rheinland. Daran, mit Klarinette in der klammen Händen einem Sankt Martin hinterherzustolpern und sich zu wünschen, es gäbe Regen, weil dann nur die Blechbläser spielen müssten. An Karnevalszüge, zu denen der Farbe halber Gruppen aus anderen Ländern eingeladen werden. Ans Schützenfest, bei dem diese Kapelle aus Serbien sicher der kleinste Teilnehmer gewesen wäre zwischen all den Sankt Sebastianern und Hubertusschützen. Et Trömmelsche jeht heute Abend in Moskau. Manchmal synkopiert es sogar und alle, die gerade noch auf Eins und Drei geklatscht haben, gucken irritiert.

Wer ein Ohr fürs Zeitgeschehen hat, hält nicht nur beim Rhythmuswelchsel inne. Sondern auch, wenn die lautstark bejubelte Kapelle aus Sewastopol auftritt und eine Frau im blauweißen Kleid den „Sewastopol-Walzer“ von der Liebe der Matrosen singt. Wenn die Schweizer Sappeure mit ihren weißen Schürzen nach Gemetzel aussehen. Wenn „The Final Countdown“ erklingt. Wenn der Moderator jede ausländische Gruppe in der Landessprache verabschiedet: „Danke, Freunde, für einen großartigen Auftritt. Wir sehen uns nächstes Jahr.“

Wenn sie denn nächstes Jahr noch kommen. 2012 war hier die Bundeswehr dabei, kamen Polen und Franzosen. Noch 2013 wurden auf der Veranstalter-Seite explizit die teilnehmenden Nato-Staaten genannt, außerdem liefen Österreicher, Finnen und Briten auf.

Die Kasachen jedenfalls, das steht fest, werden wohl auch 2015 keinen Grund haben, nicht zu kommen. Vielleicht spielt ihre Ehrengarde ja dann noch mal „I Like To Move It“.

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An der schönen blauen Moskwa

Katjuscha Graffiti Strogino
Chor-Picknick in einem Birkenwäldchen am Moskwa-Ufer in Strogino. Da, am Moskauer Stadtrand, erkennt man den Fluss kaum wieder: sandiges Ufer, Entenküken paddeln hinter der Mutter her, manchmal zieht ein Boot einen Wasserski-Fahrer durchs Bild.

Es riecht, natürlich, mal wieder nach Schaschlik – Dirigent am Grill – und wir versuchen rauszufinden, wie viele Sprachen der Moscow International Choir wohl beherrscht. Russisch und Englisch, klar, Italienisch, Französisch, Rumänisch und Deutsch. Holländischbrocken. Zählt Latein? Eine Russin, deren Deutsch nach Tirol klingt, hat neulich erzählt, dass sie als nächstes Kölsch lernen will.

Tütenweise frische Kirschen stehen auf dem Tisch, Brot, Salate, Pistazien, Chips und etwas, was nach Tofu-Quadern aussieht, aber wie Apfel-Mäusespeck schmeckt: Pastila. Wieder was gelernt. Dazu Weihnachtskonzert-Pläne (es ist nie zu früh, sowas kommt ja immer total unverhofft), es wird wohl was von dem Mann werden, der hier „Joseph Gaydn“ ausgesprochen wird. Und weil das hier Russland ist, trinken wir unseren Saft und Wein nicht einfach, sondern stoßen immer wieder an, gern auch mit Trinkspruch. „Auf die Schönheit, und dass wir alle schön sind“, legt ein Sopran vor. Völlig übliches Kaliber, das lernt man als Nichtrusse hier schnell.

Ein paar Schritte weiter hat jemand „Katjuscha“ an einen ollen Schuppen gesprüht, die russische Koseform von „Katrin“. Auf das Foto drängeln sich noch ein paar Klischeebirken mit drauf. „Graffiti nennst Du das? Ich nenn das Vandalismus“, sagt eine Mitsängerin. Für mich fühlt sich Moskau gerade sehr nach zuhause an. Ist noch Schaschlik da?

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