Das Tass-Archiv auf Instagram


Das sollte einer dieser Arbeitstage werden, wo man so richtig was wegschafft. Ein fleißiger Dienstag, an dem erst mal ordentlich Facebook-Kommentare moderiert werden, dann „On this day“-Kalenderblätter recherchiert und geschrieben, auf Vorrat, mindestens bis Monatsende.

Danach Mails, anschließend mal gucken, welche Kollegen-Accounts bei Twitter zum Verifizieren eingereicht werden sollen. Bisschen Planung für morgen, denn Mittwoch ist Produktionstag bei der Moscow Times, da gibt es immer so ein paar Grafiken, die auch bei Social Media ganz gut…

Nun ja.

Kurz nach den Facebook-Kommentaren und noch vor den Kalenderblättern ist was dazwischen gekommen. Ein Tweet nämlich, in dem ein Moskauer Kollege auf ein TASS-Archivbild hinwies. Mit Hashtag. Dem man ja mal folgen könnte, erst bei Twitter, dann weiter drüben bei Instagram.

Eine Stunde später ist dieser Blogpost fertig – weil solche Bilder bestimmt auch für andere faszinierend sind. Die TASS ist im Staatsbesitz, die Inszenierung von sowjetischer und russischer Wirklichkeit auf ihren Fotos fällt also manchmal eher idyllisch als kritisch aus. Mit diesem Wissen im Hinterkopf ist der Hashtag архив_тасс aber durchaus interessant:

Einer der Moskauer Zuckerbäckerbauten in den Fünfzigern, effektvoll beleuchtet.


Studenten der Lomonossow-Universität als begeistertes Publikum einer Rede von Fidel Castro.


Ein Ausflug ins Neuland der Telekommunikation. Aufgenommen wurde das Bild in einer Fabrik in Riga, und natürlich passt das Haarband perfekt zur präsentierten Produktreihe.


Bären und Schnee – zwei Russlandklischees auf einmal abgehakt!


Mode im Herbst 1975 (Die Haare! Der Eyeliner!). Und täusche ich mich, oder wurde mehr Herbstlaub fotografiert, als das mit den Farbfotos noch neu und aufregend war?


Ein Mann bringt 1979 in einem Überschwemmungsgebiet in Baschkortostan gerettete Hasen in Sicherheit. In Uniform. Natürlich.


Vereiste Wimpern, gefrorene Atemluft am Schal: Eine Vorstellung davon, wie kalt es in der Region Krasnojarsk wird, gibt dieses Bild aus dem Jahr 1988.


In den russischen Krisenzeiten Anfang der Neunziger versucht ein Junge, als Autowäscher am Straßenrand Geld zu verdienen.

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Russland 1862 – eine Zeitreise mit Umweg über New York

Bevölkerung Pensa Russland 1862 NYPL 8

Pensa muss man nicht kennen. Eine mittelgroße Stadt acht Autostunden von Moskau, mit einer mittelguten Eishockeymannschaft. Historiker kennen Lenins Telegramm an seine Verbündeten in Pensa, in dem er blutigen Terror gegen politische Gegner anordnete. Wer sich für russische Literatur interessiert, weiß vielleicht, dass Michail Lermontow in der Nähe aufgewachsen ist. Die Stadt hat es als einzige in Russland auf die Wikipedia-Liste der Orte mit überdimensionierten Kuckucksuhren geschafft. Das war’s dann aber auch schon wieder.

Was Pensa dennoch besonders macht: Im Jahr 1862 hat sich jemand die Mühe gemacht, die verschiedenen Bevölkerungsgruppen, die dort leben, zu dokumentieren. Das Ergebnis sind Fotos, teils ein wenig verwackelt, dafür aber von Hand koloriert – was vor allem die verschiedenen Trachten zur Geltung bringt.

Russen sind auf den alten Aufnahmen zu sehen, aber auch Tataren und Mordwinen. Man kann vergleichen, wie sich die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen kleideten, wie sie sich für den Fotografen aufstellten. Der Bildhintergrund lässt manchmal auch Schlüsse darüber zu, wie sie lebten. An dem Foto ganz oben gefällt mir besonders, dass hinter dem Fenster noch ein paar Menschen zu sehen sind, die wohl auch gerne für die Nachwelt posiert hätten.

Dass diese Bilder jetzt nicht nur zugänglich sind, sondern man sie weiterverbreiten kann, sie bloggen, sie in neue Zusammenhänge stellen, ist der New York Public Library zu verdanken. Sie hat zum neuen Jahr mehr als 180.000 Bilder aus ihren Archiven veröffentlicht, die alle in der Public Domain sind.

Tausende Dokumente zu Russland gibt es in den Bibliotheksbeständen – und einen schön verspielten Suchansatz bei diesem Remix, der das Archivmaterial nach Farbe sortiert.

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Film-Fundstücke aus dem Pathé-Archiv: Dortmund

Von dem großartigen Fundus an historischen Filmen, der seit knapp vier Wochen bei Youtube steht, war hier ja schon mal die Rede. Und klar: Dass sich zu einer Millionenstadt wie Moskau reichlich Material in den Pathé-Archiven findet, ist keine Überraschung.

Überraschend war dagegen, was es an sehenswerten Clips auch aus Dortmund gibt und wie weit sie zurückreichen. Zu den frühesten musste ich mir den genauen Hintergrund erst mal anlesen (gute Zusammenfassungen hier und hier). Kurzfassung: Weil Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg mit den Reparationszahlungen in Verzug geriet, besetzten französische Truppen erst Düsseldorf und Duisburg, später dann das ganze Ruhrgebiet.

Ganz leicht ist es nicht, diese Filme zu verstehen, zumal ohne Ton. Uniformierte führen andere Uniformierte ab – am ehesten lassen sich Deutsche und Franzosen noch an den verschiedenen Kopfbedeckungen unterscheiden. Sich an Gebäuden zu orientieren, ist dagegen schwierig. Der erste Reflex: Ach guck, das Klinikviertel! Dann die Erkenntnis: Das kann überall sein – vor den Bomben des Zweiten Weltkriegs sahen viele Ecken in Dortmund so aus.

Die Auswirkungen der Besatzung beschreibt die Stadt Dortmund heute so: „Als die Franzosen am 22. Oktober 1924 die Stadt Dortmund schließlich räumten, waren fast 90 Prozent aller Erwerbstätigen arbeitslos und 78 Zechen im Oberbergamtsbezirk Dortmund stillgelegt.“

1947 geht es um den Wohnungsmangel im Ruhrgebiet – und damit vor allem um Bergleute. In Dortmund entsteht gerade eine neue Bergmannssiedlung, im Krieg beschädigte Bergmannshäuser werden gleichzeitig repariert:

SPD und Dortmund – es gab eine Zeit, da waren das fast Synonyme. Was die Massen an Menschen erklärt, die hier 1952 dem neuen Parteichef (und gebürtigen Bochumer) Erich Ollenhauer zuhören:

Wenn Pathé die Filme für britische Kino-Wochenschauen gedreht hat, wird natürlich die britische Beteiligung hervorgehoben – so wie hier beim Bericht über eine schwere Explosion in einem Wohnhaus:

Und zum Schluss, als bunter Rausschmeißer, die Erkenntnis: Es gab offenbar eine Zeit, da war „Holiday on Ice“ ein ganz großes Ding. Und Dortmund hatte Europas größte Eislaufhalle.

Mehr Dortmund-Filme aus dem Pathé-Archiv gibt es hier.

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Film-Fundstücke aus dem Pathé-Archiv: Moskau

Mitte April hat British Pathé sein komplettes Archiv bei Youtube veröffentlicht – 85.000 Filme, der älteste aus dem Jahr 1896. Wochenschauen aus dem Kino, ruckeliges Rohmaterial, viel Schwarzweißes und ein bisschen Farbe.

Keine drei Wochen ist das her, was erklärt, warum viele faszinierende Clips erst ein paar Dutzend Mal gesehen wurden. Das dauert halt, das alles zu durchstöbern.

Die schiere Masse hat auch die Idee zunichte gemacht, darüber einen Blogpost zu schreiben. Einer reicht einfach nicht, um so in den Filmen zu schwelgen, wie sie es verdient haben. Es wird also wohl eine kleine Serie werden – zum Start hier meine historischen Lieblingsvideos aus Moskau.

1. Ohne Ton, aber mit reichlich Schnee entstanden 1924 diese Bilder von Lenins Beerdigung. 35 Grad unter null waren es an diesem Tag, trotzem lief ein langer Trauerzug an der Basilius-Kathedrale vorbei zum Kreml.

2. Kein Video aus Moskau, aber mit Moskauer Bezug: Zwei Jahre vor seiner ermordung wendet sich Leo Trotzki im mexikanischen Exil an die Öffentlichkeit. Er rechnet mit Stalin ab und verurteilt die Schauprozesse in seiner früheren Heimat.

3. Nicht alles im Pathé-Archiv ist große Geschichte, aber auch die Filme aus dem Alltag in Moskau erzählen Geschichten. Wie bei diesem Staffelrennen: Kein Zehnkampf, kein Fünfkampf, kein Triathlon – die Disziplinen sind Laufen, Radfahren, Rudern und Motorradfahren.

4. Konrad Adenauer 1955 zu Besuch in Moskau – „der wichtigste Staatsbesuch seit dem Krieg.“ Eine halbe Minute, nicht mehr, und am Schluss der Hinweis, dass es auch um die BRD und die DDR gehen soll. Schließlich, so der Sprecher, sei beiden Seiten klar, dass die Wiedervereinigung für den Frieden in Europa nötig sei.

5. Gott, ist das hölzern, was diese Kinder auswendig lernen mussten und nun hier aufsagen. Trotzdem eine große Überraschung, dass es 1960 hier schon eine Schule gab, in der nur Englisch gesprochen wurde. Heute sind internationale Schulen in Moskau normal, damals war es einen eigenen Bericht wert.

6. Trockenhauben und Toupierkämme – ein Blick auf das Schönheitsideal im Moskau der frühen Sechzigerjahre.

7. Schauspieler des National Theatre reisen nach Moskau, um dort „Othello“ aufzuführen und zwischendurch als Protagonisten für diesen Film über das Russland der Sechziger aufzutreten. Schwer zu sagen, was interessanter ist – die Bilder aus der Hauptstadt oder der Sprecher-Kommentar: „Unsere Schauspieler wollen hier auch russische Leute treffen“, sagt er in perfekter received pronunciation. „Wie leben diese geheimnisvollen Menschen, die einst im Krieg unsere Verbündeten waren, aber für uns stets eine unbekannte Größe sind?“

Fundstück bei 5’15“: eine Kamerafahrt bei uns am Haus vorbei – leider mit Blick in die andere Richtung. Dafür gibt es zum Schluss dann noch Sir Laurence Olivier als Othello.

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