Mail-Spaß mit der FIFA kurz vorm Confed-Cup

Endlich mal wieder eine Nachricht von der FIFA, es war ja auch schon ein wenig langweilig geworden. Die aufwendige Registrierung auf der Website, um Tickets für den Confed-Cup kaufen zu können. Die nächste Registrierung, diesmal für die Fan-ID, ein Hochglanz-Umhängeschild, ohne das man nicht ins Stadion darf. Dann der Trip durch Moskaus Seitenstraßen und deren Seitenstraßen, um die Fan-ID abzuholen. Danach hatte ich mich zeitweise ein wenig unausgelastet gefühlt.

Gut, dass sich in dem Moment die FIFA ihrer Fürsorgepflicht erinnert. Fußballfans wollen schließlich nicht nur 90 Minuten Zeitvertreib, nein nein. Da geht mehr. Und so kommt am 19. Mai diese Mail (hier aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt):

„Lieber Kunde, wir haben mehrfach versucht, Sie über die Telefonnummer, die Sie bei der Registrierung in Ihrem Ticketing-Account angegeben haben, zu erreichen, hatten aber leider keinen Erfolg. Der Kurier konnte Sie daher nicht erreichen, um sich wichtige Informationen zur Zustellung Ihrer Tickets bestätigen zu lassen, weshalb die Lieferung nun ohne weitere Vorwarnung erfolgen wird, an die Adresse, die Sie in Ihrem Ticketing-Account angegeben haben.“ Es folgt die Aufforderung, sich auf der Seite erneut einzuloggen und zu prüfen, ob man die richtige Telefonnummer angegeben hat.

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Zwei Fragen drängen sich auf. Erstens, haben die da im FIFA-Kundenservice einen Wettbewerb laufen, wer den längsten verschwurbelten Satz baut? Dann Glückwunsch an den Verfasser von „Der Kurier…“! Und zweitens, was genau meinen die wohl mit „haben versucht, Sie über die Telefonnummer zu erreichen“? Seit ich die Tickets gebucht habe: kein Anruf, auch nicht in Abwesenheit, von irgendeiner fremden Nummer. Keine SMS von FIFA, Kurierdienst oder sonst einem unbekannten Absender. Denn die Nummer, das ist schnell nachgeguckt, habe ich richtig ausgefüllt. Kein Tipper, kein Dreher, richtiger Ländercode. Hmmm.

Das Gelände, auf dem ich hier in Moskau wohne, hat einen Schlagbaum und, je nach Besetzung, zwei bis drei Schlagbaumhüter. Wer eine Lieferung erwartet, muss die beim Dispatcher (ja, das heißt auf Russisch so) telefonisch anmelden, damit sie durchgelassen wird. Ich schreibe also an die FIFA, grob zusammengefasst: Liebe FIFA, die Nummer stimmt, ich kann aber keine Anzeichen dafür erkennen, dass ihr versucht habt, mich zu erreichen. Ich hab sie jetzt noch mal anders formatiert, falls ihr die Anrufe automatisiert habt und euer Automatismus sie nur lesen kann, wenn da an manchen Stellen Bindestriche stehen. Wenn ihr mir sagt, welchen Kurierdienst ihr nutzt und wie ich den erreiche, setze ich mich aber auch gerne direkt mit ihm in Verbindung.

FIFA-Mail Nr. 1, am 21. Mai: „Unsere Absicht ist es, Ihre Anfrage innerhalb von fünf bis sieben Werktagen zu beantworten. Bitte beachten Sie, dass diese Nachricht automatisch gesendet wurde. Wir möchten Sie bitten, dass Sie keine Antwort auf diese Email schicken.“

FIFA-Mail Nr. 2, am 22. Mai: „Lieber Kunde, das FIFA-WM-Ticketing-Center bedankt sich für die von Ihnen gemachten Angaben.

Ähm. Nun ja. Textbausteine, klar – aber kann man nicht zumindest so tun, als ginge man auf den Inhalt der Mail ein? Ganz abgesehen davon, dass ich gerne wüsste, wann der Kurier kommt – die Schlagbaumhüter, FIFA, du verstehst. Also, neue Mail: „Hi, eure Antwort hat leider nichts mit meiner Frage zu tun. Wie geht es jetzt weiter? Kann ich Kontakt mit dem Kurier aufnehmen? Wann werden die Karten geliefert?“

Ich bin halt auch selbst schuld. Denn „Wann werden die Karten geliefert“ ist natürlich ein Schlüsselreiz, für den bereits der nächste Textbaustein parat liegt. Er kommt, nach der üblichen „Unsere Absicht ist es, Ihre Anfrage innerhalb von fünf bis sieben Werktagen zu beantworten“-Mail, denn auch prompt: Alle Tickets werden grundsätzlich ab Mai geliefert, wenn nicht, dann meldet sich die FIFA noch mal. Was fehlt: Infos zum Kurierdienst, Kontaktmöglichkeit – eigentlich alles, was eine Antwort auf meine Mail wäre.

Es gibt dann noch eine Runde aus „Ihr habt meine Fragen nicht beantwortet, hier sind noch mal meine Fragen, bitte beantwortet meine Fragen“ (ich) und „Unsere Absicht ist es, Ihre Anfrage innerhalb von fünf bis sieben Werktagen zu beantworten.“ (FIFA), dann wird es ruhig. Bis eines Morgens mein Telefon klingelt – das, dessen Nummer ich damals beim Registrieren auf der Seite (die Älteren werden sich erinnern) angegeben hatte.

Am Telefon ist ein sehr freundlicher, sehr schnell sprechender Herr. Es gehe um den Confed-Cup, er arbeite für einen Kurierdienst und habe eine Lieferung für mich. Ob ich denn wohl zuhause sei? Ein kurzes Telefonat mit dem Dispatcher, und keine Stunde später steht er vor mir: der Kurier mit dem großen braunen Umschlag, auf dem ein blauer „nur persönlich übergeben“-Hinweis klebt. Passkontrolle, Übergabe, schönen Tag noch, Wiedersehen! Es ist der 24. Mai, und ich habe meine Tickets.

Ich hab dann noch mal nachgeguckt, ob die FIFA sich inzwischen gemeldet hat und meine Fragen beantwortet – natürlich nicht. Aber eine andere Mail landet ein paar Stunden später in meiner Inbox, vom Kurierservice „Express“: „Sehr geehrter Kunde des Confed-Cups 2017, Ihre Tickets mit der Bestellnummer XY sind beim Kurierservice eingegangen. Sie werden nun bearbeitet und Ihnen dann zugestellt. Unsere Mitarbeiter vor Ort werden sich in den kommenden Tagen bei Ihnen melden, um einen Liefertermin zu vereinbaren.“

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Putin der Woche (XLIII)

kscheib Putin der Woche WWP 100

Gesehen: In der Sonderausgabe einer Zeitschrift namens ВВП, auf Deutsch: WWP. Das steht, wenn man das Kleingedruckte unter dem goldenen Logo liest, zunächst einmal für „Валовой внутренний продукт“ – Bruttoinlandsprodukt. Dann hat jemand aus den Anfangsbuchstaben В, В und П den Sinnspruch „Вместе всегда победим“ gezaubert, „Gemeinsam siegen wir immer.“ Und außerdem, so ein Zufall, sind ВВП ja auch die Initialen von Wladimir Wladimirowitsch Putin. Weshalb die Zeitschrift zu ihrer 100. Ausgabe ein Sonderheft herausgebracht hat, das nur aus ihren bisherigen Putin-Titelseiten besteht. Meta-Putin. Putin im Quadrat.

Begleitung: 226 Seiten hat das Heft, auf 21 von ihnen ist kein Putin abgebildet, sondern ein Kampfjet, ein Impressum, ein Lawrow. Aber wer sagt, dass von den restlichen Seiten die eine oder andere nicht auch mal zwei oder drei Putin-Fotos verträgt? So liegt die Putin-Quote insgesamt dann doch über 100 Prozent, mit exakt 236 Putins auf 226 Seiten. Winterflausch-Putin auf Pferd. Kopfhörer-Putin. Motorradhelm-Putin. Model-für-einen-Peek-und-Cloppenburg-Prospekt-Putin. Boxhandschuh-Putin. Billard-Putin. Plansoll übererfüllt.

Text: „Der wichtigste Indikator für die Effektivität der Wirtschaft eines Landes ist das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts“ – Wladimir Putin.

Subtext: Der wichtigste Indikator für die Effektivität des Personenkults eines Landes ist ein Heft mit den schönsten Coverfotos seines Präsidenten, Wladimir Putin.

Oben-Ohne-Punkte: 0/10 – das ist aber auch der einzige Mangel dieser prächtigen Kollektion.

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Es ist Krieg. Es ist Eurovision.

Kiew Eurovision Juryfinale

Freitag Abend, Jury-Finale. Für die Teilnehmer am Eurovision Song Contest ist diese Show genau so wichtig wie die, die in 24 Stunden im Fernsehen übertragen wird: Heute ersingen sie sich die Punkte der Juroren in den einzelnen Ländern. Ich schiebe mich durch die Sitzreihe zu meinem Platz. „Excuse me,“ sage ich zu einem Mann, der die Beine vor sich ausgestreckt hat. „Oh no, excuse me more,“ antwortet er und macht Platz. Auf der Bühne erzählt jemand noch schnell, bei welchen Liedern wir mit dem Handy leuchten sollen. Vier, drei, zwei, eins, Eurovisions-Melodie. Die Leute jubeln und klatschen mit.

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Im Osten der Ukraine ist Krieg. Im Westen ist Kiew und Eurovision. Es ist nicht leicht, das im Kopf zu vereinen. Als ich zum ersten Mal hier war, stand der Maidan noch voll mit Barrikaden, Zelten, Transparenten. Heute ist der Großteil des Platzes wieder frei. Händler verkaufen blau-gelbe Haarreifen, Kühlschrankmagneten mit Kiewer Stadtansichten und Klopapier mit Putin-Konterfei. Wer mit der Metro fährt, sieht entlang der Rolltreppe drei Sorten von Werbung: Restaurants, Mode, und die Armee. Sie braucht Verstärkung.

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„Naviband“, die Weißrussland beim Song Contest vertreten, spielen mit offenen Karten: Für sie wird die Windmaschine, wichtigstes Utensil des Finales, einfach direkt auf die Bühne gerollt. Wer bekommt eigentlich die ganzen Stimmen, die sonst aus den Nachbar- und Bruderstaaten immer an Russland gehen? Seine Wunschkandidatin durfte Russland nicht nach Kiew schicken, weil sie auf der annektierten Krim aufgetreten war. Ein absehbarer Eklat. Weißrussland ist fertig, die Windmaschine geht ab, ein riesiger Halbmond auf. In ihm singt Nathan Trent aus Österreich ein Lied, in dem zwar „damn“ vorkommt, das Wort „ass“ aber sicherheitshalber ausgelassen wird. Ist ja schließlich Familienunterhaltung hier.

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Wir sind angereist über Warschau, denn zwischen Russland und der Ukraine gibt es seit dem Herbst 2015 keine Flugverbindungen mehr. Für die Ukrainer tun sich unterdessen ganz andere Reiserouten auf: In der Eurovisions-Woche hat die EU die lang angekündigte Visafreiheit beschlossen. EU-Fahnen sieht man derzeit viele in Kiew – nicht nur in den Händen von ESC-Fans, sondern auch an Straßen und offiziellen Gebäuden.

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Es glitzert auf der Bühne, gleich dreimal: Ach wie nett, die Niederlande haben die Reinkarnation von Wilson Phillips zur Eurovision geschickt. Schöne Harmonien, am Ende aber unsauber abartikuliert, sagt das Chorkind in meinem Hinterkopf. Dann, wardrobe malfunction, bei einer der Background-Frauen aus Moldawien funktioniert das Trickkleid nicht, Schockschwerenot! Jetzt muss sie in so einem Ding fertigtanzen, das weder kurz noch lang ist. Es ist alles nicht so einfach.

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Empfang in der deutschen Botschaft, Kiews Bürgermeister ist da, Vitali Klitschko. Er beginnt seine Rede in alter Boxkampf-Tradition: „Laaaaaaaaadies and Geeeeeeentlemeeeeeeeeen….“ Grußworte in alle Richtungen, Zusammenhalt, Weltoffenheit. Erst singt Frau Klitschko, dann Levina, dann die Band O.Torwald, die für die Ukraine antritt. „Zuletzt war ich hier an der Botschaft im Februar 2014, als auf dem Maidan Menschen starben,“ erzählt ein ukrainischer Journalist, als wir später im Hof stehen. „Da war hier ein Treffen, Klitschko und Diplomaten aus mehreren Ländern. Er kam aus dem Gebäude, ich wollte einen O-Ton von ihm. Aber er war aschfahl und sagte nichts.“

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„Still“ wäre zu viel gesagt, aber es ist sicherlich der leiseste Moment des Abends. Salvador Sobral aus Portugal steht allein auf einem kleinen Podium vor der Hauptbühne und singt sein Lied, das hier ein bisschen fremd wirkt – kein Beat, keine Tänzer, keine Lichtshow. Nur Melodie, Klavier und ein paar Streicher, im dunklen Saal leuchten die Handys. Wie die Jurys seinen Auftritt bepunkten, erfahren wir erst am Ende des echten Finales.

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Noch ein Hofgespräch: „Wie viele Einwohner hat Kiew eigentlich?“ – „Offiziell haben wir drei Millionen. Inoffiziell sind es eher vier, auch weil so viele Menschen aus dem Osten hierher geflohen sind.“ Nicken am Stehtisch. Manche gehören selber dazu.

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Flammen! Kunstnebel! Feuerwerk! Flammen! Kunstnebel! Feuerwerk! Flammen! Kunstnebel… 26 Titel im Finale, das zieht sich, bei allem guten Willen. Irgendwo zwischen Großbritannien und Zypern frage ich mich kurz, ob es die Sitznachbarn wohl stören würde, wenn ich eine Runde Skat auf dem Handy… Wobei, gleich kommen die jodelnden Rumänen, Celebrate Diversity und so. Dann noch Levina, zum Schluss Frankreich, der Titel fährt als Ohrwurm mit in der Metro auf dem Heimweg. Kurz vor eins steige ich aus und stehe auf dem Maidan im Regen.

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Samstag, Finaltag. Es regnet immer noch, trotzdem posieren Leute vor dem Eurovisions-Logo auf dem Maidan. Nebenan wird gerade eine Gedenktafel aufgestellt, die wie ein Kalender aussieht. Halbfinale, Jury-Finale, Finale sind nicht eingetragen, dafür rote und blaue Piktogramme für getötete und verletzte ukrainische Soldaten. 9. Mai – zwei Tote , vier Verletzte. 10. Mai – ein Verletzter. 11. Mai – zwei Tote, sechs Verletzte. Dazu ein Gedicht: „Für jeden von Gott gegebenen Tag, ob wir arbeiten oder lernen, ein Rendezvous haben oder ins Kino gehen, in den Bergen sind oder am Meer, haben ukrainische Soldaten mit ihrem Blut und ihrem Leben bezahlt. 2600 haben ihr Leben geopfert, 9700 wurden verwundet. Seit drei Jahren ist das der Preis für jeden Tag, den wir in Frieden leben.“

Kiew Eurovision Krieg Gedenktafel

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Garry Kasparov bei der #rp17: Links zum Weiterlesen

Garry Kasparov bei der re:publica, das ist nur eine von vielen Sessions, bei der ich dieses Jahr gerne gewesen wäre. Aber in Kiew ist Eurovision und man kann nur eines haben. Stattdessen habe ich also, nach mehrfachen „Interessiert dich bestimmt“-Hinweisen von Freunden, den Kasparov-Auftritt bei YouTube geguckt (ab 7:19) , mehrfach genickt, ein paar mal gegrinst, und vor allem gedacht: Das reicht noch nicht.

Foto: re:publica/Jan Zappner
Foto: re:publica/Jan Zappner

Zu wenig Zeit war das, um in die Tiefe zu gehen – auch, weil er sich die Session mit Claudio Guarnieri von Amnesty International teilte, was nur so halbgut zusammen passte. Andererseits: Wie schön eigentlich, wenn eine Session endet und man sich wünscht, sie wäre noch nicht vorbei. Für alle, denen das auch so ging, habe ich einige Kasparov-Zitate ausgesucht und zu ihnen Links zum Weiterlesen zusammengestellt.

Darüber, warum mit der Verbreitung des Internets nicht auch automatisch die Meinungsfreiheit wächst:

„Many of these devices allow governments to go after people, to find those who are spreading dissenting views, and eventually to prosecute them.“

„Devices“ ist ein bisschen umständlich formuliert, konkret sieht man diesen Mechanismus in Russland in den sozialen Netzwerken. Alexander Biwschew hat das am eigenen Leib erlebt – er ist Lehrer und Dichter und wurde zu 300 Stunden Arbeit verurteilt, weil er online ein Gedicht veröffentlichte, in dem er Russlands Annektion der Krim kritisierte. Andere Fälle, in denen ihr Verhalten in sozialen Netzwerken Russen vor Gericht brachte, dokumentiert die Serie „Jailed For A Like“. Und Pavel Durov, der Gründer von VKontakte, hat das Land verlassen, der eigenen Sicherheit zuliebe. 2011 hatte er sich geweigert, die VK-Seiten von Oppositionellen zu sperren. Danach war er zunehmend ins Visier der Behörden geraten.

Darüber, welche Unternehmen sich den Internet-Regelungen autoritärer Staaten beugen:

„…the double standards in the behaviour of big corporations, that are expressing their concerns about individual privacy in the free world, but at the same time are ready to comply with draconian regulations in countries like Russia, China or elsewhere, by protecting their business and endangering, at the same time, the lives, real lives, of people who are relying on these technologies to spread their message.“

Russland versucht seit einiger Zeit, durchzusetzen, dass große Internetunternehmen die Daten ihrer Nutzer auf russischen Servern speichern. Eine Petition dagegen hat knapp 45.000 Stimmen bekommen, vor allem wegen Sorgen, dass die russische Obrigkeit dann frei auf die Daten (kritischer) Nutzer zugreifen kann. (Vielleicht sind die Behörden es leid, vergeblich bei Twitter anzufragen, wenn sie solche Nutzerdaten bekommen wollen.)

Von Facebook konnte man lesen, dass es sich diesem Anliegen verweigert hat – trotzdem ist es bis heute in Russland erreichbar. LinkedIn hingegen ist in Russland geblockt, seit es den Server-Umzug verweigerte. Google wiederum hat tatsächlich einige seiner Server nach Russland umgezogen, Apple hat ähnlich reagiert, Twitter prüft das offenbar gerade.

Über die Prioritäten im russischen Staatshaushalt.

„Putin is making cuts on social security, on housing, on education, on everything except military, security and propaganda. That’s a war budget.“

Russland spart zwar inzwischen selbst am Rüstungsbudget, es ist aber immer noch einer der großen Batzen im Etat. Die Washington Post rechnet vor: 30 Prozent des Staatshaushalts gehen an Militär und Geheimdienste, für die Gesundheitsversorgung sind nicht einmal 3 Prozent eingeplant.

Vor einem knappen Jahr blamierte sich Dimitri Medwedjew beim Versuch, einer alten Frau zu erklären, warum es bei den Renten nicht mal einen Inflationsausgleich gibt. Besonders sichtbar wird das Sparen auch bei Medikamenten für HIV-positive Patienten. Bei der Palliativmedizin ist die Situation in Russland so katastrophal, dass sich immer wieder Schwerkranke das Leben nehmen.

Über Pro-Putin-Trolle:

„…look at the ratio of investment and return: It’s much cheaper than buying tv ads, and what’s also important is a huge amount of deniability. So you do these things, but technically, you can always deny: This is not us.“

Wer sich dafür interessiert, was ein Troll so kostet: Ljudmilla Sawtschuk hat das publik gemacht. Sie hat knapp zwei Monate in einer „Troll-Fabrik“ in St. Petersburg gearbeitet, für ein Monatsgehalt zwischen 40.000 und 50.000 Rubel. Im Gespräch mit Spiegel Online hat sie berichtet, dass es noch weitere Troll-Fabriken gebe, dort würden auch Pro-Putin-Kommentare auf Deutsch verfasst.

Journalisten, die über diese Trolle berichten, riskieren, selber zum Ziel zu werden, wie Jessikka Aro erlebt hat. Und, auch wichtig: Nicht jeder, der Kommentarbereiche mit Pro-Putin-Beiträgen zuspammt, wird dafür auch aus dem russischen Machtapparat heraus bezahlt.

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Putin der Woche (XLII)

Putin der Woche Bloodymir

Gesehen: Von Freunden in Hamburg.

Begleitung: Zwei gar nicht mal so kleine Flügel.

Text: Bloodymir Putin.

Subtext: Wird das B bei euch Russen nicht eh als W gesprochen? Na also, dann ist es von Wladimir zu Bloodymir doch nur ein kleiner Schritt. Und wenn jetzt noch jemand erklären könnte, warum Hamburg bei euch „Gamburg“ heißt, aber Heilbronn „Cheilbronn“?

Oben-Ohne-Punkte: 0/10 – aber volle Punktzahl für unten ohne.

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Komm, wir essen Golgatha

Ostern in Moskau, mit Besuch, und der Besuch mit Kind. Da wächst der Ansporn, ein paar russische Ostertraditionen zu präsentieren. Der Osterkuchen „Kulitsch“ (wie Panettone, nur trockener, dafür mit Zuckerguss und Zuckerstreusel) braucht Begleitung. Traditionell gehört zu einem russischen Ostertisch darum пасха, gesprochen PAS-cha, mit einem ch wie in „Bach“. Das ist insofern praktisch, als Пасха mit großem П auch das Wort für Ostern selbst ist. 


Eine große Portion Ostern zu Ostern soll es also geben. Dazu brauchen wir Butter, Zucker, Hüttenkäse bzw. Quark, Eigelb, Vanillezucker, Rosinen und Sahne. Leicht sind hier weder die Zutaten noch die Herstellung, denn man braucht besonderes Equipment.


Zwei Dinge musste ich extra kaufen: im Supermarkt eine spezielle Pascha-Form aus Plastik zum Zusammenstecken, und in der Apotheke Mull, um die Form damit auszulegen. Schließlich verarbeiten wir hier weitgehend Zucker und Fett, das Ergebnis wird also kleben. 

Der Mull soll dafür sorgen, dass die Pascha zwar die Muster der Form annimmt (einen Kirche, eine Taube, ein orthodoxes Kreuz und die kyrillischen Buchstaben ХВ für „Christus ist auferstanden“), aber doch im Ganzen aus der Form herauskommt. 
Am Ende steht, hoffentlich, eine Art Pyramide ohne Spitze, ein oben abgeflachter Berg. Die Süßspeise soll nämlich an Golgatha erinnern, den Hügel, auf dem Jesus gekreuzigt wurde. Seltsam, sowas auf dem Tisch stehen zu haben? Vielleicht, aber auch nicht seltsamer als ein Christstollen, der in Form und Farbe an das eingewickelte Jesuskind in der Krippe erinnern soll. 


Doch ehe hier ein neutestamentarischer Kreuzigungshügel aus Kalorien entstehen kann, müssen erst mal alle Zutaten schön zusammengematscht werden. Den Mull so in die Form legen, dass die Falten möglichst innen an den Kanten entlanglaufen. Die Masse einfüllen, festdrücken, oben den Mull zusammenschieben. Mit einem Teller drunter und einem Gewicht obendrauf, kommt das Ganze dann in den Kühlschrank, am besten für ein, zwei Tage. In der Zeit muss man gelegentlich die Flüssigkeit abgießen, die aus der Pascha heraussickert. 

Endlich Ostersonntag und damit Zeit, das Ding zu stürzen. Der Mull lässt sich leicht abziehen und gibt dem Akt einen Hauch von Enthüllungsfeierlichkeit. Das Probeessen ergibt: süß, cremig, macht glücklich. Frohe Ostern allerseits! Wer will noch ein Stück Golgatha? 

 

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Confed-Cup in Russland: Angenommen, man wollte ein Fußballspiel sehen…

Noch zwei Monate bis zum Confed-Cup in Russland, und Witali Mutko ist unzufrieden. Statt 700.000 Eintrittskarten erst rund 200.000 verkauft, berichtete der frühere Sportminister und aktuelle Chefplaner des Turniers, und das zwei Monate vor dem Eröffnungsspiel.

Es mag daran liegen, dass die Karten nicht gerade günstig sind, erst recht gemessen an einem russischen Durchschnittsgehalt. Zwar ist die „Kategorie 4“ mit den die billigsten Tickets für Russen reserviert, zu ihr gehören aber auch nur wenige Plätze. Es mag an der kleinen Besetzung eines Confed-Cups mit gerade mal acht Mannschaften liegen. Oder an all den Hürden, die man als Fan so nehmen muss, um bei einem Spiel dabei zu sein.

Wer beim Confed-Cup (oder nächstes Jahr bei der Fußball-WM) ins Stadion will, der muss nicht bloß eine Karte kaufen – und dabei online innerhalb von 15 Minuten mehr personenbezogene Daten preisgeben als man braucht, um etwa einen Flug von Moskau nach Düsseldorf zu buchen. Geld und Datensatz reichen der FIFA nicht, es braucht zusätzlich noch die sogenannte Fan-ID.

FIFA Russland FAN-ID

Die erteilt die FIFA im Tausch gegen, na klar: noch mehr Daten, einschließlich Foto. „Der Hintergrund,“ mahnt sie, „muss das Gesicht hervorheben sowie gleichmäßig und wünschenswerterweise hell sein“. Aber gerne doch. Hochgeladen. Und tatsächlich kommt keine 24 Stunden später die SMS: Die Fan-ID ist fertig.

Wer sich nicht auf die russische Post verlassen will (und wer will das schon), muss die Fan-ID abholen. Nicht etwa an einem der großen Fußballstadien, in einem Einkaufszentrum oder einem Büro irgendwo am Roten Platz, das wäre ja einfach. Nein, das „Fan ID Distribution Center“ ist in einer dieser Nebenstraßen, die niemand findet, der nicht gründlich sucht. Nicht weit von der Metrostation „Pawelezkaja“ und dem dazu gehörenden Fernbahnhof – mit genug Ausgängen, um erst mal zwei, drei falsche zu erwischen. Darum hier ein kleiner Laufzettel:

Auf dem Metro-Bahnsteig an den Schildern Richtung Domodedowo (auch in kyrillischer Schrift gut zu erkennen) orientieren. Es geht die Rolltreppe hoch…

FAN-ID Russland Confed Cup Metro

…durch die Schleusen…

FAN-ID Russland Confed Cup Aeroexpress

…und dann hinaus aus dem Gebäude. Netterweise zeigt ein Automat der Alfa-Bank im WM-Design den Weg.

FAN-ID Russland Confed Cup Bahnhof

Apropos Banken: Draußen rechts abbiegen, und nach ein paar Schritten sieht man bereits das Gebäude der Rosinterbank. Da drauf zuhalten, bis man sieht, dass im Erdgeschoss…

FAN-ID Russland Confed Cup Bankgebäude

…Burger verkauft werden. Hier muss der Confed-Cup-Möchtegern-Fan rechts um die Ecke.

FAN-ID Russland Confed Cup Burger King

Jetzt sind wir auf der Letnikowskaja-Straße und suchen nach Hausnummer 10, Gebäude 4. (Hausnummern sind in Russland oft noch mal unterteilt). Wer links den Wikimart sieht, ist richtig…

FAN-ID Russland Confed Cup Wikimart

…wer vor dieser Leitung steht, zu weit.

FAN-ID Russland Confed Cup Gasleitung

Das liegt daran, dass ausgerechnet Haus Nummer 10 ein Stück von der Straße zurück liegt. Alles nicht so einfach. Also: zurück, und dann an dem großen Gebäude mit der 10 links vorbei.

FAN-ID Russland Confed Cup abholen

FAN-ID Russland Confed Cup Eingang

Natürlich ist, im Gegensatz zum Geldautomaten, das Fanzentrum nicht im Design der WM und des Confed-Cup gestaltet, das wäre ja auch zu einfach. Trotzdem beginnt nun der leichte Teil der Exkursion. Am Eingang ein Automat, an dem ich Fan in fünf Sprachen eine Nummer ziehen kann. Sicherheitshalber steht auch noch ein Helfer daneben, der einem den einzig nötigen Tastendruck abnimmt. Betreutes Warten.

FAN-ID Russland Confed Cup Schalter

35 Schalter, eine Handvoll von ihnen besetzt, außer mir will sich gerade nur ein anderer Fan von der FIFA bescheinigen lassen, dass er existiert. Auf Bildschirmen läuft der russische Sportsender „Match“, Ufa spielt gegen Spartak. Keine zwei Spielzüge, schon blinkt meine Nummer auf, eine freundliche Frau lässt sich den Pass zeigen und lobt das hochgeladene Foto: „Ja, das geht, da müssen wir kein neues machen. Dann mache ich die ID jetzt fertig und rufe Sie wieder auf.“ Großartiges Englisch, professionelle Freundlichkeit. Wer es als Fan einmal bis hierher schafft, der muss sich über den Rest keine Gedanken mehr machen.

Kurz darauf stehe ich vor dem Haus und verstaue die laminierte Karte samt Umhängeband in der Tasche, als mich die Frau vom Schalter anspricht. „Na, gefällt Ihnen Ihr Ausweis?“ Sie stellt sich als Alex vor und erzählt eine dieser Biografien, wie ich sie schon oft in Russland gehört habe (fast immer von Frauen, die sich mit Vehemenz und viel Initiative hinter ihre Ausbildung geklemmt haben): Im zweiten Schuljahr habe sie beschlossen, dass Englisch die Sprache ihres Lebens sei und alles daran gesetzt, sie perfekt zu beherrschen. Nein, keine Auslandsaufenthalte, alles nur Selberlernen.

In Zukunft, sagt sie noch, soll man seine Fan-ID dann auch am Flughafen abholen können – und meint damit wohl eher bei der Fußball-Weltmeisterschaft als noch beim Confed-Cup. Spätestens dann muss also niemand mehr diesen Hinterhof in einer Seitenstraße finden, bloß um ein Fußballspiel besuchen zu dürfen. „Vielleicht sehen wir uns ja im Stadion, wenn unsere Mannschaften gegeneinander spielen“ sagt Alex zum Abschied. „Hoffentlich im Finale“, antworte ich.

FAN-ID Russland Confed Cup Bändel

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Was sich Horst Seehofer heute in Skolkovo angucken kann

skolkovo bus shuttle

Wer nach Moskau zieht, tut das nicht unbedingt, um künftig mehr Zeit in derselben Stadt wie Horst Seehofer zu verbringen. An mir liegt es also nicht, wenn das trotzdem so kommt. Vergangenes Frühjahr war er schon einmal hier und sorgte dabei für so Schlagzeilen wie „Horst Seehofer, neuer Liebling der russischen Medien“ und „Bayerischer Löwe krault russischen Bären“.

Ein gutes Jahr später, Seehofer in Moskau reloaded. Wie gestern die gemeinsame Pressekonferenz mit Putin war, kann man zum Beispiel bei SPON nachlesen, dort gilt der Seehofer Horst nun als „geläuterter Nebendiplomat“. Heute dann das etwas leichtere Programm: ein Besuch in Skolkovo im Moskauer Westen, wo Russland Innovativsein übt.

Ein Technopark mit eigener Hochschule, Campus und Wohngebäuden, hochgezogen mit Regierungsgeld und mit Expertenunterstützung vom Massachusetts Institute of Technology. Das Ganze ist, je nachdem, wen man fragt, Russlands Silicon Valley oder ein Milliardengrab. Weder Laptops noch Lederhosen, dafür Touchscreens und Hackspaces.

Skolkovo Werkzeug

Wenn Seehofers Besuch ähnlich wie der unserer Gruppe im vergangenen Jahr beginnt, dann auf einem Parkplatz. Eine von vielen Visionen für das Projekt Skolkovo war einmal, dass hier nur Elektroautos fahren sollen, still und ökologisch. Nun stehen vor den Toren die bunt lackierten Shuttlebusse, alle mit konventionellem Antrieb und – wir sind in Russland – permanent laufendem Motor.

Das Shuttle rollt, vor dem Fenster mal fertige Gebäudekomplexe, mal nur Acker. Skolkovo entsteht, immer noch. Bis 2020 sollen hier hier 35.000 Menschen arbeiten, auch Wohngebäude sind geplant. „Nobelstraße“ steht optimistisch am Wegesrand. Wir sind auf dem Weg zu dem, was unsere Begleitung das „größte zivile Robotik-Projekt in Russland“ nennt: Hier werden Exoskelette gebaut, mit deren Hilfe Menschen, die sonst einen Rollstuhl brauchen, laufen können sollen. Einer der „Piloten“ ist heute hier für einen Probelauf. Anpassen, ein paar Meter gehen, nachjustieren, noch ein paar Meter. Große Schritte vor kleinem Publikum.

1400 Start-Ups aus ganz Russland, in Moskau an einem Ort gebündelt, mit Einnahmen von zusammengerechnet einer Milliarde Dollar im Jahr 2015. 416 von der Skolkovo-Stiftung geförderte Projekte. Mehr als 1800 beantrage Patente. Das sind die offiziellen Zahlen. Doch Durchsuchungen wegen Korruptionsverdacht, Kritik von Transparency International und Entlassungen nach Unterschlagungsvorwürfen, schwindendes Interesse bei der politischen Führung und Sparauflagen – auch das ist Skolkovo.

Wir fahren dann noch rüber zu SkolTech, der eigenen Hochschule, die alle Kriterien für Hochglanz-aber-bitte-studentisch erfüllt: bunte Sitzsäcke in den schicken Räumen. Gut ausgestattete Labore, schwere Türen, hinter denen Doktoranden gerade einen Versuch mit Lasern aufbauen. Ein Schlafbereich für müde Forschende. In der Cafeteria steht ein Automat, an dem man seine Instagram-Fotos ausdrucken kann.

Ein großes Zimmer ist mit Matten ausgelegt wie zum Bodenturnen, vor den Wänden sind Netze gespannt. „Sieht aus wie ein Yogazimmer“, sagt unser Gastgeber, „ist aber zum Drohnentesten. Die Netze sorgen dafür, dass sie nicht bei jedem Fehler gegen die Wand fliegen.“ Wie viele Menschen zwischen all dem universitären Hochglanz tatsächlich studieren – die Zahlen sind da nicht so richtig stimmig. Was ist PR, was ist Realität?

Eine Tür im Skoltech-Gebäude dürfte heute Horst Seehofer übrigens besonders interessieren. Falls das mit den Moskaubesuchen nun eine jährliche Tradition werden soll, will er sich ja vielleicht die lästigen Flugreisen ersparen. Da würde künftig ein Schritt durch diese Tür reichen. Und die Frage „Realität oder nicht“ ist zumindest hier dann auch ganz eindeutig beantwortet:

Skolkovo Teleportation

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1000

vokabeln russisch karteikarten

Andere Leute führen Vokabelhefte, ich schreibe auf Kärtchen. Ist auch viel praktischer, weil man die in der Hosentasche dabei haben und dann im Bus üben kann, was ich mit großer Konsequenz unterlasse. Aber das Ritual steht: Neue russische Wörter werden auf ein Kärtchen geschrieben, Bedeutung auf die Rückseite. Und wenn sie am Wochenende im Blickfeld rumliegen, gehe ich die Kärtchen auch tatsächlich mal durch.

Ja, Kärtchen, genau richtig, super Sache, hatte damals 2013 auch die Dozentin beim Russisch-Intensivkurs in Kaliningrad gesagt, gibt es bei uns nur halt leider nicht. Sie meinte in Kaliningrad, aber sicherheitshalber habe ich Moskau dasselbe unterstellt und vor dem Umzug noch in Deutschland einen Tausenderpack gekauft. Und nun, nur drei Jahre später, liegt sie vor mir auf dem Tisch: die letzte von tausend Vokabelkarten, vollgeschrieben.

Nein, das bedeutet nicht, dass ich in drei Jahren exakt tausend Vokabeln gelernt habe. Einerseits spiegelt die 1000 die ganzen Dinge nicht wieder, die man so nebenher, abseits vom Unterricht, aufsaugt. Das Redaktionsvokabular, die Anweisungen aus der Chorprobe, das Supermarktsortiment. Slang von der Tandempartnerin, der ich конечно черешня (alles Klärchen), круто (geil) und сорямба (tschuldigung) verdanke. Andererseits kann ich auch nicht ganz ausschließen, dass auf der einen oder anderen Karte keine Vokabeln notiert wurden, sondern Telefonnummern, Einkaufslisten und Adressen.

Alles egal. Es ist ein stolzer Stapel vollgeschriebenener Karten, und sie durchzugehen macht gleich mehrfach Freude. Zu sehen, wie die Vokabeln, Floskeln, manchmal auch kleinen Sätze komplexer werden. Sich daran erinnern, welche im Lehrbuch vorkamen – und welche Tatjana, die Lehrerin, souffliert hat, wenn wir die Stunde wie immer begannen mit: „Was haben Sie erlebt, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben?“ Приключение, Abenteuer. Воздушный шар, Luftballon. У всех были разные напитки, alle hatten unterschiedliche Getränke.

Ich habe gelernt, dass „Baby“ wörtlich „Brustkind“ heißt (грудной ребёнок) und „fleißig“ wörtlich „arbeitsliebend“ (трудолюбивый). Dass man einen Dummen „Baumstumpf“ nennt (пенёк) und eine Beule „Tannenzapfen“ (шишка). Dass man zu einem Klassenkameraden одноклассник sagen kann – der, mit dem ich in derselben Klasse war – oder однокашник – der, mit dem ich dieselbe Kascha gegessen habe, den russischen Frühstücksbrei. Dass молния sowohl ein Blitz ist als auch ein Reißverschluss, und dass OOO nichts mit Carmina Burana zu tun hat, sondern die russische GmbH ist.

Manchmal ist Russisch pures Französisch, nur mit anderen Buchstaben: жанр (gesprochen „schanre“, mit einem weichen Anlaut wie in „Journalismus“) ist das Genre, натюрморт („natjurmort“) ist ein Stilleben, und wer nachhält, wie lange ein Läufer für seine Strecke braucht, kümmert sich um die хронометраж („kronometrasch“).

Es gibt gefühlt unzählige Vokabeln für „Vorwort“ (geht es um ein Buch, einen wissenschaftlichen Text, ein Theaterstück?) und mindestens genau so viele für „mieten“ (Was mieten wir denn so? Ein Haus, ein Fahrrad oder doch eher einen Seminarraum?). Der Glaube, dass in Russland alles besser ist, einfach weil es russisch ist, heißt квасной патриотизм, Kwaspatriotismus.

Die Russen unterscheiden zwischen Антарктида (Antarktida, die Antarktis als Kontinent) und Антарктика (Antarktika, die Antarktis als Region – bestehend aus dem Kontinent, dem Wasser und den Inseln drumherum). Sie sagen zum Morgenmantel халат und zu Schlampigkeit халатность, also Morgenmanteligkeit. Und wenn ihr Kind ein gutes Zeugnis mit nach Hause bringt, loben die Eltern: я горжусь тобой – ich stolze mich mit dir.

Ich war dann neulich im Dom Knigi, neue Kärtchen kaufen. Gezeigt bekam ich, nach mehreren Erklärversuchen, Foto-von-Karteikarten-zeigen und viel Google Translate: Post-Its. Liniertes Papier. USB-Sticks. Notizblöcke. Winzige Pappkarten an einer Art Schlüsselbund. Auch die Erinnerung an die Vokabelkarte zuhause, auf der обычный stand, half nicht – in Russland sind das eben keine „gewöhnlichen“ Karten.

Im April kommt Besuch. Der bringt die nächsten tausend Kärtchen mit.

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Putin der Woche (XLI)

putin der woche comedy club 2

Gesehen: In einem Sketch im „Comedy Club“, beim russischen Fernsehsender TNT. Nicht der echte Putin, natürlich – aber eine gar nicht mal so unähnlich aussehende Version.

Begleitung: Donald Trump. Er sitzt in seinem Büro, als Putin anruft. Trump kommt das ungelegen, er beendet das Gespräch schnell, sie verabschieden sich. Unmittelbar darauf betritt Putin Trumps Büro.

Text:
Putin: „Guten Tag.“
Trump: „Guten Tag. Äh, wie… wie sind Sie denn so schnell…“
Putin: „Wir haben einen Kampfjet, der schafft es in einer Sekunde bis nach Amerika.“
Trump: „Ja?“
Putin: „War nur ein Witz. Wir haben hier in der Nähe ein Büro angemietet.“
Trump: „Wo?“
Putin: „Hier, im Weißen Haus. Direkt über Ihnen.“
Trump: „Ernsthaft?“
Putin: „War nur ein Witz. Es war doch der Kampfjet.“

Subtext: Putin kann Trump alles erzählen – und tut das auch. It’s funny cause it’s true.

Oben-Ohne-Punkte: 0/10.

(Den ganzen „Comedy Club“ gibt es hier zum Nachgucken, der Sketch mit Putin und Trump beginn ungefähr bei 40 Minuten.)

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