Nikola-Leniwets: Wo in Russland die Aliens landen

Wer etwas über Russland, die Raumfahrtnation, erfahren will, der reist am besten nach Kaluga. Hier hat es angefangen, lange vor Sputnik, Laika und Gagarin. Was nicht heißt, dass sie einem hier nicht begegnen: Sputnik, den Satelliten, trägt die Stadt auf ihrer Flagge. Über Laika, die Hündin, erfährt man mehr im großen Raumfahrtmuseum, das gerade noch einmal erweitert wird. Und Gagarin, naja, der hat natürlich den Grundstein für das Museum gelegt, wer auch sonst.

Schließlich gibt es hier die Gagarin-Straße, das Gagarin-Businesscenter, das Gagarin-Einkaufszentrum und die Kneipe „Gagarin“. Doch Kaluga ist groß genug für mehrere Kneipen, und die können nicht alle „Gagarin“ heißen. Also heißen sie „Rocket“, „Belka“, „Hubble“, „Njebo“ (Himmel) oder sogar „Sedmoje Njebo“ (Siebter Himmel).

Warum all das? Wegen Konstantin Ziolkowski. Ein Mathelehrer, geboren 1857, der nach der Arbeit gerne Jules Verne las und Luftschiffe entwarf. Seine Skizzen und Modelle sieht man heute in Kaluga in dem Museum, zu dessen Baubeginn Gagarin in die Stadt kam. Denn Ziolkowski rechnete, tüftelte und entwarf weiter: einen Aufzug, der bis ins All führen sollte. Raketen mit mehreren Stufen. Raumstationen. Keine systematische Forschung innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft, sondern das Hobbyprojekt eines Fricklers in der Provinz.

In der Sowjetunion galt Ziolkowski als der Vater der Raumfahrt und es war Tradition, dass Kosmonauten sein altes Häuschen in Kaluga besuchten. Das Haus ist heute ein Museum, und eine der Wärterinnen hat ganz ausgezeichnetes Timing: Genau in dem Moment, wenn man die Holztreppe zu Ziolkowskis Arbeitszimmer hochsteigt, sagt sie: „Ach ja, auf den Stufen hat vor Ihnen auch schon Gagarin gestanden.“

Wenn Kaluga dafür steht, dass der Mensch hinauf reist ins All, dann ist Nikola-Leniwets der Ort, wo sie runterkommen – die Besucher aus der Weltraum. Das Dorf liegt rund anderthalb Autostunden von Kaluga entfernt. Wer hier durch den Schnee stapft, trifft zwar selten Menschen, steht dafür aber gerne mal vor sowas hier:

nikola leniwets russland skulpturen weißes tor

Oder vor sowas:

nikola leniwets russland skulpturen universeller verstand 5

Oder vor sowas hier – und ja, das da links ist ein Mensch, der einem Hund hinterherrennt, nur so zum Größenvergleich:

nikola leniwets russland skulpturen Beaubourg bobur hund

„Fauler Nikolai“ bedeutet der Name des Dorfes, das in seinen Prachtzeiten mehrere tausend Bewohner hatte. Im Zweiten Weltkrieg wurde es von Wehrmachtstruppen niedergebrannt, später gab es hier noch ein wenig Milchwirtschaft, nach und nach schrumpfte das Dorf zum Dörfchen. Ende der Achtziger sollen es nur noch drei Bewohner gewesen sein, doch dann begann ein Grüppchen von Architekten und Künstlern, sich für Nikola-Leniwets zu interessieren. Heute stehen auf dem Gelände riesige Skulpturen, meist aus Holz. Man läuft schon mal den einen oder anderen Kilometer, wenn man sie alle sehen will – dafür steht jede von ihnen so allein in der Landschaft wie ein frisch gelandetes Raumschiff.

In viele von ihnen kann man hineingehen, wie in den großen Knoten aus verwundenen Holzbahnen. „Universeller Verstand“ heißt das Kunstwerk, anderswo steht das „Weiße Tor“ oder der „Leuchtturm“. Das gigantische Korbgeflecht, das aussieht, als habe sich eine Herde Mammuts mit den Hintern zueinander im Kreis aufgestellt, heißt „Bobur“, eine russifiziert-verballhornte Form von „Beaubourg“.

Im Sommer gibt es in Nikola-Leniwets Festivals, man kann zelten, sich einen Grill mieten – aber gut, das ist dann halt auch voller und wuseliger. Ich bin froh, den faulen Nikolai im Winter besucht zu haben. Denn dieses Gefühl, dass man da einem Ding aus einer anderen Welt gegenübersteht, funktioniert am besten, wenn man ganz alleine ist.

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Deutsche Post-Agentur, Moskauer Filiale

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„Es gibt nur zwei Kräfte, die Licht in alle Ecken der Welt bringen“, hat Mark Twain mal geschrieben, „die Sonne am Himmel, und die Associated Press hier unten.“ Keine Rede von dpa, aber gut. Konnte er ja nicht wissen, dass die 2018 mal dafür sorgen, dass hier in Moskau Post richtig ankommt.

Eventuell habe ich das ein oder andere Mal erwähnt, dass die Russische Post kein Ausbund an Zuverlässigkeit ist: Sie bringt zwar wunderhübsche Briefmarken raus, das restliche Kerngeschäft ist weniger erfreulich: Post nach Deutschland kann mehrere Wochen dauern, Post nach oder gar innerhalb von Russland kommt gerne mal kaputt oder auch gar nicht an (ja, auf die Kölner Weihnachtpost aus dem Jahr 2015 warten wir immer noch).

„Wir hatten mit Post nach Russland noch nie Probleme, lassen Sie es uns probieren “ sagt irgendwann Mitte November ein Optimist in Stuttgart, als wir telefonieren. Während der WM habe ich für seine Redaktion gearbeitet, nun geht es um die Abrechnung. Ich schweige taktvoll, bitte ihn ein paar Wochen später, mir das (natürlich nicht angekommene) Ding als PDF zu schicken, und denke nicht mehr weiter darüber nach.

Weihnachten komt, Weihnachten geht, die Gäste für Silvester sind schon eingeladen, da klingelt es. Nein, kein Postbote – oder wenn, dann nur nebenberuflich, als Freundschaftsdienst: F., unser Nachbar und für dpa hier in Moskau, steht vor der Tür, mit meinem Brief aus Stuttgart. Und so schön es ins Erzählschema passen würde, wenn die russische Post es wieder mal verbockt hätte – diesmal scheint sie, ganz im Gegenteil, mitgedacht zu haben.

Denn auf dem Umschlag stehen zwar meine Straße und Hausnummer, aber die gilt für ein ganzes Gelände mit mehreren hundert Wohnungen und Büros. Die Nummern für Korpus (Wohnblock) und Kwartira (Wohnung) fehlen. Andererseits: Post aus dem Ausland ist auf unserem Compound nicht selten, viele Journalisten und Diplomaten leben hier, etliche Redaktionen haben hier ihre Räume – Associated Press irgendwo nebenan, dpa einmal quer über den Hof.

Hm, ein Brief aus Deutschland. Da gibt es doch hier diese eine Firma, die heißt doch auch irgendwie mit „deutsch“ – so mag es sich der freundliche Postzustellmensch gedacht haben. Also hat er den Brief in das Haus getragen, in dem dpa sitzt – und dort oben auf die ganzen Postfächer gestellt. Den Rest hat dann ein freundlicher dpa-Redakteur im Rahmen der Nachbarschaftshilfe übernommen. Kaum fünf Wochen nach dem Absendedatum in Stuttgart, und der Brief liegt, entgegen aller Erfahrungswerte, bei mir auf dem Tisch.

Es gibt nur zwei Kräfte, die Post in alle Ecken Moskaus bringen: die Russische Post, und auf den entscheidenden letzten Metern dann dpa.

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Russball, Folge 63: Endlich sponsert Gazprom mal was!

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Ja, sorry, kein Weihnachtsgeschenk von mir dieses Jahr – schließlich kommt der Newsletter erst jetzt, zwischen den Jahren. Dafür schenkt euch die folgende Anekdote vielleicht ein Lächeln. Und weil das allein noch nicht rechtfertigt, dass sie hier vorkommt, leitet sie auch ganz zauberhaft zu den Fußballthemen über.

In meinem ersten Jahr als Redakteurin bei der Moscow Times saßen wir morgens zu zweit im Büro, links die Frühdienst-Kollegin und daneben ich als Social-Media-Frau. Da twitterte uns plötzlich der Präsident von Estland, Toomas Hendrik Ilves, an. Nicht komplett unerhört – Berichterstattung aus Russland auf Englisch, das hatte ich bereits gelernt, bringt einem viele Leser mit blauem Twitter-Häkchen. Aber warum regte der Präsident an, wir sollten uns doch vielleicht diese eine Überschrift, die wir gerade veröffentlicht hatten, noch mal ansehen?

Ein Klick, ein Schock, ein Umdrehen zur Kollegin – was war passiert? Zunächst einmal eine Massenprügelei in einem russischen Krankenhaus. Der Frühdienst hatte die Meldung wie gewohnt in einem Google-Doc vorgeschrieben. Beim Umheben in unser Redaktionssystem allerdings hatte die Überschrift ihren ersten Buchstaben verloren. Wo also „Mass Brawl in Russian Hospital Prompts Firing of Government Officials hätte stehen sollen, stand nun exakt dasselbe – nur ohne das erste M. Ass brawl, ein Kampf der Ärsche – es ist die Sorte Fehler, bei der man sicher sein kann: Wenn sie einem passiert, dann wird es garantiert niemand Geringerem auffallen als einem Staatsoberhaupt.

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⚽  Eine andere Überschrift der Moscow Times hat mich diesen Monat in ihrer Wortspielfreude doch sehr gefreut: „GOAT on a Horse: Russian Football Star Arshavin Spotted Leaving Strip Club by Steed“. GOAT, klar, das ist der Greatest Of All Time: Als Russlands Premjer-Liga letztes Jahr ihren 25. Geburtstag feierte, ließ Sport Express abstimmen, und ja, Arschawin wurde zum besten Spieler aller Zeiten gewählt. (Wobei „aller Zeiten“ hier eben bedeutet: innerhalb von 25 Jahren russischem Erstligafußball.)

Ein GOAT/goat 🐐 auf einem Pferd, das ist schon recht hübsch getextet für folgenden Sachverhalt: Arschawin, der ja vor kurzem seine Spielerkarriere beendet hat, soll aus einem Club in St. Petersburg rausgeschwankt und dann auf einem Pferd in den Sonnenuntergang von dannen geritten sein. Das mit dem Pferd ist so ungewöhnlich nicht, im Petersburger wie im Moskauer Nachtleben begegnen einem immer mal wieder Leute, die mit Pferd am Zügel vor Kneipen warten, ob vielleicht jemand eine Runde drehen will. Arschawin, kann man weiter lesen, wurde offenbar sogar von der Polizei angehalten – er soll nicht genug für den Ritt bezahlt haben.

⚽  Je mehr ich über diese Arschawin-Geschichte nachdenke, desto lauter tuscheln in meinem Hinterkopf tausend russische Großmütter: „Nachts in St. Petersburg, im Dezember und dann auch noch hoch zu Ross – warum macht der Junge nicht die Jacke zu? Und wo ist seine Mütze?“ Sehr viel Babuschka-tauglicher ist da Denis Gluschakow, der hier passend zur Winterpause die vorbildliche Kleidung für einen russischen Fußballer präsentiert. Vielen Dank dafür.

⚽ Fünf Monate nach dem Ende der Fußball-Weltmeisterschaft hat das Meinungsforschungsinstitut Lewada 1600 Russen gefragt, was 2018 die wichtigsten Ereignisse in ihrem Land waren. Ergebnis: Die WM schafft es nicht unter die Top 3. Stattdessen sieht das Ranking so aus: 1. Die Eröffnung der Krim-Brücke über die Straße von Kertsch (ja, das ist die, zu der die Chefin von RT eine Begleit-Romcom schreiben durfte). 2. Die Rentenreform, die schön parallel zur WM durchgedrückt werden sollte, aber dann doch auffiel, zu starken Protesten führte und Wladimir Putin die Popularitätswerte ramponierte. 3. Die Präsidentschaftswahl im Frühjahr, als an vielen WM-Stadien noch gebaut wurde.

Mit Platz 4 war die Weltmeisterschaft den befragten Russen allerdings immer noch deutlich wichtiger als zahlreiche politische Themen, vom russischen Militäreinsatz in Syrien über den Krieg in der Ostukraine bis hin zu den Sanktionen von und gegen Russland. Interessant auch: Bei derselben Umfrage sollten die Teilnehmer sagen, ob das Jahr 2018 ihrer Meinung nach für Russland leichter, schwieriger oder genau so war wie das Vorjahr. Die sommerliche WM-Begeisterung scheint keine langfristigen Auswirkungen auf die Stimmung gehabt zu haben: Nur 11 Prozent stimmten für „leichter“, die Zahlen für „schwieriger“ (45) und „genau so“ (44) liegen deutlich höher. (Ach so, für Wladimir Putin gab es 2018 zwei Ereignisse, die „emotional am bedeutsamsten“ waren: seine Wiederwahl und die WM.)

⚽  Auf einen sehr viel größeren Datensatz als nur 1600 Befragte kann die russische Suchmaschine Yandex zurückgreifen. Sie hat die populärsten Suchbegriffe im Jahr 2018 veröffentlicht, es lohnt vor allem ein Blick uf die Menschen, nach denen am häufigsten gesucht wurde: Erstens Igor Akinfejew, Russlands Heldentorwart, drittens Artjom Dsjuba (mehr zu ihm gleich), außerdem Denis Tscheryschew auf der Acht und Lionel Messi auf der Neun. Was zeigt: Wer am Jahresende zurückblickt, mag die WM bereits ein wenig aus den Augen verloren haben. Beim Suchvolumen hingegen sind ihre Auswirkungen immer noch gut zu sehen.

⚽  „Wurde ja auch Zeit“ – „Na endlich“ – „Dazu gratulieren wir uns allen“. So klingen sie, die Kommentare unter dem Tweet, mit dem der russische Fußballverband am 19. Dezember verkündete: Witali Mutko gibt sein Amt als Verbandspräsident ab – und das, wo es doch zuletzt eher so ausgesehen hatte, als wollte er den Job wiederaufleben lassen.

Ruhen lässt er das Amt ja bereits seit rund einem Jahr, nachdem ihn das Internationale Olympische Komitee wegen seiner Rolle im russischen Staatsdoping lebenslang gesperrt hatte. Sorgen um seine Zukunft muss sich Mutko auch ohne Präsidententitel nicht machen: Er ist weiterhin Vize-Ministerpräsident mit Zuständigkeit für Bauangelegenheiten und regionale Entwicklung.

⚽ Weil es im Fußball ja noch nicht genug Dinge gibt, die von Gazprom gesponsert werden, heißt das Krestowski-Stadion in St. Petersburg seit ein paar Tagen „Gazprom-Arena“. Damit passt der Name endlich zum Verein: Zenit St. Petersburg, das dort seine Heimspiele austrägt, hat ja ebenfalls den Gazpromschriftzug auf den Spielertrikots – mit dem lateinischen Buchstaben G, der mich samt Flamme immer an ein aufgeschnapptes Klappfeuerzeug erinnert.

gazprom

⚽ Wenn jetzt zum Jahresende die Finanzchefs diverser russischer Fußballclubs vor ihren Exceltabellen sitzen, dürfte sich ein Lächeln auf das ein oder andere Gesicht stehlen – jedenfalls bei den Vereinen, die an europäischen Turnieren teilgenommen haben. Lokomotive Moskau zum Beispiel hat – so rechnet es Sport Express vor – in der Gruppenphase der Champions League knapp 18 Millionen Euro eingenommen. Nicht so schlecht, als Gruppenletzter.

Am lukrativsten war der Einsatz in der Champions League dem Bericht zufolge für ZSKA: 21,55 Millionen Euro, zusammengesetzt aus 15.25 Millionen fürs Erreichen der Gruppenphase, 900.000 für das Unentschieden gegen Viktoria Pilsen und 2,7 Millionen für die beiden Siege gegen Real Madrid. Die einstelligen Millionenerträge für Zenit, Krasnodar, Spartak und Ufa kann man hier nachlesen.

⚽  Allein für dieses Fitzelchen nutzloses Wissen hat es sich schon gelohnt, dem Twitter-Account „Russian Non-League Football“ zu folgen: In Wolgograd – auch das eine der WM-Städte des vergangenen Sommers – spielt demnach Russlands ältester aktiver Fußballer (gemeint ist vermutlich: ältester Spieler mit Profi-Karriere). Seit 2011 ist Sergej Nataluschko nicht nur Trainer des FK Dynamo Nikolajewsk. Der Mann, dessen Frisur entfernt an „Zurück in die Zukunft“ erinnert, stellt sich auch immer wieder selber auf:

⚽ Wer in diesen Tagen nach Leonid Slutsky googelt, der bekommt – immer vorausgesetzt, die Suche war auf Russisch – höchstwahrscheinlich mindestens einen Link zu Sport Express als Ergebnis, vielleicht auch mehrere. Denn das lange Interview (Teil 1, Teil 2) , das Igor Rabiner mit dem früheren russischen Nationaltrainer geführt hat, wollte seine Redaktion nicht nur einmal als Gesamtwerk veröffentlichen.

Stattdessen gibt es also reihenweise einzelne Aspekte noch mal als Single-Auskopplungen, jedes Mal ein separater Artikel: Dass ZSKA sein Titelfavorit ist. Dass er bei seinem aktuellen Job in Arnheim die russische Banja vermisst. Dass sein 13-jähriger Sohn ja jetzt rappt. Ist das jetzt noch eine SEO-Strategie oder schon Spam?

Interessant fand ich jedenfalls Slutskys Reaktion, als er darauf angesprochen wird, dass seine TV-Expertenkarriere während der WM plötzlich beendet war, nachdem er im russischen TV den Namen „Nawalny“ in den Mund nahm. Slutsky bleibt dabei: Nein, er sei nicht dafür abgestraft worden, es sei nie etwas anderes anderes geplant gewesen als ein Kurzeinsatz.

⚽ Bei der Auslosung zur Europa League Mitte des Monats ist ja unter anderem rausgekommen, dass der FK Krasnodar gegen Bayer Leverkusen spielen wird. Krasnodar ist keine kleine Nummer, in die Winterpause ist der Verein auf Platz zwei der Premjer-Liga gegangen. Zum Vergleich: Leverkusen überwintert auf Platz neun.

Gefreut hat mich die Auslosung vor allem, weil dann endlich mal ein Stadion Aufmerksamkeit bekommt, das bei der Weltmeisterschaft aus unerfindlichen Gründen vernachlässigt wurde. Ein Quasi-Kolosseum mit riesiger Videowand, einmal rund um den Innenraum. Das „schönste Stadion Russlands„? Vielleicht, wobei… Sotschi… jedenfalls: Hier ein Vorgeschmack.

⚽  Offenbar war ich nicht die einzige, die diesen Sommer im WM-Austragungsort Kasan an ein paar überaus nette, gastfreundliche Einheimische geraten ist. Meine haben mich zwar nicht aufs Trainingsgelände von Rubin Kasan mitgenommen, aber gut, ein bisschen Luft nach oben muss ja noch sein für den nächsten Besuch.

⚽ Diesen Sommer bei der WM war Artjom Dsjuba der Star der russischen Nationalmannschaft. Zum Jahresende blickt Russian Football News (in einer Detailtiefe, die wohl vor allem was für Hardcore-Fans ist) zurück auf eine Karriere, in der er sich mit jedem Vereins- und jedem Trainerwechsel wieder neu beweisen wurde. Selbstverständlich als Spitzenspieler anerkannt war er selten, auch seinen WM-Einsatz hat er unter anderem dem Verletzungspech seines Konkurrenten Aleksandr Kokorin zu verdanken. Mehr, auch zu Dsjubas vielen Spitznamen, hier: The Evolution Of Artem Dzyuba.

Auch die spanische Sportzeitung Marca würdigt Dsjuba: Sie hat ihn, „einen der großen Schützen der Weltmeisterschaft“, unter die Top 100 Fußballspieler des Jahres 2018 gewählt. Platz 97 mag jetzt keinen Top-Position sein, andererseits würdigt die Redaktion ausdrücklich Dsjubas Tor, das für Russland im Spiel gegen Spanien die Verlängerung und das anschließende Elfmeterschießen ermöglichte. Wie das für Spanien endete, das ist sicher nicht nur spanischen Fußballjournalisten bis heute präsent:

⚽ Was bringt es den rusischen Fußballclubs, dass ihre Spieler bei der WM dabei waren? Klar, mehr Erfahrung, vielleicht auch bei Gelegenheit eine höhere Ablöse, wenn jemand verkauft wird, der sich bei der Weltmeisterschaft profilieren konnte. Aber so lange müssen die Clubs gar nicht warten: Die FIFA zahlt ihnen scbon jetzt etwas: Aus den Einnahmen des Turnier gehen rund zehn Millioenn US-Dollar an russische Vereine. Das Spektrum reicht von 1.815.445 Dollar für Zenit bis runter zu Anschi Machatschkala, die immerhin noch 38.205 bekommen. Die ganze Liste, auch mit den Summen der deutschen Vereine, gibt es hier.

⚽  Das letzte Wort hat heute der FK Ural. Dort hat man gehört, dass José Mourinho – dem Kritiker ja gerne vorwerfen, er würde am liebsten den ganzen Mannschaftsbus vor dem eigenen Tor parken – bei Manchester United rausgeflogen ist. In Jekaterinburg hatten sie daraufhin eine Idee, und aus der Idee wurde ein Tweet:

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Das war’s für heute, die nächste Russball-Folge soll Ende Januar bei euch ins Postfach plumpsen. Jedenfalls stelle ich mir das so vor, auch wenn zur selben Zeit der Umzug nach Berlin ansteht. Raus aus Russland, aber weiter über den russischen Fußball schreiben – mal sehen, wie das wird. Eins steht jedenfalls fest: Die ersten beiden Monate des neues Jahres müssen wir noch komplett ohne russischen Erstligafußball auskommen.



 

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Ein heiliger Eid

kscheib notar

Fast fünf Jahre lang habe ich es geschafft: Ein Leben hier in Russland, ohne dass ich je eine notariell beglaubigte Übersetzung meines deutschen Passes gebraucht hätte. Das war kein bewusstes „Ich komme ohne aus“, mir war einfach nicht klar, dass sowas irgendwann mal ein Thema sein könnte.

Dann kam die Steuererklärung, der Steuerberater brauchte eine Vollmacht, und bei der Notarin im Keller auf der anderen Straßenseite hieß es sinngemäß: Na, wie sollen wir denn ihre Unterschrift auf der Vollmacht beglaubigen, wenn wir nicht mal wissen, wer Sie sind? Dass, wenn nicht im Pass, so doch auf dem dort eingeklebten Visum all meine Daten auch auf Russisch stehen – egal. Das muss übersetzt werden, da muss ein Stempel drauf und eine Notarinnenunterschrift drunter und eine gedrehte Kordel dran, die alles zusammenhält.

Leben in Russland, das ist halt immer wieder die Erkenntnis: So einfach ist das alles nicht. Was wir dir gesagt haben, was du an Unterlagen brauchst – das war eher so eine vorläufige Liste. Ding 1, für das du Eltern, Freunde, frühere Kollegen in Deutschland um eilige Hilfe gebeten hast, Amts- und Bankmitarbeiter am Telefon charmiert, mit Expressgebühren und Schlafmangel bezahlt – das ist uns jetzt egal. Dafür wollen wir nun bitte Ding 2, und zwar nicht einfach als Kopie, sondern mit neuen Stempeln von deiner alten Uni und Apostille von der Bezirksregierung in Arnsberg.

Für dieses Visum brauchst du keinen HIV-Test. Für das nächste schon. Für das nächste danach reicht ein HIV-Test nicht, du brauchst zusätzlich noch einen auf Lepra, Tuberkulose, psychische Probleme und Ausschlag auf Rücken oder Bauch. Und für das wieder nächste Visum brauchst du dann definitiv keinen HIV-Test, bis es plötzlich drei Tage vor dem Termin beim Konsulat ist und du brauchst ihn doch.

Darum hier ein heiliger Eid. Ich leiste ihn für den Fall, dass ich irgendwann mal zurückkomme nach Russland, nicht im Urlaub oder um Freunde zu besuchen, sondern für länger. Und wer weiß, vielleicht ist er ja auch nützlich für Leute, bei denen der Schritt hierher gerade erst ansteht – vor allem, wenn sie dabei kein internationales Großunternehmen mit eigener „Expat Support“-Abteilung im Rücken haben.

Ich werde immer vier biometrische Passbilder bei mir haben. Eines mit den vorgegebenen Maßen für russische und eines für deutsche Dokumente, jeweils einmal als Datei und einmal als Abzug.

Ich werde mir früh eine Bank in Deutschland suchen, bei der das Abheben im Ausland nichts kostet. Und eine Bank in Russland, weil selbst beim kostenlosen Abheben oft nur 7500 Rubel auf einmal erlaubt sind, und weil von der russischen Taxi-App bis zur Ticketkasse am Opernhaus von Odessa oft nur eine russische Kreditkarte akzeptiert wird.

Ich werde mir das Limit der Kreditkarte erhöhen lassen. Was für den Alltag in Deutschland reicht, wird plötzlich eng, wenn man mit gebrochenem Arm im Krankenhaus steht und die Operation vorab bezahlen soll.

Ich werde mir einen Haufen Dokumente noch in Deutschland beglaubigen oder am besten direkt apostillieren lassen. Abizeugnis, Diplomzeugnis, Stammbuch, Geburtsurkunde, Eheurkunde. Das verhindert nicht nur das Bedürfnis, schon bei der Erwähnung des Wortes „Apostille“ in Tränen auszubrechen. So, wie es selten regnet, wenn man einen Schirm dabei hat, gehe ich nach aller Russlanderfahrung davon aus, dass man diese einmal angefertigten Dokumente dann auch nicht mehr braucht.

Ich werde meinen Pass, sobald ich in Russland bin, übersetzen und beglaubigen lassen. Dito den Führerschein. Vielleicht auch den Perso, man weiß ja nie. Oder den Impfpass.

Ich werde mich rechtzeitig fürs Vielfliegerprogramm anmelden. Fliegen mit Russen – nein, eigentlich: Schlangestehen mit Russen ist ein anstrengender Zeitvertreib. Von den Privilegien, die man sich nach und nach erfliegt, ist die Expressschlange am Check-in, in der man nicht eine halbe Stunde lang mit ausgefahrenen Ellenbogen verhindern muss, dass alle an einem vorbeiziehen, das größte Privileg.

Ich werde diesen Eid hier ergänzen, wenn mir noch mehr Dinge einfallen, die ich von Anfang an hätte tun und wissen sollen.

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Die besten Threads aus dem November

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Der November war ein guter Monat für Threads. Schon allein deshalb, weil Alex de Campi mal wieder unter Alkoholeinfluss ein Geschichtsthema aufgegriffen hat. Das Ergebnis: eine neue Folge #alexdrunkhistory, diesmal über Burgen und wie man sie richtig belagert.

Wie immer gilt: Zu sehen ist hier im Blogpost immer nur der erste Tweet eines Threads. Wer mehr zum Thema lesen will, muss nur draufklicken.

1. In tiefer Sorge

Soviet Sergey – ein Twitter-Account, der den russischen Außenminister Lawrow parodiert – dokumentiert das diplomatische Floskelfeuerwerk, nachdem die russische Marine in der Meerenge von Kertsch drei ukrainische Schiffe festgesetzt und beschlagnahmt hat.

2. Der Alltag als Kostüm

Ja, Halloween fühlt sich schon ziemlich weit weg an. Aber dieser Thread mit Menschen, die sich statt als Superhelden lieber als normale Menschen in Alltagssituationen verkleiden, ist großartig – egal, wann man ihn ansieht.

3. Ein Katapult namens Warwolf

4. Die Sowjet-Kopie des Space Shuttle

Buran, das klingt wie die nächste Disneyprinzessin, heißt aber „Schneesturm“ und war der Name der sowjetischen Raumfähre. Sie flog nur ein einziges Mal – dann kollabierte die Sowjetunion und keiner wollte mehr für das irrsinnig teure Projekt bezahlen. Was bei Buran vom Space Shuttle abgeguckt war und was deutlich besser gelöst als beim amerikanischen Modell, das erzählt hier Matt Bodner.

5. Floppies im Weltall

Wem Matts Thread noch nicht nerdig genug ist, der kann ja den hier mal lesen. Und weiß dann, was es einmal gekostet hat, eine 17 Gramm schwere Floppy-Disc auf die ISS zu befördern.

6. Alle bekloppt hier

Jedenfalls diejenigen, die sich ausgedacht haben, Gewicht in Unzen, Steinen und Tassen zu messen. Jedes Mal, wenn ich in Zukunft ein amerikanisches Rezept in Gramm und Kilo umrechner, werde ich an diesen grandiosen Wutanfall hier denken:

7. Die Frau, die neben Putin im Regen stand

Ihr erinnert euch an die Bilder nach dem Finale der Fußball-Weltmeisterschaft: Über Moskau ging ein Sturzregen herab, Putin hatte einen Schirm samt Schirmhalter, Kolinda Grabar-Kitarovic wurde klatschnass. Kroatiens Präsidentin feierte den zweiten Platz für ihr Land, und für so viel gute Laune unter widrigen Bedingungen flog ihr nicht nur online viel Begeisterung entgegen.

Was man über die Frau politisch wissen sollte, vor allem aktuell, steht in diesem Thread:

8. Zum Thema Masernimpfung

Viele Argumente dafür hat man aus dem Stand parat, wenn einen das Thema interessiert. Dieser Bericht der Mutter eines krebskranken Mädchens ist besonders eindringlich.

9. Licht, Zeit und Raum

Ein Thread über Sternenlicht, das so alt ist, dass es sich kurz nach dem Urknall auf den Weg zu uns gemacht hat. Und darüber, wie alt das Bild ist, das wir sehen, wenn wir auf unsere eigenen Hände blicken.

10. Der Erfinder des Katzenklaviers

Athanasius Kircher also, soso. Nie von gehört, trotzdem mit Begeisterung über ihn gelesen. Die Sache mit dem Katzenklavier war ja wohl Rohmaterial für Monty Python! (Lieblingssatz im ganzen Thread: „It was almost all *entirely* wrong, but his excited, consistent approach would inspire later generations.“)

11. Hängt ein Vogel am Baum fest

Warum diese Kakadu-Rettungsaktion kein weltweites Viraldings geworden ist, wird ein ewiges Rätsel bleiben.

12. Berliner Stadtplanung

Warum sehen Straßen am Prenzlauer Berg so aus, wie sie aussehen? Warum dieses Bauen in die Tiefe, mit Hinterhof und Hinterhaus? Weshalb die viele Erker? Bitte hier entlang:

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Ein Stapel Noten

Zwischen allerlei gebrauchten Büchern bin ich neulich im der Secondhand-Ecke von St. Andrew’s, der anglikanischen Kirche hier in Moskau, auf ein kleines Regal voller alter Klaviernoten gestoßen. Kann ich zwar nur vom Blatt summen, nicht spielen, aber darum geht es auch gar nicht: Mitgenommen habe ich einen dicken Stapel wegen des Designs.

Denn da hat jemand – vielleicht eine Klavierlehrerin oder ein Barpianist – über Jahrzehnte hinweg Noten gesammelt. Mehr U als E, gedruckt in Russland oder anderen Ostblock-Ländern, einige auch in der DDR, was man halt so bekommen konnte. Und viele von ihnen sind so typisch für ihre Epoche, so sehenswert in Sachen Gestaltung und Typographie – die mussten mit.

noten prasdnik

Ein „Feiertagslied“ aus dem Jahr 1949, bebildert mit den strahlenden Gesichtern der sowjetischen Jugend, natürlich in Rot, unter blauem Himmel und umrankt von Girlanden. Im Lied geht es um Menschen, die auf der Straße feiern, alles ist voller Gesang, „da sind ja Kolja und Nastja, da ist unsere ganze Brigade.“ Nachkriegsoptimismus.

Viele der Lieder sind in Rumänien komponiert oder zumindest dort veröffentlicht worden. „Na sarje“ zum Beispiel, „bei Sonnenaufgang“, in dem eine Werkssirene den hellen neuen Tag verkündet. „Wenn du verstehst, dass du dich verliebt hast“ – das Lied mit dem adrett genähten Herz auf dem Cover ist übrigens ein Mambo (!). „Mondnacht in Bukarest“ – diese schiefen Häuser, die Blautöne und über allem der Mond als das O von notsch, Nacht. Damit keine Hauptstadt unbesungen bleibt auch gleich noch die russische Variante, statt mit Sternen lieber mit Scheinwerferlicht und Feuerwerk: „Moskau, ich habe mich in dich verliebt!“

Und dann die Frau, die mit Pfeil und Bogen so etepetete hantiert, als hielte sie in jeder Hand ein Teetässchen. „Sag mir, was ich tun soll“, heißt das Lied auf Russisch, im rumänischen Original etwas detaillierter: „Sag mir, was ich tun muss, damit du mich ein bisschen magst.“ Fun fact, mit Dank an die Twitter-Übersetzungshelfer: Das Wort „puțin“, das mir im Originaltitel aufgefallen war, bedeutet „ein bisschen“.

noten fabrik bei nacht

noten herz

noten bukarest bei nacht

noten verliebt in moskau

noten amor

1965, noch unter dem Eindruck von Chruschtschows Tauwetter, ist dann in Moskau dieser Sammelband erschienen, „Amerikanische Lieder für die Jugend“. Was da für ein positives Amerikabild auf dem Einband gezeigt werden durfte: Ein geräumiges Haus im Grünen, davor steht ein ziemlich neues Auto, Menschen haben sich um einen Mann versammelt, der Gitarre spielt, und über allem reitet ein Cowboy.

Die ersten Lieder im Heft wurden so ausgewählt, dass sie zu den sowjetischen Idealen passten (If I Had a Hammer, Down by the Riverside), später wird es dann mit Old MacDonald, Home on the Range und Polly-Wolly-Doodle etwas weniger programmatisch.

noten amerika

Aus demselben Jahr ist auch dieses Heft mit drei kleinen Singspielen für Kinder. Aufs Cover kam im Jahr vier nach Gagarin natürlich „Zu Gast bei den Sternen“, und natürlich ist das Kind, das den Astronauten spielen darf, ein Junge und die Mädchen sind wieder nur niedliche Sternchen in pastellfarbenen Kleidchen. Trotzdem: Die Illustrationen, mit einem Blumenstrauß für „Tante Luna“ und den schnittigen, roten Raketen – das ist schon ein ziemliches Prachtexemplar seiner Zeit. Vor lauter Stolz gibt es natürlich auch ein Lied, das „Sputnik“ heißt.

Weiterblättern im Notenstapel. „Atlanta“ – ein Foxtrott – wie großartig ist bitte dieses Bild? Der „West-Fox-Trot“, sichtbar aus derselben Epoche, liefert eine Jahreszahl mit: veröffentlicht in Moskau im Jahr 1927. Das nächste Stück – dessen Cover ein wenig an das Rodtschenko-Werbeposter für Schnuller erinnert – ist laut Aufschrift sowohl ein Charleston als auch ein Foxtrot namens „Charly-Fox.“ Und apropos Rodtschenko: Diese „Exzentrischen Tänze“ in Schwarzweißrot sind ja auch ziemlich eindeutig von ihm inspiriert.

noten atlanta

noten west

noten charlie

noten ekzentrishc

Ein Notenblatt zum Schluss noch, das mir gar nicht als etwas Besonderes aufgefallen war. Dann war abends H. zu Besuch, der sich sowohl mit Kunstgeschichte als auch mit rusisscher Geschichte auskennt. Wo ich nur „Die Rose von Stambul“ gelesen und einen orientalisch kostümierten Frauenkopf wahrgenommen hatte, sah er ganz andere Dinge: „Oh, das muss vorrevolutionär sein! Schau mal, da hatten noch ganz viele Wörter ein „Ъ“ am Ende und das „I“ ist mal als „і“ und mal als „и“ geschrieben – das haben die ja dann bei der Alphabetreform nach der Revolution abgeschafft. Okay, 6 Rubel, das ist ein ziemlich hoher Preis – andererseits haben die ja auch öfter mal den Rubel abgewertet…“

noten rose von istanbul

Glücklich, wer kluge Freunde hat. Der Rest ist schnell recherchiert: „Die Rose von Stambul“ ist eine Operette von Leo Fall. Sie wurde tatsächlich 1916 uraufgeführt und in der deutschsprachigen Ausgabe sah der Einband des Klavierauszugs so aus. Zum prärevolutionären Fundstück gibt es auch eine postrevolutionäre Aufnahme, gesungen von Rudolf Schock:

Nicht alle Notenblätter aus dem Fundstapel haben in diesem Blogpost Platz. Darum werde ich weitere schöne Exemplare nach und nach hier twittern.

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„Habt ihr schon mal in Deutschland gewohnt?“

kscheib moskau berlin umzug 1

Besuch in Deutschland, ein paar Tage mit der Familie. Der Lieblingsneffe war in Moskau zu Besuch, anschließend sind wir zusammen heimgeflogen und sitzen nun mit seinem ganzen Empfangskomitee im Auto, vom Flughafen Düsseldorf nach Hause. Die Nichten sind begeistert, den großen Bruder zurück zu haben, merken allerdings kritisch an, dass ich ohne Markus angereist bin. „Der hat uns in Moskau heute Morgen noch zum Flughafen gebracht,“ sage ich. Das Nichtenkind neben mir überlegt ein wenig und fragt dann: „Habt ihr eigentlich schon mal in Deutschland gewohnt?“

Ja, ich wusste, dass es demnächst fünf Jahre sind, seit wir nach Russland gegangen sind. Dass das fast ein ganzes Nichtenleben ist – das hatte ich mir nicht vor Augen geführt. Dabei denke ich im Moment viel über die letzten Jahre nach: Was bleiben kann, an Dingen und an Erinnerungen. Was gerne weg kann, auch da beides. Denn unsere Moskau-Zeit endet grob zum Jahreswechsel, und seit ein paar Wochen steht auch endlich fest, wohin es geht: Berlin, Berlin, wir ziehen nach Berlin.

Markus wird Korrespondent im Hauptstadtstudio, ich gehe in diesen Tagen gedanklich Berliner Redaktionen durch und frage Freunde, wie es denn da so ist und ob man da arbeiten möchte. Aber erst mal brauchen wir eine Wohnung. Also, wenn jemand was hört – wir suchen das, was seit Tucholskys Zeiten alle suchen:

„…Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse,
vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße;
mit schöner Aussicht, ländlich-mondän,
vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn –
aber abends zum Kino hast dus nicht weit.
Das Ganze schlicht, voller Bescheidenheit:
Neun Zimmer, – nein, doch lieber zehn!
Ein Dachgarten, wo die Eichen drauf stehn…“

Wenn das nicht klappt, tun’s aber auch drei Zimmer, so ab 90 Quadratmeter, mit Balkon dran und Küche drin. Halbwegs zentral gelegen, oder zumindest mit guter ÖPNV-Anbindung. Wer was hört: Ich bin für jeden Tipp dankbar. Schon allein, damit ich dem Nichtenkind demnächst sowas antworten kann wie: „Haben wir schon, machen wir demnächst wieder.“

Vielen Dank an Matthias für das Foto.

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Russball, Folge 61: Lokomotive Moskau fährt Metro

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Eventuell war zu Beginn der letzten Russball-Ausgabe hier beiläufig und extrem kurz vom anstehenden Schalker Auswärtsspiel in Moskau die Rede – gegen Lokomotive, in der Champions League. Wir waren zusammen mit den „Russischen Knappen“ da, einem vor allem, aber nicht nur russischen Schalke-Fanclub: Zwei Leute waren für das Spiel extra mit dem Nachtzug aus Weißrussland angereist, ein anderer mit dem Flugzeug aus der Ukraine, samt Umweg über die Türkei – Direktflüge zwischen Russland und der Ukraine gibt es ja seit ein paar Jahren nicht mehr. Wie gut, dass McKennie kurz vor Schluss noch dafür gesorgt hat, dass die alle nicht wieder heimfahren mussten, ohne ein Schalker Tor gesehen zu haben.

Unser Weg ins Stadion war im Vergleich dazu kurz und einfach – abgesehen davon, dass die Moskauer Kanalisation den Namen nicht verdient, also überall der Herbstregen auf den Straßen stand. Gut, dass es in der Metro immer noch an einigen Stellen kleine Verkaufsstände gibt, da konnte ich mir trockene Socken kaufen. 100 gut investierte Rubel! Und was auch auffiel: Das mit den netten Sicherheitskräften vorm Stadion hat sich nach der WM wohl erledigt. Auf die Frage, wo denn hier der Eingang zum Gästeblock sei, gab es vom Polizisten vorm Stadion keine Antwort, nur Starren und Schweigen. Bei den Loko-Mitarbeitern auf dem Stadiongelände dagegen ein ganz anderer Ansatz – freundlich, hilfsbereit, ein paar Durchsagen sogar auf Deutsch.

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⚽ Apropos Champions League: Lokomotive hatte gerade den FC Porto zu Gast, doch beinahe hätte es die Heimmannschaft nicht rechtzeitig zum Anpfiff ins Stadion geschafft: Moskau ist ja für die Verkehrsstrategie bekannt, dass zwischen der morgendlichen und der abendlichen Rushhour, dem Mittagspausenstau und den nächtlichen Dauerbaustellen so wenig freie Fahrt wie möglich auf den Straßen im Zentrum bestehen soll.

Daher standen auch die Moskauer Spieler auf dem Weg zum Match im Stau, aber immerhin: Seit gut zwei Jahren hat die Metro einen modernen, oberirdischen zweiten Ring, und der wiederum hat praktischerweise eine eigene Haltstelle namens „Lokomotiv“. Die Mannschaft stieg also um und war 55 Minuten vor Spielbeginn am Stadion. „Wie schön, dass es auf dem Zentralen Metroring keine Staus gibt“, twitterte der offizielle Vereinsaccount, „wir sind gut am Stadion angekommen und machen uns jetzt warm.“ Nur das Spiel, das ist trotzdem 1:3 ausgegangen. Aber hey, jedenfalls hat es pünktlich begonnen.

⚽ Anschi, Anschi – when will those dark clouds disappear? Der Verein war noch vor ein paar Jahren bekannt für sein opulentes Budget und entsprechend beeindruckende Spielerkäufe, doch in jüngster Zeit hat sich das drastisch geändert. AP berichtet, dass die Spieler seit März keine Gehälter mehr bekommen haben.

Am Donnerstag schließlich hat Russlands Fußballverband dem Club vorläufig untersagt, neue Spieler zu verpflichten. Der frühere Anschi-Verteidiger Wadim Afonin, der inzwischen zum FK Orenburg zurückgekehrt ist, hatte sich an den Verband gewandt. Ehe Afonin sein ausstehendes Gehalt nicht bekommen hat, darf Anschi Machatschkala also keine neuen Spieler holen. (Die ganze Entscheidung, in der es auch noch um die Ansprüche anderer Spieler geht, gibt es hier.)

⚽ Ihr erinnert euch vielleicht, dass es letztes Mal hier um Denis Gluschakow und Andrey Yeshchenko ging. Die beiden Spartak-Spieler hatten Ärger, weil sie einen Instagram-Post geliket hatten, in dem Trainer Massimo Carrera kritisierte wurde. Das hat sich inzwischen erledigt: Carrera, der Spartak 2017 zur Meisterschaft führte, ist seinen Trainerjob in Moskau los. Es gab noch ein Abschiedsessen mit der Mannschaft, das Carreras Agent, Marco Trabucchi, bei Twitter so kommentierte:

Yeshchenko ist, Konflikt hin oder her, auf dem Bild zu sehen, Gluschakow aber nicht. Da war wohl der Graben zwischen Spieler und Trainer zu tief. Wobei, vielleicht stimmt ja auch die Erklärung, die Championat.com süffisant zitiert: Wahrscheinlich, heißt es dort, sei Gluschakow bloß deshalb nicht zu sehen, weil er das Foto gemacht habe. Bei seiner Abschieds-PK hat Carrera außerdem alle Spartak-Fans aufgerufen, ins Stadion zu kommen und ihren Verein zu unterstützen – der nämlich dümpelt aktuell nur in der Tabellenmitte rum, statt oben mitzuspielen.

⚽  Der FK Rostow (ja, das sind die mit dem Teppich) war in der vergangenen Liga-Saison, na sagen wir mal: unauffällig. Neun Siege, elf Niederlagen, zehn Unentschieden, am Ende war das der 11. Tabellenplatz. Diese Spielzeit sieht das ganz anders aus: Rostow auf Platz 3, direkt hinter Zenit und Lokomotive. Wie kommt’s? Russian Football News versucht sich an einer Erklärung: variantenreiches Spiel, kluge Neuverpflichtungen, eine starke Verteidigung. „Wenn man von der aktuellen Saison ausgeht, dann ist weder die Meisterschaft noch ein Platz im europäischen Turnier unmöglich.“

Foto: FK Rostow
Foto: FK Rostow

⚽ Eine Runde Konjunktiv: Selbst, wenn sich Rubin Kasan dieses oder nächstes Jahr für Champions League oder Europa Leage qualifizierte, es dürfte dort nicht mitspielen. Die UEFA hat den Club gesperrt, für diese Saison und für die kommende. Begründet wird das damit, dass Rubin gegen die Regeln zum Financial Fair Play verstoßen hat.

Die jetzt verhängte Sperre ist bereits der zweite Akt in einem längeren Drama: Nachdem der Verein die Finanzregeln verletzt hatte, gab es 2014 eine Einigung mit der UEFA auf gewisse Einschränkungen, zu denen sich Rubin verpflichtete: keine höheren Gehälter, nur 21 statt 25 Spieler im Kader für den internationalen Wettbewerb – alle Details hier. Allerdings soll sich der Verein nicht an alle Vereinbarungen gehalten haben, daher folgte nun die härtere Strafe.

⚽ Unmittelbar nach der Fußball-WM durfte ich für die Kollegen bei n-tv.de aufschreiben, wie es hier im Lande nun wohl weitergehen wird. Das war die satirische Version, klar – trotzdem bin ich ein wenig stolz darauf, vorhergesagt zu haben, dass Witali Mutko nach Ende des Turniers wieder etwas von seiner alten Macht zurückbekommt.

Wir erinnern uns: Mutko hatte nicht nur eine solche Ämterfülle, dass es selbst der FIFA zuviel wurde, sondern war auch zu sehr in den russischen Dopingskandal verstrickt, als dass man ihn während der WM der Weltöffentlichkeit zumuten wollte. Aber gut, die WM ist vorbei, Russland ist wieder Russland und der Multifunktions-Mutko kann sich wieder auf den Chefsessel beim russischen Fußballverband setzen.

⚽ Was offenbar auch nur während der Weltmeisterschaft klappt, davor und danach aber nicht: Die Fans in einer akzeptablen Zeit aus dem Luschniki-Stadion wieder raus zu bekommen. Hmm, ob das wohl was zu tun hat mit den vielen freiwilligen, unbezahlten Helfern, die während der WM alle paar Meter standen, um den Besuchern den Weg zu weisen? Jedenfalls berichteten Fans nach dem Spiel zwischen ZSKA und Real Madrid, dass sie mehr als eine Stunde brauchten, um aus dem Stadion zur Metro zu kommen.

⚽  Eh das jetzt hier so klingt, als hätte die WM keinerlei positive Auswirkungen gehabt: doch doch. Vor allem die kleinen Vereine in den großen, schicken WM-Stadien freuen sich. Die Organisatoren des Turniers haben außerdem eine positive finanzielle Bilanz gezogen, aus der Interfax ausgiebig zitiert. Eine Kurzfassung auf Englisch gibt es bei der Moscow Times: Demnach hat die WM seit 2013 etwa 14,5 Milliarden Dollar an Investitionen nach Russland gebracht.

Andererseits liegen auch die Schätzungen, was die WM das Land gekostet hat, zwischen 11 und 14 Milliarden. Ob Russland langfristig von seiner Gastgeberrolle profitiert oder draufzahlt könne man ohnehin erst in ein, zwei Jahren sagen, argumentieren drei hochrangige Wirtschaftswissenschaftler in einem Gastkommentar für die Zeitung „Wedomosti“.

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Zum Schluss noch eine kleine Korrektur. Mir ist aufgefallen, dass sowohl die letzte als auch die vorletzte Russball-Folge die Nummer 59 hatte. Entgegen dessen, was ihr euch vermutlich beim Lesen gedacht haben, war das keine Anspielung auf das Tor von Denis Tscheryschew beim WM-Spiel Russland – Ägypten, sondern ein Fehler.

Ein Fehler, nach dem ich dann erst mal überlegen musste, welche Folge das hier denn dann ist. 60? 61? Oder 59 – hat sich ja bewährt? Wer Feedback zur Entscheidung oder zum Rest dieses Newsletters loswerden möchte, der kann das gerne in den Kommentaren tun oder via Twitter. Bis nächstes Mal, macht’s gut!



 

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Die besten Threads aus dem September

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Zeit für die monatliche Sammlung lesenswerter Threads. Wobei, ich mach das hier ja auch erst zum zweiten Mal, also lerne ich noch: Letztes Mal war ich zu früh dran, der Monat noch nicht komplett vorbei, also ist mir ein interessanter Thread aus dem August entgangen. Der wird hier direkt mal als Nummer 1 nachgereicht. In Zukunft gibt es diese Sammlung also immer erst dann, wenn der Monat wirklich vorbei ist, um sowas zu vermeiden.

Was gleich bleibt: der Dank an alle, die Interessantes am Stück getwittert haben und an diejenigen, die mich darauf hingewiesen haben. Und wieder gilt: Den ersten Tweet habe ich eingebunden – mit einem Klick könnt ihr ihn öffnen und den gesamten Thread darunter lesen.

1. Gerechte unter den Völkern

Meine frühere Kollegin Ola Cichowlas hat ein Stück Familiengeschichte getwittert. Es geht um Mut, Hilfsbereitschaft und eine späte Anerkennung.

2. The Hitchhiker’s Guide to Flying

Okay, you had me at „Douglas Adams“.

3. Das Mittelalter in Farbe

Wer sich für mittelalterliche Manuskripte interessiert, der sucht nach ihnen vielleicht nicht gerade als erstes auf Twitter. Sollte er aber, schon wegen Damien Kempf.

4. Das Leben und der Programmierer

Ein Thread, zu dessen Anfang man denkt, es geht um Technologie – und dann versteht: Das Thema ist ein wenig größer.

5. Was ist das da auf dem Regenradar?

Ist es ein Vogelschwarm? Sind es Fledermäuse? Oder doch Libellen? Ja, es gibt tatsächlich Menschen, die das anhand von Radarbildern unterscheiden können, und die Logik dahinter ist faszinierend:

6. „The long run. Wasn’t that long ago.“

Kein wissenschaftlicher Thread, sondern ein hoch persönlicher, über die Zeit, als sich HIV/AIDS in den USA erstmals verbreitete. All diese Trauer, in so vielen kleine Beobachtungen – dieser Thread ist mehr als ein paar Tweets, das ist Literatur. Nur halt in einem Format, das wir so noch nicht gewohnt sind.

7. Mosaike aus Georgien

Georgien hat nicht nur grandiose Natur und extrem leckeres Essen, sondern – natürlich – auch seinen Anteil an der sowjetischen Geschichte. Dieser Thread zeigt, was aus den farbenfrohen Dekorationen eines Pionierlagers geworden ist.

8. Virtual-Reality-Vagina

Wer ein Android-Handy hat, kann neuerdings per App durch die Vagina einer Ente reisen. Doch, wirklich. Was sich die Forscher hinter dem Projekt dabei gedacht haben, und warum man im Internet deutlich mehr Infos über Tierpenisse findet als über Tiervaginas, steht hier:

9. Mineral gegen Mineral

Gestern endete ein Turnier, das den ganzen September hindurch in einer Twitter-Nische begeistert verfolgt wurde, nämlich von Geologen: Beim #MinCup2018 treten jeden Tag zwei Minerale gegeneinander an, Wissenschaftler argumentieren per Twitter, welches von ihnen besser ist. Da stehen dann Menschen mit Schutzhelmen in der Landschaft und rufen „Quartz! Quartz! Quartz!“, schreiben Gedichte über die Final-Entscheidung Eis vs. Granat. Das Ergebnis gibt’s hier.

10. Eine Familiengeschichte in Russland und anderswo

Wir haben mit einer Familiengeschichte angefangen, dann hören wir auch mit einer auf. Leonid Ragozin erzählt am Beispiel seiner Vorfahren, was es in den letzten paar Generationen bedeutet hat, in Osteuropa zu leben. Wieviel Umsturz, Krieg und Leid. Wie oft man sich auf verschiedenen Seiten fand oder wechselnden, willkürlichen Mächten ausgesetzt war.

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Russball, Folge 59: Warten auf Schalke

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Sie haben die Heizung eingeschaltet in Moskau. Ein wichtiger Schritt, denn das geschieht hier zentral – ehe bei der Stadt nicht jemand zum Schluss kommt, dass es ausreichend kalt ist, kann bei sich daheim niemand heizen. Aber gut, vor ein paar Tagen gab es den ersten Hagel, daraufhin hat sich wohl jemand erbarmt.

Das mit dem Herbst geht hier immer schnell, letzte Woche konnte man noch Wäsche auf dem Balkon trocknen. Da hingen sie nebeneinander, ein blau-weißes Trikot und ein blau-weißer Schal, die demnächst hier Großes vorhaben: Es geht in die RZD-Arena, das einzige der großen Moskauer Stadien, in denen ich noch kein Spiel gesehen habe. RZD ist die Abkürzung für Russlands Eisenbahnunternehmen, es ist also nur folgerichtig, dass dort Lokomotive Moskau spielt. Und am 3. Oktober bekommt der Verein Besuch aus Deutschland: Schalke kommt.

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⚽ Das Champions-League-Spiel zwischen Schalke und Loko ist nicht nur für diesen einen Moskauer Schalke-Fan-Haushalt interessant, zu dem ich gehöre. Beide Vereine stehen deutlich schlechter da als vergangene Saison und brauchen dringend ein Erfolgserlebnis: Lokomotive, russischer Meister der vergangenen Saison, steht nur auf dem 6. Tabellenplatz, Schalke ist sogar noch tiefer gefallen, from Vizevorjahresmeister zum aktuell Vizetabellenletzten.

Besonders spannend wird das Spiel durch die, sagen wir mal, personellen Verbindungen zwischen Schalke und Loko. Der Sportdirektor (und Ex-Schalker) Erik Stoffelshaus hat Benedikt Höwedes nach Moskau geholt, Jefferson Farfan spielt schon seit 2017 bei Lokomotive. Ein kleines Nest an früheren Schalkern also. Wie sich das für die drei anfühlt, hat Stoffelshaus in einem Interview mit Transfermarkt umrissen. Höwedes selbst kommt bisher in Moskau nur selten zum Einsatz und muss mit Kommentaren wie diesem leben: „Höwedes mag Weltmeister sein, aber er ist ein Pilot, der nicht abhebt.“

Wie blickt Russlands Sportpresse auf das Spiel am 3. Oktober? „Schalke ist schrecklich in die Bundesliga gestartet, Loko muss gewinnen“, schreibt Bombardir, Sports.ru veröffentlicht eine tiefgehende Analyse, was bei Schalke derzeit alles schief läuft – kommt aber letztlich zu dem Fazit, dass Tedesco dennoch der richtige Trainer für den Verein ist. Und, auch wichtig: Lokomotive muss gegen Schalke auf einen großen Namen verzichten, nachdem Fjodor Smolow sich an der Schulter verletzt hat.

⚽ Wen man mal im Auge behalten sollte: Maxim Warnawskij. Er ist 16 Jahre alt, spielt für den FK Kuban und hat dort gerade dieses Zückerchen hier geliefert:

⚽  Die Geschichte mit Pjotr Wersilow habt ihr in den vergangenen Tagen sicherlich verfolgt. Der Pussy-Riot-Aktivist, der als einer von vier Flitzern (bei russischen Fußballfunktionären scheint da eine gewisse Unklarheit über die Anzahl zu herrschen, aber lassen wir das mal beiseite) beim WM-Finale gegen Polizeigewalt protestiert hatte, wurde allem Anschein nach vergiftet und daraufhin zur Behandlung nach Deutschland gebracht. Inzwischen geht es ihm langsam wieder besser.

Bemerkenswert ist, dass er nur wenige Tage zuvor ein Interview zur Frage gegeben hat, wie sich das Verhalten der russischen Polizei verändert hat – jetzt, wo die Weltmeisterschaft vorbei ist, das Interesse der Welt an Russland nachgelassen hat und die Inszenierung von fröhlichem Alltag mit nachsichtig-entspannten Ordnungshütern keine Priorität mehr hat. Daraus entstand ein Text, den zu lesen sich lohnt: „Two months after World Cup final, Russian police no longer relaxed“.

⚽ Wie das so ist im Pokal: Da muss man selbst als halbwegs etablierter Verein plötzlich an entlegene Orte fahren, wo man sonst nie hinkäme. Für den FK Jenissei Krasnojarsk war es diesen Monat Welikije Luki, das musste ich auch erst mal googlen – und dann ordentlich rauszoomen, um zu sehen, wo diese Stadt liegt: Wer auf die Idee kommt, mit dem Auto von Moskau Richtung Lettland zu fahren, der stößt irgendwann auf Welikije Luki. (Ich hatte sehr gehofft, dass der Name „Große Zwiebeln“ bedeutet, aber wenn man sich das Stadtwappen ansieht, ist hier wohl eher die zweite Bedeutung von „Luki“ gemeint, nämlich Bögen. Schade.)

Das Spiel in Welikije Luki jedenfalls bedeutet für die Jenissei-Spieler: erst der Flug nach Moskau, von dort aus dann fast acht Stunden weiter mit dem Zug. Die Tweets von der Zugfahrt umweht ein Hauch von Klassenfahrt, vor allem einer von ihnen spiegelt sehr genau wieder, mit welcher logistischen Souveränität Russen solche langen Zugfahrten antreten: „Wir haben ein Hähnchen in Alufolie, wir haben hartgekochte Eier, wir haben Doschirak gekauft. Fehlt noch was?“ Doschirak ist die Marke, unter der hir allerlei Nudelsnacks verkauft werden, die man nur noch mit heißem Wasser aufgießen muss. Das nämlich kann man in vielen russischen Langstreckenzügen bequem aus einer Art Riesen-Samowar im Gang zapfen.

⚽ Zwei, vielleicht drei Tage nach dem Umzug nach Russland Anfang 2014 muss das gewesen sein, als mir diese Meldung hier begegnete: Ein Streit zwischen zwei Freunden darüber, was besser ist, Dichtung oder Prosa, dazu Alkohol, der Streit eskaliert – am Ende ist der Freund, der Gedichte kritisiert hatte, tot, der andere wird später zu acht Jahren Gefängnis verurteilt.

Mir wurde also halbwegs flau, als ich hörte, dass zwei Spartak-Spieler in einen Streit um ein Gedicht verwickelt waren. Die Wahrheit war hier dann aber gottseidank etwas weniger dramatisch: Denis Gluschakow und Andrey Yeshchenko sollen beide ein Instagram-Video geliked haben, in dem der Schauspieler Dmitri Nasarow ein Spottgedicht über Massimo Carrera aufsagt. Kleiner Haken: Der Mann ist Trainer bei Spartaak, Gluschakow und Yeshchenko haben also dem eigenen Coach ans Bein geliked. Ergebnis: Alle Beteiligten noch am Leben, aber die beiden durften nicht mit zum Spiel gegen Rapid Wien.

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#fcsm

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⚽ Lang keine Debatte mehr gehabt über Reformbedarf im russischen Fußball, da hat die Gute-Laune-WM tatsächlich mal für ein paar Wochen verhältnismäßige Ruhe gesorgt. Aber jetzt geht’s wieder los, diesmal kommt der Impuls von Leonid Fedun, dem Präsidenten von Spartak Moskau. „Ohne Reformen ist unser Fußball dazu verdammt, dahinzuvegetieren“, sagt er und fragt: Wie kann man den Schwung der erfolgreichen WM nun mitnehmen, so dass er dauerhaft dem Fußball in Russland verbessert?

Mehr Geld für die Vereine aus Fernsehrechten wünscht sich Fedun zum Beispiel, aber seine Kritik ist sehr viel grundlegender. Weil in Russland immer noch viele Vereine im Besitz des Staates oder von Staatsunternehmen sind, fehle „in 95 Prozent der Fälle ein Zusammenhang zwischen dem finanziellen Wohlstand und dem sportlichen Erfolg der russischen Profi-Clubs.“ Das müsse sich dringend ändern, als Erfolgsanreiz. Feduns weitere Ideen (wie etwa den Vorschlag, nur diejenigen Vereine in die Premjer Liga zu lassen, deren Stadion mindestens Platz für 20.000 Fans bietet – sorry, Orenburg! Sorry, Ufa! Knapp Schwein gehabt, Tula!) könnt ihr hier nachlesen.

⚽ Was machst du, wenn du in der Nationalmannschaft spielst und deinem Trainer, dem ollen Schnauzbartträger, für den WM-Erfolg danken willst? Klar, kommste auch mit Schnäuzer zum Training. In diesem Sinne: Heiner-Brand-Gedächtnispreis für die russischen Spieler, und bravo, Stanislaw Tschertschessow!

⚽ Wer kann langfristig von der Fußball-WM in Russland profitieren und wer nicht? Den kleineren Vereinen, die plötzlich in schicken neuen Stadien spielen, hat das Turnier offenbar mehr genutzt als den schon etablierten Spitzenclubs. AP hat dazu eine gute Analyse samt Ausblick: „The challenge now is to maintain that World Cup buzz through the winter, and to pay for the costly stadiums.“

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Als Rausschmeißer nun noch ein Video von einem dieser öffentlichen Heiratsanträge, bei denen ich mir nie ganz sicher bin, ob sie nun niedlich sind oder bloße Nötigung. (Danke an David Hagemeister für den Tipp.) Während ihr euch diesen Clip mit Torjubel und roten Rosen anseht, such ich dann schon mal die die blau-weiße Schminke raus. Wie oben ja schon ganz kurz erwähnt: Schalke kommt!



 

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