Wo Moskau seinen Düsseldorf-Park versteckt

Düsseldorf-Park Moskau

Moskau und Düsseldorf sind Partnerstädte, schon seit mehr als 20 Jahren. Als Knapp-neben-Düsseldorf-Geborene und Heute-in-Moskau-Lebende fand ich es natürlich interessant, ob man das abseits von Delegationen und Terminen hier irgendwo merkt. Gibt es einen Hauch von Düsseldorf im Moskauer Alltag? Also, abgesehen von der Tatsache, dass auch hier Bier und Eishockey populär waren. Irgendwann hörte ich von diesem Ort, dann kam auch noch ein freier Tag dazu. Zeit für eine Mission – schließlich sind Livetweets nicht nur bei großen Nachrichtenlagen interessant.

Für den ersten Streckenteil schlug Google Maps einen von Moskaus schicken neuen „Magistral“-Bussen vor – besonders schnell, besonders modern, besonders blau lackiert. Seit der letzten Fahrplanumstellung gibt es diese Magistrals, die weniger oft halten und einen dafür zügig von A nach B bringen. Und zügig ist, wenn ich so auf meinen Stadtplan blicke, eine gute Sache.

Die Strecke führt erst mal durchs Zentrum – vorbei an der Leninbibliothek, an Alexandergarten und Kreml zur Rechten und Duma und Bolschoi-Theater zur Linken. Endstation ist an der Metro-Haltestelle Kitai-Gorod, immer noch zentral. Aber ich kann mich nicht erinnern, hier schon mal in die violette Linie gestiegen zu sein. Denn die ist, wenn man nicht gerade mal dringend vom Puschkindenkmal zur Geheimdienstzentrale will, für wenig gut.

Bei Twitter melden sich unterdessen allerlei Leute mit Düsseldorf-Bezug. Gemeinsam schmieden wir Pläne für die Umbenennung einer Düsseldorfer U-Bahn-Station und betreiben meteorologische Vergleiche. Nebenbei lerne ich außerdem, wo Düsseldorf noch so Partnerstädte hat.

Ich steige da aus, wo die Gestaltung der Metrostationen mit deutlich weniger Enthusiasmus betrieben wird als in den unterirdischen Palästen im Stadtzentrum: In Textilschtschiki. Früher ein eigenständiger Ort, in dem Textilarbeiter lebten. Seit 1960 ein Moskauer Stadtteil voller Wohnhochhäuser.

Hier fühlt es sich nach Vorort an, und Fußgänger sind ganz furchtbar egal: Um von der Metro zur Bushaltestelle zu kommen, tauche ich erst verwirrt durch dieselbe Unterführung hin und her, gehe dann querfeldein zwischen zwei Gebäuden hindurch und muss schließlich noch ohne Ampel eine sechsspurige Straße überqueren. Dafür ist der Bus Nr. 350 dann erst mal weg. Zwanzig Minuten warten bis zum nächsten – als Moskauer Innenstadtbewohnerin ziemlich ungewohnt.

Hier draußen heißen die Bushaltestellen ganz profan „Ljublinskajastraße 139“ oder „Pererwastraße 50“ – keine Sehenswürdigkeiten, auch sonst kaum Bemerkenswertes. Nur Bettenburgen, Schnee, Schlaglöcher und der wackere Bus, der tatsächlich irgendwann da hält, wo ich raus will. „Djusseldorfski Park“ steht auf dem Schild, und daneben gibt es gleich ein paar Verbote, fürs Heimatgefühl.

Akkurat umzäunt ist der Park, hinter dem Gitter steht links eine kleine Kirche, sogar noch mit Kind in der Krippe davor – hier in Russland ist Weihnachten ja noch keine drei Wochen her. Ansonsten: Schaukeln, Klettergerüste, viele Frauen mit Kinderwagen. Die Wege sind eher schneefrei getrampelt als geräumt, der Blick fällt in alle Richtungen auf Wohnblocks. Mitten im Park bellt ein hysterischer Hund einen Mann an, der falschrum steht – eine Radschläger-Skulptur, bedruckt mit cartoonartigen Düsseldorfer Stadtszenen. Gehry, Altbier, Karneval.

„Das Symbol Düsseldorfs – ein Kind, das ein Rad schlägt“, erklärt die Tafel neben der Skulptur, und dass das hier ein Geschenk von Düsseldorf an Moskau war, zur Einweihung des Parks vor acht Jahren. Beim Versuch, dazu mehr zu ergoogeln, erfahre ich noch, dass Düsseldorf in Ostdeutschland liegt. Nun ja. Die restliche Runde durch den Park ist schnell gedreht, zwischendurch noch einmal über den schneebedeckten Rasen zum Teich, der bei den etwas älteren Kindern gerade sehr populär ist.

Erkenntnis des Ausflugs: Es gibt ihn also wirklich, den „Djusseldorfski Park“ – nur wird ihn kein Moskauer finden, der ihn nicht ausdrücklich und mit viel Einsatz sucht. Oder in einem der vielen Hochhäuser von Textilschtchiki wohnt.

Alle Tweets zum #DjusseldofskiPark gibt es hier zum Nachlesen.

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Das Problem am Winter in Russland

Moskau Winter Erlöserkathedrale

Das Problem am Winter hier in Russland sind halt die Temperaturen. Es ist einfach zu warm.

Zu warm in der Metro, wenn man 15 Minuten über vereisten Schnee dorthin geschlittert ist, um dann plötzlich mitten im Rolltreppenrudel zu stehen, von heißer Luft umweht und von dem, was man selbst und die Mitreisenden so ausdünsten. Zu warm beim Schaufenstergucken, wenn die Güterabwägung im Kopf so geht: Das da vorne ist eine echt schöne Jeans. Aber dafür jetzt Winterjacke, Fleecejacke, Mütze, Handschuhe, Schal, Halstuch, die Stulpen an den Handgelenken, die Stiefel, die Stulpen an den Knöcheln, die Hose und die Leggings drunter ausziehen? So schön kann keine Jeans sein.

Zu warm ist es auch in der Wohnung, weil die Nachbarn alle bis zum Anschlag heizen – kostet ja nix, oder fast nix jedenfalls. Was hab ich damals die potenziellen Vermieter verwirrt, als ich beim Wohnungssuchen nach den Nebenkosten gefragt habe. Nebenwas? Was will die komische Ausländerin? Ach, Öl, Gas, Strom? Naja, ein paar hundert Rubel halt im Monat, fünf Euro oder vielleicht zehn. Russland ist reich an Ressourcen, die Temperatur wird also reguliert nach dem Prinzip: Heizung läuft immer, zentral angeschaltet, und bei Bedarf kann man ja lüften. Nur seltsame Zugereiste lassen Ventile an die einzelnen Heizkörper dranflanschen, um zumindest die Wahl zwischen an und aus zu haben. Drehknöpfe mit einer Skala von 0 bis 5? Gibt es, sind aber so selten wie Plusgrade im Januar.

Drinnen überheizt, draußen knackig kalt, dazu das extrem harte Wasser. Der Moskauer Winter ist also auch der Grund, warum Haut und Haare hier besonders viel Liebe brauchen. Duschöl statt Duschgel, kein Shampoo ohne Spülung. Bodylotion, Handcreme, Gesichtscreme – zum ersten Mal im Leben besitze ich eine Fußcreme, ja sogar eine Nasencreme, für wenn das Salzwasser-mit-Bepanthen-Spray nicht mehr reicht, um die Schleimhäute halbwegs feucht zu halten. Als eine irische Freundin zum ersten Mal bei uns zu Besuch war, war sie arg perplex von den schwarzen Plastikwürfeln, die in den verschieden Zimmern vor sich hinsummen: „Was sind das, Luftbefeuchter? Bei uns zuhause hat jedes Haus einen Luftentfeuchter!“

Vielleicht ist es dieses Überangebot an Wärme, das uns den russischen Winter dann besonders lieben lässt, wenn er so richtig zeigt, was er kann. Nicht irgendwo um die standardmäßigen -15, nein – da gilt tatsächlich alles, was ich gerade beschrieben habe. Aber dann, wenn die Minusgrade in den Zwanzigern oder gar Dreißigern liegen, wird es interessant. Du trittst vor die Haustür und merkst, wie die Feuchtigkeit in der Nase gefriert. Du willst Fotos vom Roten Platz im Winter machen, aber nach einer Minute fühlst du deine Fingerspitzen nicht mehr (und kurz darauf stirbt ohnehin der Akku). Du stapfst eine halbe Stunde durch den Schnee, den Schal bis vor den Mund hochgezuppelt, so dass die ausgeatmete Luft am Stoff gefriert – und fühlst dich hinterher wie ein Held, während du im Café wartest, dass die Oberschenkel aufhören zu prickeln.

So ein Wetter hatten wir in den ersten Tagen dieses neuen Jahres, und was haben wir es genossen! Sind mit dem Zug ins Moskauer Umland gefahren, um dort an kleinen Kirchen vorbei durch noch mehr Schnee zu stapfen. Haben im Gästezimmer Käpt’n Blaubär vom Fensterrahmen losgeeist, an dem er leider mit seinem flauschigen Hintern festgefroren war. Waren in eisigster Winternacht in der orthodoxen Weihnachtsmesse. Haben wilde Experimente mit gefrierenden Seifenblasen, Schnee aus kochendem Wasser und einem steif gefrorenen Handtuch gemacht.

Ein großer Spaß, auch wenn wir permanent drei Handys dabei haben mussten zum Filmen, weil bei 30 Grad unter null eben nach wenigen Minuten der Akku entscheidet, dass jetzt aber auch genug ist. Wir hätten gerne noch mehr probiert – ob man mit einer gefrorenen Banane tatsächlich einen Nagel in die Wand schlagen kann zum Beispiel. Gestern Abend hatten Patenkind 3 und sein großer Bruder noch Wünsche angemeldet, doch sie werden warten müssen: Über Nacht kam der Wetterumschwung, heute bietet Moskau nur noch einstellige Minusgrade.

Es ist einfach zu warm.

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Liebe in der Luft

Love is in the air, dafür hat Wassily Kirsanow gesorgt. Die Millionen von Menschen, die täglich mit der Moskauer Metro fahren, mögen seinen Namen nicht kennen, aber viele verdanken ihm ein Lächeln oder einen Schnappschuss. Denn wenn sie in der Eingangshalle der Haltestelle „Park Kultury“ einen Blick hinauf in die Kuppel werfen, hängen da rote, herzförmige Luftballons. Wassily hat sie dort hochgeschickt.

„Alles fing damit an, dass ich vor zwei Jahren mit der Metro unterwegs war und bei Park Kultury zufällig hochgeguckt habe,“ erzählt er. Zwei Herzballons hingen unter der Decke, er machte ein Foto für den in Russland fast schon obligatorischen Instagram-Account und freute sich. „Es hat sich angefühlt wie die Sorte Glück, die man eigentlich nur als Kind kennt. Ein Glaube an Wunder und Liebe.“ Als er ein paar Tage später wieder vorbeikam, waren die Ballons weg. „Aber da stand mein Entschluss schon fest: Ich werde diese Kuppel mit Herzen füllen!“ Kein philosophischer Überbau, kein komplexes Kunstprojekt. Einfach mal etwas tun, weil man es kann – und weil es anderen Metropassagieren den Alltag ein bisschen bunter macht. Es folgten zwei Jahre Warten, Planen, Sparen – die Ballons kosten zwischen 50 Cent und einem Euro, und dann ist noch kein Gas drin. Inzwischen steht im Zimmer von Wassily , der seit zwei Jahren einen Abschluss in Wirtschaftswissenschaften hat, seine eigene Heliumflasche. Im Dezember, als Moskau besonders grau war, ließ er die ersten Ballons in die Kuppel steigen – mit ordentlich Herzklopfen wegen des Sicherheitspersonals. „Wir leben in schwierigen Zeiten, und vieles, was man in Russland tut, bekommt dann irgendwer in den falschen Hals.“

Die Aufpasser entpuppten sich als entspannt, manchmal erzählte einer von ihnen Wassily, wenn wieder besonders viele Leute zum Fotografieren da gewesen waren. Die Instagram-Bilder, die andere von seinen Herzen machen, sammelt Wassily dort auf dem Account @undergroundhearts. Egal, welche Perspektive und welcher Filter: Wenn sich in der Kassettenstruktur der Decke jeder Ballon seine eigene Vertiefung gesucht hat, wirkt die Kuppel wie ein riesiger Setzkasten. Und Wassily arbeitet daran, ihn weiter zu füllen.

Einen Monat lang kam täglich ein Herz hinzu, ihr Absender sammelte unterdessen Erfahrungen: Wie lange hält sich so ein Herz wohl in der Luft? Eins weiß er jetzt: Das hängt nicht nur von dem Ballon und dem Helium darin ab. 30 Ballons kamen in vier Wochen zusammen – und verschwanden dann auf einen Schlag. „Man hat mir gesagt, dass die Metro-Mitarbeiter die Ballons alle runtergeholt haben, mit einer Zwille. Davon gab es sogar einen kleinen Clip im Fernsehen.“

Sauer sei er am Anfang schon gewesen, sagt Wassily, aber den Metro-Leuten nehme er das nicht übel. „Die machen ja nur ihren Job. Und mein Job ist eben, Ballons da hochzuschicken. Also habe ich am nächsten Tag ein neues Herz in die leere Kuppel aufsteigen lassen.“ Knapp 20 Euro gibt er dafür im Monat aus, zum Geldverdienen jobbt er in einem Souvenirladen.  Wie es weitergeht mit den Ballons? Vielleicht ja mit einem Flashmob, der gleich eine ganze Wolke Ballons auf einmal aufsteigen lässt. Wassily hat genug Ideen, die Frage ist eher, wie lange ihm Zeit für die Umsetzung bleibt. „Wer weiß, vielleicht verbieten sie irgendwann, in der Metro Ballons steigen zu lassen. Kann sein, wir leben in Russland.“ Bis dahin aber werden über den Köpfen der Metro-Passagiere weiter rote Herzen hängen. Vor kurzem ist Wassily trotz Wirtschaftskrise auf teurere, größere Ballons umgestiegen. „Die können die Leute besser sehen.“

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Was man von Moskauer Bloggern alles lernen kann

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Eigentlich sollte das hier eine schön ausformulierte Blogparade werden, detailliert und einordnend. Das Ergebnis war sehr lang, sehr öde und für Leser mutmaßlich auch nur halb nützlich. Mehr Gerümpeltotale als Schaufenster.

Darum hier stattdessen eine kleine Link-Kollektion, als Anregung zum Weiterstöbern. Ein Klick pro Blog (mit einer Ausnahme, weil die Saga vom Oligarchen einfach zu gut ist), von langem Atmosphärenstück bis zum Kochrezept. Was man so erfahren kann, wenn man Moskauer Blogs liest.

Wie man sich einen Oligarchen angelt (streng dienstlich). ♦ Was der Ukraine-Konflikt mit zwei Schwestern macht. ♦  Woran man merkt, dass man sich an den Alltag hier angepasst hat. ♦  Was sich heute schon über die Zeit nach Putin sagen lässt. ♦ Wie sich der Oligarch und seine Freundin in Sibirien die Zeit vertreiben. ♦  Wie man beim Lebensmittel-Einkauf nie wieder ins Stottern kommt. ♦ Was sich gerade in der Stadt an Kultur tut. ♦ Wie Staatsmedien Ressentiments schüren – und damit nicht alleine sind. ♦ In welch grazilen Posen Sowjet-Mode mal präsentiert wurde. ♦ Was der Oligarch macht, wenn er Hunger auf Lammfleisch hat. ♦ Wie hier die Kulturszene auf Linie gebracht wird. ♦ Was passiert, wenn man am Flughafen mit weißem Pulver in der Manteltasche erwischt wird.Was sich bei einer alltäglichen Metrofahrt alles Bemerkenswertes entdecken lässt. ♦ Wie einige Russen zu ihrem Personal stehen. ♦ Wie schmerzhaft es ist, wenn man versucht, schwarz Metro zu fahren. ♦ Was für Abschiedsfotos entstehen, wenn man dem Oligarchen Adieu sagt. ♦ Wie man mit kleinem Kind in Moskau Wurzeln schlägt. ♦ Was das Beste am russischen Frühstück ist. ♦ Wie die Monate früher in Russland hießen.  ♦ Warum man auch Oligarchen immer zweimal begegnet.

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Osterbesuch mit Kindern in Moskau

Was man so lernt, wenn Besuch mit vielen Kindern nach Moskau kommt: Dass die Menschen in der Metro und im Bus aufstehen, manchmal sogar aufspringen, um ihre Sitzplätze anzubieten. Dass den Moskauer Stadtplanern hingegen Kinder genau so egal sind wie Rollstuhlfahrer oder alte Menschen – kaum Ampeln, dafür Unterführungen; kaum Rampen, dafür Treppen. Dass man darum im Idealfall nur so viele Kinder bei sich haben sollte, wie man tragen kann.

Dass, wer bei einstelligen Plusgraden einem zufriedenen Kind mit warmen Händen und Ohren keine Mütze aufnötigt, alle paar hundert Meter von russischen Frauen in international verständlichen Vorwurfsgesten getadelt wird. Weht zusätzlich ein leichter Wind, stimmen auch russische Männer mit ein. Kinder, die einen Fünf-Meter-Radius um ihre Eltern verlassen, bekommen von anderen Spielplatzbesuchern auch schon mal die offene Jacke zugemacht.

Dass georgisches Essen (Chatschapuri! Auberginenröllchen! Schaschlik!) und usbekisches Essen (Hummus! Manti! Schaschlik!) über Generationen hinweg konsenstauglich ist. Dass die Rutsche vorm Haus echt für Babys ist, die kann man ja rauflaufen.

Dass nach einer gemeinsamen Woche die ersten russischen Worte beim Kinderbesuch hängen bleiben (iswinitje und spasibo, gottseidank). Und dass man „Stimmt es, dass in Russland Ostereier mit Zwiebelschalen gefärbt werden?“ mit ein bisschen Geschick abbiegen kann in Richtung einer deutlich einfacheren, unterhaltsameren Variante.

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Nützliche Russland-Apps für Touristen und andere Zugereiste

startupstockphotos best russia apps

Welche Apps braucht man in Russland, vor allem in Moskau? Was muss drauf aufs Handy? Zum Start zwei Tipps, die banal klingen, aber viel Zeit sparen: Google Translate als App statt im Browser ist mobil um vieles einfacher zu handhaben. Auch Chrome lohnt sich, wegen derselben Google-Technologie: Eine russische Website mit einem Klick übersetzen zu können, das ist schon sehr nützlich.

Metropolitan App ScreenshotWas noch? Einen Metro-Plan, zum Beispiel „Metropolitan“ oder „Yandex Metro„. Sie schlagen Routen vor, helfen bei der Orientierung und verschaffen Durchblick bei Spezialitäten, wie sie Moskaus Metronetz reichlich hat: Teatralnaja, Ochotni Riad und Ploschad Revolutsii? Dieselbe Haltestelle auf unterschiedlichen Linien. Arbatskaja in Hellblau und Arbatskaja in Dunkelblau? Unterschiedliche Haltestellen, an denen man also auch nicht in die jeweils andere umsteigen kann. Nur auf die Fahrtdauer-Prognosen sollte man sich besser nicht verlassen, es dauert eigentlich immer länger.

Neben der Metro gibt es Busse, Straßenbahnen, Oberleitungsbusse und kleine Marschrutki – bloß keine gute Fahrplan-App dafür. Selbst Mosgortrans, der ÖPNV-Betreiber in der Hauptstadt, verweist für Fahrplanauskünfte schlicht auf Google Maps, viele Russen nutzen auch dieselbe Funktion in Yandex Maps. Speziell bei Bussen schlägt Rusavtobus auch schon mal gute Alternativen vor, kann also nicht schaden.

GetTaxi ScreenshotOder Taxifahren? Wer an einer großen Moskauer Straße die Hand raushält, vor dem hält schnell der erste Privatwagen und fordert zwei Fähigkeiten ein: den TÜV-Prüfer-Blick, ob man sich diesem Menschen und diesem Auto anvertrauen will, und ausreichende Russisch-Kenntnisse, um Ziel und Preis auszuhandeln. Ob sich der Fahrer dort dann noch erinnern wird oder behaupten, man habe sich auf das Doppelte geeinigt, ist Glückssache. Die Alternative sind deshalb Apps wie YandexTaxi und GetTaxi (englische Menüführung), mit festen, transparenten Preisen und einem Bewertungssystem für Fahrer. Bloß Finger weg von CityMobil, das sind ekelige Rassisten.

WordLens ScreenshotNützlich zur Orientierung unterwegs ist auch WordLens – eine App, die Schriftzüge erfasst und auf dem Handy-Bildschirm eine Übersetzung anzeigt. Einmal eingerichtet (erst die App runterladen, die Sprachpakete gibt es dann als In-App-Käufe, aber zum Preis von null Euro) taugt das für alles von Straßenschildern bis zu Joghurt-Etiketten an der Milchtheke. Auch eine App zum Scannen von QR-Codes lohnt sich, denn viele Sehenswürdigkeiten in Moskau haben großformatige Codes an der Fassade.

Friendly Moscow ScreenshotZum Weggehen hat Afisha sicher den besten Terminkalender, allerdings gibt es die App bisher nur auf Russisch. Keinen Kalender, aber viele Ideen abseits der gängigen Touri-Ecken bietet Friendly Moscow. Dort hab ich zum Beispiel vom Spielautomaten-Museum gehört und da großen Spaß gehabt. Nur die Suche nach einer geheimen Bar endete mit einem bocklosen Wirt, der nicht mal zum Fenster rausrufen wollte, als wir im Innenhof standen, aber den Eingang nicht fanden. Nun ja. Größere Restaurant- und Cafébetreiber haben außerdem oft Sammel-Apps für ihre verschiedenen Läden – aus dem Angebot von FriendsForever lohnt sich zum Beispiel das Breakfast Café, bei iGinza das Sixty und die Mercedes Bar.

memrizeWas Apps zum Russischlernen angeht, hat mich bisher nur wenig überzeugt. VOCLab (falsch übersetzte Vokabeln), Bravolol (keinerlei Methodik), Babbel (ziemlich strammes Bezahlmodell), irgendwas war immer. Hängengeblieben bin ich schließlich bei memrize. Die App ist zum Lernen generell gedacht – Hauptstädte, Jahreszahlen, Sprachen – und legt einem systematisch und in kleinen Gruppen Vokabeln und Floskeln zum Wiederholen vor. Dazu gibt es so bekloppte Eselsbrücken, dass sie aus purem Schmerz hängenbleiben. Zwei Häkchen allerdings auch hier: Erklärt wird das Russische aus dem Englischen, das macht die Aussprachetipps manchmal verwirrend. Und neue Kurse kann man nicht innerhalb der App laden, nur per Umweg über die Website.

ponsZum Schluss noch ein Tipp zu Wörterbüchern: Für die Pons-App in der Größe „Kompakt“ (285.000 Einträge) zahlt man aktuell 14,99 Euro. Dafür liest sie Begriffe vor, liefert bei Verben die Konjugation und bei Substantiven die Deklination als Tabelle mit und kann noch einiges mehr, was ich noch nicht ausprobiert habe (Handschrifterkennung, Vokabelkärtchen). Für einen Urlaub in Russland sicher nicht nötig, aber fürs Leben hier eine gute Sache.

Für weitere Reisen hier noch ein paar nützliche China-Apps.

(Foto: Startup Stock Photos)

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Moskaus Metro in Instagram-Bildern – das Making-of

Thinglink wollte ich schon lange mal für ein größeres redaktionelles Projekt testen (diese Newsmap aus der heißen Zeit des Ukraine-Konflikts war eher ein schnelles Nebenprodukt), und im nachrichtenarmen Dezember bot sich endlich eine Gelegenheit. Das Ergebnis kombiniert die Metro und Instagram – zwei Dinge, die die meisten Moskauer benutzen und viele von ihnen sogar lieben.

So zufrieden ich mit dem Ergebnis bin, der Weg dahin war unnötig steinig, und das lag an Instagram. Während Twitter und Facebook einem die redaktionelle Nutzung leicht machen, macht Instagram einem lieber Umstände. (Ein klein bisschen hoffe ich ja noch, dass ich mich einfach dumm angestellt habe und hier später in den Kommentaren nachlesen kann, wie einfach alles gewesen wäre. Aber selbst von Kollegen mit deutlich mehr Instagram-Erfahrung kam auf Fragen hin meist nur: „Nein, die Funktion gibt es wirklich nicht. Ja, das ist doof.“) Darum ein kleines Protokoll.

1. So schlicht und schön sich Instagram mobil nutzen lässt, so umständlich ist es im Browser. Einloggen, Fotos gucken, Fotos liken – viel mehr geht nicht auf Instagram.com. Keine Suchfunktion, auch die Hashtags unter den Fotos sind keine Links. Meh.

2. Zur Suche gibt es externe Dienste wie Iconosquare. Ein Foto der Haltestelle Kievskaya zu finden, geht also so: Bei Iconosquare „Kievskaya“ eingeben. Unter den Suchergebnissen ein Foto finden. Bei Iconosquare das Profil des Nutzers öffnen, der es gepostet hat. Den Nutzernamen rauskopieren und im Tab nebenan hinter Instagram.com/ einfügen. Runterscrollen bis zum Motiv. Motiv öffnen. Link rauskopieren und in Thinglink einbetten.

3. Nein, Thinglink hat im Gegegsatz zu Storify keine integrierte Instagram-Suche.

4. Ja, Moskau hat knapp unter 200 Metrohaltestellen. Nicht alle davon sind schön, aber doch viele.

5. Das unter 2 erwähnte Runterscrollen kann bei fleißigen Instagrammern länger dauern. Nützlich wäre eine Suchfunktion, die nur Posts aus einem bestimmten Zeitraum anzeigt; stattdessen bleibt nur klicken und scrollen, klicken und scrollen. Es empfiehlt sich darum, nur Bilder aus den letzten zwei Wochen zu verwenden. Oder aus Profilen, die noch keine vierstelligen Bilderzahlen gepostet haben. Aber find die mal, in Russland.

6. Auch via Iconosquare kann man Instagram immer nur nach einem einzelnen Hashtag durchsuchen, nicht nach einer Kombination. Wenn die Haltestelle also heißt wie eine Sehenswürdigkeit, der nahegelegene Park oder der ganze Stadtteil, kann die Recherche nach einem passenden Motiv auch schon mal eine halbe Stunde dauern. Bei Twitter würde ich einfach nach „#Sokolniki #Metro“ suchen. Bis dahin bleibt Instagram ein Tool, mit dem ich privat gerne rumspiele, das redaktionell aber eine bessere Benutzeroberfläche braucht.

Franziska Bluhm schreibt hier darüber, was für sie Instagrams Charme ausmacht und wo es noch von anderen lernen könnte.

Von Lars Wienand kam und Katharina Kierig kam der Hinweis auf Mixagram – und ja, das ist zwar noch im Werden, aber manchmal gelingen tatsächlich Suchen nach zwei Hashtags gleichzeitig.

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Moskaus Metro in Karten

Das Metro-Netz der Moskauer Innenstadt, Screenshot aus der "Metropolitan"-App
Das Metro-Netz der Moskauer Innenstadt (Screenshot aus der „Metropolitan“-App)

Moskaus Metro zeichnet sich durch vieles aus: Durch prunkvolle Stationen, durch WLAN auf viele Strecken, durch vorbeiwabernde Geruchsblasen aus Alkohol und verschwitztem Polyester zu beliebiger Tageszeit. Auch – hier liebevoll und im Detail dokumentiert – durch Fossilienfunde in den Steinsäulen, zum Beispiel in der Haltestelle Pawelezkaja.

Was ihr allerdings fehlt, sind Metropläne, jedenfalls die aus Papier. Was man in London an jeder Haltestelle nachgeworfen bekommt, gibt es in Moskau nicht mal auf Nachfrage beim Fahrscheinkauf. Auch auf den Bahnsteigen hängen selten Netzpläne – dann schon eher an die Wand geflieste Listen der nächsten Stationen. Online gibt es dafür Metro-Pläne satt, und viele von ihnen zeigen mehr als bloß Linien und Haltestellen.

Die offizielle Karte

Official Moscow Metro map

Ende 2012 hat die Moskauer Stadtverwaltung einen Wettbewerb fürs beste Design eines Metroplans ausgeschrieben. Gewonnen hat das Designstudio von Artemy Lebedev, der hier noch mal genauer erklärt, was er sich dabei gedacht hat. Geschwungene Linien, sanfte Kurven. Kreise statt bloß Punkte, wo sich mehr als zwei Linien treffen. Übersichtlich.

Die Partisanenkarte

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Im Jahr drauf klebte in einigen Metro-Wagen plötzlich die sogenannte „Partisanenkarte“- kein Spaßprojekt, sondern ein gezieltes Statement. Die Gruppe „Partisaning„, die Kunst im öffentlichen Raum und politische Inhalte kombiniert, wollte darauf aufmerksam machen, was ihrer Meinung nach in der Moskauer Verkehrspolitik alles falsch läuft: Dass zum Beispiel teure neue Metrolinien gebaut werden, anstatt andere ÖPNV-Möglichkeiten geschickter zu kombinieren, oder dass Autos die Moskauer Innenstadt und die Ausfallstraßen verstopfen.

Bei der Guerilla-Aktion plakatierten die Aktivisten darum ihre eigene Karte, auf der unter anderem angegeben war, wie schnell man zu Fuß von A nach B kommt – und wie langsam mit dem Auto. Finanziert wurde das Projekt nach Angaben der Macher mit Spenden aus Deutschland.

Die Aussprachekarte

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Käse an dein prüdes Ohr! Eiche heiß nah Ratte! Park kühl zu lesen! Was klingt wie eine Kombination aus Wodka und Dada wird deutlich sinnvoller, wenn man sich die englische Originalfassung anschaut. Denn auf dieser Karte sind alle Metrohaltestellen so geschrieben, dass jeder mit Englischkenntnissen sie aussprechen kann.

„Cheese to your prude ear“ statt „Chistye Prudy“ also, „Oak hot near rat“ statt „Okhotny Ryad“ und „Park cool to read“ statt „Park Kultury“. Eine Idee, genau mittig zwischen kreativ und bekloppt – und eng verwandt mit zwei Aussprache-Tipps, die ich immer klasse fand: „Hey, ya forgot la yoghurt“ und „I’m a dinner jacket.“

Die historische Karte

Схемы линий / Картинки / Схемы и карты метро

Keine drei Dutzend Haltestellen, ein paar gezeichnete Sehenswürdigkeiten, so sah der Metroplan kurz nach dem Zweiten Weltkrieg aus. Einige Haltestellen heißen heute anders, andere – Kurskaja, Taganskaja – haben bis heute denselben Namen. Irreführend ist höchstens, dass diese Karte im Gegensatz zur Gewohnheit den Norden rechts hat, also um 90 Grad gedreht ist.

Von den Dreißigern bis in die Gegenwart reicht die Karten-Kollektion auf Metro.ru – da kann man sich gut mal festlesen.

Die Zeitreise-Karte

Interactive History of Moscow Metro

Leider nicht richtig einbetten lässt sich diese Seite, aber das Anklicken lohnt: Hier geht die Übersicht an Moskauer Metrokarten noch mehr ins Detail. Wer den Regler ganz nach links schiebt, der sieht die allererste, rote Linie mit ihren 13 Haltestellen.

Zum Kriegsende sind es schon drei Linien, in den Fünfzigern ist die Ringlinie nicht mal ein Halbkreis… Selber gucken geht hier in der „Interaktiven Metro-Geschichte“.

Die Frauenkarte

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Andere gucken in die Wolken und sehen Schäfchen, Alexei Sobolevsky guckt auf den Metroplan und sieht Frauen. Posiert wie der Verlauf der Linien, mal stramm diagonal, mal geschwungen. Alle Bilder gibt es hier als Galerie oder auf Sobolevskys Instagram-Account.

Die Zukunftskarte

Moscow metro in 100 years map

Zum Schluss darf noch mal Artemy Lebedev ran, denn er hat in die Zukunft geblickt. Sicherheitshalber direkt bis ins Jahr 2100 – kürzer wäre auch fatal, 2033 treiben sich in der Metro ja noch allerlei Mutanten rum.

Moskau hat inzwischen dreimal so viele Haltestellen, dazu eine zweite Ringlinie, einen zusätzlichen Flughafen und eine Problem: Langsam werden die Farben für neue Linine knapp, inzwischen gibt es sogar eine regenbogenfarbene. Das Ergebnis sieht, sagt Lebedev zu Recht, „ziemlich verrückt und wunderschön“ aus.

(Hier gibt es übrigens die Metro-Systeme einiger Weltmetropolen im Größenvergleich. Gehört nicht ganz hierher, ist aber auch interessant.)

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Masken in der Metro

Anonymous Moscow metro

Anonym ins WLAN gehen können soll man hier bald nicht mehr, in der U-Bahn haben sie schon mal den Anmeldebildschirm fürs Gratis-Wifi so umgestellt, dass er zum Registrieren animiert. Pflicht ist das aber noch nicht, und auch Anonymous-Masken werden vorerst frei verkauft – so wie hier spät abends am Wochenende in der Metro-Haltestelle Nowoslobodskaja.

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