Russball, Folge 38: Fußball bei eisigen Temperaturen

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Was man so macht bei einer Kältewelle in Russland: Erst mal angrillen. Neben dem Gefühl, zu den ganz Harten zu gehören, nehme ich auch eine Erkenntnis mit: Irgendwann ist es so kalt, da beginnt sogar der russische Supergrillanzünder (Mit Kirscharoma! Und ner halbnackten Frau auf der Flasche!), langsam zu gefrieren. Wer den so entstandenen Slushie auf die Kohle kippt, läuft Gefahr, mit Grillanzünder das Feuer zu löschen – und damit die Ironieschallmauer zu durchbrechen.

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⚽ Was das mit Fußball zu tun hat? Viel, denn an diesem Wochenende ist nach 80 langen Tagen die russische Winterpause vorbei. Endlich wieder Liga-Fußball! Glückliche Fans rennen in die Stadien – am Sonntag bei vorhergesagten 6 Grad unter null zum Beispiel zum Lokalderby zwischen Lokomotive Moskau und Spartak. Für die Begegnung versprach Loko-Präsident Ilja Gerkus gestern schon einen Rekord mit Ansage: „Fünf Tage vor dem Spiel (…) sind mehr als 85 Prozent der Eintrittskarten verkauft. Wir können schon jetzt sagen, dass wir bei den Einnahmen aus diesem Spiel einen neuen Vereinsrekord aufstellen werden.“

Loyale Fans in Ehren, ganz unumstritten sind Fußballspiele bei Minusgraden in Russland aber nicht. Lutsch-Energija Wladiwostok zum Beispiel muss heute Abend gegen den FK Tosno ran, auch das voraussichtlich bei Temperaturen deutlich unter null. Für Trainer Aleksandr Grigoryan bedeutet das nichts anderes, als willentlich die Gesundheit von Spielern und Fans aufs Spiel zu setzen. „Was ist das für ein Fußball, wenn sich die Leute die Zehen abfrieren? (…) Fußball soll Freude bringen und keine Folter sein.“ Irgendwann, ist sich Grigoryan sicher, werde ein Spieler sich schwer verletzen oder erkranken, und dann müsse jemand die Verantwortung übernehmen.

⚽ Apropos Winterwetter: Bei Zenit St. Petersburg hatten sie sich ja ein schönes Trainingslager in Italien einfallen lassen. Flucht aus dem kaltfingerigen Würgegriff von Väterchen Frost, ab in den Süüüüden. Hat ja auch super geklappt. Nicht.

⚽ Wenn sie aus Italien zurück sind, müssen die Zenit-Jungs dann am 8. März gegen RB Leipzig ran. Da lohnt sich doch ein Blick darauf, was russische Fußballfans aus der örtlichen Fachpresse über den Europa-League-Gegner der Petersburger erfahren. Zenit-Trainer Roberto Mancini betreibt schon mal Erwartungsmanagement und spricht von einem „jungen Team mit viel Erfahrung“, das ein sehr schwieriger Gegner sein werde.

Alexander Bubnow von Sport FM hält dagegen: Im Vergleich zur letzten Saison sei Leipzig diesmal deutlich schwächer, mit 100 Prozent Einsatz könne Zenit das deutsche Team also schlagen. Als „gut organisierte, disziplinierte Mannschaft, die ergebnisorientiert spielt“ wird Leipzig anderswo beschrieben, für Fußballverhältnisse sei der junge Klub „noch ein richtiges Kleinkind“. Und Sport Express fasst zusammen: „Aktives Pressing (…), schneller Wechsel von der Verteidigung zum Angriff und viel Kombinationsspiel – in seiner aktuellen Form ist Leipzig sehr stark.“

⚽ Gerade ist in der Hauptstadt wieder ein großes Infrastrukturprojekt abgeschlossen worden, seit Montag hat Moskaus ohnehin riesiges Metronetz fünf neue Haltestellen. Auf diesem Bild sind sie als kurze, türkisfarbene Linie dargestellt:

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Vom Delowoi Zentr, der Haltestelle unter den Hochhäusern von Moscow City, kommt man nun also schneller zu den Stationen ZSKA und Petrowski Park/Dynamo. Anders gesagt: zu zwei Moskauer Fußballstadien, in denen bei der Fußball-Weltmeisterschaft nun so gar keine Spiele stattfinden. (Dynamo ist im Moment sogar nur eine große Baustelle.) Andererseits: Einem U-Bahn-System, mit dem an Spitzentagen knapp zehn Millionen Menschen unterwegs sind, tut jede Entlastung gut – erst recht im Stadtzentrum. Und wenn das Dynamo-Stadion wirklich so schick wird, wie sich das in diesem Video andeutet, dann lohnt es sich für WM-Touristen auch, da ohne Spiel einfach mal vorbeizuschauen.

⚽ Wenn das mal keine Knaller-Überschrift ist: „Russische und ausländische Fans dürfen psychotrope Substanzen zu WM-Spielen mitnehmen“. Substanz ist dann aber genau das, was dem eigentlichen Artikel fehlt. Es geht, schlicht gesagt, um Menschen, die von ihrem Arzt zum Beispiel Cannabis verordnet beommen haben. Die dürfen, wenn sie einen beglaubigten Schrieb vom Arzt dabei haben, dieses Cannabis auch im Stadion dabeihaben, jedenfalls in einer für Medizin üblichen Menge.

Was anfängt wie eine Skandalmeldung, ist Ende für fast alle Leser egal – und für einige Menschen mit Multipler Sklerose oder chronischen Schmerzen die Möglichkeit, trotz ihrer Erkrankung ein WM-Spiel zu sehen. Aber das ist natürlich sehr viel weniger spektakulär als die urprüngliche Überschrift.

⚽ Nun findet ja jeder andere Dinge attraktiv, aber: Täusche ich mich, oder ist „durchtrainierter Fußballspieler mit ambitioniertem Bart sitzt halbnackt auf seinem zerwühlten Bett und baut an einem Modellboot“ schon eine ziemlich spezifische Nische? Championat.com besetzt sie aktuell mit einem großen Interview mit Maksim Beljajew, der sich ansonsten vor allem über seine Liebe zu Büchern auslässt und in Moskaus größtem Buchladen fotografiert wurde.

Beljajew, der seine Karriere bei Lokomotive Moskau begann und aktuell bei Arsenal Tula spielt, spricht über Agatha Christie, J.R.R. Tolkien, Jules Verne und die Scifi-Romanreihe „Metro 2033“. Und wenn er dazwischen so Klopper raushaut wie „Wir brauchen einen Alleinherrscher, der alles kontrolliert, sonst gibt es Chaos“, dann scrollt man halt drei Zeilen weiter: Ob er am 18. März zur Wahl gehen wird, will der Interviewer wissen – och nö, sagt Beljajew, eher nicht, da ist bestimmt irgendwas, ein Fußballspiel oder so. Aber wenn irgendwie doch, dann natürlich Putin. Ach ja. Alleinherrscher. Dann passt’s ja.

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Zum Schluss noch was für euren Kalender: Gerade hat Russlands Nationalelf ihre Länderspielplanung fürs restliche Jahr veröffentlicht. Nach der WM im eigenen Lande ist erst mal Pause bis September, dann folgen bis Jahresende sechs Begegnungen. Eine davon wollt ihr euch vielleicht schon mal notieren: Am 15. November kommen die Russen zu einem Spiel nach Deutschland.

Sobald bekanntgegeben wird, in welcher Stadt die beiden Nationalmannschaften gegeneinander antreten, erfahrt ihr’s hier. Und falls ihr Freunde habt, die das auch interessiert, können sie sich hier für den Russball-Newsletter anmelden. Bis nächste Woche, macht’s gut!



 

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Russball, Folge 33: Thomas Müller und ein Stadion im Schnee

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Was ich letzte Woche gelernt habe: Wenn eine Russball-Folge am Dienstag Abend erst nach Mitternacht fertig wird, sollte man beim Mailversand nicht „morgen früh“ auswählen! Anders gesagt: Sorry an alle Newsletter-Leser, die statt wie gewohnt mittwochs erst am Donnerstag von mir gehört haben. Kommt hoffentlich nicht wieder vor.

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⚽ So, jetzt isset durch: Konstantin Rausch verlässt Köln und wechselt zu Dynamo Moskau – und es kostet mich als Ex-ex-ex-Kölnerin sehr viel Überwindung, hier jetzt keine nostalgischen Köln-Hymnen zu verlinken. Also schnell auf die Dynamo-Seite und nachgeguckt, was sie sich von ihrem Neuzugang versprechen: „Konstantin will in Russland spielen, um im Vorfeld der Fußball-WM vor den Trainern der Nationalmannschaft präsent zu sein, und Dynamo hat Interesse an einem starken Spieler, der das Team auf ein neues Level bringen kann.“

Ob Dynamo dank Rausch besser spielt, sehen wir erst nach dem Ende der Winterpause. Das Rausch sich verbessert hat, steht schon fest, jedenfalls statistisch: Statt fürs Tabellenschlusslicht spielt er nun immerhin für den Tabellenzwölften.

⚽ Noch vor dem Rausch-Wechsel ist die aktuelle Folge des Futbolgrad-Podcasts aufgenommen worden. Das Hören lohnt sich trotzdem – dann könnt ihr nicht nur ein paar Hintergrundinfos zu Dynamo Moskau mitnehmen, sondern auch erfahren, wie das war, als mit der Sowjetunion auch die sowjetischen Strukturen des Vereinsfußballs zerfielen.

Eine gute halbe Stunde Fußballgeschichte aus einer Epoche, über die ich zwar viel Politisches wusste, aber fast nichts Sportliches oder Sportpolitisches. Wenn auch euch das interessiert: Bei Minute 24 geht es los. (Eventuell braucht ihr ein wenig Geduld, die Seite ist recht buggy, jedenfalls, wenn man von Russland auf sie zugreift. Ansonsten gibt es die Folge aber auch bei iTunes.)

⚽ „Wer schafft es, den Erfolg von Miroslav Klose (16 WM-Tore) zu übertreffen?“, hat der offizielle Weltmeisterschaftstwitteraccount seine Follower gefragt. Das Ergebnis ist deutlich – und für die deutsche Nationalmannschaft schmeichelhaft: 36 Prozent trauen das am ehesten Thomas Müller zu, der damit knapp vor Neymar und deutlich vor Harry Kane liegt.

„Müller hat schon 10 Tore und ist (erst) 28 Jahre alt, es liegen also noch mindestens zwei Weltmeisterschaften vor ihm“, begründet ein Twitternutzer seine Wahl. Ein anderer Kommentar hat in den Tagen seit der Twitter-Abstimmung einen traurigen Beigeschmack bekommen: „Georgi Dschikija“ steht da – wohl mehr im Scherz, denn Dschikija gehört in der russischen Nationalmannschaft zur Abwehr. Neuerdings sieht es nun so aus, als ob er bei der Weltmeisterschaft überhaupt nicht zum Einsatz kommen wird: Im Spartak-Trainingslager in Dubai hat sich Dschikija verletzt – ein Kreuzbandriss. Das dauert.

⚽ Die Frage klingt absurd: Kann man eine Nationalmannschaft von der WM im eigenen Land ausschließen? Terje Svendsen, Chef des norwegischen Fußballverbandes, findet: ja. Darum hat er die FIFA aufgerufen, ihre Ermittlungen zu den Vorwürfen des staatlich geförderten Dopings im russischen Fußball zu beschleunigen. Und, falls sich der Verdacht bestätige, Russland von der WM auszuschließen.

Die Reaktion in Russland ist wenig überraschend: „völlig inakzeptabel“ seien solche Vorschläge, sagt der Chef des russischen Fußballverbands. Er droht im Gegenzug damit, sein Verband könnte nun rechtlich gegen die Norweger vorgehen.

⚽ Bei dieser Überschrift hier habe ich mich erst mal verlesen. Also: Nein, Russland schafft keinen Supercomputer an, um das WM-Wetter zu verbessern. Das Ding soll lediglich die Wettervorhersagen zur Weltmeisterschaft verlässlicher machen. Nicht ganz so spektakulär – ich hatte gehofft auf eine Mischung aus Deep Thought und diesen Flugzeugen, mit denen sie hier in Moskau Anfang Mai gerne mal die Wolken impfen, damit sie vor der Parade am 9. Mai schön außerhalb der Stadt abregnen.

So nimmt Russlands staatliches „Gidrometzentr“ also im März einen Rechner in Betrieb, der dann nicht nur für die Austragungsorte verlässlichere Prognosen bietet. Sondern auch, den mitreisenden Fans zuliebe, für die Reiserouten zwischen den Spielorten – damit Züge und Flüge verlässlich ankommen.

⚽ Auf der langen, langen To-do-Liste, die hier vor WM-Beginn abgearbeitet werden muss, steht offenbar auch: Fabriken rund um die Austragungsorte zeitweise dicht machen, wenn ein Arbeitsunfall dort zum Gesundheitsrisiko für Spieler und Fans bedeuten könnte. Kommersant zitiert aus einem Brief, den der FSB an die Leitung eines Chemiewerks in der Nähe von Nischni Nowgorod geschickt haben soll. Darin werde das Unternehmen angewiesen, von Mitte Juni bis Mitte Juli den Betrieb einzustellen.

Konkret geht es dem Brief zufolge um alle Prozesse mit „gefährlichen chemischen und biologischen Stoffen, radioaktiven, giftigen und explosiven Substanzen.“ Manche Unternehmen, die diesen Brief erhalten haben, sind naturgemäß wenig amüsiert – Arbeiter im Zwangsurlaub, dazu Gewinnausfälle, die zum Beispiel das Werk bei Nischni Nowgorod im Millionenbereich veranschlagt. Firmen, die den Betrieb nicht einfach einstellen können, sollen sich in einer Stellungnahme für den FSB dazu äußern, mit wie vielen Opfern und welchen Umweltschäden bei einem Unfall während der WM zu rechnen wäre. (Den ganzen Bericht mit Stellungnahmen weiterer Firmen gibt es hier.)

⚽ Minus 9 Grad sind es draußen, während ich das hier schreibe. Der Winter in Russland ist mir – kalte Finger hin, beschlagene Brille her – ans Herz gewachsen. Schon allein, weil er solche großartigen Schneefotos möglich macht wie das hier von der Arena in Rostow. Brasilien, Kroatien, Island, Mexiko, Uruguay, Saudi-Arabien, die Schweiz und Südkorea dürfen hier zu Gruppenspielen antreten. Deutschland leider nicht.

⚽ Von steigenden Hotelpreisen während der WM war hier ja neulich schon mal die Rede. Jetzt hat die BBC mal ein Auge auf die Preise für Privatunterkünfte geworfen: Was, wenn man als WM-Tourist eine Wohnung oder ein ganzes Haus mieten will? Klar, auch da sind die Preise während der WM deutlich höher als sonst, manchmal sogar richtig dreist. 44.000 Dollar für knapp zwei Wochen in einem mittelprächtigen Appartment in Saransk? Echt jetzt?

Interessant an dem BBC-Bericht ist vor allem, welche Marktmächte da im Spiel sind: Hotelpreise werden staatlich reguliert. Das heißt nicht, dass es nicht auch hier Abzocker gibt, aber sie müssen zumindest fürchten, erwischt und öffenlich angepragert zu werden. Vermieter von Privatunterkünften sind solchen Regeln nicht unterworfen. Das ist das eine. Das andere, so die BBC, sei ein gefühlter Mangel an Übernachtungsmöglichkeiten: Einige russische Hoteliers hätten sich von großen Buchungsplattformen wie Booking.com inzwischen zurückgezogen. Wenn ein Kunde dort angezeigt bekommt, dass es zum Zeitpunkt seiner Reise kaum noch Hotelzimmer gibt, muss das also nicht unbedingt stimmen. Doch wenn er das nicht weiß, weicht er eben eher auf eine Mietwohnung aus.

⚽ Keine Woche vergeht hier im Moment, ohne dass sich jemand zum Thema „Gehälter im russischen Profifußball“ äußert. Neulich noch der Vorschlag, sie auf 30.000 Rubel runterzuschrauben – ihr erinnert euch. Diesmal ist also Denis Gluschakow dran mit einer Wortmeldung.

Profifußballern zahle man „zu früh zu viel Geld“, findet der russische Nationalspieler. Das Ergebnis seien dann Spieler, die zu sehr von sich überzeugt seien und nicht mehr an sich arbeiteten. Gluschakows Vorschlag darum: Lieber umverteilen und künftig mehr Geld in die Hand nehmen für Trainer von Kinder- und Jugendmannschaften.

⚽ Dann hat sich noch ein Haufen Zahlen in der vergangenen Woche in meinen Bookmarks gesammelt. Damit das hier nicht ausufert, eine kleine Stichwortliste:

– 6,9: Der Wert der Infrastruktur, die derzeit in Russland für die Fußball-WM aufgebaut wird, in Milliarden Euro
– 10: Zahl der regenbogenbunten Boote, die Fußballfans hier im Sommer auf der Moskwa hin- und herschippern sollen
– 72,1: Die Einnahmen (in Millionen Euro), die sich die russische Post vom Verkauf ihrer WM-Briefmarken verspricht
– 77: Auch das sind Millionen Euro, in diesem Fall der Gewinn, den Zenit St. Petersburg im Jahr 2016 gemacht hat. Laut UEFA-Statistik bedeutet das Platz 1 im Ranking der profitabelsten Fußballclubs Europas. Danke, Hulk! Danke, Shanghai!
– 350: Zahl der Kassiererinnen (es sind meist Frauen) in der Moskauer Metro, die 2017 eine 72-stündige Englisch-Fortbildung gemacht haben, um besser auf die Fragen von WM-Touristen vorbereitet zu sein

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Zum Schluss noch was Buntes, Nostalgisches, leicht Abwegiges. Subbuteo hat mit richtigem Fußball so viel gemein wie Gummitwist mit rhythmischer Sportgymnastik. Aber diese Übersicht der Spielfiguren, die man in den Siebzigern als Subbuteo-Spieler kaufen konnte, ist so farbenfroh, die muss hier einfach noch mit rein.

Euch noch eine bunte Woche, und bis zum nächsten Mal!



 

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Russball, Folge 27: Das DFB-Fan-Camp in der Moskauer Pampa

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Doping. Rassismus. In dieser Russball-Woche müssen wir mal wieder über die großen Probleme des russischen Fußballs reden. Aber keine Bange – es geht auch um Geld, um Fußball im Schnee, um DFB-Werbung für eine Moskauer Fan-Unterkunft und um Schadenfreude.

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⚽ Ach komm, dann fangen wir mit der Schadenfreude auch direkt an. Deren Anlass ist, natürlich, die Champions-League-Begegnung zwischen dem FC Liverpool und Spartak Moskau. Liverpool hat sowas von gewonnen7:0, ein Fiasko für Spartak. Noch nie ist ein russischer Verein in einem europäischen Wettbewerb so abgewatscht worden. Dmitri Alenitschew, bis vergangenes Jahr Spartaks Trainer, spricht von einem Schock und einem inakzeptablen Ergebnis. Rekordnationalspieler Alexander Kerschakow sieht die Niederlage als Beleg dafür, wie schwach der russische Vereinsfußball im Allgemeinen ist. „Die russische Titanic“, titelt Sport Express.

Und was machen die russischen Fußballfans aus der Niederlage? Klar doch: Witze. Der hier zum Beispiel macht gleich in mehreren Versionen die Runde:

Der hier spricht für sich selbst:

Und der hier ist zwar nicht von einem Russen, gewinnt aber den Preis für die steilste These:

⚽ Parallel zu den Begegnungen der Champions League gibt es die Jugendliga der UEFA, bei der dieselben Vereine gegeneinander antreten, diesmal aber auf U19-Level. Und da hat es allem Anschein nach einen schweren rassistischen Vorfall gegeben. Schon bei der Hinrunde zwischen Liverpools U19-Mannschaft und der von Spartak hatte es rassistische Rufe der Spartak-Fans gegen Bobby Adekanye gegeben, Spartak musste zur Strafe sein Stadion teilweise sperren. Nun stand die Rückrunde an, und diesmal ist es ein Spartak-Spieler, der ausfällig geworden sein soll: Leonid Mironow, ausgerechnet der Kapitän, soll Rhian Brewster rassistisch beleidigt haben.

Wichtig wird in den nächsten Tagen nicht nur, ob die UEFA diesmal deutlicher reagiert als bei dem Vorfall im Hinspiel. Natürlich sind solche rassistischen Attacken das Letzte, was Russland ein halbes Jahr vor der WM braucht. Gegen Mironow läuft nun ein Verfahren, sein Agent dementiert. Das Schlusswort aber gehört diesem Liverpool-Fan, der aus dem Champions-League-Spiel und der U-19-Begegnung ein knappes Fazit zieht:

⚽ Apropos Rassismus: Ihr erinnert euch an das Banner einiger Zenit-Fans, die meinten, den serbischen Kriegsverbrecher Ratko Mladic feiern zu müssen? Die UEFA hat reagiert, Zenit darf beim nächsten Spiel in einem europäischen Turnier keine Karten für den Sektor verkaufen, in dem das Banner hing. Stattdessen soll dort ein Antidiskriminierungs-Slogan wehen. Außerdem zahlt der Verein eine Geldstrafe: 10.000 Euro.

⚽ Dass Zenit hier nicht nur mit einer Negativschlagzeile auftaucht, hat der Verein Branislav Ivanović zu verdanken. Dessen Fallrückzieher-Tor in der Europa League gegen Real Sociedad war so schön – na, guckt halt selbst. Zucker.

⚽ Hilft ja nichts, wir müssen über Doping reden. Wieder mal. Also, eine Bestandsaufnahme: Das IOC hat Russland von den Winterspielen in Südkorea ausgeschlossen, nachweislich saubere russische Sportler dürfen aber unter neutraler Flagge antreten. Witali Mutko darf ein Leben lang keine olympischen Sportveranstaltungen mehr besuchen – derselbe Mutko, der als Russlands ranghöchster Fußballfunktionär der Oberorganisator der russischen Fußball-WM ist.

Was heißt das jetzt? Kommt drauf an, wen man fragt. Für die FIFA hat die Sperre „keinen Einfluss auf die Vorbereitungen“ für die WM – bitte gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen. Für Wladimir Putin heißt es möglicherweise, dass er mit dem „Wir gegen den Rest der Welt“-Argument noch mehr Zustimmung für seine Wiederwahl bekommt. Russische Sportler und Sportfunktionäre sehen eine politische Entscheidung. Und Mutko? Der staatlichen Nachrichtenagentur TASS hat er gesagt, dass er jederzeit zum Rücktritt bereit ist – wenn es nötig ist. Aber darüber müsse man im Moment ja nicht reden.

⚽ Mir ist ein Werbelink für das deutsche Fan-Camp in die Hände gefallen. Das „DFB-Reisebüro zusammen mit dem Fan Club Nationalmannschaft powered by Coca-Cola“ bietet deutschen WM-Reisenden an: Unterkunft in einem russischen 4-Sterne-Hotel, aus Deutschland angereiste Orga- und Sicherheitsleute, Public Viewing und andere Bespaßung. Gerade, wer vielleicht unsicher ist, ob er sich in einer Großstadt und mit der fremden Sprache zurechtfindet, kann hier auf Nummer sicher gehen.

Stutzig gemacht hat mich allerdings der Ort, den das „DFB-Reisebüro zusammen mit dem Fan Club Nationalmannschaft powered by Coca-Cola“ sich ausgesucht hat. Das Holiday Inn Winogradowo wird beworben als „durch die öffentlichen Verkehrsmittel optimal an das lebendige Zentrum Moskaus angeschlossen“. Das stimmt allerdings nur, wenn man „optimal angeschlossen“ definiert als: Fußweg zur Bushaltestelle, Viertelstunde Busfahrt, Fußweg zur Metro, halbe Stunde Metrofahrt, umsteigen, noch mal eine Station mit der Metro fahren, dann wieder Fußweg. Das sind knapp anderthalb Stunden, um vom Hotel des „DFB-Reisebüros zusammen mit dem Fan Club Nationalmannschaft powered by Coca-Cola“ bis zum Roten Platz zu kommen.

Wer noch genauer wissen will, wie weit draußen dieses Hotel liegt, kann dabei das nützliche russische Wort „Oblast“ lernen. Es heißt sowas wie „Landkreis“ oder „Umland“, die Moskauer Oblast beginnt also da, wo Moskau endet. Dieses Holiday Inn, noch weiter nördlich vom Zentrum als der Ikea in Khimki – also, ich war mir sicher, dass das schon Moskauer Oblast ist. Aber nein: Genau hier streckt das Stadtgebiet (ähnlich wie damals Stefan Effenberg) einen langen Finger nach oben aus: Links und rechts ist längst Oblast, aber das Hotel des „DFB-Reisebüros zusammen mit dem Fan Club Nationalmannschaft powered by Coca-Cola“ liegt in einem schmalen Moskau-Korridor. Ich hab das hier mal mit Windows Paint einem hochprofessionellen Bildbearbeitungsprogramm eingezeichnet – rot schraffiert ist die Moskauer Oblast:

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Guckt man bei Tripadvisor, was Gäste an diesem Hotel kritisieren, klingt das so: „abgelegen (nur mit Auto zu empfehlen)“ – „praktisch keine öffentlichen Verkehrsmittel“ – „it would be a nightmare to even think of getting there by public transport“. Optimal angeschlossen ist anders. Kreativ noch dem Moskauer Stadtgebiet zugeschlagen stimmt aber definitiv.

⚽ Der Daily Telegraph hat einen Scoop zu Rubin Kasan: Offenbar hat der Club, der immerhin in Russlands oberster Liga spielt, seit Monaten seine Spieler nicht mehr bezahlt. Mehr als 11 Millionen Euro in ausstehenden Gehältern sind es laut Telegraph; der Absatz über Rubins Führungsriege liest sich wie das Skript für eine Klischee-Soap über Russland: „Präsident Radik Schaimijew steht auf Platz 88 auf der Liste der reichsten Männer in Russland. Kuratoriumsvorsitzender ist Rustam Minnichanow, Präsident von Tatarstan und ein Verbündeter von Präsident Wladimir Putin. Rubins Sportdirektor ist Rustem Sajmanow, der im Zusammenhang mit einem Mord verhaftet wurde und im Gefängnis saß.“

Nach Deutung des Telegraph entsteht aus der Finanzkrise das Risiko, dass Rubins Leistungsträger abgeworben werden. Kasans Lokalmedien halten sogar eine gezielte Strategie für möglich: „Vielleicht will der Klub so diejenigen Legionäre loswerden, die nutzlos und teuer sind?“, fragt Wetschernjaja Kasan. Vom Verein gibt es bisher nur ein dünnes „Kein Kommentar“, ein Agent, der mehrere Rubin-Spieler vertritt, hat die Zahlungsrückstände aber bestätigt. Und bei Werder fragen sie sich schon mal, ob Maxime Lestienne unter den Bedingungen nicht vielleicht nach Bremen wechseln möchte.

⚽ Schon mal von den Ewenken gehört? Nein? Dann vielleicht von den Dolganen? Auch nicht? Beides sind Völker, die zu den russischen Ureinwohnern gehören und vorwiegend in Sibirien leben. Wie es aussieht, wenn da jemand im Dezember auf die Idee kommt, ein informelles kleines Fußballturnier zu organisieren? Na, so:

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Zum Schluss noch dies hier: Wenn schon Hotelbesitzer und Fluglinien ihre Preise erhöhen, um von der Fußball-Weltmeisterschaft zu profitieren, dann bleibt das Umland von St. Petersburg (volle Punktzahl für alle, die jetzt gerade „Ah, Oblast!“ gedacht haben) auch nicht untätig. Dort erwägen Lokalpolitiker darum nun, während des Turniers die Steuern für Buchmacher zu verdoppeln. Gewettet wird schließlich immer, erst recht während großer Turniere. Gut möglich, dass andere russische Regionen nachziehen und eine ähnliche Regelung einführen.



 

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Troika am Finger: One ring to ride them all

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Dem russischen Winter begegne ich in diesem Jahr mit zweifachem Tuning am eigenen Körper. Zum einen Kontaktlinsen, nach Jahren mal wieder – weil es einfach nervt, wenn du von Mitte November bis Mitte März kein Gebäude betreten kannst, ohne erst mal blind zu sein. Und zum anderen ein neuer Ring. Knatschblau, aus Keramik, glänzend.

Wer ihn gegen das Licht kippt, sieht den Schriftzug: „Troika“, das ist für Moskau, was für London die Oyster Card ist – eine aufladbare Guthabenkarte für Bus und U-Bahn. „Payring“ steht auch noch drauf, das ist der Hersteller mit Sitz in Moskau.

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Direkt nach der Sache mit den beschlagenen Brillengläsern nervt kaum etwas so sehr, wie im Winter am Metro-Eingang zu stehen und den Verkehr aufzuhalten, weil erst wieder Hand-, Hosen- und Jackentasche nach der Troika-Karte durchsucht werden müssen, gerne auch zweimal. Seit die Moskauer Metro vor einigen Wochen verkündet hat, dass es die Troika nun auch als Ring geben soll, hab ich immer mal wieder versucht, einen zu bekommen.

Die Antwort war immer entweder „Haben wir noch nicht“ oder „Haben wir nicht mehr.“ Bis zu dem netten Mann am Souvenirstand in der Metrostation Kiewskaja: „Troika-Ringe? Wir haben nur blaue, und nur Größe 17 oder 21, aber die können sie gerne mal anprobieren.“

2200 Rubel und keine fünf Minuten später gehe ich frisch beringt zur Kasse, um meinen Ring aufzuladen. Dazu muss man ihn erst mal wieder ausziehen und einer milde desinteressierten Kassiererin aushändigen – Aufladen am Automaten kann man den Ring im Gegensatz zur Karte nicht, dazu müsste man ihn in den flachen Kartenschlitz reinquetschen. Aber wenn nicht gerade Rush-Hour ist, kommt man ja auch an der Kasse schnell dran.

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Dann der erste Test: An der Schleuse kurz vor der Rolltreppe, wo man sonst seine Karte hinhält, wedle ich mit dem Ringfinger rum – nichts. Nochmal – nichts. Aber schon beim nächsten Versuch klappt es: Der Trick ist, eine Faust zu machen und die dann, Handrücken nach oben, gerade vor das Kartenlesefeld zu halten. Kein Wackeln, kein Wedeln – die Schleuse schwenkt auf.

Ich fahre an diesem Tag noch ein paar Mal Metro, immer mit dem ganzen Tamtam: hochfahren, rausgehen, wieder reinkommen. Jedes Mal klappt das Bezahlen mit dem Ring problemlos, solange die Handhaltung stimmt. Ein bisschen nervig nur: An den Schleusen vor der Rolltreppe hält man die Karte normalerweise an den Pfosten rechts von sich. Ich trage den Bezahlring aber links, weil rechts schon der Ehering steckt.

Also, jedes Mal den Arm vorm eigenen Körper querhalten zum Durchschleusen – das braucht ein bisschen Training, bis es sich nicht mehr seltsam anfühlt. Andererseits: Jeder Linkshänder macht das mit seiner Troika-Karte schon lange genau so. Kein großes Ding.

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Wichtig auch: In den Eingangshallen der Metro – der Russe sagt „Vestibül“, weil er französische Lehnwörter liebt – hängen gelbe Kästen mit Bildschirm, an die man seine Troika-Karte halten kann, um zu sehen, wie viel Geld noch drauf ist. Hier dauert es zwei, drei Versuche, bis das Gerät meinen Ring erkennt und richtig anzeigt, was er noch an Rubeln auf sich hat. Aber was soll das schon, wenn die Schleuse in der Metro ebenfalls anzeigt, was nach dem Durchgehen noch an Guthaben bleibt?

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Den Bus-Test besteht der Troika-Ring ebenfalls: Hand dahin am Drehkreuz halten, wo man sonst die Karte platziert, und sofort geht das grüne Licht an und das Kreuz lässt sich drehen. Kein Gewarte, kein Hantieren, keine unangenehme Schlange hinter mir.

Bleiben noch auf der persönlichen Testliste: Straßenbahn, Oberleitungsbus, Flughafenschnellzug. Alles Verkehrsmittel, die man mit der Karte bezahlen kann, also auch mit dem Ring bezahlen können soll. Wahrgenommen habe ich ihn ohnehin nur die erste Stunde oder so – ich trage gerne Ringe, also fühlte sich auch die Bezahlvariante nicht wie ein Fremdkörper an. Und wer weiß: Wenn hier in Moskau demnächst richtiger Winter ist, also -25 statt nur -5 Grad, dann probiere ich mal, ob der Ring auch durch Handschuhe hindurch funktioniert.

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Russball, Folge 19: Würdet ihr mit dieser Frau eine WM-Unterkunft teilen?

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Wenn keiner deiner Freunde dich mehr in Moskau besuchen kommen will, dann weißt du: Es ist Herbst. Zeit, all die Restfahrten auf den zurückgebliebenen Metrotickets aufzubrauchen und statt zweimal nur noch einmal die Woche ins georgische Restaurant zu gehen. Nachsaison.

Was im Privatleben stimmt, sieht im offiziellen russischen Terminkalender allerdings ganz anders aus. Mitte November kommt die spanische Nationalmannschaft zu einem Freundschaftsspiel ins St. Petersburger Stadion – ja, genau, das mit dem Dachschaden. Und für einen noch unklaren Termin vor Jahresende hat sich auch der britische Außenminister Boris Johnson angesagt – ja, genau, der mit dem Dachschaden. Ich weiß jedenfalls, bei welchem Besuch ich lieber dabei wäre.

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⚽ Diese Fußball-Woche hat mit einer ziemlich steilen Lernkurve für mich angefangen. Aus russischen Medien war zu erfahren, dass es eine isländische Website namens „The Reykyavik Grapevine“ gibt, und dass diese wiederum weiß, wo die frisch qualifizierten Isländer während der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland wohnen wollen: Gelendschik soll Islands Fußballverband (Knattspyrnusamband Íslands. Nein, ich denk mir das nicht aus.) sich auserkoren haben, einen Ort nicht weit von Sotschi. Da war ja beim Confed-Cup die deutsche Nationalmannschaft untergebracht und liebäugelt mit der Idee, dort auch nächstes Jahr wieder zu wohnen.

Nicht nur stößt man beim Rumlesen auf „The Reykyavik Grapevine“ auf schwarzhumorige Überschriften wie „Verunglückte Schweine durften sich erst mal ausruhen, ehe sie geschlachtet wurden“. Man erfährt auch, dass das WM-Hotel zwar „nicht ganz wie Walhalla“ ist, aber immerhin von der FIFA empfohlen wird. Auf deren Seite ist das Hotel „Nadeschda“ bereits als komplett ausgebucht markiert. Schnell noch ein Blick auf den Instagram-Account des Hotels: Sowjetsoldaten. Sideboob. Die Frau mit dem blauen Haarnetz. Ich habe so viele Fragen.

⚽ Einem russischen TV-Bericht zufolge sollen neben Island und England (siehe Russball-Folge 18) noch einige weitere Teams bereits wissen, wo sie ihr WM-Quartier einrichten wollen. Russland behält selbstverständlich seinen Standort in Nowogorsk, nordwestlich von Moskau. Der Iran hat sich Kaluga, 200 Kilometer weiter südlich, ausgesucht, während Brasilien und Spanien sich wie die Isländer für die Region Krasnodar, also das Gebiet rund um Sotschi, entschieden haben sollen.

Wäret ihr ein Fußballverband und auf der Suche nach einem Quartier für euer Team, wäre übrigens das hier die Website eurer Wahl: http://tbc-russia2018.com/ – „tbc“ steht für „Team Base Camp“. Dort könnt ihr mehr als 60 mögliche Standorte anschauen, nach Regionen sortieren, nach Sonderwünschen filtern und untereinander vergleichen: Wie viele Zimmer, wie viele Sterne, wie weit vom Flughafen? Aber auch: Wie weit zum Trainingsplatz, und können Paparazzi oder neugierige Fans ihn einsehen? AirBnB für Nationalmannschaften.

⚽  Alisa ist keine Spielerfrau, hat aber trotzdem mit Fußball zu tun. Was Siri für Apple ist und Alexa für Amazon, das soll Alisa für Yandex sein, Russlands großen Technologiekonzern. Man kann die App also zum Beispiel fragen: „Alisa, wie viele Menschen leben in Moskau?“, und Alisa sagt dann „In Moskau leben 12 380 664 Menschen.“ Alles ganz einfach?

Nicht so ganz. Denn bei Fußballfragen bekommt Alisa Loyalitätsprobleme, das ist gleich mehreren Nutzern aufgefallen. „Magst du ZSKA?“, hat jemand sie gefragt – „Ich liebe ZSKA“ – „Und wer wird russischer Fußballmeister?“ – „Zenit.“ Auch auf Fragen nach Spartak antwortet Alisa mit Zenit-Parolen – Details dazu hier. Probehalber habe ich sie dann noch gefragt, ob Russland denn wohl nächstes Jahr Fußball-Weltmeister wird. Diplomatische Antwort: „Das sehen wir ja dann.“

⚽ Wie sehr Zenit St. Petersburg die Premjer-Liga dominiert, davon war hier ja schon das ein oder andere Mal die Rede. Ein Ergebnis vom vergangenen Spieltag verdeutlicht das nun noch mal ganz besonders, obwohl es auf den ersten Blick gar nicht für eine starke Zenit-Leistung spricht: Es war ein 0:1 gegen Arsenal Tula. Das ist ein Verein, den man (ganz im Gegensatz zu Zenit) eher im Mittelfeld der Tabelle findet.

Warum das Resultat trotzdem ein Beleg dafür ist, wie viel stärker Zenit im Vergleich zur Konkurrenz ist? Weil es die erste Niederlage des Vereins in der aktuellen Saison war. Zwölf Spieltage lang nur Siege oder mal ein Unentschieden, erst am 13. musste die Mannschaft sich wieder mit dem Gefühl auseinandersetzen, als Verlierer vom Platz zu gehen.

⚽  Vom Tabellenersten Zenit zum aktuellen Schlusslicht. Bloß neun Punkte hat Anschi Machatschkala in 13 Spielen gesammelt, als einzige in der Liga hat die Mannschaft aus Dagestan damit eine zweistellig negative Tordifferenz, nämlich -17. Russian Football News hat Gründe dafür gesammelt, vom abrupten Trainerwechsel nach nur sechs Spielen über weggekaufte Spieler bis hin zu Problemen bei der Chancenverwertung. Die ganze Analyse, mit allerlei bunten Diagrammen, gibt es hier. Und wer sich beim Blick auf die Überschrift „Anzhi, are you OK?“ fragt, woran die noch mal erinnert: Bitte hier ab 1:40 beim Refrain mal gut zuhören.

⚽  Zur Fußball-Weltmeisterschaft wird in Moskau das Angebot an kostenlosem WLAN weiter ausgebaut. In der Metro, im Bus, in Cafés und Restaurants gehört das schon jetzt zum Standard, nun sollen drei weitere Bereiche mit Gratis-WIFI versorgt werden: Moskaus Straßen, Kultureinrichtungen, und öffentliche Anlagen wie Universitäten und Parks.

Laut Wedomosti sind Ausschreibung und Vergabe soweit erledigt (drei separate Betreiber für die drei Bereiche, das kann noch lustig werden). Interessant ist aber vor allem die Frage, für wen und für wie lange diese Infrastruktur überhaupt sinnvoll ist. Mit den vielen WM-Gästen steige die Belastung der Mobilfunknetze, schreibt das Blatt, das Gratis-WLAN solle sie entlasten und den Fans hohe Roamingkosten ersparen. Andererseits werde nach der Weltmeisterschaft das Interesse wohl stark nachlassen, zitiert Wedomosti einen Experten: Vor allem in der Moskauer Innenstadt ist die LTE-Abdeckung gut, und mobiles Internet ist hier ohnehin billig.

⚽  Statistiken gehören zum Fußball dazu – Ballbesitz, Schüsse aufs Tor, gelbe Karten, rote Karten. Bombardir.ru hat allerdings eine kleine Kollektion eher ungewöhnlicher Daten zu Russlands oberster Fußball-Liga gesammelt. Und so halten wir hier einmal kurz inne und schicken warme Gedanken voller Mitgefühl an Eric Bicfalvi. Der Rumäne von Ural Oblast Swerdlowsk ist aktuell der meistgefoulte Spieler im russischen Premjer-Liga-Fußball. 4,1 mal pro Match muss er sich wieder aufrappeln, nachdem ihn ein Gegner umgenietet hat. In der bisherigen Spielzeit sind so schon 45 Fouls an Bicfalvi zusammengekommen.

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Zum Schluss noch eine Runde nutzloses Wissen, präsentiert von der Taschenrechner-App auf meinem Handy: Selbst wenn alle 334.252 Isländer nächsten Sommer kollektiv zur Weltmeisterschaft nach Russland reisen, dann kriegen sie gerade mal die Hälfte aller WM-Stadien voll. Wenn ihr diesen Fakt demnächst beim Fußball-Fachsimpeln mit Freunden erwähnt, dann weist sie doch gerne auch direkt auf dieses Blog und den Russball-Newsletter hin. Danke!



 

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Confed-Cup in Russland: Angenommen, man wollte ein Fußballspiel sehen…

Noch zwei Monate bis zum Confed-Cup in Russland, und Witali Mutko ist unzufrieden. Statt 700.000 Eintrittskarten erst rund 200.000 verkauft, berichtete der frühere Sportminister und aktuelle Chefplaner des Turniers, und das zwei Monate vor dem Eröffnungsspiel.

Es mag daran liegen, dass die Karten nicht gerade günstig sind, erst recht gemessen an einem russischen Durchschnittsgehalt. Zwar ist die „Kategorie 4“ mit den die billigsten Tickets für Russen reserviert, zu ihr gehören aber auch nur wenige Plätze. Es mag an der kleinen Besetzung eines Confed-Cups mit gerade mal acht Mannschaften liegen. Oder an all den Hürden, die man als Fan so nehmen muss, um bei einem Spiel dabei zu sein.

Wer beim Confed-Cup (oder nächstes Jahr bei der Fußball-WM) ins Stadion will, der muss nicht bloß eine Karte kaufen – und dabei online innerhalb von 15 Minuten mehr personenbezogene Daten preisgeben als man braucht, um etwa einen Flug von Moskau nach Düsseldorf zu buchen. Geld und Datensatz reichen der FIFA nicht, es braucht zusätzlich noch die sogenannte Fan-ID.

FIFA Russland FAN-ID

Die erteilt die FIFA im Tausch gegen, na klar: noch mehr Daten, einschließlich Foto. „Der Hintergrund,“ mahnt sie, „muss das Gesicht hervorheben sowie gleichmäßig und wünschenswerterweise hell sein“. Aber gerne doch. Hochgeladen. Und tatsächlich kommt keine 24 Stunden später die SMS: Die Fan-ID ist fertig.

Wer sich nicht auf die russische Post verlassen will (und wer will das schon), muss die Fan-ID abholen. Nicht etwa an einem der großen Fußballstadien, in einem Einkaufszentrum oder einem Büro irgendwo am Roten Platz, das wäre ja einfach. Nein, das „Fan ID Distribution Center“ ist in einer dieser Nebenstraßen, die niemand findet, der nicht gründlich sucht. Nicht weit von der Metrostation „Pawelezkaja“ und dem dazu gehörenden Fernbahnhof – mit genug Ausgängen, um erst mal zwei, drei falsche zu erwischen. Darum hier ein kleiner Laufzettel:

Auf dem Metro-Bahnsteig an den Schildern Richtung Domodedowo (auch in kyrillischer Schrift gut zu erkennen) orientieren. Es geht die Rolltreppe hoch…

FAN-ID Russland Confed Cup Metro

…durch die Schleusen…

FAN-ID Russland Confed Cup Aeroexpress

…und dann hinaus aus dem Gebäude. Netterweise zeigt ein Automat der Alfa-Bank im WM-Design den Weg.

FAN-ID Russland Confed Cup Bahnhof

Apropos Banken: Draußen rechts abbiegen, und nach ein paar Schritten sieht man bereits das Gebäude der Rosinterbank. Da drauf zuhalten, bis man sieht, dass im Erdgeschoss…

FAN-ID Russland Confed Cup Bankgebäude

…Burger verkauft werden. Hier muss der Confed-Cup-Möchtegern-Fan rechts um die Ecke.

FAN-ID Russland Confed Cup Burger King

Jetzt sind wir auf der Letnikowskaja-Straße und suchen nach Hausnummer 10, Gebäude 4. (Hausnummern sind in Russland oft noch mal unterteilt). Wer links den Wikimart sieht, ist richtig…

FAN-ID Russland Confed Cup Wikimart

…wer vor dieser Leitung steht, zu weit.

FAN-ID Russland Confed Cup Gasleitung

Das liegt daran, dass ausgerechnet Haus Nummer 10 ein Stück von der Straße zurück liegt. Alles nicht so einfach. Also: zurück, und dann an dem großen Gebäude mit der 10 links vorbei.

FAN-ID Russland Confed Cup abholen

FAN-ID Russland Confed Cup Eingang

Natürlich ist, im Gegensatz zum Geldautomaten, das Fanzentrum nicht im Design der WM und des Confed-Cup gestaltet, das wäre ja auch zu einfach. Trotzdem beginnt nun der leichte Teil der Exkursion. Am Eingang ein Automat, an dem ich Fan in fünf Sprachen eine Nummer ziehen kann. Sicherheitshalber steht auch noch ein Helfer daneben, der einem den einzig nötigen Tastendruck abnimmt. Betreutes Warten.

FAN-ID Russland Confed Cup Schalter

35 Schalter, eine Handvoll von ihnen besetzt, außer mir will sich gerade nur ein anderer Fan von der FIFA bescheinigen lassen, dass er existiert. Auf Bildschirmen läuft der russische Sportsender „Match“, Ufa spielt gegen Spartak. Keine zwei Spielzüge, schon blinkt meine Nummer auf, eine freundliche Frau lässt sich den Pass zeigen und lobt das hochgeladene Foto: „Ja, das geht, da müssen wir kein neues machen. Dann mache ich die ID jetzt fertig und rufe Sie wieder auf.“ Großartiges Englisch, professionelle Freundlichkeit. Wer es als Fan einmal bis hierher schafft, der muss sich über den Rest keine Gedanken mehr machen.

Kurz darauf stehe ich vor dem Haus und verstaue die laminierte Karte samt Umhängeband in der Tasche, als mich die Frau vom Schalter anspricht. „Na, gefällt Ihnen Ihr Ausweis?“ Sie stellt sich als Alex vor und erzählt eine dieser Biografien, wie ich sie schon oft in Russland gehört habe (fast immer von Frauen, die sich mit Vehemenz und viel Initiative hinter ihre Ausbildung geklemmt haben): Im zweiten Schuljahr habe sie beschlossen, dass Englisch die Sprache ihres Lebens sei und alles daran gesetzt, sie perfekt zu beherrschen. Nein, keine Auslandsaufenthalte, alles nur Selberlernen.

In Zukunft, sagt sie noch, soll man seine Fan-ID dann auch am Flughafen abholen können – und meint damit wohl eher bei der Fußball-Weltmeisterschaft als noch beim Confed-Cup. Spätestens dann muss also niemand mehr diesen Hinterhof in einer Seitenstraße finden, bloß um ein Fußballspiel besuchen zu dürfen. „Vielleicht sehen wir uns ja im Stadion, wenn unsere Mannschaften gegeneinander spielen“ sagt Alex zum Abschied. „Hoffentlich im Finale“, antworte ich.

FAN-ID Russland Confed Cup Bändel

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Wo Moskau seinen Düsseldorf-Park versteckt

Düsseldorf-Park Moskau

Moskau und Düsseldorf sind Partnerstädte, schon seit mehr als 20 Jahren. Als Knapp-neben-Düsseldorf-Geborene und Heute-in-Moskau-Lebende fand ich es natürlich interessant, ob man das abseits von Delegationen und Terminen hier irgendwo merkt. Gibt es einen Hauch von Düsseldorf im Moskauer Alltag? Also, abgesehen von der Tatsache, dass auch hier Bier und Eishockey populär waren. Irgendwann hörte ich von diesem Ort, dann kam auch noch ein freier Tag dazu. Zeit für eine Mission – schließlich sind Livetweets nicht nur bei großen Nachrichtenlagen interessant.

Für den ersten Streckenteil schlug Google Maps einen von Moskaus schicken neuen „Magistral“-Bussen vor – besonders schnell, besonders modern, besonders blau lackiert. Seit der letzten Fahrplanumstellung gibt es diese Magistrals, die weniger oft halten und einen dafür zügig von A nach B bringen. Und zügig ist, wenn ich so auf meinen Stadtplan blicke, eine gute Sache.

Die Strecke führt erst mal durchs Zentrum – vorbei an der Leninbibliothek, an Alexandergarten und Kreml zur Rechten und Duma und Bolschoi-Theater zur Linken. Endstation ist an der Metro-Haltestelle Kitai-Gorod, immer noch zentral. Aber ich kann mich nicht erinnern, hier schon mal in die violette Linie gestiegen zu sein. Denn die ist, wenn man nicht gerade mal dringend vom Puschkindenkmal zur Geheimdienstzentrale will, für wenig gut.

Bei Twitter melden sich unterdessen allerlei Leute mit Düsseldorf-Bezug. Gemeinsam schmieden wir Pläne für die Umbenennung einer Düsseldorfer U-Bahn-Station und betreiben meteorologische Vergleiche. Nebenbei lerne ich außerdem, wo Düsseldorf noch so Partnerstädte hat.

Ich steige da aus, wo die Gestaltung der Metrostationen mit deutlich weniger Enthusiasmus betrieben wird als in den unterirdischen Palästen im Stadtzentrum: In Textilschtschiki. Früher ein eigenständiger Ort, in dem Textilarbeiter lebten. Seit 1960 ein Moskauer Stadtteil voller Wohnhochhäuser.

Hier fühlt es sich nach Vorort an, und Fußgänger sind ganz furchtbar egal: Um von der Metro zur Bushaltestelle zu kommen, tauche ich erst verwirrt durch dieselbe Unterführung hin und her, gehe dann querfeldein zwischen zwei Gebäuden hindurch und muss schließlich noch ohne Ampel eine sechsspurige Straße überqueren. Dafür ist der Bus Nr. 350 dann erst mal weg. Zwanzig Minuten warten bis zum nächsten – als Moskauer Innenstadtbewohnerin ziemlich ungewohnt.

Hier draußen heißen die Bushaltestellen ganz profan „Ljublinskajastraße 139“ oder „Pererwastraße 50“ – keine Sehenswürdigkeiten, auch sonst kaum Bemerkenswertes. Nur Bettenburgen, Schnee, Schlaglöcher und der wackere Bus, der tatsächlich irgendwann da hält, wo ich raus will. „Djusseldorfski Park“ steht auf dem Schild, und daneben gibt es gleich ein paar Verbote, fürs Heimatgefühl.

Akkurat umzäunt ist der Park, hinter dem Gitter steht links eine kleine Kirche, sogar noch mit Kind in der Krippe davor – hier in Russland ist Weihnachten ja noch keine drei Wochen her. Ansonsten: Schaukeln, Klettergerüste, viele Frauen mit Kinderwagen. Die Wege sind eher schneefrei getrampelt als geräumt, der Blick fällt in alle Richtungen auf Wohnblocks. Mitten im Park bellt ein hysterischer Hund einen Mann an, der falschrum steht – eine Radschläger-Skulptur, bedruckt mit cartoonartigen Düsseldorfer Stadtszenen. Gehry, Altbier, Karneval.

„Das Symbol Düsseldorfs – ein Kind, das ein Rad schlägt“, erklärt die Tafel neben der Skulptur, und dass das hier ein Geschenk von Düsseldorf an Moskau war, zur Einweihung des Parks vor acht Jahren. Beim Versuch, dazu mehr zu ergoogeln, erfahre ich noch, dass Düsseldorf in Ostdeutschland liegt. Nun ja. Die restliche Runde durch den Park ist schnell gedreht, zwischendurch noch einmal über den schneebedeckten Rasen zum Teich, der bei den etwas älteren Kindern gerade sehr populär ist.

Erkenntnis des Ausflugs: Es gibt ihn also wirklich, den „Djusseldorfski Park“ – nur wird ihn kein Moskauer finden, der ihn nicht ausdrücklich und mit viel Einsatz sucht. Oder in einem der vielen Hochhäuser von Textilschtchiki wohnt.

Alle Tweets zum #DjusseldofskiPark gibt es hier zum Nachlesen.

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Das Problem am Winter in Russland

Moskau Winter Erlöserkathedrale

Das Problem am Winter hier in Russland sind halt die Temperaturen. Es ist einfach zu warm.

Zu warm in der Metro, wenn man 15 Minuten über vereisten Schnee dorthin geschlittert ist, um dann plötzlich mitten im Rolltreppenrudel zu stehen, von heißer Luft umweht und von dem, was man selbst und die Mitreisenden so ausdünsten. Zu warm beim Schaufenstergucken, wenn die Güterabwägung im Kopf so geht: Das da vorne ist eine echt schöne Jeans. Aber dafür jetzt Winterjacke, Fleecejacke, Mütze, Handschuhe, Schal, Halstuch, die Stulpen an den Handgelenken, die Stiefel, die Stulpen an den Knöcheln, die Hose und die Leggings drunter ausziehen? So schön kann keine Jeans sein.

Zu warm ist es auch in der Wohnung, weil die Nachbarn alle bis zum Anschlag heizen – kostet ja nix, oder fast nix jedenfalls. Was hab ich damals die potenziellen Vermieter verwirrt, als ich beim Wohnungssuchen nach den Nebenkosten gefragt habe. Nebenwas? Was will die komische Ausländerin? Ach, Öl, Gas, Strom? Naja, ein paar hundert Rubel halt im Monat, fünf Euro oder vielleicht zehn. Russland ist reich an Ressourcen, die Temperatur wird also reguliert nach dem Prinzip: Heizung läuft immer, zentral angeschaltet, und bei Bedarf kann man ja lüften. Nur seltsame Zugereiste lassen Ventile an die einzelnen Heizkörper dranflanschen, um zumindest die Wahl zwischen an und aus zu haben. Drehknöpfe mit einer Skala von 0 bis 5? Gibt es, sind aber so selten wie Plusgrade im Januar.

Drinnen überheizt, draußen knackig kalt, dazu das extrem harte Wasser. Der Moskauer Winter ist also auch der Grund, warum Haut und Haare hier besonders viel Liebe brauchen. Duschöl statt Duschgel, kein Shampoo ohne Spülung. Bodylotion, Handcreme, Gesichtscreme – zum ersten Mal im Leben besitze ich eine Fußcreme, ja sogar eine Nasencreme, für wenn das Salzwasser-mit-Bepanthen-Spray nicht mehr reicht, um die Schleimhäute halbwegs feucht zu halten. Als eine irische Freundin zum ersten Mal bei uns zu Besuch war, war sie arg perplex von den schwarzen Plastikwürfeln, die in den verschieden Zimmern vor sich hinsummen: „Was sind das, Luftbefeuchter? Bei uns zuhause hat jedes Haus einen Luftentfeuchter!“

Vielleicht ist es dieses Überangebot an Wärme, das uns den russischen Winter dann besonders lieben lässt, wenn er so richtig zeigt, was er kann. Nicht irgendwo um die standardmäßigen -15, nein – da gilt tatsächlich alles, was ich gerade beschrieben habe. Aber dann, wenn die Minusgrade in den Zwanzigern oder gar Dreißigern liegen, wird es interessant. Du trittst vor die Haustür und merkst, wie die Feuchtigkeit in der Nase gefriert. Du willst Fotos vom Roten Platz im Winter machen, aber nach einer Minute fühlst du deine Fingerspitzen nicht mehr (und kurz darauf stirbt ohnehin der Akku). Du stapfst eine halbe Stunde durch den Schnee, den Schal bis vor den Mund hochgezuppelt, so dass die ausgeatmete Luft am Stoff gefriert – und fühlst dich hinterher wie ein Held, während du im Café wartest, dass die Oberschenkel aufhören zu prickeln.

So ein Wetter hatten wir in den ersten Tagen dieses neuen Jahres, und was haben wir es genossen! Sind mit dem Zug ins Moskauer Umland gefahren, um dort an kleinen Kirchen vorbei durch noch mehr Schnee zu stapfen. Haben im Gästezimmer Käpt’n Blaubär vom Fensterrahmen losgeeist, an dem er leider mit seinem flauschigen Hintern festgefroren war. Waren in eisigster Winternacht in der orthodoxen Weihnachtsmesse. Haben wilde Experimente mit gefrierenden Seifenblasen, Schnee aus kochendem Wasser und einem steif gefrorenen Handtuch gemacht.

Ein großer Spaß, auch wenn wir permanent drei Handys dabei haben mussten zum Filmen, weil bei 30 Grad unter null eben nach wenigen Minuten der Akku entscheidet, dass jetzt aber auch genug ist. Wir hätten gerne noch mehr probiert – ob man mit einer gefrorenen Banane tatsächlich einen Nagel in die Wand schlagen kann zum Beispiel. Gestern Abend hatten Patenkind 3 und sein großer Bruder noch Wünsche angemeldet, doch sie werden warten müssen: Über Nacht kam der Wetterumschwung, heute bietet Moskau nur noch einstellige Minusgrade.

Es ist einfach zu warm.

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Liebe in der Luft

Love is in the air, dafür hat Wassily Kirsanow gesorgt. Die Millionen von Menschen, die täglich mit der Moskauer Metro fahren, mögen seinen Namen nicht kennen, aber viele verdanken ihm ein Lächeln oder einen Schnappschuss. Denn wenn sie in der Eingangshalle der Haltestelle „Park Kultury“ einen Blick hinauf in die Kuppel werfen, hängen da rote, herzförmige Luftballons. Wassily hat sie dort hochgeschickt.

„Alles fing damit an, dass ich vor zwei Jahren mit der Metro unterwegs war und bei Park Kultury zufällig hochgeguckt habe,“ erzählt er. Zwei Herzballons hingen unter der Decke, er machte ein Foto für den in Russland fast schon obligatorischen Instagram-Account und freute sich. „Es hat sich angefühlt wie die Sorte Glück, die man eigentlich nur als Kind kennt. Ein Glaube an Wunder und Liebe.“ Als er ein paar Tage später wieder vorbeikam, waren die Ballons weg. „Aber da stand mein Entschluss schon fest: Ich werde diese Kuppel mit Herzen füllen!“ Kein philosophischer Überbau, kein komplexes Kunstprojekt. Einfach mal etwas tun, weil man es kann – und weil es anderen Metropassagieren den Alltag ein bisschen bunter macht. Es folgten zwei Jahre Warten, Planen, Sparen – die Ballons kosten zwischen 50 Cent und einem Euro, und dann ist noch kein Gas drin. Inzwischen steht im Zimmer von Wassily , der seit zwei Jahren einen Abschluss in Wirtschaftswissenschaften hat, seine eigene Heliumflasche. Im Dezember, als Moskau besonders grau war, ließ er die ersten Ballons in die Kuppel steigen – mit ordentlich Herzklopfen wegen des Sicherheitspersonals. „Wir leben in schwierigen Zeiten, und vieles, was man in Russland tut, bekommt dann irgendwer in den falschen Hals.“

Die Aufpasser entpuppten sich als entspannt, manchmal erzählte einer von ihnen Wassily, wenn wieder besonders viele Leute zum Fotografieren da gewesen waren. Die Instagram-Bilder, die andere von seinen Herzen machen, sammelt Wassily dort auf dem Account @undergroundhearts. Egal, welche Perspektive und welcher Filter: Wenn sich in der Kassettenstruktur der Decke jeder Ballon seine eigene Vertiefung gesucht hat, wirkt die Kuppel wie ein riesiger Setzkasten. Und Wassily arbeitet daran, ihn weiter zu füllen.

Einen Monat lang kam täglich ein Herz hinzu, ihr Absender sammelte unterdessen Erfahrungen: Wie lange hält sich so ein Herz wohl in der Luft? Eins weiß er jetzt: Das hängt nicht nur von dem Ballon und dem Helium darin ab. 30 Ballons kamen in vier Wochen zusammen – und verschwanden dann auf einen Schlag. „Man hat mir gesagt, dass die Metro-Mitarbeiter die Ballons alle runtergeholt haben, mit einer Zwille. Davon gab es sogar einen kleinen Clip im Fernsehen.“

Sauer sei er am Anfang schon gewesen, sagt Wassily, aber den Metro-Leuten nehme er das nicht übel. „Die machen ja nur ihren Job. Und mein Job ist eben, Ballons da hochzuschicken. Also habe ich am nächsten Tag ein neues Herz in die leere Kuppel aufsteigen lassen.“ Knapp 20 Euro gibt er dafür im Monat aus, zum Geldverdienen jobbt er in einem Souvenirladen.  Wie es weitergeht mit den Ballons? Vielleicht ja mit einem Flashmob, der gleich eine ganze Wolke Ballons auf einmal aufsteigen lässt. Wassily hat genug Ideen, die Frage ist eher, wie lange ihm Zeit für die Umsetzung bleibt. „Wer weiß, vielleicht verbieten sie irgendwann, in der Metro Ballons steigen zu lassen. Kann sein, wir leben in Russland.“ Bis dahin aber werden über den Köpfen der Metro-Passagiere weiter rote Herzen hängen. Vor kurzem ist Wassily trotz Wirtschaftskrise auf teurere, größere Ballons umgestiegen. „Die können die Leute besser sehen.“

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