Russlands Fußball-WM in Tweets

Wer gegen wen wie gespielt hat bei der Fußball-Weltmeisterschaft, das kann man überall nachlesen. Um den Fakten ein Stimmungsbild zur Seite zu geben, habe ich in den letzten Wochen zusätzlich Tweets gesammelt. Kleinigkeiten, Randnotizen, GIFs, Witze, Memes – alles, was dazu beiträgt, dass von diesem Turnier nicht nur hängen bleibt, dass Deutschland früh rausflog und Frankreich Weltmeister wurde.

14. Juni

Tag des Eröffnungsspiels. Stalin ist genervt, weil die WM-Touristen sein Geschäftsmodell ignorieren:

15. Juni

Vorsicht vor Journalisten, die Gardinen im Hotel klauen!

16. Juni

Dieser mexikanische Fan in Moskau hat sich “Ich bin unverheiratet” aufs Trikot drucken lassen.

17. Juni

Jemandem ist aufgefallen, dass Mo Salah aussieht wie Puschkin. Tatsächlich hatte Puschkin afrikanische Vorfahren.

18. Juni

Die Freiheiten, die viele Fans in Russland haben, sorgen bei einigen Russen für Fragen.

19. Juni

Engländer auf Einhörnern. Doch, wirklich.

20. Juni

Hurra, in einer Pizzeria in Moskau gibt es jetzt Tschertschessow-Pizza

21. Juni

Okay, kein WM-Tweet, aber doch einer zu einem Fußballthema in Russland: In diesen Trikots spielt der FK Jenissei in der kommenden Saison. Doch, wirklich.

22. Juni

Russland hat einfach die schönsten Schlaglöcher. So schön, dass in Nischni Nowgorod die Fans schon darin für Fotos posieren.

23. Juni

Subtil.

24. Juni

Geschichten, für die ich nicht genug Mut hätte. Gut, dass sie jemand anderes schreibt.

25. Juni

Strategen gibt es eben nicht nur auf dem Platz.

26. Juni

Hinreißender Aushang in einem Wohnblock in Jekaterinburg: “Wir möchten Sie aufmerksam machen, warum es hier derzeit lauter ist als gewohnt. Ich habe derzeit Gäste aus Peru aufgenommen. Wenn Sie plötzlich einen Peruaner herumstehen sehen, helfen Sie ihm bitte mit Rat und Tat oder etwas anderem und bringen Sie ihn zu Wohnung Nummer 81. Denken Sie dran: Wir wollen einen guten Eindruck hinterlassen! Am anderen Ende der Welt und sogar auf der anderen Hemisphäre wird man dann gut von uns denken! Das ist absolut kein kommerzielles Projekt. Peru ist kein reiches Land, meine Peruaner sind Elektriker, die für die Reise einen Kredit aufgenommen haben, und sie leben hier komplett umsonst. Ich bitte Sie eindringlich, versuchen Sie nicht, sie abzuzocken oder sich an ihnen zu bereichern. Am Samstag ist alles vorbei, ertragen wir’s und schauen Fußball. Den Sieg für unsere Mannschaft! Und Erfolg der Mannschaft von Peru!”

27. Juni

Was macht eigentlich… Kevin Keegan?

28. Juni

„Das Spiel Deutschland – Korea in einem Bild“. In der Sprechblase steht: „Helft mir!“

29. Juni

Oleg Nawalny ist wieder frei. Mehr hier.

30. Juni

Frage an zwei Polizisten: “Darf ich eigentlich nach der WM dann auch hier so rumlaufen und auf offener Straße was trinken?” – “Sind Sie Russe?” – “Ja” – “Dann nicht, nur als Ausländer, denen hat man ja hier alles erlaubt.”

1. Juli

Konnte ja keiner ahnen, dass Russland es über die Vorrunde hinaus schafft:

2. Juli

Frage an das kleine Mädchen im Auto: „Und wer ist cooler, Dsjuba oder Akinfejew?“. Und sie so: „Beide!“ Es folgen 35 Sekunden Begeisterung, die man auch ohne Russischkenntnisse versteht:

3. Juli

Was man bei der prächtigen WM nicht vergessen sollte.

4. Juli

Ach komm, zumindest ein Tweet zu dem Thema darf auch hier rein.

5. Juli

Ist es okay, hier auch einen meiner eigenen Tweets zu verwenden? Wenn ich damit das Motiv würdigen möchte und nicht den Tweet, dann hoffentlich ja:

6. Juli

Lieblings-GIF vom Spiel zwischen Brasilien und Belgien:

7. Juli

Was Max sagt.

8. Juli

Notiz an Grindel, Bierhoff und Konsorten: So geht man souverän mit einem WM-Aus um.

9. Juli

Was nervt:

10. Juli

Ich mag ja so Ecken hier in Moskau. 

11. Juli

“Sagen Sie uns doch bitte als aus der Ferne angereister Gast, wie Ihnen Moskau während der WM gefallen hat.” – “Ich war überrascht vom guten Service und den freundlichen Menschen, damit hatte ich nicht gerechnet” – “Und woher kommen Sie?” – “Aus (dem Moskauer Vorort) Textilschiki”

12. Juli

Kann ja nicht alles nur lustig sein hier. Das hier ist stattdessen lehrreich.

13. Juli

Wie Spartak Moskau mal ganz selbstbewusst ein Testspiel parallel zum WM-Finale ansetzte. (Haben sie dann später doch noch verschoben.

14. Juli

Eigentlich wollte ich auch zum Gurkenfest nach Susdal – wer braucht schon das Spiel um die goldene Ananas? Stattdessen habe ich morgens den Zug verpasst und abends das Spiel verschlafen. Es waren halt lange Wochen. Immerhin: Der Kollege war da.

15. Juli

 

 

Champagner!

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Wenn Russen bei Yandex deutsche Fangesänge suchen

yandex fangesänge suchanfragen wm 2018

„Googeln“ wollte ich erst in der Übschrift schreiben, „Wenn Russen deutsche Fangesänge googeln“. Aber haben sie ja nicht, sie haben sie geyandext, weil hier eben nicht alles Google ist, sondern Yandex. Nicht nur die Suchmaschine, sondern auch Yandex Maps, Yandex Translate, Yandex Music, Yandex Taxi.

Nun hat Yandex also allerlei Daten veröffentlicht, die es während der Fußball-Weltmeisterschaft über seine Nutzer gesammelt haben. Wann sie sich wo aufgehalten haben, in welchen Städten nach welchen Sehenswürdigkeiten gesucht wurde, sowas. Den ganzen Überblick gibt es hier, mir ist vor allem ein Aspekt dabei aufgefallen: Die vielen russischen Nutzer, die ausländische Fans irgendwas singen oder rufen gehört haben, aber es nicht genau verstanden. So, wie ich mir beim Russland-Spanien-Spiel versucht habe, zurecht zu googeln, was die russischen Fans in der Kneipe so skandieren, gibt es ähnliche Suchanfragen auch bei Yandex.

Das Ergebnis ist eine Liste von Suchanfragen mit einem Hauch von „Der weiße Neger Wumbaba“. Weil eben Suchmaschinen inzwischen so gut darin sind, auch aus nur halb Richtigem, Verhörtem, Vertippten die passenden Ergebnisse zu liefern – und weil Menschen das wissen und darauf vertrauen, das aus den Fetzen unserer Anfrage ein schönes Ganzes als Suchergebnis entsteht. Auch, wenn wir vom Text nur „lalalalala“ oder „schuweeee“ oder „mos mos“ kennen. Darum also hier: ein Auszug aus den Yandex-Suchanfragen russischer Nutzer zu ausländischen Fan-Gesängen bei der WM.

– „schlachtruf australischer fans kommon austrejl“
– „schlachtruf england-fans i dont wanna go to work“
– „schlachtruf argentinische fans vamos messi maradonna“
– „lied lalalalala belgische fans“
– „supe deutschland lied deutscher fans“
– „lied fußballfans dänemark dam daram dam“
– „schlachtruf ägyptischer fans mos mos“
– „islands fans rufen wu“
– „el tigro falcao fans der kolumbianischen mannschaft lied“
– „schlachtruf der fans costa rica sisebell“
– „was rufen marokkanische fans si si“
– „lied mexikanischer fans ai jai jai“
– „arriva peru vamos peru was rufen peruanische fans“
– „lied polnischer fans bjelo krasnije“
– „serbische fans rufen bratja nawjeki“
– „tunesische fans rufen schuweeee“
– „was rufen französische fans ole lebljo“
– „vorwärts schweiz schlachtruf fans hoi schwiz“
– „karnabo singen schwedische fans“
– „lied japanischer fans we japon“

Yandex hat übrigens auch aufgedröselt, was die populärsten Suchthemen zu den einzelnen WM-Teilnehmerländern waren. Also, was hat die Russen an den Deutschen am meisten interessiert? Es war die Geschichte mit dem Fan, der mit dem Traktor nach Russland gefahren ist. Häufigste Frage: „Wie lange war er unterwegs?“

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Russball, Folge 56: Das Gute am frühen WM-Aus für Deutschland

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Das ist ja nun schon ein bisschen her, dass Deutschland bei der WM rausgeflogen ist. Aber erst in den letzten Tagen ist mir aufgefallen, was daran der eine, große Vorteil ist: Man hat Zeit, Lust und Energie, alle möglichen anderen Teams anzufeuern – ganz ohne nervige strategische Hintergedanken wie „Oh Mann, die spielen echt gut, hoffentlich werfen die dann nicht in der nächsten Runde meine Mannschaft raus.“

Mit einer englischen Freundin in einer Fußballkneipe für England jubeln gegen Kolumbien. In einer Bar immer wieder auf die Stelle im Fenster gucken, wo sich der Fernseher um die Ecke spiegelt, während Belgien Brasilien rauswirft. Auf der Abschiedsfeier eines Freundes, der Moskau verlassen wird, um den Fernseher rumsitzen, den der Vermieter netterweise partytauglich an der Küchenwand angebracht hat, und den einen russischen Partygast herbeibrüllen, weil der genau in dem Moment eine rauchen ist, als Russland sein erstes Tor schießt. Ich find’s ganz schön, das alles tun zu können, ohne mich zu fragen: Könnte die deutsche Mannschaft denn auch gegen den Sieger bestehen? Diesmal ist von vorne herein klar: Nein, könnte sie nicht. Da guckt man gleich viel entspannter.

⚽⚽⚽

⚽ Oh Mann, Russland! Wie schade, dass das jetzt alles vorbei ist – dieser Jubel, bei dem du am Anfang auch noch nicht so richtig wusstest, wie das eigentlich geht und ob das alles erlaubt ist, und dem du dich dann innerhalb weniger Tage so richtig hingegeben hast, einschließlich alberner Outfits und Schminke.

Als Rheinländerin muss ich voller Respekt sagen: Da waren Kostüme und großflächig aufgetragene Schminke zu sehen, mit denen man sich auch im Kölner Karneval nicht hätte schämen müssen. Und dann diese Lautstärke! Ich wollte Jubelfotos aus dem Fenster machen nach dem Spiel gegen Kroatien, stattdessen waren die Straßen leer. Auf dem Heimweg saßen zwei Frauen, in Flaggen gewickelt, vor einem Supermarkt und trösteten einander. Und ich dachte: Das kann ja wohl nicht alles sein.

War’s ja dann auch nicht, am Tag drauf, nachdem Russlands Medien schon Bilanz gezogen hatten, hat sich die Nationalmannschaft auf dem Fan-Fest bejubeln lassen. Es muss, wenn man dieses Video hier guckt, ein ziemlich beeindruckender Moment gewesen sein. Der Auftritt in den Sperlingsbergen wurde schnell zum Trending Topic bei Twitter, den Spielern auf der Bühne sieht man an, wie sehr sie am Tag nach der Niederlage diesen Zuspruch genießen. Vielleicht am besten gefallen hat mir aber dieses Geschenk eines Fans an den russischen Kapitän, Igor Akinfejew: statt der goldenen Ananas gab es einen Blumenstrauß aus Tomaten.

Klugerweise setzt das Kommunikationsteam der russischen Nationalmannschaft aber nicht nur auf Jubelbilder. Bei Twitter wurde ein Foto veröffentlicht, das den Fuß von Spieler Ilja Kutepow zeigt – als „weiterer Beweis, dass die Mannschaft alles getan hat, was möglich war, und noch mehr. Die Verletzung stammt aus der ersten Halbzeit, da lagen noch 100 Minuten vor uns…“

⚽ Was das russische WM-Aus auch bedeutet: Keine Ablenkung mehr, während der man die geplante Rentenreform durchdrücken könnte. Na, immerhin gilt weiterhin das Demonstrationsverbot in allen Gastgeberstädten, der Protest ist also weniger sichtbar als sonst.

⚽ Wir müssen dann auch noch über Artjom Dsjuba sprechen. Nicht so sehr wegen seiner wirklich schönen Instagram-Aktion, bei der er nach dem Ausscheiden Doppel-Selfies mit jedem einzelnen seiner Mannschaftskollegen gepostet hat mit der Bildunterschrift „Meine Kämpfer! Mein Stolz!“. Auch nicht wegen der Sache mit dem Salutieren. Der Grund, weshalb wir über Dsjuba reden müssen, ist das Einstichloch in seiner Ellenbeuge.

artjom dsjuba instagram

Die Süddeutsche Zeitung hat sehr sorgfältig aufgedröselt, was dieser Einstich an dieser Stelle bedeuten kann und was eher nicht – das russische Argument, es sei Venenblut abgezapft worden zwecks Gesundheitskontrolle, ist demnach wohl wenig glaubwürdig. Und die ganze Nummer mit der Ammoniakschnüffelei, von der man ja rund um die russische Mannschaft mehrfach gehört hat, ist dort auch erklärt. Tatsächlich ist Ammoniak – viele kennen vielleicht eher den Begriff Riechsalz – hier in Russland recht weit verbreitet. Einer Freundin, die hier beim Arzt nach einer Spritze umgekippt ist, hat man auch so ein Stinkefläschchen unter die Nase gehalten, damit sie wieder zu sich kommt. Wozu die Anwendung im Sport gut sein soll, ist hier erklärt.

⚽ Diese Boulevardgeschichte aus Nischni Nowgorod hatte einfach alles: Eine Apothekerin, die das Wort „Austragungsort“ wohl zu wörtlich genommen hatte und Kondome verkauft, in die sie Löcher gepiekst hatte. Zitate der Apothekerin, in denen sie ihr Tun damit rechtfertigte, den russischen Genpool durch ein paar, sagen wir mal… Beiträge ausländischer Fans bereichern zu wollen: „Haben Sie gesehen, was da für Jungs zu uns gekommen sind? Einer schöner als der andere, schlank, klug, sportlich.“ Sogar ein Foto der Frau hatte Bloknot.ru veröffentlicht.

Nur echt scheint die Geschichte halt nicht gewesen zu sein. Inzwischen ist sie von der Website verschwunden, nur an der URL erkennt man noch die Überschrift des früheren Artikels. Da bin ich ja regelrecht froh, vorher noch einen Screenshot gemacht zu haben von der Umfrage, die sich irgendein Redakteur dazu passend ausgedacht hatte: „Muss der russische Genpool verbessert werden?“: Eine leichte Mehrheit der Leser hat das mit „ja“. beantwortet.

bloknot.ru nischni nowgorod apothekerin ente

⚽ Für Themen rund um Sprache und Fremdsprachen bin ich bekanntlich ja immer zu haben (hier, hier oder hier zum Beispiel). Entsprechend angetan war ich von einem Artikel der BBC, der mir neulich in die Hände fiel. Er erklärt, wie sich die belgischen Spieler auf dem Platz verständigen – schließlich haben sie ja keine einheitliche Muttersprache. Mehr will ich hier gar nicht vorweg nehmen, sondern scheibe einfach in bester Buzzfeed-Manier: Die Antwort wird euch überraschen. Oder so.

⚽  Wie großartig ist denn bitte „8 Bit Football“? Und warum begegnet mit dieser Account erst jetzt, wo die WM auf der Zielgeraden ist?

⚽ Was für eine schöne, traurige Idee für eine Reportage: AFP hat eine Reporterin in den Donbass geschickt, also in die Ostukraine. Kriegsgebiet. Das Fußballstadion von Donezk wird nicht mehr als solches gebraucht, aber ein Café im Gebäude zeigt die WM-Spiele. Die Einwohner der Stadt, für die sonst eine abendliche Ausgangssperre gilt, dürfen an den Spieltagen länger nach draußen. Über dem Eingang des Cafés hängt ein Schild, „Zutritt nur ohne Waffen“. Eine Geschichte über die Liebe zum Fußball an einem Ort, wo für Liebe derzeit wenig Raum ist. (Foto hier.)

⚽ Viele haben sich gewundert, damals, als über die russischen WM-Austragungsorte entschieden wurde und Krasnodar nicht dabei war. Saransk, wirklich? Dieses Kaff mit kaum 300.000 Einwohnern? Und dann hat Krasnodar ja auch noch dieses unfassbare Stadion mit der riesigen Videowand! Wie es sich anfühlt in diesen Tagen, Fußballfan in Krasnodar zu sein und die WM-Spiele nur im TV sehen zu können? Ivan Nechepurenko hat sich mit vor den Fernseher gesetzt.

⚽ Ich bin ja aus Nordrhein-Westfalen und habe, als ich da noch gelebt habe, keine allzu guten Erfahrungen mit CDU-Ministerpräsidenten gemacht. Jürgen Rüttgers, Kinder statt Inder, unzuverlässige Rumänen, ihr erinnert euch. Das nur vorneweg, weil ich dennoch hier einen Tweet vom aktuellen NRW-Ministerpräsidenten einbetten will. Denn dazu war ich nun auch lange genug Journalistin in NRW, um Armin Laschet abzunehmen, dass ihm Integration und der Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit ein Anliegen sind.

Dass Mesut Özil sich mit Erdogan fotografieren lassen hat, empfinde ich weiterhin als Zeichen von – mindestens – fehlendem Urteilsvermögen und politischer Naivität. Aber dieser PR-Spin, wonach das nun also ein entscheidender Faktor beim deutschen WM-Aus gewesen sein soll, und wobei Forderungen nach einem Statement von Özil als Ablenkung von anderen Kritikpunkten herhalten müssen – da nehmen Menschen sehr bewusst in Kauf, Nazis Argumentationsmaterial zu liefern. Wenn also nun der DFB im Allgemeinen und Oliver Bierhoff im Besonderen zeigen, zu wie viel Opportunismus sie in der Lage sind, wenn sie unter Druck geraten, ist es wichtig, so deutlich dagegenzuhalten, wie Laschet das hier tut.

⚽ Noch ein politisches Thema, es ist ein bisschen kompliziert, darum hier ganz chronologisch: 1. haben nach dem Sieg Kroatiens über Russland ein kroatischer Spieler und einer aus dem Trainerstab ein Video gepostet, in dem sie „Slawa Ukraini“ rufen, Ehre der Ukraine. Dafür ist 2. Domagoj Vida, der Spieler, von der FIFA verwarnt worden und 3. Ognjen Vukojevic aus dem kroatischen Trainerstab rausgeworfen worden. („Slawa Ukraini“ war hier in Russland tagelang trendig topic bei Twitter.)

Damit ist die Geschichte noch nicht vorbei. Manche Russen finden 4., dass das eine zu milde Strafe ist, wogegen 5. manche Ukrainer finden, es hätte überhaupt nicht bestraft werden sollen. Was sie, 6., auf der FIFA-Facebookseite mit lauter Ein-Stern-Bewertungen unterstreichen. Außerdem hat nun der ukrainische Fußballverband angeboten, Vidas Strafe zu zahlen – eine Ankündigung, zu der sich der Verbandschef extra ein kroatisches Leibchen angezogen hat. Ich habe keine Zweifel, dass es in den nächsten Tagen weitere Drehs zu dem Thema geben wird.

⚽  „In Deutschland hat eine Frau die WM kommentiert. Jetzt wird sie gehasst.“Unter dieser Überschrift versucht Sports.ru, seinen Lesern zu erklären, was Claudia Neumann in den letzten Tagen für einen Dreck abbekommen hat und warum: „Die deutschen Zuschauer waren dafür (also für eine kommentierende Frau) nicht bereit“, heißt es in dem Text als Erklärungsversuch – und das, obwohl doch die Mehrheit der Deutschen es Umfragen zufolge gut finde, wenn Frauen als Kommentatorinnen arbeiten.

⚽ Zum Schluss noch eine Transfermeldung. Nein, kein Ronaldo – der ist ja, hüstel, schon recht früh hier aus Russland abgereist und passt darum in diesen Newsletter nicht hinein. Stattdessen geht es um Bryan Idowu. Von ihm war hier vor ein paar Wochen schon mal die Rede: nigerianischer Nationalspieler, aufgewachsen in Russland, schwarz. Was das für seinen Alltag bedeutet und wie oft oder wie selten ihm Rassismus begegnet, hat er schon mal in einem Interview erzählt. Nun hat sich der amtierende russische Meister Idowu geschnappt: In der neuen Saison wird er für Lokomotive Moskau spielen.

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So, wenn ihr bis hierhin gelesen habt, ist es ja auch nicht mehr lange bis zum zweiten Halbfinale, #itscominghome und so. Diese beiden Russen hier sind jedenfalls ganz klar für England – egal, wie die politischen Beziehungen zwischen ihren Ländern sind:

Bis nächste Woche – das ist dann schon die erste Russball-Ausgabe nach der WM, Mannmannmann. Aber erst mal euch allen viel Spaß mit den restlichen drei Spielen!



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It’s coming home, it’s coming home

Kann gut sein, dass Schweden gleich England aus dem Turnier wirft. Aber bis dahin freu ich mich noch ein bisschen über all die Videos, die diverse Leute mit „Football’s coming home“ von den Lightning Seeds unterlegt haben. David Baddiel selbst scheint davon ziemlich begeistert zu sein und retweetet fleißig, was ihm dazu so unterkommt.

It’s coming home, Dorothy!

It’s coming home, Wachablösung-auf-Windsor-Castle-Edition

It’s coming home, weil Michael Jackson eine Münze in die Jukebox schnipst

It’s coming home und jemand hat ziemlich klasse Video-Skills:

It’s coming home, weil auf einer Orgel alles noch ein bisschen feierlicher klingt

It’s coming home wegen Marcel, dem nervigen Äffchen aus „Friends“

It’s coming home, auch wenn das einen kleinen Stau bedeutet

It’s coming home, Good Will Hunting!

It’s coming home, erst recht am Schabbat

It’s coming home, auch wenn du sonst nur Oh-oh sagen kannst

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Mit dem Zug von Peking in die WM-Stadt Moskau

Konnte ja keiner ahnen, dass die Deutsche Nationalmannschaft schon lange wieder hier weg ist, wenn Jon Eden in Moskau ankommt. Der 32-Jährige kommt aus Heidelberg, lebt in Kanada und hat sich bei seiner Anreise zur WM für die lange Variante entschieden: Am 17. Juni sind Jon und sein Vater Bernd in Peking in einen Zug gestiegen und losgefahren Richtung Westen. Ihr Ziel: Moskau, rechtzeitig zu den Viertelfinalspielen. Ihre Hoffnung: Dem DFB-Team zujubeln zu können.

jon eden peking bahnhof

Fußball, sagt Jon, ist für ihn der Weg, von Kanada aus seine Bindung zu Deutschland zu behalten. „Bis auf den Kontakt zu ein paar Freunden und Familie mache ich das vor allen Dingen über den Fussball“, erzählt er. „Ich schaue etwa fünf Bundesligaspiele jedes Wochenende und gehe zu jedem Heimspiel von Ottawa Fury, die in der USL kicken, das ist die zweite Nordamerikaliga.“

Vater-Sohn-Trips zu Fußballturnieren sind für ihn nichts Neues, die beiden waren auch schon gemeinsam bei der WM im Brasilien. Das 7:1 der deutschen Nationalmannschaft? Die beiden haben es zusammen gesehen, live im Stadion – und nach dem Turnier dann entschieden, auch zur nächsten Weltmeisterschaft gemeinsam zu reisen. Sein Vater Bernd kam dann auf die Idee, mit der Transsibirischen Eisenbahn zu fahren, erzählt Jon.

job eden zugfenster

Russland langsam und gründlich kennenlernen und sich dabei immer näher dem Ort des Finales annähern, so war das geplant. Wobei, WM und Zugfahren, das passt nicht immer zusammen, räumt Jon ein: „Das Deutschland-Mexiko-Spiel habe ich noch am Flughafenhotel in Beijing geschaut. Dort habe ich auch meinen Vater getroffen, er kam aus München und ich aus Ottawa. Bei Deutschland gegen Schweden waren wir gerade im Zug zwischen Mongolei und Russland. Das war extrem absurd, weil ich da noch keine russische SIM-Karte hatte und keine Ahnung, wie das Spiel ausgegangen ist.“

jon eden deutschland schweden

Was tun? Da hilft nur Recherche, auch über Sprachgrenzen hinweg. „Am nächsten Morgen, so gegen 6 Uhr in Ulan Ude, bin ich dann auf den Bahnsteig gegangen und habe zwei chinesische Reisende gefragt, wie das Spiel ausgegangen ist.“ Ergebnis: 2:1 für Deutschland durch ein rettendes Tor von Jérôme Boateng, nachdem Toni Kroos sich einen Platzverweis eingefangen hatte. Dass das nicht ganz korrekt war, erfuhren die beiden Reisenden erst später – aber gut, es ist wie beim Tippspiel: Die richtige Tendenz ist ja auch schon mal was wert. In Listwjanka am Baikalsee hatten die beiden dann die Gelegenheit, das Spiel nachträglich noch mal zu gucken. Außerdem abgehakt: große Hitze in der Banja, große Kälte im Wasser des Baikalsees.

Als Deutschland gegen Südkorea ausschied, saßen Jon und sein Vater wieder im Zug, irgendwo zwischen Irkutsk und Jekaterinburg, dem östlichsten WM-Austragungsort. Die Mannschaft flog heim, die beiden Zugfahrer rollten weiter – und sind nun heute, nach gut zwei Reisewochen, endlich in Moskau angekommen. Schnell noch ein Beweisfoto vor der Basiliuskathedrale, dann geht es weiter: Zum Viertelfinale nach Sotschi, weiter nach St. Petersburg zum ersten Halbfinale. Wie die beiden dann von Petersburg zurück in die Hauptstadt kommen, um dort das zweite Halbfinale zu gucken, erklärt sich von selber: Natürlich mit dem Zug.

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Russball, Folge 55: Russland hört gar nicht mehr auf zu feiern

russland sieg spanien roter platz jubel

Nein, wir werden hier jetzt nicht mehr über Deutschland-Südkorea reden. Zu lange her, eh nicht zu ändern, anderswo schon verbloggt. Außerdem ist Schwelgen sowieso schöner als Frust Schieben, also reden wir noch mal über das, was Russland da geschafft hat: Erst den Einzug ins Viertelfinale gegen Spanien, dann ziemlich ausdauerndes Gefeier, nicht nur in Moskau.

Ein bisschen hab ich mich da auch treiben lassen, durch die Straßen rund ums GUM, dann auf den Roten Platz, weiter Richtung Manegenplatz. Ja, es gab einen Autokorso, auch wenn der stellenweise mehr stand, als dass er fuhr – Abendverkehr in Moskau, man kennt das. Und auch das macht Spaß: Nach dem Spiel in den Bus steigen, und der Fahrer beschließt, dass er jetzt auch einen auf Autokorso macht. (Besonders gefreut hat mich ein Hinweis via Twitter, dass selbst das Kartenlesegerät lächelt – das war mir beim Filmen nicht aufgefallen.)

Vielleicht am schönsten hat diesen Abend nach dem Spiel Andrew Roth vom Guardian zusammengefasst:

Cars honked their horns and passengers stuck their heads through windows and sunroofs shouting “Ros-Si-Ya!” Police officers looked on what must have been traffic violations with an air of indifference. Nobody was going to be fined, not for the noise, the errant driving or the copious amounts of public drinking that continued late into Monday morning.

It was wild stuff, the kind of night that ends with you rolling on the grass by the Karl Marx statue, clutching a bottle of champagne and somehow entangled inside of your own Russian tricolor flag.

Actually that was just at 9pm.

⚽⚽⚽

⚽ Lustig auch, wie viele Menschen nicht damit gerechnet hatten, dass Russland jemals so weit kommen könnte – und deshalb munter Karten fürs Ballett gekauft hatten. Im Marinskij-Theater in St. Petersburg zum Beispiel erfuhren die Zuschauer in der Pause einer Aufführung von Dornröschen, dass Russland Spanien geschlagen hatte. Ergebnis: Standing Ovations, später zum Schlussapplaus kam dann der Dirigent mit Russlandfähnchen auf die Bühne.

Auch im Bolschoi, dem Moskauer Gegenstück zum Marinskij, fanden sich einige Zuschauer plötzlich in der Zwickmühle: Wie bleib ich auf dem Stand in Sachen Fußball, während ich hier in diesem Ballett-Palast sitze?

Auch die Ballerinas hinter den Kulissen mussten einen Weg finden, das Spiel zumindest zwischen ihren Auftritten zu verfolgen. Eine von ihnen hat das bei Instagram dokumentiert:

bolschoi⚽  Wir müssen noch mal über Datenschutz reden. Nein, diesmal geht es nicht darum, was man alles an persönlichen Infos für eine Fan-ID preisgeben muss oder welche Daten möglicher Hooligans die deutschen Behörden wohl an die russischen weitergegeben haben. Diesmal geht es um Überwachung und um das Fan-Fest hier in Moskau. Da ist am Tag des Spiels zwischen Spanien und Russland ein Mann festgenommen worden, nach dem wegen Diebstahls gefahndet wurde. Eine der Kameras hatte erkannt, dass da ein Fußballfan unterwegs war, der zu einem Bild in der Datenbank passte.

Interessant ist, was man aus der offiziellen Stellungnahme zur Verhaftung des Mannes noch so über die Gesichtserkennung in Moskau erfährt. Demnach werden das Fan-Fest und das Luschniki-Stadion von zusammen 282 Kameras überwacht. Sie sind verbunden mit einer Datenbank, die Bilder von 50.000 Menschen enthält, darunter auch Aufnahmen von 2000 Ausländern.

⚽  Das hier ist kurz, schön beobachtet und erhellend noch dazu: Zwölf Fragen zum Leben in Russland von einer, die hier lebt. Zwölf Antworten von einem, der hierher stammt: „Versteh einer die Russen“ wirft einen Blick auf das WM-Gastgeberland abseits von Stadien und Fan-Jubel.

⚽ Dass zur WM hier besonders darauf geachtet wird, Touristen in der Moskauer Innenstadt nicht mit allzu sichtbarer Armut die Laune zu verderben, darum ging es hier ja schon mal öfter. Die Moscow Times hat dazu eine eindringliche Geschichte zu erzählen: Am Platz mit den drei Bahnhöfen steht normalerweise ein Zelt, in dem Menschen, die Hilfe brauchen, eine warme Mahlzeit und ärztliche Versorgung bekommen. Allerdings: Wer als WM-Tourist z.B. zu einem Spiel in Nischni-Nowgorod will, der steigt an einem dieser drei Bahnhöfe in seinen Zug.

Damit also die Fußballfans nicht dem Anblick von Obdachlosen und Armen ausgesetzt sind, wurde der Hilfsorganisation, die das Zelt betreibt, ein Umzug verordnet. An den Stadtrand, unsichtbar für WM-Gäste, und für viele Bedürftige schwer zu erreichen. Das ist mehr als nur unbequem: Für Menschen, die auf medizinische Hilfe angewiesen sind und diese bisher am Platz mit den drei Bahnhöfen bekamen, kann es lebensbedrohlich sein.⚽ Unterdessen in Kasan: ein Fußballspiel der Bräute, oder zumindest ein Spiel von Frauen, die Brautkleider anhaben. „Kasan“ ist nicht nur der Name der Stadt, sondern auch für einen großen Topf, unter dem man Feuer macht, um darin etwas zu kochen. Auf dem zweiten Bild sieht man im Hintergrund das Gebäude in Kasan, das an dieses Konstrukt erinnern soll.

⚽  Was tun, wenn man sich mit jemandem unterhält, der diesen Sommer nach Russland kommt und sowas sagt wie: „Aber es ist doch alles so schön hier, die Leute sind zufrieden und freundlich – da zeichnen die Medien aber echt ein ganz falsches Bild“? Bisher habe ich auf einen Thread von Shaun Walker hingewiesen, der darauf hinweist, dass die Dinge eventuell ein bisschen komplexer sind, und dass auch in einem autoritär regierten Land, dessen Bürger nicht viele Freiheiten haben und, wenn sie aufmucken, Probleme kriegen, trotzdem Lebensfreude, Fußballbegeisterung und Gastfreundschaft herrschen können.

Nun hat Marc Bennetts einen Kommentar geschrieben, der vor allem diesen Vorwurf, das mediale Bild Russlands sei zu negativ, aufgreift. Er beginnt mit einer kleinen Erklärung, was die Aufgabe von Jouralismus ist (und was für Infos man eher aus einem Reiseführer erwarten sollte) und spielt dann sehr schön durch, wie es aussähe, wenn man diese Forderung, doch bitte mehr aufs Positive zu blicken, z.B. bei der USA-Berichterstattung einforderte: Wieder ein Amoklauf an einer Schule, aber hey, der Central Park ist echt schön. Oder, anders formuliert: „What is it to be — articles on the reported mass torture of gay men by Chechen security forces, or a detailed examination of the quality of the mozzarella on pizza toppings?“ Bilanz: „Don’t Blame Journalists for Bad News About Russia“.„It’s a lot nicer than I thought it would be“ is the official unofficial slogan of Russia 2018

⚽ Es gibt Gastgeberstädte, für die ist die WM schon vorbei. Saransk zum Beispiel: In der kleinen Stadt können sie die Bürgersteige jetzt wieder hochklappen, der Trubel ist vorbei, die Fans wieder abgereist. Was bleibt: Die Erinnerung an Frauen aus dem Iran, an Jubel im Stadion. Und ein Gouverneur, der poetische Dinge wie dies hier sagt: „Eine große Traurigkeit wird sich über uns legen, aber wir müssen uns wieder an die Arbeit machen, denn uns steht unsere eigene Weltmeisterschaft ins Haus, und das ist die Ernte. Die ist sehr wichtig für uns.“

⚽ Erik Stoffelshaus war früher bei Schalke, ist inzwischen bei Lokomotive Moskau und hat insofern einen guten Blick darauf, wie sich die Fankultur im deutschen und im russischen Fußball unterscheidet.

In einem ZEIT-Interview bringt er das so auf den Punkt: „In Deutschland ist es so: Wenn man einen Fußballverein unterstützt, dann mit Leib und Seele. Wenn der absteigt, dann steigt man mit ab. Wenn der die Meisterschaft gewinnt, dann feiert man mit. Hier kommt mir alles ein wenig distanzierter vor. Man wartet lieber ab, wie das Spiel ausgeht, was es zu sehen gibt, bevor man sich entscheidet, einen Club zu unterstützen.“ Auch was Russland tun muss, damit die WM dem heimischen Fußball einen Schub gibt und nicht einfach verpufft, erklärt er in dem Gespräch, das man hier nachlesen kann.⚽ Was muss man tun, damit die während der WM betont nachsichtige Polizei dann doch aggressiv wird und auf einen einprügelt? Aufs Dach eines Polizeiautos klettern und dort wippend feiern, dass Russland im Viertelfinale ist. Das soll jedenfalls der Hintergrund dieser Szene hier aus Woronesch sein:

⚽  Neulich habe ich eine Stunde lang mit Lars geskyped, er hat geredet und geredet und geredet, und ich hab gedacht: Was für eine Geschichte! Und wie wirst du der jetzt gerecht? Das Ergebnis hat nur am Rande mit Fußball zu tun, dafür aber damit, wie Lars in Russland aufwuchs, warum er das Land verließ und was das alles mit seiner Identität als Transmann zu tun hat: Found in Translation.

⚽ Von Lars‘ Kindheits-Gekicke auf dem Asphalt in einem russischen Innenhof zum Thema russischer Fußball-Nachwuchs im Allgemeinen. Wie teuer es ist, sein Kind auf eine der Fußballschulen im Land zu schicken, davon war ja letzte Woche hier schon mal die Rede. Nun hat Spon ein Interview mit dem russischen Fußball-Kommentator Sergej Krivokharchenko, nach seiner Einschätzung liegt das Problem noch ein ganzes Stück tiefer: Viele Talente werden nicht einmal entdeckt, „die Wahrscheinlichkeit ist ziemlich groß, dass der russische Messi irgendwo in Sibirien als Wachmann arbeitet oder an einer Tankstelle.“

⚽ Dieses Spiel zwischen Japan und Polen, wie war das noch mal? Der Fernsehsender Match TV schaltet zu seinem Mann vor Ort, und dann geht irgendwas schief. Denn der glaubt, er sei nicht live, sondern zeichne auf, gönnt sich erst einen Patzer und dann einen Fluch. Das beste an dem Clip ist der kontrolliert stoische Gesichtsausdruck des Studiomoderators im Anschluss.

⚽ Was passiert, wenn man versucht, mit der Fan-ID von jemand anderem ins Stadion zu kommen? Molly Zuckerman aus St. Petersburg hat es ausprobiert, offenbar nicht als journalistischen Selbstversuch, sondern tatsächlich aus eigener Doofheit. Die wenig überraschende Antwort heißt: Man wird erwischt, festgenommen und muss mit auf die Polizeiwache. So weit, so unspektakulär. Sie hat eine unterhaltsame Reportage darüber geschrieben, auch wenn manchmal wohl die Pointe wichtiger war als die Recherche – wie bei dem Typen, der angeblich nur deshalb festgehalten wird, weil er kein Russisch kann.

Richtig nervig finde ich aber eine Stelle: In den USA, schreibt Zuckerman, habe man sie einfach weggeschickt, wenn sie versucht habe, mit falschem Ausweis in einen Club zu kommen, „but this is Russia“, also habe man sie festgenommen. Ja, klar. Oder vielleicht ist der Unterschied doch eher, dass keiner im Club Schaden nimmt, wenn eine Minderjährige um ihn rumtanzt, dass es bei großen Turnieren aber meist einen blühenden Schwarzmarkt gibt, der die Preise so hochtreibt, dass sie – gerade für Fans mit Normalgehalt – unbezahlbar sind. Oder dass hinter einem Club kein Riesenunternehmen wie die FIFA steht und die Regeln diktiert. Aber das ist natürlich nicht halb so sexy wie „Ich wurde verhaftet, und Russland ist schuld.“

⚽  Schweiz gegen Costa Rica, klar, das kennt man: Das ist eines dieser Spiele, wo die Gefühle hohe Wellen schlagen und sich die Aggression auf den Tribünen Bahn bricht.

⚽ Der Guardian hat in seinen Archiven gegraben und einen Artikel aus dem Juni 1928 online gestellt. Man kann darin lesen, was sich hier seitdem verändert hat („Moscow is still, as it always was, a big village.“) und was nicht („This privilege is shared by those who have enough money to pay bribes. All these things are done openly. There is no concealment about the sums that are paid.“) Fußball kommt in dem Text nicht vor, eigentlich überhaupt kein Sport. Die Jugend, heißt es, spiele lieber Karten.

⚽ Wie das so ist, wenn man mal ein Amt hatte, heute keines mehr hat, aber gerne in den Schlagzeilen bleiben möchte: Gennady Onischtschenko war mal Russlands oberster Hygiene-Wächter (so eine Art Gesundheitsamts-Chef, wenn es ein deutschlandweites Gesundheitsamt gäbe) und war schon damals immer für eine steile These zu haben. Nun hat er wieder eine rausgehauen: Mit jedem Sieg der russischen Nationalmannschaft steigt im Land die Lebenserwartung, so Onischtschenko – die Herleitung hat, vereinfacht gesagt, was mit persönlichem Wohlbefinden und positiver Einstellung zu tun.

Wenn das so ist, möchte man Russland ja den Finaleinzug, ach was: den Weltmeistertitel wünschen, das Land hat es schließlich immer noch bitter nötig. Außerdem hätten dann nach der geplanten Erhöhung des Rentenalters mehr Menschen eine Chance, ihre Pensionierung zu erleben.

⚽⚽⚽

Ein Rausschmeißer noch, der nichts, aber auch gar nichts mit der WM zu tun hat: Wer sich den Twitter-Account „Footballers with animals“ angucken kann, ohne grinsen oder lächeln zu müssen, tut mir leid und ist mir zugleich suspekt. Danke an @Absatzkick für den Tipp! Mehr Russball dann wieder nächsten Mittwoch, das ist dann schon ein Halbfinaltag. Bis dann!



 

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Ein kleiner Igor-Akinfejew-Huldigungspost

Fußballgucken bildet. Vor allem, wenn man es nicht zuhause tut, sondern in einer Bar. Zwischen Bier und Mini-Tschebureks habe ich gestern ein paar neue Schlacht- und Fluchrufe gelernt, nicht alle möchte ich hier wiedergeben. Den einen dann aber schon: Hey, hey, Igor Igor Akinfejew!

Der Mann ist Torwart, Kapitän der Nationalmannschaft und der Grund, warum Russland bei der WM im Viertelfinale stehen darf. Außerdem ist er der Auslöser aller möglichen Feier- und Jubelposts, die zu schön sind, um sie einfach so im Netz rumstreunern zu lassen. Darum hier eine kleine Kollektion – soll sich schließlich lohnen, dass es allein zu Akinfejews Fuß, mit dem er den entscheidenden Elfmeter abgewehrt hat, heute Vormittag schon rund 500 Tweets gegeben hat.

„Die neun schönsten Menschen der Welt“ will dieser Tweet aufzählen:

1. egal
2. wie
3. du
4. aussiehst
5. wichtig
6. ist
7. das
8. innere
9. Akinfejew

Alles, was ein Profifußballer kann, kann eine Katze auch, nur mit verächtlichem Gesichtsausdruck als Bonus obendrauf:

Der hier erklärt sich von selber:

Der Morgen danach, Teil I:

Der Morgen danach, Teil II:

Sein Fuß bekommt schon ein eigenes Denkmal:

„Dankt mir nicht!“

„Akinfejew ist eine neue Disney-Prinzessin.“

„Und ihr glaubt an Gott?“

Zum Schluss noch, gefilmt gestern Abend auf der Nikolskaja-Straße nicht weit vom Roten Platz: der Schlachtruf, den seit gestern sehr viel mehr Russen kennen. Und den sie, wer weiß, ja vielleicht am Samstag wieder rufen werden.

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Russball, Folge 54: Die WM hat ihr erstes Wunder

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Heute gilt’s, Deutschland spielt gegen Südkorea – wenn ihr das hier lest, mache ich wahrscheinlich in einem kleinen AirBnB in Kasan gerade die erste Tasse Tee des Morgens. Trotzdem müssen wir noch mal über das Schwedenspiel reden. Da stehen wir also auf dem Fan Fest oben an der Lomonossow-Uni mit Freunden, ein paar im Trikot, zwei haben eine große Fahne mitgebracht. Ich fühle mich 30 Prozent schuldig wegen des Lärms, den wir den Studenten zumuten, 30 Prozent nervös, 40 Prozent froh, an einem der schönsten Orte der Stadt zu sein und 20 Prozent dankbar, dass es so eine laue Sommerabendstimmung ist. Ja, das sind 120 Prozent. Ist halt ein besonderer Abend.

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Besonders, weil wir schon vor dem Anpfiff alle paar Minuten von russischen Fans angesprochen werden, die dringend ein gemeinsames Foto wollen, mit uns und mit der Fahne. Einer von ihnen hat ein Kreuz so breit wie ein Fußballtor und Hände so groß wie der Kopf von Manuel Neuer – jedenfalls kommt mir das so vor, denn ich sitze auf dem Boden und er steht. Deutschland, sagt er, klasse, sagt er, er kann auch ein Wort Deutsch, warte: Coburg! Coooburg, da ist er mal gewesen, jetzt bitte lächeln. Seinem Kumpel fällt es bereits deutlich leichter, die Kamera zu fokussieren als den eigenen Blick. Aber dass Deutschland das Ding hier natürlich gewinnt, das wollen sie uns noch mit auf den Weg geben. So geht das alle paar Minuten. Fahne, Lächeln, Foto, Deutschland schafft das! Und wir so: Noch ein Foto, na gut, hoffentlich habt ihr Recht, toitoitoi gegen Uruguay.

Bis zum Anpfiff ist unser Grüppchen gewachsen. Michail stößt dazu, den ich mal bei einer Reportage kennengelernt und nun zufällig hier getroffen habe – damals war er noch „Herr Antonov“, aber wenn man nebeneinandersteht und nebeneinanderleidet, wer siezt sich da? Dann setzt, nach einigen Spielminuten, diese russische Frauenstimme hinter uns ein: „Links! Spiel nach links! Los jetzt! Schießen, du musst schießen.“ Die Frau zur Stimme heißt Natalia, als das Spiel wegen Nasenbeinbruch unterbrochen ist, diskutiert sie hitzig mit Michail, wer der beste deutsche Fußballer aller Zeiten ist. Schweinsteiger, sagt sie. Müller, also Gerd, hält er dagegen.

Die letzten Spielmomente muss ich hier nicht beschreiben. Schon aber, dass es danach komplett unmöglich wird, auch nur ein paar Schritte Richtung Ausgang zu gehen. Alle paar Meter Schulterklopfen, Fotobitten, besonders charmant von zwei Frauen: Nein, danke, nicht ihr mit aufs Bild – nur die Fahne. Irgendwann wird sie eingepackt, damit wir überhaupt vorankommen. Im Shuttlebus heimwärts ist der deutsche Sieg plötzlich komplett egal, denn es sind Mexikaner anwesend, große Begeisterung.

Kurze mexikanische Musikeinlage, dann übernehmen die Russen, singen die Nationalhymne, „Katjuscha“ und ein Lied, dass ich irgendwann mal hier im Chor gelernt habe, wo jemand auf dem Pferd durch die Nacht reitet und Russland liebt. Auf den letzten paar Metern heimwärts dann noch dieser eine Mann, der uns sieht, die Faust hebt, und „Krooos!“ ruft – das kann sich alles gerne heute Abend in Kasan noch mal so anfühlen.

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⚽ Der ein oder andere, der sich auch abseits der WM für Russland interessiert, hat vielleicht schon mal gehört, dass das hier ein Land ist, in dem gelegentlich Wunder geschehen – vor allem in Sachen Infrastruktur. Eine Müllkippe behelligt seit Jahrzehnten die Menschen im Umland mit Gestank und Sorgen um Schlimmeres – ein Anruf bei Putins Telefon-Fragestunde, und das Ding wird dichtgemacht. Die Schneehaufen vor deiner Tür werden einfach nicht geräumt? Schreib „Nawalny“ drauf, und weg sind sie!

Auch die WM hat nun ein solches Wunder, es geschah in der Gastgeberstadt Nischni Nowgorod. Russlands Straßen sind, jedenfalls abseits von Metropolen wie Moskau oder St. Petersburg, berüchtigt für ihren schlechten Zustand. Schlaglöcher führen hier regelmäßig zu Protestaktionen. In Nischni hatte sich nun ein Prachtexemplar aufgetan, so groß, dass angereiste Fußbalfans darin (!) für Fotos posierten. Es kam, was nach so viel öffentlicher Aufmerksamkeit kommen musste, berichtet Lentatsch: Ein Tag später, und das Ding war aufgefüllt. Ein Loch weniger in Nischni. Ein Wunder!

⚽ Der Beweis, dass die Kategorie „Arschloch“ keiner einzelnen Nationalität vorbehalten ist, haben in den ersten WM-Tagen sowohl Briten als auch Russen angetreten. Fans beider Staatsangehörigkeiten wurden dabei beobachtet, wie sie in Wolgograd Nazi-Lieder sangen und den Hitlergruß zeigten. Immerhin: Die Briten hat man nach der Heimreise erwischt, zwei von ihnen dürfen für drei bzw. fünf Jahre kein Spiele der englischen Nationalmannschaft mehr besuchen, bei zwei weiteren steht die Entscheidung noch aus.

⚽ Es ist nicht das erste Mal bei dieser WM, dass mir eine Grafik von Reuters begegnet, die irgendwie schick aussieht, bei der ich aber auf Anhieb nicht so richtig verstehe, wozu sie gut ist. Auch diese fußballförmige Visualisierung hier ist ziemlich komplex, man muss sich durch einiges an Erklärungen scrollen, um zu begreifen, wie sie funktioniert.

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Dann allerdings ist sie ziemlich spannend, hat einen hohen Spielwert und beantwortet viele Fragen: Bei welchen Vereinen spielen die WM-Fußballer, sortiert nach Kontinent? Wer aus dem Schalker Kader ist der Nationalspieler mit den meisten Länderspielen, und für welches Land spielt er? In welchen Ländern der Welt sind Spieler aus Südkorea als Legionäre im Einsatz? Kann man sich gut bookmarken für demnächst, wenn das mit den spielfreien Tagen losgeht.

⚽ Was merkt man von der Fußball-Weltmeisterschaft, wenn man in keiner der Gastgeberstädte ist, sondern tief in der russischen Provinz? Jana George lebt seit einem guten Jahr in Stawropol, 1500 Autokilometer südlich von Moskau im Nordkauksus. Sie unterrichtet dort Deutsch und bloggt außerdem über den Alltag, wie ihn ihre deutsch-russische Familie dort erlebt.

An ihrem aktuellen Blogpost „Fußball in Stavropol? Es geht um die Wurst!“ fand ich vor allem interessant, wie teuer es ist, wenn man seine Kinder zum Fußballtraining anmelden will, und warum das so ist. Da blickt man auf die Nachwuchsprobleme, die der russische Fußball hat, noch mal mit ganz anderen Augen. Lesenwert, diese Notiz aus der Provinz – auch wegen der Rätselfrage am Schluss.

⚽  Wie gut klappt das hier in Russland derzeit mit der Verständigung, also: sprachlich gesehen? Was man so hört, ist es weniger ein Fall von „All die Englisch-Fortbildungen für Bahnschaffner und Metro-Kassiererinnen haben sich echt ausgezahlt“ und eher ein Fall von „Naja, nach zehn Minuten kam zufällig jemand vorbei, der Englisch sprach, der hat dann geholfen.“ Einmal war dieser Jemand offenbar Jewgeni Feldman, ein bekannter russischer Fotograf.

Er berichtet von einer Bahnfahrt zwischen den WM-Gastgeberstädten Nischni Nowgorod und Saransk: „Der Zug war voller Ausländer. Die Schaffnerin sprach kein Englisch. Schließlich habe ich die Bettwäsche verteilt, erklärt, dass man sie hinterher zurückgeben muss, und die Leute auf den elektronischen Passagierlisten abgehakt.” Merke: Nicht jeder freiwillige Helfer hat eine offizielle Volunteer-Uniform an.

⚽ Im Moment sind ja ziemlich viele Isländer in Russland, mindestens einer von ihnen wird nach der WM dauerhaft hier bleiben: Hörður Björgvin Magnússon spielt in der kommenden Saison bei ZSKA Moskau, für zweieinhalb Millionen Euro trennt sich Bristol City von ihm. Falls der Name dem ein oder anderen bekannt vorkommt: Ja, das ist der Mann, der beim Spiel gegen Argentinien dafür zuständig war, Lionel Messi zu stoppen.

⚽ Mir ist ein Lied begegnet für die Leute, die mit Fußball überhaupt nichts anfangen können. Es ist schon ein paar Jahre alt (man merkt’s vor allem an der Frisur der Sängerin), aber gut, die großen Gefühle sind ja zeitlos. Und so singt sie denn, Irina Otijewa: „Ich hasse Fußball, ich kann das nicht gucken, ich kann da nicht mitfiebern. Er ist schon wieder mit blauen Flecken heimgekomen und mit einer zerrissenen Hose. Ich hasse Fußball, entschuldige, aber was ist das für ein Spiel? Man braucht wenig Verstand, um Leuten die Beine zu brechen.“

⚽ Was man hier im Stadion bei den WM-Spielen so zu essen bekommt, ist beliebig und langweilig: Popcorn, Hot Dogs, labbrige Baguettes in den Varianten „Schinken-Käse“ und „irgendwas Gemüseartiges“, Erdnüsse. Aber immerhin, eine authentisch russische, besondere Kleinigkeit hat es aufs Menü geschafft: Lebkuchen aus Tula. Die Stadt ist für zwei Dinge bekannt, Lebkuchen und Samoware, aber wer will im Stadion schon Tee trinken. Also sind es die Lebkuchen geworden, mit süßer Füllung, und was soll ich sagen: Die Fans scheinen da ziemlich drauf abzugehen.

⚽ Das Gefühl, wenn du etwas versuchst, in Worte zu fassen, und dann kommt jemand anderes und bringt es besser auf den Punkt – das hat mir unlängst Alice Bota beschert. Sie ist für die ZEIT hier in Moskau, und wir haben beide zu beschreiben versucht, wie sich unsere Stadt in diesen Tagen anfühlt – vor allem, wenn man bedenkt, dass hier gerade angereiste Fans Freiheiten haben, von denen dauerhaft hier lebende Russen nur träumen können.

Und nein, das wird hier jetzt kein fishing for compliments, ich bin mit meiner Variante, „Die Freiheit der anderen“ zufrieden. Aber den Text von Alice, „Russen, was ist los mit euch?“, finde ich sprachlich einfach wunderbar, zum Beispiel diese Einschätzung hier: „Dieser freundliche kleine Ausnahmezustand wird womöglich ein paar Fragen aufwerfen.“

⚽  Was übrigens auch am Rande zu diesem Thema gehört: Wie viel höflicher, freundlicher, professioneller die Leute in allerlei Dienstleistungsjobs derzeit hier in Russland sind. Das merkt man, auch am Flughafen:

⚽ Eigentlich versucht die russische Regierung ja gerade, während alle mit der Weltmeisterschaft beschäftigt sind, eine Erhöhung des Rentenalters durchzudrücken. In der Hoffnung, dass es weniger Widerstand gibt, weil alle Fußball gucken und sich für Politik in diesen Wochen nicht interessieren. Allein, der Trick scheint nicht zu funktionieren. Eine aktuelle Umfrage zeigt: 26 Prozent der Befragten sehen zwar die WM als wichtigstes Ereignis der vergangenen Woche, aber 25 Prozent die Rentenpläne, das Thema wird also durchaus wahrgenommen.

Gleichzeitig rutschen die Zustimmungswerte für Präsident Putin in allen abgefragten Kategorien deutlich nach unten. So sagen aktuell nur noch 67 Prozent, dass sie ihm vertrauen und 69 Prozent sind mit seinem Handeln zufrieden. Beide Werte lagen in der Vorwoche noch bei 75 Prozent. Parallel laufen Vorbereitungen für Demos gegen die neue Rentengesetzgebung in mindestens sieben russischen Städten.

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Was noch fehlt: Ein Text aus der Irish Times, der mir in den vergangenen Tagen öfter begegnet ist, immer mit Kommentaren in dieselbe Richtung: Wann, wann, wann stirbt endlich dieser Irrglaube unter englischsprachigen Journalisten aus, dass „Vlad“ die Kurzform von „Vladimir“ ist? Vlad ist ein eigener Name, noch dazu rumänisch, nicht russisch. Wer Wladimir abkürzen möchte, sagt „Wowa“.

Wenn die Times also „Thanks Vlad for a World Cup full of contradictions“ und damit Putin meint, ist das, als wolle man Angela Merkel danken und schreibe deshalb „Danke, Anke“. Trotzdem soll der Text hier verlinkt sein. Weil er unterm Strich mehr interessante Beobachtungen und Einordnungen liefert als die Überschrift nervt.

Mehr dann nächste Woche – bis dann, macht’s gut, und viel Spaß beim Gucken des Kasan-Spiels heute Abend!



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Russland-WM ist, wenn Journalisten übers Zugfahren schreiben

russland bahnhof tula

Hat man auch nicht so oft, dass eine Fußball-WM ihr eigenes journalistisches Genre hervorbringt. Klar, der Livekommentar eines Spiels, sei es im Fernsehen oder im Radio, gehört zur Weltmeisterschaft – aber genau so eben zur Bundesliga oder zur Champions League. Das Interview mit dem Bundestrainer plus anschließender Exegese, es ist hier täglich Brot – aber das war in Brasilien nicht anders und wird auch in Katar nicht anders sein.

Eine Art von Text allerdings gehört wie keine andere nur zu dieser WM in Russland. Exemplare dieser Spezies fangen zum Beispiel so an: „Russland ist groß.“„Als wir am frühen Nachmittag ins Zugrestaurant kommen, ist Sergej schon blau.“„Mittags um zwölf hält der Zug im Niemandsland.“ Es ist, genau, die Große Russische Zugreportage. Täglich begegnen einem im Moment solche Texte, quer durchs journalistische Angebot, von der Neuen Zürcher Zeitung bis zur Neuen Osnabrücker Zeitung.

Es sind Geschichten, in denen Menschen Irina, Olga, Sweta und Mischa heißen, in denen mit Fremden gemeinsam gegessen, getrunken, geschlafen und über Fußball gesprochen wird. Manchmal geht das nur mit Händen und Füßen, manchmal helfen Geduld und Google Translate. Manchmal braucht es viele Anläufe, um eine einzige Sache auszudrücken, aber alle wollen sich unbedingt verständigen. Manchmal gelingt es, 8000 Zeichen zu schreiben, ohne dass auch nur ein einziger russischer Mitreisender zu Wort kommt. So erzählt jeder und jede Reisende auch etwas über sich selbst, absichtlich oder nicht.

Überhaupt finde ich es beim Lesen interessant, mir die Kollegen hinter den Geschichten vorzustellen. Wow, der mag tatsächlich Pastila, diesen extrem zuckrigen russischen Nachtisch. Oh, die hat aber ein gutes Händchen dafür, mit Leuten ins Gespräch zu kommen. Ach guck, die vielen kleinen Details, wie schön beobachtet.

Dass die Zugfahrtreportage rund um die WM so populär ist, hat wohl mehrere Gründe. Zum einen verbinden viele Ausländer mit Russland eben Zugfahrten, was wahrscheinlich am Mythos Transsib liegt. Zum anderen ist so eine Reportage die Chance, nah dran zu sein an den Fans. Die können nämlich, wenn sie eine Fan-ID haben und ein Ticket bekommen, kostenlos mit dem Zug vom einen Austragungsort zum anderen gondeln. Das dauert, denn – siehe oben – Russland ist groß.

Und so fahren sie nun also Zug und schreiben darüber, natürlich nicht nur auf Deutsch. „Extra time in Russia: by train to three World Cup cities“, titelt der Guardian, „Vodka, pine nuts and politics: World Cup fans meet Russians on the world’s longest train line“, schreibt die Washington Post. Irgendwo am Rande des WM-Textgenres 2018 bewegen sich Geschichten, in denen Menschen über ihre Erfahrungen mit dem Zugfahren in Russland interviewt werden („Thurgauer Kantonsrat Didi Feuerle reist mit Bus und Bahn zur WM“) oder Artikel, die schon vor der WM geschrieben wurden, aber mit einem WM-Bezug veröffentlicht.

Wenn es am Ende dieses Turnier noch irgendeinen Journalisten gibt, der nicht über eine Zugfahrt in Russland berichtet hat, kann man wohl davon ausgehen, dass die Kollegen bereits hinter dem Rücken über ihn tuscheln und er beim nächsten großen Turnier zuhause bleiben muss. Da kann er dann aus der Ferne zuschauen, wie alle Kollegen ihr „Wie ich mal auf einem Kamel durch die Wüste ritt“-Stück liefern. Aber bis dahin sind ja noch ein paar Jahre.

Im Jetzt und Hier möchte ich zum Schluss noch zwei Dinge empfehlen. Kunden, die sich für „Journalist schreibt Ich-Reportage aus einem russischen Zug“ interessierten, interessieren sich doch bitte auch für „Luzia in Rossija“, eine Serie kurzer Filme zur WM, Folge 3 spielt im Zug. Und für
Diagnosis, ein Fotoessay über einen russischen Krankenhauszug – ohne WM-Bezug, einfach so interessant.

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Russball, Folge 53: Das ist nicht mehr das Moskau, das ich kenne

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Taxifahrer, die aussteigen und einem die Tür aufhalten. Laut singende Menschen, die abends durch unsere Straße ziehen. Polizisten, die Dinge durchwinken, die hier sonst sofort abgebrochen oder mit Festnahmen enden würden: Transparente ausrollen, auf Denkmäler klettern, sowas. Für diejenigen, die von außen angereist sind, mag das gar nicht so besonders sein: Eine Stadt, in der eine Fußball-WM stattfindet, natürlich sind die Menschen da ausgelassen, die Polizei versucht’s erst mal mit Deeskalation, die Einheimischen zeigen sich von ihrer besten Seite.

Für die von uns, die hier dauerhaft leben, ist der Unterschied sehr viel deutlicher. Der Moskauer an sich, er ist halt oft eher so eine Art Berliner: Kurz angebunden bis unwirsch, vor allem, wenn man was fragen will. Die Polizei zeigt sich normalerweise (Ausnahmen bestätigen die Regel) eher demonstrativ präsent als zurückhaltend. Derselbe Gesichtsausdruck, der für uns in Deutschland ernst und abweisend wirkt, gilt hier als normal.

Was das mit den Moskauern macht, ist sehr hübsch in einem Artikel der Nowaja Gasjeta beschrieben, deren Reporter sich im Zentrum der Stadt unter die feiernden ausländischen Fans gemischt hat: „Menschen, die in Shorts, Jeans, kurzen Röcken ihre Beine hochwarfen. Kolumbianer. Der Karneval hatte gerade erst begonnen, und die Moskauer Großmutter, die die Kolumbianer nun so betrachtete, wie Großmütter sonst Hare Krischnas mit Trommeln betrachten, konnte noch ungestört ihre Lieblingsstraße entlang gehen.“

Und ich bin irgendwo zwischen grummeliger Empörung (Na toll, für die vier Wochen versteht ihr also plötzlich Englisch, helft Leuten, die nach dem Weg fragen und rempelt nicht alle zur Seite, die im Bus eine halbe Sekunde zu spät die Tür frei machen) und Rührung. Diese Rentner, die sich da in der Innenstadt um einen Akkordeonspieler gesammelt haben und nun singen und vorbeiströmende Fans zum Mittanzen animieren – so wunderbar ist Moskau, wenn es sich mal richtig ins Zeug legt.

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⚽ Der WM-Effekt ist nicht auf Moskau beschränkt. „Solche Gefühle hat Samara noch nicht erlebt“, heißt es in einem Artikel der Komsomolskaja Prawda. Was war passiert? Vor dem Spiel Costa Rica – Serbien war eine große Gruppe Costa-Ricaner vor das Mannschaftshotel gezogen und hatte dort ihr Team so lange besungen, bis sich die Spieler zeigten und bedankten. Das Video allein macht schon gute Laune:

Der größte Spaß ist aber, zu lesen, wie der Journalist vor Ort diese ungewohnte, importierte Lebensfreude beschreibt: „Es war ein monumentaler, unvorstellbarer Anblick: Stellen Sie sich bloß vor, dass mitten in den Straßen von Samara (…) eine Menschenmenge aus heißblütigen Lateinamerikanern tobt, die Polizei gelassen daneben steht und darauf achtet, dass diese Leidenschaft nicht ausufert, die Busse ruhig auf die Nebenspur wechseln und Passanten sofort nach der Kamera oder dem Telefon greifen.“ Die Verwunderung, was in Russland plötzlich möglich ist, kann man gut heraushören.

⚽ Das ging schnell: Gestern habe ich darüber gebloggt, dass Leonid Sluzki in seiner Rolle als WM-Experte bei Russlands wichtigstem Staatsfernsehsender beiläufig Alexej Nawalny erwähnt hat. Das ist dort, na sagen wir mal: unüblich. Sehr unüblich. Massiv unüblich. Einige Stunden lang wurde Sluzki im Netz als Held gefeiert, man fragte sich bereits, welche heiklen politischen Themen er als nächstes ansprechen würde.

Dann, spät am gestrigen Abend, kam die Meldung: Sluzki wird keine weiteren Spiele mehr im Fernsehen kommentieren. Der Status Quo in seiner ganzen deprimierenden Reichweite ist damit wiederhergestellt. Lektion für alle: Wer ihn verletzt, fliegt raus.

⚽ Rund 33.000 Leute passen ins Stadion in Jekaterinburg, nur 27.000 waren am Freitag da, als Ägypten gegen Uruguay spielte. Sowas fällt auf, vor allem, wenn man Sitze in Knatschorange hat. Warum bleiben da so viele Plätze frei, die Frage beschäftigt viele Russen. Auch der Regionalgouverneur, Jewgeni Kuiwaschew, konnte sich in einem Instagram-Post den Ärger nicht ganz verkneifen: „Es hat mich ein wenig gekränkt, die leeren Plätze zu sehen, aber mir fehlen dazu die Befugnis und die nötigen Informationen: Für Tickets sind unsere Partner bei der FIFA zuständig.“

Игра закончилась победой Уругвая над Египтом, счет 1-0. Первый матч ЧМ в Екатеринбурге прошел без происшествий, все службы отработали хорошо. Впереди еще три игры. Стадион «Екатеринбург Арена» зарекомендовал себя прекрасно. В комментариях пишут про пустые места на центральной трибуне. Да, к сожалению, оставались свободные места. Согласно данным FIFA, на игру пришли 27015 человек, хотя были распространены более 30 тысяч билетов — на все свободные места. Мне было немного обидно видеть пустые места, но я тут не обладаю полномочиями и необходимой информацией: билетами занимаются наши партнеры из FIFA. В любом случае, заполняемость стадиона составила более 80%, боковые и верхние трибуны были заполнены почти под завязку. Болельщики получили огромное удовольствие от игры. Надо учитывать и то, что все-таки внимание к командам Уругвая и Египта не такое большое, как к некоторым другим сборным. В будущем нас ждут игры Мексики, Швеции, Франции. Думаю, людей на стадионе будет достаточно.

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Eine Erklärung ist, dass auf den leeren Plätzen VIP-Gäste sitzen sollten, denen es dort dann zu kalt war. So klingt es auch bei der FIFA, die nur etwas schwammig von Gruppenbuchungen spricht, bei denen die Gruppenmitglieder nicht erschienen seien. Die Vermutung liegt nahe, dass da nicht von Fan-Reisegruppen die Rede ist, sondern von Sportfunktionären oder Jekaterinburger Offiziellen.

Ein Fan hat unterdessen ganz andere Probleme: Er kam zu dem Spiel in Jekaterinburg und musste dort feststellen, dass es seinen Sitzplatz nicht gab. Die Nummer, die auf seinem Ticket stand, gab es im Stadion (das ja für die WM umgebaut wurde) nicht.

⚽ Mein Bauchgefühl sagt mir, dass ihr über das Deutschland-Mexiko-Spiel in den vergangenen Tagen schon genug gesehen und gehört habt. Da spare ich mir also sowohl Gejammer als auch Analyse, sondern verlinke einfach eine kleine russische Presseschau vom Morgen danach.

⚽ Dieses Spiel da in Wolgograd, England gegen Tunesien, muss ja ein ziemliches Mückenfestival gewesen sein – hier eine kleine Fotosammlung zu dem Thema. Sportschau-Frau Julia Scharf entschied sich für den einzig passenden Hut und bekam dafür sogar die Aufmerksamkeit russischer Buchmacher:

„Ausländische Journalisten diskutieren während des Spiels zwischen Tunesien und England in sozialen Netzwerken die leeren Plätze und die Grashüpfer im Stadion„, heißt es da. „Das deutsche Fernsehen macht seine Übertragung generell in Masken.“ Stimmt so nicht, aber das Foto ist in der Welt und dreht seine Runden im Netz. Ach so, und eine Torte in Stadionform gab es auch.

⚽ Schön, wofür sich der russische Geheimdienst alles zuständig fühlt: Die kroatische Nationalmannschaft, die ihr Quartier irgendwo in der Nähe von St. Petersburg hat, wollte Fahrräder für ihren Kader haben, 30 Stück. Abgenickt werden musste das nach dem Bericht einer regionalen Nachrichtenseite allerdings von den zuständigen Sicherheitsleuten, und deren Chef ist vom FSB. So fiel die pragmatische Entscheidung: 30 Kroaten auf Fahrrädern, wie sollen wir die denn alle im Auge behalten? Komm, wir geben ihnen zwei Fahrräder, das muss reichen.

Besonders zauberhaft ist der Witz, der dem Bericht zufolge rund um das Mannschaftsquartier kursiert: Wenn auch nur einem der kroatischen Nationalspieler etwas passiere, heißt es da, könnten sich die Sicherheitskräfte, die für sie zuständig sind, schon mal darauf einstellen, demnächst nur noch Schachturniere in Sibirien zu bewachen. Und wenn die fahrradlosen Kroaten demnächst wegen akutem Lagerkoller aus dem Turnier ausscheiden, können sie immerhin sagen: Der FSB ist schuld!

⚽  Es gibt viele Dinge, die man am DFB kritisieren kann. Die überzogenen Versprechungen zum Moskauer Fan-Camp zum Beispiel, oder das Rumlavieren beim Thema Menschenrechte in Russland. Der Fairness halber soll aber hier auch erwähnt sein, dass sich die offizielle Delegation vorgenommen hat, sich hier auch mit Menschen und Organisationen zu treffen die sich für Freiheitsrechte einsetzen. Eines dieser Treffen war mit Memorial, wer mehr über diese NGO erfahren will, kann das hier.

⚽ So sieht es aus, wenn Fußballfans nach dem WM-Eröffnungsspiel in Moskau die Nacht zum Tag machen: Das Strelka-Institut zeigt, wann und wo Menschen in einer normalen Nacht in Moskau etwas kaufen (grün) und wann sie in der Nacht nach dem Eröffnungsspiel etwas gekauft haben (pink). In einer durchschnittlichen Juni-Nacht gibt es zwischen Mitternacht und 9 Uhr morgens kaum irgendwelche Einkäufe, heißt es im Artikel zu der Grafik.

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In der WM-Nacht hingegen kann man sehen, wie die ganze Nacht hindurch Transaktionen stattfinden, vor allem von Fans, die Essen und Getränke kaufen. Man sieht, gerade nach Miternacht, ganz deutlich, wo Moskaus Kneipenstraßen liegen. Die Summe, die in dieser Nacht für Getränke ausgegeben wurde, lag doppelt so hoch wie sonst. Und wo wir schon bei Fans sind und der Frage, wofür sie Geld ausgeben: Seit Beginn der WM sinken die Mietpreise in Moskau – vermutlich, weil sie vor dem Turnier so obszön hoch waren.

⚽ Zum Schluss noch ein Wort zu Russlands 3:1 gestern Abend, das aller Wahrscheinlichkeit nach ja den Einzug ins Achtelfinale bedeutet. Das Spiel war gar nicht so doll, aber hinterher noch ein bisschen ins Stadtzentrum zu fahren, dort die hupenden Autos und feiernden Leute zu sehen – das hat schon großen Spaß gemacht.

Für die russischen Fans ist der Erfolg um so schöner, als er so unerwartet kommt. Am besten merkt man das vielleicht an einem Artikel von Championat.ru, dessen Überschrift schlicht lautet: „АААААААААаааааааа!!!1“ Darum zum Schluss noch ein Actionfoto, bei dem ihr mir einfach mal glauben müsst, dass es ein beflaggtes Auto zeigt, das in der Dunkelheit über den Neuen Arbat fährt.

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So, morgen gehe ich mir dann übrigens auch endlich mein erstes WM-Spiel live ansehen, Portugal gegen Marokko, hier bei uns im Luschniki-Stadion. Dank Reuters weiß ich, dass wohl auch ein ausgesuchter Möpp mit im Stadion sein wird: Sepp Blatter, früherer FIFA-Chef. Der ist zwar eigentlich für alle fußballerischen Aktivitäten gesperrt, aber was heißt das schon. Es ist WM in Russland, und wenn der Präsident dem Blattersepp einen Stadionbesuch ermöglichen will, dann macht er das auch.

Bis nächste Woche, macht’s gut!



 

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