Russball, Folge 70: Angriff auf den Thron

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Wir können nicht über Russland reden, ohne die Gewalt zu erwähnen, mit der dort im Moment gegen Menschen vorgegangen wird, die für mehr Demokratie auf die Straße gehen. Dieser Mann zum Beispiel wurde von Sicherheitskräften zu Boden geworfen und abgeführt, nachdem er Spartak-Fangesänge gesungen hatte. Diesen Demonstranten halten mehrere Polizisten fest, während einer von ihnen auf ihn einprügelt. Journalistenkollegen, denen ich seit gemeinsamen Moskauer Zeiten bei Twitter folge, posten dort plötzlich (hier und hier), dass sie bei der Arbeit trotz Akkreditierung festgenommen werden.

Beeindruckt hat mich ein Text des Geschichtsprofessors Sergej Radschenko, indem er erklärt, warum er trotz der drohenden Polizeigewalt an den Protesten teilnimmt: „Wir – Russland, Europa, die Welt – waren schon einmal an diesem Punkt. Wir dürfen nicht zulassen, dass die Unterdrückung zurückkehrt.“

Und jetzt reden wir über Fußball.

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Mitte Juli waren wir zum ersten Mal in Moskau, seit wir Anfang des Jahres dort weggezogen sind – ich hab damit gerechnet, gelegentlich sentimental zu werden und zu schwelgen. Aber dass sich einem die Stadt schon aus der Ferne an den Hals wirft, war dann doch eine Überraschung: Wir sitzen in Schönefeld, dieser Flughafen-Parodie, als auf dem Handy aufplöppt: Ihr Boardingpass hat sich geändert – ein Upgrade in die Business Class. Sekt, ausgestreckte Beine und vom Zeitungswägelchen eine Sport Express, Flugcharme rundum.

Auf Seite 1 haben die Blattmacher eine Ladung Dramatik geschaufelt: „Die neue Saison der Premjer-Liga, Episode: ANGRIFF AUF DEN THRON„. Wir haben Großbuchstaben! Wir haben Spieler von Krasnodar, Lokomotive, Spartak und ZSKA, die um den Game-of-Thrones-Thron rumstehen! Aber darauf sitzen darf nur Artjom Dsjuba von Zenit, dem amtierenden Meister!

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Nach der Landung, auf dem Weg ins Zentrum, sage ich zu Markus: Dir ist natürlich klar, dass ich diese Stadt betrete mit der Erwartung, zufällig auf der Straße jemanden zu treffen, den ich kenne. Er macht angesichts von zwölf Millionen Einwohnern ein paar Geräusche. Ich glaube, einen halblustigen Witz gemacht zu haben darüber, wie sehr sich diese Stadt immer noch wie zuhause anfühlt. Soweit alles normal, nur dass wir am nächsten Tag auf dem Roten Platz stehen (wir sind jetzt Touristen, wir machen Touristendinge) und das hier geschieht:

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Eine Nachricht von Jura – wir waren mal zusammen im Stadion, als Schalke nach Moskau gekommen ist, um dort in der Champions League gegen Lokomotive anzutreten. Als Chef der Russischen Knappen, Russlands Schalke-Fanclub, hatte Jura damals die Karten organisiert und uns im strömenden Regen vorm Stadion getroffen, damit wir die anderen Schalke-Fans auch finden. Also, schnell einmal treffen neben dem Leninmausoleum, ein gemeinsames Foto, gemacht von Juras Vater, die beiden wollen später zum Spiel Sotschi – Spartak gehen. Ach so, Jura ist übrigens keineswegs aus Moskau, sondern aus Krasnodar, mehr als 1000 Kilometer entfernt. Was dieses Treffen hier auf dem Roten Platz noch unwahrscheinlicher macht.

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⚽ Sotschi, das gegen Spartak dann übrigens 0:1 verloren hat, ist ein Neuzugang in der Premier-Liga. Die hat ihre Saison 2019/20 zwar mit einem Zuschauerrekord begonnen, dafür hat es mit einer großen Neuerung nicht hingehauen: Der Videobeweis, für den die Russen die englische Abkürzung VAR übernommen haben, war nicht rechtzeitig zum Saisonbeginn am Start. Dabei war die Fußball-WM 2018 doch das große VAR-Vorzeigeturnier gewesen.

Woran’s lag? Zu viele Beteiligte, die sich bei der Umsetzung nicht einig geworden sind. So hat es jedenfalls zum Saisonbeginn Alexander Djukow erklärt, der Präsident des russischen Fußballverbands. Zum zweiten Spieltag sollte es klappen, meinte er da noch, letztlich wurde es der dritte. Ärgerlich ist das für Sotschi, denn das Siegtor für Spartak war alles andere als regelkonform: Fernsehbilder zeigen deutlich, wie sich Spartaks Samuel Gigot bei seinem Kopfballtreffer auf einen Spieler von Sotschi aufstützt. Sport Express titelt dazu: „VAR hätte so einen Sieg nicht zugelassen“.

⚽ Noch mal Spartak: Die haben da jetzt ja diesen frisch ausgeliehenen neuen Spieler im Kader, dessen Ü im Nachnamen im Russischen als ю, also [ju] wiedergegeben wird. „Andre Schjurrle“ also hat nach seinem ersten Spartak-Spiel (0:0 gegen Dynamo) Sowjetski Sport ein Interview gegeben, das meiste waren höfliche Floskeln, die Fans von BVB und Spartak seien sich sehr ähnlich, sowas. Eine Passage fand ich aber doch ganz lustig: Offenbar ist in der Umkleide einer der jungen Spartak-Spieler auf Schürrle zugekommen und hat sinngemäß gesagt: „Hey, ich hab beim FIFA-Zocken immer als du gespielt!“ Fühlt man sich da geehrt? Alt? Schürrle jedenfalls hat im Interview von seinen eigenen FIFA-Spielzeiten erzählt: Er war am liebsten Lampard oder Ballack.

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Auf die Liste der zehn wichtigsten Sommertransfers im russischen Fußball hat es Schürrle nicht geschafft – die war schon veröffentlicht, als er bei Spartak anfing. Dafür punktet er mit Sprachkompetenzdialektik: Auf die Interviewfrage, ob ihm seine aus Kasachstan stammende Frau denn schon Russisch beigebracht habe, hat er mit „Ich spreche kein Russisch“ geantwortet. Auf Russisch.

⚽ Noch mal Spartak, dann ist aber echt Schluss: Leonid Fedun, Besitzer des Vereins, bekommt bei Gol.ru eine, tja… Würdigung? Anklage? Jedenfalls ein ungewöhnliches Artikelformat. Aufgehängt an Feduns Versprechen aus dem Januar, Zé Luís und Luiz Adriano würden noch jahrelang für Spartak spielen (heute ist der eine beim FC Porto unter Vertrag und der andere bei Palmeiras São Paulo) hat die Redaktion eine Liste veröffentlicht: „14 Beispiele, in denen Fedun das eine sagt und das andere tut“. Besonders hübsch, im April 2011: „Den neuen Trainer verkünden wir wahrscheinlich am Donnerstag.“ Tatsächlich hat es noch mehr als ein Jahr gedauert.

⚽ Es gibt ja so journalistische Projekte, die man gerne verfolgt, bei denen man aber schon auch arg froh ist, sie nicht selber umsetzen zu müssen. Andrew Flint hat sich so eins ausgedacht. Er lebt seit Jahren in Tjumen in Sibirien, und in dieser Saison will er alle Spiele des Drittliga-Vereins FK Tjumen besuchen. Diese Liga ist aufgeteilt in Regionen, Tjumen tritt im Bereich Ural-Wolga an gegen Vereine, die wie Autos heißen – Kamaz, Wolga, dazu der doppelte Lada aus Lada Dimitrowgrad und Lada Togliatti. Dass zwei Wochen vor Saisonbeginn noch nicht bekannt war, welcher dieser Clubs wann gegen wen spielen würde ist nur eine der vielen Randbeobachtungen, über die Flint bei Futbolgrad berichtet.

Über Tjumen wusste ich bisher nur, wo es grob liegt und dass man es auf der zweiten Silbe betont. Ein Blick in die Vereinschronik zeigt, dass das einer dieser Sowjetclubs war, die alle paar Jahre einen neuen Namen bekamen. So stand der Verein immer wieder für andere Berufsgruppen und hieß: Geologe Tjumen, Ölarbeiter Tjumen, Bauarbeiter Tjumen, später dann wieder Geologe. Wenn Andrew Flint sein Saisonprojekt wirklich durchzieht – wer weiß, was da noch alles an Nischenwissen über den sibirischen Fußball rauskommt.

⚽ Rammstein sind gerade auf Tour durch Russland, am Freitagabend sind sie im Stadion von Krasnodar aufgetreten. Ja genau, Rammstein, die mit den spektakulären Bühnenshows. Ja genau, das Stadion, wo am Samstag ein Spiel der Premjer-Liga anstand, Krasnodar gegen Zenit. Sportreporter Goscha Tschernow war bei dem Konzert und hat gefilmt, wie viele Menschen da zehn Minuten nach dem letzten Lied schon mit dem Abbau beschäftigt waren:

Tatsächlich hat es geklappt, kurz nach Samstagmittag waren Bühne, Lautsprecher und andere Aufbauten weg und der Rasen wieder freigelegt. „Ein Rekord“, schrieb der Konzertveranstalter bei Instagram und dankte allen Mitarbeitern für die „heiße Nacht“, nach der das Stadion wieder anpfifftauglich aussah:

⚽ Was macht eigentlich Andrei Arschawin? Vergangenes Jahr hat er seine Spielerkarriere beendet, seitdem hört man von Arschawin, wenn er zum Beispiel aus einem Petersburger Strip-Club rauskommt und auf einem Pferd davonreitet. Aber immerhin, wenn ihn ein Fernsehsender als Fußballexperten bucht, scheint er das ja ernst zu nehmen und sich anständig vorzubereiten. Oder so.

⚽ Die Älteren werden sich erinnern: Franz Beckenbauer war einst nicht Bundestrainer der westdeutschen-Fußball-Nationalmannschaft, er war ihr Teamchef – für alles andere fehlte ihm die Lizenz. Also wurde nominell jemand anderes Bundestrainer, Beckenbauer als Teamchef dessen Vorgesetzter. Das Modell hatte über Jahre Bestand und endete mit einem Weltmeistertitel für die DFB-Mannschaft.

Beim FK Krasnodar haben sie das ganz ähnlich versucht: Murad Mussajew trainiert den Verein seit einem guten Jahr, allerdings fehlt die Lizenz. Offizieller Cheftrainer war also jemand anderes, Mussajew als Obertrainer dessen Vorgesetzter. Ergebnis: Krasnodar qualifizierte sich zum ersten Mal für die Champions League, muss aber wegen der Nummer mit dem Trainer, der eigentlich gar keiner sein darf, 50.000 Euro Strafe zahlen. Außerdem hat die Uefa entschieden: Die Lizenz, die Mussajew braucht, um offiziell den FK Krasnodar trainieren zu dürfen, kann er frühestens in einem Jahr machen.

⚽  Möglicherweise verfolge ich nicht mit der notwendigen Aufmerksamkeit, wie die Begegnungen der einzelnen Champions-League-Runden ausgelost werden. Jedenfalls habe ich erst nachträglich mitbekommen, was da am 22. Juli geschehen ist: Das Los wollte es so, dass da demnächst eine russische und eine ukrainische Mannschaft gegeneinander antreten. Das aber will die UEFA nicht, mit gutem Grund, weshalb eine Sonderregel gegriffen hat:

Ein wenig Nachlesen ergab: Diese Regel gilt bereits seit 2014, dem Jahr, in dem Russland die Krim annektiert hat. Die Fußballverbände der beiden Länder hatten ebenso Sicherheitsbedenken wie die Uefa selber. Nach denselben UEFA-Regeln werden Vereinen aus Armenien keine Gegner aus Aserbaidschan zugelost, Teams aus Spanien müssen nicht gegen Teams aus Gibraltar antreten.

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Der Rausschmeißertext kommt diesmal aus Großbritannien. Über spektakuläre Transfers reden alle, über mittelwichtige Spieler, die sich ein Fußballteam vom anderen ausleiht, eher nicht. Deshalb fand ich so interessant, was die New York Times berichtet: wie sich Vertreter vor allem europäischer Clubs an einem Nachmittag in London zu einer Art Speed-Dating treffen, um dort in Begegnungen à 15 Minuten zu klären: Wen kann ich bei euch leihen? Wen könnt ihr von uns brauchen?

„To be sure, this is not the place where Cristiano Ronaldo or Lionel Messi will move from one club to another, but rather where useful, reasonably priced players change teams“, heißt es taktvoll in dem Artikel. „Reasonably priced“ bedeutet demnach: 20, maximal 25 Millionen Pfund.



 

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Die besten Threads aus dem Juni

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Wer in dieser Sammlung von Threads nicht vorkommt: @sixthformpoet. Kann sein, dass ich von der Sache mit Fräulein Read On noch besonders sensibilisiert bin. Kann auch sein, dass ich dem Menschen hinter dem Account damit Unrecht tue. Aber das, was er da als Selbsterlebtes präsentiert, klingt mir zu ausgedacht – erst recht, wenn da jemand gleich mehrere solche rundum absure Episoden erlebt haben soll. Alles ein bisschen zu schön, um wahr zu sein.

Ansonsten gilt wie immer: Ein Klick auf den ersten Tweet öffnet den ganzen Thread. Viel Spaß!

1. Toter Körper I

Zu wahr, um schön zu sein ist das Thema Verwesung. Großen Respekt also für diesen Thread, der den Prozess anhand eines toten Hamsters so unterhaltsam erklärt – ohne einem dabei irgendwelche Ekelbilder aufs Auge zu drücken.

2. Toter Körper II

Die Kaltmamsell hat auf diesen Thread hier hingewiesen, und was soll ich sagen: Die Frage, was bei der Auferstehung mit unserem Körper passiert, wenn wir zuvor von Kannibalen gefressen wurden, war mir in ihrer praktischen und theologischen Reichweite bisher noch nicht begegnet. Im Mittelalter hingegen scheint das ein ziemlich wichtiges Thema gewesen zu sein: „We’re surrounded by flesh vapor. It’s cool!“

3. Was Enron mit Siri zu tun hat

Ihr erinnert euch an Enron, den US-Energiekonzern, der in den frühen 2000-er Jahren aufgrund massiver Bilanzfälschungen auch außerhalb der Vereinigten Staaten über Monate hinweg in den Nachrichten war? Dass das einer der größten Wirtschaftsskandale der USA war, hätte ich wohl noch als Information parat gehabt. Dass aber die damals beschlagnahmten Emails später ohne viel Rücksicht auf die Privatsphäre ihrer Verfasser veröffentlicht wurden, und dass darauf heute von wissenschaftlichen Analysen bis zu Siri und Gmail vieles aufbaut – das hatte ich vorher noch nicht gehört.

4. Warteschlangenlektüre

Wenn’s mal wieder länger dauert in der Apothekenwarteschlange: Ein Thread zu der die Frage: „Was tun die eigentlich alle, anstatt mich hier zu bedienen? Vor allem die, die da im Hintergrund durchs Bild laufen?“

5. Tor für Thailand

1:5 haben die Fußballerinnen aus Thailand bei der Weltmeisterschaft gegen Schweden verloren, vorher waren sie bereits mit 0:13 gegen die USA untergegangen. Was dieses eine Tor im Schweden-Spiel für die Mannschaft und ihre Führung bedeutet hat, erzählt dieser Thread hier:

6. Der erste Bundesumweltminister

Wenn man im Wörterbuch unter „verbockt“ nachguckt, steht dann da eigentlich ein Verweis, „siehe: Kommunikationsstrategie der CDU im Sommer 2019“? So viel, was schief geht – der Umgang mit Rezo, dieses laute Nachdenken, ob das mit der Meinungsfreiheit nicht vielleicht ein bisschen zu weit geht, wenn sich da ein paar Dutzend YouTuber zusammentun, nicht zu vergessen die Nummer, wie die CDU plötzlich den Atomausstieg erfunden hat. Und dann war da noch diese Sache hier. Ja, Walter Wallmann war tatsächlich der erste Bundesumweltminister. Ob es allerdings eine gute Idee ist, mit ihm im Jahr 2019 für sich zu werben – nun ja.

7. Vatertag

Vatertag ist, wenn in Deutschland Betrunkene mit dem Bollerwagen rumfahren und in den USA Menschen ihre Gefühle in Tweets gießen. Dazu den einen Thread auszusuchen, war nicht so einfach – der mit dem dem Müllauto ist schon auch sehr schön. Letztlich musste es dann aber doch dieser hier sein, einfach weil er den Familienalltag mit einem schrulligen Vater so wundervoll beschreibt.

8. Die Klimakrise im Bus

Keinen anderen Thread hat es mir diesen Monat so oft in die Timeline gespült wie diesen hier.

9. Zuhause bei Hodscha

Mehr als 40 Jahre hat Enver Hodscha Albanien als Diktator regiert, und wie viele Gewaltherrscher hat er die im Land geltenden Regeln für sich selbst deutlich großzügiger ausgelegt. Das und noch mehr zeigt sich beim Besuch seiner Villa:

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Russball, Folge 69: „Die ertragreichste WM aller Zeiten“

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Seit dem Umzug zurück nach Deutschland habe ich keine Frage so oft beantwortet wie „Und? Vermisst du Moskau“. Ja, sehr – die Freunde, die Wucht und Pracht dieser Stadt, die tägliche Portion Absurdes, die Datscha im Grünen, den Chor. Nein, wirklich nicht – die Luft- und andere Verschmutzung, die permanenten Bauarbeiten, die Uniformierten überall, die Bürokratie, den Auto-Fokus in der Stadtplanung.

Meistens komme ich so fifty-fifty raus mit meiner Antwort, aber jetzt, wo es sommert und schon in Berlin die Nächte kurz und nur blau statt schwarz sind, da kippt es deutlich Richtung Moskau-Sehnsucht.

Auch, wenn man nach ein paar Jahren in der Stadt weiß, dass dieser Moskauer Sommer eine heimtückische Charmeoffensive ist – drei, vier, fünf Monate wirft sich dir die Stadt an den Hals, mit Bootsfahrten auf der Moskwa, Freunden auf dem Balkon, Musik bis in die Nacht und tanzenden Menschen in den Parks. Und dann kommen der Herbst, der olle Straßenüberschwemmer, das halbe Jahr Winter mit dreckigem Schnee und grauem Eis, dann wieder überschwemmte Straßen im Frühling, wegen Tau. Der Moskauer Sommer schleimt sich an einen ran, und zur WM vor einem Jahr hat er das besonders überzeugend getan. Also, genug geschwelgt – ein Foto noch von der Atmosphäre damals, und dann reden wir über allerlei Bilanzen.

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⚽ Die Bilanzen und Bilänzchen zum Jahr 1 nach der Fußball-Weltmeisterschaft sind oft sehr zahlenlastig: So hat die FIFA 2018 mehr als 4,6 Milliarden Dollar eingenommen, nach Steuern und Gedöns blieben gut 1,8 Milliarden Dollar übrig. „Rekordeinnahmen“ und „die ertragreichste WM aller Zeiten“, so steht es im Fifafinanzbericht. TASS weist darauf hin, dass 83 Prozent aller Einnahmen der FIFA zwischen 2015 und 2018 auf die WM zurückgehen. Nicht immer sind die Zahlen so spektakulär: Dem russischen Tourismus hat das Turnier angeblich nicht mal ein Prozent mehr ausländische Gäste gebracht als im WM-losen Jahr 2017. Und das, obwohl jeder zehnte WM-Besucher die Möglichkeit nutzte, mit seiner Fan-ID später noch mal einzureisen.

⚽ Weniger zahlenlastig ist der Rückblick, den Russian Football News auf die WM vor einem Jahr wirft. Stattdessen nimmt die Redaktion die einzelnen Gastgeberstädte unter die Lupe: Samara etwa profitiert von der zur WM gebauten neuer Infrastruktur, die aber seit der Abreise der Fans nicht mehr so gut in Schuss gehalten wird. In Rostow haben die Fans jetzt einen längeren Weg ins Stadion als zuvor, in Kasan wollen seit der WM offenbar mehr Menschen Englisch lernen. Ein interessanter Themenschwerpunkt, in dem stets auch Einwohner der jeweiligen Städte zu Wort kommen.

⚽ Dass das Verhältnis zwischen Russland und Georgien von Spannungen geprägt ist, konnte man ja gerade erst wieder in Tiflis beobachten: Nachdem sich ein russischer Duma-Abgeordneter im georgischen Parlament auf den Platz des Parlamentspräsidenten gesetzt und auf Russisch an die Zuhörer gewandt hatte, protestierten wütenden Georgier auf den Straßen der Hauptstadt. Bei Ausschreitungen und dem Polizeieinsatz wurden hunderte Menschen verletzt, die Proteste dauern bis heute an.

Die Wut in der Bevölkerung ging so weit, dass die Spieler dreier georgischer Fußballteams in T-Shirts aufliefen, auf denen Russland vorgeworfen wird, es habe 20 Prozent des georgischen Statsgebiets besetzt. Gemeint sind die georgischen Regionen Abchasien und Südossetien, die sich als unabhängige Staaten betrachten, tatsächlich aber komplett abhängig und kontrolliert von Russland sind. Aus dem russischen Parlament gibt es bereits Forderungen, die FIFA solle die T-Shirt-Aktion verurteilen. Unter den beteiligten Spielern sollen auch zwei Russen sein, die bei georgischen Vereinen unter Vertrag stehen.

⚽ Wer die letzte Russball-Folge gelesen hat, erinnert sich vielleicht: Die Besucherzahlen im russischen Profifußball sind nach der WM gestiegen und haben in der Premjer-Liga mit durchschnittlich 16817 Zuschauern pro Spiel einen neuen Rekordwert erreicht. Mit etwas Verspätung zieht Vedomosti daraus nun die Bilanz, die WM habe Russlands Fußballvereine gelehrt, wie man sich aus eigener Kraft finanziert und nicht mehr so von Sponsoren oder staatlichen Geldgebern abhängig ist. Steile These, die der Artikel nicht so recht belegt, trotzdem stecken ein paar interessante Fakten drin. Zum Beispiel, dass neben großen Namen wie Zenit, Spartak oder Lokomotive auch der FK Orenburg inzwischen einen großen Teil seines Budgets selber verdient – durch Eintrittskarten, Fanartikel, Ablösen.

Absolute Zahlen gibt es keine, bei Orenburg, dem Tabellensiebten der vergangenen Saison, machen diese Einnahmen inzwischen aber mehr als 90 Prozent des Budgets aus. Sieben von 16 Erstligaclubs sind dem Bericht zufolge allerdings auch heute noch weitgehend von zahlungskräftigen Sponsoren abhängig – in Russland oft regionale Regierungen, staatliche oder staatsnahe Unternehmen. Für diese Vereine hat Vedomosti, das ja eine Wirtschaftszeitung ist, nicht viel übrig: „Leibeigenentheater und Sozialprojekte“, mehr seien sie nicht – entweder das Amüsement eines reichen Geldgebers, oder dessen Chance, sich ein bisschen zu engagieren.

⚽ Ach ja, und weil da gerade „sieben von 16 Erstligaclubs“ stand: Das könnten bald schon 18 sein. Die Führung der Premjer-Liga hat eine Arbeitsgruppe gebildet, um Argumente für und gegen eine Vergrößerung zusammenzutragen, als nächstes müsste dann der Verband überzeugt werden. Nach TASS-Informationen haben sich alle Erstligavereine bis auf einen für den Vorschlag ausgesprochen. Besonders anschaulich ist, was Anatoli Mescherjakow, Aufsichtsratsvorsitzender von Lokomotive Moskau, dazu zu sagen hat: Erst mal müsse man (siehe Anschi Machatschkala, dazu gleich mehr) überhaupt ausreichend Vereine finden, die finanziell stabil genug seien für den Erstligabetrieb. „Und dann: Haben wir (genug) Stadien mit 15.000 Sitzen und Spielfeldern, die nicht dazu führen, dass sich die Spieler einen Bänderriss holen?“

⚽ Zwischendurch mal kurz: Der Twitter-Account „Football Manager Hair on Politicians“ ist erst seit Mitte Juni aktiv, hat aber schon ganz gut vorgelegt: Kim Jong-Un mit den Haaren von Jürgen Klopp, Jacob Rees-Mogg mit den Haaren von Rudi Völler. Und dann, rechtzeitig für diese Russball-Folge, das Zückerchen hier:

⚽ Diese Marotte, aus kyrillischen Buchstaben pdeudo-deutsche (oder -englische) Wörter zu basteln, finde ich ja ziemlich anstrengend. Trotz seines schmerzhaften Logos sei an dieser Stelle aber darauf hingewiesen, dass das Reportage-Projekt „Buterbrod und Spiele“ über den WM-Sommer 2018 gerade mit einem Grimme-Online-Award ausgezeichnet worden ist. Gern gelesen: den ausgiebigen Besuch bei Sergej Tschilikow und die kleine Randgeschichte über den Comedy-Youtuber Semjon Slepakow.

⚽ Das Logo von Paris Saint-Germain ist frei von Kyrillisch-Spielereien, obwohl es auf dieser Weltkarte bald ein weiteres Mal auftauchen wird. Sie zeigt, wo der französische Verein bereits überall Ableger seiner Nachwuchs-Akademie hat sprießen lassen, etwa in Montréal, Rio de Janeiro oder Düsseldorf. Ende August eröffnet jetzt auch eine Filiale in Moskau – direkt am Luschniki-Stadion, dem Ort des WM-Finales. Nach der Weltmeisterschaft hat es ja eine ganze Reihe neugegründeter Fußballschulen in Russland gegeben, da will nun auch der Meisterverein aus dem Weltmeisterland mitspielen.

Kinder zwischen 3 und 15 Jahren können ab dem Spätsommer an der Moskauer PSG-Akademie lernen. Trainiert wird zwei- bis viermal pro Woche, sechs reguläre und ein Torwarttrainer werden nach Vereinsangaben an der ersten PSG-Akademie auf russischem Boden lehren. Die Website steht, auf dem Instagram-Account sammeln sich die ersten Füllbilder und Nutzerkommentare. Und als jemand mit viel Liebe für Sprache weiß ich nicht, was mich mehr beschäftigt: Dass Fabien Allègre, der bei PSG für „Markendiversifizierung“ (doch, wirklich) zuständig ist, die Moskauer Akademie ohne Bescheidenheit oder Sprachgefühl als „eine der premiumsten des Landes“ ankündigt. Oder das Wissen, dass Paris Saint-Germain ins Russische streng phonetisch als Пари Сен-Жермен transliteriert wird, also Pari Sen-Schermen. Wenn das mal die Akademie nicht noch ein bisschen premiummer macht!

⚽ Willst du Jenissei oben sehen, musst du die Tabelle drehen. Es war keine gute Saison für den Verein aus Krasnojarsk, in der kommenden Saison spielt er bloß zweitklassig. Doch auch ohne Klassenerhalt hat sich der Club etwas anderes bewahrt: sein Talent dafür, sich geschickt in sozialen Netzwerken zu präsentieren. Wir erinnern uns: FK Jenissei, das sind die, die damals mit einem Einfamilienhaus und einem Lada mit personalisiertem Kennzeichen versucht haben, Cristiano Ronaldo zu sich zu locken. Die, die zum Pokalspiel fast 2000 Kilometer mit dem Zug anreisen, einschließlich Grillhähnchen.

Und nun eben die, die das Abstiegstrauma in einem schiefbunten Mischmasch aus Star Wars und Superheldenfilm aufgreifen: „Im Jahr 2019 flog der FK Jenissei aus der Russischen Premjer-Liga, wodurch es zu einer intergalaktischen Explosion und einem Riss im Raum-Zeit-Kontinuum kam und sich die Universen vermischten.“. Anders gesagt: Uns gibt es noch, wir nehmen die Sache mit Humor, also kauft doch bitte unsere neuen Trikots, ja?

⚽ Noch eine Abstiegsgeschichte, bloß dramatischer: Die Finanzkrise von Anschi Machatschkala hat sich über Monate hingezogen, noch vor kurzem sah es aus, als stehe der Verein vor dem kompletten Ende: Nach dem Aus in der Premjer-Liga bekam er nicht mal mehr die Lizenz für die FNL, also die zweite Liga. Wie ernst es um Anschi stand, zeigen die Überschriften, nachdem der Verein nun immerhin eine Drittligalizenz bekommen hat: „Anschi hat überlebt“„Anschi wird leben“„Anschi ist am Leben“, so liest sich das.

Anschi hat seine Fans in einem Instagram-Post über die Lizenz und die daran geknüpften Bedingungen informiert. So darf der Verein so lange keine neuen Spieler verpflichten, bis er die Gehälter nachgezahlt hat, die er seiner aktuellen Mannschaft und dem Trainerstab noch schuldet. Ausdrücklich erlaubt ist es dagegen, Spieler aus den eigenen Fußballakademie ins Profiteam aufrücken zu lassen – die Krise des Vereins als Chance für den Nachschub.

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Als Rausschmeißer noch mal ein Blick auf Russland und Georgien. Matthew Janney schreibt darüber, wie er das Angebot bekam, für die russische Rugby-Nationalmannschaft zu spielen – und welche Reaktion es gab, als er feststellte, dass er gar keine russischen Vorfahren hat, sondern georgische. Spoiler: Es ging seinem Bericht zufolge so in Richtung „Na, das kriegen wir schon im russischen Sinne gedreht.“ Fand ich vor allem deshalb interessant zu lesen, weil Russland ja auch im Fußball wie in der Politik die russische Staatsangehörigkeit ganz gerne mal strategisch vergibt.



 

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Die besten Threads aus dem Mai

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Dass zum Monatswechsel das Sichten von Twitter-Threads gehört, ist inzwischen eine schöne Routine geworden. Und so gut wie jedes Mal begegnen mir dabei Threads derselben Art: US-Bürger, die im (meist europäischen) Ausland waren, dort ärztliche Hilfe brauchten und dann fassungslos waren, wie schnell und wie preiswert sie sie bekommen haben. Jeden Monat könnte ich so einen Thread hier einbauen, aber für Leser in Deutschland ist der Erkenntniswert vermutlich nicht so hoch.

Irgendwie weiß man grob, dass das Krankenversicherungssystem in den USA viele Probleme hat – aber das auserzählte „so einfach war mein Arztbesuch in Großbritannien/Schweden/Italien“ hat nur für die Menschen einen echten Aha-Effekt, die das US-System gewohnt sind. Trotzdem wollte ich diesmal auf einen dieser Threads verweisen, weil er für viele ähnliche steht. Für ihn wie für alle gilt: Den ersten Tweet anklicken, und es öffnet sich der ganze Thread.

1. You found a lump

2. „Lieber Albert Camus“

Post-vom-Wagner-Parodie ist zwar ein recht weit verbreitetes Genre, aber die hier sind wirklich gut:

3. Polizeigewalt

Auch diesen Monat ist wieder das passiert, wofür ich Twitter-Threads so mag: Dass mir ein Geschichts-Thread in die Timeline gespült wird zu einem Thema, von dem ich noch nie gehört hatte. Diesmal geht es um eine extrem dunkle Begebenheit aus den Achtzigern.

4. Warum Büchereien wichtig sind

Was man lernt, wenn man in einer Bücherei arbeitet. Diese Liste fängt lustig an, ist aber ein Thread mit viel Tiefe, der zeigt, wen es trifft, wenn Büchereien klein- oder plattgespart werden.

5. Fagottogott

Winzigkleiner Thread, aber wer wollte nicht schon immer wissen, wie ein Fagott mit Verstärker klingt?

6. „I am the last survivor of the war“

Im Mai 1980 ist der Mount St. Helens ausgebrochen, der im US-Bundesstaat Washington liegt. Rund vier Autostunden entfernt verbrachte ein Wissenschaftler allein die Nacht in einem Observatorium. Als er wach wurde und nur von Asche und Dunkelheit umgeben war, dachte er. es habe einen Atomschlag gegeben – es waren die Achtziger, er konnte also nicht mal eben auf dem Handy nachsehen, was passiert war. Die ganze Geschichte hier:

7. Bilder und ihre Macht

Ein Denkanstoß zum Thema journalistisches Handwerk: Warum Bildauswahl wichtig ist. Bei Slate oder beim Guardian ist mir schon öfter positiv aufgefallen, dass da bei Symbolfotos manchmal einfach jemand im Rollstuhl sitzt/eine Frau ist/nicht weiß ist, ohne dass das Thema des Textes ist. Weil eben das jeweilige Thema nicht nur weiße, männliche Menschen betrifft, die nicht im Rollstuhl sitzen. Mehr als ein kurzes, wohlwollendes Bemerken war bei mir da nie, darum fand ich diesen Thread in seiner Ausführlichkeit so gut:

8. All kinds of Data

„Big Data“-Memes kannte ich, aber hier hat jemand wirklich unverhältnismäßig viel Zeit und Kreativität in Data-Witze inverstiert. Ich begrüße das.

9. WLAN in Londons U-Bahn

Wer in der Londoner U-Bahn das WLAN nutzt, muss in Zukunft damit rechnen, dass geloggt wird, wie er von A nach B kommt. Bisher gab es nur die Daten vom Betreten und Verlassen der jeweiligen Bahnhöfe, wo man seine Oystercard an ein Lesegerät halten muss. Nun erfährt das Transportunternehmen einiges mehr über seine Passagiere. Ein Thread darüber, warum das auch heikel sein kann, und welche Datenschutzregeln gelten sollen.

10. Eine Krähe hackt der anderen… oh.

Wer bei Twitter ist und sich für schwarze Vögel interessiert, folgt vermutlich dem Ravenmaster und erfährt so viel über die Raben im Londoner Tower. Diesen Momat ist mir aber auch ein Thread über Krähen begegnet, den ich interessant fand. Von wegen „kein Auge aushacken“ – Krähen tun einander manchmal sehr viel Schlimmeres an:

11. Eine Art Nachruf

Vielleicht les nur ich als Journalistin gerne über andere Journalisten, aber das hier hat mich berührt. Robert Pear war so ein einfluss- und kenntnissreicher Mann, das sich sogar Nancy Pelosi zu seinem Tod geäußert hat. Diesen Alltagsblick einer deutlich jüngeren Kollegin finde ich aber noch bemerkenswerter:

12. Wissenschaft 1, Marketing 0

Pseudo-Gesundheitswasser und wie man es mit ein wenig Wissenschaft als Schwachsinn entlarvt:

13. Der letzte Arbeitstag

Zum Beinahe-Schluss noch ein bisschen was aus der Reihe warm-ums-Herz:

14. Theresa Shampoo

Im wahrscheinlich letzten Monat mit ihr als Premierministerin gehört der Schluss-Thread diesmal Theresa May. Und ein paar Flaschen Shampoo.

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Russball, Folge 68: Rekord ein Jahr nach der Fußball-WM

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Wie war er, der Fußball-Mai in Russland? Fangen wir mit einem Bild an, getwittert vom offiziellen Account der Premjer-Liga. „Rekord“, das erste Wort über der Zahl, kann man sich vielleicht auch ohne Russischkenntnisse zusammenreimen:

Tatsächlich sind in dieser Saison, der ersten nach der Fußball-Weltmeisterschaft, so viele Leute zu den Erstliga-Spielen gekommen wie nie zuvor, nämlich eben diese 4036196. „Danke an jeden! Ihr seid die Besten“, twittert der Liga-Account. Im Schnitt kamen zu jedem Spiel 16817 Zuschauer, das sind gut 20 Prozent mehr als in der Saison davor.

Klar, wir wissen alle, da wurde mancherorts ordentlich angeschoben mit Freikarten und anderen Manövern. Trotzdem: Damit allein bekommt man keine vier Millionen Menschen ins Stadion.

Und sonst so?

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⚽  Eventuell ist Zenit St. Petersburg Meister geworden. Die Feierei – nur mal kurz mit dem Boot durch die Stadt und dann noch mal mit dem Bus – war so dezent und voller Understatement, man kann da nicht ganz sicher sein. Eventuell gab’s auch ein winziges Feuerwerk.

Russian Football News porträtiert Sergei Semak, der erst letztes Jahr als Trainer zu Zenit gekommen ist und direkt mal für den ersten Meistertitel seit 2015 gesorgt hat. Spannend, denn der Mann ist zwar früherer Zenit-Spieler, war als Trainer aber noch recht unerfahren. Championat wiederum hat einen Überblick über allerlei Leute, die im Hintergrund an diesem Meistertitel mitgewirkt haben, unter anderem Michail Birjukow. Er war an allen sechs Meistertiteln von Zenit beteiligt – 1984, noch zu Sowjetzeiten, als Torwart, außerdem 2007, 2010, 2012, 2015 und 2019 als Torwarttrainer. Und dann hat eventuell noch jemand ganz leise die jubelnden Fans gefragt: Кто чемпион? Wer ist Meister?

⚽ Vizemeister ist Lokomotive Moskau geworden, dafür hat das Team einen anderen Titel klar gemacht und im Pokal gesiegt. Mitten in der Sommerpause, am 6. Juli, wird es also ein Spiel zwischen Zenit und Lokomotive um den russischen Supercup geben. Wer alles wie international spielt, muss ich ja nicht aufdröseln, das kann man alles auf einen Blick hier sehen.

⚽ Tambow und Sotschi sind die beiden Aufsteiger in Russlands Premjer-Liga. Sotschi ist ja bekanntlich sowas Ähnliches wie der von Erich Kästner ausgedachte Gustav mit der Hupe: Der hatte erst nur eine Hupe und später dann das passende „Motorfahrrad“ dazu. Übertragen auf den Fußball heißt das: Sotschi hatte erst das großartige Stadion, das halt von der WM noch da stand.

Nun hat es der Verein auf ein Niveau geschafft, wo es auch nicht mehr so verschenkt wirkt, wenn er und seine Gegner in dieser Spitzenarena antreten. Bei Tambow wiederum muss ich, fernab von jeglichem Fußball, immer an „Tambow’s got Talent“ denken und an diese Geschichte hier. (Eh einer fragt: Ja, wir sind immer noch Facebookfreunde.)

⚽  Kurze Gedenkminute an dieser Stelle für Anschi Machatschkala. Nicht nur, weil sie per Relegation aus der Premjer-Liga abgestiegen sind, nein: Die finanziellen Probleme, um die es hier ja in den letzten Monaten immer wieder ging, haben den Verein eingeholt. Ergebnis: zu viele Schulden (darunter einiges an Spielergehältern) für eine Lizenz, Anschi darf nicht mal mehr in der zweiten Liga spielen.

Der Club steht damit vor seinem Ende. Die Regierung von Dagestan hätte helfen können, ist aber nicht zugunsten des Vereins eingeschritten – was ihr Magomed Adijew in einer seiner letzten Äußerungen als Anschi-Trainer hörbar nachträgt: „Ich habe mehr von der Regierung Dagestans erwartet. Alle haben gesehen und verstanden, dass der Präsident des Clubs nicht damit zurechtkommt, dass er bestimmte Probleme hat, aber die Regierung von Dagestan hat nichts getan.“ Der Fernsehsender Match TV sendet unterdessen schon mal einen Nachruf: „Darüber, wie ein weiterer russischer Fußballclub stirbt. Noch eine Region, in der es bald keinen hochklassigen Fußball mehr geben könnte.“

⚽ Legt man den Begriff „Region“ etwas großzügiger aus, bleibt auch nach dem wahrscheinlichen Ende von Anschi ja immer noch Achmat Grosny. Eine Teilrepublik weiter, von Dagestan nach Tschetschenien, und schon sind wir im Achmat-Gebiet. Den Futbolgrad-Text dazu kann ich nicht uneingeschränkt empfehlen – diese Passage à la „es gibt Berichte, dass Schwule verfolgt werden, aber hey, rund ums Stadion stehen freundliche Männer mit AK47s, die Sicherheitslage ist also top“ ist bestenfalls unreflektiert, schlimmstenfalls dumm.

Was der Text aber gut veranschaulicht, ist, wie ein Fußballverein, der nach dem Vater von Präsident Ramsan Kadyrow heißt, als PR-Instrument für ebendiesen Präsidenten eingesetzt wird: „Der FC Achmat, gesponsert von der Achmat-Stiftung, trägt seine Heimspiele in der Achmat-Arena aus, während die Fans ‚Achmat sila‘ (Achmat ist stark) rufen.“

⚽ Gianni Infantino war in Moskau, als ihm auffiel, dass das linke Revers seines Anzugs irgendwie leer wirkte. Schmucklos halt. Nackt geradezu. Aber gut, das lässt sich ändern, und so war Infantino im Kreml und hat sich von Wladimir Putin den Freundschaftsorden verleihen lassen. Der beißt sich farblich zwar ein wenig mit der Krawatte, aber gut, was will man machen. Auch Alexej Sorokin, Sportminister und einst Generaldirektor des WM-Organistations-Komitees, bekam die Auszeichnung. Im Gegenzug hat Infantino dann noch mal wiederholt, was er schon öfter gesagt hat: „Das war die beste Weltmeisterschaft aller Zeiten. Das sage nicht ich, sondern das sagt die ganze Welt.“ Der weiß halt, wie man sich bedankt.

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⚽  Da haben uns Alexander Kokorin und Pawel Mamajew durch so viele Russball-Folgen begleitet, und das soll nun ein Ende haben? Das Urteil gegen die beiden Fußballer ist gefällt, anderthalb Jahre Haft für Kokorin, ein Monat weniger für Mamajew, es ging um Prügeleien und das, was in Russland Hooliganismus heißt – mittelschwere Verstöße gegen die öffentliche Ordnung (genauere Definition hier). Falls sich jemand so richtig in den Fall vertiefen will, hier eine Chronologie/Themenseite dazu.

Das Strafmaß entspricht fast exakt den Forderungen der Staatsanwaltschaft. Die stellvertretende Chefin der Moskauer Gefängnisaufsicht hat unterdessen schon mal angekündigt, die beiden Spieler könnten ja im Gefängnis junge Fußballer trainieren. Ach so, und da Kokorin ja weiterhin bei Zenit unter Vertrag ist, ist er in der Haft Meister geworden und bekommt genau wie seine Kollegen, die auf freiem Fuß sind, eine entsprechende Medaille. Ob es bei den Haftstrafen bleibt, entscheidet sich dann Mitte Juni: Verteidigung wie Staatsanwaltschaft haben Einspruch eingelegt.

⚽ Tomas Zorn ist neuer Generaldirektor bei Spartak – ein Name, der mir bisher nichts sagte. Ein wenig Recherche ergibt: Der Mann ist gebürtiger Moskauer, der als Kind nach Deutschland kam und da aufwuchs. Nach eigenen Angaben vertritt er neben russischen Fußballern auch eine Reihe deutscher U17- und U19-Spieler. Hertha-Fans kennen seinen Namen vielleicht, weil er bis vor ein paar Monaten der Berater von Jordan Torunarigha war. Bombardir verweist unterdessen darauf, dass Zorn bereits mit Stanislaw Tschertschessow zusammengearbeitet hat. Das könne, heißt es dort, Gerüchte befeuern, dass Tschertschessow als Trainer zu Spartak zurückkehrt. Ob Spieler, die nach Russland wollen oder russische Spieler auf der Suche nach Engagements im Ausland, Zorn scheint gut vernetzt zu sein.

Interessant ist auch ein Artikel aus der Süddeutschen Zeitung, der schon ein paar Jahre alt ist: Damals ging es um die Frage, ob Zorn in eine Affäre um den bis heute mächtigen russischen Fußballfunktionär Sergej Prjadkin verwickelt ist, der als Chef von Russlands oberster Liga trotz eines Verbots gleichzeitig als Spielervermittler gearbeitet haben soll. (Mehr dazu auch hier beim Deutschlandfunk und hier bei Russian Football News). Die Nowaja Gasjeta hat die Angelegenheit 2011 gründlich untersucht und dabei sogar Hinweise dafür gefunden, dass es sich bei Zorn wahrscheinlich um Prjadkins Sohn handelt. „Wenn das so ist“, schließt der Bericht, „heißt das dann, dass quasi der gesamte russische Transfermarkt von der Familie eines Fußballfunktionärs und seiner Geschäftspartners dominiert ist?“ Nun ja.

⚽  Weil nach der Saison vor der Saison ist, hat Bombardir schon mal zusammengetragen, was sich demnächst in der Liga ändert: Der Videobeweis kommt wahrscheinlich (und kostet pro Verein offenbar 15 Millionen Rubel, also gut 200.000 Euro), die Verträge einiger prominenter Spieler laufen aus, sowas.

Wie es ständig in jeder Vorhersage über den russischen Fußball steht, fehlt auch hier nicht die Vorhersage, dass man sich nun aber endlich mal einigen wird auf eine neue Regel für Legionäre, also für die Zahl ausländischer Spieler pro Mannschaft. Oder doch pro Verein? Seit Jahren wird jetzt auf diesem Thema rumgedacht, allerlei Prominente geben O-Töne dazu ab. Wenn 2019/20 wirklich die Saison der Einigung ist, wäre das recht bemerkenswert.

⚽⚽⚽

Als Rausschmeißer ein Blick nicht nach Russland, sondern etwas weiter westlich in die Republik Moldau, an die Grenze zur Ukraine. Dort liegt Transnistrien, das sich seit Anfang der Neunziger als eigenen Staat betrachtet – eine Sichtweise, der sich bisher kein anderes Land der Welt angeschlossen hat. Wer den Begriff „frozen conflict“ googelt, stößt schnell auf diese Region.

Vieles trennt die Menschen in Transnistrien und im Rest von Moldau, doch der Fußball vereint sie: Es gibt weiterhin eine gemeinsame Liga, Moldauer Meister war in den vergangenen zwei Jahrzehnten fast durchgängig der transnistrische FC Sheriff Tiraspol. Robert O’Connor berichtet im Calvert Journal über „eines der (…) bemerkenswertesten Beispiele für eine erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen zwei kriegführenden Staaten“.



 

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Wie die russische Bürokratie uns bis nach Deutschland verfolgte

kscheib bolschoi viaggio a reims bürokratie
Was nach Russland geblieben ist: Über manche Dinge schreibt man lieber erst, wenn sie vorbei sind. Sicherheitshalber, damit man nicht irgendwen verärgert und doch noch was schief geht. So ist das auch mit diesem Blogpost, der aus Vorsichtsgründen erst heute erscheint. denn ich hatte Angst vor einer kulturellen Institution in Moskau: dem Bolschoi mit seinen Kassenfrauen.

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Zum Abschied von Russland gehört auch der Abschied von T., der besten aller Russischlehrerinnen. Neben vielen schönen Vokabeln und einer 70-prozentigen Trefferquote bei der Entscheidung zwischen vollendeter und unvollendeter Verbform verdanke ich ihr auch unzählige Ideen, was man in Moskau so unternehmen kann. Kaum eine Ausstellung, in der sie nicht war, kaum ein Orchester, das sie nicht schon einmal gehört hatte, kaum ein Theaterstück, zu dem sie nicht mehr zu erzählen wusste. Zum Abschied sollte sie also eine Karte für eine Operninszenierung am Bolschoi bekommen, die Markus und ich gesehen und gemocht hatten: Il Viaggio a Reims von Rossini. In einer der letzten Russischstunden hatten wir noch eine Kritik dazu gelesen und es war klar: Daran würde auch T. Spaß haben.

Gutscheine verkauft das Bolschoi nicht, aus Prinzip, wobei das Prinzip vermutlich heißt: Das wäre ja auch zu einfach. Aber gut – ein wenig unsubtiles Nachfragen und ich weiß einen Tag, an dem T. abends Zeit hat und die Reise nach Reims auf dem Programm steht. Onlinebuchung, ich komme! Registriert auf der Bolschoi-Seite bin ich, und guck mal, als Maßnahme gegen Schwarzhandel mit Karten muss man angeben, für wen die Karte ist. Alles ausgefüllt – Vorname, Vatersname, Nachname – und fertig. T. umarmt, Tränchen verdrückt, Eintrittskarte per Mail nachgereicht und das Land verlassen.

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Ein paar Wochen darauf kommt eine Mail, T. war am Bolschoi, ihre Karte abholen – man muss den Mailausdruck vor der Aufführung in eine offizielle Karte verwandeln. Aber so einfach ist es nicht, denn der Mensch, der da online gebucht hat und der Mensch, für den die Karte ist, sind nicht derselben. Das ist komplett unerhört und kann nur mittels einer notariell (!) beglaubigten (!!) Vollmacht (!!!) gerichtet werden. Die Kassenfrau hat auch direkt erklärt, was da alles drinstehen muss – vollständiger Name, klar, Passnummer, ausstellende Behörde, Datum der Passausstellung – das alles natürlich einmal mit Ts. Daten und einmal mit meinen. Immerhin, ein Zugeständnis: Das Bolschoi ist in seiner endlosen Großmut bereit, dieses Dokument auf Englisch statt auf Russisch entgegenzunehmen.

Ein Notar muss also her, in dieser neuen Stadt, wo wir noch zwischen Kartons und an die Wand gelehnten Bildern wohnen. Mal P. fragen, der ist schließlich Jurist, ein wichtiger Mann in einem wichtigen Laden. Außerdem war er schon mal zu Besuch bei uns in Moskau und hat so allerlei Alltagsgeschichten gehört. Er versteht also auf Anhieb, dass hier nicht Gehorsam nötig ist, sondern nur seine Simulation. Kurz darauf geht ein PDF per Mail zu T. Es hat zwar nie einen Notar gesehen, bietet dafür aber wundervoll förmliches Englisch, alle wichtigen Pass- und Personendaten, vor allem aber: Stempel. Viele Stempel, rote Stempel, runde Stempel, obendrüber ein Briefkopf, untendrunter eine Unterschrift. Was Juristen können, können nur Juristen. Mit einer Mischung aus Triumph und Bangen harren wir der nächsten Nachricht aus Moskau.

Ein paar Tage darauf kommt eine Mail, T. war am Bolschoi, ihre Karte abholen. Dachte sie jedenfalls, aber nein: „Das Epos geht weiter“, schreibt sie, und dass sie gerne der Kassenfrau ihre Meinung gesagt habe, aber sie fürchte, dann gar kein Ticket mehr zu bekommen. Was also haben wir falschgemacht? Na klar: Direkt bei der Buchung einer Karte, mit meinem Bolschoi-Kundenkonto und mit T. als von Anfang an eingetragener Kartenempfängerin haben wir – vermutlich war sein Portemonnaie gerade griffbereit – zum Bezahlen dummerweise Markus‘ Kreditkarte verwendet. Die famose semi-notarielle Vollmacht reicht also nur halb. Das Bolschoi will dasselbe noch mal haben, nur diesmal vom Kreditkartenbesitzer. Lautes Fluchen, schnelles Mailen an P., der zum zweiten Mal den Rettungsjuristen mit imposanter Stempelkollektion gibt. Nächstes PDF, nächste Mail.

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T. ist dann tatsächlich in der Aufführung gewesen, Reise nach Reims, Rossini, sie mailt begeistert von den Sängern und der Inszenierung. Was ja die Hauptsache ist. Und wenn das Gefühl bleibt, dass das Bolschoi vielleicht mehr Erfolg im Kampf gegen Schwarzmarkttickets hätte, wenn es anstelle seiner Onlinekunden mal die Männer anspräche, die jeden, aber auch wirklich jeden Aufführungsabend direkt vorm Gebäude stehen… nun ja. Wäre vermutlich effektiver, aber dann hätten wir uns in den letzten Wochen bestimmt nicht so oft mit T. gemailt. Was schade gewesen wäre.

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Was die re:publica nicht war

kscheib republica berlin rp19

Dieses Jahr sind zur re:publica mehrere Freunde gekommen, für die es das erste Mal dort war. Interessant, von ihnen zu hören, was die Konferenz für sie war oder nicht war: „Guter Ort zum Leutetreffen, aber nichts, wo ich was Konkretes für meine Arbeit mitgenommen habe.“ – „Eine Veranstaltung, wo man sich wünscht, an den Sessions stünde dran ‚für Anfänger‘ oder ‚für Fortgeschrittene'“ – „Endlich sind mal mehr Leute aus unserem Unternehmen hier, damit sich das Wissen von hier auch mal verteilt.“

Ein Anlass, darüber nachzudenken, was die #rp19 für mich war. Dabei ist mir vor allem etwas aufgefallen, was sie nicht war. Zum Beispiel keine Konferenz, bei der man sich erst ins WLAN einwählen müsste – das klappt automatisch noch vom letzten Mal. Sicherlich auch nicht das letzte Mal, dass ich mir etwas anschaue, das Jo Schück moderiert – wie der die Diskussion zwischen Axel Voss und Markus Beckedahl geleitet hat, Respekt.

Vor allem aber ist auffällig, was die re:publica in diesem Jahr nicht war, früher aber schon. Kein Thema mehr, um das die Tagesschau in ihrer Hauptausgabe rumkommt. Kein kleines, kuscheliges Treffen in der Nerdnische. Und, zumindest für mich, auch nicht mehr der Ort, wo man hinfährt, um sich einmal im Jahr rückzuversichern und dann wieder in eine Welt zurückzukehren, wo man als Onliner die leicht seltsame Randfigur ist. Dazu eine kleine Anekdote.

Es ist ein früheres Jahrzehnt und ich bin eine von zwei CvDs in der Onlineredaktion eines großen Zeitungsverlags. So, wie Kinder dazu da sind, ihren Eltern den Computer einzurichten, sind wir (neben dem dafür deutlich qualifizierteren Helpdesk) für alles zuständig, was irgendwie mit Technik zu tun hat. Bisschen seltsam, andererseits freut man sich im Sinne von Kontaktpflege und Kulturwandel ja über jeden Kollegen, der auf einen zukommt. Und wer weiß, vielleicht ist Führungskraft X ja demnächst auch mal bereit, einen Text online zu stellen – jetzt, wo wir ihr gezeigt haben, wie das auf dem Handy mit den Umlauten geht und sie endlich ihren Nachnamen richtig unter ihre Mails schreiben kann.

Eines Nachmittags klingelt eines der Telefone am Desk, jemand wird zu mir durchgestellt, wir stellen uns vor. Es handelt sich um Wichtige Person X – wir kannten uns bisher nicht, dafür ist sie eng verbunden mit Wichtiger Person Y, die man fände, wenn man mit dem Finger auf einem Organigramm von meinem CvD-Posten bis fast ganz nach oben fährt. WP X geht es um ein Wohltätigkeitsprojekt; irgendwas soll zugunsten irgendeines Zweckes verkauft werden, das Geld dann gespendet. Wir reden ein wenig, und je mehr wir reden, desto klarer wird: WP X möchte, dass wir, die Online-Redaktion, dazu eBay nachbauen. Schließlich gibt es etwas zu versteigern, und er hat gehört, dass andere Firmen dafür Plattformen gebaut haben, und wir sind ja nun ein großes Verlagshaus, also ja wohl ausreichend aufgestellt, sowas auch zu bauen, für diese eine Auktion.

Ich versuche, das Ringen um Fassung hintenan zu stellen zugunsten des Aufzeigens von Alternativen. Wir könnten eine bestehende Plattform nutzen. Wir könnten Leuten anbieten, ihre Gebote zu mailen. Wir könnten eine Live-Auktion veranstalten und im Print und online dazu einladen. Ehrlich gesagt weiß ich nicht mehr, was ich alles angeboten habe, aber WP X wird zunehmend ungehalten und verlangt schließlich, mit der Chefin verbunden zu werden.

Nach ein paar Minuten stellt die Chefin WP X wieder zurück zu mir. Ihre Aussage war wie meine, aber mit Chefinnensiegel. Und tatsächlich hat WP X immerhin die Größe, sich zu entschuldigen. Nein, nicht etwa mit den Worten „Da hatten Sie wohl recht“ oder, gesichtswahrend, „Da haben wir wohl aneinander vorbei geredet.“ WP X sagt zu mir am Telefon: „Tut mir leid, Frau Scheib – ich wusste nicht, dass Sie auch einen Dienstgrad haben.“

Solche Geschichten waren es, die wir uns bei der re:publica erzählt haben, als sie noch kleiner und quasi eine dreitägige Therapiesitzung für Onliner in Offlinehäusern war, für mich, und für zig andere in derselben Situation. „Wie hast du das bei dir gelöst“ – „Wen hast du dir als Verbündeten gesucht“ – „Wie hast du erklärt, warum…“ – „Welche Zahlen hast du ihnen gezeigt, damit…“ Rückversicherung und Reality Check.

Vielleicht hat mir die Lesung des Techniktagebuchs das vor Augen gefühlt: Was damals™ wichtig, ernst oder unumgänglich war. ist heute oft vor allem lustig. Wenn ich heute die Verbündeten von damals sehe, wenn wir zusammen in Sessions zu Emojis oder Podcasts oder Presserecht sitzen – dann muss ich daran denken, wie froh ich bin, dass die re:publica heute nicht mehr der Ort ist, wo man sich dringend nötige moralische Unterstützung in ganz grundlegenden Onlinefragen holt.

Kann gut sein, dass andere Leute aus anderen Konstellationen immer noch solche Gespräche führen, sich bei der Konferenz immer noch den Rückhalt von Mitkämpfern holen. Aber wenn ich mir anschaue, wie sich die re:publica in Sachen Relevanz und Akzeptanz weiterentwickelt hat, dann gönne ich mir manchmal den Optimismus, zu glauben, dass wir in den vergangenen Jahren doch ein bisschen vorangekommen sind mit diesem Onlinedings.

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Die besten Threads aus dem April

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Zwischendurch habe ich mal überlegt, ob sich eigentlich irgendjemandem die Bebilderung dieser monatlichen Blogposts erschließt. Muss das irgendwie klarer sein, stringenter, die Sache mit den Threads, also Fäden? Andererseits: Diese Auswahl eines farbenfrohen Fadenfotos zum Monatsende ist so ein entspannter kleiner Moment – die Suche nach einem Bild, das nicht aktuell sein muss, nicht die Protagonisten einer dazugehörigen Meldung mit dazugehörigem Gesichtsausdruck zeigen, sondern nur bunt und vielfältig sein. Pfeif auf die Stringenz, die Fäden bleiben. Und was auch bleibt: Bei allen Threads müsst ihr wie immer einfach auf den ersten Tweet klicken, dann öffnet sich der ganze Thread. Viel Spaß!

1. Von Erdbeeren und Totenköpfen

Dieser Thread ist vom 31. März, mir aber erst im April begegnet UND ÜBERHAUPT, WAS HEISST DAS SCHON, WIR WERDEN ALLE STERBEN! (Soweit die Botschaft vieler flämischer Stilleben in diesem Thread.) Hach, ich mag es, wenn jemand Symbole aus einer anderen Zeit so erklärt, dass man sie heute wieder versteht. Ein Vorzeige-Thread aus der Reihe „Mensch mit Ahnung erklärt etwas, das sich als unverhofft faszinierend entpuppt“.

2. Bäume, Teil 1: Abstandhalter

„Crown Shyness“ ist offenbar der Begriff für einen Abstand, den Baumkronen automatisch voneinander halten. Noch nie gehört, mit Faszination gelesen:

3. Bäume, Teil 2: NSFW

„Im Frühjahr ist die Luft erfüllt von Bienen, Blütenduft & naja — Sperma. Denn die Bäume ejakulieren gerade heftig, um viele kleine Baumbabys zu zeugen. Einige von uns leiden unter diesen Orgien, wir nennen es dann ‚Heuschnupfen‘, weil das besser klingt als ‚Sperma in der Nase‘.😌“

4. Der Mueller-Report auf dem roten Teppich

Rund um die Veröffentlichung des Mueller-Reports (oder sollte man wegen der vielen geschwärzten Stellen lieber Barr-Report sagen?) hat es auf Twitter ja nicht an klugen Analysen und Beobachtungen gefehlt. Das hier aber ist gleichzeitig so herrlich abwegig und auf den Punkt, dass es eine besondere Erwähnung verdient hat.

5. Geier an der Grenze

Woran erkennt man aus dem Flugzeug die Grenze zwischen Spanien und Portugal? Sie liegt da, wo die Geier in der Luft wenden. Ein paar von ihnen nisten zwar noch in Portugal, aber selbst die fliegen tagsüber rüber nach Spanien. Was das mit Gesetzgebung in Europa und BSE zu tun hat:

6. #Noncreepypeepy

Wenn die schottische Nationalbibliothek twittert, dass man sich doch mal ihre Peepshow ansehen soll – und die sich dann auch noch als deutsch und alt entpuppt:

7. Wenn man keine Ahnung hat – einfach mal so tun

Einfacher Versuchsaufbau, interessante Resultate: Schüler sollten angeben, wie gut sie wissen, was bestimmte mathematische Begriffe bedeuten – Exponentialfunktion, Vektor, sowas. Doof nur: Drei der Begriffe gibt es nicht. Was viele nicht davon abhält, ordentlich Ahnung vorzutäuschen. Jungs oder Mädchen, wer stellt sich eher schlauer dar als es die Wirklichkeit hergibt? Nun ja:

8. Peniskuchen

Und da dachtet ihr, mit Nummer 3 wäre der NSFW-Teil dieser Threadsammlung abgeschlossen. Und da dachtet ihr falsch, denn Hot Cross Buns, ein englisches Ostergebäck, haben eventuell eine spezielle Geschichte:

9. Der Preis für ein Dirndl

Den Thread hier habe ich mehrfach gelesen und weiß immer noch nicht: Finde ich das jetzt liebenswert und direkt oder anstrengend und übergriffig? Interessant ist es auf jeden Fall, schon allein sprachlich.

10. Bienensöhne und Bienentöchter

Das Video zu Beginn ist schon interessant, aber die Erklärung danach – welche Biene ist mit welcher anderen Biene verwandt und was heißt das für den Bienenalltag – ist richtig faszinierend.

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Russball, Folge 67: Fußballspielen auf alten Bierbechern

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„Guck mal, der Nachtkönig sitzt auf dem Thron und guckt Fußball“, schreibt eine Moskauer Bekannte. Sie war gerade Lokomotive beim Spiel gegen den FK Jenissei anfeuern – erfolgreich, Loko hat 2:1 gewonnen. Und das Foto, das sie da schickt – joah, ganz nett. Haben die halt so nen Typen aus Game of Thrones auf der Leinwand gezeigt, mit einem rot-grünen Fanschal.

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„Es gibt noch mehr Bilder“, schreibt sie weiter, ich soll dringend mal bei Lokomotive auf Instagram gucken. Da sieht das Ganze dann doch etwas beeindruckender aus: Der Typ war nicht nur eingeblendet, sondern wirklich dort. Sie haben ihm ein Stück Tribüne freigeräumt, schön schneeweiß abgedeckt, so einen Thron hingestellt und von da hat er dann das Spiel verfolgt. Alles ein subtiler kleiner Hinweis, dass man demnächst das Finale von Game of Thrones im Stadion gucken kann. Und vielleicht auch, um die Jungs von Jenissei ein bisschen aus dem Konzept zu bringen.

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⚽ Tom Tomsk klingt wie ein Mensch, als hieße da jemand Peter Petersson. Tatsächlich aber ist es ein Fußballclub, der nach einem Fluss und der daran gelegenen Stadt heißt – als spiele da Düssel Düsseldorf oder Donau Donaueschingen. Aber der Name steht nicht nur für Fluss und Stadt, sondern auch für ein Problem, das in Russlands Ligafußball weit verbreitet ist: die Angst vor dem Aufstieg, aus Geldgründen. Im Detail ist hier bei Futbolgrad gut erklärt, warum der aktuelle Zweite der zweithöchsten Liga nicht in die höchste Liga aufsteigen will.

Kurz lässt sich die Lage so zusammenfassen: Viele Vereine, die in der Ersten Division spielen (der Name ist etwas irreführend, es handelt sich um Russlands zweite Liga), kämpfen schon genug damit, ihren Alltag finanziert zu kriegen. Aufzusteigen und mit den Teams der Premjer-Liga mitzuhalten, würde noch teurer. Oft haben Clubs, die auf Zweitliganiveau spielen, auch keine reichen Sponsoren, sondern gehören der Stadt, der Region, irgendeinem Teil des Staates. Keine Grundlage für große Sprünge, erst recht nicht rauf in die Premjer-Liga. Championat hat sich unter den Vereinen der Ersten Division umgehört, wer überhaupt an einem Aufstieg interessiert wäre, und kommt zu dem Schluss: Kann sein, dass sich da demnächst in den Playoffs zwei Mannschaften gegenüberstehen, von denen keine gewinnen will.

⚽  Budweiser und Umweltschutz, das gehört bekanntlich zusammen wie Russland und Mülltrennung: Eigentlich gar nicht, aber für die Öffentlichkeitswirkung stellt man dann doch mal ein paar Eimer in unterschiedlichen Farben auf. Oder schreddert eben 50.000 Plastikbecher, die bei der WM im Stadion liegengeblieben sind, und macht daraus einen kompletten neuen Fußballplatz.

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Wie fühlt es sich an, auf sowas zu stehen oder gar zu spielen? Marco Materazzi hat es ausprobiert und zwei Dinge gesagt: Erstens „Das ist ein ausgezeichneter Platz, auch wenn er ungewöhnlich ist,“ und zweitens, was die Sache vielleicht ein wenig relativiert, „Fußball kann man überall spielen, sogar auf Asphalt.“ Budweiser gibt unterdessen eine Pressemitteilung raus, in der fünfmal Varianten von „Recycling“ vorkommen und nennt das Plastikbecherfeld die „ReCup Arena“. Ich verkneife mir derzeit, auszurechnen, wieviel Prozent (oder Promille?) der bei der WM verwendeten Plastikbecher diese 50.000 Stück wohl ausmachen.

⚽ Entstanden ist das Plastikbecherfeld nicht weit vom Fischt-Stadion in Sotschi, also reden wir doch kurz mal darüber, was für ein Verein dort seine Heimspiele austrägt: Klar, der PFC Sotschi, soweit einleuchtend. Der allerdings wurde erst im Juni 2018 gegründet, oder vielmehr: umgewidmet. Das ganze war ein halbwegs komplexer Prozess, bei dem der Traditionsverein Dynamo St. Petersburg in FK Sotschi umbenannt wurde und von der Ostsee ans Schwarze Meer umzog. Alte Spieler, neues Trikot, fertig. Ergebnis: Es spielt jetzt immerhin ein Zweitligaclub in dem schicken WM-Stadion. Soweit Teil eins der Geschichte, das war vor knapp einem Jahr.

Teil zwei spielt sich derzeit ab. Der PFC Sotschi spielt ganz gut und hat sogar Aufstiegschancen, obwohl zu den Spielen kaum jemand kommt. Aber nach dem Manöver „Bestehender Club wird umgetauft und zieht in eine 2000 Kilometer entfernte Stadt“ war ja nun ein Vereinsname mit viel Tradition vakant. Das kann so nicht bleiben, weshalb das bisschen, was in Petersburg noch von Dynamo übrig war (die Jugendmannschaft?) nun mit dem FK LAS Luga zusammengeht. Luga liegt im Petersburger Umland, das bisherige Highlight in der Vereinsgeschichte war laut VKontakte-Seite der dritte Platz unter allen Männerteams im Bezirk Leningrad im Jahr 2015. Mal sehen, ob der neue, alte Name noch höhere Höhenflüge möglich macht.

⚽ Wir müssen mal über Saransk reden. Ihr erinnert euch: Die eher kleine Stadt, bei der man nicht so genau wusste, warum sie zu den WM-Gastgebern gehören durfte. Seitdem spielt dort der FK Mordowija, derzeit im Mittelfeld der Ersten Division, in einem schicken WM-Stadion. Kleiner Haken: Mordowija hatte in der Spielzeit 2017/18 im Schnitt nicht mal ein Prozent der Zuschauer, die in das Stadion passen. Zu Beginn der aktuellen Saison sah das besser aus, statt wie zuvor ein paar tausend kamen nach Vereinsangaben um die 20.000.

Dann kamen der Herbst, der Winter, immer weniger Leute. Und nun, im Frühling, war ein Reporter von Championat dort und fand beim Spiel gegen Wladiwostok ein nahezu leeres Stadion vor. Hier, wie war das mit 20.000 Zuschauern? Naja, sagt der Mann an der Ticketkasse, damals haben sie halt die Eintrittskarten kostenlos verteilt. „Der Klub stellt Zuschauerrekorde auf, indem er nicht nur Arbeiter, sondern auch Studenten und Schüler hierherbringen lässt“, hatte es ein Saransker schon im Oktober auf den Punkt gebracht. Klar, dass es andere Vereine ärgert, wenn dann Besucherrekorde verkündet werden. Aber damit scheint, zumindest in Saransk, ja nun Schluss zu sein – jedenfalls, wenn man sich das fast menschenleere Stadion ansieht, in dem vor einem Jahr noch Cristiano Ronaldo einen Elfmeter verschoss.

⚽  Ihr erinnert euch an Alexander Kokorin und Pawel Mamajew? Die beiden Fußballer sitzen in Untersuchungshaft, seit sie sich an einem Abend im Oktober mit mehreren Leuten geprügelt haben sollen. Keiner von beiden streitet das ab, es gab öffentliche Entschuldigungen, inzwischen läuft der Prozess. Kokorin hat bei seiner Aussage eingeräumt, einen Mann namens Denis Pak mit einem Stuhl geschlagen zu haben, Mamajew gab zu, einen anderen Mann leicht verletzt zu haben. Soweit dieser Fall. Und dann gab es den hier:

Noch ein Verletzter, noch ein prügelnder Profifußballer, diesmal Ajas Gulijew von Spartak. Die Boulevardzeitung Moskowski Komsomolez textet launing und kaum verholen schadenfroh, da habe ein Amerikaner das Unglück gehabt, zu erfahren, wie rau Moskauer Autofahrer sein können. Nun ja. Opfer und Täter einigten sich später, Gulijew entschuldigte sich und spendete Geld an einen guten Zweck. Glimpflich gelaufen – aber warum nur für ihn und nicht für Kokorin und Mamajew? Vielleicht, weil unter deren Opfern eben Denis Pak ist, ein nicht ganz unwichtiger Mitarbeiter des Industrie- und Handelsministeriums. Oder weil es immer gut ist, wenn man den Leuten was anderes gibt zum Empören als politische Themen, die ihre Empörung wert wären.

⚽  Das Porträt-aller-Porträts von Kokorin hat übrigens Neil Salata drüben bei Russian Football News geschrieben. Ausgedruckt auf Papier wäre es vermutlich länger als Kokorin groß ist. „Despite the growth in his wages since 2012-2013, arguably, the only other visible consistent growth for much of the time was his scandals“, heißt es da unter anderem sehr treffend. Dass er bei seiner ersten Chance, für einen Proficlub zu spielen, alles vor Wut noch vor dem Start wieder hingeschmissen hat, passt auch ins Bild. Das war’s dann aber jetzt auch mal mit Kokorin, jedenfalls für diesen Monat.

⚽ Ach, ich mag ja die Bilder, die bei Twitter unter @RUSNLF gepostet werden, hab ich vielleicht schon mal erwähnt. Die Abkürzung steht für „Russian Non-League Football“ – ein guter Einblick, wie es aussieht, wenn Fußball Breitensport wird, mit weniger prominenten Clubs, aber genau so begeisterten Fans. Und eben mit Plätzen wie diesem hier:

Womit man nicht rechnet: Dass bei solch unterklassigen Spielen ein früherer Nationalspieler antritt. Roman Pawljutschenko hat das dennoch getan. Er war bei Spartak, Lokomotive und sogar ein paar Jahre in England unter Vertrag. Dmitriy Podrubniy hat aufgeschrieben, wie es war, als Pawljutschenko letzten Herbst plötzlich für den FK Snamja spielte, in einem Stadion mit dem traditionell sowjetischen Namen „Awtomobilist“. Eine lesenswerter Ausflug in die Provinz.

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Zum Schluss noch etwas, das zwar nichts mit Fußball, aber doch mit Sport in Russland zu tun hat. Es geht um dieses Wesen hier, eine Mischung aus Bär, Matrjoschka und Stehaufmännchen.

Er ist eines von zwei neuen Maskottchen der russischen Olympiamannschaft, entworfen natürlich vom Studio Art.Lebedev, das alles erledigt, was gerade mal wegdesignt werden muss – in Moskau etwa die Gullydeckel, den Metroplan oder das überraschend interessante Muster für die Sitze im Bus. Als die Premjer-Liga letztes Jahr ein neues Logo wollte, hat das Studio auch ihnen einen Bärendesigndienst erwiesen.

Dass dieser Olympia-Stehaufbär besonders ist, liegt an den Worten, die in dem kleinen Video an ihm vorbeisausen. „Doping“ steht da, „Sanktionen“ und „Skandale“. Ist dem Bären alles egal, er steht wieder auf. Viel deutlicher kann man nicht signalisieren: Eure Vorschriften sind uns egal, oder bestenfalls Futter für einen Bärenwitz. Nicht nur ich hab mich gefragt, ob das wohl ernstgemeint ist, aber die neuen Maskottchen wurden Mitte des Monats vorgestellt, seitdem gab es weder ein Dementi noch eine total meta-mäßige „Da haben wir’s euch aber gezeigt“-Erklärung. Der Doping-ist-kein-Problem-Bär ist also ebenso echt wie sein Co-Maskottchen, eine Katze, die an eine russische Fellmütze mit Ohrenklappen erinnert. Doch, wirklich.



 

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Russball, Folge 66: Wie man in Deutschland Spiele der Premjer-Liga guckt

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Ja gut, sicher. Leicht verspätet, diese Märzausgabe. Aber zwischen Kistenauspacken und Ämterkram und neuem Job und 11mm-Filmfestival war der März in etwa so voll wie Moskaus dunkelblaue Metrolinie um 9 Uhr morgens. Andererseits hat diese Verspätung auch einen Vorteil: Man kann den ganzen russischen Fußball abbilden, ohne dass sich jemand beim Lesen fragt: Hm, ist das jetzt echt oder ein Aprilscherz?

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⚽ Überhaupt, Aprilscherze – können wir das nicht so langsam mal lassen? Diese Nummer mit der Tagesschau und dem Volksparkstadion… Naja, lassen wir’s. Ich fände es jedenfalls gut, wenn es alle in Zukunft so machen wie die russische Nationalmannschaft. Die hat einfach das veröffentlicht, was bei Fernsehserien Outtakes, Gag Reel oder Bloopers heißt. Also eine Sammlung lustiger Momente rund um die Mannschaft. Besonders hübsch: Wie Guus Hiddink während der WM beim Training vorbeischaut, ein paar Worte sagt und Stanislaw Tschertschessow die gut gelaunt und absichtlich falsch ins Russische übersetzt.

Hiddink: „Jungs, erst einmal: Ich bin froh, hier zu sein, ich wollte nicht…“ – wahrscheinlich wollte er sowas sagen wie „stören“ oder „ablenken“, aber Teschertschessow grätscht flott dazwischen: „Er sagt: ‚Ich wollte euch nicht sehen, aber euer Trainer hat mich mitgenommen.'“. Hiddink: „Bisher schlagt ihr euch sehr gut, für mich überraschend, also, ein bisschen überraschend, aber…“ Tschertschessow: „Er sagt: ‚Mit mir als Trainer wärt ihr besser gewesen, aber da habt ihr halt Pech gehabt und müsst jetzt ihn hier ertragen…‘.“ Hiddink war ja selbst vor ein paar Jahren mal russischer Nationaltrainer. Um so lässiger, wie Tschertschessow da gleichzeitig ihn und sich selbst auf die Schippe nimmt.

⚽ Pawel Pogrebnjak war mal russischer Nationalspieler und gehört heute zum Kader des FK Ural Oblast Swerdlowsk in Jekaterinburg. Mitte März hat er in einem Interview über Einbürgerungen im russischen Fußball gesprochen, was man gut mal tun kann: Die offizielle Linie der vergangenen Jahre, ausländische Spieler einzubürgern, um die Nationalmannschaft zu stärken, kann man durchaus kritisieren – etwa, weil es nachhaltiger wäre, Geld in die Nachwuchsarbeit zu stecken. Die ist in Russland ja arg ausbaufähig.

Pogrebnjaks Kritik allerdings äußerte sich eher in Sätzen wie „Es ist komisch, wenn ein schwarzer Spieler für Russland antritt“, „Ich verstehe nicht, warum Ari einen russischen Pass bekommen hat“ oder „Man hätte (in der Nationalmannschaft) auch ohne Ausländer auskommen können“. (Warum er Ari als Beispiel erwähnt und nicht, sagen wir mal, Roman Neustädter oder Konstantin Rausch? Na gut, die sind zwar auch eingebürgert, aber weiß, da stören sie Pogrebnjak vielleicht nicht ganz so akut.) Das Ethik-Komitee des russischen Fußballverbandes hat Pogrebnjak jedenfalls zu einer Geldstrafe von rund 3400 Euro verurteilt, wenn er sich noch einmal ähnlich äußert, kann er für den Rest der Saison suspendiert werden. Inzwischen hat er sich entschuldigt, er habe niemanden beleidigen wollen.

⚽  Das ist mal ein kluger Schritt: Alle Spiele der russischen Premjer-Liga kann man künftig im Ausland kostenlos bei Youtube gucken – offenbar erst mal bis Ende der aktuellen Saison. Keine schlechte Idee, wenn man will, dass die eigene Liga endlich auch im Ausland populärer wird. Ganz zu schweigen von den viele Russen oder Menschen mit Russland-Bezug, die anderswo leben, aber sich schon jetzt dafür interessieren, wie Anschi Machatschkala dieses Wochenende gegen Dynamo Moskau spielt oder Rubin Kasan gegen Arsenal Tula. Zum Youtube-Kanal der Premjer-Liga geht es hier.

⚽ Wie war das, nichts hat so lange Bestand wie ein Provisorium? Bei den außen ans Stadion drangebauten Zuschauertribünen in Jekaterinburg ist es inzwischen mehr als ein halbes Jahr außerplanmäiger Existentz. Eigentlich sollten sie nach der Weltmeisterschaft weg, aber nein: Sie stehen, und auf ihnen die Fans. (Hatte ich übrigens schon am Tag nach der WM so ähnlich vorhergesagt, hüstel.)

⚽ Und wo wir schon bei der Weltmeisterschaft und ihren Spätfolgen sind: Was sich offenbar ausgezählt hat war die Entscheidung, WM-Besucher mit ihrer Fan-ID bis Ende 2018 visafrei nach Russland einreisen zu lassen. Jeder zehnte ausländische Fan hat diese Möglichkeit genutzt und ist zwischen August und Dezember noch einmal nach Russland gekommen, schreibt Wedomosti. 1,3 Milliarden Euro gaben die Reisenden während ihres Aufenthalts aus.

Interessante Erkenntnis am Rande: Wedomosti hat auch Zahlen dazu, wer rund um das Turnier welche Ecken des Landes bereist hat. Die Top Fünf sind keine Überraschung, die meisten Leute kamen nach Moskau, St. Petersburg, ins Moskauer Umland, in die Region Krasnodar (dort liegt Sotschi) und in die Republik Tatarstan (dort liegt Kasan). Blickt man aber mal anders auf die Zahlen, dann kommt heraus, dass es tatsächlich Nationalitäten gibt, die zur WM alle 83 russischen Regionen besucht haben, nämlich die Brasilianer und die US-Amerikaner. In diesem Ranking kommen deutsche Fußballfans direkt als nächstes: Sie haben immerhin 82 von 83 Regionen besucht, und man fragt sich schon, welche wohl die eine, einsame unbesuchte ist? Der Autonome Kreis der Jamal-Nenzen? Karatschai-Tscherkessien? Oder doch die Republik Adygeja?

⚽ Eine ganz andere Geschichte zur Fan-ID: Es gibt auch Leute, die sie genutzt haben um nach Russland einzureisen und dort dann zu bleiben, auf der Suche nach Arbeit. Alle paar Wochen hört man sie mal wieder, diese Geschichten von Menschen, die gehofft hatten, in Russland bleiben zu dürfen, vielleicht mit Asyl – dabei ist die Zahl der Fälle, in denen jemand in Russland erfolgreich Asyl beantragt hat, extrem niedrig.

Von Regierungsseite gibt es immer wieder Zwischenmeldungen à la „so viele haben wir schon abgeschoben“ und „bis zu Termin X werden wir alle abgeschoben haben.“ Zuletzt sollte das bis Ende März geschehen. AFP hat mit vier Menschen, die mit Fan-ID eingereist und geblieben sind, über ihre ungewisse Zukunft gesprochen.

⚽ Nach der WM ist vor der EM, die Qualifikationsspiele haben begonnen. Für Russland eher durchwachsen – eine Niederlage gegen Belgien, dann ein Sieg über Kasachstan. Bemerkenswert ist daran, dass das zweite Spiel nicht wie geplant in Astana stattfand. Nicht, weil der Rasen unbespielbar gewesen wäre, das Stadion baufällig, nein: alles, wie es sein soll.

Nur eben nicht mehr in Astana. Denn kurz zuvor war Kasachstans Präsident zurückgetreten, nach mehr als 30 Jahren an der Macht. Und wie man das so tut als autoritärer Staatschef, der sicherheitshalber Opposition und Medien unterdrückt, weil er halt ungern irgendwas dem Zufall überlässt: Natürlich hat sich Nursultan Nasarbajew seinen Nachfolger selber ausgesucht. Und natürlich hat der wiederum stante pede angeregt, dass die Hauptstadt doch nun nach dem Ex-Präsidenten heißen könnte. Weshalb Russlands Nationalmannschaft also nicht in Astana antrat, sondern in Nursultan. (Einiges an Nasarbajews Abgang gilt übrigens als mögliches Vorbild für Wladimir Putin – mehr dazu hier, hier und hier.)

Wie die Lage im Land nach dem Machtwechsel ist, sieht man schon daran, dass die Polizei aus den seltsamsten Gründen Menschen festnimmt. Hier: Das Tragen einer Fahne des FC Qairat Almaty. Ein kleines Gedicht dazu, das sich leider nur auf Russisch reimt, hat Peter Leonard getwittert: „In einem Jahr oder zwei spielt Qairat in der Uefa. In zwei Jahren oder drei komme ich aus dem Gefängnis raus.“

⚽ Was nicht funktionieren wird, ist eine EM ohne Freiwillige. (Wie deren Engagement und Begeisterung schon beim Confed Cup 2017 andere Probleme ausgeglichen haben, hab ich damals hier hingebloggt.) Die EM 2020 ist ja die, die in einer ganzen Reihe europäischer Städte ausgetragen wird, vier Spiele auch in Russland, in St. Petersburg. Vier Spiele, was braucht man da so an freiwilligen Helfern? Och, so 1500 bis 2000, heißt es in Russlands zweitgrößter Stadt. Zum Vergleich: Bei der WM waren es 2000 feste Volunteers und 300, die bei Bedarf einspringen konnten. Auf jeden Platz hatten sich 2018 drei Leute bewroben – mal sehen, wie das Interesse zur Europameisterschaft ist.

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Na komm, wir waren schon bis in Kasachstan – dann ist es auch okay, wenn wir hier zum Schluss noch einmal nach Großbritannien rüberschlenkern. Stimmt schon, die haben da gerade ganz andere Probleme als Fußball. Aber dem Fußballclub Tadcaster Albion in Yorkshire hat es jetzt zum zweiten Mal das Spielfeld überschwemmt und vieles an Ausrüstung zerstört. Sie brauchen 5000 Pfund, um das hinzubekommen – es ist ein kleiner Verein. Vielleicht mögt ihr ja auch helfen, das geht hier. Als Dankeschön gibt es auch ein GIF zum Thema Nachwuchs im russischen Frauenfußball – macht’s gut!



 

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