5 Jahre in Russland: Was fehlen wird und was nicht

Heute ist er da, der Heimflugtag nach fünf Jahren Leben in Russland. In den letzten Tagen war viel Abschiedsfeiern, Tränenwegwischen und Schwelgen in Erinnerungen. Das wäre noch mal ein ganzes Stück härter gewesen, wenn nicht russischer Braindrain und deutsche Arbeitgeber zuletzt dafür gesorgt hätten, dass viele Freunde Moskau schon verlassen haben, einige sogar nach Berlin.

Und ja, vielleicht habe ich es mir in den letzten Wochen auch ein bisschen leichter gemacht mit dem Abschied, indem ich laut vor mich hingemoppert habe über alles, was hier nervt. Allein: Es drängelt sich halt immer wieder Schönes in den Vordergrund und erinnert daran: Das wirst du so in Berlin nicht mehr haben, nicht mehr erleben können.

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Was mir nicht fehlen wird: Die dreckige Moskauer Luft, durch die jede Erkältung vier Wochen dauert. Die Bürokratie, in der niemand Verantwortung für irgendwas übernehmen mag. Das Verzögern und Schikanieren, wenn man ein wichtiges Dokument braucht und nur Bittsteller sein kann und abwarten. Die maulfaulen, missmutigen Nichtzurückgrüßer. Der fehlende Augenkontakt. Dass die Stadt trotz einiger Umbauten immer noch den Autofahrern gehört und man als Fußgänger sich danach zu richten hat.

Was mir fehlen wird: Die oft nicht mehr ganz jungen Damen, die von der altehrwürdigen Tretjakowgalerie bis zum Heimatmuseum hier alle Museen regieren, streng aber gerecht, und mit viel Fachwissen. Das Gefühl von Triumph, wenn du im Bus mithörst, was jemand neben dir ins Telefon erzählt, und dann merkst: Moment, das war ja Russisch, und ich hab jedes Wort verstanden. Mit Freunden zusammen Musik machen und dabei dorthin kommen, wo nicht jeder hindarf, zum Beispiel im Konservatorium oder in der Erlöserkathedrale. Überhaupt: Die rotgoldene Plüschomanie, vor allem da, wo Kultur stattfindet.

Was mir nicht fehlen wird: Der Rassismus, der oft nicht mal als solcher erkannt wird: „Ich war neulich bei euch in Deutschland, in Freiburg. Schöne Stadt, aber die ganzen Schwarzen!“ Dasselbe, nur für Schwulenfeindlichkeit: „Was, ihr nehmt einen Ballettänzer bei euch auf? Hast du keine Angst, dass der deinen Mann… du weißt schon?“ Militärparaden und Kwaspatriotismus. Kleine Jungs in Tarnfleck und kleine Mädchen in Prinzessinnenpink, die schon vor der Einschulung die gängigen Brust-raus-Schmollmund-Posen für Instagram beigebracht bekommen.

Was mir fehlen wird: Sowjetisches Design und die zeitlose Sachlichkeit, mit der hier Geschäfte benannt werden: Dom Knigi, Haus des Buchs. Mir zwetow, Blumenwelt. Moshostorg, Moshaushand (Moskauer Haushaltswarenhandlung). Dass es für jeden Vornamen (z.B. Katrin) zig Kosenemanevarianten gibt (Katjuscha, Katja, Katjona, Katerinka) und dazu dann noch eine eilige Rufnamenvariante: Kat! Dass es komplett legitim ist, seinen Partner, wenn er denn männlich ist, „Pupsik“ zu nennen.

Was mir nicht fehlen wird: Die Haltung, dass man als Ausländer hier bitte nichts zu kritisieren hat – wem was nichts passt, der kann ja gehen. Die Ratschläge, die einem vom Ömchen bis zum Taxifahrer jeder gibt – vor allem als Frau. Das Gefühl, wenn man sich als Deutsche zu erkennen gibt, der Gegenüber ein zustimmendes Geräusch macht und man nicht weiß: Sagt er als nächstes „Ich hab Rammstein mal live gesehen“ oder doch „Hitler hat auch vieles richtig gemacht“?

Was mir fehlen wird: Die Leute, die einen überraschen mit ihrer Reaktion, wenn man sich als Deutsche zu erkennen gibt: Oh, Peter Zadek! Oh, Friedrich Engels! Oh, Tic Tac Toe! Wobei, das war in der Ukraine. Apropos: Wie viele andere Länder man von Moskau aus entdecken kann: Die Ukraine eben, dann Armenien, wo die Kirchen aussehen wie Burgen und das Alphabet wie ein U neben dem anderen. Georgien, das Land mit der guten Küche. Aserbaidschan, wo man lernt, was ein Schlammvulkan ist. Kirgistan, Usbekistan – und hey, Kasachstan, irgendwas wird das mit uns auch noch mal was.

Was mir nicht fehlen wird: Die Staus, zur Rushhour morgens und abends und dann noch mal mittig dazwischen. Das Desinteresse am Umweltschutz – seien es jetzt wartende Autos mit laufendem Motor, keinerlei Mülltrennung oder die Tatsache, dass ich in fünf Jahren hier nur drei Orte gefunden habe, an denen man alte Batterien entsorgen kann: im Goethe-Institut, bei Ikea und im hippen Museum „Garage.“ Dass es im Winter mal zu kalt ist, mal zu warm, und dazwischen fällt man ständig hin.

Was mir fehlen wird: Die Frau an der Supermarktkasse, die, nachdem ich monatelang mehrfach pro Woche „Nein, danke, ich brauche keine Plastiktüte“ gesagt habe, ihre Kollegin irgendwann anranzt, als die mir wieder eine Tüte aufnötigen will: „Verstehst du denn nicht? Es geht hier um Ö!Ko!Lo!Gie!“ Das Gefühl wie im Studentenwohnheim, wenn die Hälfte deiner Freunde auf demselben Gelände wohnt wie du. Das kollegiale „Kannst du mir das mal einsprechen?“ und „Ich kann dir das auch gern gegenlesen.“ Die Metro, vor allem die Haltestellen Komsomolskaja, Dostojewskaja, Majakowskaja und Nowoslobodskaja. Die Stelle, wo die hellblaue Metrolinie kurz aus dem Untergrund auftaucht, bei Tageslicht über die Moskwa fährt und dann wieder verschwindet.

Was mir fehlen wird: Mit Freunden unter freiem Himmel Plow kochen im Kasan, und dann so lange draußen sitzen, bis auch das letzte Bier getrunken und die letzte Mücke satt ist. Russlands Nicht-Metropolen (also weder Moskau noch St. Petersburg), wo alles etwas langsamer ist, weniger hochglanzig, weniger blinkreklamig. Fernzug fahren und auf Birken gucken. Elektritschka fahren und gucken, was da heute so verkauft wird – Socken? Eis? Kalender? Plötzlich halbwegs Ahnung von Ballett zu haben. Zu wissen, was man beim Fußball zum Anfeuern ruft und was beim Eishockey.

Was mir fehlen wird: Die Gastfreundschaft, die ab dem Moment greift, wo man auch nur einen gemeinsamen Bekannten hat – und dann in kurzer Zeit ausufert, von „hier, ein Apfel aus meinem Garten“ zu „Ich hab mal eben deine restlichen fünf Urlaubstage für dich geplant, morgen früh um 8 hol ich dich ab.“ Die absurden Denkmäler – Ehre dem Kabeljau – die man hier manchmal findet. Das Alte neben dem Neuen. Das Gefühl, wenn man von irgendwo auf Moskau herabguckt, vor allem abends. Das ständige Feuerwerk. Die Beleuchterei.

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Russball, Folge 64: Gryffindor, Slytherin oder Jenissei?

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Eventuell habe ich in der Dezember-Ausgabe versäumt, mit einem meiner Weihnachtsgeschenke anzugeben. Darum hier kurz nachgereicht: Zwei 100-Rubel-Scheine, die nie im Umlauf waren. Es sind Sonderbanknoten zur Fußball-Weltmeisterschaft, im Supermarkt bekäme man für beide zusammen zwei Kilo Äpfel. Aber auf die Idee kommt eh keiner, schließlich sind das Sammlerstücke.

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Auf der Vorderseite ein Kind, das zuschaut, wie Lew Jaschin nach einem Ball hechtet. Auf der Rückseite die Namen der Gastgeberstädte und eine russische Fahne aus jubelnden Fans. Ich hab die Scheine extra auf einen roten Untergrund gelegt, damit man sieht: Sie sind aus Plastik und an mehreren Stellen durchsichtig – eines von mehreren Sicherheitsmerkmalen. Wer eine Idee hat, wie man die Scheine gut präsentieren kann (rahmen und aufhängen?), möge doch bitte Bescheid sagen. Danke!

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⚽ Im Januar erinnern gläubige Russen daran, wie Jesus im Jordan getauft wurde. Sie tun das, indem sie Löcher in das Eis zugefrorener Flüsse oder Seen hacken und dort dann ins Wasser gehen und dreimal untertauchen (sehenswertes TASS-Video hier, wenn ihr ein bisschen runterscrollt). Manchmal hat das Loch sogar die Form eines orthodoxen Kreuzes. Bei ordentlichen Minustemperaturen, wie wir sie zuletzt hier in Moskau hatten, kann es sich sogar wärmer anfühlen, ins Wasser einzutauchen, als wenn man vorher in Badesachen am Ufer rumsteht.

Nicht nur Glaubensgründe bringen Menschen dazu, so die „Kreschenie“ zu begehen. Angeblich wird, wer das Eiswassertauchbad übersteht, das folgende Jahr lang nicht krank werden. Ob das auch gilt, wenn man wie die Lokomotiv-Spieler schnell mal im Persischen Golf untertaucht – ich weiß ja nicht.

⚽ Apropos Loko. So kann’s gehen: Ein paar Stunden, nachdem ich den Dezember-Newsletter verschickt hatte, erschien bei Instagram ein Post von Erik Stoffelshaus: „Nach zwei wundervollen Jahren in Moskau habe ich entschieden, dass es Zeit ist für etwas Neues in meinem Leben – daher gebe ich meine Position als Sportdirektor bei Lokomotive Moskau auf.“ Wäre ich mal bloß nicht so jahresendtugendhaft gewesen, die Russball-Folge schön früh morgens zu veröffentlichen – dann hätte ich den Abgang noch in der Ausgabe drin gehabt.

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

Dear friends, after two wonderful years in Moscow, I decided it was time for something new in my life – that's why I give up my position as the Sporting Director of Lokomotiv Moscow. But not without saying thank you. Thank you for a time that will remain in my memory forever. Celebrating the cup victory and the long-awaited third championship with this club – that was something very special. And one thing is clear: I‘m leaving as the Sporting Director, but I will stay as a supporter of this magnificent club. Thanks for everything and see you soon! Дорогие друзья! После двух замечательных лет в Москве я решил, что настало время для чего-то нового в моей жизни – поэтому я снимаю с себя обязанности спортивного директора «Локомотива». Но не без слов благодарности. Спасибо за время, которое я всегда буду вспоминать с теплотой как в спортивном, так и в бытовом плане. Праздновать вместе с этой командой победу в Кубке России и долгожданный третий титул Чемпиона – это было нечто особенное. И ясно одно: я ухожу как спортивный директор. Но я остаюсь ярым поклонником этого замечательного клуба. Спасибо за все и до скорой встречи! #локомотив #fclokomotiv #рпл #тольколоко #самыйлучшийколлектив

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Jetzt, einen Monat später, reicht wohl eine schnelle Zusammenfassung dessen, was sich da bei Loko getan hat: Erst ging Präsident Ilja Gerkus, dann folgte Stoffelshaus. Trainer Juri Sjomin dagegen bleibt, als neuen Präsidenten hat sich der Verein Wassili Kiknadse ausgesucht, der seit 2013 zum Aufsichtsrat gehört und Sportjournalist ist. Mal sehen, ob der dieselbe Hasen-Instagram-Kompetenz mitbringt wie Gerkus.

⚽  Eine Neuverpflichtung bei Twitter/Instagram/Facebook zu verkünden, das ist ja inzwischen schon eine kleine Kunstform für sich. Der FK Jenissei Krasnojarsk hat vor ein paar Tagen eine solche Perle des Genres veröffentlicht, dass ich sie in all ihrer Low-Budget-Brillanz hier unbedingt zeigen muss.

„Schwierig, sehr schwierig,“ murmelt der sprechende Hut, der heute mal nicht über Gryffindor, Hufflepuff, Ravenclaw oder Slytherin entscheiden soll, sondern über einen neuen Verein für Mittelfeldspieler Konstantin Sawichtschew. Gute Technik, Schnelligkeit, Talent… das kann nur eines heißen: „Jenissei!“ (Am schönsten ist eventuell das Lächeln, das sie Sawitschew da ins Gesicht montiert haben.)

⚽  Jetzt muss man schon „im vergangenen Jahr“ sagen, wenn man von der Fußball-Weltmeisterschaft hier in Russland spricht. Das ändert nichts daran, dass es immer noch reichlich Berichterstattung gibt über ihre Folgen. Zum Beispiel sind von den 650.000 Menschen, die zur WM mit einer Fan-ID (einer Art Visums-Ersatz, ohne den man auch nicht ins Stadion kam) eingereist sind, 5500 immer noch im Land. Laut Andrej Kajuschin, der im Innenministerium den Bereich Migration leitet, waren es zum Jahreswechsel, als die IDs ihre Gültigkeit verloren, sogar noch 12.000 Leute. Die Sicherheitskräfte hätten diese Zahl bereits auf 5500 reduziert, so Kajuschin, alle anderen sollten bis Ende März deportiert werden.

⚽  Noch eine WM-Folge, auch hier geht es um eine Statistik, aber mit willkommenerem Ergebnis: Scheremetjewo in Moskau war 2018 einer der zehn Flughäfen in Europa mit dem höchsten Passagieraufkommen. In den Jahren davor hat es immer ganz knapp nicht geklappt, Scheremetjewo – dessen altes Terminal übrigens nach dem Vorbild des Flughafens Hannover gebaut wurde – landete meist auf Platz 11. Dann kam die WM, brachte gut 14 Prozent mehr Reisende und machte Scheremetjewo damit auch zum europäischen Flughafen mit dem größten Passagierwachstum. Sorry, Fiumicino!

⚽  WM-Spiele gab es in Moskaus Dynamo-Stadion nicht, das steckte zu der Zeit noch im Umbau. Inzwischen ist es wieder eröffnet und gehört jetzt zur sogenannten VTB-Arena, die auch noch eine Eishockeyhalle und ein großes Einkaufszentrum umfasst. Wie sich all das rechnen soll, hat Wedomosti aufgeschrieben. Die Hälfte der Verkaufsfläche wurde demnach von Geschäften gemietet, die Sportwaren verkaufen.

Schwierig könnte es werden, Restaurants und Cafés zu finden, die sich in der Arena einmieten wollen: Weil der Einkaufsbereich zu einer Sportstätte gehört, darf dort nach russischem Recht kein Alkohol ausgeschenkt werden. Trotzdem gehen Fachleute dem Bericht zufolge davon aus, dass der Shopping-Bereich des Komplexes nach acht bis zehn Jahren seine Baukosten wieder reingeholt hat. Zum ersten Heimspiel empfängt Dynamo dann am 10. März Spartak, wenn endlich die Winterpause vorbei ist.

⚽  Bis zum 16. Januar konnte die Hand heben, wer Nachfolger von Witali Mutko als Chef des russischen Fußballverbandes RFS werden will. Die Frist ist vorbei, Kandidaten gibt es genau einen: Alexander Djukow, ein Zenit- und Gazprom-Mann. Beim Fußballverein ist er Präsident, bei Gazprom Neft Vorstandsvorsitzender. Als Forbes 2018 das Vermögen reicher Russen ausgerechnet hat, standen bei Djukow am Ende 500 Millionen Dollar. Nach seiner Wahl Ende Februar plant er „keine Revolutionen“, zumindest bei der Nachwuchsförderung sieht er aber Verbesserungsbedarf.

⚽ Ihr erinnert euch noch an Tschertanowo Moskau, den Verein mit der beeindruckenden Nachwuchsarbeit? Gerade feiern sie dort wieder, weil zwei ihrer jungen Spieler Verträge bei Spartak unterschrieben haben. Nail Umjarow (18) und Maxim Gluschenkow (19) brachten dem Club, der sie ausgebildet hat, zusammen 37,5 Millionen Rubel Ablöse ein, das ist eine halbe Million Euro. „Denkt dran, die Türen unserer Schule stehen für euch immer weit offen“, schrieb Tschertanowo in seinem Gratulationstweet – dieselbe Schule, in der Sergej Pinjajew gelernt hat, Tore wie dieses hier zu schießen.

Sergej Pinjajew ist übrigens 13 Jahre alt. Doch, wirklich. Dreieinhalb Millionen Menschen haben sich dieses Tor bisher bei Instagram angesehen, aber Aufmerksamkeit bei Social Media ist Sergej ja gewohnt: Nachdem er im November sieben Spieler der gegnerischen Mannschaft ausdribbelte, twitterte Russlands Nationalmannschaft einen Clip davon und schrieb dazu: „Glaubt ihr, wenn er älter ist, spielt er mal in der Nationalmannschaft?“

⚽  Vielleicht haben die Erfolge von Tschertanowo-Spielern ja mit dazu beigetragen, dass Spartak nun mehr in die Nachwuchsarbeit investieren will: „Hunderte Fußballschulen“ sollen dazu in den nächsten fünf Jahren in Russland und anderen GUS-Staaten entstehen, nach einem Franchise-Prinzip. Für so eine große Zahl klingt der erste Schritt recht klein: Tatsächlich konkret geplant sind erst mal neun Stück, unter anderem in Moskau, St. Petersburg, Tula und Krasnojarsk.

⚽ Sports.ru hat sowjetische Zeichentrickfilme gesammelt, in denen es um Fußball geht. Trickfilme waren in der Sowjetunion sehr populär, sie heißen auf Russisch „Multfilm“ wegen der Vielzahl einzelner Bilder, die nötig sind, damit der Eindruck einer Bewegung entsteht. Darum hieß das bekannteste Trickfilmstudio auch Sojusmultfilm – das „Sojus“ kommt vom russischen Wort für „Union“, wie in Sowjetunion.

In den gesammelten Filmen spielen zum Beispiel Bären gegen Hasen, Kuscheltiere gegen Fußballer-Figuren und Kosaken gegen deutsche Ritter. Das geht sogar komplett ohne Worte:

Hübsch ist auch ein Blick auf die Nutzerkommentare, die sich bei YouTube unter diesem Film angesammelt haben. Vor Beginn der WM schreibt da jemand: „Hat unsere (russische) Nationalmannschaft das gesehen? Falls ja, habe ich eine Frage: Schämen die sich nicht?“. Nach der WM, bei der Russland seine Fans bekanntlich begeisterte und Deutschland die seinen enttäuschte, klingt das anders: „Würde die deutsche Nationalmannschaft so spielen wie hier, sie gewänne alle Turniere.“

⚽ Ach so, und der BVB wird übrigens nicht Deutscher Meister. Sports.ru hat das mal durchgerechnet und kommt zu dem Schluss: „Favre und Witzel haben die Borussia stärker gemacht, aber sie wird wohl kaum Meister werden.“ Den ganzen, tiefgehenden Text mit allerlei Statistiken und Diagrammen gibt es hier. Tl;dr: Es wird doch wieder der FC Bayern.

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So ist das, eine Russball-Folge während der Winterpause: viel Buntes und Hintergründiges, wenig auf’m Platz oder im Stadion. Apropos: Der Guardian hat Beispiele von Fußballvereinen gesucht, bei denen die komplette Bevölkerung ihres Heimatortes ins Stadion passt. Ja, Hoffenheim ist auch dabei.

Die nächste Russball-Folge gibt es Ende Februar – dann nicht mehr aus der Heimatstadt von Lokomotive, Spartak. Dynamo und ZSKA, sondern aus der von Hertha und Union. Bis dahin, macht’s gut!



 

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Du willst also nach Moskau ziehen

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Dieser Text entsteht zu einem Soundtrack aus RATSCH! RATSCH! RATSCH! Seit einer knappen Stunde sind die Möbelpacker da, einer tut nichts anderes, als Kartons zu falten und sie unten mit Klebeband von einem dieser Profi-Riesenabroller zu verstärken. RATSCH! RATSCH! RATSCH! Zwischendurch kann ich gelegentlich ein oder zwei Gedanken hören, die ich mir hier so mache: Laptop auf der Fensterbank, Hocker davor, während alles hinter mir verschwindet.

Weil heute die Packer da sind, bestanden die letzten Tage aus Aufräumen, Aussortieren, Wegschenken. Irgendwann stand ich in der Abstellkammer (also: in der größeren der beiden Abstellkammern – ach Russland, dein Stauraum wird mir fehlen!) und musste lächeln. Extra für Moskau haben wir die Gummistiefel vor fünf Jahren gekauft, auf eindringlichen RATSCH!; nein: Rat einer Bekannten, die Moskau verließ, als wir kamen.

Gekauft, ja – aber nie getragen. Und jetzt, wo wir – RATSCH! RATSCH! RATSCH! – gehen und andere kommen, kann ja vielleicht ein kleiner Blogpost den Neu-Moskauern helfen. Was man hier so in Sachen Papierkram vorsorglich erledigen sollte, darum ging’s ja neulich schon. Bleibt heute noch: eine Liste der Dinge, die das Leben in Moskau leichter machen.

Warme, wasserfeste Schuhe

Kein schlechter Ratschlag eigentlich, das mit den Gummistiefeln. Moskau hat zwar eine ausgezeichnete U-Bahn, aber eine miserable Kanalisation. Wenn ihr euch dann noch vorstellt, was hier im Winter an Schnee runterkommt, und wie lange das im Frühjahr vor sich hin taut, wisst ihr ungefähr, wie viele Wochen lang man nicht durch die Stadt läuft, sondern watet. Es gibt also eine große Auswahl schicker Gummistiefel im Geschäft, mit pinken Totenköpfen, im Burberry-Muster, all das.

Dass ich meine nie benutzt habe, liegt daran, dass ich wie eine brave Deutsche vor dem Umzug natürlich in einem Outdoor-Laden war, kältetaugliche Schuhe kaufen. Ergebnis: knöchelhohe Wanderschuhe aus Irgendwastex™, die sowohl warm als auch wasserfest sind. Das erste Paar war nach dem zweieinhalbten Winter hinüber, (Winter dauern hier ja durchaus mal von Mitte Oktober bis Mitte April), das zweite Paar hält bis heute. Was soll ich zwischendurch auf Gummistiefel wechseln und in denen dann frieren und keinen Halt haben? Von Winterschuhen aus Leder kann man hier übrigens auch nur abraten. Im Winter wird in Moskau so viel Chemie auf die Straßen gesprüht und gestreut, dass selbst das robusteste Leder schnell ruiniert ist. RATSCH!

Gutes Shampoo. Gute Creme. Viel gute Creme.

Worüber ich mir vor Russland keine großen Gedanken gemacht habe: Dass Shampoo irgendwas anderes tun sollte als Haare sauber, kämmbar und im Idealfall schön zu machen. Das änderte sich mit dem ersten Kontakt mit Moskaus ultrahartem Wasser. Dazu die Winterkälte draußen, die überheizten Wohnungen und Büros, und die Haare fühlen sich plötzlich strohig an. Seitdem ist alle paar Tage das Luxusshampoo dran – empfohlen vom Dortmunder Friseurladen des Vertrauens, in der Literflasche online bestellt, für den täglichen Gebrauch zu teuer, darum die Mischkalkulation.

Dasselbe gilt für alles, was mit Hautpflege zu tun hat: Raus in die Kälte – das Gesicht spannt, rein ins Wohnzimmer – die Haut wird ordentlich ausgetrocknet, ab unter die Dusche – es spannt schon wieder. Eincremen, das geht hier so: Bodylotion auf die Hand, verteilen auf dem Arm – oh Moment, Bürste hingefallen, kurz wieder aufheben – hmmm, welchen Arm hatte ich jetzt schon eingecremt? RATSCH! Alles schon aufgesaugt. Dass die Haut kein Schlürfgeräusch macht, ist alles.

Und ja, das Luxusshampoo und die Gesichtscreme kaufe ich nach fünf Jahren immer noch in Deutschland. Am Anfang vor allem aus Vorsicht, in Erinnerung an einen Chinaufenthalt. Da wollte ich ganz „When in Rome“-mäßig natürlich chinesische Waren kaufen, was auch genau so lange eine tolle Sache war, bis sich herausstellte, dass der örtliche Damenhygieneartikelfabrikant Menthol in seine Slipeinlagen tat. Ministry of funny walks, hier komme ich! Seitdem bin ich bei allem, was direkt an die Haut rankommt, stramm markentreu. Die Marke darf dann auch gerne Billig-Balea sein – Hauptsache, sie fällt irgendwie unter europäische Regeln für zugelassene Inhaltsstoffe. Später ist dann noch ein zweiter Grund hinzugekommen: Inzwischen weiß ich zwar, wo ich in Moskau meine Lieblingscreme bekomme. Sie ist aber hier halt bekloppt teuer.

Luftbefeuchter

„Was ist das denn“, sagt meine irische Freundin G. und zeigt auf den grauen Kasten, der in der Ecke vor sich hinsummt. „Ein Luftbefeuchter“, sage ich, was sie gleichzeitig fasziniert und amüsiert: „In Irland haben alle Luftentfeuchter in ihren Häusern, und ihr macht euch die Luft extra feucht?“ Aber ja, jedenfalls in den sechs Wintermonaten, siehe oben: trockene Heizungsluft jeden Tag, zuhause, bei der Arbeit, in der Bücherei und im Bus.

Wenn einem in Moskau die Gesprächsthemen ausgehen, kann man, jedenfalls unter Deutschen, immer über Luftbefeuchter reden: Heizt eurer das Wasser auf, oder arbeitet er mit kaltem? Wie oft macht ihr den sauber? Habt ihr in jedem Zimmer einen? Stört euch das Geräusch beim Schlafen?

Was übrigens auch hilft, um nicht alle paar Tage Nasenbluten zu haben, weil die Schleimhäute so trocken sind: Nasencreme! Abends rein, durch den Mund atmend schnell einschlafen, morgens wachwerden und die Haut ist ein klein wenig heiler. Ergebnis: Nasenbluten nur noch einmal pro Monat, yeah!

Stulpen

Viele Leute machen sich seltsame Vorstellungen davon, was Moskauer Kälte so bedeutet. Ja, wir haben hier durchaus öfter mal -20 Grad, für ein paar Tage im Jahr vielleicht sogar -30. Trotzdem ist das nichts, wofür man Skiunterwäsche kaufen müsste, Schuhe mit beheizbaren Einlagen oder Sturmhauben. Wichtig sind, hier wie immer, die verschiedenen Schichten, und da hält eine normale Leggings unter einer normalen Jeans schon ordentlich warm, erst recht kombiniert mit Kniestrümpfen und Wollsocken. Mit der Strategie sind wir selbst am Polarkreis noch ganz gut durchgekommen.

Das eine, was wirklich einen spürbaren Unterschied gemacht hat, waren die Stulpen. Geschenkt von meiner Essener CvD-Nachfolgerin (Danke!), getragen wirklich so gut wie jeden Wintertag. Mütze, Handschuhe, Schal, das sind alles Schulkinderstrategien. Strategisch dafür sorgen, dass es zwischen Handschuhen und Jackenärmeln nicht durchpfeift, das hält Körpertemperatur und Laune oben. Jeden Winter hatte ich die Dinger dabei, fünf Jahre Lang. Vor ein paar Tagen sind sie in einem Taxi liegengeblieben, auf der Zielgeraden.

Das sind sie also, die Dinge, die mir das Leben hier ganz grundsätzlich erleichtert haben. Klar gibt es auch noch kleinere wie die Büroklammer im Pass, und die vielen Lebensmittel, die jeder so aus persönlicher Liebhaberei importiert. Fünf Jahre lang ist es mir hier zum Beispiel nicht gelungen, einen Supermarkt zu finden, in dem es Vanillepuddingpulver gibt. Aber gut – man muss denen, die nach einem kommen, ja auch noch die ein oder andere Rechercheaufgabe übriglassen. RATSCH! RATSCH! RATSCH!

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Nikola-Leniwets: Wo in Russland die Aliens landen

Wer etwas über Russland, die Raumfahrtnation, erfahren will, der reist am besten nach Kaluga. Hier hat es angefangen, lange vor Sputnik, Laika und Gagarin. Was nicht heißt, dass sie einem hier nicht begegnen: Sputnik, den Satelliten, trägt die Stadt auf ihrer Flagge. Über Laika, die Hündin, erfährt man mehr im großen Raumfahrtmuseum, das gerade noch einmal erweitert wird. Und Gagarin, naja, der hat natürlich den Grundstein für das Museum gelegt, wer auch sonst.

Schließlich gibt es hier die Gagarin-Straße, das Gagarin-Businesscenter, das Gagarin-Einkaufszentrum und die Kneipe „Gagarin“. Doch Kaluga ist groß genug für mehrere Kneipen, und die können nicht alle „Gagarin“ heißen. Also heißen sie „Rocket“, „Belka“, „Hubble“, „Njebo“ (Himmel) oder sogar „Sedmoje Njebo“ (Siebter Himmel).

Warum all das? Wegen Konstantin Ziolkowski. Ein Mathelehrer, geboren 1857, der nach der Arbeit gerne Jules Verne las und Luftschiffe entwarf. Seine Skizzen und Modelle sieht man heute in Kaluga in dem Museum, zu dessen Baubeginn Gagarin in die Stadt kam. Denn Ziolkowski rechnete, tüftelte und entwarf weiter: einen Aufzug, der bis ins All führen sollte. Raketen mit mehreren Stufen. Raumstationen. Keine systematische Forschung innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft, sondern das Hobbyprojekt eines Fricklers in der Provinz.

In der Sowjetunion galt Ziolkowski als der Vater der Raumfahrt und es war Tradition, dass Kosmonauten sein altes Häuschen in Kaluga besuchten. Das Haus ist heute ein Museum, und eine der Wärterinnen hat ganz ausgezeichnetes Timing: Genau in dem Moment, wenn man die Holztreppe zu Ziolkowskis Arbeitszimmer hochsteigt, sagt sie: „Ach ja, auf den Stufen hat vor Ihnen auch schon Gagarin gestanden.“

Wenn Kaluga dafür steht, dass der Mensch hinauf reist ins All, dann ist Nikola-Leniwets der Ort, wo sie runterkommen – die Besucher aus der Weltraum. Das Dorf liegt rund anderthalb Autostunden von Kaluga entfernt. Wer hier durch den Schnee stapft, trifft zwar selten Menschen, steht dafür aber gerne mal vor sowas hier:

nikola leniwets russland skulpturen weißes tor

Oder vor sowas:

nikola leniwets russland skulpturen universeller verstand 5

Oder vor sowas hier – und ja, das da links ist ein Mensch, der einem Hund hinterherrennt, nur so zum Größenvergleich:

nikola leniwets russland skulpturen Beaubourg bobur hund

„Fauler Nikolai“ bedeutet der Name des Dorfes, das in seinen Prachtzeiten mehrere tausend Bewohner hatte. Im Zweiten Weltkrieg wurde es von Wehrmachtstruppen niedergebrannt, später gab es hier noch ein wenig Milchwirtschaft, nach und nach schrumpfte das Dorf zum Dörfchen. Ende der Achtziger sollen es nur noch drei Bewohner gewesen sein, doch dann begann ein Grüppchen von Architekten und Künstlern, sich für Nikola-Leniwets zu interessieren. Heute stehen auf dem Gelände riesige Skulpturen, meist aus Holz. Man läuft schon mal den einen oder anderen Kilometer, wenn man sie alle sehen will – dafür steht jede von ihnen so allein in der Landschaft wie ein frisch gelandetes Raumschiff.

In viele von ihnen kann man hineingehen, wie in den großen Knoten aus verwundenen Holzbahnen. „Universeller Verstand“ heißt das Kunstwerk, anderswo steht das „Weiße Tor“ oder der „Leuchtturm“. Das gigantische Korbgeflecht, das aussieht, als habe sich eine Herde Mammuts mit den Hintern zueinander im Kreis aufgestellt, heißt „Bobur“, eine russifiziert-verballhornte Form von „Beaubourg“.

Im Sommer gibt es in Nikola-Leniwets Festivals, man kann zelten, sich einen Grill mieten – aber gut, das ist dann halt auch voller und wuseliger. Ich bin froh, den faulen Nikolai im Winter besucht zu haben. Denn dieses Gefühl, dass man da einem Ding aus einer anderen Welt gegenübersteht, funktioniert am besten, wenn man ganz alleine ist.

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Deutsche Post-Agentur, Moskauer Filiale

dpa kscheib briefkästen

„Es gibt nur zwei Kräfte, die Licht in alle Ecken der Welt bringen“, hat Mark Twain mal geschrieben, „die Sonne am Himmel, und die Associated Press hier unten.“ Keine Rede von dpa, aber gut. Konnte er ja nicht wissen, dass die 2018 mal dafür sorgen, dass hier in Moskau Post richtig ankommt.

Eventuell habe ich das ein oder andere Mal erwähnt, dass die Russische Post kein Ausbund an Zuverlässigkeit ist: Sie bringt zwar wunderhübsche Briefmarken raus, das restliche Kerngeschäft ist weniger erfreulich: Post nach Deutschland kann mehrere Wochen dauern, Post nach oder gar innerhalb von Russland kommt gerne mal kaputt oder auch gar nicht an (ja, auf die Kölner Weihnachtpost aus dem Jahr 2015 warten wir immer noch).

„Wir hatten mit Post nach Russland noch nie Probleme, lassen Sie es uns probieren “ sagt irgendwann Mitte November ein Optimist in Stuttgart, als wir telefonieren. Während der WM habe ich für seine Redaktion gearbeitet, nun geht es um die Abrechnung. Ich schweige taktvoll, bitte ihn ein paar Wochen später, mir das (natürlich nicht angekommene) Ding als PDF zu schicken, und denke nicht mehr weiter darüber nach.

Weihnachten komt, Weihnachten geht, die Gäste für Silvester sind schon eingeladen, da klingelt es. Nein, kein Postbote – oder wenn, dann nur nebenberuflich, als Freundschaftsdienst: F., unser Nachbar und für dpa hier in Moskau, steht vor der Tür, mit meinem Brief aus Stuttgart. Und so schön es ins Erzählschema passen würde, wenn die russische Post es wieder mal verbockt hätte – diesmal scheint sie, ganz im Gegenteil, mitgedacht zu haben.

Denn auf dem Umschlag stehen zwar meine Straße und Hausnummer, aber die gilt für ein ganzes Gelände mit mehreren hundert Wohnungen und Büros. Die Nummern für Korpus (Wohnblock) und Kwartira (Wohnung) fehlen. Andererseits: Post aus dem Ausland ist auf unserem Compound nicht selten, viele Journalisten und Diplomaten leben hier, etliche Redaktionen haben hier ihre Räume – Associated Press irgendwo nebenan, dpa einmal quer über den Hof.

Hm, ein Brief aus Deutschland. Da gibt es doch hier diese eine Firma, die heißt doch auch irgendwie mit „deutsch“ – so mag es sich der freundliche Postzustellmensch gedacht haben. Also hat er den Brief in das Haus getragen, in dem dpa sitzt – und dort oben auf die ganzen Postfächer gestellt. Den Rest hat dann ein freundlicher dpa-Redakteur im Rahmen der Nachbarschaftshilfe übernommen. Kaum fünf Wochen nach dem Absendedatum in Stuttgart, und der Brief liegt, entgegen aller Erfahrungswerte, bei mir auf dem Tisch.

Es gibt nur zwei Kräfte, die Post in alle Ecken Moskaus bringen: die Russische Post, und auf den entscheidenden letzten Metern dann dpa.

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Russball, Folge 63: Endlich sponsert Gazprom mal was!

Russball kscheib Suus Agnes 2 signed

Ja, sorry, kein Weihnachtsgeschenk von mir dieses Jahr – schließlich kommt der Newsletter erst jetzt, zwischen den Jahren. Dafür schenkt euch die folgende Anekdote vielleicht ein Lächeln. Und weil das allein noch nicht rechtfertigt, dass sie hier vorkommt, leitet sie auch ganz zauberhaft zu den Fußballthemen über.

In meinem ersten Jahr als Redakteurin bei der Moscow Times saßen wir morgens zu zweit im Büro, links die Frühdienst-Kollegin und daneben ich als Social-Media-Frau. Da twitterte uns plötzlich der Präsident von Estland, Toomas Hendrik Ilves, an. Nicht komplett unerhört – Berichterstattung aus Russland auf Englisch, das hatte ich bereits gelernt, bringt einem viele Leser mit blauem Twitter-Häkchen. Aber warum regte der Präsident an, wir sollten uns doch vielleicht diese eine Überschrift, die wir gerade veröffentlicht hatten, noch mal ansehen?

Ein Klick, ein Schock, ein Umdrehen zur Kollegin – was war passiert? Zunächst einmal eine Massenprügelei in einem russischen Krankenhaus. Der Frühdienst hatte die Meldung wie gewohnt in einem Google-Doc vorgeschrieben. Beim Umheben in unser Redaktionssystem allerdings hatte die Überschrift ihren ersten Buchstaben verloren. Wo also „Mass Brawl in Russian Hospital Prompts Firing of Government Officials hätte stehen sollen, stand nun exakt dasselbe – nur ohne das erste M. Ass brawl, ein Kampf der Ärsche – es ist die Sorte Fehler, bei der man sicher sein kann: Wenn sie einem passiert, dann wird es garantiert niemand Geringerem auffallen als einem Staatsoberhaupt.

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⚽  Eine andere Überschrift der Moscow Times hat mich diesen Monat in ihrer Wortspielfreude doch sehr gefreut: „GOAT on a Horse: Russian Football Star Arshavin Spotted Leaving Strip Club by Steed“. GOAT, klar, das ist der Greatest Of All Time: Als Russlands Premjer-Liga letztes Jahr ihren 25. Geburtstag feierte, ließ Sport Express abstimmen, und ja, Arschawin wurde zum besten Spieler aller Zeiten gewählt. (Wobei „aller Zeiten“ hier eben bedeutet: innerhalb von 25 Jahren russischem Erstligafußball.)

Ein GOAT/goat 🐐 auf einem Pferd, das ist schon recht hübsch getextet für folgenden Sachverhalt: Arschawin, der ja vor kurzem seine Spielerkarriere beendet hat, soll aus einem Club in St. Petersburg rausgeschwankt und dann auf einem Pferd in den Sonnenuntergang von dannen geritten sein. Das mit dem Pferd ist so ungewöhnlich nicht, im Petersburger wie im Moskauer Nachtleben begegnen einem immer mal wieder Leute, die mit Pferd am Zügel vor Kneipen warten, ob vielleicht jemand eine Runde drehen will. Arschawin, kann man weiter lesen, wurde offenbar sogar von der Polizei angehalten – er soll nicht genug für den Ritt bezahlt haben.

⚽  Je mehr ich über diese Arschawin-Geschichte nachdenke, desto lauter tuscheln in meinem Hinterkopf tausend russische Großmütter: „Nachts in St. Petersburg, im Dezember und dann auch noch hoch zu Ross – warum macht der Junge nicht die Jacke zu? Und wo ist seine Mütze?“ Sehr viel Babuschka-tauglicher ist da Denis Gluschakow, der hier passend zur Winterpause die vorbildliche Kleidung für einen russischen Fußballer präsentiert. Vielen Dank dafür.

⚽ Fünf Monate nach dem Ende der Fußball-Weltmeisterschaft hat das Meinungsforschungsinstitut Lewada 1600 Russen gefragt, was 2018 die wichtigsten Ereignisse in ihrem Land waren. Ergebnis: Die WM schafft es nicht unter die Top 3. Stattdessen sieht das Ranking so aus: 1. Die Eröffnung der Krim-Brücke über die Straße von Kertsch (ja, das ist die, zu der die Chefin von RT eine Begleit-Romcom schreiben durfte). 2. Die Rentenreform, die schön parallel zur WM durchgedrückt werden sollte, aber dann doch auffiel, zu starken Protesten führte und Wladimir Putin die Popularitätswerte ramponierte. 3. Die Präsidentschaftswahl im Frühjahr, als an vielen WM-Stadien noch gebaut wurde.

Mit Platz 4 war die Weltmeisterschaft den befragten Russen allerdings immer noch deutlich wichtiger als zahlreiche politische Themen, vom russischen Militäreinsatz in Syrien über den Krieg in der Ostukraine bis hin zu den Sanktionen von und gegen Russland. Interessant auch: Bei derselben Umfrage sollten die Teilnehmer sagen, ob das Jahr 2018 ihrer Meinung nach für Russland leichter, schwieriger oder genau so war wie das Vorjahr. Die sommerliche WM-Begeisterung scheint keine langfristigen Auswirkungen auf die Stimmung gehabt zu haben: Nur 11 Prozent stimmten für „leichter“, die Zahlen für „schwieriger“ (45) und „genau so“ (44) liegen deutlich höher. (Ach so, für Wladimir Putin gab es 2018 zwei Ereignisse, die „emotional am bedeutsamsten“ waren: seine Wiederwahl und die WM.)

⚽  Auf einen sehr viel größeren Datensatz als nur 1600 Befragte kann die russische Suchmaschine Yandex zurückgreifen. Sie hat die populärsten Suchbegriffe im Jahr 2018 veröffentlicht, es lohnt vor allem ein Blick uf die Menschen, nach denen am häufigsten gesucht wurde: Erstens Igor Akinfejew, Russlands Heldentorwart, drittens Artjom Dsjuba (mehr zu ihm gleich), außerdem Denis Tscheryschew auf der Acht und Lionel Messi auf der Neun. Was zeigt: Wer am Jahresende zurückblickt, mag die WM bereits ein wenig aus den Augen verloren haben. Beim Suchvolumen hingegen sind ihre Auswirkungen immer noch gut zu sehen.

⚽  „Wurde ja auch Zeit“ – „Na endlich“ – „Dazu gratulieren wir uns allen“. So klingen sie, die Kommentare unter dem Tweet, mit dem der russische Fußballverband am 19. Dezember verkündete: Witali Mutko gibt sein Amt als Verbandspräsident ab – und das, wo es doch zuletzt eher so ausgesehen hatte, als wollte er den Job wiederaufleben lassen.

Ruhen lässt er das Amt ja bereits seit rund einem Jahr, nachdem ihn das Internationale Olympische Komitee wegen seiner Rolle im russischen Staatsdoping lebenslang gesperrt hatte. Sorgen um seine Zukunft muss sich Mutko auch ohne Präsidententitel nicht machen: Er ist weiterhin Vize-Ministerpräsident mit Zuständigkeit für Bauangelegenheiten und regionale Entwicklung.

⚽ Weil es im Fußball ja noch nicht genug Dinge gibt, die von Gazprom gesponsert werden, heißt das Krestowski-Stadion in St. Petersburg seit ein paar Tagen „Gazprom-Arena“. Damit passt der Name endlich zum Verein: Zenit St. Petersburg, das dort seine Heimspiele austrägt, hat ja ebenfalls den Gazpromschriftzug auf den Spielertrikots – mit dem lateinischen Buchstaben G, der mich samt Flamme immer an ein aufgeschnapptes Klappfeuerzeug erinnert.

gazprom

⚽ Wenn jetzt zum Jahresende die Finanzchefs diverser russischer Fußballclubs vor ihren Exceltabellen sitzen, dürfte sich ein Lächeln auf das ein oder andere Gesicht stehlen – jedenfalls bei den Vereinen, die an europäischen Turnieren teilgenommen haben. Lokomotive Moskau zum Beispiel hat – so rechnet es Sport Express vor – in der Gruppenphase der Champions League knapp 18 Millionen Euro eingenommen. Nicht so schlecht, als Gruppenletzter.

Am lukrativsten war der Einsatz in der Champions League dem Bericht zufolge für ZSKA: 21,55 Millionen Euro, zusammengesetzt aus 15.25 Millionen fürs Erreichen der Gruppenphase, 900.000 für das Unentschieden gegen Viktoria Pilsen und 2,7 Millionen für die beiden Siege gegen Real Madrid. Die einstelligen Millionenerträge für Zenit, Krasnodar, Spartak und Ufa kann man hier nachlesen.

⚽  Allein für dieses Fitzelchen nutzloses Wissen hat es sich schon gelohnt, dem Twitter-Account „Russian Non-League Football“ zu folgen: In Wolgograd – auch das eine der WM-Städte des vergangenen Sommers – spielt demnach Russlands ältester aktiver Fußballer (gemeint ist vermutlich: ältester Spieler mit Profi-Karriere). Seit 2011 ist Sergej Nataluschko nicht nur Trainer des FK Dynamo Nikolajewsk. Der Mann, dessen Frisur entfernt an „Zurück in die Zukunft“ erinnert, stellt sich auch immer wieder selber auf:

⚽ Wer in diesen Tagen nach Leonid Slutsky googelt, der bekommt – immer vorausgesetzt, die Suche war auf Russisch – höchstwahrscheinlich mindestens einen Link zu Sport Express als Ergebnis, vielleicht auch mehrere. Denn das lange Interview (Teil 1, Teil 2) , das Igor Rabiner mit dem früheren russischen Nationaltrainer geführt hat, wollte seine Redaktion nicht nur einmal als Gesamtwerk veröffentlichen.

Stattdessen gibt es also reihenweise einzelne Aspekte noch mal als Single-Auskopplungen, jedes Mal ein separater Artikel: Dass ZSKA sein Titelfavorit ist. Dass er bei seinem aktuellen Job in Arnheim die russische Banja vermisst. Dass sein 13-jähriger Sohn ja jetzt rappt. Ist das jetzt noch eine SEO-Strategie oder schon Spam?

Interessant fand ich jedenfalls Slutskys Reaktion, als er darauf angesprochen wird, dass seine TV-Expertenkarriere während der WM plötzlich beendet war, nachdem er im russischen TV den Namen „Nawalny“ in den Mund nahm. Slutsky bleibt dabei: Nein, er sei nicht dafür abgestraft worden, es sei nie etwas anderes anderes geplant gewesen als ein Kurzeinsatz.

⚽ Bei der Auslosung zur Europa League Mitte des Monats ist ja unter anderem rausgekommen, dass der FK Krasnodar gegen Bayer Leverkusen spielen wird. Krasnodar ist keine kleine Nummer, in die Winterpause ist der Verein auf Platz zwei der Premjer-Liga gegangen. Zum Vergleich: Leverkusen überwintert auf Platz neun.

Gefreut hat mich die Auslosung vor allem, weil dann endlich mal ein Stadion Aufmerksamkeit bekommt, das bei der Weltmeisterschaft aus unerfindlichen Gründen vernachlässigt wurde. Ein Quasi-Kolosseum mit riesiger Videowand, einmal rund um den Innenraum. Das „schönste Stadion Russlands„? Vielleicht, wobei… Sotschi… jedenfalls: Hier ein Vorgeschmack.

⚽  Offenbar war ich nicht die einzige, die diesen Sommer im WM-Austragungsort Kasan an ein paar überaus nette, gastfreundliche Einheimische geraten ist. Meine haben mich zwar nicht aufs Trainingsgelände von Rubin Kasan mitgenommen, aber gut, ein bisschen Luft nach oben muss ja noch sein für den nächsten Besuch.

⚽ Diesen Sommer bei der WM war Artjom Dsjuba der Star der russischen Nationalmannschaft. Zum Jahresende blickt Russian Football News (in einer Detailtiefe, die wohl vor allem was für Hardcore-Fans ist) zurück auf eine Karriere, in der er sich mit jedem Vereins- und jedem Trainerwechsel wieder neu beweisen wurde. Selbstverständlich als Spitzenspieler anerkannt war er selten, auch seinen WM-Einsatz hat er unter anderem dem Verletzungspech seines Konkurrenten Aleksandr Kokorin zu verdanken. Mehr, auch zu Dsjubas vielen Spitznamen, hier: The Evolution Of Artem Dzyuba.

Auch die spanische Sportzeitung Marca würdigt Dsjuba: Sie hat ihn, „einen der großen Schützen der Weltmeisterschaft“, unter die Top 100 Fußballspieler des Jahres 2018 gewählt. Platz 97 mag jetzt keinen Top-Position sein, andererseits würdigt die Redaktion ausdrücklich Dsjubas Tor, das für Russland im Spiel gegen Spanien die Verlängerung und das anschließende Elfmeterschießen ermöglichte. Wie das für Spanien endete, das ist sicher nicht nur spanischen Fußballjournalisten bis heute präsent:

⚽ Was bringt es den rusischen Fußballclubs, dass ihre Spieler bei der WM dabei waren? Klar, mehr Erfahrung, vielleicht auch bei Gelegenheit eine höhere Ablöse, wenn jemand verkauft wird, der sich bei der Weltmeisterschaft profilieren konnte. Aber so lange müssen die Clubs gar nicht warten: Die FIFA zahlt ihnen scbon jetzt etwas: Aus den Einnahmen des Turnier gehen rund zehn Millioenn US-Dollar an russische Vereine. Das Spektrum reicht von 1.815.445 Dollar für Zenit bis runter zu Anschi Machatschkala, die immerhin noch 38.205 bekommen. Die ganze Liste, auch mit den Summen der deutschen Vereine, gibt es hier.

⚽  Das letzte Wort hat heute der FK Ural. Dort hat man gehört, dass José Mourinho – dem Kritiker ja gerne vorwerfen, er würde am liebsten den ganzen Mannschaftsbus vor dem eigenen Tor parken – bei Manchester United rausgeflogen ist. In Jekaterinburg hatten sie daraufhin eine Idee, und aus der Idee wurde ein Tweet:

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Das war’s für heute, die nächste Russball-Folge soll Ende Januar bei euch ins Postfach plumpsen. Jedenfalls stelle ich mir das so vor, auch wenn zur selben Zeit der Umzug nach Berlin ansteht. Raus aus Russland, aber weiter über den russischen Fußball schreiben – mal sehen, wie das wird. Eins steht jedenfalls fest: Die ersten beiden Monate des neues Jahres müssen wir noch komplett ohne russischen Erstligafußball auskommen.



 

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Ein heiliger Eid

kscheib notar

Fast fünf Jahre lang habe ich es geschafft: Ein Leben hier in Russland, ohne dass ich je eine notariell beglaubigte Übersetzung meines deutschen Passes gebraucht hätte. Das war kein bewusstes „Ich komme ohne aus“, mir war einfach nicht klar, dass sowas irgendwann mal ein Thema sein könnte.

Dann kam die Steuererklärung, der Steuerberater brauchte eine Vollmacht, und bei der Notarin im Keller auf der anderen Straßenseite hieß es sinngemäß: Na, wie sollen wir denn ihre Unterschrift auf der Vollmacht beglaubigen, wenn wir nicht mal wissen, wer Sie sind? Dass, wenn nicht im Pass, so doch auf dem dort eingeklebten Visum all meine Daten auch auf Russisch stehen – egal. Das muss übersetzt werden, da muss ein Stempel drauf und eine Notarinnenunterschrift drunter und eine gedrehte Kordel dran, die alles zusammenhält.

Leben in Russland, das ist halt immer wieder die Erkenntnis: So einfach ist das alles nicht. Was wir dir gesagt haben, was du an Unterlagen brauchst – das war eher so eine vorläufige Liste. Ding 1, für das du Eltern, Freunde, frühere Kollegen in Deutschland um eilige Hilfe gebeten hast, Amts- und Bankmitarbeiter am Telefon charmiert, mit Expressgebühren und Schlafmangel bezahlt – das ist uns jetzt egal. Dafür wollen wir nun bitte Ding 2, und zwar nicht einfach als Kopie, sondern mit neuen Stempeln von deiner alten Uni und Apostille von der Bezirksregierung in Arnsberg.

Für dieses Visum brauchst du keinen HIV-Test. Für das nächste schon. Für das nächste danach reicht ein HIV-Test nicht, du brauchst zusätzlich noch einen auf Lepra, Tuberkulose, psychische Probleme und Ausschlag auf Rücken oder Bauch. Und für das wieder nächste Visum brauchst du dann definitiv keinen HIV-Test, bis es plötzlich drei Tage vor dem Termin beim Konsulat ist und du brauchst ihn doch.

Darum hier ein heiliger Eid. Ich leiste ihn für den Fall, dass ich irgendwann mal zurückkomme nach Russland, nicht im Urlaub oder um Freunde zu besuchen, sondern für länger. Und wer weiß, vielleicht ist er ja auch nützlich für Leute, bei denen der Schritt hierher gerade erst ansteht – vor allem, wenn sie dabei kein internationales Großunternehmen mit eigener „Expat Support“-Abteilung im Rücken haben.

Ich werde immer vier biometrische Passbilder bei mir haben. Eines mit den vorgegebenen Maßen für russische und eines für deutsche Dokumente, jeweils einmal als Datei und einmal als Abzug.

Ich werde mir früh eine Bank in Deutschland suchen, bei der das Abheben im Ausland nichts kostet. Und eine Bank in Russland, weil selbst beim kostenlosen Abheben oft nur 7500 Rubel auf einmal erlaubt sind, und weil von der russischen Taxi-App bis zur Ticketkasse am Opernhaus von Odessa oft nur eine russische Kreditkarte akzeptiert wird.

Ich werde mir das Limit der Kreditkarte erhöhen lassen. Was für den Alltag in Deutschland reicht, wird plötzlich eng, wenn man mit gebrochenem Arm im Krankenhaus steht und die Operation vorab bezahlen soll.

Ich werde mir einen Haufen Dokumente noch in Deutschland beglaubigen oder am besten direkt apostillieren lassen. Abizeugnis, Diplomzeugnis, Stammbuch, Geburtsurkunde, Eheurkunde. Das verhindert nicht nur das Bedürfnis, schon bei der Erwähnung des Wortes „Apostille“ in Tränen auszubrechen. So, wie es selten regnet, wenn man einen Schirm dabei hat, gehe ich nach aller Russlanderfahrung davon aus, dass man diese einmal angefertigten Dokumente dann auch nicht mehr braucht.

Ich werde meinen Pass, sobald ich in Russland bin, übersetzen und beglaubigen lassen. Dito den Führerschein. Vielleicht auch den Perso, man weiß ja nie. Oder den Impfpass.

Ich werde mich rechtzeitig fürs Vielfliegerprogramm anmelden. Fliegen mit Russen – nein, eigentlich: Schlangestehen mit Russen ist ein anstrengender Zeitvertreib. Von den Privilegien, die man sich nach und nach erfliegt, ist die Expressschlange am Check-in, in der man nicht eine halbe Stunde lang mit ausgefahrenen Ellenbogen verhindern muss, dass alle an einem vorbeiziehen, das größte Privileg.

Ich werde diesen Eid hier ergänzen, wenn mir noch mehr Dinge einfallen, die ich von Anfang an hätte tun und wissen sollen.

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Die besten Threads aus dem November

kscheib threads november

Der November war ein guter Monat für Threads. Schon allein deshalb, weil Alex de Campi mal wieder unter Alkoholeinfluss ein Geschichtsthema aufgegriffen hat. Das Ergebnis: eine neue Folge #alexdrunkhistory, diesmal über Burgen und wie man sie richtig belagert.

Wie immer gilt: Zu sehen ist hier im Blogpost immer nur der erste Tweet eines Threads. Wer mehr zum Thema lesen will, muss nur draufklicken.

1. In tiefer Sorge

Soviet Sergey – ein Twitter-Account, der den russischen Außenminister Lawrow parodiert – dokumentiert das diplomatische Floskelfeuerwerk, nachdem die russische Marine in der Meerenge von Kertsch drei ukrainische Schiffe festgesetzt und beschlagnahmt hat.

2. Der Alltag als Kostüm

Ja, Halloween fühlt sich schon ziemlich weit weg an. Aber dieser Thread mit Menschen, die sich statt als Superhelden lieber als normale Menschen in Alltagssituationen verkleiden, ist großartig – egal, wann man ihn ansieht.

3. Ein Katapult namens Warwolf

4. Die Sowjet-Kopie des Space Shuttle

Buran, das klingt wie die nächste Disneyprinzessin, heißt aber „Schneesturm“ und war der Name der sowjetischen Raumfähre. Sie flog nur ein einziges Mal – dann kollabierte die Sowjetunion und keiner wollte mehr für das irrsinnig teure Projekt bezahlen. Was bei Buran vom Space Shuttle abgeguckt war und was deutlich besser gelöst als beim amerikanischen Modell, das erzählt hier Matt Bodner.

5. Floppies im Weltall

Wem Matts Thread noch nicht nerdig genug ist, der kann ja den hier mal lesen. Und weiß dann, was es einmal gekostet hat, eine 17 Gramm schwere Floppy-Disc auf die ISS zu befördern.

6. Alle bekloppt hier

Jedenfalls diejenigen, die sich ausgedacht haben, Gewicht in Unzen, Steinen und Tassen zu messen. Jedes Mal, wenn ich in Zukunft ein amerikanisches Rezept in Gramm und Kilo umrechner, werde ich an diesen grandiosen Wutanfall hier denken:

7. Die Frau, die neben Putin im Regen stand

Ihr erinnert euch an die Bilder nach dem Finale der Fußball-Weltmeisterschaft: Über Moskau ging ein Sturzregen herab, Putin hatte einen Schirm samt Schirmhalter, Kolinda Grabar-Kitarovic wurde klatschnass. Kroatiens Präsidentin feierte den zweiten Platz für ihr Land, und für so viel gute Laune unter widrigen Bedingungen flog ihr nicht nur online viel Begeisterung entgegen.

Was man über die Frau politisch wissen sollte, vor allem aktuell, steht in diesem Thread:

8. Zum Thema Masernimpfung

Viele Argumente dafür hat man aus dem Stand parat, wenn einen das Thema interessiert. Dieser Bericht der Mutter eines krebskranken Mädchens ist besonders eindringlich.

9. Licht, Zeit und Raum

Ein Thread über Sternenlicht, das so alt ist, dass es sich kurz nach dem Urknall auf den Weg zu uns gemacht hat. Und darüber, wie alt das Bild ist, das wir sehen, wenn wir auf unsere eigenen Hände blicken.

10. Der Erfinder des Katzenklaviers

Athanasius Kircher also, soso. Nie von gehört, trotzdem mit Begeisterung über ihn gelesen. Die Sache mit dem Katzenklavier war ja wohl Rohmaterial für Monty Python! (Lieblingssatz im ganzen Thread: „It was almost all *entirely* wrong, but his excited, consistent approach would inspire later generations.“)

11. Hängt ein Vogel am Baum fest

Warum diese Kakadu-Rettungsaktion kein weltweites Viraldings geworden ist, wird ein ewiges Rätsel bleiben.

12. Berliner Stadtplanung

Warum sehen Straßen am Prenzlauer Berg so aus, wie sie aussehen? Warum dieses Bauen in die Tiefe, mit Hinterhof und Hinterhaus? Weshalb die viele Erker? Bitte hier entlang:

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Russball, Folge 62: Boris Rotenberg darf in der Champions League spielen

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Da ist sie also wieder, die Zeit, in der man keine Bundesliga-Konferenz im Radio höen kann, ohne dass einem zwischendurch jemand vom Weihnachtsmarkt erzählt. Auch hier in Moskau laufen die Vorbereitungen auf die Feiertage, im Supermarkt auf der anderen Straßenseite gibt es sogar deutschen Stollen zu kaufen. Dabei ist hier ja nicht Weihnachten, sondern Neujahr das Fest, bei dem die Familie um einen Baum sitzt und gemeinsam feiert – es wäre also durchaus noch Zeit.

Nicht nur Festbeleuchtung glitzert auf den Straßen, auch Schnee und stellenweise Eis. Weshalb es in dieser Russball-Ausgabe auch um die Frage geht: Wie kalt muss es eigentlich werden, damit selbst russische Profisportler einen Anspruch darauf haben, nicht im Freien gegeneinander antreten zu müssen?

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⚽ „Die Passion des Andrei“ – wer so eine Überschrift raushaut, der signalisiert: Es geht um Monumentales. Um das Ende einer Spielerkarriere, die so bisher kein zweiter Russe wiederholen konnte. Andrei Arschawin, der zuletzt in Kasachstan der Rente entgegendribbelte, aber zu seinen Glanzzeiten für Zenit und für Arsenal gespielt hat. Der zu Beginn seiner Zeit in London beeindruckte, aber daraus kein Sprungbrett für eine internationale Karriere machen konnte. Der zwar Nationalspieler war, aber nie bei einer WM mitspielte.

Glorreicher Held oder gescheitertes Talent, „gifted maverick who completed a fairytale rise to the top, or wasted talent who let it all slide when on the edge of greatness“ – für den Guardian sind beides mögliche Deutungen von Arschawins Lebensweg. In Russland klingen die Reaktionen eher wohlwollend: „Der Zar geht und nimmt die Krone mit“, schreibt die Iswestija, und die russische Nationalmannschaft lässt twittern: „Auf Wiedersehen, Legende!“

⚽ Und weil er ja nun Zeit hat, gibt Arschawin dann auch gleich eine ganze Reihe von Interviews. Dass er gegen die Einbürgerung ausländischer Spieler ist, gibt er dort dann zum Beispiel zu Protokoll (eine populäre Praxis, um die russische Nationalmannschaft zu verstärken). Oder er erzählt, wer für ihn derzeit die besten russischen Fußballer sind: „Ich denke, der stärkste ist dem Potenzial nach sicherlich Golowin, der zweitstärkste sitzt leider im Gefängnis. Der Rest spielt auf einem niedrigeren Niveau.“

Das war deutlich. Der Mann im Gefängnis, genau genommen in U-Haft, ist Alexander Kokorin. Er und Pawel Mamajew, beide russische Nationalspieler, werden demnächst für das vor Gericht stehen, was in Russland „Hooliganismus“ heißt: In einem Café sollen sie mehrere Menschen angegriffen und verletzt haben, Mamajew soll sogar mit einem Stuhl auf eines der Opfer eingeschlagen haben. Mamajews Frau hat unterdessen ein Foto von ihrem Instagram-Account gelöscht, auf dem der Name ihres Mannes und ein Stuhl zu sehen waren. Auf einem anderen Bild kann man ihn, wenn man genau hinsieht, noch erkennen.

⚽ Im März hatte ich schon mal auf Tschertanowo Moskau hingewiesen. Der Verein hat die bemerkenswerte Philosophie, für seine Profimannschaft nicht auf teure Spieler-Einkäufe zu setzen, sondern stattdessen auf seine eigenen Nachwuchsspieler. „Russian Football News“, durch die ich auf die Mannschaft aufmerksam geworden war, sind am Thema drangeblieben und berichten nun, wie es seitdem weiterging: Tschertanowo ist in die Erste Division aufgestiegen – Russlands zweithöchste Profiliga – und steht dort aktuell komfortabel auf Tabellenplatz 6.

Bemerkenswert auch: Obwohl in dieser Liga die Nachwuchsteams mehrerer großer Clubs spielen, ist Tschertanowo die Mannschaft mit dem niedrigsten Altersdurchschnitt. Mehr dazu, unter anderem ein Blick darauf, wie stark sie in den U20-, U18- und noch jüngeren Nationalmannschaften vertreten ist, hier: Chertanovo Moscow – Finally getting the recognition they deserve?

⚽ Im russischen Fußball ist etwas geschehen, was es so zuvor noch nie gab. Es geht um Boris Rotenberg, einen Rekordspieler der besonderen Sorte: Im Sommer hatte ich schon mal über ihn geschrieben, weil er nicht zur russischen WM-Auswahl gehörte, trotz eines Alleinstellungsmerkmals, an das sonst keiner rankommt: Niemand hatte bei so vielen Liga-Spielen bloß auf der Bank gesessen wie Rotenberg.

Darum war das, was da am 28. November beim Spiel zwischen Lokomotive und Galatasaray passiert ist, auch so besonders: In der 90. Minute durfte Rotenberg auf den Platz, eingewechselt für Jefferson Farfán. „Der große Boris Rotenberg debütiert in der Champions League“, twittert Eurosport und frotzelt damit nur ein ganz klein wenig.

⚽ Gleiches Spiel, anderer Spieler: Grzegorz Krychowiak, polnischer Nationalspieler, hat in seiner Vereinskarriere unter anderem beim FC Sevilla gespielt. Derzeit ist er bei Paris Saint-Germain unter Vertrag, von wo er erst nach West Bromwich Albion und aktuell an Lokomotive Moskau ausgeliehen wurde.

Dass er sich auf diesem Karriereweg nicht nur Fußballkönnen angeeignet hat, hat er in einem Interview für den Youtube-Kanal von Loko gezeigt. „How was your emotions?“, fragt der Interviewer nach dem Sieg gegen Galatasaray, und Krychowiak legt los:

⚽ Mutko-Watch, nächste Runde: Der Mann hatte bekanntlich eine ganze Reihe von Ämtern, nicht ganz unprominent darunter z.B. der Job als Sportminister und als Präsident des russischen Fußballverbandes. Letztere Aufgabe ließ er, als der öffentlich Druck wegen der Doping-Vorwürfe zu groß wurde, kurz vor der Fußball-Weltmeisterschaft ruhen. (Wie weit man da wirklich von „ruhen“ sprechen kann und es nicht eher sowas war wie „unter der Bettdecke mit der Taschenlampe weiterlesen, was auch alle wissen, aber keinen stört, weil man da eh von ausgegangen war“ – unklar.)

Klar ist dafür, dass Mutko neuerdings wieder hochrangige Termine für den russischen Fußballverband wahrnimmt und auch beim Training der Nationalmannschaft gerne mal an der Seitenlinie entlangpatroulliert. Heißt dass, das sein Amt nicht mehr ruht? Die Nachrichtenagentur AP hat nachgefragt, Ergebnis: Russlands Fußballverband gibt derzeit keine Auskunft darüber, wer aktuell dort den Präsidentenjob macht.

⚽ Ich hab nachgezählt: Das hier ist nun schon der dritte „Russballl“ in Folge, in der Denis Gluschakow Thema ist. Erst wegen der Sache mit dem Instagram-Like für Kritik am Damals-noch-Trainer von Spartak, Massimo Carrera, dann wegen der Abwesenheit bei dessen Abschiedsessen. Und jetzt? Carrera ist doch inzwischen weg, was kann da noch kommen?

Ein wütender Fan. Einer von vielen, die sauer sind auf Gluschakow und ihm die Schuld dafür geben, dass Carrera Spartak nicht mehr trainiert. Er rannte beim Spiel gegen Rapid Wien aufs Feld, direkt zu Gluschakow, schubste ihn und schrie auf ihn ein. Die Situation dauerte nicht lang, schnell drängten andere Spartak-Spieler den Mann ab. Was bleibt, ist das Wissen, dass das nur der Gipfel war unter vielen Protesten gegen Gluschakow. Und dieser überaus hilfreiche Artikel (okay, wohl eher native advertising) bei Sports.ru, der erklärt, wie viel Geld man verdienen kann, wenn man darauf wettet, dass er den Verein verlässt oder nicht. Noch sind die Quoten ein wenig besser, wenn man wettet, dass er geht.

⚽ Russischer Fußballhumor im Winter: Vor dem Spiel gegen Amkar Grosny hatte der FK Jenissei noch das hier getwittert, Text: „Wir bereiten uns aufs Spiel vor.“ Anders gesagt: Her mit dem Thermometer, denn in Russland liegt bei -15 Grad die magische Grenze, ab der Vereine verlangen können, dass das Spiel verlegt wird. Schon vor dem Spieltag waren beide Clubs wenig begeistert gewesen von dem, was der Wetterbericht da vorhersagte, Jenissei versuchte sogar durchzusetzen, das Spiel in eine Halle zu verlegen – vergeblich.

Vor dem Anpfiff wurden dann -13,9 Grad auf dem Platz gemessen, das Spiel fand statt. Abgesagt wurde hingegen die Begegnung zwischen dem FK Orenburg und Krylja Sowetow Samara: -17 Grad, und damit die eben zwei Grad unter der entscheidenden Marke. Alles, was wärmer als -15 ist, ist eben kein Grund. Sondern nur normales russisches Winterwetter.

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Zum Schluss noch etwas, das nichts mit Russland zu tun hat, aber viel mit Fußball und mit Profi-Spielern, die zwischen Vereinen in verschiedenen Ländern wechseln. Was wird der Brexit für Folgen haben für Fußballvereine in Großbritannien? Ich wusste vorher nicht, wie das mit der offiziellen Arbeitserlaubnis funktioniert – das wird in Zukunft definitiv nicht einfacher. Und dann ist da noch der englische Fußballverband, der hofft, dass durch den Brexit einheimische Spieler weniger Konkurrenz haben, dadurch mehr Einsätze im Vereinsfußball, dadurch mehr Erfahrung für die Nationalmannschaft…

Die nächste Russball-Folge gibt es… tja. Liest die irgendjemand, wenn sie am Neujahrsmorgen kommt? Wäre es besser schon kurz nach der deutschen Weihnacht? Oder eher kurz vor der russischen? Ich freu mich über Rückmeldungen.



 

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Krieg und Frieden und Laserpointer

Das stand noch auf der Liste, ehe wir Moskau verlassen: ein Konzert im neuen Sarjadje-Saal, im kleinen Park nahe der Basiliuskathedrale. Der Park ist vor allem bekannt für seine Brücke, die ein Stück über die Moskwa führt und dann wieder zurück. An ihr vorbei geht es zum Konzertsaal, und wer in Moskau bisher das gemütliche alte Konservatorium als Ort für klassische Konzerte gewohnt ist, erlebt hier den maximalen Kontrast, nicht nur bei der Architektur:

Reihenweise junge, freundliche Menschen, die Karten kontrollieren und Jacken entgegennehmen – normalerweise die Domäne älterer, gerne auch etwas maulfauler Damen. Die Besucher haben sich nicht einfach schick gemacht, sondern tragen Kleidung, der man ansieht, dass sie teuer war. Das passt zu den Eintrittspreisen: Während man im Konservatorium für 300 oder 500 Rubel große Musik erleben kann, haben die Tickets hier 4000 gekostet – und das ist für hinten, oben, wo es günstig ist.

Im Saal dann viel Holz, warmes Licht und die Sorte Sessel, an denen sich die ein oder andere Fluglinie mal was abgucken könnte: Wer nicht will, muss weder mit dem Ellenbogen des Nachbarn noch mit der Rückenlehne des Vordermanns Kontakt aufnehmen.

kscheib sarjadje moskau konzertsaal

Ein Konzert für Business-Class-Kunden, es singt: Joyce DiDonato. „Krieg und Frieden“ steht auf Russisch auf den Tickets, im Original „In Times of War and Peace“. Eine Reihe von Barock-Arien (viel Händel und Purcell), erst über Krieg, Schmerz, Verlust, dann über Hoffnung, Zuversicht, Freude. Großartig gesungen, großartig musiziert – das hätte doch mehr als gereicht.

Aber die ganze Inszenierung drumherum: An die Wand projizierte Muster, erst Blut, dann Blütenblätter, schließlich Feuerwerk. Kunstnebel wabert über die Bühne, ein Mann (oben nackt, unten im Hosenrock) umtanzt DiDonato und die Musiker mit den immerselben Bewegungen. Plötzlich habe ich den älteren Herrn vor Augen, der bei Helge-Schneider-Konzerten tanzt. Was ist das jetzt hier, Kunst, Edelkitsch oder gar subversiver Humor?

Einmal abgelenkt von der Barockpracht auf der Bühne fällt noch ein Unterschied zu anderen Moskauer Konzertsälen auf: Wie tief dunkel das hier im Raum ist. Kein einziges Handy, auf dem gerade gefilmt wird oder Noten mitgelesen werden. Niemand, der per App das Hörgerät justiert oder schaut, ob sich der Babysitter gemeldet hat.

Warum, das sieht man, wenn doch kurz mal wo etwas aufleuchtet: Sofort erscheint ein roter Punkt, fährt dem Nutzer über die Hände und den Bildschirm, bis er das Gerät wieder abschaltet. Manchmal sind gleich mehrere solche Punkte im Saal unter uns zu sehen; die Aufpasser mit den Laserpointern müssen ziemlich weit oben sitzen, wo sie alles im Blick haben. Ein Alleinstellungsmerkmal hat Sarjadje damit auf jeden Fall – im Konservatorium, im Bolschoi, im Dom Musiki, die Methode habe ich in Moskau noch nirgends erlebt.

Nach dem Konzert, nach Standing Ovations für die Sängerin und das Orchester, ein wenig Recherche: Die Idee mit den Laserpointern scheint aus China zu kommen, 2016 war das „laser shaming“ bereits an einigen Konzerthäusern üblich, was Zuhörern und Musikern aus dem Ausland durchaus auffällt. Dass die Methode nun gerade in Russland aufgegriffen wird, passt ins Bild: Hey, ich kann hier jemand maßregeln und mit technischem Schnickschnack hantieren! Gut möglich, dass einem das in in Moskau demnächst nicht nur in Sarjadje begegnet. Auch im Staatszirkus, erzählt ein Freund, sind sie schon im Einsatz.

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