Russball, Folge 6: Legionäre, Ronaldinho und ein Bananenmikrofon

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Tja, was soll man sagen über den Fußball in Russland in diesen Tagen. Auf dem Stadiongelände in Sankt Petersburg nisten Bachstelzen, die frisch geschlüpften Jungen sind so! flauschig! Die russische Polizei will bei der WM nächstes Jahr streng gegen halbnackte Fans vorgehen. Das neue Ausweichtrikot von Zenit ist violett mit goldenen Sternen und soll von Fabergé (ich vermute mal, von dem Ei hier) inspiriert worden sein.

Ach so, ja gut, und die neue Saison der Premjer-Liga hat halt begonnen.

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⚽ Ein kleiner Spoiler zum Start: Der nächste russische Fußballmeister wird Zenit Sankt Petersburg. Dessen ist sich jedenfalls Sports.ru so sicher, dass man sich dort die Überschrift „Zenit wird Meister, das garantieren wir“ gönnt. Begründet wird das mit einer klugen Transferpolitik, motivierten Spielern – vor allem aber mit dem neuen Trainer: „Mancini kann einfach nicht schlechter sein als Lucescu,“ unter dem es Zenit nicht in die Champions League geschafft hatte. „Zenit ist den problematischsten Trainer in der jüngeren Geschichte des Vereins losgeworden“, da könne nun der Rasen im Stadion so schlecht sein, wie er mag: Zenit wird Meister!

⚽ Ehe in Russland die neue Liga-Spielzeit beginnt, wird traditionell der Fußball-Supercup zwischen dem Meister und dem Pokalsieger ausgetragen. Dieses Jahr war es ein Lokalderby zwischen Spartak Moskau und Lokomotive Moskau, 2:1, so weit, so alltäglich. Bemerkenswert allerdings ein Fan-Banner, das nichts mit Fußball zu tun hatte, sondern mit einem noch unveröffentlichten Kinofilm. „Für Glaube, Zar und Vaterland“ steht auf dem Transparent, daneben ein Bild des letztes russischen Zaren Nikolaus II. Um dessen Affäre mit der Tänzerin Matilda Kschessinskaja geht es in dem Film „Mathilda“.

Matilda Kschessinskaja
Matilda Kschessinskaja

Kaum jemand hat ihn bisher gesehen, trotzdem empören sich Politiker, Kirchenoffizielle und mehr als 20.000 Unterzeichner einer Petition über den Film. „Russland wird als ein Land von Sauferei und Rumhurerei dargestellt“, heißt es dort, anderswo ist jemand überzeugt, Russland werde untergehen, wenn der Film, der am Zarenidol kratzt, in die Kinos kommt.

Und nun also das Banner – professionell gedruckt, und mit nahezu identischem Gegenstück im Fanblock gegenüber. Ob sich Fans beider Seiten wirklich so sehr für den Ruf eines toten Herrschers interessieren, oder wer sie sonst auf diese Idee gebracht hat – schwer zu sagen. Sports.ru zeigt Bilder, erklärt die Hintergründe des „seltsamsten Banners beim Supercup“ und kann sich ironische Zwischenzeilen wie „Ernsthaft?“ dabei nicht ganz verkneifen. 

⚽ Zum Start der Premjer-Liga-Saison in Russland hat The 18 aus zehn Fakten rund um den russischen Fußball einen kleinen Listicle gebaut. Interessant ist vor allem Punkt 3, wonach alle russischen Nationalspieler derzeit bei russischen Vereinen unter Vertrag sind. „Wladimir Putin sagt, dass sich Russland schwer tut, weil zu viele Ausländer in der Premjer-Liga spielen“, kommentiert der Autor, „aber vielleicht tut sich die Nationalmannschaft auch deshalb schwer, weil nicht genug Russen in ausländischen Ligen spielen?“

⚽ Von Russen im Ausland zu Ausländern in Russland: Bis September sollen Vorschläge auf dem Tisch sein, wie die Zahl ausländischer Spieler bei russischen Vereinen in Zukunft geregelt wird. Bisher dürfen gleichzeitig höchstens sechs Spieler pro Mannschaft auf dem Platz sein, die keine russische Statsangehörigkeit haben. In Zukunft soll stattdessen festgeschrieben werden, wie viele Legionäre es im gesamten Kader geben darf, nicht nur im aktuellen Spiel.    

Dazu passt diese Liste einiger Dann-doch-nicht-Legionäre: Zwölf Spieler, die zwar die Möglichkeit hatten, zu einem russischen Verein zu wechseln, sich aber dagegen entschieden. Martin Montoya zum Beispiel blieb lieber bei Valencia, statt zu Spartak zu kommen. Kostas Manolas sagte in letzter Minute bei Zenit ab und ging stattdessen zu Chelsea. Douglas Kosta wechselte vom FC Bayern zu Juventus, obwohl auch an ihm Zenit interessiert war. 

⚽ Ein neuer Name in Russlands Premjer-Liga: Seit dieser Saison spielt dort der FK Achmat Grosny. Falls jemandem beim Zuschauen der ein oder andere Spieler bekannt vorkommt, liegt er richtig: Neu ist eben nur der Name, nicht der Verein. Der hieß von der Gründung nach dem Zweiten Weltkrieg bis Ende der vergangenen Spielzeit RFK Terek Grosny; der neue Name soll an Achmat Kadyrow erinnern. 

Der damalige tschetschenische Präsident kam 2004 beim einem Attentat ums Leben, heute erledigt sein Sohn Ramsan Kadyrow das, was hier unter Präsidenten-Amtsgeschäfte fällt: Oppositionellen mit dem Tod drohen, Menschenrechte missachtenschwulenfeindliche Gewalt dulden,  gelegentlich im Reality-TV auftreten, bei Instagram posten. Apropos: Als Stargast war Ronaldinho zum ersten Spiel des Vereins mit dem neuen Namen angereist – und sich leider nicht zu fein, kameratauglich mit Kadyrow zu posieren:  

⚽ ZSKA Moskau hat ein neues Stadion, nun war es erstmals ausverkauft. Auf dem Spielfeld diesmal keine 23 Menschen sondern gleich einige tausend, alle mit Blick zur Bühne (und Plastikplane unter den Füßen, um den Rasen zu schützen. Denn das volle Haus verdankt Spartak keinem Spitzenspiel, sondern „Park Live“, einem eintägigen Musikfestival. Headliner waren diesmal System of a Down.

Artur Petrosan erklärt hier, warum der Ticketverkauf für Fußballspiele bei vielen Vereinen nicht besonders lukrativ ist. Und er zitiert den Finanzdirektor von ZSKA: „Wenn wir solch ein Festival mit einem durchschnittlichen Erstligaspiel vergleichen, bringt ersteres dem Verein mehr Geld ein.“ Darum sollen weitere Veranstaltungen dieser Art folgen, wenn die Spielansetzungen es möglich machen.

⚽ Witali Mutko, russischer Vize-Premier, hat in einem Interview zu Protokoll gegeben, dass sich die ukrainische Fußball-Nationalmannschaft wegen der WM 2018 keine Sorgen machen soll. In Kasan war Mutko auf einen möglichen Boykott des Turniers angesprochen worden. „Ich kann sagen, wenn sich die ukrainische Mannschaft qualifiziert, wird es für sie in Russland keinerlei Probleme geben, nicht ein Problem“, zitiert Interfax Mutkos Antwort.

Das Verhältnis zwischen den beiden Ländern ist seit der russischen Annexion der Krim gespannt. Dass das auch Konsequenzen abseits der politischen Sphäre haben kann, hat ja zuletzt der Eurovision Song Contest gezeigt

⚽ Leonid Sluzki hat mal die russische Nationalmannschaft trainiert, inzwischen ist er Trainer bei Hull City und unterhält seine Spieler dort mit russischem Liedgut: Sport Express zeigt ein Snapchat-Video, in dem Sluzki auf einem Stuhl steht und seinen Spielern Katjuscha vorsingt. In seinem Mikrofon-Ersatz meint Sport Express, eine Banane erkannt zu haben. Wer das überprüfen möchte, kann hier gucken:

⚽ Von den Nordkoreanern, die beim Stadionbau in Sankt Petersburg ausgebeutet wurden, war hier ja vor ein paar Wochen schon mal die Rede. Die New York Times wirft jetzt über die Fußball-Infrastruktur hinaus einen Blick auf ein Regime, das seine Bürger ins Ausland verleiht, damit sie dort wie Sklaven arbeiten. Russische Firmen bewerben ihre nordkoreanischen Mitarbeiter als „hart arbeitend und ordentlich. Sie machen keine langen Arbeits- oder Zigarettenpausen und drücken sich nicht um ihre Pflichten.“ Ihr Gehalt geht zu großen Teilen in den nordkoreanischen Staatshaushalt.

 

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Zum Schluss noch ein Link, den mir eine Moskauer Bekannte diese Woche geschickt hat, „…weil es die einzige Fußball-Art ist, in der wir Russen die Besten sind!“ Es geht – natürlich – um Sumpf-Fußball; die aktuelle WM wurde gerade in Hyrynsalmi ausgetragen, was – natürlich – in Finnland liegt. Sieben Kategorien gibt es, in dreien kommt die Siegermannschaft 2017 aus Russland. Sauber! Oder eher: Glückwunsch!



 

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Der Unterschied zwischen einer Großstadt und einer Riesengroßstadt

Metroplan Moskau und Kiew
Die Metronetze von Moskau (links) und Kiew.

Nichts gegen Moskau. Auf Moskau lass ich nichts kommen. Wäre Moskau anders, es wäre nicht Moskau.

Aber.

Moskau, Rushour, die Metro ist so voll, dass wir an jeder Haltestelle Menschenmikado spielen. „Iswinitje, Entschuldigung“, sage ich zu der Frau, mit der es mich diesmal zusammengeworfen hat, während wir sortieren, welcher Arm wem gehört. Sie guckt mich nicht mal an. Stille, und dieser leere Blick, der signalisiert: Wer ist diese gefährlich Derangierte, die hier einfach Blickkontakt aufnimmt, und was ist das für ein seltsamer Laut, den sie von sich gibt?

Nächster Halt, nächstes Bremsmanöver. Ein Mann steht auf meinem Fuß. Ich murmele automatisch eine Entschuldigung. Er schweigt, geht aber nach einigen schmerzhaften Momenten wieder runter vom Fuß, das reicht ja wohl. Kein Wort, nichts.

„Merkst du eigentlich nicht, dass du die einzige bist, die sich entschuldigt?“, sagt ein deutscher Freund irgendwann. „Lass das doch einfach. Du outest dich bloß als Fremde.“

Kiew, Rushour, die Metro ist voll, aber man hat immerhin noch Platz für sich und seine Ellenbogen. Zwei Jungs, vielleicht 12 oder 13, steigen ein und stellen sich neben mich. Kurz darauf guckt mich einer an und murmelt etwas.

Ich: „Iswinitje?“ – Er: „Murmelmurmel.“ – Ich: „Ich verstehe Sie nicht.“ Ein Mann, der daneben steht, springt ein, auf Englisch: „Er hat „Iswinitje“ gesagt, das heißt „Entschuldigung“. Weil er sie doch eben angerempelt hat.“

Das zählt hier also als Anrempeln. Hatte ich nicht mal bemerkt. An der nächsten Haltestelle muss ich raus, schiebe mich an den beiden vorbei und sage, reflexhaft, natürlich: „Iswinitje.“ „Byebye“, antwortet der eine leise.

(Danke an Gareth Barnaby für das Bild mit den Metroplänen)

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Lecker Siebzigerjahre-Design aus der Sowjetunion

Alles fing damit an, dass eine Freundin neue Schuhe wollte. Oder besser gesagt: alte. Sie hatte sie online entdeckt, in einem kleinen Laden in Kiew, der sich auf Vintage-Mode spezialisiert. Ich plante sowieso eine Reise in die Ukraine, sollte also Schuhbotin spielen. Handlungsreisende. Zeitreisende.

Eine Halskette, eine Handtasche, eine Brosche und eine Tolle-Retro-Emaille-Schüssel-die-mal-als Schublade-zu-einem-sowjetischen-Kühlschrank-gehört-hat später, und der kleine Vintage-Laden nicht weit vom Maidan gehört zu meinem Pflichtprogramm bei jeder Kiew-Reise.

Diesmal ist mir beim Stöbern dort ein Stapel Flyer in die Hände gefallen. A5-Format in etwa, Farbdruck, matt. Vorne Bild, hinten Text. „Säfte“ steht untern den Illustrationen, „Kompott“, „Kwas“ oder, auch schon mal, „Heil-diätetische Konditoreiwaren“. Herausgegeben hat sie im Jahr 1975 das Ministerium für Lebensmittelindustrie der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik (vielen Dank allen, die bis zum Ende dieses Begriffs dabei geblieben sind), und das Design ist so Siebziger, so Sowjetunion, so besonders, dass ich den ganzen Stapel mitnehmen musste.

"Pflanzenöle"
„Pflanzenöle“

Sonnenblumenkerne als Zirkelmuster in der Mitte, 23 Blütenblätter, Knallfarben. Was wie ein altes Grünen-Wahlplakat aussieht, bebildert tatsächlich einen ministeriellen Infotext zu Pflanzenölen. Der Text ist weder kurz noch interessant („bekannt sind unter anderem Nussöl, Senföl, Maisöl, Sonnenblumenöl, Rizinusöl, Hanföl, Leinöl, Olivenöl, Baumwollsamenöl, Sojaöl, Kokosöl und andere…“), und man fragt sich schon, warum es der Sowjetunion – oder zumindest ihrer ukrainischen Teilrepublik – so wichtig war, ihre Bürger derart tiefgehend über dieses Thema aufzuklären.

Bei anderen Flyern erschließt sich mir das schon eher. Wer Beerenweine hochjubelt, will dafür sorgen, dass die Bevölkerung richtigen Wein nicht so vermisst. Wer Margarine lobt (und dieses Paket Margarine dann auch noch so zeichnet, als läge es in seinem ganz eigenen Scheinwerferlicht), hofft auf eine geringere Nachfrage nach Butter.

"Obst- und Beerenweine"
„Obst- und Beerenweine“
"Margarine"
„Margarine“

Die Teewerbung, mit dem Blick durchs geschwungene Fenster direkt auf die Plantage, suggeriert: Exotik im eigenen Lande, Genosse! Und der nächste Flyer, mit blauem Suppentopf und Effizienz versprechender Uhr, wirbt für Fertiggerichte: „Maisriegel (in den Geschmacksrichtungen süß, süß mit Zimt, süß mit Vanille, süß mit Zitrone) werden in der Dnjepropetrowsker Fabrik für Fertiggerichte hergestellt und tragen das staatliche Qualitätssiegel.“

"Tee"
„Tee“
"Lebensmittelkonzentrate"
„Lebensmittelkonzentrate“

Eine Vorliebe für Gelb- und Brauntöne haben die Flyer, wenn man sie alle mal nebeneinander legt – gut, das deckt sich mit den Deko-Gewohnheiten der Siebziger. Besonders angetan hat es mir die Werbung für Kompott – im Hintergrund das frische Obst in helleren Farben, im stilisierten Glas dann alles ein bisschen dunkler, wie eingekochtes Obst eben nachdunkelt und an Farbe verliert.

Auch beim Thema Kaffee (Warum wird der überhaupt beworben? War der in der Sowjetunion nicht Mangelware?) dominieren Gelb und Braun, nur Kanne und Tasse leuchten in Sonntagsnachmittagsweiß. Die Texter des Ministeriums informieren uns dazu so zuverlässig dröge, wie das Bild anheimelnd ist: „Kaffee ist ein Durst löschendes Getränk mit tonisierenden Eigenschaften. Er steigert die Leistungsfähigkeit des Organismus. Das Getränk regt das zentrale Nervensystem an, verstärkt die Herztätigkeit und verbessert den Stoffwechsel.“ Dann vielleicht doch besser ein Glas Kwas.

(Die Bilder lassen sich per Klick vergrößern. Und der Vintage-Laden soll auch nicht unverlinkt bleiben: Nika Chick Vintage Corner.)

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Es ist Krieg. Es ist Eurovision.

Kiew Eurovision Juryfinale

Freitag Abend, Jury-Finale. Für die Teilnehmer am Eurovision Song Contest ist diese Show genau so wichtig wie die, die in 24 Stunden im Fernsehen übertragen wird: Heute ersingen sie sich die Punkte der Juroren in den einzelnen Ländern. Ich schiebe mich durch die Sitzreihe zu meinem Platz. „Excuse me,“ sage ich zu einem Mann, der die Beine vor sich ausgestreckt hat. „Oh no, excuse me more,“ antwortet er und macht Platz. Auf der Bühne erzählt jemand noch schnell, bei welchen Liedern wir mit dem Handy leuchten sollen. Vier, drei, zwei, eins, Eurovisions-Melodie. Die Leute jubeln und klatschen mit.

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Im Osten der Ukraine ist Krieg. Im Westen ist Kiew und Eurovision. Es ist nicht leicht, das im Kopf zu vereinen. Als ich zum ersten Mal hier war, stand der Maidan noch voll mit Barrikaden, Zelten, Transparenten. Heute ist der Großteil des Platzes wieder frei. Händler verkaufen blau-gelbe Haarreifen, Kühlschrankmagneten mit Kiewer Stadtansichten und Klopapier mit Putin-Konterfei. Wer mit der Metro fährt, sieht entlang der Rolltreppe drei Sorten von Werbung: Restaurants, Mode, und die Armee. Sie braucht Verstärkung.

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„Naviband“, die Weißrussland beim Song Contest vertreten, spielen mit offenen Karten: Für sie wird die Windmaschine, wichtigstes Utensil des Finales, einfach direkt auf die Bühne gerollt. Wer bekommt eigentlich die ganzen Stimmen, die sonst aus den Nachbar- und Bruderstaaten immer an Russland gehen? Seine Wunschkandidatin durfte Russland nicht nach Kiew schicken, weil sie auf der annektierten Krim aufgetreten war. Ein absehbarer Eklat. Weißrussland ist fertig, die Windmaschine geht ab, ein riesiger Halbmond auf. In ihm singt Nathan Trent aus Österreich ein Lied, in dem zwar „damn“ vorkommt, das Wort „ass“ aber sicherheitshalber ausgelassen wird. Ist ja schließlich Familienunterhaltung hier.

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Wir sind angereist über Warschau, denn zwischen Russland und der Ukraine gibt es seit dem Herbst 2015 keine Flugverbindungen mehr. Für die Ukrainer tun sich unterdessen ganz andere Reiserouten auf: In der Eurovisions-Woche hat die EU die lang angekündigte Visafreiheit beschlossen. EU-Fahnen sieht man derzeit viele in Kiew – nicht nur in den Händen von ESC-Fans, sondern auch an Straßen und offiziellen Gebäuden.

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Es glitzert auf der Bühne, gleich dreimal: Ach wie nett, die Niederlande haben die Reinkarnation von Wilson Phillips zur Eurovision geschickt. Schöne Harmonien, am Ende aber unsauber abartikuliert, sagt das Chorkind in meinem Hinterkopf. Dann, wardrobe malfunction, bei einer der Background-Frauen aus Moldawien funktioniert das Trickkleid nicht, Schockschwerenot! Jetzt muss sie in so einem Ding fertigtanzen, das weder kurz noch lang ist. Es ist alles nicht so einfach.

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Empfang in der deutschen Botschaft, Kiews Bürgermeister ist da, Vitali Klitschko. Er beginnt seine Rede in alter Boxkampf-Tradition: „Laaaaaaaaadies and Geeeeeeentlemeeeeeeeeen….“ Grußworte in alle Richtungen, Zusammenhalt, Weltoffenheit. Erst singt Frau Klitschko, dann Levina, dann die Band O.Torwald, die für die Ukraine antritt. „Zuletzt war ich hier an der Botschaft im Februar 2014, als auf dem Maidan Menschen starben,“ erzählt ein ukrainischer Journalist, als wir später im Hof stehen. „Da war hier ein Treffen, Klitschko und Diplomaten aus mehreren Ländern. Er kam aus dem Gebäude, ich wollte einen O-Ton von ihm. Aber er war aschfahl und sagte nichts.“

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„Still“ wäre zu viel gesagt, aber es ist sicherlich der leiseste Moment des Abends. Salvador Sobral aus Portugal steht allein auf einem kleinen Podium vor der Hauptbühne und singt sein Lied, das hier ein bisschen fremd wirkt – kein Beat, keine Tänzer, keine Lichtshow. Nur Melodie, Klavier und ein paar Streicher, im dunklen Saal leuchten die Handys. Wie die Jurys seinen Auftritt bepunkten, erfahren wir erst am Ende des echten Finales.

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Noch ein Hofgespräch: „Wie viele Einwohner hat Kiew eigentlich?“ – „Offiziell haben wir drei Millionen. Inoffiziell sind es eher vier, auch weil so viele Menschen aus dem Osten hierher geflohen sind.“ Nicken am Stehtisch. Manche gehören selber dazu.

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Flammen! Kunstnebel! Feuerwerk! Flammen! Kunstnebel! Feuerwerk! Flammen! Kunstnebel… 26 Titel im Finale, das zieht sich, bei allem guten Willen. Irgendwo zwischen Großbritannien und Zypern frage ich mich kurz, ob es die Sitznachbarn wohl stören würde, wenn ich eine Runde Skat auf dem Handy… Wobei, gleich kommen die jodelnden Rumänen, Celebrate Diversity und so. Dann noch Levina, zum Schluss Frankreich, der Titel fährt als Ohrwurm mit in der Metro auf dem Heimweg. Kurz vor eins steige ich aus und stehe auf dem Maidan im Regen.

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Samstag, Finaltag. Es regnet immer noch, trotzdem posieren Leute vor dem Eurovisions-Logo auf dem Maidan. Nebenan wird gerade eine Gedenktafel aufgestellt, die wie ein Kalender aussieht. Halbfinale, Jury-Finale, Finale sind nicht eingetragen, dafür rote und blaue Piktogramme für getötete und verletzte ukrainische Soldaten. 9. Mai – zwei Tote , vier Verletzte. 10. Mai – ein Verletzter. 11. Mai – zwei Tote, sechs Verletzte. Dazu ein Gedicht: „Für jeden von Gott gegebenen Tag, ob wir arbeiten oder lernen, ein Rendezvous haben oder ins Kino gehen, in den Bergen sind oder am Meer, haben ukrainische Soldaten mit ihrem Blut und ihrem Leben bezahlt. 2600 haben ihr Leben geopfert, 9700 wurden verwundet. Seit drei Jahren ist das der Preis für jeden Tag, den wir in Frieden leben.“

Kiew Eurovision Krieg Gedenktafel

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Coda

Coda story logo

Neuer Monat, neuer Job: Als ich vor zwei Wochen hier die Bilanz von drei Jahren bei der Moscow Times zog, hatte ich ja schon angekündigt, dass sich etwas Neues anbahnt. Nun ist es endlich auch spruchreif: Ab sofort kümmere ich mich um Social Media bei Coda – einem journalistischen Nonprofit, das sich auf hintergründigen Journalismus konzentriert, oft mit einem Blick auf die Staaten der früheren Sowjetunion.

Ziemlich genau ein Jahr ist es her, dass mir Coda zum ersten Mal aufgefallen ist. Damals war das Projekt noch ganz neu und veröffentlichte gerade die Video-Dokureihe „Transmoskva“ von Pascal Dumont. Als ersten Schwerpunkt hatte sich Coda da gerade das Thema #LGBTQCrisis rausgesucht. Seitdem sind zwei weitere Komplexe hinzugekommen – #DisinformationCrisis und #MigrationCrisis. Drei Themen, die in diesen Tagen gar nicht genug Aufmerksamkeit bekommen können – darum arbeitet Coda unter anderen mit dem Guardian, Eurasianet und Magnum Photos zusammen.

Wer wissen will, aus welchen Mythen sich Schwulenhass in Russland speist, was virale Videos mit dem Krieg in der Ukraine zu tun haben oder wer geflohenen Schwangeren hilft, mit der deutschen Bürokratie zurecht zu kommen, der kann das bei Coda nachlesen. Bei anderen Themen ist auch Angucken eine Option, Coda arbeitet viel mit Video und Animation.

Neue Kollegen also, in New York, in Tiflis und in Berlin. Neue Themen – allein das Einlesen in den letzten Tagen, von Armenien bis Tadschikistan, war schon faszinierend. Neue Aufgaben zum Einarbeiten: Social Media für Videos, was muss ich da noch mal wissen? Was geben wir als Redaktion uns für Regeln für Live-Tweets? Und was mache ich wohl beim Moderieren von Facebook-Kommentaren, wenn die plötzlich auf Georgisch sind?

So viel Neues, aber auch ein paar Konstanten: Weiterhin Social Media, weiterhin auf Englisch, weiterhin mit Blick auf Russland und die Region – über all das bin ich froh. Wer sich für die Arbeit von Coda interessiert, findet mehr bei der taz oder beim NiemanLab – und natürlich bei Facebook, Twitter, Instagram und was immer wir uns sonst noch so an Plattformen aussuchen.

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Die falsche Nadija Sawtschenko mit dem verifizierten Twitter-Account

Es gab eine Zeit, da landete man in Kiew am Flughafen und sah nach der Zollkontrolle als erstes eine Wand mit der Aufschrift #freesavchenko. Nadija Sawtschenko, die in einem paramilitärischen Bataillon kämpfte, war im Sommer 2014 von russsischen Truppen gefangengenommen worden. Es folgten monatelange Haft, eine Anklage wegen Mordes, ein Schuldspruch und immer wieder Hungerstreik.

22 Jahre sollte Sawtschenko in Haft bleiben, stattdessen wurde sie gegen zwei russische Soldaten ausgetauscht, die ihrerseits in der Ukraine festgenommen und zu langen Haftstrafen verurteilt worden waren. Für Russland ist Sawtschenko eine verurteilte Mörderin, für die Ukraine eine Heldin, die nun an ihrer politischen Karriere feilt.

Eine Kriegsgeschichte, ernst bis düster. Insofern war es gelinde gesagt eine Überraschung, als deren Protagonistin sich gestern Abend bei Twitter zu Wort meldete. Eine Kollegin hatte mir handgeschnitzten russischen Christbaumschmuck geschenkt, ich hängte ihn an den Baum und twitterte ein Bild. Kurz darauf die Reaktion von Sawtschenko: Ganz offensichtlich gefiel ihr das weiße Häuschen mit dem blauen Dach – Herzchen-Augen-Emoji!

savchenko

„Seltsam“ war mein erster Gedanke, aber hey, der Account ist verifiziert, gehört laut Twitter also tatsächlich der Nadija Sawtschenko. Zweiter Gedanke also: „Oh Mann, die hat sich jemanden für Social Media geholt, der nicht viel Ahnung hat.“

Die Wahrheit ist, das haben die Kollegen von Meduza herausgefunden, wohl etwas komplizierter. Der Account wurde verifiziert, als er noch einer „Elena Subrakowa“ gehörte. Sie bekam das blaue Häkchen, mit dem Twitter inzwischen sehr viel freigiebiger ist als noch vor einem Jahr. Später wurde der Account dann umbenannt – fertig war die verifizierte Nadija Sawtschenko, ukrainische Volksheldin mit Faible für russische Weihnachtsdeko.

Die letzte fälschlich verifizierte Person, an die ich mich erinnere, war Wendi Deng, damals lag der Fehler klar bei Twitter. Diesmal wurde Twitter überlistet – und ist nun unter Zugzwang. Mal sehen, wie lange die falsche Sawtschenko noch online ist. Einstweilen jedenfalls twittert sie weiter, mit großer liebe für kleine Gesichter: Clown-Emoji, anyone?

(Danke an Julia Smirnova für den Meduza-Hinweis!)

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Warum es in der Ukraine kein IKEA gibt

Der wirkliche Grund sind wahrscheinlich Korruption, mangelnde Rechtssicherheit und vielleicht auch der Blick nach Russland, wo IKEA allerlei Schikanen ausgesetzt ist.

Selbst wenn all das funktionierte, würde sich IKEA aber sicherlich drei- bis viermal überlegen, ob es wirklich in der Ukraine ein Geschäft eröffnet. Denn eines ist klar: Schilder, Logos, Werbung, das alles würde hier verpuffen, ohne dass es auch nur einer wahrnähme. 

Gefühlte 87 Prozent* des Landes sind bereits blau-gelb angemalt, angesprayt oder, wenn es Bäume sind, auch gerne beschleift. Das ist schön bunt, manchmal aber auch verwirrend, wenn man gar nicht so recht identifizieren kann, was da eigentlich gerade angemalt wurde.

*ein ungefährer Wert

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Slawutytsch, gegründet 1986

Slawutytsch Ukraine

Sonntagssonne in Slawutytsch, die Sorte Wetter, bei dem Eltern ihre Kinder zu Spaziergängen nötigen. Viel ist heute dennoch nicht los in der ukrainischen Kleinstadt. Gegenüber vom Kino fährt ein kleiner Junge immer wieder mit dem Rädchen durch einen Schwarm träger Tauben, die dann eher der Höflichkeit halber kurz hochflattern.

Die Reste einer Kirmes werden abgebaut, Fahrgeschäft für Fahrgeschäft. Ein Mann rüttelt an der Tür zum Museum – geschlossen. Dabei gäbe es durchaus etwas zu zeigen; die Geschichte von Slawutytsch ist so kurz wie einzigartig.

Slawutytsch Liquidatoren

Am 26. April explodierte der Reaktor im Block 4 des Kernkraftwerks von Tschernobyl, ohne diese Explosion gäbe es Slawutytsch nicht. Viele Arbeiter, die im Kraftwerk beschäftigt waren, lebten damals in der Stadt Prypjat und wurden von dort mitsamt ihren Familien evakuiert.

Als neue Heimat für sie wurde Slawutytsch aus dem Boden gestampft, keine 50 Kilometer entfernt. Dort, wo der zentrale Platz der Stadt an einen kleinen Park grenzt, erinnert ein Denkmal an die Liquidatoren, die unmittelbar nach der Atomkatastrophe an Strahlenkrankeit starben. Die Todesdaten auf den Gedenktafeln reichen vom Tag des Unglücks bis in den Sommer.

Slawutytsch Einkaufszentrum

Dass diese Stadt nicht gewachsen ist, sondern in kurzer Zeit hochgezogen wurden, merkt man schon bei einem kurzen Spaziergang. Hier Wohnblocks und betonierte Wege, da Häuschen mit Giebel und Garten. Hier das halbleere Einkaufszentrum „Minsk“, dort die Gaststätte „Alt-Tallinn“, wo Kellnerinnen folkloristisch angehauchte Kostüme in Neon-Auslegung tragen. Aus acht verschiedenen Sowjetrepubliken kamen damals Stadtplaner und Bauarbeiter hierher, jeder Trupp zog ein eigenes Viertel in einem eigenen Stil hoch.

Was in keinem Viertel fehlt, ist der Spielplatz, auch das Stadion mit seinen bunten Sitzen ist gut in Schuss. Kinderfreundlich sollte die Stadt sein, für die Älteren ist sie heute dagegen immer weniger interessant. Im Jahr 2000 wurde das Kraftwerk abgeschaltet. Und um die Ruine und die weiteren Reaktorblöcke im Blick zu behalten, sind lange nicht so viele Arbeiter nötig, wie noch in Slawutytsch wohnen.

Slawutytsch Kiosk

Vom Kiosk mit dem freundlichen Namen „Für Sie“ und den heruntergelassenen Rollläden sind es nur ein wenige Schritte zur Turnhalle. Durch die verschlossenen Glastüren sieht man ein riesiges Trampolin, auf dem keiner hüpft.

Immerhin kommt ein Junge angeflitzt, im Grundschulalter, einen Basketball unterm Arm. Woher wir kommen, will er wissen – aus Kiew. „Und wisst ihr, warum da oben lauter Turnschuhe im Baum hängen?“, fragt er und zeigt hoch in die Kiefer, unter der wir stehen. „Nein, leider nicht.“ – „Ich auch nicht,“ sagt er, und verschwindet.

Slawutytsch Baum

Zum Weiterlesen: Daniel Wechlins große NZZ-Reportage aus Slawutytsch. Zum Weitergucken, trotz seltsam abrupten Endes: titel thesen temperamente über das Slawutytsch-Fotoprojekt von Niels Ackermann.

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Putin der Woche (XXXI)

Putin Kadyrow Titanic

Gesehen: Bei @Censor_net, dem Twitter-Account der ukrainischen Website „Цензор.НЕТ“. Wer in Russland versucht, diese Seite aufzurufen, steht vor einer Netzsperre (wir erinnern uns an diese Perle deutscher Gesetzgebung): Roskomnadsor, die russische Medienaufsicht, hat diese Seite blockieren lassen. Das ist, gerade bei ukrainischen Seiten, in letzter Zeit hier keine Seltenheit.

Begleitung: Ramsan Kadyrow, oberster Tschetschene.

Text: „Die Fortsetzung – coming soon“

Subtext: Ich Kate, du Leo. Kann sein, mein Ramsan, dass du mit deinem Frauenbild glaubst, damit hier die Ansagen machen zu können. Wirkt ja auch im Moment so – du darfst den starken Mann geben, Oppositionelle mit dem Tod bedrohen und wir im Kreml halten still, weil wir dich unterm Strich immer noch nützlich finden. Aber eben auch nur so lange. Du kennst das doch aus dem Kino: Der Weg von „Ich bin der König der Welt“ bis „auf diesem Stück Treibholz ist nur für einen von uns Platz“ ist manchmal überraschend kurz. Und bis es so weit ist, ertrag ich immer noch lieber dich als Céline Dion.

Oben-Ohne-Punkte: 0/10

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Doschd macht unabhängiges Fernsehen für Russland

Kein Schild an der Tür, kein Logo an der Hauswand, keine Fahnen auf dem Dach. Klar, die Adresse des unabhängigen Fernsehsenders Doschd steht auf der Homepage, sie ist kein Geheimnis. Aber das  Moskauer „Flakon“-Gelände ist groß, ein Gebäude geht über ins nächste. Zweimal müssen wir telefonieren, ehe Fatima und ich uns schließlich finden und sie mich mit ins Haus nimmt. Keine Laufkundschaft, keine Zufallsbesucher. Zu Doschd muss man wollen.

Drinnen herrscht die typischen Ästhetik, die man aus umgenutzten Industriegebäuden kennt: Hohe Decke, freiliegende Leitungen, darunter reihenweise Tische. Die meisten Menschen, die hier arbeiten, sind jung – und umgeben von einer Deko in Knallpink, wie das Doschd-Logo. Redaktion, Technik, Marketing, selbst Senderchefin Natalja Sindejewa, alle sitzen sie hier zusammen im Großraum.

Doschd Rosen

 

Gut fünf Jahre gibt es den Sender jetzt,  er hat – bei laufendem Sendebetrieb – bereits mehrere Umzüge hinter sich, oft unfreiwillig. Zwischenzeitlich kam das Programm sogar aus einer Privatwohnung. Da ist die aktuelle Adresse auf dem Gelände einer alten Glasfabrik dann doch um einiges praktischer. Demnächst, sagt Fatima, dann sogar mit Hinweisschild.

Die Positionierung des Senders ist klar: RT und Sputnik meldeten vergangene Woche Putins Rekord-Umfragewerte ohne Einordnung oder gar Kritik – bei Doschd kam zu den Zahlen auch Alexei Nawalny zu Wort, der die Werte für manipuliert hält. Wenn Putin seine jährliche Fragestunde abhält, machen Vertreter russischer Staatsmedien gerne mal den Stichwortgeber – Xenija Sobtschak, eines der bekanntesten Doschd-Gesichter, fragte ihn 2014 nach der Lage in Tschetschenien und nach Kampagnen gegen Oppositionelle. Prominente russische Politiker machen Stimmung gegen Schwule und Lesben, Homophobie ist hier inzwischen mehrheitsfähig – im Onlineshop von Doschd gibt es T-Shirts mit der Aufschrift „Alle unterschiedlich. Alle gleichberechtigt.“

Doschd Regiestühle

 

2014 musste der Sender nicht nur den Standort, sondern auch seinen Verbreitungsweg wechseln. Auf seiner Website hatte Doschd im Januar die Nutzer gefragt, ob Leningrad im Zweiten Weltkrieg hätte früher kapitulieren sollen, um die Leben der Einwohner zu retten, die während der mehrjährigen Belagerung durch Bomben, Hunger und Kälte starben.

Unter politischem Druck nahm Trikolor, der Betreiber des Senders, ihn kurz darauf aus seinem Angebot. Über Satellit ist Doschd seitdem in Russland nicht mehr zu empfangen, die meisten Zuschauer schalten nun den Livestream im Web ein, andere gucken via digitales Kabelnetz.

In der Redaktion herrscht an diesem Abend die typische Mischung aus Konzentration und Gewusel. Aus einem der Studios wird gerade gesendet, während der Werbepause läuft jemand am Greenscreen nebenan vorbei Richtung Zigarettenpause. Nur gelegentlich guckt einer von Fatimas Kollegen hoch, wenn wir an seinem Tisch entlanggehen. Besuch ist hier nichts Besonderes, für Journalistengruppen aus dem Ausland ist Doschd ein beliebtes Ziel.

Doschd Redaktion

 

Russlands Rolle in der Ukraine und in Syrien haben im Land ein Klima geschaffen, in dem Medien daran gemessen werden, ob sie „patriotisch“ sind. Der Begriff der Fünften Kolonne für Kritiker aus den eigenen Reihen ist auf einmal wieder populär. Das Staatsfernsehen kann sich über großzügige Budgets freuen, doch wer kritisch berichtet, ist auf die Buchungen seiner Werbekunden angewiesen. Eine weitere Einnahmequelle von Doschd sind die Abogebühren der Zuschauer, die für ein Jahr Webfernsehen derzeit 4800 Rubel zahlen, also knapp 70 Euro.

Noch vorbei an der Wand mit den vielen Auszeichnungen, die Doschd schon eingesammelt hat, dann stehen wir wieder an der Tür ins Freie. Ich bin nach Feierabend hierher gekommen, für Fatima und ihre Kollegen geht der Arbeitstag nach unserem Treffen noch weiter. Gleich beginnt das Finanzmagazin „Geld“, anschließend läuft die Nachrichtensendung „Hier und Jetzt“. Es ist voll im Großraumbüro, immer noch, der Abend wird lang. Wer hier arbeitet, tut das nicht wegen des Gehalts. Zu Doschd muss man wollen.

Dank F. habe ich drei Gutscheine, mit denen man das Programm von Doschd online zehn Tage umsonst gucken kann. Wer als erstes sein Interesse in den Kommentaren bekundet, kann einen haben.

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