Es ist Krieg. Es ist Eurovision.

Kiew Eurovision Juryfinale

Freitag Abend, Jury-Finale. Für die Teilnehmer am Eurovision Song Contest ist diese Show genau so wichtig wie die, die in 24 Stunden im Fernsehen übertragen wird: Heute ersingen sie sich die Punkte der Juroren in den einzelnen Ländern. Ich schiebe mich durch die Sitzreihe zu meinem Platz. „Excuse me,“ sage ich zu einem Mann, der die Beine vor sich ausgestreckt hat. „Oh no, excuse me more,“ antwortet er und macht Platz. Auf der Bühne erzählt jemand noch schnell, bei welchen Liedern wir mit dem Handy leuchten sollen. Vier, drei, zwei, eins, Eurovisions-Melodie. Die Leute jubeln und klatschen mit.

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Im Osten der Ukraine ist Krieg. Im Westen ist Kiew und Eurovision. Es ist nicht leicht, das im Kopf zu vereinen. Als ich zum ersten Mal hier war, stand der Maidan noch voll mit Barrikaden, Zelten, Transparenten. Heute ist der Großteil des Platzes wieder frei. Händler verkaufen blau-gelbe Haarreifen, Kühlschrankmagneten mit Kiewer Stadtansichten und Klopapier mit Putin-Konterfei. Wer mit der Metro fährt, sieht entlang der Rolltreppe drei Sorten von Werbung: Restaurants, Mode, und die Armee. Sie braucht Verstärkung.

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„Naviband“, die Weißrussland beim Song Contest vertreten, spielen mit offenen Karten: Für sie wird die Windmaschine, wichtigstes Utensil des Finales, einfach direkt auf die Bühne gerollt. Wer bekommt eigentlich die ganzen Stimmen, die sonst aus den Nachbar- und Bruderstaaten immer an Russland gehen? Seine Wunschkandidatin durfte Russland nicht nach Kiew schicken, weil sie auf der annektierten Krim aufgetreten war. Ein absehbarer Eklat. Weißrussland ist fertig, die Windmaschine geht ab, ein riesiger Halbmond auf. In ihm singt Nathan Trent aus Österreich ein Lied, in dem zwar „damn“ vorkommt, das Wort „ass“ aber sicherheitshalber ausgelassen wird. Ist ja schließlich Familienunterhaltung hier.

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Wir sind angereist über Warschau, denn zwischen Russland und der Ukraine gibt es seit dem Herbst 2015 keine Flugverbindungen mehr. Für die Ukrainer tun sich unterdessen ganz andere Reiserouten auf: In der Eurovisions-Woche hat die EU die lang angekündigte Visafreiheit beschlossen. EU-Fahnen sieht man derzeit viele in Kiew – nicht nur in den Händen von ESC-Fans, sondern auch an Straßen und offiziellen Gebäuden.

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Es glitzert auf der Bühne, gleich dreimal: Ach wie nett, die Niederlande haben die Reinkarnation von Wilson Phillips zur Eurovision geschickt. Schöne Harmonien, am Ende aber unsauber abartikuliert, sagt das Chorkind in meinem Hinterkopf. Dann, wardrobe malfunction, bei einer der Background-Frauen aus Moldawien funktioniert das Trickkleid nicht, Schockschwerenot! Jetzt muss sie in so einem Ding fertigtanzen, das weder kurz noch lang ist. Es ist alles nicht so einfach.

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Empfang in der deutschen Botschaft, Kiews Bürgermeister ist da, Vitali Klitschko. Er beginnt seine Rede in alter Boxkampf-Tradition: „Laaaaaaaaadies and Geeeeeeentlemeeeeeeeeen….“ Grußworte in alle Richtungen, Zusammenhalt, Weltoffenheit. Erst singt Frau Klitschko, dann Levina, dann die Band O.Torwald, die für die Ukraine antritt. „Zuletzt war ich hier an der Botschaft im Februar 2014, als auf dem Maidan Menschen starben,“ erzählt ein ukrainischer Journalist, als wir später im Hof stehen. „Da war hier ein Treffen, Klitschko und Diplomaten aus mehreren Ländern. Er kam aus dem Gebäude, ich wollte einen O-Ton von ihm. Aber er war aschfahl und sagte nichts.“

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„Still“ wäre zu viel gesagt, aber es ist sicherlich der leiseste Moment des Abends. Salvador Sobral aus Portugal steht allein auf einem kleinen Podium vor der Hauptbühne und singt sein Lied, das hier ein bisschen fremd wirkt – kein Beat, keine Tänzer, keine Lichtshow. Nur Melodie, Klavier und ein paar Streicher, im dunklen Saal leuchten die Handys. Wie die Jurys seinen Auftritt bepunkten, erfahren wir erst am Ende des echten Finales.

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Noch ein Hofgespräch: „Wie viele Einwohner hat Kiew eigentlich?“ – „Offiziell haben wir drei Millionen. Inoffiziell sind es eher vier, auch weil so viele Menschen aus dem Osten hierher geflohen sind.“ Nicken am Stehtisch. Manche gehören selber dazu.

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Flammen! Kunstnebel! Feuerwerk! Flammen! Kunstnebel! Feuerwerk! Flammen! Kunstnebel… 26 Titel im Finale, das zieht sich, bei allem guten Willen. Irgendwo zwischen Großbritannien und Zypern frage ich mich kurz, ob es die Sitznachbarn wohl stören würde, wenn ich eine Runde Skat auf dem Handy… Wobei, gleich kommen die jodelnden Rumänen, Celebrate Diversity und so. Dann noch Levina, zum Schluss Frankreich, der Titel fährt als Ohrwurm mit in der Metro auf dem Heimweg. Kurz vor eins steige ich aus und stehe auf dem Maidan im Regen.

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Samstag, Finaltag. Es regnet immer noch, trotzdem posieren Leute vor dem Eurovisions-Logo auf dem Maidan. Nebenan wird gerade eine Gedenktafel aufgestellt, die wie ein Kalender aussieht. Halbfinale, Jury-Finale, Finale sind nicht eingetragen, dafür rote und blaue Piktogramme für getötete und verletzte ukrainische Soldaten. 9. Mai – zwei Tote , vier Verletzte. 10. Mai – ein Verletzter. 11. Mai – zwei Tote, sechs Verletzte. Dazu ein Gedicht: „Für jeden von Gott gegebenen Tag, ob wir arbeiten oder lernen, ein Rendezvous haben oder ins Kino gehen, in den Bergen sind oder am Meer, haben ukrainische Soldaten mit ihrem Blut und ihrem Leben bezahlt. 2600 haben ihr Leben geopfert, 9700 wurden verwundet. Seit drei Jahren ist das der Preis für jeden Tag, den wir in Frieden leben.“

Kiew Eurovision Krieg Gedenktafel

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Coda

Coda story logo

Neuer Monat, neuer Job: Als ich vor zwei Wochen hier die Bilanz von drei Jahren bei der Moscow Times zog, hatte ich ja schon angekündigt, dass sich etwas Neues anbahnt. Nun ist es endlich auch spruchreif: Ab sofort kümmere ich mich um Social Media bei Coda – einem journalistischen Nonprofit, das sich auf hintergründigen Journalismus konzentriert, oft mit einem Blick auf die Staaten der früheren Sowjetunion.

Ziemlich genau ein Jahr ist es her, dass mir Coda zum ersten Mal aufgefallen ist. Damals war das Projekt noch ganz neu und veröffentlichte gerade die Video-Dokureihe „Transmoskva“ von Pascal Dumont. Als ersten Schwerpunkt hatte sich Coda da gerade das Thema #LGBTQCrisis rausgesucht. Seitdem sind zwei weitere Komplexe hinzugekommen – #DisinformationCrisis und #MigrationCrisis. Drei Themen, die in diesen Tagen gar nicht genug Aufmerksamkeit bekommen können – darum arbeitet Coda unter anderen mit dem Guardian, Eurasianet und Magnum Photos zusammen.

Wer wissen will, aus welchen Mythen sich Schwulenhass in Russland speist, was virale Videos mit dem Krieg in der Ukraine zu tun haben oder wer geflohenen Schwangeren hilft, mit der deutschen Bürokratie zurecht zu kommen, der kann das bei Coda nachlesen. Bei anderen Themen ist auch Angucken eine Option, Coda arbeitet viel mit Video und Animation.

Neue Kollegen also, in New York, in Tiflis und in Berlin. Neue Themen – allein das Einlesen in den letzten Tagen, von Armenien bis Tadschikistan, war schon faszinierend. Neue Aufgaben zum Einarbeiten: Social Media für Videos, was muss ich da noch mal wissen? Was geben wir als Redaktion uns für Regeln für Live-Tweets? Und was mache ich wohl beim Moderieren von Facebook-Kommentaren, wenn die plötzlich auf Georgisch sind?

So viel Neues, aber auch ein paar Konstanten: Weiterhin Social Media, weiterhin auf Englisch, weiterhin mit Blick auf Russland und die Region – über all das bin ich froh. Wer sich für die Arbeit von Coda interessiert, findet mehr bei der taz oder beim NiemanLab – und natürlich bei Facebook, Twitter, Instagram und was immer wir uns sonst noch so an Plattformen aussuchen.

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Die falsche Nadija Sawtschenko mit dem verifizierten Twitter-Account

Es gab eine Zeit, da landete man in Kiew am Flughafen und sah nach der Zollkontrolle als erstes eine Wand mit der Aufschrift #freesavchenko. Nadija Sawtschenko, die in einem paramilitärischen Bataillon kämpfte, war im Sommer 2014 von russsischen Truppen gefangengenommen worden. Es folgten monatelange Haft, eine Anklage wegen Mordes, ein Schuldspruch und immer wieder Hungerstreik.

22 Jahre sollte Sawtschenko in Haft bleiben, stattdessen wurde sie gegen zwei russische Soldaten ausgetauscht, die ihrerseits in der Ukraine festgenommen und zu langen Haftstrafen verurteilt worden waren. Für Russland ist Sawtschenko eine verurteilte Mörderin, für die Ukraine eine Heldin, die nun an ihrer politischen Karriere feilt.

Eine Kriegsgeschichte, ernst bis düster. Insofern war es gelinde gesagt eine Überraschung, als deren Protagonistin sich gestern Abend bei Twitter zu Wort meldete. Eine Kollegin hatte mir handgeschnitzten russischen Christbaumschmuck geschenkt, ich hängte ihn an den Baum und twitterte ein Bild. Kurz darauf die Reaktion von Sawtschenko: Ganz offensichtlich gefiel ihr das weiße Häuschen mit dem blauen Dach – Herzchen-Augen-Emoji!

savchenko

„Seltsam“ war mein erster Gedanke, aber hey, der Account ist verifiziert, gehört laut Twitter also tatsächlich der Nadija Sawtschenko. Zweiter Gedanke also: „Oh Mann, die hat sich jemanden für Social Media geholt, der nicht viel Ahnung hat.“

Die Wahrheit ist, das haben die Kollegen von Meduza herausgefunden, wohl etwas komplizierter. Der Account wurde verifiziert, als er noch einer „Elena Subrakowa“ gehörte. Sie bekam das blaue Häkchen, mit dem Twitter inzwischen sehr viel freigiebiger ist als noch vor einem Jahr. Später wurde der Account dann umbenannt – fertig war die verifizierte Nadija Sawtschenko, ukrainische Volksheldin mit Faible für russische Weihnachtsdeko.

Die letzte fälschlich verifizierte Person, an die ich mich erinnere, war Wendi Deng, damals lag der Fehler klar bei Twitter. Diesmal wurde Twitter überlistet – und ist nun unter Zugzwang. Mal sehen, wie lange die falsche Sawtschenko noch online ist. Einstweilen jedenfalls twittert sie weiter, mit großer liebe für kleine Gesichter: Clown-Emoji, anyone?

(Danke an Julia Smirnova für den Meduza-Hinweis!)

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Warum es in der Ukraine kein IKEA gibt

Der wirkliche Grund sind wahrscheinlich Korruption, mangelnde Rechtssicherheit und vielleicht auch der Blick nach Russland, wo IKEA allerlei Schikanen ausgesetzt ist.

Selbst wenn all das funktionierte, würde sich IKEA aber sicherlich drei- bis viermal überlegen, ob es wirklich in der Ukraine ein Geschäft eröffnet. Denn eines ist klar: Schilder, Logos, Werbung, das alles würde hier verpuffen, ohne dass es auch nur einer wahrnähme. 

Gefühlte 87 Prozent* des Landes sind bereits blau-gelb angemalt, angesprayt oder, wenn es Bäume sind, auch gerne beschleift. Das ist schön bunt, manchmal aber auch verwirrend, wenn man gar nicht so recht identifizieren kann, was da eigentlich gerade angemalt wurde.

*ein ungefährer Wert

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Slawutytsch, gegründet 1986

Slawutytsch Ukraine

Sonntagssonne in Slawutytsch, die Sorte Wetter, bei dem Eltern ihre Kinder zu Spaziergängen nötigen. Viel ist heute dennoch nicht los in der ukrainischen Kleinstadt. Gegenüber vom Kino fährt ein kleiner Junge immer wieder mit dem Rädchen durch einen Schwarm träger Tauben, die dann eher der Höflichkeit halber kurz hochflattern.

Die Reste einer Kirmes werden abgebaut, Fahrgeschäft für Fahrgeschäft. Ein Mann rüttelt an der Tür zum Museum – geschlossen. Dabei gäbe es durchaus etwas zu zeigen; die Geschichte von Slawutytsch ist so kurz wie einzigartig.

Slawutytsch Liquidatoren

Am 26. April explodierte der Reaktor im Block 4 des Kernkraftwerks von Tschernobyl, ohne diese Explosion gäbe es Slawutytsch nicht. Viele Arbeiter, die im Kraftwerk beschäftigt waren, lebten damals in der Stadt Prypjat und wurden von dort mitsamt ihren Familien evakuiert.

Als neue Heimat für sie wurde Slawutytsch aus dem Boden gestampft, keine 50 Kilometer entfernt. Dort, wo der zentrale Platz der Stadt an einen kleinen Park grenzt, erinnert ein Denkmal an die Liquidatoren, die unmittelbar nach der Atomkatastrophe an Strahlenkrankeit starben. Die Todesdaten auf den Gedenktafeln reichen vom Tag des Unglücks bis in den Sommer.

Slawutytsch Einkaufszentrum

Dass diese Stadt nicht gewachsen ist, sondern in kurzer Zeit hochgezogen wurden, merkt man schon bei einem kurzen Spaziergang. Hier Wohnblocks und betonierte Wege, da Häuschen mit Giebel und Garten. Hier das halbleere Einkaufszentrum „Minsk“, dort die Gaststätte „Alt-Tallinn“, wo Kellnerinnen folkloristisch angehauchte Kostüme in Neon-Auslegung tragen. Aus acht verschiedenen Sowjetrepubliken kamen damals Stadtplaner und Bauarbeiter hierher, jeder Trupp zog ein eigenes Viertel in einem eigenen Stil hoch.

Was in keinem Viertel fehlt, ist der Spielplatz, auch das Stadion mit seinen bunten Sitzen ist gut in Schuss. Kinderfreundlich sollte die Stadt sein, für die Älteren ist sie heute dagegen immer weniger interessant. Im Jahr 2000 wurde das Kraftwerk abgeschaltet. Und um die Ruine und die weiteren Reaktorblöcke im Blick zu behalten, sind lange nicht so viele Arbeiter nötig, wie noch in Slawutytsch wohnen.

Slawutytsch Kiosk

Vom Kiosk mit dem freundlichen Namen „Für Sie“ und den heruntergelassenen Rollläden sind es nur ein wenige Schritte zur Turnhalle. Durch die verschlossenen Glastüren sieht man ein riesiges Trampolin, auf dem keiner hüpft.

Immerhin kommt ein Junge angeflitzt, im Grundschulalter, einen Basketball unterm Arm. Woher wir kommen, will er wissen – aus Kiew. „Und wisst ihr, warum da oben lauter Turnschuhe im Baum hängen?“, fragt er und zeigt hoch in die Kiefer, unter der wir stehen. „Nein, leider nicht.“ – „Ich auch nicht,“ sagt er, und verschwindet.

Slawutytsch Baum

Zum Weiterlesen: Daniel Wechlins große NZZ-Reportage aus Slawutytsch. Zum Weitergucken, trotz seltsam abrupten Endes: titel thesen temperamente über das Slawutytsch-Fotoprojekt von Niels Ackermann.

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Putin der Woche (XXXI)

Putin Kadyrow Titanic

Gesehen: Bei @Censor_net, dem Twitter-Account der ukrainischen Website „Цензор.НЕТ“. Wer in Russland versucht, diese Seite aufzurufen, steht vor einer Netzsperre (wir erinnern uns an diese Perle deutscher Gesetzgebung): Roskomnadsor, die russische Medienaufsicht, hat diese Seite blockieren lassen. Das ist, gerade bei ukrainischen Seiten, in letzter Zeit hier keine Seltenheit.

Begleitung: Ramsan Kadyrow, oberster Tschetschene.

Text: „Die Fortsetzung – coming soon“

Subtext: Ich Kate, du Leo. Kann sein, mein Ramsan, dass du mit deinem Frauenbild glaubst, damit hier die Ansagen machen zu können. Wirkt ja auch im Moment so – du darfst den starken Mann geben, Oppositionelle mit dem Tod bedrohen und wir im Kreml halten still, weil wir dich unterm Strich immer noch nützlich finden. Aber eben auch nur so lange. Du kennst das doch aus dem Kino: Der Weg von „Ich bin der König der Welt“ bis „auf diesem Stück Treibholz ist nur für einen von uns Platz“ ist manchmal überraschend kurz. Und bis es so weit ist, ertrag ich immer noch lieber dich als Céline Dion.

Oben-Ohne-Punkte: 0/10

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Doschd macht unabhängiges Fernsehen für Russland

Kein Schild an der Tür, kein Logo an der Hauswand, keine Fahnen auf dem Dach. Klar, die Adresse des unabhängigen Fernsehsenders Doschd steht auf der Homepage, sie ist kein Geheimnis. Aber das  Moskauer „Flakon“-Gelände ist groß, ein Gebäude geht über ins nächste. Zweimal müssen wir telefonieren, ehe Fatima und ich uns schließlich finden und sie mich mit ins Haus nimmt. Keine Laufkundschaft, keine Zufallsbesucher. Zu Doschd muss man wollen.

Drinnen herrscht die typischen Ästhetik, die man aus umgenutzten Industriegebäuden kennt: Hohe Decke, freiliegende Leitungen, darunter reihenweise Tische. Die meisten Menschen, die hier arbeiten, sind jung – und umgeben von einer Deko in Knallpink, wie das Doschd-Logo. Redaktion, Technik, Marketing, selbst Senderchefin Natalja Sindejewa, alle sitzen sie hier zusammen im Großraum.

Doschd Rosen

 

Gut fünf Jahre gibt es den Sender jetzt,  er hat – bei laufendem Sendebetrieb – bereits mehrere Umzüge hinter sich, oft unfreiwillig. Zwischenzeitlich kam das Programm sogar aus einer Privatwohnung. Da ist die aktuelle Adresse auf dem Gelände einer alten Glasfabrik dann doch um einiges praktischer. Demnächst, sagt Fatima, dann sogar mit Hinweisschild.

Die Positionierung des Senders ist klar: RT und Sputnik meldeten vergangene Woche Putins Rekord-Umfragewerte ohne Einordnung oder gar Kritik – bei Doschd kam zu den Zahlen auch Alexei Nawalny zu Wort, der die Werte für manipuliert hält. Wenn Putin seine jährliche Fragestunde abhält, machen Vertreter russischer Staatsmedien gerne mal den Stichwortgeber – Xenija Sobtschak, eines der bekanntesten Doschd-Gesichter, fragte ihn 2014 nach der Lage in Tschetschenien und nach Kampagnen gegen Oppositionelle. Prominente russische Politiker machen Stimmung gegen Schwule und Lesben, Homophobie ist hier inzwischen mehrheitsfähig – im Onlineshop von Doschd gibt es T-Shirts mit der Aufschrift „Alle unterschiedlich. Alle gleichberechtigt.“

Doschd Regiestühle

 

2014 musste der Sender nicht nur den Standort, sondern auch seinen Verbreitungsweg wechseln. Auf seiner Website hatte Doschd im Januar die Nutzer gefragt, ob Leningrad im Zweiten Weltkrieg hätte früher kapitulieren sollen, um die Leben der Einwohner zu retten, die während der mehrjährigen Belagerung durch Bomben, Hunger und Kälte starben.

Unter politischem Druck nahm Trikolor, der Betreiber des Senders, ihn kurz darauf aus seinem Angebot. Über Satellit ist Doschd seitdem in Russland nicht mehr zu empfangen, die meisten Zuschauer schalten nun den Livestream im Web ein, andere gucken via digitales Kabelnetz.

In der Redaktion herrscht an diesem Abend die typische Mischung aus Konzentration und Gewusel. Aus einem der Studios wird gerade gesendet, während der Werbepause läuft jemand am Greenscreen nebenan vorbei Richtung Zigarettenpause. Nur gelegentlich guckt einer von Fatimas Kollegen hoch, wenn wir an seinem Tisch entlanggehen. Besuch ist hier nichts Besonderes, für Journalistengruppen aus dem Ausland ist Doschd ein beliebtes Ziel.

Doschd Redaktion

 

Russlands Rolle in der Ukraine und in Syrien haben im Land ein Klima geschaffen, in dem Medien daran gemessen werden, ob sie „patriotisch“ sind. Der Begriff der Fünften Kolonne für Kritiker aus den eigenen Reihen ist auf einmal wieder populär. Das Staatsfernsehen kann sich über großzügige Budgets freuen, doch wer kritisch berichtet, ist auf die Buchungen seiner Werbekunden angewiesen. Eine weitere Einnahmequelle von Doschd sind die Abogebühren der Zuschauer, die für ein Jahr Webfernsehen derzeit 4800 Rubel zahlen, also knapp 70 Euro.

Noch vorbei an der Wand mit den vielen Auszeichnungen, die Doschd schon eingesammelt hat, dann stehen wir wieder an der Tür ins Freie. Ich bin nach Feierabend hierher gekommen, für Fatima und ihre Kollegen geht der Arbeitstag nach unserem Treffen noch weiter. Gleich beginnt das Finanzmagazin „Geld“, anschließend läuft die Nachrichtensendung „Hier und Jetzt“. Es ist voll im Großraumbüro, immer noch, der Abend wird lang. Wer hier arbeitet, tut das nicht wegen des Gehalts. Zu Doschd muss man wollen.

Dank F. habe ich drei Gutscheine, mit denen man das Programm von Doschd online zehn Tage umsonst gucken kann. Wer als erstes sein Interesse in den Kommentaren bekundet, kann einen haben.

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Putin der Woche (XXI)

putin der woche krim chruschtschow

Gesehen: Auf dem Flohmarkt in Ismailowo.

Begleitung: Nikita Sergejewitsch Chruschtschow

Text: „Er gab die Krim ab. Er holte die Krim zurück.“

Subtext: Letzte Woche Stalin, diese Woche Chruschtschow, der olle Krim-der-Ukraine-Zuschlager. Bin gespant, ob hier nächste Woche was mit mir und Breschnew steht. Und bis dahin philosophier ich jetzt noch ein bisschen über den Maiskolben auf seiner und die Säule auf meiner Seite dieses Bildes.

Oben-Ohne-Punkte: -1/10 fürs Käppi.

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Was man von Moskauer Bloggern alles lernen kann

red square diorama

Eigentlich sollte das hier eine schön ausformulierte Blogparade werden, detailliert und einordnend. Das Ergebnis war sehr lang, sehr öde und für Leser mutmaßlich auch nur halb nützlich. Mehr Gerümpeltotale als Schaufenster.

Darum hier stattdessen eine kleine Link-Kollektion, als Anregung zum Weiterstöbern. Ein Klick pro Blog (mit einer Ausnahme, weil die Saga vom Oligarchen einfach zu gut ist), von langem Atmosphärenstück bis zum Kochrezept. Was man so erfahren kann, wenn man Moskauer Blogs liest.

Wie man sich einen Oligarchen angelt (streng dienstlich). ♦ Was der Ukraine-Konflikt mit zwei Schwestern macht. ♦  Woran man merkt, dass man sich an den Alltag hier angepasst hat. ♦  Was sich heute schon über die Zeit nach Putin sagen lässt. ♦ Wie sich der Oligarch und seine Freundin in Sibirien die Zeit vertreiben. ♦  Wie man beim Lebensmittel-Einkauf nie wieder ins Stottern kommt. ♦ Was sich gerade in der Stadt an Kultur tut. ♦ Wie Staatsmedien Ressentiments schüren – und damit nicht alleine sind. ♦ In welch grazilen Posen Sowjet-Mode mal präsentiert wurde. ♦ Was der Oligarch macht, wenn er Hunger auf Lammfleisch hat. ♦ Wie hier die Kulturszene auf Linie gebracht wird. ♦ Was passiert, wenn man am Flughafen mit weißem Pulver in der Manteltasche erwischt wird.Was sich bei einer alltäglichen Metrofahrt alles Bemerkenswertes entdecken lässt. ♦ Wie einige Russen zu ihrem Personal stehen. ♦ Wie schmerzhaft es ist, wenn man versucht, schwarz Metro zu fahren. ♦ Was für Abschiedsfotos entstehen, wenn man dem Oligarchen Adieu sagt. ♦ Wie man mit kleinem Kind in Moskau Wurzeln schlägt. ♦ Was das Beste am russischen Frühstück ist. ♦ Wie die Monate früher in Russland hießen.  ♦ Warum man auch Oligarchen immer zweimal begegnet.

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Putin der Woche (X)

putin der woche ufo

Gesehen: In einem Animationsfilm, der angeblich von Kindern in der Ukraine gemacht wurde.

Begleitung: Ein Ufo mit Traktorstrahl. Aliens hinter den Fenstern des Ufos. Blinkende Lichter.

Text: „Nachdem Putin von dem Ufo entführt wurde, herrschten auf der Erde Ruhe und Frieden.“

Subtext: Putin ist krank. Putin ist tot. Putin ist in der Schweiz, sein neues Kind angucken. Putin ist da, nur halt bei Google+, wo es keiner sieht. Ganz ehrlich: Von allen Theorien zu seiner Abwesenheit schien uns das mit dem UFO noch die plausibelste Variante zu sein. Außerdem wollten wir mal diesen Star-Wars-Schrifteffekt ausprobieren.

Oben-Ohne-Punkte: 0/10.

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