Russball, Folge 62: Boris Rotenberg darf in der Champions League spielen

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Da ist sie also wieder, die Zeit, in der man keine Bundesliga-Konferenz im Radio höen kann, ohne dass einem zwischendurch jemand vom Weihnachtsmarkt erzählt. Auch hier in Moskau laufen die Vorbereitungen auf die Feiertage, im Supermarkt auf der anderen Straßenseite gibt es sogar deutschen Stollen zu kaufen. Dabei ist hier ja nicht Weihnachten, sondern Neujahr das Fest, bei dem die Familie um einen Baum sitzt und gemeinsam feiert – es wäre also durchaus noch Zeit.

Nicht nur Festbeleuchtung glitzert auf den Straßen, auch Schnee und stellenweise Eis. Weshalb es in dieser Russball-Ausgabe auch um die Frage geht: Wie kalt muss es eigentlich werden, damit selbst russische Profisportler einen Anspruch darauf haben, nicht im Freien gegeneinander antreten zu müssen?

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⚽ „Die Passion des Andrei“ – wer so eine Überschrift raushaut, der signalisiert: Es geht um Monumentales. Um das Ende einer Spielerkarriere, die so bisher kein zweiter Russe wiederholen konnte. Andrei Arschawin, der zuletzt in Kasachstan der Rente entgegendribbelte, aber zu seinen Glanzzeiten für Zenit und für Arsenal gespielt hat. Der zu Beginn seiner Zeit in London beeindruckte, aber daraus kein Sprungbrett für eine internationale Karriere machen konnte. Der zwar Nationalspieler war, aber nie bei einer WM mitspielte.

Glorreicher Held oder gescheitertes Talent, „gifted maverick who completed a fairytale rise to the top, or wasted talent who let it all slide when on the edge of greatness“ – für den Guardian sind beides mögliche Deutungen von Arschawins Lebensweg. In Russland klingen die Reaktionen eher wohlwollend: „Der Zar geht und nimmt die Krone mit“, schreibt die Iswestija, und die russische Nationalmannschaft lässt twittern: „Auf Wiedersehen, Legende!“

⚽ Und weil er ja nun Zeit hat, gibt Arschawin dann auch gleich eine ganze Reihe von Interviews. Dass er gegen die Einbürgerung ausländischer Spieler ist, gibt er dort dann zum Beispiel zu Protokoll (eine populäre Praxis, um die russische Nationalmannschaft zu verstärken). Oder er erzählt, wer für ihn derzeit die besten russischen Fußballer sind: „Ich denke, der stärkste ist dem Potenzial nach sicherlich Golowin, der zweitstärkste sitzt leider im Gefängnis. Der Rest spielt auf einem niedrigeren Niveau.“

Das war deutlich. Der Mann im Gefängnis, genau genommen in U-Haft, ist Alexander Kokorin. Er und Pawel Mamajew, beide russische Nationalspieler, werden demnächst für das vor Gericht stehen, was in Russland „Hooliganismus“ heißt: In einem Café sollen sie mehrere Menschen angegriffen und verletzt haben, Mamajew soll sogar mit einem Stuhl auf eines der Opfer eingeschlagen haben. Mamajews Frau hat unterdessen ein Foto von ihrem Instagram-Account gelöscht, auf dem der Name ihres Mannes und ein Stuhl zu sehen waren. Auf einem anderen Bild kann man ihn, wenn man genau hinsieht, noch erkennen.

⚽ Im März hatte ich schon mal auf Tschertanowo Moskau hingewiesen. Der Verein hat die bemerkenswerte Philosophie, für seine Profimannschaft nicht auf teure Spieler-Einkäufe zu setzen, sondern stattdessen auf seine eigenen Nachwuchsspieler. „Russian Football News“, durch die ich auf die Mannschaft aufmerksam geworden war, sind am Thema drangeblieben und berichten nun, wie es seitdem weiterging: Tschertanowo ist in die Erste Division aufgestiegen – Russlands zweithöchste Profiliga – und steht dort aktuell komfortabel auf Tabellenplatz 6.

Bemerkenswert auch: Obwohl in dieser Liga die Nachwuchsteams mehrerer großer Clubs spielen, ist Tschertanowo die Mannschaft mit dem niedrigsten Altersdurchschnitt. Mehr dazu, unter anderem ein Blick darauf, wie stark sie in den U20-, U18- und noch jüngeren Nationalmannschaften vertreten ist, hier: Chertanovo Moscow – Finally getting the recognition they deserve?

⚽ Im russischen Fußball ist etwas geschehen, was es so zuvor noch nie gab. Es geht um Boris Rotenberg, einen Rekordspieler der besonderen Sorte: Im Sommer hatte ich schon mal über ihn geschrieben, weil er nicht zur russischen WM-Auswahl gehörte, trotz eines Alleinstellungsmerkmals, an das sonst keiner rankommt: Niemand hatte bei so vielen Liga-Spielen bloß auf der Bank gesessen wie Rotenberg.

Darum war das, was da am 28. November beim Spiel zwischen Lokomotive und Galatasaray passiert ist, auch so besonders: In der 90. Minute durfte Rotenberg auf den Platz, eingewechselt für Jefferson Farfán. „Der große Boris Rotenberg debütiert in der Champions League“, twittert Eurosport und frotzelt damit nur ein ganz klein wenig.

⚽ Gleiches Spiel, anderer Spieler: Grzegorz Krychowiak, polnischer Nationalspieler, hat in seiner Vereinskarriere unter anderem beim FC Sevilla gespielt. Derzeit ist er bei Paris Saint-Germain unter Vertrag, von wo er erst nach West Bromwich Albion und aktuell an Lokomotive Moskau ausgeliehen wurde.

Dass er sich auf diesem Karriereweg nicht nur Fußballkönnen angeeignet hat, hat er in einem Interview für den Youtube-Kanal von Loko gezeigt. „How was your emotions?“, fragt der Interviewer nach dem Sieg gegen Galatasaray, und Krychowiak legt los:

⚽ Mutko-Watch, nächste Runde: Der Mann hatte bekanntlich eine ganze Reihe von Ämtern, nicht ganz unprominent darunter z.B. der Job als Sportminister und als Präsident des russischen Fußballverbandes. Letztere Aufgabe ließ er, als der öffentlich Druck wegen der Doping-Vorwürfe zu groß wurde, kurz vor der Fußball-Weltmeisterschaft ruhen. (Wie weit man da wirklich von „ruhen“ sprechen kann und es nicht eher sowas war wie „unter der Bettdecke mit der Taschenlampe weiterlesen, was auch alle wissen, aber keinen stört, weil man da eh von ausgegangen war“ – unklar.)

Klar ist dafür, dass Mutko neuerdings wieder hochrangige Termine für den russischen Fußballverband wahrnimmt und auch beim Training der Nationalmannschaft gerne mal an der Seitenlinie entlangpatroulliert. Heißt dass, das sein Amt nicht mehr ruht? Die Nachrichtenagentur AP hat nachgefragt, Ergebnis: Russlands Fußballverband gibt derzeit keine Auskunft darüber, wer aktuell dort den Präsidentenjob macht.

⚽ Ich hab nachgezählt: Das hier ist nun schon der dritte „Russballl“ in Folge, in der Denis Gluschakow Thema ist. Erst wegen der Sache mit dem Instagram-Like für Kritik am Damals-noch-Trainer von Spartak, Massimo Carrera, dann wegen der Abwesenheit bei dessen Abschiedsessen. Und jetzt? Carrera ist doch inzwischen weg, was kann da noch kommen?

Ein wütender Fan. Einer von vielen, die sauer sind auf Gluschakow und ihm die Schuld dafür geben, dass Carrera Spartak nicht mehr trainiert. Er rannte beim Spiel gegen Rapid Wien aufs Feld, direkt zu Gluschakow, schubste ihn und schrie auf ihn ein. Die Situation dauerte nicht lang, schnell drängten andere Spartak-Spieler den Mann ab. Was bleibt, ist das Wissen, dass das nur der Gipfel war unter vielen Protesten gegen Gluschakow. Und dieser überaus hilfreiche Artikel (okay, wohl eher native advertising) bei Sports.ru, der erklärt, wie viel Geld man verdienen kann, wenn man darauf wettet, dass er den Verein verlässt oder nicht. Noch sind die Quoten ein wenig besser, wenn man wettet, dass er geht.

⚽ Russischer Fußballhumor im Winter: Vor dem Spiel gegen Amkar Grosny hatte der FK Jenissei noch das hier getwittert, Text: „Wir bereiten uns aufs Spiel vor.“ Anders gesagt: Her mit dem Thermometer, denn in Russland liegt bei -15 Grad die magische Grenze, ab der Vereine verlangen können, dass das Spiel verlegt wird. Schon vor dem Spieltag waren beide Clubs wenig begeistert gewesen von dem, was der Wetterbericht da vorhersagte, Jenissei versuchte sogar durchzusetzen, das Spiel in eine Halle zu verlegen – vergeblich.

Vor dem Anpfiff wurden dann -13,9 Grad auf dem Platz gemessen, das Spiel fand statt. Abgesagt wurde hingegen die Begegnung zwischen dem FK Orenburg und Krylja Sowetow Samara: -17 Grad, und damit die eben zwei Grad unter der entscheidenden Marke. Alles, was wärmer als -15 ist, ist eben kein Grund. Sondern nur normales russisches Winterwetter.

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Zum Schluss noch etwas, das nichts mit Russland zu tun hat, aber viel mit Fußball und mit Profi-Spielern, die zwischen Vereinen in verschiedenen Ländern wechseln. Was wird der Brexit für Folgen haben für Fußballvereine in Großbritannien? Ich wusste vorher nicht, wie das mit der offiziellen Arbeitserlaubnis funktioniert – das wird in Zukunft definitiv nicht einfacher. Und dann ist da noch der englische Fußballverband, der hofft, dass durch den Brexit einheimische Spieler weniger Konkurrenz haben, dadurch mehr Einsätze im Vereinsfußball, dadurch mehr Erfahrung für die Nationalmannschaft…

Die nächste Russball-Folge gibt es… tja. Liest die irgendjemand, wenn sie am Neujahrsmorgen kommt? Wäre es besser schon kurz nach der deutschen Weihnacht? Oder eher kurz vor der russischen? Ich freu mich über Rückmeldungen.



 

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Russball, Folge 61: Lokomotive Moskau fährt Metro

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Eventuell war zu Beginn der letzten Russball-Ausgabe hier beiläufig und extrem kurz vom anstehenden Schalker Auswärtsspiel in Moskau die Rede – gegen Lokomotive, in der Champions League. Wir waren zusammen mit den „Russischen Knappen“ da, einem vor allem, aber nicht nur russischen Schalke-Fanclub: Zwei Leute waren für das Spiel extra mit dem Nachtzug aus Weißrussland angereist, ein anderer mit dem Flugzeug aus der Ukraine, samt Umweg über die Türkei – Direktflüge zwischen Russland und der Ukraine gibt es ja seit ein paar Jahren nicht mehr. Wie gut, dass McKennie kurz vor Schluss noch dafür gesorgt hat, dass die alle nicht wieder heimfahren mussten, ohne ein Schalker Tor gesehen zu haben.

Unser Weg ins Stadion war im Vergleich dazu kurz und einfach – abgesehen davon, dass die Moskauer Kanalisation den Namen nicht verdient, also überall der Herbstregen auf den Straßen stand. Gut, dass es in der Metro immer noch an einigen Stellen kleine Verkaufsstände gibt, da konnte ich mir trockene Socken kaufen. 100 gut investierte Rubel! Und was auch auffiel: Das mit den netten Sicherheitskräften vorm Stadion hat sich nach der WM wohl erledigt. Auf die Frage, wo denn hier der Eingang zum Gästeblock sei, gab es vom Polizisten vorm Stadion keine Antwort, nur Starren und Schweigen. Bei den Loko-Mitarbeitern auf dem Stadiongelände dagegen ein ganz anderer Ansatz – freundlich, hilfsbereit, ein paar Durchsagen sogar auf Deutsch.

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⚽ Apropos Champions League: Lokomotive hatte gerade den FC Porto zu Gast, doch beinahe hätte es die Heimmannschaft nicht rechtzeitig zum Anpfiff ins Stadion geschafft: Moskau ist ja für die Verkehrsstrategie bekannt, dass zwischen der morgendlichen und der abendlichen Rushhour, dem Mittagspausenstau und den nächtlichen Dauerbaustellen so wenig freie Fahrt wie möglich auf den Straßen im Zentrum bestehen soll.

Daher standen auch die Moskauer Spieler auf dem Weg zum Match im Stau, aber immerhin: Seit gut zwei Jahren hat die Metro einen modernen, oberirdischen zweiten Ring, und der wiederum hat praktischerweise eine eigene Haltstelle namens „Lokomotiv“. Die Mannschaft stieg also um und war 55 Minuten vor Spielbeginn am Stadion. „Wie schön, dass es auf dem Zentralen Metroring keine Staus gibt“, twitterte der offizielle Vereinsaccount, „wir sind gut am Stadion angekommen und machen uns jetzt warm.“ Nur das Spiel, das ist trotzdem 1:3 ausgegangen. Aber hey, jedenfalls hat es pünktlich begonnen.

⚽ Anschi, Anschi – when will those dark clouds disappear? Der Verein war noch vor ein paar Jahren bekannt für sein opulentes Budget und entsprechend beeindruckende Spielerkäufe, doch in jüngster Zeit hat sich das drastisch geändert. AP berichtet, dass die Spieler seit März keine Gehälter mehr bekommen haben.

Am Donnerstag schließlich hat Russlands Fußballverband dem Club vorläufig untersagt, neue Spieler zu verpflichten. Der frühere Anschi-Verteidiger Wadim Afonin, der inzwischen zum FK Orenburg zurückgekehrt ist, hatte sich an den Verband gewandt. Ehe Afonin sein ausstehendes Gehalt nicht bekommen hat, darf Anschi Machatschkala also keine neuen Spieler holen. (Die ganze Entscheidung, in der es auch noch um die Ansprüche anderer Spieler geht, gibt es hier.)

⚽ Ihr erinnert euch vielleicht, dass es letztes Mal hier um Denis Gluschakow und Andrey Yeshchenko ging. Die beiden Spartak-Spieler hatten Ärger, weil sie einen Instagram-Post geliket hatten, in dem Trainer Massimo Carrera kritisierte wurde. Das hat sich inzwischen erledigt: Carrera, der Spartak 2017 zur Meisterschaft führte, ist seinen Trainerjob in Moskau los. Es gab noch ein Abschiedsessen mit der Mannschaft, das Carreras Agent, Marco Trabucchi, bei Twitter so kommentierte:

Yeshchenko ist, Konflikt hin oder her, auf dem Bild zu sehen, Gluschakow aber nicht. Da war wohl der Graben zwischen Spieler und Trainer zu tief. Wobei, vielleicht stimmt ja auch die Erklärung, die Championat.com süffisant zitiert: Wahrscheinlich, heißt es dort, sei Gluschakow bloß deshalb nicht zu sehen, weil er das Foto gemacht habe. Bei seiner Abschieds-PK hat Carrera außerdem alle Spartak-Fans aufgerufen, ins Stadion zu kommen und ihren Verein zu unterstützen – der nämlich dümpelt aktuell nur in der Tabellenmitte rum, statt oben mitzuspielen.

⚽  Der FK Rostow (ja, das sind die mit dem Teppich) war in der vergangenen Liga-Saison, na sagen wir mal: unauffällig. Neun Siege, elf Niederlagen, zehn Unentschieden, am Ende war das der 11. Tabellenplatz. Diese Spielzeit sieht das ganz anders aus: Rostow auf Platz 3, direkt hinter Zenit und Lokomotive. Wie kommt’s? Russian Football News versucht sich an einer Erklärung: variantenreiches Spiel, kluge Neuverpflichtungen, eine starke Verteidigung. „Wenn man von der aktuellen Saison ausgeht, dann ist weder die Meisterschaft noch ein Platz im europäischen Turnier unmöglich.“

Foto: FK Rostow
Foto: FK Rostow

⚽ Eine Runde Konjunktiv: Selbst, wenn sich Rubin Kasan dieses oder nächstes Jahr für Champions League oder Europa Leage qualifizierte, es dürfte dort nicht mitspielen. Die UEFA hat den Club gesperrt, für diese Saison und für die kommende. Begründet wird das damit, dass Rubin gegen die Regeln zum Financial Fair Play verstoßen hat.

Die jetzt verhängte Sperre ist bereits der zweite Akt in einem längeren Drama: Nachdem der Verein die Finanzregeln verletzt hatte, gab es 2014 eine Einigung mit der UEFA auf gewisse Einschränkungen, zu denen sich Rubin verpflichtete: keine höheren Gehälter, nur 21 statt 25 Spieler im Kader für den internationalen Wettbewerb – alle Details hier. Allerdings soll sich der Verein nicht an alle Vereinbarungen gehalten haben, daher folgte nun die härtere Strafe.

⚽ Unmittelbar nach der Fußball-WM durfte ich für die Kollegen bei n-tv.de aufschreiben, wie es hier im Lande nun wohl weitergehen wird. Das war die satirische Version, klar – trotzdem bin ich ein wenig stolz darauf, vorhergesagt zu haben, dass Witali Mutko nach Ende des Turniers wieder etwas von seiner alten Macht zurückbekommt.

Wir erinnern uns: Mutko hatte nicht nur eine solche Ämterfülle, dass es selbst der FIFA zuviel wurde, sondern war auch zu sehr in den russischen Dopingskandal verstrickt, als dass man ihn während der WM der Weltöffentlichkeit zumuten wollte. Aber gut, die WM ist vorbei, Russland ist wieder Russland und der Multifunktions-Mutko kann sich wieder auf den Chefsessel beim russischen Fußballverband setzen.

⚽ Was offenbar auch nur während der Weltmeisterschaft klappt, davor und danach aber nicht: Die Fans in einer akzeptablen Zeit aus dem Luschniki-Stadion wieder raus zu bekommen. Hmm, ob das wohl was zu tun hat mit den vielen freiwilligen, unbezahlten Helfern, die während der WM alle paar Meter standen, um den Besuchern den Weg zu weisen? Jedenfalls berichteten Fans nach dem Spiel zwischen ZSKA und Real Madrid, dass sie mehr als eine Stunde brauchten, um aus dem Stadion zur Metro zu kommen.

⚽  Eh das jetzt hier so klingt, als hätte die WM keinerlei positive Auswirkungen gehabt: doch doch. Vor allem die kleinen Vereine in den großen, schicken WM-Stadien freuen sich. Die Organisatoren des Turniers haben außerdem eine positive finanzielle Bilanz gezogen, aus der Interfax ausgiebig zitiert. Eine Kurzfassung auf Englisch gibt es bei der Moscow Times: Demnach hat die WM seit 2013 etwa 14,5 Milliarden Dollar an Investitionen nach Russland gebracht.

Andererseits liegen auch die Schätzungen, was die WM das Land gekostet hat, zwischen 11 und 14 Milliarden. Ob Russland langfristig von seiner Gastgeberrolle profitiert oder draufzahlt könne man ohnehin erst in ein, zwei Jahren sagen, argumentieren drei hochrangige Wirtschaftswissenschaftler in einem Gastkommentar für die Zeitung „Wedomosti“.

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Zum Schluss noch eine kleine Korrektur. Mir ist aufgefallen, dass sowohl die letzte als auch die vorletzte Russball-Folge die Nummer 59 hatte. Entgegen dessen, was ihr euch vermutlich beim Lesen gedacht haben, war das keine Anspielung auf das Tor von Denis Tscheryschew beim WM-Spiel Russland – Ägypten, sondern ein Fehler.

Ein Fehler, nach dem ich dann erst mal überlegen musste, welche Folge das hier denn dann ist. 60? 61? Oder 59 – hat sich ja bewährt? Wer Feedback zur Entscheidung oder zum Rest dieses Newsletters loswerden möchte, der kann das gerne in den Kommentaren tun oder via Twitter. Bis nächstes Mal, macht’s gut!



 

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Russball, Folge 58: Torpedo Moskau knickt vor rassistischen Fans ein

 

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In der Russball-Ausgabe nach Mesuz Özils Rücktritt aus der Nationalmannschaft müssen wir auch hier über Rassismus und Fußball sprechen. Nachdem es während der WM in dieser Hinsicht ja weitgehend ruhig geblieben war, ist das Thema nun wieder präsent. Ansonsten geht es diese Woche um Bier, um einen Bären und darum, woraus genau einige WM-Gäste ihre Transparente fürs Stadion gebastelt haben.

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⚽ Ihr erinnert euch vielleicht an die Sache mit Erving Botaka, um die es letzte Woche hier schon mal ging: Botaka ist schwarz, als Torpedo Moskau ihn verpflichtete, gingen die Nazis unter den Ultras auf die Barrikaden: „Auf unserem Trikot gibt es Schwarz, aber in unseren Reihen nur Weiße“, so hieß einer ihrer rassistischen Slogans. Damals sah das noch nach einer unerfreulichen Randbegebenheit aus: Rechtsextreme Fans machen Krawall, viele andere Fußballfans halten dagegen.

Seitdem ist etwas Erschütterndes passiert: Kurz, nachdem die Ultras ihren Rassismus ins Netz hineingerotzt hatten, knickte die Vereinsspitze von Torpedo ein und verkündete: Botaka werde nun doch nicht zum Kader für die neue Saison gehören, es fehle das Geld für die Ablösesumme. Schon klar. Als wäre irgendein Fußballverein so naiv, so einen Kernaspekt eines Transfers nicht vor der Verkündigung zu klären.

Auf der Webseite von Torpedo ist bis heute das Interview online, das die Vereins-Pressestelle mit Botaka geführt hat, als man seine Verpflichtung verkündete. „Ich werde für den Verein kämpfen, ich werde mir Mühe geben, stets mein bestes Spiel zu zeigen. Am wichtigsten ist, dass die Fans mich akzeptieren.“ Immerhin: Fußballfans protestieren weiterhin gegen den Umgang mit Botaka, auch der Chef der Spielergewerkschaft äußert sich deutlich: „Der Fußball darf nicht zu einem Zurschaustellen rassistischer Überzeugungen werden.“ ⚽ Ist halt auch nicht einfach mit der doppelten Verneinung: In Russland braucht man zwei Nein-Aussagen, um etwas wirklich zu verneinen – „in Wladiwostok bin ich noch niemals nicht gewesen“, „ich hab an der Tür geklingelt, aber niemand hat nicht aufgemacht.“ Vermutlich liegt darin der Grund für eine zimelich absurde Falschmeldung, die Sport Express am Dienstag veröffentlicht hat: „Zenit, die Modepolizei: Verein warnt Fans vor Trikotkauf“, hieß es dort sinngemäß. (Inzwischen steht dort eine neue Fassung des Artikels, vor der Umleitung sieht man aber noch kurz die URL mit der ursprünglichen Schlagzeile.) Was war passiert?

Nun, das englischsprachige Social-Media-Team des Vereins hatte in voller Trump-Manier die Feststelltaste gedrückt und in Großbuchstaben allen gedroht, die eventuell vorhaben könnten, dieses Trikot nicht zu erwerben. Angelehnt an Trumps manischen Iran-Tweet, den ja in den letzten Tagen so einige parodiert haben. Für die Redaktion von Sport Express muss sich dieses „Never think about not buying“ wie ein „denk nicht mal daran, das hier zu kaufen“ gelesen haben. It’s not uncomplicated.

⚽ Statistiken dazu, was die WM gekostet hat, wie viele Fans gekommen sind und wie voll die Stadien waren, haben wir in den letzten Wochen ja nun wirklich genug gesehen. Diese Zahl allerdings war mir neu und so interessant, dass sie hier ihren Platz verdient hat: Aus den kostenlosen Zügen, mit denen Fußballfans während des Turniers durch Russland fahren konnten, wurden „Souvenirs“ im Wert von einer Million Rubel geklaut, das sind rund 13.500 Euro.

Decken, Bettbezüge, Untersetzer waren laut einem hochrangigen Mitarbeiter der russischen Bahn besonders beliebt bei den zugfahrenden Fans. Und noch etwas wurde häufig geklaut: Bettlaken. Aus denen, so der Bahn-Mann, hätten die Reisenden dann Banner gebastelt.

⚽ Russian Football News hat einen Ausblick zusammengestellt, wie sich Russlands Nationalmannschaft entwickeln muss, wenn sie bei künftigen Turnieren ähnlich gut abschneiden will wie bei der WM im eigenen Land. Unter anderem auf der Liste: junge Spieler besser fördern, kein Limit mehr für ausländische Spieler in der Premjerliga, mehr russische Spieler bei ausländischen Vereinen. Dieser Punkt ist von den dreien sicherlich am schwierigsten umzusetzen, weil man ihn nicht so einfach anordnen kann.

⚽ Bei Sports.ru gucken sie in diesen Tagen intensiv auf die russische Nationalmannschaft und in die Zukunft. Dabei geht es nicht nur darum, welcher Nationalspieler künftig bei welchem Verein spielt. „Wo sehen wir das nächste Mal die Auswahl?“ ist ein Artikel überschrieben, in dem es um die kommenden Länderspiele geht. Bei einem Voting schließlich will die Redaktion es genauer wissen und blickt sogar noch weiter nach vorne: „Schafft es Russland zur Europameisterschaft 2020?“ lautet die Frage, die die Mehrheit der Leser mit „aber sicher“ beantwortet. Wär schon schön, zumal Russland ja einer der zahlreichen Gastgeber des Turniers sein wird.

russball voting euro 2020

⚽ Was bleibt von der WM? Hier in Russland ist es eine Debatte über Bier im Stadion. Also, richtiges Bier, mit Alkohol. Während des Turniers sind nicht nur die Fans auf den Geschmack gekommen, auch den Vereinen ist klar, dass sich da eine neue Einnahmequelle auftäte. So, wie bei Kummertastentanten gerne mal nach Rat „für einen Freund“ gefragt wird, kam auch hier der erste Vorstoß dadurch zustande, dass sich jemand, ganz altruistisch, für jemand anderen erkundigte: Rustam Minnichanow, Präsident von Tatarstan, ist selber Muslim, fragte aber „für unsere orthodoxen Brüder“ höflich bei Putin an, ob man das mit dem Bierverkauf nicht vielleicht auch in Zukunft so machen könnte wie während der WM.

Die „orthodoxen Brüder“ beziehungsweise ihre Kirchenoberen haben jegliches Interesse an Alkohol natürlich bereits weit von sich gewiesen, ebenso der Rat der russischen Muftis. Allein, es wird nichts bringen, denn Putin will die Sache nun prüfen, das klingt nach einem Ja, auch wenn der Präsident selbst ja bekanntlich keinen Alkohol trinkt. Zitat: „Na, wenn schon die Muslime fordern, dass wir mit dem Bier liebraler umgehen sollen…“

⚽  Dass die RFPL jetzt RPL heißt, klingt auf Anhieb vielleicht ein bisschen kryptisch. Tatsächlich reden wir von Russlands oberster Fußballliga, die sich bisher „Russische Fußball-Premjerliga“ nannte. Ab der neuen Saison, die dieses Wochenende beginnt, hat sie nun nicht nur ein neues Logo (der Bärenkopf, ihr erinnert euch), sondern auch einen Namen. Kürzer sollte er wohl sein, griffiger, und was lässt man da weg? Den „Fußball“, offenbar. Ein Signal gesunden Selbstvertrauens, schließlich heißt es auch nicht Bundesfußballiga. Im offiziellen Video zur neuen Spielzeit der Russischen Premjerliga tauchen übrigens diverse Spielernamen auf, die man seit der WM auch außerhalb von Russland kennt:

⚽ Ein Reporter der Moscow Times hat mit Kindern gesprochen, die an einem Fußball-Sommerlager in Moskau teilnehmen. Viele von ihnen erzählen, wie überrascht sie waren vom guten Abschneiden ihrer Nationalmannschaft: „Selbst nach dem Sieg über Saudi-Arabien habe ich noch gedacht, warum feiern denn alle? Es ist doch nur Saudi-Arabien.“ Um so motivierter sind die Nachwuchsspieler nun, und um so mehr wünschen sie sich, selbst mal fürs russische Team zu spielen.

Lustig auch, was sonst noch auf die Liste der WM-Höhepunkte aus Kinderperspektive gehört: die vielen Ausländer, vor allem, ihnen helfen zu können, wenn sie den Weg nicht wussten. Und: lange wach sein, weil der Krach von der Fanzone nebenan verhindert, dass man einschläft.

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Das war sie also, die letzte wöchentliche Russball-Ausgabe. Den Newsletter wird es zwar weiterhin geben – danke für die vielen positiven Rückmeldungen, die zu dieser Entscheidung geführt haben! Künftig kommt er aber nur noch einmal monatlich in eure Inbox geplumpst. Wenn euch dazwischen Themen begegenen, die mit Fußball in Russland zu tun haben und zu denen ihr gerne mehr wüsstet, freue ich mich über einen Zuruf – sei es hier in den Blog-Kommentaren oder bei Twitter. Macht’s gut!



 

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Russball, Folge 48: Bau mir ein Stadion, du kriegst auch was zu Essen!

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Übers Wochenende war ich ein mit Freunden in St. Petersburg und habe, klar, zwischen Eremitage und Kneipentour auch die Augen offen gehalten in Sachen WM-Vorbereitungen. Zwei Dinge sind mir aufgefallen: Am Kiosk gibt es, erstens, inzwischen Unmengen an Süßigkeiten, die mit dem Maskottchen Sabiwaka bedruckt sind – Pfefferminztabletten, Weingummis, Tictacs, Kaugummis, Bonbons.

Zweitens sind die Wegweiser auf Russisch und Englisch nicht nur aufgestellt, sondern auch bereits mit Tags verziert, will sagen: Sie fügen sich harmonisch ein in das Stadtbild dieser Metropole, die im Vergleich zu Moskau weniger geleckt, weniger hochglanzig ist und dafür ein bisschen schmuddeliger und ein bisschen unkonventioneller. Ich mag das ja.

Ein Wegweiser zu einer Metrostation

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⚽  So kann’s gehen: Zwischen „Ich fange mal an, an der neuen Russball-Folge zu arbeiten“ und „Heute muss die neue Folge aber endlich fertig werden“ hat sich die komplette Geschichte rund um Hajo Seppelt abgespielt. Russland verweigert ihm das Visum, weil er nach seiner Doping-Berichterstattung auf einer „Persona non grata“-Liste steht. Die ARD protestiert, die Bundesregierung protestiert. Russlands berühmtester Fußballkommentator kritisiert die Entscheidung, man spiele damit Menschen in die Hände, die von Skandalen lebten. Der Vorsitzende des russischen Journalistenverbands sagt, Seppelts Arbeit sei reine Propaganda, aber man solle ihm dennoch ein Visum geben. Sport Express veröffentlich eine lange Kritik an Seppelt und seiner Berichterstattung unter der ziemlich unfassbaren Überschrift: „Man hat die WM von Seppelt erlöst, das ist eine Hygienemaßnahme“.

Inzwischen hat sich rausgestellt, dass Seppelt nun doch ein Visum bekommen wird. Reist er allerdings nach Russland ein, will ihn das Staatliche Ermittlungskomitee zu seinen Doping-Recherchen vernehmen. Ob Seppelt das tut, kann man – Stichwort Informantenschutz – bezweifeln. Wer weiß, vielleicht gibt es zwischen Dienstag Abend, wo ich hier sitze und diese Zeilen tippe, und Mittwoch früh, wenn der Newsletter in eure Inbox plumpst, ja schon die nächste Entwicklung, zum Beispiel: Seppelt sagt Russland-Reise ab.

⚽ Wie eventuell der ein oder andere mitbekommen hat, steht ja seit gestern der vorläufige deutsche WM-Kader fest. Ich hab mir mal die Mühe gemacht und alle Nationalspieler russlandtauglich gemacht, indem ich ihnen einen Vatersnamen verpasst habe. Nur einer fehlt – falls jemand weiß, wie der Vater von Kevin Trapp mit Vornamen heißt, sagt doch bitte Bescheid! Anschließend hatte sich der DFB noch was ausgedacht: Ein Interview mit Russlands Nationaltrainer Tschertschessow, der als Hologramm mit auf der Bühne saß. Doch, wirklich:

Tschertschessow hat gerade erst selbst seine vorläufige WM-Auswahl präsentiert, wobei zu der sehr viel mehr Spieler gehören als zur deutschen. Eindampfen müssen beide bis Anfang Juni, Russlands schönster Schnäuz und der Bundesjogi. Warum es sich Tschertschessow so viel schwerer gemacht hat, und was er in den paar Tagen noch über seine Spieler rausfinden will, was er bisher noch nicht weiß – keine Ahnung. Hier ist jedenfalls seine Liste, außerdem gibt es noch sieben potenzielle Nachrücker.

⚽ Stell dir vor, die WM rückt näher und dein Stadion ist immer noch nicht fertig. In Nischni Nowgorod haben sie im April offenbar versucht, dieses Problem kreativ zu lösen: Einem Reuters-Bericht zufolge verschickte der städtische Sportminister einen Brief, in dem er Menschen zum kostenlosen Arbeitseinsatz auf der Stadionbaustelle aufrief. Immerhin: Drei warme Mahlzeiten am Tag und eine Unterkunft sollte es geben, Werkzeug, heißt es in dem Schreiben, werde gestellt. Na immerhin.

⚽ „Was Bayern zur Feier seines sechsten Meistertitels verkauft“ ist ein Artikel von Sports.ru überschrieben. Es folgen das Bayern-Grillset, Bayern-Weingummi, eine Bayern-Tasse mit dem Kommentar, seltsamerweise gebe es kein Bayern-Bierglas. Alles eher unspektakulär, warum also erwähne ich es hier? Wegen des Kommentars, den ein Leser unter dem Artikel hinterlassen hat, und den die anderen Leser zum besten Kommentar gewählt haben: „Und was verkauft ZSKA nach der Meisterschaft? Seine besten Spieler.“ Sehr hübsch.

⚽ Was kommt bei Zenit nach Roberto Mancini? In Russland wird in diesen Tagen viel über eine Liste spekuliert, die die Vereinsbosse angeblich zusammengestellt haben. Auslöser dafür war ein Tweet von Georgi Tscherdanzew, einem bekannten Fußballkommentator. Der Mann hat fast 500.000 Follower bei Twitter – kein Wunder also, dass ein Tweet wie dieser hier schnell die Runde macht:

„Hundertprozentiges Insiderwissen von @zenit_spb: Es gibt schon eine Liste mit fünf Trainern, die auf Mancini folgen könnten. Fortsetzung folgt 😉“. Auch in der Redaktion von Championat.com haben sie den Tweet gesehen und brav ihr Handwwerk gemacht, indem sie beim Verein nachgefragt haben, ob das denn auch alles so stimmt. Antwort von Pressesprecher Anton Makarenko: „Ja.“ Wer sind also die fünf Kandidaten? Championat nennt Sergei Semak, Siniša Mihajlović, Miodrag Boschowitsch, Maurizio Sarri und Dick Advocaat, aber kaum ist die Geschichte veröffentlicht, haut Kommentator Tscherdanzew seinen nächsten Tweet raus:

„Hundertprozentiges Insiderwissen von @zenit_spb: Auf der Liste mit fünf Trainern, die auf Mancini folgen könnten, stehen russische Spezialisten. Dick Advocaat steht nicht auf der Liste. Fortsetzung folgt 🔥“.

⚽ Eine Meldung aus der Reihe „Offensichtliches“: Kreml-Sprecher Peskow hat bestätigt, dass Wladimir Putin sich das Eröffnungsspiel der Fußball-Weltmeisterschaft zwischen Russland und Saudi-Arabien ansehen wird, Ria Nowosti ist das eine eigene Meldung wert. Mit angehaltenem Atem warten wir nun auf weitere Peskow-Statements: „In Russland wird während der WM mit Rubeln bezahlt“, „Nawalny wird bei der nächsten Demo verhaftet“ und „Im Winter rechnen wir mit Schnee, vor allem in Sibirien.“

⚽ Ihn hier wollte ich schon öfter mal erwähnen, hatte aber nie einen guten Text zur Hand. Nun hab ich dieses Porträt gefunden: „Jacob Gardiner-Smith: The Englishman who plays for Zenit“. Aufgefallen war er mir nicht nur durch seine Tweets, sondern auch, weil der Nachname „Gardiner“ bei mir sofort allerlei urenglische Assoziationen weckt, von Jane Austen bis Proms.

Im Fall von Jacob Gardiner-Smith sind die passenderen Asoziationen aber dann doch sein Opa John, ein erfolgreicher Fußballer, der 1936 in Berlin für Großbritannien spielte und sein Vater Barry, ein Labour-Abgeordneter. Interessant jedenfalls, wie Jacob mit 17 schon nach Russland gegangen ist, und warum er anderen zu einem ähnlichen Schritt raten würde – auch, wenn das bedeutet, das vertraute, einfache Leben daheim hinter sich zu lassen.

⚽ Fehlt noch der Hinweis auf ein Medium, das ich hier bisher noch nie verlinkt habe. Doch wenn WM im eigenen Land ist, dann heben selbst Frauenzeitschriften plötzlich Fußballer aufs Cover. So geschehen bei der russischen Vogue, deren Heft zum Thema „Fußball und Mode“ ab heute verkauft wird. Auf dem Titel: Nationalspieler Fjodor Smolow, der als leichte Trainingseinheit das Model Natalja Wodjanowa huckepack durchs Bild trägt. Kann man einfach mal auf sich wirken lassen.

Beim Shooting war Smolow übrigens nicht der einzige Fußballprofi: Auch Julian Draxler machte mit, das sieht dann so aus:

Вперёд, Россия!🇷🇺 Встречайте нашу июньскую обложку, приуроченную к Чемпионату мира по футболу, который пройдёт в России в июне: русская супермодель Наталья Водянова вместе с футболистами Фёдором Смоловым, Юлианом Дракслером и Даниэлом Алвес да Силва предстала в объективе звездного дуэта фотографов Луиджи Мурену и Янго Хенци – в продаже с 16 мая!/ As FIFA World Cup in Moscow approaches, meet our June cover starring @natasupernova @smolovfedor_10 @draxlerofficial @danialves. Photo: @luigiandiango Style: @patrickmackieinsta Hair: @luigimurenu Makeup: @mariaduhart

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Zum Schluss noch ein kleiner Nachtrag zur letzten Russball-Folge. Da hatte ich einen Artikel verlinkt, in dem es darum ging, warum Nachwuchsfußballer, die im Dezember geboren sind, es in Russland schwer haben. Schon da war erwähnt, dass es in Deutschland ein ähnliches Problem gibt. Seitdem haben mir mehrere Leute diesen Artikel hier erreicht, der dem Phänomen auf den Grund geht: Dezemberkinder werden selten Fußballstars. Danke für den Hinweis – und bis nächste Woche!



 

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Russball, Folge 47: Ein neuer Job für Witali Mutko

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Zwei Dinge sind geschehen zwischen der letzten Russball-Folge und dieser hier. Erst mal war re:publica in Berlin, eine gute Gelegenheit, den Horizont ein bisschen zu erweitern, Freunde und frühere Kollegen zu treffen. Es gab einen kleinen Talk darüber, wie Podcasts den Sportjournalismus verändern, das fand ich ganz interessant – könnt ihr euch hier ansehen oder anhören.

Außerdem ist eine DFB-Delegation nach Russland gereist, um organisatorische, aber auch sehr viel komplexere Themen anzugehen: Fair Play, Menschenrechte, Gedenken an den Zweiten Weltkrieg. Nach dem, was Präsident Reinhard Grindel dazu am Montag hier in Moskau erzählt hat, nehme ich dem DFB ab, dass er sich ernsthaft bemüht, diesen Themen gerecht zu werden. Warum mich die Haltung zu Russland und Menschenrechten trotzdem nicht überzeugt, habe ich hier aufgeschrieben.

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⚽ Was bedeuten diese vier Emojis? 🚂🏅🔥🙏 Ganz klar: Lokomotive Moskau ist russischer Fußballmeister, und der Mann, der diese Symbole aneinanderreihte, ist deshalb begeistert und dankbar: Ilja Gerkus, Präsident des Vereins, postete kurz nach der Entscheidung diesen Jubeltweet: „Wir sind Meister! Das ist fantastisch, kosmisch, unwirklich. Unglaublich! Aber wir haben es geschafft! Zusammen! Vom allerersten Anfang bis zum Moment des Sieges! Danke an alle, die zu uns gehalten und an uns geglaubt haben. Begreifen werden wir das erst später. Lasst uns uns bis dahin einfach freuen! Lokomotive ist Meister!“ (Bereut schon jemand, dass man bei Twitter heutzutage 280 statt 140 Zeichen hat?)

Seinen Jahresvorrat an Ausrufezeichen hat Gerkus damit aufgebraucht – aber wann denn bitte auch sonst, wenn nicht in diesem Moment? Endlich wieder Meister, nach 14 Jahren Durststrecke, und dann auch noch unter Juri Sjomin, der Jahrzehnte seines Lebens investiert hat, um Lokomotive zu dem Verein zu machen, der er heute ist. Der Mann ist, in den Worten von „Sowetski Sport“, der „letzte russische Toptrainer“. Demnächst wird Sjomin 71. Gerade hat er seinen Vertrag bei Lokomotive verlängert.

⚽ Auch eine Liga weiter unten wird gefeiert: In der WM-Stadt Samara ist der örtliche Klub soeben in die Premjer-Liga aufgestiegen, vor vollem Haus. Und ich möchte dazu gerne mehr lesen und mich mitfreuen und euch hier im Newsletter erzählen, wie begeistert die Fans gefeiert haben. Aber je mehr ich bei Twitter rumsuche, desto lauter plärrt mein pubertierendes Unterbewusstsein dazwischen: „Ziemlich unglücklichen Twitternamen hat der Verein, was? @fckssamara, wer denkt sich denn sowas aus?“ Ich kann so nicht arbeiten.

⚽  Ihr erinnert euch an Witali Mutko und seine vielen, vielen Ämter? In der Politik, als Fußballfunktionär, bei der WM-Vorbereitung? Und wie diese Ämter nach und nach immer weniger wurden, je mehr über das systematische Doping zu seiner Zeit als Sportminister berichtet wurde? Seit dieser Woche hat Mutko nun auch kein Regierungsamt mehr, das irgendwie mit Sport zu tun hat. Bisher war er ja noch Vize-Premierminister mit Zuständigkeit für den Sport.

Witali Mutko bei einem Treffen mit Präsident Putin. Als dieses Bild entstand, war Mutko noch Sportminister.  (Foto: Kremlin.ru)
Witali Mutko bei einem Treffen mit Präsident Putin. Als dieses Bild entstand, war Mutko noch Sportminister.
(Foto: Kremlin.ru)

Nun wurde Wladimir Putin ins Präsidentenamt wiedereingeführt, sein Premierminister Medwedjew stellte die Pläne fürs neue Kabinett vor, und siehe da: Mutko bleibt zwar Vize, muss die Zuständigkeit für den Sport aber abgeben und soll sich stattdessen um Bauprojekte und regionale Entwicklung kümmern. Wenn selbst die staatliche Nachrichtenagentur Tass berichtet, dass die Mutko-Personalie für Unruhe unter den anwesenden Abgeordneten geführt hat, merkt man, wie klar auch den russischen Politprofis ist: Hier wird wieder einmal demonstrativ die Regel bestätigt: Putin ist loyal zu seinen Leuten und sorgt dafür, dass sie versorgt sind.

⚽  Manchmal habe ich das Gefühl, die Berichterstattung über Diskriminierung im russischen Fußball läuft immer in denselben Phasen ab. Erst gibt es einen Vorfall – Affenrufe, beiläufig rassistische Kommentare. Jemand meldet es, gerne Journalisten. Unterdessen Empörungswelle in Russland, das ist ja wohl kein Rassismus, muss man ja wohl noch sagen dürfen, und überhaupt, ich hab nichts gehört. Es folgt meist eine Strafe, die dann recht milde ausfällt. Dann warten alle auf die nächste Runde.

Wer einen tieferen Einblick gewinnen möchte, wie es hier im Land mit Rassismus im Fußball aussieht, der sollte lesen, was Bryan Idowu (Oder Brian? Auch das war ein Aha-Moment) dazu zu sagen hat. Er ist Profifußballer, Sohn eines Nigerianers, in Russland geboren und aufgewachsen, und hat vieles selbst erlebt: Beschimpfungen auf der Straße, Racial Profiling in der Metro, Beleidigungen auf dem Platz. Aber er sieht auch Fortschritt. Faszinierender Mann, das Porträt kann man hier nachlesen.

⚽  Mit dem Wort „Diskriminierung“ fasst auch Sport Express einen Sachverhalt zusammen, von dem ich noch nie gehört hatte. Wer es im russischen Profifußball zu etwas bringen will, der sollte am besten im Januar oder Februar geboren werden, lieber nicht im November oder Dezember. Ich dachte erst, das soll eine Glosse werden – eine statistische Anomalie benennen, dann ein bisschen weiterspinnen, ein oder zwei Pointen finden. Aber nein, Autor Gosha Chernov hat seine statistischen Hausaufgaben gemacht, hat möglicher Verzerrungen durch die Geburtenrate rausgerechnet, es bleibt dabei: Schau dir die besten Spieler beim russischen Fußballnachwuchs an, egal in welcher Altersklasse – sie sind zu Beginn des Jahres geboren.

Warum? Die Auflösung hat mit dem System zu tun, wie Nachwuchsförderung in Russland funktioniert: Vielversprechende Talente werden immer jahrgangsweise gesichtet – und da haben die Januarkinder den Dezemberkindern nun mal ein ganzes Jahr an körperlicher Entwicklung voraus. „Stellen Sie sich das mal vor“, schreibt Chernov, „Sie bringen ihren Sechsjährigen zu einer der besten (Sport)schulen des Landes. Die Trainer schauen sich aufmerksam hundert oder mehr Kinder an, aber Ihr Kind wird nicht angenommen mit den Worten: ‚Kommen Sie nächstes Jahr wieder, der Kleine muss noch wachsen.‘… Und das geschieht dann jedes Jahr.“

Wozu das führt, zeigt eine Grafik, für die Chernov alle Spieler der beiden obersten russischen Ligen nach Geburtsmonat sortiert hat: Der Januar schlägt sie alle, um Längen. Offenbar lässt sich das sogar teilweise auf den deutschen Fußballnachwuchs übertragen, von der Schalker U17 zum Beispiel sind nur vier Spieler in der zweiten Jahreshälfte geboren. Ich hab das dann spaßeshalber auch mal schnell bei der deutschen Nationalmannschaft durchgezählt, am Beispiel des Kaders für das Länderspiel am 27. März. Was soll ich sagen: 26 Mann, die Hälfte davon feiert zwischen Januar und April Geburtstag. Ein Phänomen, von dem ich noch nie gehört hatte, und das mich jetzt ziemlich fasziniert.

⚽ Von den riesigen Entfernungen, die russische Ligafußballer zu ihren Auswärtsspielen zurücklegen müssen, war hier ja schon öfter die Rede. Dass das selbst bei einem Derby gelten kann, zeigt aktuell dieser Tweet:

⚽ Dann hat noch Andrei Arschawin das Ende seiner Spielerkarriere angekündigt, was man vielleicht ein enig einordnen muss. Ja, okay, der Mann spielt aktuell irgendwo in Kasachstan. Aber zu seinen besten Zeiten hat er nicht nur mit Zenit St. Petersburg einen Erfolg nach dem anderen eingefahren, er war auch einer der wenigen russischen Spieler in jüngerer Zeit, die den Durchbruch im internationalen Spitzenfußball geschafft haben.

Als Arschawin 2009 zu Arsenal nach London ging, war er der teuerste Spieler im gesamten Team. Was nun kommt, nach dem Ende der aktiven Karriere? Normalerweise würde man ein Statement erwarten wie „Mehr Zeit mit der Familie“, allerdings scheint Arschawins Frau einen ziemlichen Vollschuss zu haben. Da klingt es ganz plausibel, dass er direkt von möglichen anderen Aufgaben im Profifußball spricht, die er sich vorstellen kann.

⚽ An dieser Überschrift konnte ich einfach nicht vorbeiscrollen: „Wie geht es dem ältesten Fußballclub in Russland – der offiziell schlechtesten Mannschaft des Landes?“ Der Autor verspricht eine Geschichte darüber, „wie eine große Vergangenheit unter dem Druck der harten Gegenwart bröckelt.“ Das ist dann aber auch genug Lyrik, es geht ab nach Orechowo-Sujewo. In Deutschland wäre das eine Großstadt, hier ist es halt irgendein Provinzort, eine Stunde Autofahrt von Moskau. Zehn Jahre vor der Russischen Revolution gründeten Fußballfans hier den Verein „Snamja Truda“, übersetzt heißt das „Das Banner der Arbeit“.

Heute weht das Banner auf Halbmast, bestenfalls: Wer den Verein in einer Tabelle finden will, der muss schon im drittklassigen Bereich gucken – und dann am besten unten anfangen. Die Spieler, berichtet Bombardir, bekommen hier so niedrige Gehälter, dass sie sich anderswo etwas hinzuverdienen müssen – aber immerhin, sie werden pünktlich bezahlt, das ist im russischen Profifußball keineswegs garantiert. Trotzdem ist das hier keine Reportage aus dem Tal der Tränen. Die Fans haben mit ihrem Verein Tragödien überstanden, gegen die die aktuelle Saison mit einer Tordifferenz von -50 kaum erwähnenswert ist. Es ist auch eine Geschichte über Tradition und über Stolz, die sich zu lesen lohnt.

⚽ Zenit St. Petersburg verdient sich ganz gut was dazu, indem es die Spieler, die gerade nicht erste Garnitur sind, an andere Vereine verleiht. So weit, so bekannt. Ein Mitarbeiter von Championat.com hat jetzt mal nachgezählt, und siehe da: In diesem Sommer kommt gleich eine komplette Fußballmannschaft aus der Ausleihe zurück zu Zenit – elf Spieler, die bisher in Frankreich, Griechenland, der Türkei oder anderswo in Russland im Einsatz waren. Das Timing ist auch deshalb interessant, wiel alles danach aussieht, dass Trainer Roberto Mancini bei Zenit aufhört, um die italienische Nationalmannschaft zu übernehmen. Der neue Trainer kann dann also aus dem Vollen schöpfen.

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Zum Schluss verlassen wir noch kurz Russland und blicken über die Grenze rüber, in die Ukraine. Ihr erinnert euch an die vielen russischen Hotels, die dabei erwischt wurden, wie sie rechtzeitig zur Weltmeisterschaft ihre Preise drastisch erhöhten? In Kiew sieht es ganz ähnlich aus: Die ukrainische Hauptstadt ist Ende des Monats Gastgeber für das Champions-League-Finale, auch hier wollen sich Hoteliers damit eine goldene Nase verdienen.

Doch ukrainische Fußballfans halten dagegen, sie wollen die Abzocke verhindern. „Gratis-Unterkunft für Fans“ nennen sie ihren Service, den sie über Facebook organisieren. Anreisenden Fußballfans können sich dort melden und sollen dann einen Schlafplatz bei Fans vor Ort finden. Fußball-Couchsurfing, als Solidaritätsaktion. „Los jetzt“, heißt es auf der Facebookseite unter einer Suchanfrage von vier Liverpool-Fans aus Malta, „zeigen wir ihnen, dass Kiew eine gastfreundliche Stadt ist!“

Nächste Woche mehr – bis dahin könnt ihr eure Freunde, Kolleginnen und Familie gerne auf den Russball-Newsletter hinweisen. Es ist zwar nur mein kleines Spaßprojekt, aber je mehr Leute mitlesen, desto größer die Motivation. Bis dann, macht’s gut!



 

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Russball, Folge 46: Dieser Bär steht jetzt für den russischen Fußball

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Fasst man’s denn? Das WM-Stadion in Samara ist nach unendlich vielen Verzögerungen eröffnet worden, nur sechs Wochen vor Turnierbeginn. Ab sofort rechne ich also täglich mit der Fertigstellung des Flughafens in Berlin! Ansonsten habe ich neulich den möglicherweise absurdesten Text meiner jüngeren journalistischen Karriere verfasst, über ein Festival, das hier in Russland parallel zur Weltmeisterschaft stattfindet und bei dem der gemeinen Gurke in all ihren Inkarnationen gehuldigt wird. Was sonst noch los war:

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⚽ Zeit, mit der Hand durch die Sofaritze zu fahren und zu gucken, ob man noch ein bisschen Kleingeld findet. Mal zählen…ach guck, das sind ja genau 1656 Euro und 6 Cent. Wie praktisch, denn dafür kann man rund um die Spielübertragungen der Fußball-Weltmeisterschaft eine Werbesekunde im russischen Fernsehen kaufen. Gemeint sind damit natürlich nur Werbeplätze bei den Sendern Perwy Kanal, Rossija 1 und Match, die die Spiele übertragen. Die Sekunde für rund 1700 Euro, das entspricht einem Minutenpreis von 7,5 Millionen Rubel.

Ist das nun viel oder wenig? Die Redaktion von RBK zählt auf: Im Vergleich zur WM vor vier Jahren in Brasilien ist der Werbepreis konstant, damals verlangten die russischen Sender mit den Übertragungsrechten 7,538 Millionen pro Minute. Womit ich nicht gerechnet hätte, ist, dass dagegen bei der Europameisterschaft 2012 die Werbepreise der russischen Sender deutlich höher lagen. Warum, erklärt ebenfalls RBK: Damals „galt Russland als der Favorit in seiner Gruppe, die Zuschauer (…) erwarteten mindestens ein Überstehen der Gruppenphase, doch dazu kam es nicht.“

⚽ Wie sagte der zehnjährige Besuch aus dem Rheinland diese Woche: „Ihr habt hier echt überall Springbrunnen!“ Und ja, der Anlass war einer mitten im Einkaufszentrum, direkt neben dem Starbucks, aber die Beobachtung stimmt auch für Freiluftmoskau. Sachen abends schön beleuchten und im Sommer Springbrunnen sprudeln lassen, das sind zwei große Stärken der Stadtplaner hier.

Im vergangenen Sommer waren es 594 Brunnen in Moskau, diesmal kommt mindestens noch einer hinzu: Auf dem Gelände rund ums Luschniki-Stadion soll ein sogenannter „trockener Brunnen“ entstehen, also einer, zu dem kein mit Wasser gefülltes Becken gehört. Nur Wasser, das aus dem Boden schießt, in vielen kleinen Strahlen. Hinter der neuen Tretjakowgalerie gibt es sowas hier schon, und wenn im Sommer 30 Grad und mehr sind, ist das einer der kühlsten, angenehmsten Plätze in der Stadt: Einfach ein paar Schritte durch den Brunnen gehen, von den Fontänen links und rechts nassgemacht werden und sich dann zum Trocknen schön in die Sonne setzen. Das können Fußballfans demnächst also auch tun, wenn sie sich vor dem Stadionbesuch ein wenig abkühlen wollen – oder danach ihre Tränen verbergen. Was, ich, am heulen? Alter, das ist bloß Springbrunnenwasser!

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⚽ Interessante Reihe, da bei Sports.ru: Im Blog „Futbol auf Deutsch“ porträtiert Konstantin Andrejew seit einem guten Jahr Nachwuchsfußballer, die außerhalb Russlands leben, aber russischer Abstammung sind und somit möglicherweise mal für die russische Nationalmannschaft spielen könnten. (Der Subtext wird ironisch angedeutet: Wir sind doch hier so großzügig mit russischen Pässen, wenn wir einen ausländischen Spieler sehen, der den Fußball bei uns im Land voranbringen könnte. Und jetzt schaut mal, bei dem Jung hier wäre es so einfach!)

Das sind keine Namen, die ich jemals zuvor gehört hatte, aber die Porträts lesen sich interessant. Maximilan Lebedev zum Beispiel aus dem U17-Kader von Bayern München. Die Brüder Konstantin und Andreas Schiler, die aktuell für den SV Sandhausen in der U19 spielen. Und ganz abgesehen davon, ob es nun für eine Profikarriere reicht, ob die bis zur Nationalelf führt und welche Nationalelf es dann ist – interessant sind auch die Fragen zum Alltag der jungen Männer, von Russisch-Sprachkenntnissen über Familie bis hin zum Lieblingsessen. Lesen lohnt sich!

⚽ Das ist mir letzte Woche komplett durchgegangen: Russlands Premjer-Liga hat ein neues Logo – ein Bärenkopf in den Russlandfarben, mit Augen, die entfernt an den Terminator erinnern. Entworfen vom Studio Art.Lebedev, das hier in Russland schon so einige Großaufträge wegdesignt hat: Der aktuelle Metroplan ist dort entstanden, die Sitzpolster im Bus, selbst Moskaus Gullydeckel. Wer bei der Fußball-WM im Sommer auf dem alten Moskauer Olympiagelände unterwegs ist, orientiert sich an Schildern von Art.Lebedev. Und nun also dieses Logo.

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Wie kommt es an? So mittel. Natürlich kursieren allerlei Photoshop-Witzchen – mit der russischen Version von „Pu der Bär“, mit Elch, mit Mutko. Manchen Leuten ist der Bär zu nah am Russlandklischee, sie frotzeln, da fehlten doch noch Balalaika und Wodkaflasche. Nationalspieler Denis Gluschakow wurde nach seiner Meinung gefragt und rettete sich in ein höfliches „interessant“. Und dann war da noch ein Hinweis auf einen hippen Barbershop in Moskau, und ja: Dessen Logo sieht tatsächlich aus, als könnte es das Vorbild fürs Ligalogo gewesen sein. Trotzdem verstehe ich den Backlash nicht so richtig. Im Vergleich zu dem kleinteiligen, unaufgeräumten bisherigen Logo ist der Bär mit den roten Laseraugen ein echter Fortschritt:

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⚽  „Westi“, die Nachrichtensendung des russischen Staatssenders „Rossija 1“, hat durchgerechnet, was russische Fußballfans so investieren müssen, wenn sie alle drei Vorrundenspiele ihrer Mannschaft sehen wollen, also in Moskau, St. Petersburg und Samara. Das Ganze ist nicht immer akkurat gerechnet und ein wenig schief konzipiert (einerseits fehlen die Kosten für die Anreise nach Moskau, als lebe der typische Fan dort, andererseits werden aber auch in Moskau Hotelkosten mit eingepreist), dennoch ist die Liste im Kern ganz anschaulich: Wenn man davon ausgeht, dass Iwan Musterfan jeweils die billigste Ticketkategorie nimmt, dann kommt er für einen WM-Aufenthalt in Moskau auf 29.000 Rubel, in Petersburg auf auf 19.000 und in Samara auf 17.000 Rubel, dazu kommen noch Fahrtkosten.

Zusammen sind das mehr als zwei Durchschnittsgehälter, und man könnte an dieser Stelle des Berichts einen Schlussstrich ziehen. Aber als Staatsmedium ist man nun mal in der Pflicht, man hat für WM-Begeisterung und Hurrapatriotismus zu sorgen. Weshalb der Bericht von „Westi“ nicht mit dem Fazit endet, das sei ja nun recht viel Geld, selbst wenn man sparsam lebe. Nein, hinten wurden schön noch zwei Sätze drangedengelt: „Aber wenn unsere Mannschaft sich gegen alle Gegener gut schlägt und es über die Gruppenphase hinaus schafft, werden unsere positiven Emotionen diese Kosten ganz klar ausgleichen. Wir sind für unser Team!“

⚽  Über den Jahreswechsel 2017/2018 waren wir oben in Murmansk, es war knackig kalt und eine ganz großartige Reise. Nordlicht gesehen, den Eisbrecher Lenin besichtig, Markus hat für den Weltspiegel einen kleinen Film drüber gemacht. Daran musste ich diese Woche wieder denken, als Zenit St. Petersburg diese Bilder twitterte: Die Arbeiter, die gerade an einem neuen Eisbrecher für die russische Flotte bauen, scheinen allesamt Zenit-Fans zu sein:

⚽  Angeklickt und erst mal enttäuscht gewesen: „Das Tschertschessow-Kreuzworträtsel“ hieß es in der Überschrift und ich freute mich schon, allerlei Fragen zu Russlands Nationaltrainer zu beantworten: „Sieben Buchstaben, beginnt mit D: deutsche Stadt, in der Tschertschessow von 1993 bis 1995 als Spieler aktiv war.“ Aber nein, leider kein Rätsel, aber doch ein langes, tiefgehendes Porträt des Glatzenmanns, der die Russen so aufstellen soll, dass sie es vor heimischem Publikum über die Gruppenphase hinaus schaffen.

Ein bisschen sehr chronologisch ist der Artikel, das bremst ihn manchmal. Aber sonst liest er sich gut und anekdotenreich – einschließlich der Begebenheit, wie Tschertschessow 2001 Torwart beim FC Tirol Insbruck war und der Verein einen neuen Trainer bekam, der den gesundheitlich angeschlagenen Tschertschessow erst mal für ein paar Spiele auf die Bank setzte, bis er auskuriert war und sich vor dem Neuen beweisen konnte. Der hieß übrigens Joachim Löw.

⚽ Kennt ihr eigentlich den „Soviet Art Bot“ bei Twitter? Nein? Solltet ihr aber – nicht nur für Fußballbilder wie dieses hier:

⚽ Das ist mal ne Ansage: „Ohne die Fußball-Weltmeisterschaft gäbe es in Russland derzeit kein Wirtschaftswachstum.“ Gesagt hat das Arkadi Dworkowitsch, und der muss es wissen: Dworkowitsch ist Wirtschaftswissenschaftler und seit 2012 einer von Russlands stellvertretenden Premierministern. Mehr zu seiner außergewöhnlichen Rechnung hier.

⚽ Ein paar Woche ist es her, dass ich mich mit Mascha getroffen habe. Sie schreibt gerade an ihrer Doktorarbeit, liebt das Rumstöbern in Archiven und kann sich für alte Dokumente begeistern. Wir sind rund um die Lomonossow-Universität spazierengegangen und sie hat mir gezeigt: Hier in dem Turm ist mein Wohnheimzimmer, da vorne ist der Haupteingang zum Unigebäude – und da, nicht weit weg, soll die Fanzone gebaut werden. Der zentrale Ort, wo in Moskau all die Fußballfans zusammen feiern können, die keine Karten fürs Stadion bekommen haben.

Mascha und ihre Kommilitonen haben Angst, nicht vor den Fans, sondern vor dem Krach bis spät in die Nacht, mitten in der Prüfungszeit. Wie sie ihren Protest dagegen sichtbar machen, und wie die FIFA, der Uni-Rektor und die Stadt Moskau mit diesem Protest umgehen, habe ich für die Berliner Zeitung aufgeschrieben. Am Tag, nachdem der Artikel im Blatt war, war ich abends mit dem Moskau-Besuch noch mal oben in den Sperlingsbergen, und siehe da: Baustellenlärm, Kipplaster, Bagger, Staubschwaden wehen hoch und verschleiern den Blick aufs Unigebäude. Es sieht nicht gut aus mit den Erfolgschancen für den Studentenprotest.

kscheib russball fanzone bauarbeiten

⚽ Dass Niko Kovac neuer Bayern-Trainer wird, inspiriert nicht nur deutsche Dichter, es beschäftigt auch die russische Fachpresse. Sowetski Sport kritisiert zum Beispiel, Kovac habe keine Champions-League-Erfahrungen und als Trainer noch keinen einzigen Titel geholt, was er wohl auch im DFB-Pokalfinale am 19. Mai nicht schaffen werde.

Bei Sports.ru gbt es sogar eine umfangreiche Analyse all der Gründe, warum der neue Trainer scheitern muss, unter der Überschrift: „Niko Kovac wird neuer Bayern-Trainer – es scheint, als ob das nicht die beste Idee ist.“ Begründung hier: Kovac sei es gewohnt, seinen Kopf duchsetzen zu können – das werde ihm bei Hoeneß und Rumenigge nicht gelingen. Seine Lieblingsaufstellung bei der Eintracht lasse sich nicht auf die Bayern übertragen, und überhaupt habe Kovac den Job ja nur bekommen, weil Tuchel ihn nicht wollte.

⚽ Die tunesische Nationalmannschaft wird während der WM im Moskauer Vorort Seljatino untergebracht, gerade war der Moskauer Sportminister auf Inspektionstour dort. Ein Reporter von Championat.com ist mitgelaufen und berichtet: ein paar schiefe Kacheln und seltsam verlegte Rohre, Rasen im schlechten Zustand, an der Hotelrezeption gibt’s noch keine tunesische Fahne. Alles Sachen, die sich bis Turnierbeginn noch regeln lassen. Besonders hübsch fand ich die Bemerkung des Reporters, eine „Motivation nach deutscher Art“ sei für die Tunesier leider nicht möglich: Die örtliche Bierbar ist derzeit leider geschlossen.

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Zum Abschluss noch ein Text, der nichts mit Russland zu tun hat, dafür aber mit Fußball, mit Familie, mit einem Fan – und einem der noch sucht, ob es eine Mannschaft gibt, deren Fan er sein möchte. Auf die Gefahr hin, dass euch in den letzten Tagen auch andere Leute diesen Text nahegelegt haben – er verdient es auch, mehrfach empfohlen zu werden: „Papsi, ich bin doch gar kein Fan“. Bis nächste Woche!



 

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Russball, Folge 40: Zenits Trainer pöbelt bei Instagram zurück

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Diese Russball-Folge entsteht, während im Browser-Tab nebenan ein Wartebalken von links nach rechts kriecht. Die letzte Phase des Kartenverkaufs für die Fußball-Weltmeisterschaft hat begonnen, diesmal nach dem Prinzip „Wer zuerst kommt, kauft zuerst“. Spätestens jetzt muss es also klappen – kann doch nicht sein, dass in meiner Stadt WM ist und ich geh nicht hin! Also, falls ihr in diesem Text Tippfehler, unnötige Wiederholugnen oder Tippfehler findet, dann seht es mir nach. Ich bin ein bisschen abgelenkt.

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⚽ Letzte Woche Spekulation, diese Woche Tatsache: Leonid Sluzky wird neuer Trainer bei Vitesse Arnheim. So ein russischer Trainer im europäischen Ausland ist durchaus eine Rarität – um so bemerkenswerter also, dass Sluzky nach Hull nun schon seine zweite solche Station in kurzer Zeit antritt. (Und wie hübsch: Auf Niederländisch schreiben ihn einige Medien dort ‚Sloetski‘.)

⚽ Zenit St. Petersburg steht auf Tabellenplatz 5, das sah schon mal deutlich besser aus. Auch beim Spiel gegen Leipzig neulich kam Zenit nicht wie ein allzu bedrohlicher Gegner rüber, am Ende gewann Leipzig 2:1. Entsprechend sauer sind die Fans derzeit, vor allem Trainer Roberto Mancini steht in der Kritik: „@mrmancini10 Va fa’n’culo!“, schrieb ein wütender Zenit-Fan unter sein Instagram-Foto, was nichts anderes als „Fick dich“ bedeutet.

Nun ist @mrmancini10 der Instagram-Name von Roberto Mancini. Aber der Trainer ist ja Profi, auch im Umgang mit der Öffentlichkeit. Was wird er also tun? Den Post ignorieren? Zur Sachlichkeit aufrufen? Äh, nein. Der Trainer reagierte auf die Pöbelei unter dem Foto höchstselbst, und im selben Ton: „Tu e tua sorella“, antwortete er dem Fan, „Dich und deine Schwester.“ Nun ja.

kscheib zenit mancini instagram

⚽ Russlands Nationaltrainer Stanislaw Tschertschessow hat sich im brasilianischen Fernsehen zu den Themen Rassismus und Hooligans in Russland geäußert. Leider bewegt sich seine Äußerung auf dem Niveau von Franz „Ich hab noch nicht einen einz’gen Sklaven in Katar g’sehn“ Beckenbauer: Das mit dem Rassismus ist gar nicht so schlimm, und das mit den Hooligans ebenfalls alles halb so wild. (Warum ich das anders sehe, steht hier.)

⚽ So, das muss aber jetzt erst mal reichen an Trainer-Geschichten. Reden wir vom Titan: Die Iswestija hat Oliver Kahn ein paar Fragen gestellt, zum Einstieg geht es um Russlands Rolle als WM-Gastgeberland, die Antworten sind alle freundlich-unverbindlich. Interessanter fand ich, was Kahn zum russischen Fußball zu sagen hat, genau genommen zu Igor Akinfejew.

kscheib russball oliver kahn

Der Mann ist, was Kahn auch mal war: Torwart und Kapitän der Nationalmannschaft. Kahn hält, das kommt bei dem Interview gut raus, große Stücke auf Akinfejew und ist selbst verwundert, dass dem der internationale Durchbruch noch nicht gelungen ist. Von einem Torwart zum anderen rät er ihm darum, sein Glück außerhalb des russischen Vereinsfußballs zu suchen: „Er muss sich die Frage stellen, wie weit er im russischen Fußball sein Potenzial realisieren kann. Um sich völlig zu entwickeln, muss er raus aus seiner Komfortzone.“

⚽ Twitter und FOX haben sich zur gemeinsamen WM-Berichterstattung zusammengetan, täglich soll es bei Twitter eine halbstündige Livesendung mit Highlights des Turniers geben. Gedacht ist das Angebot allerdings für Zuschauer in den USA – Twitter-Nutzer in Europa brauchen also vermutlich ein VPN, um mitgucken zu können. Das Studio zur Sendung soll übrigens mitten auf dem Roten Platz stehen – mal sehen, ob das bei den Moskauern auf ähnlich viel Gegenliebe stößt wie vor ein paar Jahren der Louis-Vuitton-Koffer.

⚽ Schlimm: Dass immer noch Leute Überschriften nach dem Prinzip „From Russia with XY“ (oder auf deutsch „XY-Grüße aus Moskau“) machen. Dann doch bitte besser so schmerzhaft kalauernd, aber immerhin originell, wie hier. (Ja, ich musste mir das auch laut vorlesen. Wenn das nicht reicht, hilft dieser Clip euch vielleicht auf die Sprünge.)

⚽ Das „Mannschaft Magazin“ kannte ich bisher nicht, begegnet ist es mir nun durch einen langen Artikel über die Situation schwuler Fußballfans in Russland, der im Gegensatz zu vielen anderen über die bloße Bestandsaufnahme hinausgeht. In der interessantesten Passage des Textes kommt Ale­xander Agapow zu Wort, der Präsident des russischen LGBT-Sportverbandes.

Er berichtet aus der Praxis, wie schwierig es ist, Mitstreiter im Kampf gegen Homophobie zu finden, und wie schwer sich schwule und lesbische Sportfans mobilisieren lassen: „Sie akzeptieren ihre Situation und glauben, sie seien machtlos. Sie sehen nicht, dass ihre Teilnahme etwas bewirken könnte,“ kritisiert Agapow.

⚽ Zwei prominente russische Fußballer haben auf ihren Social-Media-Accounts dazu aufgerufen, am kommenden Wochenende wählen zu gehen – klingt erst mal nicht besonders interessant. Doch Sports.ru hat da etwas beobachtet: Es sind schon ziemlich auffällig ähnliche Bilder, die die beiden Nationalspieler Artjom Rebrow und Alexander Kokorin da gepostet haben, beide mit denselben Hashtags, beide mit abgeschalteter Kommentarfunktion.

Neben den beiden Nationalspielern haben auch andere Promis solche Motive veröffentlicht. Und das, wo jedem klar ist, dass Wladimir Putin die Präsidentschaftswahl ohnehin gewinnen wird – womit die Wahlbeteiligung der eigentliche Gradmesser für seinen Rückhalt in der Bevölkerung ist.

Haben sich die beiden also anwerben lassen für eine Promokampagne, die Putin die erhoffte hohe Wahlbeteiligung bescheren soll? (Schließlich machen die Behörden hier gerade jede Menge Wellen, um Wähler anzulocken – man kann sogar ein Auto gewinnen.) Kokorin hat auf Anrufe von Sports.ru nicht reagiert, und das kurze Interview mit Rebrow ist in all seiner Schlichtheit ziemlich deutlich:

– Ach, lassen Sie uns darüber nicht diskutieren. Das ist doch ein politischer Moment. Kein Kommentar.

– Haben Sie selbst entschieden, das zu posten, oder hat Sie jemand darum gebeten?

– Ich sagte doch: Da reden wir nicht drüber. Das ist doch nicht die Frage. Mit Sport hat das nichts zu tun, stimmt’s? Und über Politik diskutiere ich nicht.

– Aber Sie sind Sportler.

– Aber über Politik rede ich nicht. Zum Thema Sport beantworte ich alle Fragen.

– Sie wollen also überhaupt nichts dazu sagen? Kokorin hat heute einen ähnlichen Post veröffentlicht.

– Genau, da will ich gar nichts zu sagen.

Was Sports.ru noch über die mögliche Kampagne herausgefunden hat, steht hier.

⚽ Schon seit einigen Wochen protestieren Studierende an Moskaus wichtigster Uni gegen Pläne der FIFA, bei ihnen rund ums Gebäude eine Fan-Zone einzurichten. Die Studentinnen und Studenten der Lomonossow-Universität haben Angst, das 40.000 feiernde Fußballfans den Unibetrieb durcheinanderbringen können – das sorgt nicht nur diejenigen, bei denen im Sommer Prüfungen anstehen.

Nachdem von der FIFA niemand auf die Proteste reagiert hat, hoffen sie nun auf Unterstützung von Wissenschaftlern und Studenten aus aller Welt, um endlich Gehör zu finden. Warum sich die FIFA nicht bewegt, dazu haben sie jedenfalls eine simple These: “Vielleicht ignoriert sie das Problem aufgrund ihrer Sponsoren, die ja gute Bilder für ihre Fernsehberichterstattung brauchen.“ Das Unigebäude ist ein Prunkstück der Moskauer Architektur, eignet sich also in der Tat gut als TV-tauglicher Hintergrund für Bilder feiernder Menschen.

⚽ Der Fall Sergei Skripal geht in die zweite Woche, und nein, ich hätte nicht gedacht, dass sich da ein fußballerischer Aspekt dran finden lässt. Aber das Team der BBC-Nachrichtensatireshow „Have I got News For You“ hat sich Mühe gegeben und dann doch einen entdeckt: „England stellt neues Auswärtstrikot für WM in Russland vor“.

⚽ So sehr es sich manchmal anfühlt, als laufe im Fußball im Moment alles nur auf die Weltmeisterschaft hin: Es gibt ein Leben nach der WM, sogar ein fußballerisches. Ja, stimmt, erst mal reist die deutsche Nationalmannschaft im Sommer nach Russland, aus bekannten Gründen. Aber Mitte November gibt es dann einen Gegenbesuch: Russland schickt seine Elf zum Länderspiel nach Deutschland, genau genommen nach Leipzig. Könnt ihr euch ja schon mal in den Kalender eintragen.

⚽ Und dann noch eine Kleinigkeit, die nur indirekt mit Fußball zu tun hat: Seit kurzem bin ich Besitzerin eines Stapels alter Fußballbücher. Design aus der Sowjetzeit, seien es Werbeplakate, Alltagsgegenstände oder Schnittmuster, ist ein Faible von mir.
In dem Bücherstapel ist auch sicher einiges an künftigem Blogmaterial enthalten, aber im Moment bin ich noch perplex und begeistert von drei Fundstücken, die zwischen den Seiten lagen: Olympia-Andenken aus dem Jahr 1980.

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So. Russball ist fertig, bloß der doofe Wartebalken hat es noch nicht mal bis zur Hälfte des Bildschirms geschafft. Vier Stunden lang regelmäßiges Gucken auf diese Info, einschließlich Tippfehler.

kscheib fifa wartebildschirm

Vier Stunden das Gefühl, dass „more than an hour“ mindestens Schönfärberei ist, vielleicht auch einfach Spott. Mal sehen, ob sich in den nächsten vier Stunden was tut, aber so lange müsst ihr ja nicht warten – wir sprechen uns in einer Woche wieder. Bis dann!



 

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Russball, Folge 38: Fußball bei eisigen Temperaturen

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Was man so macht bei einer Kältewelle in Russland: Erst mal angrillen. Neben dem Gefühl, zu den ganz Harten zu gehören, nehme ich auch eine Erkenntnis mit: Irgendwann ist es so kalt, da beginnt sogar der russische Supergrillanzünder (Mit Kirscharoma! Und ner halbnackten Frau auf der Flasche!), langsam zu gefrieren. Wer den so entstandenen Slushie auf die Kohle kippt, läuft Gefahr, mit Grillanzünder das Feuer zu löschen – und damit die Ironieschallmauer zu durchbrechen.

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⚽ Was das mit Fußball zu tun hat? Viel, denn an diesem Wochenende ist nach 80 langen Tagen die russische Winterpause vorbei. Endlich wieder Liga-Fußball! Glückliche Fans rennen in die Stadien – am Sonntag bei vorhergesagten 6 Grad unter null zum Beispiel zum Lokalderby zwischen Lokomotive Moskau und Spartak. Für die Begegnung versprach Loko-Präsident Ilja Gerkus gestern schon einen Rekord mit Ansage: „Fünf Tage vor dem Spiel (…) sind mehr als 85 Prozent der Eintrittskarten verkauft. Wir können schon jetzt sagen, dass wir bei den Einnahmen aus diesem Spiel einen neuen Vereinsrekord aufstellen werden.“

Loyale Fans in Ehren, ganz unumstritten sind Fußballspiele bei Minusgraden in Russland aber nicht. Lutsch-Energija Wladiwostok zum Beispiel muss heute Abend gegen den FK Tosno ran, auch das voraussichtlich bei Temperaturen deutlich unter null. Für Trainer Aleksandr Grigoryan bedeutet das nichts anderes, als willentlich die Gesundheit von Spielern und Fans aufs Spiel zu setzen. „Was ist das für ein Fußball, wenn sich die Leute die Zehen abfrieren? (…) Fußball soll Freude bringen und keine Folter sein.“ Irgendwann, ist sich Grigoryan sicher, werde ein Spieler sich schwer verletzen oder erkranken, und dann müsse jemand die Verantwortung übernehmen.

⚽ Apropos Winterwetter: Bei Zenit St. Petersburg hatten sie sich ja ein schönes Trainingslager in Italien einfallen lassen. Flucht aus dem kaltfingerigen Würgegriff von Väterchen Frost, ab in den Süüüüden. Hat ja auch super geklappt. Nicht.

⚽ Wenn sie aus Italien zurück sind, müssen die Zenit-Jungs dann am 8. März gegen RB Leipzig ran. Da lohnt sich doch ein Blick darauf, was russische Fußballfans aus der örtlichen Fachpresse über den Europa-League-Gegner der Petersburger erfahren. Zenit-Trainer Roberto Mancini betreibt schon mal Erwartungsmanagement und spricht von einem „jungen Team mit viel Erfahrung“, das ein sehr schwieriger Gegner sein werde.

Alexander Bubnow von Sport FM hält dagegen: Im Vergleich zur letzten Saison sei Leipzig diesmal deutlich schwächer, mit 100 Prozent Einsatz könne Zenit das deutsche Team also schlagen. Als „gut organisierte, disziplinierte Mannschaft, die ergebnisorientiert spielt“ wird Leipzig anderswo beschrieben, für Fußballverhältnisse sei der junge Klub „noch ein richtiges Kleinkind“. Und Sport Express fasst zusammen: „Aktives Pressing (…), schneller Wechsel von der Verteidigung zum Angriff und viel Kombinationsspiel – in seiner aktuellen Form ist Leipzig sehr stark.“

⚽ Gerade ist in der Hauptstadt wieder ein großes Infrastrukturprojekt abgeschlossen worden, seit Montag hat Moskaus ohnehin riesiges Metronetz fünf neue Haltestellen. Auf diesem Bild sind sie als kurze, türkisfarbene Linie dargestellt:

kscheib russball moskau metro

Vom Delowoi Zentr, der Haltestelle unter den Hochhäusern von Moscow City, kommt man nun also schneller zu den Stationen ZSKA und Petrowski Park/Dynamo. Anders gesagt: zu zwei Moskauer Fußballstadien, in denen bei der Fußball-Weltmeisterschaft nun so gar keine Spiele stattfinden. (Dynamo ist im Moment sogar nur eine große Baustelle.) Andererseits: Einem U-Bahn-System, mit dem an Spitzentagen knapp zehn Millionen Menschen unterwegs sind, tut jede Entlastung gut – erst recht im Stadtzentrum. Und wenn das Dynamo-Stadion wirklich so schick wird, wie sich das in diesem Video andeutet, dann lohnt es sich für WM-Touristen auch, da ohne Spiel einfach mal vorbeizuschauen.

⚽ Wenn das mal keine Knaller-Überschrift ist: „Russische und ausländische Fans dürfen psychotrope Substanzen zu WM-Spielen mitnehmen“. Substanz ist dann aber genau das, was dem eigentlichen Artikel fehlt. Es geht, schlicht gesagt, um Menschen, die von ihrem Arzt zum Beispiel Cannabis verordnet beommen haben. Die dürfen, wenn sie einen beglaubigten Schrieb vom Arzt dabei haben, dieses Cannabis auch im Stadion dabeihaben, jedenfalls in einer für Medizin üblichen Menge.

Was anfängt wie eine Skandalmeldung, ist Ende für fast alle Leser egal – und für einige Menschen mit Multipler Sklerose oder chronischen Schmerzen die Möglichkeit, trotz ihrer Erkrankung ein WM-Spiel zu sehen. Aber das ist natürlich sehr viel weniger spektakulär als die urprüngliche Überschrift.

⚽ Nun findet ja jeder andere Dinge attraktiv, aber: Täusche ich mich, oder ist „durchtrainierter Fußballspieler mit ambitioniertem Bart sitzt halbnackt auf seinem zerwühlten Bett und baut an einem Modellboot“ schon eine ziemlich spezifische Nische? Championat.com besetzt sie aktuell mit einem großen Interview mit Maksim Beljajew, der sich ansonsten vor allem über seine Liebe zu Büchern auslässt und in Moskaus größtem Buchladen fotografiert wurde.

Beljajew, der seine Karriere bei Lokomotive Moskau begann und aktuell bei Arsenal Tula spielt, spricht über Agatha Christie, J.R.R. Tolkien, Jules Verne und die Scifi-Romanreihe „Metro 2033“. Und wenn er dazwischen so Klopper raushaut wie „Wir brauchen einen Alleinherrscher, der alles kontrolliert, sonst gibt es Chaos“, dann scrollt man halt drei Zeilen weiter: Ob er am 18. März zur Wahl gehen wird, will der Interviewer wissen – och nö, sagt Beljajew, eher nicht, da ist bestimmt irgendwas, ein Fußballspiel oder so. Aber wenn irgendwie doch, dann natürlich Putin. Ach ja. Alleinherrscher. Dann passt’s ja.

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Zum Schluss noch was für euren Kalender: Gerade hat Russlands Nationalelf ihre Länderspielplanung fürs restliche Jahr veröffentlicht. Nach der WM im eigenen Lande ist erst mal Pause bis September, dann folgen bis Jahresende sechs Begegnungen. Eine davon wollt ihr euch vielleicht schon mal notieren: Am 15. November kommen die Russen zu einem Spiel nach Deutschland.

Sobald bekanntgegeben wird, in welcher Stadt die beiden Nationalmannschaften gegeneinander antreten, erfahrt ihr’s hier. Und falls ihr Freunde habt, die das auch interessiert, können sie sich hier für den Russball-Newsletter anmelden. Bis nächste Woche, macht’s gut!



 

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Russball, Folge 37: Bier, das Getränk zivilisierter Fans

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Eins gleich vorneweg: Wir halten uns diese Woche nicht auf mit Stanislaw Manajew. Ja, der Mann aus dem Kader des FK Tosno hat sich tatsächlich mit einem 5000-Rubel-Schein die Nase geputzt. Ja, das ist komplett geschmacklos, wenn man bedenkt, dass jemand, der in Russland den gesetzlichen Mindestlohn verdient, im Monat gerade mal zwei solcher Scheine zur Verfügung hat. Mehr gibt es dazu nicht sagen, höchstens noch: Wer auf dem Platz nicht von sich reden macht, muss eben andere Wege wählen.

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⚽ Der Besitzer der russischen Supermarktkette „Magnit“, Sergei Galizki, ist gerade aus dem Unternehmen ausgestiegen und hat seine Anteile an die Staatsbank VTB verkauft. Warum diese Info in einen Newsletter zum Fußball in Russland gehört? Wegen der Antwort, die Galizki auf die Frage gab, was denn nun für ihn kommt: „Ich werde in Krasnodar leben und mich wohl dort um den Kinder- und Jugendfußball kümmern. Das ist alles, denke ich.“

Der FK Krasnodar gehört zu den Top-Vereinen der Premjer-Liga, Galizki selbst hat ihn vor zehn Jahren gegründet und ist noch heute sein Präsident. Und der Verein ist bemerkenswert, weil er sehr viel mehr Wert auf Nachwuchsförderung legt als seine Mitbewerber (mehr dazu hier). Darum ist der Ausstieg eines Supermarkt-Magnaten aus seinem Unternehmen eben auch ein Thema für Russlands Sportjournalisten: „Das Leben der Nachwuchsspieler des FK Krasnodar wird noch besser“, heißt einer der Kommentare.

⚽ Nicht nur fußballerisch ist die Zeit zwischen dem Confed-Cup im vergangenen Sommer und der WM in diesem Jahr eine Durststrecke, sondern auch ganz wortwörtlich: Abseits solcher großen Turniere darf in Russland kein Alkohol im Stadion verkauft werden, was die Fans naturgemäßig wenig begeistert. Sergej Prjadkin, Chef der obersten russischen Liga, hat darum jetzt mal einen Testballon steigen lassen.

Budweiser oder Klinskoje? In solchen Bechern wurde beim Confed-Cup Bier in den russischen Stadien verkauft.
Budweiser oder Klinskoje? In solchen Bechern wurde beim Confed-Cup Bier in den russischen Stadien verkauft.

Ja, der Kampf gegen den Alkoholismus sei weiter wichtig, so Prjadkin – aber Bierhersteller seien eben auch eine mögliche neue Einnahmequelle für die Fußballvereine. Die Premjer-Liga arbeite deshalb daran, dass Bier im Stadion und Biermarken als Sponsoren bald erlaubt sind. Schließlich, so Prjadkin, ist Bier „ein normales Getränk zivilisierter Fans“. Und die Fußballseite „Bombardir“ weist darauf hin, dass in Deutschland das Stadionbier eine lange Tradition hat. Randale, heißt es dort, werde mit Überwachungskameras verhindert.

⚽ Wo wir gerade beim Alkohol sind: Пробка, gesprochen [PROBka], hieß mal eine Fußballkneipe bei uns um die Ecke. Fußballfans trinken gerne, пробка bedeutet Korken, die Logik war halbwegs einleuchtend. Im übertragenen Sinne ist eine пробка aber auch ein Stau – der Korken also, der verhindert, dass der Verkehr fließt.

An das Themenfeld zwischen Korken knallen lassen und im Stau stehen musste ich bei dieser Meldung hier denken: Damit trotz Moskaus legendär verstopfter Straßen alle WM-Spiele pünktlich anfangen, dürfen die Mannnschaftsbusse auf den Spezialspuren fahren, die auch der ÖPNV in Moskau nutzt. Auch offizielle Delegationen und Journalisten bekommen dieses Privileg – vorausgesetzt, sie sind in Shuttlebussen unterwegs. (Die Regelung gilt auch in den anderen Gastgeberstädten, Details hier.)

⚽ Als Rheinländerin in Russland ist mir das Prinzip, dass vor der Fastenzeit eine Figur verbrannt wird, vertraut. In Köln stirbt für unsere Sünden der Nubbel in den Flammen. In Russland ist – nach den „Masleniza“-Tagen, in denen man so viele Pfannkuchen wie möglich isst – eine große Strohfigur fällig. Traditionell ist das meist eine Frauenfigur in traditioneller Tracht, die als „Frau Masleniza“ für den hoffentlich bald beendeten Winter steht.

In der Stadt Perm haben sich einige Menschen in diesem Jahr auf ein populäres Feindbild geeinigt: Sie zündeten eine Strohpuppe an, der sie das Gesicht von Grigori Rodschenkow angesteckt hatten, dem Doping-Whistleblower. Damit keine Missverständnisse aufkommen, hat der Puppe auch noch jemand ein „WADA“-Schild ans Hemd geheftet.

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Einen lebenden Menschen symbolisch verbrennen und dann um die brennende Figur tanzen. Wo ist das Facepalm-Emoji, wenn man es braucht?

⚽ Welcher russische Verein erreicht in der Europa League die nächste Runde? Sergei Andrejew, sowjetischer Nationalspieler und heute Trainer, macht sich wenig Illusionen: Spartak, Zenit und ZSKA sind nach seiner Einschätzung alle chancenlos, bloß Lokomotive Moskau kommt weiter. So weit, so offensichtlich – Loko ist der einzige Verein, der sein Hinrundenspiel gewonnen hat.

Als ich mir zu Andrejew ein wenig Hintergrund anlesen wollte, bin ich auf ein interessantes Detail gestoßen: Der Mann ist einer von knapp 75 russischen Fußballern im Grigori-Fedotow-Klub. Nun ist das nicht die Sorte Verein, deren Mitglieder sich einmal im Jahr treffen und bei Mineralwasser die Tagesordnung abnicken und den Vorstand endlasten.

Der Fedotow-Klub ist eher eine Liste, eine Art Hall of Fame. Alle russischen Spieler, die in ihrer Profikarriere mindestens 100 Tore geschossen haben, gehören dazu. (Wer Spaß an sowas hat, findet im Kleingedruckten viel Unterhaltsames: So zählen zum Beispiel Tore in der Liga, in der Nationalmannschaft und bei Spartakiaden. Für russische Spieler im Ausland gilt: Tore in der ersten Bundesliga zählen, in der zweiten leider nicht.)

⚽ Nicht ausgestrahlt wird die Fußball-WM in der Ukraine, aus politischen Gründen und vielleicht auch als als Reaktion darauf, dass der Eurovision Song Contest in Kiew nicht im russischen Fernsehen gezeigt wurde.

Für ukrainische Fußballfans dürfte das allerdings kein großes Problem sein – und das nicht nur, weil ihre Mannschaft sich nicht qualifiziert hat. Schließlich sind viele russische TV-Sender zwar in der Ukraine geblockt. Aber wie geübt die Menschen darin sind, solche Blockaden zu umgehen, hat gerade erst diese Statistik gezeigt: VK, Odnoklassniki, Yandex – alle offiziell gesperrt und trotzdem weiterhin unter den populärsten Websites in der Ukraine. Heißt für die WM: Was der Fernseher nicht liefert, liefern halt VPN und Livestream.

⚽ Fünf WM-Spiele werden in Rostow am Don stattfinden, nun lässt sich der stellvertretende Gouverneur dort ins Portemonnaie gucken und zählt auf: 38 Milliarden Rubel für den schicken neuen Flughafen, 18 Milliarden fürs Stadion, dazu noch diverse Brücken- und Straßenbauprojekte, Insgesamt hat die Stadt so laut eigenen Angaben mehr als 100 Milliarden Rubel investiert, um sich weltmeisterschaftstauglich zu machen. Umgerechnet sind das rund 1,4 Milliarden Euro.

⚽ Zum Abschluss noch eine kleine Übersicht, mit welchen neuen Gesetzen sich die russische Regierung auf die WM vorbereitet. Zum einen läuft bis Ende Mai ein Pilotversuch zum steuerfreien Einkaufen für Touristen – bei Erfolg soll es im Anschluss direkt auf alle WM-Austragungsorte ausgedehnt werden. Damit bekämt ihr also die Mehrwertsteuer auf eure WM-Handyhüllen und WM-Hoodies und WM-Federmäppchen und WM-Teekannen zurück (ja, das gibt’s alles wirklich).

Der Verkehrsminister möchte unterdessen bitte ein Gesetz bewilligt bekommen, wonach er (vermutlich nicht persönlich) während des Turniers Drohnen abschießen lassen darf, die zum Beispiel ohne Erlaubnis über ein Stadion fliegen. Es ist nicht die einzige Akte mit WM-Vermerk auf dem Schreibtisch des Ministers: Gerade hat er auch ein Bauunternehmen verklagt, das für zwei der Stadien zuständig war. Knackpunkt ist offenbar die Frage, warum die Projekte so viel teurer wurden als geplant: Lag’s, wie die Firma sagt, an der Inflation? Oder ist da doch der ein oder andere Rubel, na, sagen wir mal: versickert?

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Ein Update gibt es noch nachzureichen zur Russball-Folge 34 – das war die mit der Liste russischer Hotels, die versuchen, WM-Reisende mit überhöhten Preisen abzuzocken. Gerade wurde bekannt, dass sie dafür insgesamt rund 88.000 Euro an Bußgeldern zahlen mussten. Guckt man allerdings genauer, verteilt sich diese Strafe auf fast 400 Hotels bzw. Hotelbesitzer. Im Schnitt also vielleicht 250 Euro pro Fall. Ob das irgendeine abschreckende Wirkung hat?



 

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Russball, Folge 33: Thomas Müller und ein Stadion im Schnee

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Was ich letzte Woche gelernt habe: Wenn eine Russball-Folge am Dienstag Abend erst nach Mitternacht fertig wird, sollte man beim Mailversand nicht „morgen früh“ auswählen! Anders gesagt: Sorry an alle Newsletter-Leser, die statt wie gewohnt mittwochs erst am Donnerstag von mir gehört haben. Kommt hoffentlich nicht wieder vor.

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⚽ So, jetzt isset durch: Konstantin Rausch verlässt Köln und wechselt zu Dynamo Moskau – und es kostet mich als Ex-ex-ex-Kölnerin sehr viel Überwindung, hier jetzt keine nostalgischen Köln-Hymnen zu verlinken. Also schnell auf die Dynamo-Seite und nachgeguckt, was sie sich von ihrem Neuzugang versprechen: „Konstantin will in Russland spielen, um im Vorfeld der Fußball-WM vor den Trainern der Nationalmannschaft präsent zu sein, und Dynamo hat Interesse an einem starken Spieler, der das Team auf ein neues Level bringen kann.“

Ob Dynamo dank Rausch besser spielt, sehen wir erst nach dem Ende der Winterpause. Das Rausch sich verbessert hat, steht schon fest, jedenfalls statistisch: Statt fürs Tabellenschlusslicht spielt er nun immerhin für den Tabellenzwölften.

⚽ Noch vor dem Rausch-Wechsel ist die aktuelle Folge des Futbolgrad-Podcasts aufgenommen worden. Das Hören lohnt sich trotzdem – dann könnt ihr nicht nur ein paar Hintergrundinfos zu Dynamo Moskau mitnehmen, sondern auch erfahren, wie das war, als mit der Sowjetunion auch die sowjetischen Strukturen des Vereinsfußballs zerfielen.

Eine gute halbe Stunde Fußballgeschichte aus einer Epoche, über die ich zwar viel Politisches wusste, aber fast nichts Sportliches oder Sportpolitisches. Wenn auch euch das interessiert: Bei Minute 24 geht es los. (Eventuell braucht ihr ein wenig Geduld, die Seite ist recht buggy, jedenfalls, wenn man von Russland auf sie zugreift. Ansonsten gibt es die Folge aber auch bei iTunes.)

⚽ „Wer schafft es, den Erfolg von Miroslav Klose (16 WM-Tore) zu übertreffen?“, hat der offizielle Weltmeisterschaftstwitteraccount seine Follower gefragt. Das Ergebnis ist deutlich – und für die deutsche Nationalmannschaft schmeichelhaft: 36 Prozent trauen das am ehesten Thomas Müller zu, der damit knapp vor Neymar und deutlich vor Harry Kane liegt.

„Müller hat schon 10 Tore und ist (erst) 28 Jahre alt, es liegen also noch mindestens zwei Weltmeisterschaften vor ihm“, begründet ein Twitternutzer seine Wahl. Ein anderer Kommentar hat in den Tagen seit der Twitter-Abstimmung einen traurigen Beigeschmack bekommen: „Georgi Dschikija“ steht da – wohl mehr im Scherz, denn Dschikija gehört in der russischen Nationalmannschaft zur Abwehr. Neuerdings sieht es nun so aus, als ob er bei der Weltmeisterschaft überhaupt nicht zum Einsatz kommen wird: Im Spartak-Trainingslager in Dubai hat sich Dschikija verletzt – ein Kreuzbandriss. Das dauert.

⚽ Die Frage klingt absurd: Kann man eine Nationalmannschaft von der WM im eigenen Land ausschließen? Terje Svendsen, Chef des norwegischen Fußballverbandes, findet: ja. Darum hat er die FIFA aufgerufen, ihre Ermittlungen zu den Vorwürfen des staatlich geförderten Dopings im russischen Fußball zu beschleunigen. Und, falls sich der Verdacht bestätige, Russland von der WM auszuschließen.

Die Reaktion in Russland ist wenig überraschend: „völlig inakzeptabel“ seien solche Vorschläge, sagt der Chef des russischen Fußballverbands. Er droht im Gegenzug damit, sein Verband könnte nun rechtlich gegen die Norweger vorgehen.

⚽ Bei dieser Überschrift hier habe ich mich erst mal verlesen. Also: Nein, Russland schafft keinen Supercomputer an, um das WM-Wetter zu verbessern. Das Ding soll lediglich die Wettervorhersagen zur Weltmeisterschaft verlässlicher machen. Nicht ganz so spektakulär – ich hatte gehofft auf eine Mischung aus Deep Thought und diesen Flugzeugen, mit denen sie hier in Moskau Anfang Mai gerne mal die Wolken impfen, damit sie vor der Parade am 9. Mai schön außerhalb der Stadt abregnen.

So nimmt Russlands staatliches „Gidrometzentr“ also im März einen Rechner in Betrieb, der dann nicht nur für die Austragungsorte verlässlichere Prognosen bietet. Sondern auch, den mitreisenden Fans zuliebe, für die Reiserouten zwischen den Spielorten – damit Züge und Flüge verlässlich ankommen.

⚽ Auf der langen, langen To-do-Liste, die hier vor WM-Beginn abgearbeitet werden muss, steht offenbar auch: Fabriken rund um die Austragungsorte zeitweise dicht machen, wenn ein Arbeitsunfall dort zum Gesundheitsrisiko für Spieler und Fans bedeuten könnte. Kommersant zitiert aus einem Brief, den der FSB an die Leitung eines Chemiewerks in der Nähe von Nischni Nowgorod geschickt haben soll. Darin werde das Unternehmen angewiesen, von Mitte Juni bis Mitte Juli den Betrieb einzustellen.

Konkret geht es dem Brief zufolge um alle Prozesse mit „gefährlichen chemischen und biologischen Stoffen, radioaktiven, giftigen und explosiven Substanzen.“ Manche Unternehmen, die diesen Brief erhalten haben, sind naturgemäß wenig amüsiert – Arbeiter im Zwangsurlaub, dazu Gewinnausfälle, die zum Beispiel das Werk bei Nischni Nowgorod im Millionenbereich veranschlagt. Firmen, die den Betrieb nicht einfach einstellen können, sollen sich in einer Stellungnahme für den FSB dazu äußern, mit wie vielen Opfern und welchen Umweltschäden bei einem Unfall während der WM zu rechnen wäre. (Den ganzen Bericht mit Stellungnahmen weiterer Firmen gibt es hier.)

⚽ Minus 9 Grad sind es draußen, während ich das hier schreibe. Der Winter in Russland ist mir – kalte Finger hin, beschlagene Brille her – ans Herz gewachsen. Schon allein, weil er solche großartigen Schneefotos möglich macht wie das hier von der Arena in Rostow. Brasilien, Kroatien, Island, Mexiko, Uruguay, Saudi-Arabien, die Schweiz und Südkorea dürfen hier zu Gruppenspielen antreten. Deutschland leider nicht.

⚽ Von steigenden Hotelpreisen während der WM war hier ja neulich schon mal die Rede. Jetzt hat die BBC mal ein Auge auf die Preise für Privatunterkünfte geworfen: Was, wenn man als WM-Tourist eine Wohnung oder ein ganzes Haus mieten will? Klar, auch da sind die Preise während der WM deutlich höher als sonst, manchmal sogar richtig dreist. 44.000 Dollar für knapp zwei Wochen in einem mittelprächtigen Appartment in Saransk? Echt jetzt?

Interessant an dem BBC-Bericht ist vor allem, welche Marktmächte da im Spiel sind: Hotelpreise werden staatlich reguliert. Das heißt nicht, dass es nicht auch hier Abzocker gibt, aber sie müssen zumindest fürchten, erwischt und öffenlich angepragert zu werden. Vermieter von Privatunterkünften sind solchen Regeln nicht unterworfen. Das ist das eine. Das andere, so die BBC, sei ein gefühlter Mangel an Übernachtungsmöglichkeiten: Einige russische Hoteliers hätten sich von großen Buchungsplattformen wie Booking.com inzwischen zurückgezogen. Wenn ein Kunde dort angezeigt bekommt, dass es zum Zeitpunkt seiner Reise kaum noch Hotelzimmer gibt, muss das also nicht unbedingt stimmen. Doch wenn er das nicht weiß, weicht er eben eher auf eine Mietwohnung aus.

⚽ Keine Woche vergeht hier im Moment, ohne dass sich jemand zum Thema „Gehälter im russischen Profifußball“ äußert. Neulich noch der Vorschlag, sie auf 30.000 Rubel runterzuschrauben – ihr erinnert euch. Diesmal ist also Denis Gluschakow dran mit einer Wortmeldung.

Profifußballern zahle man „zu früh zu viel Geld“, findet der russische Nationalspieler. Das Ergebnis seien dann Spieler, die zu sehr von sich überzeugt seien und nicht mehr an sich arbeiteten. Gluschakows Vorschlag darum: Lieber umverteilen und künftig mehr Geld in die Hand nehmen für Trainer von Kinder- und Jugendmannschaften.

⚽ Dann hat sich noch ein Haufen Zahlen in der vergangenen Woche in meinen Bookmarks gesammelt. Damit das hier nicht ausufert, eine kleine Stichwortliste:

– 6,9: Der Wert der Infrastruktur, die derzeit in Russland für die Fußball-WM aufgebaut wird, in Milliarden Euro
– 10: Zahl der regenbogenbunten Boote, die Fußballfans hier im Sommer auf der Moskwa hin- und herschippern sollen
– 72,1: Die Einnahmen (in Millionen Euro), die sich die russische Post vom Verkauf ihrer WM-Briefmarken verspricht
– 77: Auch das sind Millionen Euro, in diesem Fall der Gewinn, den Zenit St. Petersburg im Jahr 2016 gemacht hat. Laut UEFA-Statistik bedeutet das Platz 1 im Ranking der profitabelsten Fußballclubs Europas. Danke, Hulk! Danke, Shanghai!
– 350: Zahl der Kassiererinnen (es sind meist Frauen) in der Moskauer Metro, die 2017 eine 72-stündige Englisch-Fortbildung gemacht haben, um besser auf die Fragen von WM-Touristen vorbereitet zu sein

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Zum Schluss noch was Buntes, Nostalgisches, leicht Abwegiges. Subbuteo hat mit richtigem Fußball so viel gemein wie Gummitwist mit rhythmischer Sportgymnastik. Aber diese Übersicht der Spielfiguren, die man in den Siebzigern als Subbuteo-Spieler kaufen konnte, ist so farbenfroh, die muss hier einfach noch mit rein.

Euch noch eine bunte Woche, und bis zum nächsten Mal!



 

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