Russland-WM ist, wenn Journalisten übers Zugfahren schreiben

russland bahnhof tula

Hat man auch nicht so oft, dass eine Fußball-WM ihr eigenes journalistisches Genre hervorbringt. Klar, der Livekommentar eines Spiels, sei es im Fernsehen oder im Radio, gehört zur Weltmeisterschaft – aber genau so eben zur Bundesliga oder zur Champions League. Das Interview mit dem Bundestrainer plus anschließender Exegese, es ist hier täglich Brot – aber das war in Brasilien nicht anders und wird auch in Katar nicht anders sein.

Eine Art von Text allerdings gehört wie keine andere nur zu dieser WM in Russland. Exemplare dieser Spezies fangen zum Beispiel so an: „Russland ist groß.“„Als wir am frühen Nachmittag ins Zugrestaurant kommen, ist Sergej schon blau.“„Mittags um zwölf hält der Zug im Niemandsland.“ Es ist, genau, die Große Russische Zugreportage. Täglich begegnen einem im Moment solche Texte, quer durchs journalistische Angebot, von der Neuen Zürcher Zeitung bis zur Neuen Osnabrücker Zeitung.

Es sind Geschichten, in denen Menschen Irina, Olga, Sweta und Mischa heißen, in denen mit Fremden gemeinsam gegessen, getrunken, geschlafen und über Fußball gesprochen wird. Manchmal geht das nur mit Händen und Füßen, manchmal helfen Geduld und Google Translate. Manchmal braucht es viele Anläufe, um eine einzige Sache auszudrücken, aber alle wollen sich unbedingt verständigen. Manchmal gelingt es, 8000 Zeichen zu schreiben, ohne dass auch nur ein einziger russischer Mitreisender zu Wort kommt. So erzählt jeder und jede Reisende auch etwas über sich selbst, absichtlich oder nicht.

Überhaupt finde ich es beim Lesen interessant, mir die Kollegen hinter den Geschichten vorzustellen. Wow, der mag tatsächlich Pastila, diesen extrem zuckrigen russischen Nachtisch. Oh, die hat aber ein gutes Händchen dafür, mit Leuten ins Gespräch zu kommen. Ach guck, die vielen kleinen Details, wie schön beobachtet.

Dass die Zugfahrtreportage rund um die WM so populär ist, hat wohl mehrere Gründe. Zum einen verbinden viele Ausländer mit Russland eben Zugfahrten, was wahrscheinlich am Mythos Transsib liegt. Zum anderen ist so eine Reportage die Chance, nah dran zu sein an den Fans. Die können nämlich, wenn sie eine Fan-ID haben und ein Ticket bekommen, kostenlos mit dem Zug vom einen Austragungsort zum anderen gondeln. Das dauert, denn – siehe oben – Russland ist groß.

Und so fahren sie nun also Zug und schreiben darüber, natürlich nicht nur auf Deutsch. „Extra time in Russia: by train to three World Cup cities“, titelt der Guardian, „Vodka, pine nuts and politics: World Cup fans meet Russians on the world’s longest train line“, schreibt die Washington Post. Irgendwo am Rande des WM-Textgenres 2018 bewegen sich Geschichten, in denen Menschen über ihre Erfahrungen mit dem Zugfahren in Russland interviewt werden („Thurgauer Kantonsrat Didi Feuerle reist mit Bus und Bahn zur WM“) oder Artikel, die schon vor der WM geschrieben wurden, aber mit einem WM-Bezug veröffentlicht.

Wenn es am Ende dieses Turnier noch irgendeinen Journalisten gibt, der nicht über eine Zugfahrt in Russland berichtet hat, kann man wohl davon ausgehen, dass die Kollegen bereits hinter dem Rücken über ihn tuscheln und er beim nächsten großen Turnier zuhause bleiben muss. Da kann er dann aus der Ferne zuschauen, wie alle Kollegen ihr „Wie ich mal auf einem Kamel durch die Wüste ritt“-Stück liefern. Aber bis dahin sind ja noch ein paar Jahre.

Im Jetzt und Hier möchte ich zum Schluss noch zwei Dinge empfehlen. Kunden, die sich für „Journalist schreibt Ich-Reportage aus einem russischen Zug“ interessierten, interessieren sich doch bitte auch für „Luzia in Rossija“, eine Serie kurzer Filme zur WM, Folge 3 spielt im Zug. Und für
Diagnosis, ein Fotoessay über einen russischen Krankenhauszug – ohne WM-Bezug, einfach so interessant.

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Russball, Folge 53: Das ist nicht mehr das Moskau, das ich kenne

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Taxifahrer, die aussteigen und einem die Tür aufhalten. Laut singende Menschen, die abends durch unsere Straße ziehen. Polizisten, die Dinge durchwinken, die hier sonst sofort abgebrochen oder mit Festnahmen enden würden: Transparente ausrollen, auf Denkmäler klettern, sowas. Für diejenigen, die von außen angereist sind, mag das gar nicht so besonders sein: Eine Stadt, in der eine Fußball-WM stattfindet, natürlich sind die Menschen da ausgelassen, die Polizei versucht’s erst mal mit Deeskalation, die Einheimischen zeigen sich von ihrer besten Seite.

Für die von uns, die hier dauerhaft leben, ist der Unterschied sehr viel deutlicher. Der Moskauer an sich, er ist halt oft eher so eine Art Berliner: Kurz angebunden bis unwirsch, vor allem, wenn man was fragen will. Die Polizei zeigt sich normalerweise (Ausnahmen bestätigen die Regel) eher demonstrativ präsent als zurückhaltend. Derselbe Gesichtsausdruck, der für uns in Deutschland ernst und abweisend wirkt, gilt hier als normal.

Was das mit den Moskauern macht, ist sehr hübsch in einem Artikel der Nowaja Gasjeta beschrieben, deren Reporter sich im Zentrum der Stadt unter die feiernden ausländischen Fans gemischt hat: „Menschen, die in Shorts, Jeans, kurzen Röcken ihre Beine hochwarfen. Kolumbianer. Der Karneval hatte gerade erst begonnen, und die Moskauer Großmutter, die die Kolumbianer nun so betrachtete, wie Großmütter sonst Hare Krischnas mit Trommeln betrachten, konnte noch ungestört ihre Lieblingsstraße entlang gehen.“

Und ich bin irgendwo zwischen grummeliger Empörung (Na toll, für die vier Wochen versteht ihr also plötzlich Englisch, helft Leuten, die nach dem Weg fragen und rempelt nicht alle zur Seite, die im Bus eine halbe Sekunde zu spät die Tür frei machen) und Rührung. Diese Rentner, die sich da in der Innenstadt um einen Akkordeonspieler gesammelt haben und nun singen und vorbeiströmende Fans zum Mittanzen animieren – so wunderbar ist Moskau, wenn es sich mal richtig ins Zeug legt.

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⚽ Der WM-Effekt ist nicht auf Moskau beschränkt. „Solche Gefühle hat Samara noch nicht erlebt“, heißt es in einem Artikel der Komsomolskaja Prawda. Was war passiert? Vor dem Spiel Costa Rica – Serbien war eine große Gruppe Costa-Ricaner vor das Mannschaftshotel gezogen und hatte dort ihr Team so lange besungen, bis sich die Spieler zeigten und bedankten. Das Video allein macht schon gute Laune:

Der größte Spaß ist aber, zu lesen, wie der Journalist vor Ort diese ungewohnte, importierte Lebensfreude beschreibt: „Es war ein monumentaler, unvorstellbarer Anblick: Stellen Sie sich bloß vor, dass mitten in den Straßen von Samara (…) eine Menschenmenge aus heißblütigen Lateinamerikanern tobt, die Polizei gelassen daneben steht und darauf achtet, dass diese Leidenschaft nicht ausufert, die Busse ruhig auf die Nebenspur wechseln und Passanten sofort nach der Kamera oder dem Telefon greifen.“ Die Verwunderung, was in Russland plötzlich möglich ist, kann man gut heraushören.

⚽ Das ging schnell: Gestern habe ich darüber gebloggt, dass Leonid Sluzki in seiner Rolle als WM-Experte bei Russlands wichtigstem Staatsfernsehsender beiläufig Alexej Nawalny erwähnt hat. Das ist dort, na sagen wir mal: unüblich. Sehr unüblich. Massiv unüblich. Einige Stunden lang wurde Sluzki im Netz als Held gefeiert, man fragte sich bereits, welche heiklen politischen Themen er als nächstes ansprechen würde.

Dann, spät am gestrigen Abend, kam die Meldung: Sluzki wird keine weiteren Spiele mehr im Fernsehen kommentieren. Der Status Quo in seiner ganzen deprimierenden Reichweite ist damit wiederhergestellt. Lektion für alle: Wer ihn verletzt, fliegt raus.

⚽ Rund 33.000 Leute passen ins Stadion in Jekaterinburg, nur 27.000 waren am Freitag da, als Ägypten gegen Uruguay spielte. Sowas fällt auf, vor allem, wenn man Sitze in Knatschorange hat. Warum bleiben da so viele Plätze frei, die Frage beschäftigt viele Russen. Auch der Regionalgouverneur, Jewgeni Kuiwaschew, konnte sich in einem Instagram-Post den Ärger nicht ganz verkneifen: „Es hat mich ein wenig gekränkt, die leeren Plätze zu sehen, aber mir fehlen dazu die Befugnis und die nötigen Informationen: Für Tickets sind unsere Partner bei der FIFA zuständig.“

Игра закончилась победой Уругвая над Египтом, счет 1-0. Первый матч ЧМ в Екатеринбурге прошел без происшествий, все службы отработали хорошо. Впереди еще три игры. Стадион «Екатеринбург Арена» зарекомендовал себя прекрасно. В комментариях пишут про пустые места на центральной трибуне. Да, к сожалению, оставались свободные места. Согласно данным FIFA, на игру пришли 27015 человек, хотя были распространены более 30 тысяч билетов — на все свободные места. Мне было немного обидно видеть пустые места, но я тут не обладаю полномочиями и необходимой информацией: билетами занимаются наши партнеры из FIFA. В любом случае, заполняемость стадиона составила более 80%, боковые и верхние трибуны были заполнены почти под завязку. Болельщики получили огромное удовольствие от игры. Надо учитывать и то, что все-таки внимание к командам Уругвая и Египта не такое большое, как к некоторым другим сборным. В будущем нас ждут игры Мексики, Швеции, Франции. Думаю, людей на стадионе будет достаточно.

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Eine Erklärung ist, dass auf den leeren Plätzen VIP-Gäste sitzen sollten, denen es dort dann zu kalt war. So klingt es auch bei der FIFA, die nur etwas schwammig von Gruppenbuchungen spricht, bei denen die Gruppenmitglieder nicht erschienen seien. Die Vermutung liegt nahe, dass da nicht von Fan-Reisegruppen die Rede ist, sondern von Sportfunktionären oder Jekaterinburger Offiziellen.

Ein Fan hat unterdessen ganz andere Probleme: Er kam zu dem Spiel in Jekaterinburg und musste dort feststellen, dass es seinen Sitzplatz nicht gab. Die Nummer, die auf seinem Ticket stand, gab es im Stadion (das ja für die WM umgebaut wurde) nicht.

⚽ Mein Bauchgefühl sagt mir, dass ihr über das Deutschland-Mexiko-Spiel in den vergangenen Tagen schon genug gesehen und gehört habt. Da spare ich mir also sowohl Gejammer als auch Analyse, sondern verlinke einfach eine kleine russische Presseschau vom Morgen danach.

⚽ Dieses Spiel da in Wolgograd, England gegen Tunesien, muss ja ein ziemliches Mückenfestival gewesen sein – hier eine kleine Fotosammlung zu dem Thema. Sportschau-Frau Julia Scharf entschied sich für den einzig passenden Hut und bekam dafür sogar die Aufmerksamkeit russischer Buchmacher:

„Ausländische Journalisten diskutieren während des Spiels zwischen Tunesien und England in sozialen Netzwerken die leeren Plätze und die Grashüpfer im Stadion„, heißt es da. „Das deutsche Fernsehen macht seine Übertragung generell in Masken.“ Stimmt so nicht, aber das Foto ist in der Welt und dreht seine Runden im Netz. Ach so, und eine Torte in Stadionform gab es auch.

⚽ Schön, wofür sich der russische Geheimdienst alles zuständig fühlt: Die kroatische Nationalmannschaft, die ihr Quartier irgendwo in der Nähe von St. Petersburg hat, wollte Fahrräder für ihren Kader haben, 30 Stück. Abgenickt werden musste das nach dem Bericht einer regionalen Nachrichtenseite allerdings von den zuständigen Sicherheitsleuten, und deren Chef ist vom FSB. So fiel die pragmatische Entscheidung: 30 Kroaten auf Fahrrädern, wie sollen wir die denn alle im Auge behalten? Komm, wir geben ihnen zwei Fahrräder, das muss reichen.

Besonders zauberhaft ist der Witz, der dem Bericht zufolge rund um das Mannschaftsquartier kursiert: Wenn auch nur einem der kroatischen Nationalspieler etwas passiere, heißt es da, könnten sich die Sicherheitskräfte, die für sie zuständig sind, schon mal darauf einstellen, demnächst nur noch Schachturniere in Sibirien zu bewachen. Und wenn die fahrradlosen Kroaten demnächst wegen akutem Lagerkoller aus dem Turnier ausscheiden, können sie immerhin sagen: Der FSB ist schuld!

⚽  Es gibt viele Dinge, die man am DFB kritisieren kann. Die überzogenen Versprechungen zum Moskauer Fan-Camp zum Beispiel, oder das Rumlavieren beim Thema Menschenrechte in Russland. Der Fairness halber soll aber hier auch erwähnt sein, dass sich die offizielle Delegation vorgenommen hat, sich hier auch mit Menschen und Organisationen zu treffen die sich für Freiheitsrechte einsetzen. Eines dieser Treffen war mit Memorial, wer mehr über diese NGO erfahren will, kann das hier.

⚽ So sieht es aus, wenn Fußballfans nach dem WM-Eröffnungsspiel in Moskau die Nacht zum Tag machen: Das Strelka-Institut zeigt, wann und wo Menschen in einer normalen Nacht in Moskau etwas kaufen (grün) und wann sie in der Nacht nach dem Eröffnungsspiel etwas gekauft haben (pink). In einer durchschnittlichen Juni-Nacht gibt es zwischen Mitternacht und 9 Uhr morgens kaum irgendwelche Einkäufe, heißt es im Artikel zu der Grafik.

strelka

In der WM-Nacht hingegen kann man sehen, wie die ganze Nacht hindurch Transaktionen stattfinden, vor allem von Fans, die Essen und Getränke kaufen. Man sieht, gerade nach Miternacht, ganz deutlich, wo Moskaus Kneipenstraßen liegen. Die Summe, die in dieser Nacht für Getränke ausgegeben wurde, lag doppelt so hoch wie sonst. Und wo wir schon bei Fans sind und der Frage, wofür sie Geld ausgeben: Seit Beginn der WM sinken die Mietpreise in Moskau – vermutlich, weil sie vor dem Turnier so obszön hoch waren.

⚽ Zum Schluss noch ein Wort zu Russlands 3:1 gestern Abend, das aller Wahrscheinlichkeit nach ja den Einzug ins Achtelfinale bedeutet. Das Spiel war gar nicht so doll, aber hinterher noch ein bisschen ins Stadtzentrum zu fahren, dort die hupenden Autos und feiernden Leute zu sehen – das hat schon großen Spaß gemacht.

Für die russischen Fans ist der Erfolg um so schöner, als er so unerwartet kommt. Am besten merkt man das vielleicht an einem Artikel von Championat.ru, dessen Überschrift schlicht lautet: „АААААААААаааааааа!!!1“ Darum zum Schluss noch ein Actionfoto, bei dem ihr mir einfach mal glauben müsst, dass es ein beflaggtes Auto zeigt, das in der Dunkelheit über den Neuen Arbat fährt.

kscheib moskau autokorso

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So, morgen gehe ich mir dann übrigens auch endlich mein erstes WM-Spiel live ansehen, Portugal gegen Marokko, hier bei uns im Luschniki-Stadion. Dank Reuters weiß ich, dass wohl auch ein ausgesuchter Möpp mit im Stadion sein wird: Sepp Blatter, früherer FIFA-Chef. Der ist zwar eigentlich für alle fußballerischen Aktivitäten gesperrt, aber was heißt das schon. Es ist WM in Russland, und wenn der Präsident dem Blattersepp einen Stadionbesuch ermöglichen will, dann macht er das auch.

Bis nächste Woche, macht’s gut!



 

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Zehn Tweets zum ersten Tag der Fußball-WM

Wer niedrige Erwartungen hat, der kann auch nicht enttäuscht werden. Nach dem Prinzip funktioniert offenbar stellenweise auch das Merchandising rund um die russische Mannschaft bei der Fußball-WM.

Ein Journalistenkollege macht sich verdient und verbreitet das gute Wort von den Freuden georgischer Küche. Die zwei Kollegen von n-tv.de, die derzeit in Moskau sind, habe ich auch sofort zum Georgier geschleppt. Georgisches Essen – dafür kommt man schließlich nach Russland!

Wie war das vor dem Turnier? Schwule und lesbische Fans sind willkommen und müssen sich keine Sorgen machen?

Dann beginnt die Eröffnungsfeier und ist irgendwie…retro?

Ein Mann, der aussieht wie der etwas ältere, etwas weniger lässige Bruder von Robbie Williams, singt und zeigt einen Stinkefinger in die Kamera, was eine ukrainische Website zum Trollen nutzt: „Robbie, wird Russland Weltmeister?“

Ich lachte:

Manche Leute müssen während des Eröffnungsspiels der Fußball-WM zwischen Russland und Saudi-Arabien von A nach B. Einige von ihnen posten Bilder, wie sie das Spiel in der Metro gucken.

Nach dem 5:0 dann: Gefeier an der Fan-Zone, am Hang über dem Luschniki-Stadion:

Irgendwelche Idioten machen sowas hier:

Und die russische Nationalmannschaft bekommt nach dem Abendessen noch eine kleine Süßigkeit.

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Das Trinkspiel zur Fußball-WM in Russland

kscheib Fußball-WM russland trinkspiel

Ein Gastgeberland, das gerade auf ein historisches Tief im FIFA-Ranking gerutscht ist. Ein Weltmeister, der in seinen letzten Spielen vor Turnierbeginn so gar nicht überzeugen konnte. Wer von der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland nicht allzu viel Spannung erwartet, der muss sie sich eben schöntrinken.

So entstand die Idee für ein WM-Trinkspiel. Mit ein paar Leuten, die alle in Russland leben oder das mal getan haben, haben wir Klischees, Floskeln und Pannen gesammelt, auf die wir uns bei der Weltmeisterschaftsberichterstattung gefasst machen müssen. Der Spielmodus funktioniert dann ähnlich wie beim Eurovision Drinking Game:

Ihr braucht: Freunde, Gläser und Getränke. Klassisch russisch ist natürlich der Wodka, es geht aber sehr gut auch mit Tschatscha – dem Grappa, den man hier in jedem georgischen Restaurant bekommt. Wer komplett furchtlos ist, entscheidet sich für Medowucha, quasi russisches Met. Vor alle wird ein volles Glas gestellt und nach jeder Runde sofort nachgefüllt. Als Snacks bieten sich saure Gurken, Grenki, Tschetschil und Chips an. Dann nur noch den Fernseher anschalten – für ein komplettes Spiel, einen Bericht in den Nachrichten oder ein Hintergrundstück. Abwarten, was zu sehen und zu hören ist. Und das regelmäßige Nachgießen nicht vergessen.

– ⚽ Die Bond-Floskel. Für jeden Satz, der eine Variation des Filmtitels „Liebesgrüße aus Moskau ist“: Trink einen Schluck!

– ⚽ WatuTINki und SborNAja. Jemand betont den Ort des DFB-Quartiers oder das russische Wort für Nationalmannschaft falsch. Trink einen Schluck!

– ⚽ Der Lada. Ein Lada fährt durchs Bild oder steht am Straßenrand. Trink einen Schluck!

– ⚽ Der unnütze Putin. Putin ist immer gut, da werden die Leute hellhörig. Auch, wenn er ohne wirklichen Zusammenhang erwähnt wird. Putins Armee, Putins Wähler, Putins Kabinett – geschenkt. Putins Fußballmannschaft, Putins Kunstrasen, Putins Kreuzbandriss: Trink einen Schluck!

– ⚽ „Das Riesenreich“. Wann immer Russland mit dieser abgenutzten Phrase beschrieben wird: Trink einen Schluck!

– ⚽ Die Alliterationshölle. Jedes Mal, wenn jemand „der Rubel rollt“ sagt: Trink einen Schluck!

– ⚽ Ist hier Polen? Jemand behauptet, „Prost“ heiße auf Russisch „na sdorowje“. Trink einen extragroßen Schluck!

– ⚽ Kyrillisch-Missbrauch. Es werden kyrillische Schriftzeichen eingeblendet, aber so verwendet, als wären es deutsche – я als R, д als A. Betäube den Schmerz mit einem Schluck!

– ⚽ Die Fischeier. Jemand isst Kaviar. Trink einen Schluck!

– ⚽ Das Schnäpschen. Jemand trinkt Wodka. Lass ihn nicht allein und trink einen Schluck!

– ⚽ Die Schappka Uschanka: Jemand hat eine Fellmütze an. Trink einen Schluck!

– ⚽Der Hattrick. Jemand isst Kaviar, trinkt Wodka und hat eine Fellmütze auf. Trink dein Glas leer!

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Russball, Folge 52: Jetzt geht’s los, jetzt geht’s los

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„Wollen Sie jetzt mit Ihrem normalen Visum einreisen oder mit der Fan-ID“, fragt die Frau an der Passkontrolle. Zuvor hab ich schon zwei Volunteers, die garantiert ein Lächeltraining durchlaufen hatten, erklären müssen, dass ich mich in der Schlange für FIFA-akkreditierte Journalisten anstellen darf. Sehr lustig, weil natürlich mal wieder russische Anarchie herrscht und sich das Ömchen vor mir, deutlich im Rentenalter und erkennbar keine ausländische Journalistin, stillschweigend in genau diese Schlange gestellt hat und nun „ich geh hier nicht weg, da müsst ihr mich schon tragen“ ausstrahlt. Es ist also alles wie immer, nur halt anders.

In der Halle neben dem Gepäckband steht ein eigener WM-Desk mit, theoretisch, vier Schaltern. Keiner von ihnen ist besetzt, stattdessen können die neu Gelandeten einen wichtigen russischen Begriff lernen: „technitscheski pererif“, technische Pause. Klingt wichtig und deckt alle Gründe ab, warum da gerade niemand sitzt. An der Straße ins Zentrum sind großflächig Werbeflächen mit allerlei FIFA-Kram belegt, auf den Brücken im Zentrum wehen Fahnen und ja, im Supermarkt bei uns in der Nähe wurden auf der Zielgeraden noch ein paar Fan-Artikel ins Sortiment genommen.

Wer immer in diesen Tagen behauptet, hier in Moskau herrsche nun endlich „WM-Fieber“, der ist wahrscheinlich Hypochonder. Schön lakonisch haben das die Kollegen von der Moscow Times in einem Facebook-Post festgehalten. Immerhin: Die ausländischen Fans sorgen hier und da für Stimmung auf der Straße, gestern saß ich in einem Café und vor der Tür lieferten sich Anhänger von Peru und Kolumbien einen Sprechchor-Wettbewerb. Sehr schön, das darf gern so bleiben.

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⚽ Schon klar, ihr wollt hier jetzt alle was über die WM lesen. Und ja, da kommen wir auch gleich noch zu, keine Bange. Aber zum Hintergrund gehört ja auch die Frage, wie es dem Fußball in Russland geht. Die Antwort ist einfach, sie hat mal wieder mit Geldmangel zu tun, und Sports.ru bringt es mit größtmöglichem Sarkasmus auf den Punkt. „Der russische Fußballsommer in einem Bild“ heißt die Überschrift, darunter drei Vereinslogos:

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„Tosno – hat dicht gemacht. Kuban – wird dicht machen. Amkar – wird dicht machen.“ Drei russische Fußballvereine, die es in der nächsten Saison nicht mehr geben wird, und ehe einer fragt: Nein, das sind nicht irgendwelche Clubs. Tosno ist der diesjährige Pokalsieger, dürfte eigentlich demnächst international spielen, aber nein: Der Verein hat sich aufgelöst, weil das Geld fehlt. Bei Amkar Perm sieht es ähnlich düster aus, Kuban schließlich soll allen Berichten nach durch einen neuen Verein namens „Uroschai“ ersetzt werden, weil der alte Club keine Lizenz mehr bekommen hat. Und mit all dem Frust, den ein Fußballfan fühlt, wenn es seine Mannschaft plötzlich nicht mehr existiert, bildet die Redaktion dazu ein Feuerwerk über der Basiliuskathedrale ab und schreibt: „Am 14. Juni beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland.“

⚽ Gute Nachrichten für Dmitry Petelin: Der Student, der wie viele seiner Komilitonen gegen die Fan-Zone unmittelbar neben dem Universitätsgebäude in den Sperlingsbergen protestiert hat, muss kein Verfahren wegen Vandalismus mehr fürchten. Petelin soll auf eine Hinweistafel zur WM die Worte „Keine Fanzone“ gesprayt haben und war daraufhin festgenommen worden, ihm drohten 65.000 Rubel Geldstrafe oder gar Haft.

Nach einer Unterschriftenaktion und nachdem sich sowohl der Uni-Rektor als auch der Menschenrechtsrat der russischen Regierung für ihn eingesetzt hatten, wurde das Verfahren nun eingestellt. Dass eine Verurteilung wegen einer solchen Bagatelle kurz vor der WM denkbar schlechte PR gewesen wäre, hat sicher auch zu dieser Entscheidung beigetragen.

Klappt allerdings auch nicht immer: Selbst alleine ein Schild hochzuhalten ist nach russischem Recht eine unangemeldete Demonstration. Ein Mann, der das zur Unterstützung Petelins getan hat, muss dafür nun 20.000 Rubel Strafe zahlen, das sind rund 280 Euro – mit dem Verweis auf einen Erlass aus dem Jahr 2017, durch den die Versammlungsfreiheit während der WM noch weiter eingeschränkt wurde, als sie es hier ohnehin schon ist.

⚽  Was man nicht so alles lernt, wenn man Berichte ausländischer Medien liest. War mir zum Beispiel neu, dass Joachim Löw mal im Nebenjob Krawatten verkauft hat. Eines von vielen Details in einem Porträt des Trainers bei Wedomosti: dass er „Adrenalin im Blut liebt und deshalb den Kilimandscharo besteigt, Fallschirm springt oder ins Casino geht.“

Dass sein Vater in sowjetischer Kriegsgefangenschaft war und zurückkam mit der Überzeugung, Russen könnten alles schaffen, wegen ihrer großen Leidensfähigkeit. Und dann, natürlich, die Anekdote, dass Löw ja mal Trainer und somit Chef von Stanislaw Tschertschessow war, Russlands heutigem Nationaltrainer. Wie oft wir diese Tatsache bis Mitte Juli wohl noch erzählt bekommen?

⚽  Ach schön, Moskaus Bürgermeister meldet sich zu Wort, von dem hört man ja sonst total selten. Hüstel. Jedefalls wendet sich Sergej Sobjanin via VKontakte an die Moskauer, oder noch genauer: an die Chefs der Moskauer.

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Erst ein paar warme Worte über die Ehre, Gastgeber sein zu dürfen, dann der Hinweis auf die vielen Staatsoberhäupter, die zur Eröffnung kommen, und dass das natürlich Straßensperrungen bedeutet. (Wie gefühlt jede Woche hier in Moskau.) Dann die Pointe: „Deshalb bitte ich die Leiter von Unternehmen und Organisationen, in diesen Tagen ihre Mitarbeiter mit maximaler Großzügigkeit zu behandeln und ihnen, wenn möglich, einen freien Tag zu geben.“ Mit der Tatsache, dass der Mann nächstes Jahr wieder zur Wahl steht, hat das natürlich nichts zu tun.

⚽ Eh das Turnier auch nur begonnen hat, wird schon mal die Schuldfrage geklärt fürs mutmaßlich schlechte Abschneiden der russischen Nationalelf. „Die russische Mannschaft ist sehr schwach, wer ist schuld?“, fragt Sports.ru und bietetzur Auswahl die Spieler, den Trainer und die staatliche Führung an. Die meisten Leser entscheiden sich aber für Option vier, „alle zusammen“, was die Macher der Website sehr schlicht mit einer russischen Fahne illustrieren. Wenn Russland schlecht Fußball spielt, ist daran Russland schuld. Haben wir das auch geklärt.

⚽  Was ist das eigentlich zwischen Ronaldo und Messi? Eine Rivalität? Eine Freundschaft? Irgendwas dazwischen? Oder sind sie einander einfach herzlich egal? Man kann dazu ja allerlei lesen, Spekulationen oder auch mal einen Interviewfetzen. Aber nun hat eine russische Twitternutzerin die Frage beantwortet: Das zwischen Messi und Ronaldo (die Russen sagen Ronaldu) ist Freundschaft.

„Druschba“, Freundschaft, heißt nämlich der Ort, durch den man kommt, wenn man vom Trainingslager der Argentinier zu dem der Portugiesen fährt oder andersrum. Respekt, das muss einem erst mal auffallen! (Übrigens haben die Argentinier drei Tonnen Essen mitgebracht zur WM. Da kann Messi seinen Freund Ronaldo ja mal zum Steak einladen.)

⚽ Darüber hatte ich bisher noch gar nicht nachgedacht: Stimmt, alle Teams, die sich ihr Mannschaftsquartier rund um St. Petersburg gesucht haben, geraten da ja voll in die Weißen Nächte. Die Zeit im Sommer also, wenn es in Russlands „nördlicher Hauptstadt“ nachts nicht mehr dunkel wird. Den Effekt kenne ich hier aus Moskau, auch wenn wir im Hochsommer immerhin noch ein paar dunkle Stunden haben. Trotzdem sitzt du manchmal aufrecht im Bett, es ist taghell – Mist, verschlafen! Du stehtst auf, schlurfst ins Bad – und stellst dort auf der Uhr fest, dass es kurz vor 3 Uhr morgens ist.

Was macht das mit Hochleistungsfußballern, die fit und ausgeschlafen sein müssen für ihr nächstes Spiel? Tragen die jetzt alle Schlafmasken? Warum hab ich das noch nirgends gelesen, das bewegt doch die Welt! Ah, schau, eine Stellungnahme aus der kroatischen Mannschaft, die im Kurhotel „Waldrhapsodie“ untergebracht ist, eine halbe Stunde außerhalb von Petersburg: „Wir haben gute Vorhänge. Das wird kein Problem sein.“ Na gut – aber wenn ihr nun nicht Weltmeister werdet, liebe Kroaten, dann sagt nicht, euch habe keiner gewarnt.

⚽ Wo eine Großveranstaltung stattfindet, gibt es immer auch Abzocker. Bei Airbnb ist mir da neulich Nikolai aufgefallen, und ich muss schon sagen: Es gibt dreist, und es gibt Nikolai-dreist. Oder wollt ihr gerne mehr als 300 Euro pro Nacht ausgeben, um in einem zugemüllten Schuppen auf einem Garagendach zu wohnen? Nein? Seltsam.

⚽ Ach, schön, eine Runde Journalistenbashing. Artjom Dsjuba, russsischer Nationalspieler, hat sich bei den Journalisten von Gasjeta.ru beschwert, sie seien immer so kritisch, mal solle doch erst mal die Mannschaft ihr Turnier abschließen lassen, sie unterstützen und sich dann eine Meinung bilden. Eventuell hat der Mann kein allzu gutes Verständnis, wie das mit der Fußball-Berichterstattung bei großen Turnieren funktioniert, und dass die Hauptaufgabe von Journalisten nicht das Anfeuern ist. Andererseits, die russische Nationalmannschaft steht so tief im FIFA-Ranking wie noch nie, da kann man schon mal nervös werden.

⚽ Große Teile meines Montagabends habe ich auf einer Moskauer Polizeiwache verbracht, zusammen mit einem jungen Ägpter, der hier in Russland studiert. Es war einer der absurdesten Abende, die ich in Russland erlebt habe. Und wir haben so viel Smalltalk über Mo Salah gemacht, dass selbst mich jetzt Tweets wie dieser hier interessieren und ich nickend vor dem Rechner sitze:

Die Fotos von Salah mit Ramsan Kadyrow allerdings, dem tschetschenischen Machthaber, unter dem dort Schwule verfolgt und Menschenrechte komplett ignoriert werden – da kann ich nur den Kopf schütteln. Mehrfach.

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Was bleibt noch, eh sie beginnt, diese Weltmeisterschaft? Ein Dank an alle, die seit einem Jahr hier mitlesen über Russlands WM-Vorbereitungen und den Fußball hier im Lande. An die, die von Anfang an dabei sind und an die, die nach und nach dazugekommen sind. Und nein, das ist kein Abschied, natürlich gibt es auch während der WM jede Woche eine Russball-Folge. Aber eh es morgen trubelig wird, wollte ich halt einmal danke sagen. Ich hab mich in diesem Jahr über jeden Leser und jeden Kommentar gefreut.

Und jetzt wären wir dann soweit, wertes DFB-Team. Here’s looking at you. Kann losgehen!



 

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Russball, Folge 51: Ein russischer Verein lockt Ronaldo

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Zum Start muss ich kurz etwas richtigstellen: In der letzten Russball-Folge sind mir bei einem verlinkten Text Spartak und ZSKA durcheinandergeraten – das kommt davon, wenn man parallel mit zu vielen offenen Tabs hantiert. Netterweise hat sich Witali Leonow, der den Artikel über ZSKA geschrieben hat, gemeldet und auf meinen Fehler hingewiesen. In der Blog-Version ist er bereits korrigiert, ich wollte aber heute auch noch alle Newsletter-Leser darauf hinweisen – sorry!

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⚽ Nun steht also auch der russische WM-Kader, weder Konstantin Rausch noch Roman Neustädter haben es reingeschafft. Die 23 Namen, die man bis zum Turnierbeginn kennen sollte, hier also im Überblick. Und nein, natürlich gibt es solch eine Entscheidung nicht ohne Kritik – die Mehrheit der Leser von Bombardir.ru zum Beispiel ist unzufrieden, wie die Umfrage unter diesem Artikel hier zeigt. Ähnlich klingen die Kommentare, die Championat.com gesammelt hat. Tenor: „Die Titanic ist auf Kurs.“

⚽ Wie teuer ist die russische Nationalmannschaft, und wieviel Geld bringt sie ein? Sport Express beantwortet diese Fragen in zwei separaten Artikeln und geht dort jeweils die großen Turniere der vergangenen Jahre durch. Aussagekräftiger wäre das ja, wenn man Ausgaben und Einnahmen pro Jahr jeweils auf einen Blick sähe, ohne von einem Text zum anderen springen zu müssen.

Darum hier zum Vergleich: Für die WM 2014 in Brasilien kommt Sport Express auf Kosten von rund 17 Millionen Euro, wovon das Gehalt von Trainer Fabio Capello allein 7 Millionen ausmachte. Eingenommen habe die Mannschaft im Gegenzug etwas über 8 Millionen Euro, der Artikel nennt die Zahlen in Dollar: 1,5 Millionen für die geschaffte WM-Quali, weitere 8 Millionen für die Teilnahme an der Gruppenphase. Wer sich noch weiter in das Thema reinlesen will: Hier gibt es die Ausgaben seit 2011, hier die Einnahmen ab 2002.

⚽ Christiano Ronaldo will ja wechseln, hört man, weg von Real Madrid. Der FK Jenissei Krasnojarsk ist jetzt kein russischer Spitzenclub im klassischen Sinne, hebt aber schon mal die Hand und macht mit einem Tweet auf sich aufmerksam, in dem er sich als Alternative zu Madrid und Manchester positioniert:

Die Botschaft der Bilder kann man vielleicht so zusammenfassen: Ja, okay, bei den Top-Vereinen gibt es große Stadien, du gewinnst Trophäen, kannst dir schicke Autos und ne Villa leisten. Bei uns fährt man Lada (man beachte das Nummernschild), wohnt in einfachen Häuschen – aber dafür zahlt du hier auch weniger Steuern! Tatsächlich liegt der Steuersatz in Russland bei gerade mal 13 Prozent, und wir wissen ja alle, wie wichtig das Thema für Christiano Ronaldo ist.

⚽ Langweilige Überblicke über die WM-Stadien haben wir inzwischen ja alle genug gesehen und gelesen. Bei diesem hier hat der Autor hingegen mal so richtig auf die Sahne gehauen. Schon der Einstiegssatz gibt die Richtung vor: „Es ist eine wenig bekannte Tatsache, dass Fußballfans zu den intelligentensten Menschen auf dem Planeten gehören.“

Im selben Stil dann auch die Einzelkritik, so blumig, dass man sie im englischen Original wiedergeben muss: „a bit of a stinker“ ist das Stadion in Jekaterinburg, „your classic Allianz Arena knock-off“ das in Saransk und die Arena in Rostow ganz einfach „booooooooring“. Okay, beim Fischt-Stadion liegt er mit seiner Einschätzung komplett falsch – das sage ich mal so als Fußballfan, also als einer der intelligentesten Menschen auf diesem Planeten.

⚽ Die Stuttgarter Kinderzeitung wollte ihren Lesern kurz vor der WM mal erzählen, wie ein Tag eines russischen Schülers aussieht. Also war ich an der Moskauer Schule Nummer 1955 und habe dort Dmitrij durch seinen Schultag begleitet. Er ist Spartak-Fan, lernt Deutsch, diskutiert gerne – wir mussten also nicht lange nach Gesprächsthemen suchen.

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Wenn es gut klappt, entstehen beim Schreiben für Kinder manchmal Texte, die klarer sind als die für Erwachsene. Ich bin bestimmt nicht die einzige, die schon mal in einer Redaktionskonferenz gesessen hat, wo vorgetragen wird, was welche Agentur zu einem Thema berichtet – und am Ende jemand sagt: „Also, die beste Meldung ist eigentlich die vom dpa-Kinderdienst.“) Wenn’s schief geht allerdings, dann sind Journalistentexte für Kinder albern, betulich, von oben herab und irgendwie dutzidutzidutzi.

Ich hab also an Patenkind 1 und 2 gedacht, was die wohl gerne lesen würden und auch gut selber lesen können. In kurzen Sätzen, anschaulich, das war der Anspruch. Ob’s geklappt hat, könnt ihr hier nachlesen. Ich freu mich über Feedback, von euch oder von euren Kindern.

⚽ Was man nicht unterschätzen darf, ist übrigens, wie sehr sich die Moskauer Metro in die WM-Vorbereitungen stürzt. Durchsagen, Schilder, Personal, alles wird da auf Englisch getrimmt, die Mitarbeiter sollen außerdem lernen, höflich zu sein und auch mal zu lächeln. Englisch, höflich, wer fällt einem dazu ein? Genau, Kanada. Journalisten von CBC waren es also, die sich mal genauer angesehen haben, wie dieses Training für Metromitarbeiter funktioniert.

Ergebnis: eine Reportage und ein Foto vom Lehrmaterial, zum Genießen. Denn da werden die englischen Floskeln kyrillisch verlautschriftlicht. (Danke an Pascal Dumont, dass ich das Bild hier verwenden darf.) Wenn euch in der Moskauer U-Bahn demnächst also jemand ein fröhliches „Ju a welkem“ entgegenschleudert, ein leises „Ekskju mi“ oder ein hellwaches „Gud moning“, wisst ihr, woher das kommt!

#5

⚽ Anderes Verkehrsmittel, gleicher Ansatz: Moskaus Taxifahrer werden auch geschult in Sachen Englisch. Jedenfalls diejenigen, die eine besondere Lizenz bekommen wollen, mit der sie nah ans Stadion heranfahren dürfen, um dort Passagiere abzusetzen oder aufzusammeln. Knapp 5000 Fahrer sollen sich darum beworben haben.

Hübsch in der Reportage aus diesem Kurs: Die These eines Fahrers, dass man eigentlich nur eine Floskel beherrschen müsse: „One thousand“, Rubel nämlich, das sind 14 Euro. Für Fahrten in der Innenstadt ein ziemlich hoch angesetzter Preis, die Reporterin fragt also nach, ob das keine Abzocke sei und somit schlecht für das Image der Stadt. Einer der Fahrer hält dagegen: „Wenn ein Mensch zur Arbeit geht, worum geht es ihm dann – um Moskaus Image oder ums Geldverdienen?“

⚽ Fragen, von denen ich auch nicht dachte, dass sie hier mal gestellt werden: Wie sieht eigentlich ein Fallrückzieher in der Schwerelosigkeit aus? Die Antwort kommt von der russischen Raumfahrtbehörde Roscosmos. Der Ball, mit dem in dem Video auf der ISS gespielt wird, ist inzwischen wieder auf der Erde, rechtzeitig zum WM-Beginn. Er soll nämlich beim Eröffnungsspiel zwischen Russland und Saudi-Arabien verwendet werden.

⚽ Panama ist dieses Jahr zum ersten Mal für die WM qualifiziert. Der Präsident hat daraufhin den Trainingsanzug der Nationalmannschaft angezogen und ein Gesetz unterschrieben, wobei dieses Ereignis ab sofort mit einem eigenen Feiertag gewürdigt wird. Ich stell mir das jetzt mal kurz mit Angela Merkel vor – die hätte in ihrer Amtszeit schon so einiges zu unterschreiben gehabt, und wir ein paar Feiertage mehr. Die Panama-Anekdote stammt aus einem Projekt von 120 Minuten, das zu jedem WM-Teilnehmerland eine Geschichte gesammelt hat.

Wie Schweizer Fußballer gegen Chiracs Atomtests protestiert haben, wie italienischstämmige Austalier zu ihrer Fußball-Nationalmannschaft stehen, dass der Iran seinen bisher einzigen Sieg bei einer WM ausgerechnet gegen die USA holte – hab ich alles vorher nicht gewusst und mir bei 120 Minuten mit viel Spaß erlesen. Egal, welches Team ihr bei der WM unterstützt – hier gibt es eine hintergründige Geschichte zu ihm.

⚽ Vom schwarzen Humor, mit dem russische Fußballfans ihrer Nationalmannschaft gegenüberstehen, war hier ja schon öfter die Rede, wir erinnern uns an die Sache mit dem Slogan für den Bus. Daraus kann man ableiten, dass es kein ganz einfacher Job ist, Social-Media-Mensch der Sbornaja zu sein. Ab und zu gelingt es einem vielleicht, zu vermeiden, dass man eine ungewollte Vorlage liefert. Aber dann gibt es halt doch immer wieder mal ein Bild, wo es unvermeidbar ist.

„Die Puppen spielen sicher auch nicht schlechter“ – „Gesprächspartner gefunden“ – „Was? Gegen die habt ihr auch verloren?“ – „Da ist die Verstärkung.“ Es war eine Vorlage, und die Fans haben sie verwandelt.

⚽ Thielko Grieß war für den Deutschlandfunk draußen in Watutinki, sich das WM-Quartier der deutschen Nationalmannschaft ansehen. Geht natürlich nicht, alles abgesperrt, oder Baustelle, oder abgesperrte Baustelle. Trotzdem ist es ein anschauliches Stimmungsbild geworden über Moskau, ganz kurz vor der WM: „Bauunternehmen verdienen viel an dieser WM. Und für viele andere ist Fußball nicht die größte Leidenschaft, aber wenn das Turnier schon mal im eigenen Land stattfindet, kann man es sich ja auch anschauen. Wer weiß, vielleicht wird es ja doch ganz interessant, diese Sache mit dem Ball und den Stadien und den Spielern und Fans von überall her.“

⚽ Ihr erinnert euch an die Studenten der Lomonossow-Universität, die gegen die Fanzone direkt vor ihrer Haustür protestieren? Sie haben Angst, vor vollgepinkelten Grünflächen, vor betrunkenen Fans, vor allem aber vor dem Lärm an allen Spieltagen, mitten in der Prüfungsphase. Wie nah an der Uni das Party-Areal hochgezogen wird, zeigt diese Fotostrecke hier ganz gut.

Drei Studierenden droht nun ein Prozess. Sie sollen auf eine Litfaßsäule nahe der Uni den Slogan „Keine Fanzone!“ geschrieben haben. Das fällt unter Vandalismus, das Strafmaß reicht laut Vedomosti von einer Geldstrafe bis hin zu drei Jahren Haft. Aktuell sind die drei nach ihrer Festnahme vorläufig wieder auf freiem Fuß.

⚽ Das hier hat die eine oder der andere von euch vielleicht schon gesehen, ein paar deutsche Websites hatten das Video ja auch. Aber es ist so cool und mit seinen simplen physikalischen Gesetzen so Sendung-mit-der-Maus-würdig, dass es auch hier noch mal mit rein darf. Frage: Was passiert, wenn man einen fußballrunden Wasserkanister entwirft? Antwort: das hier.

Wasser, das ein Feuer entfacht. Vielleicht sollten wir uns bei WM-Gimmicks doch auf die fußballrunde Fleischwurst beschränken.

⚽ Wer die Fußball-WM im Fernsehen verfolgen will, kann sich schon mal auf ziemlich viel Bandenwerbung chinesischer Sponsoren einstellen. Klingt jetzt erst mal unspektakulär, wenn da plötzlich „Wanda“, „Mengniu“ oder „Yadea“ steht, aber dahinter steckt eine spannende Geschichte. Über einen Weltfußballverband, der so korrupt ist, dass viele westliche Marken nicht mehr mit ihm in Verbindung gebracht werden wollen. Über Chinas Hoffnung, eine Fußball-Supermacht zu werden und dann bitte auch gerne direkt Weltmeister. Und über die Kalkulation chinesischer Firmen, sich auf dem Weltmarkt zu etablieren: China Won’t Play in This World Cup. It Still Hopes to Profit.

⚽ Steve Rosenberg ist BBC-Korrespondent in Moskau, der ein oder andere kennt ihn vielleicht, weil er rund um den Eurovision Song Contest bei Social Media immer ziemlich aufdreht. 2016 hat er mal ganz groß aufgedreht und bei einem Facebook-Live auf Zuruf alle Eurovision-Titel am Klavier gespielt, die die Zuschauer sich gewünscht haben. „Peter wünscht sich den Siegertitel von Dänemark aus dem Jahr 1964. Peter, du meinst sicherlich 1963.“ Sprachs und spielt los. Ganz großes Tennis.

Zur WM hat Rosenberg nun einen kleinen Clip bei Twitter veröffentlicht, in dem er typisch russisches Essen empfiehlt. Das ist nicht nur super, weil er die langweiligen Klassiker von Borscht bis Kaviar ignoriert, sondern weil wir offenbar beide große Fans von Syrok sind, einem zuckersüßen Quarkriegel. Die Liebe zu Buchweizen hingegen – Steve, Steve, Steve. Ich weiß ja nicht.

⚽ Seit Wochen warte ich darauf, dass das Calvert Journal endlich mal mit seinem WM-Guide in die Pötte kommt. Weil das eben eine Redaktion ist, die anders auf Russland und die Region blickt: Mit einem speziellen Fokus auf Kultur, Architektur, Zeitgeschichte und Alternatives. Nun ist das Ding online, am besten stöbert ihr mal selbst darin rum.

Was mir beim ersten Durchgucken aufgefallen ist: Ein Stadtrundgang durch die Moskauer Fußballgeschichte (der allerdings deutlich leichter zu lesen wäre, wenn man anstelle der ganzen ausformulierten Wegbeschreibungen einfach eine Karte integriert hätte), und ein Rückblick in die Geschichte des Stadions von Jekaterinburg, einschließlich Baueinsätzen deutscher Zwangsarbeiter. Für einige WM-Städte sind die Texte schon online, die restlichen folgen im Laufe der Woche nach und nach.

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Zum Schluss noch was in eigener Sache: Im März habe ich angefangen, für n-tv.de einen täglichen WM-Countdown zu bloggen. Nun sind nur noch wenige Tage über, aber es gibt immer noch viele Fragen rund um den Alltag hier in Russland und die WM. Wenn ihr also Lust habt: Morgen, am Donnerstag, übernehme ich ab 15 Uhr den Twitter-Account der Sportredaktion.

Wenn ihr wissen wollt, ob man für Russland einen Adapter braucht, warum in der Bahn Aufkleber mit Hasen an der Wand kleben oder ob ihr es riskieren könnt, für russische Freunde trotz Sanktionen ein bisschen Parmesan ins Land zu bringen – dann twittert das doch. Der Hashtag heißt #WMFragen und ich werde morgen versuchen, so viele wie möglich davon zu beantworten. Bis dann!



 

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Russball, Folge 50: Lass die Finger von der Vuvuzela

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***Update: Beim Schreiben dieser Folge bin ich mit den Moskauer Vereinen durcheinandergekommen. Natürlich geht es in dem Text von Witali Leonow um ZSKA Moskau, nicht um Spartak. Sorry an Witali und alle Leser! Ich hab’s korrigiert und weise in der nächsten Folge auch noch mal darauf hin.***

Das geht jetzt auf der Zielgeraden Richtung Weltmeisterschaft doch ziemlich schnell: Ich hab mal wieder mit Max vom Rasenfunk über Fußball und WM-Vorbereitungen hier in Russland gesprochen, und uns beiden fiel auf: Das ist vermutlich unser letztes Gespräch vor Turnierbeginn! Also haben wir schnell noch ein bisschen übers Warmduschen, Bierbannmeilen und gute Journalisten in Russland, denen man bei Twitter folgen sollte, gesprochen. Hier könnt ihr das Gespräch anhören.

Dass die WM näher rückt, heißt auch: Der Countdown, den ich für n-tv.de schreibe, neigt sich dem Ende zu. Ich glaube, der wird mir ziemlich fehlen – immer, wenn ich denke: Okay, das Thema ist jetzt definitiv zu abwegig, die Herangehensweise zu bekloppt, kommt als Antwort: Super, bitte genau so lassen, ist gekauft! Selbst, wenn man sich anmaßt, russische Kunstwerke so umzudeuten, dass sie plötzlich alle mit Fußball zu tun haben. Ein großer Spaß!

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⚽  So viele Zahlen, die sich seit der letzten Russball-Folge angesammelt haben und nun drüben bei Pocket rumquengeln, dass sie hier verbloggt werden wollen. Okay, dann machen wir das direkt als erstes: Während der WM wird es in Moskau 72 geführte Touren in der Metro geben, gleichzeitig werden dort gut 800 englischsprachige Mitarbeiter eingesetzt – das sind über den Daumen vier pro Station. In Jekaterinburg haben mehrere Restaurants gemeinsam eine Tonne Jalapenos gekauft, um WM-Gäste aus Lateinamerika angemessen bekochen zu können.

Drei Milliarden Fernsehzuschauer werden sich voraussichtlich die Fußball-Weltmeisterschaft ansehen, 196 Sender in 212 Ländern zeigen die Spiele. Zehn Prozent Rabatt bekommen alle, die eine Fan-ID haben, für Kaffee, Kuchen und andere Snacks in einigen Moskauer Parks – Gorki, Museon und Sarjadje, alle liegen in der Nähe des Luschniki-Stadions. Neun Millionen Rubel Bußgelder (124.000 Euro) sind insgesamt gegen Hotels verhängt worden, die ihre Zimmerpreise für den Zeitraum der WM extrem erhöht haben. Ein Stück Landeskunde zum Abschluss: Jeden Tag essen die Moskauer rund 200 Tonnen Eiscreme. Ein gutes Indiz, dass sich das Probieren auch für Gäste in der Stadt lohnt.

⚽  Ach so, noch ein Zahl: 51 Rubel, das sind so um die 70 Cent, habe ich für eine neue ÖPNV-Karte in Moskau bezahlt. Sie funktioniert in der Metro, im Bus, in der Straßenbahn, vor allem aber sieht sie so aus, dass man sie nach dem Aufladen und Leerfahren gut als Andenken aufbewahren kann. Und wir merken uns auch: Nicht alles, was hier so zur WM auf den Markt gebracht wird, muss zwingend das von der FIFA vorgegebene Corporate Design haben.

kscheib russball troika⚽  Die meisten Fußball-Texte, die derzeit in Russland veröffentlicht werden, haben mit der Weltmeisterschaft zu tun – welcher Trainer beruft wen in seinen Kader, was gibt es an Begleitprogramm, auf welche Straßensperrungen müssen sich die Anwohner einstellen. Da hat es mich gefreut, immerhin einen interessanten Text zum russischen Ligafußball zu lesen: Witali Leonow analysiert, was ZSKA Moskau tun kann, um trotz leerer Kassen auch in der nächsten Liga-Saison oben mitzuspielen.Dazu erläutert er zunächst, warum ZSKA im Vergleich zur Konkurrenz sehr viel größere Geldsorgen hat: kein großes Staatsunternehmen als Sponsor, auch kein Mensch, der weit oben auf der Forbes-Liste steht. Dazu ein neues Stadion, das noch nicht abbezahlt ist, und die Lage der russischen Wirtschaft an sich. Leonows Fazit: „Wenn nicht ein Wunder geschieht und Geld vom Himmel fällt, muss sich der Club auf den Nachwuchs, ausgeliehene Spieler und free agents verlassen, um seine Mannschaft zu verstärken.“

⚽  Hier kommt dann aber auch schon wieder die Brücke vom Liga- zum WM-Fußball: eine Liste ausländischer Spieler, die bei russischen Vereinen unter Vertrag sind und bei der WM für ihr Heimatland antreten. Mit anderen Worten: Die, die sich im Gastgeberland gut auskennen und – wären da nicht diese ganzen Trainingslager – eine kürzere WM-Anreise hätten als ihre Teamkameraden. Der Pole Maciej Rybus zum Beispiel (Lokomotive Moskau), Schwedens Andreas Granqvist (FK Krasnodar) oder Milad Mohammadi aus dem Iran (Achmat Grosny).

Eine spezielle Situation findet sich beim FK Rostov. Der Club, dessen Heimatstadt ja zu den WM-Austragungsorten gehört, hat in seinen Reihen ein ganzes Nest an isländischen Nationalspielern – Ragnar Sigurðsson, Sverrir Ingi Ingason und Björn Bergmann Sigurðarson. Insgesamt kommt die Nachrichtenagentur TASS auf 15 Legionäre in der russischen Liga, die bei der Weltmeisterschaft dabei sein dürfen.

⚽  Neues Wort gelernt: Footbonaut. Das ist so eine Art Käfig, in der Mitte steht ein Fußballspieler und bekommt nun aus allen möglichen Richtungen Bälle zugespielt und muss sie weiterpassen. Begegnet ist mir der Begriff bei Twitter, offenbar hat der FK Krasnodar – immerhin Russlands Tabellenvierter der gerade abgeschlossenen Saison – jetzt so ein Ding bei sich stehen.

Wie so ein Ding in Aktion aussieht, kann man sich in diesem Video von Borussia Dortmund ansehen. Und der DFB hat dann noch eine Anregung, wie man sich selbst eine Billigvariante baut, mit Menschen- statt Maschinenkraft.

⚽ Vor ein paar Wochen habe ich mich recht laut aufgeregt über den dumm-gefährlichen WM-Slogan der deutschen Nationalmannschaft. Auch andere Leute haben „Best never rest“ kritisiert, sei es nun wegen der Sportwissenschaft oder aus ganz grundsätzlichen Gesundheitsgründen.

Womit wir beim Thema sind: Russlands Nationalmannschaft hat mit einem WM-Sponsor zusammen ein neues Motto für auf den Mannschaftsbus gesucht und gefunden: „Spiel mit offenem Herzen“. Das klingt, jedenfalls unter den Gesundheitsaspekt, noch sehr viel riskanter als der deutsche Spruch. Und es wirft die Frage auf, warum man sich nicht für eine der vielen Alternativen entschieden hat, die russische Fans fleißig bei Twitter gesammelt haben. Die waren wohl zu böse.⚽ „Russlands seltsamster Trainer“ titelt Bombardir und meint damit Wadim Skriptschenko. Der Mann ist Weißrusse, seit 2013 trainiert er russische Vereine, wobei er sich bisher bei keinem besonders lange gehalten hat: Ob Kuban, Ural oder Anschi, seine Trainerbiografie liest sich wie eine Sammlung von Pechsträhnen, garniert mit einem Abgang im Streit hier und Gerüchten über ein absichtlich verlorenes Spiel dort. Beißendes Fazit des Artikels: „Wenn Sie wollen, dass bei Ihren Mannschaft in den ersten fünf bis sieben Spielen alles schief geht, dann ist Skriptschenko eine gute Wahl.“

⚽ Die Ankündigung dazu hatte ich vor ein paar Wochen gelesen, konnte mir aber nicht so recht vorstellen, dass sie ernst gemeint war. Nun stellt sich raus: Dochdoch, alles echt – im Sokolniki-Park in Moskau steht zur WM eine riesige Vuvuzela. Der Stoff, aus dem Hörschäden und lange, laute Alpträume sind. Das Ding ist neun Meter lang und soll, wenn Russland spielt, die Radioübertragung des Matches in die Welt rauströten. Kannste dir nicht ausdenken.

⚽ Was erhofft sich Tschetschenien davon, dass Grosny diesen Sommer WM-Standort der ägyptischen Nationalmannschaft ist? Amie Ferris-Rotman dröselt das in der Washington Post sehr anschaulich auf: Herrscher Ramsan Kadyrow wolle seine Position in der islamischen Welt festigen, schließt sie, gleichzeitig habe er in den letzten Jahren seine Rolle als Anführer und Fürsprecher der russischen Muslime gefestigt. Den ganzen Text gibt es hier.⚽ Neulich hab ich drüben bei n-v.de noch empfohlen, meiner früheren Moscow-Times-Kollegin Gabrielle Tétrault-Faber bei Twitter zu folgen, jetzt haut sie diesen Scoop hier raus: Eine ganze Reihe von Fußballfans, die auf Russlands schwarzer Liste stehen, haben es dennoch immer wieder in russische Stadien geschafft. Einen von ihnen hat Reuters im Video-Interview, er hat, obwohl er offiziell gesperrt ist, sogar eine Fan-ID für die Weltmeisterschaft bekommen.

Das ist nicht nur in sich ein großes, wichtiges Thema, erst recht so kurz vor der WM. Die Tatsache, dass Pawel Tscherkas‘ Fan-ID erst eingezogen wurde, nachdem Reuters beim russischen Außenministerium nachgehört hatte, zeigt, was für einige Rolle diese Nachrichtenagentur mit ihrem investigativen, hartnäckigen Journalismus hier in Russland inzwischen spielt: Bei den Wahlen ist es hier zum Beispiel inzwischen üblich, dass Reuters-Leute als Quasi-Wahlbeobachter unterwegs sind, jedes Mal decken sie dabei Betrugsversuche auf. Ob Fan-ID oder Stimmzettel: Wo Russlands Behörden versagen, füllt Journalismus die Lücke. Respekt, Kollegen!

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Zum Schluss noch ein GIF. Scott Rose hat es gemacht, dem könnt ihr eh mal folgen – der Mann ist für Bloomberg in Moskau, kennt Russland intensiv, entsprechend interessant sind seine Tweets. Der hier allerdings ist einfach nur herrlich absurd. Es zeigt den Tag, an den sich ein Reporter des Fernsehsenders Rossija 1 möglicherweise fragte, ob der Zeitpunkt für einen Berufswechsel gekommen ist. Oder es ist eine Metapher dafür, wie sich das Journalistenleben diesen Sommer in Russland anfühlen wird.

Die nächste Russball-Folge gibt es am 6. Juni- acht Tage vor dem Eröffnungsspiel. Bis dahin, macht’s gut!



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Putin der Woche (LI)

Putin der Woche

Gesehen: Bei Avito.ru, einer russischen Mischung aus Dawanda und Ebay-Kleinanzeigen.

Begleitung: ein kryptischer Schriftzug

Text: Der Verkäufer preist sein Werk so an: „Eine Platte mit Wladimir Wladimirowitsch Putin, gewidmet der Fußball-Weltmeisterschaft 2018. Handgemacht, aus natürlichen Materialien, mit Rahmen und Passepartout. Auf dem Foto ist das Gesicht verwischt, in echt sieht es besser aus. Ein perfektes Geschenk für Fußballfans. Bringt Glück!“

Viel Bemerkenswerter ist aber der Text auf dem Bild selber: Da hat jemand sehr lange überlegt, wie er diesen Schriftzug platziert. Und sich dann doch für die Variante entschieden, bei der man kaum erkennt, was das da links heißen soll. Aissur? Aissur? Hm…

Subtext: Alles wird besser, wenn man einen Putin draufmacht. Auch, wenn er nicht als Putin zu erkennen ist. Auch, wenn bisher niemand wusste, dass die Fußball-WM dieses Jahr in Aissur stattfindet.

Oben-Ohne-Punkte: 0/10.

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Russball, Folge 49: Diese Restaurants sollte man bei der WM nicht besuchen

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Neue Woche, neuer Russball, und wir beginnen mit einer Frage: Sind Star-Trek-Fans anwesend? Wenn ja, erinnert sich jemand an die Folge, in der eine Art Parasitenwesen nach und nach Crewmitglieder der Enterprise befällt? Man merkt das daran, dass ihnen ein kleiner Stöpsel hinten aus dem Hals rausguckt – und daran, dass sie mit Hingabe lebende Würmer oder Maden essen, wie Commander Riker hier:

An diese Szene muste ich denken, als ich auf dem offiziellen FIFA-Vorfreude-Twitteraccount für die Fußball-WM las, dass für Fußballfans in Kasan ein 1300 Kilo schwerer Tschaktschak gebacken werden soll. Das ist eine tatarische Süßigkeit aus frittierten Teigröllchen, die mit Honig zu einem Klotz zusammengeklebt werden. Wenn man Glück hat, entsteht so eine süße Knabberei, wenn man Pech hat, eine Art klebriger Dämmstoff. Das wirkliche Problem aber ist, dass Tschaktschak eben aussieht wie das, was sich bei Riker in der Essensschale windet. Also: Wer während der WM nach Kasan kommt und dort den Megatschaktschak probieren will, sollte vielleicht in den Tagen davor keine alten Star-Trek-Folgen gucken.

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⚽ Viele russische Fußballspielerinnen hoffen, dass die Weltmeisterschaft dem Frauenfußball in ihrem Land einen Schub geben wird. Das hat Dmitry Zaks erfahren, als er sich beim Training der Frauenmannschaft des SchK Tschertanowo Moskwa umgehört hat. Frauenfußball hat es in Russland schwer, Vorurteile, dass Fußball nichts für Frauen sei, halten sich beharrlich.

Interessant fand ich vor allem die Frage, warum sich in der eigentlich doch so betont egalitären Sowjetunion der Frauenfußball nicht durchgesetzt hat, ganz im Gegensatz zum männlichen Gegenstück. Eine These aus Zaks‘ Artikel ist, dass Fußball zu Sowjetzeiten sehr oft mit Patriotismus und Militär in Verbindung gebracht wurde – da passten Frauen nicht ins Bild. Andererseits frage ich mich dann: Es gab doch nach dem Zweiten Weltkrieg durchaus auch gefeierte Soldatinnen, vor allem Scharfschützinnen. Wie passt das dann ins Bild? So oder so: lesenswerter Text.

⚽ Souvenirs rund um die Weltmeisterschaft rausbringen kann jeder, aber WM-Banknoten, das kann hier in Russland dann doch nur eine: die Zentralbank. 20 Millionen Stück werden in Umlauf gebracht, zu einem Wert von je 100 Rubel, also etwa 1,40 Euro. Anders gesagt: Der Wert ist so niedrig, dass es sich jeder leisten kann, den Schein als Souvenir aufzubewahren, statt ihn wieder auszugeben.

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Auf der Vorderseite des Geldscheins sieht man einen kleinen Jungen mit Ball unterm Arm, der bewundernd der sowjetischen Torwart-Legende Lew Jaschin zusieht. Auf der Rückseite bildet die Silhouette einer Gruppe jubelnder Fans die russische Fahne, außerdem sieht man die Namen der Gastgeberstädte. Ansonsten kann man auf der Seite der Zentralbank in verdammt großer Detailtiefe nachlesen, was diese Gedenkbanknote alles an Sicherheitsmerkmalen hat. Oder ihr schaut einfach mal hier: Unter Infrarotlicht verschwindet Jaschin und man sieht nur noch den Nachwuchsfußballer, unter UV-Licht werden plötzlich in Knallfarben Schriftzug und Logo des Turniers sichtbar. So viel Spaß für wenig Geld! Und noch ein Souvenir, das nicht jeder herausgeben kann, aber jeder sich leisten: In der Moskauer Metro soll es Fahrkarten im WM-Design geben.

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⚽ Die Allgemeine Hotel- und Gastronomiezeitung (Wie, ihr lest die nicht regelmäßig? Na, dann ist ja gut, dass ich für euch sichte 😀) hat Tipps gesammelt, wie Kneipen und Restaurants während der WM möglichst viel Geld verdienen können. Manches leuchtet sofort ein (gerade Beträge bei den Preisen, damit man bei großem Andrang keine Zeit mit Wechselgeld verschwendet), anderes ist eher dröge, weil halt für Fachpublikum gedacht („mobiles Funkbonieren“, soso).

Für die brachiale Variante haben sich offenbar einige Wirte in Russland entschieden. Eine Agentur hat dort gefälschte Bewertungen bei Tripadvisor angeboten, in allerlei Sprachen und natürlich immer nur positiv. 480 Euro sollte das die Restaurants kosten, Verkaufsargument aus der Agenturbroschüre: “Was tun, wenn noch nie ein Serbe oder ein Schwede bei Ihnen war und eine Bewertung hinterlassen hat? Sie schreiben sie selbst!“ Na, das hat ja super geklappt: Reuters hat die Geschichte recherchiert und ist dabei auf einige Restaurants gestoßen, die diesen Service offenbar genutzt haben. Die Pizzeria „Peperonchino“ in Kaliningrad zum Beispiel soll plötzlich auf einen Schlag 45 neue Bewertungen bekommen haben, zuvor war es eine pro Woche.

kscheib russball restaurants peperonchino

Das Management versichert, die Bewertungen seien auf legalem Weg zustande gekommen – man habe eine App mit Prämien für Kunden, das zahle sich aus. Tripadvisor scheint das anders zu sehen: Aktuell findet, wer den Eintrag zu Peperonchino aufruft, nur noch eine Handvoll Bewertungen, da wurde wohl großflächig ausgemistet. Einfache Faustregel also für WM-Reisende: Besser nicht in Restaurants gehen, die in den Monaten vor der WM ungewöhnlich viele Bewertungen bekommen haben. Oder man guckt einfach nur auf das Feedback aus dem Jahr 2017 und entscheidet danach.

⚽ Was verdient Russlands Fußball-Liga an den Fernsehübertragungsrechten für ihre Spiele? Die Summe ist im europäischen Vergleich nicht allzu groß, hat Sports.ru ausgerechnet, „selbst Dänemark und Griechenland bekommen mehr als Russland“. Aufhänger für die Geschichte sind die laufenden Verhandlungen zwischen der Premjer-Liga und dem russischen Fernsehsender Match TV über die Rechte für die kommende Saison. Die Grafik zum Artikel sieht Russlands Liga gerade mal auf Platz zwölf, die Bundesliga dagegen landet auf Platz vier und muss damit nur England, Italien und Spanien den Vortritt lassen.

⚽ Noch ein Ranking, diesmal ein offizielles: Dass Russland auf der FIFA-Liste nicht allzu gut dasteht, war hier ja schon öfter Thema – aktuell muss man runterscrollen bis Platz 66, um Russland zu finden. So ganz fair sind die Regeln nicht – als WM-Gastgeberland muss Russland sich zum Beispiel nicht für das Turnier qualifizieren, verpasst damit also eine ganze Reihe von potentiell Punkte bringenden Länderspielen. Nochmals Sports.ru: „unser Team stünde statt auf Platz 66 dann auf 32, zwischen Irland und Rumänien.“ Lösungsvorschläge hier.

⚽ Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, jaja, blabla. Aber noch schöner ist es doch, wenn sich jemand die Mühe macht und zu einem Bild eine möglicht kreative Unterzeile erfindet. So wie Fußballkommentator Wassili Utkin, der zu diesem Bild hier textete: „Stanislaw Tschertschessow erklärt Witali Mutko, wie Brustschwimmen funktioniert.“ Sehr hübsch!

⚽ Spiegel Online hat einen guten Zusammenschrieb dazu, wie deutsche Firmen an der WM beteiligt sind. Als Zulieferer von Rollrasen zum Beispiel, rangekarrt im Kühllaster. Oder, anderer Temperaturbereich: mit Rasenheizungen. Gerade der Absatz, in dem es um die Bürokratie geht, die in Russland ja schon um einiges anders funktioniert als in Deutschland, kam mir sehr bekannt vor.

⚽ Dann macht die Moscow Times gerade eine Serie, in der sie allerlei Alltagsfragen für WM-Reisende beantwortet. „Darf ich in Russland auf der Straße rauchen“ zum Beispiel, „Wie funktioniert das mit den öffentlichen Verkehrsmitteln“ oder „Registrierung? Was für eine Registrierung?“. Alle Fragen und Antworten findet man am einfachsten auf dem speziellen WM-Account, @TMTWorldcup.

⚽ Konstantin Krinsky ist da was aufgefallen. Er war in der WM-Gastgeberstadt Wolgograd, um von dort über die Vorbereitungen zu berichten. Und wie das halt so ist, man verbringt viel Zeit am Flughafen mit Warten. Im neuen Terminal, das extra zur WM eröffnet wurde, sah Krinsky dann diese Landkarte hier. Sie soll zeigen, wohin man von Wolgograd aus alles fliegen kann.

Nun muss nicht jeder aus dem Stand wissen, wo Heraklion, Simferopol oder Tscheljabinsk ganz genau liegen. Wer aber solch eine Riesenkarte anfertigen lässt, um sie dann gut sichtbar aufzuhängen, könnte vielleicht jemanden fragen, der sich mit sowas auskennt. Jemanden, der weiß, dass Heraklion nicht in Bulgarien liegt, Simferopol nicht in der Republik Moldau und Tscheljabinsk auch eher nicht in Kasachstan.

Besonders ärgerlich ist die Karte für Sotschi und Samara. Eigentlich waren sie ebenfalls als WM-Austragungsorte vorgesehen. Nun liegt Sotschi in der Türkei, Samara in Kasachstan – das wird dann wohl nichts, schadeschade. Wir merken uns: Ja, man kann vom Flughafen Wolgograd an sehr viele Orte fliegen. Die liegen dann nur nicht unbedingt dort, wo man sie erwartet.

⚽  Wo wir gerade in Sotschi sind: Das kann auch ganz schön lästig sein, wenn man in einer WM-Gastgeberstadt lebt und es allmählich ernst wird mit dem Turnier. Baustellen, Straßensperren, Umleitungen – und jetzt auch noch das: In Sotschi kann man im Moment zwischen 9 Uhr morgens und 18 Uhr abends nicht fernsehen. Da wird nämlich am örtlichen Fernsehturm gewerkelt; er wird von außen mit LEDs bestückt.

Wenn alles klappt, wird so der Turm durch die vielen kleinen Lämpchen während der Weltmeisterschaft selber zum Bildschirm, weil auf seiner Fassade Spiele gezeigt werden. Muss halt nur noch genehmigt werden, sagt der Verantwortliche. Aber gut, Hauptsache, erst mal den Leuten den Empfang abdrehen und loslegen, ohne zu wissen, wozu es nutzt. Gut, dass es Streamingdienste gibt. Sotschi – aktuelle Hauptstadt von „Netflix and chill“?

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Ein kleiner Rausschmeißer noch, der gut zu der ganzen Kadernominiererei in diesen Tagen passt. Okay, der Artikel ist schon ein bisschen älter – eine irische Satireseite hat ihn vor der WM in Brasilien veröffentlicht. Aber die Zeile, und alles, was sie über Englands Abschneiden bei internationalen Fußballturnieren aussagt, ist einfach zeitlos schön: England Name 23 Men To Blame For World Cup Failure. Bis nächste Woche!



 

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Russball, Folge 48: Bau mir ein Stadion, du kriegst auch was zu Essen!

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Übers Wochenende war ich ein mit Freunden in St. Petersburg und habe, klar, zwischen Eremitage und Kneipentour auch die Augen offen gehalten in Sachen WM-Vorbereitungen. Zwei Dinge sind mir aufgefallen: Am Kiosk gibt es, erstens, inzwischen Unmengen an Süßigkeiten, die mit dem Maskottchen Sabiwaka bedruckt sind – Pfefferminztabletten, Weingummis, Tictacs, Kaugummis, Bonbons.

Zweitens sind die Wegweiser auf Russisch und Englisch nicht nur aufgestellt, sondern auch bereits mit Tags verziert, will sagen: Sie fügen sich harmonisch ein in das Stadtbild dieser Metropole, die im Vergleich zu Moskau weniger geleckt, weniger hochglanzig ist und dafür ein bisschen schmuddeliger und ein bisschen unkonventioneller. Ich mag das ja.

Ein Wegweiser zu einer Metrostation

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⚽  So kann’s gehen: Zwischen „Ich fange mal an, an der neuen Russball-Folge zu arbeiten“ und „Heute muss die neue Folge aber endlich fertig werden“ hat sich die komplette Geschichte rund um Hajo Seppelt abgespielt. Russland verweigert ihm das Visum, weil er nach seiner Doping-Berichterstattung auf einer „Persona non grata“-Liste steht. Die ARD protestiert, die Bundesregierung protestiert. Russlands berühmtester Fußballkommentator kritisiert die Entscheidung, man spiele damit Menschen in die Hände, die von Skandalen lebten. Der Vorsitzende des russischen Journalistenverbands sagt, Seppelts Arbeit sei reine Propaganda, aber man solle ihm dennoch ein Visum geben. Sport Express veröffentlich eine lange Kritik an Seppelt und seiner Berichterstattung unter der ziemlich unfassbaren Überschrift: „Man hat die WM von Seppelt erlöst, das ist eine Hygienemaßnahme“.

Inzwischen hat sich rausgestellt, dass Seppelt nun doch ein Visum bekommen wird. Reist er allerdings nach Russland ein, will ihn das Staatliche Ermittlungskomitee zu seinen Doping-Recherchen vernehmen. Ob Seppelt das tut, kann man – Stichwort Informantenschutz – bezweifeln. Wer weiß, vielleicht gibt es zwischen Dienstag Abend, wo ich hier sitze und diese Zeilen tippe, und Mittwoch früh, wenn der Newsletter in eure Inbox plumpst, ja schon die nächste Entwicklung, zum Beispiel: Seppelt sagt Russland-Reise ab.

⚽ Wie eventuell der ein oder andere mitbekommen hat, steht ja seit gestern der vorläufige deutsche WM-Kader fest. Ich hab mir mal die Mühe gemacht und alle Nationalspieler russlandtauglich gemacht, indem ich ihnen einen Vatersnamen verpasst habe. Nur einer fehlt – falls jemand weiß, wie der Vater von Kevin Trapp mit Vornamen heißt, sagt doch bitte Bescheid! Anschließend hatte sich der DFB noch was ausgedacht: Ein Interview mit Russlands Nationaltrainer Tschertschessow, der als Hologramm mit auf der Bühne saß. Doch, wirklich:

Tschertschessow hat gerade erst selbst seine vorläufige WM-Auswahl präsentiert, wobei zu der sehr viel mehr Spieler gehören als zur deutschen. Eindampfen müssen beide bis Anfang Juni, Russlands schönster Schnäuz und der Bundesjogi. Warum es sich Tschertschessow so viel schwerer gemacht hat, und was er in den paar Tagen noch über seine Spieler rausfinden will, was er bisher noch nicht weiß – keine Ahnung. Hier ist jedenfalls seine Liste, außerdem gibt es noch sieben potenzielle Nachrücker.

⚽ Stell dir vor, die WM rückt näher und dein Stadion ist immer noch nicht fertig. In Nischni Nowgorod haben sie im April offenbar versucht, dieses Problem kreativ zu lösen: Einem Reuters-Bericht zufolge verschickte der städtische Sportminister einen Brief, in dem er Menschen zum kostenlosen Arbeitseinsatz auf der Stadionbaustelle aufrief. Immerhin: Drei warme Mahlzeiten am Tag und eine Unterkunft sollte es geben, Werkzeug, heißt es in dem Schreiben, werde gestellt. Na immerhin.

⚽ „Was Bayern zur Feier seines sechsten Meistertitels verkauft“ ist ein Artikel von Sports.ru überschrieben. Es folgen das Bayern-Grillset, Bayern-Weingummi, eine Bayern-Tasse mit dem Kommentar, seltsamerweise gebe es kein Bayern-Bierglas. Alles eher unspektakulär, warum also erwähne ich es hier? Wegen des Kommentars, den ein Leser unter dem Artikel hinterlassen hat, und den die anderen Leser zum besten Kommentar gewählt haben: „Und was verkauft ZSKA nach der Meisterschaft? Seine besten Spieler.“ Sehr hübsch.

⚽ Was kommt bei Zenit nach Roberto Mancini? In Russland wird in diesen Tagen viel über eine Liste spekuliert, die die Vereinsbosse angeblich zusammengestellt haben. Auslöser dafür war ein Tweet von Georgi Tscherdanzew, einem bekannten Fußballkommentator. Der Mann hat fast 500.000 Follower bei Twitter – kein Wunder also, dass ein Tweet wie dieser hier schnell die Runde macht:

„Hundertprozentiges Insiderwissen von @zenit_spb: Es gibt schon eine Liste mit fünf Trainern, die auf Mancini folgen könnten. Fortsetzung folgt 😉“. Auch in der Redaktion von Championat.com haben sie den Tweet gesehen und brav ihr Handwwerk gemacht, indem sie beim Verein nachgefragt haben, ob das denn auch alles so stimmt. Antwort von Pressesprecher Anton Makarenko: „Ja.“ Wer sind also die fünf Kandidaten? Championat nennt Sergei Semak, Siniša Mihajlović, Miodrag Boschowitsch, Maurizio Sarri und Dick Advocaat, aber kaum ist die Geschichte veröffentlicht, haut Kommentator Tscherdanzew seinen nächsten Tweet raus:

„Hundertprozentiges Insiderwissen von @zenit_spb: Auf der Liste mit fünf Trainern, die auf Mancini folgen könnten, stehen russische Spezialisten. Dick Advocaat steht nicht auf der Liste. Fortsetzung folgt 🔥“.

⚽ Eine Meldung aus der Reihe „Offensichtliches“: Kreml-Sprecher Peskow hat bestätigt, dass Wladimir Putin sich das Eröffnungsspiel der Fußball-Weltmeisterschaft zwischen Russland und Saudi-Arabien ansehen wird, Ria Nowosti ist das eine eigene Meldung wert. Mit angehaltenem Atem warten wir nun auf weitere Peskow-Statements: „In Russland wird während der WM mit Rubeln bezahlt“, „Nawalny wird bei der nächsten Demo verhaftet“ und „Im Winter rechnen wir mit Schnee, vor allem in Sibirien.“

⚽ Ihn hier wollte ich schon öfter mal erwähnen, hatte aber nie einen guten Text zur Hand. Nun hab ich dieses Porträt gefunden: „Jacob Gardiner-Smith: The Englishman who plays for Zenit“. Aufgefallen war er mir nicht nur durch seine Tweets, sondern auch, weil der Nachname „Gardiner“ bei mir sofort allerlei urenglische Assoziationen weckt, von Jane Austen bis Proms.

Im Fall von Jacob Gardiner-Smith sind die passenderen Asoziationen aber dann doch sein Opa John, ein erfolgreicher Fußballer, der 1936 in Berlin für Großbritannien spielte und sein Vater Barry, ein Labour-Abgeordneter. Interessant jedenfalls, wie Jacob mit 17 schon nach Russland gegangen ist, und warum er anderen zu einem ähnlichen Schritt raten würde – auch, wenn das bedeutet, das vertraute, einfache Leben daheim hinter sich zu lassen.

⚽ Fehlt noch der Hinweis auf ein Medium, das ich hier bisher noch nie verlinkt habe. Doch wenn WM im eigenen Land ist, dann heben selbst Frauenzeitschriften plötzlich Fußballer aufs Cover. So geschehen bei der russischen Vogue, deren Heft zum Thema „Fußball und Mode“ ab heute verkauft wird. Auf dem Titel: Nationalspieler Fjodor Smolow, der als leichte Trainingseinheit das Model Natalja Wodjanowa huckepack durchs Bild trägt. Kann man einfach mal auf sich wirken lassen.

Beim Shooting war Smolow übrigens nicht der einzige Fußballprofi: Auch Julian Draxler machte mit, das sieht dann so aus:

Вперёд, Россия!🇷🇺 Встречайте нашу июньскую обложку, приуроченную к Чемпионату мира по футболу, который пройдёт в России в июне: русская супермодель Наталья Водянова вместе с футболистами Фёдором Смоловым, Юлианом Дракслером и Даниэлом Алвес да Силва предстала в объективе звездного дуэта фотографов Луиджи Мурену и Янго Хенци – в продаже с 16 мая!/ As FIFA World Cup in Moscow approaches, meet our June cover starring @natasupernova @smolovfedor_10 @draxlerofficial @danialves. Photo: @luigiandiango Style: @patrickmackieinsta Hair: @luigimurenu Makeup: @mariaduhart

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Zum Schluss noch ein kleiner Nachtrag zur letzten Russball-Folge. Da hatte ich einen Artikel verlinkt, in dem es darum ging, warum Nachwuchsfußballer, die im Dezember geboren sind, es in Russland schwer haben. Schon da war erwähnt, dass es in Deutschland ein ähnliches Problem gibt. Seitdem haben mir mehrere Leute diesen Artikel hier erreicht, der dem Phänomen auf den Grund geht: Dezemberkinder werden selten Fußballstars. Danke für den Hinweis – und bis nächste Woche!



 

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