Wie ich einmal Gesangsunterricht auf Russisch nahm

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Meine Gesangslehrerin hab ich mir ja nach ihrem Lächeln ausgesucht. Also: Das soll nicht heißen, dass sie nicht kompetent ist – ihre Qualifikationen kann auf „Wasch Repetitor“, der Webseite, die Schüler und Lehrer für alle möglichen Fächer zueinander bringt, jeder nachlesen. Aber qualifiziert sind die anderen da ja auch, mich hat nur deren Mimik abgeschreckt. Dieser Blick, der sagt: „Soso, Sie haben also schon Erfahrung? Hört man gar nicht.“ „Na, war wohl keine Zeit zum Üben seit dem letzten Mal?“„Also wenn Sie nicht mal das können, wollen Sie dann nicht vielleicht noch mal von vorne anfangen? In der Orff-Gruppe, mit Klanghölzern und Schellenkranz?“

Statt mir das anzutun, gehe ich nun also zu D., die auf ihrer Wasch-Repetiror-Seite lächelt, freundlich und konstruktiv. Der Unterricht findet im Büro ihres Mannes statt, ein Souterrain-Raum mit ein paar Schreibtischen, einem Kopierer (sehr praktisch für Noten) und gelegentlich dem einen oder anderen Mitarbeiter, der vor Stundenbeginn von D. höflich verscheucht wird. Manchmal feudelt eine Putzfrau durchs Bild. In der einen Ecke liegen Stücke dicker Metallrohre – die Männer, die hier arbeiten, überprüfen Schweißnähte auf Baustellen. In der anderen Ecke steht das E-Piano. Und daneben, einmal die Woche, ich.

⁃ „Also im (…..) müssen Sie mehr (…)“, sagt D.

⁃ Ich sage: „Wie bitte?“

⁃ „Naja, beim Singen ist ihr (…) zu (…).“

⁃ „Entschuldigung, das versteh ich nicht.“

⁃ „Sie müssen singen, als hätten Sie ein Äpfelchen im Mund.“

Aaah, der Rachenraum. Die Klangfarbe. Kein Standardvokabular. Ich bin froh, dass D. sich auf diese seltsame Schülerin mit den seltsamen Wünschen eingelassen hat: Bitte komplett auf Russisch, auch wenn’s dann länger dauert – kein Ausweichen auf Englisch oder Musiker-Italienisch. Und bitte auch nicht die üblichen Gassenhauer aus dem internationalen Repertoire, nicht wieder „Voi che sapete“. Ich möchte die Stücke kennenlernen, an denen sich russische Gesangsschüler so abarbeiten.

Wie es läuft? Schwer zu sagen. Einerseits merke ich, wie gut es tut, sich mal wieder konzentriert mit der eigenen Stimme und dem eigenen Körper auseinanderzusetzen, statt nur die grundlegenden Choranforderungen (richtige Töne, richtiges Tempo und im Zweifel gerne richtig laut) zu erfüllen. Andererseits ist Musikausbildung in Russland, auch für Amateure, um einiges anspruchsvoller als in Deutschland. Jeder Musikschüler muss hier regelmäßig Prüfungen ablegen, es geht nicht nur ums gemeinsame Musizieren.

Entsprechend hoch sind, Lächeln hin oder her, auch die Ansprüche von D. So viel und so schwierig wie hier musste ich zum Beispiel lange nicht mehr vom Blatt singen. Ergebnis: „Patschti choroscho“ – beinahe gut. Zwischendurch erzählt und erklärt D. auch gerne: „Das russische Repertoire besteht zu einem hohen Anteil aus Liedern über unglückliche Liebe. Weil das Land halt so groß ist. Stellen Sie sich vor, Sie sind allein, gucken aus dem Fenster und sehen nur Wald, Wald, Wald. Keinen anderen Menschen. Da entstehen dann solche Lieder.“

Oder, in einer anderen Stunde, mal wieder zum Thema Rachenraum: „Russischen Schülern muss man immer beibringen, alles ein bisschen enger zu machen Westliche Schüler müssen lernen, ihn zu weiten. Das liegt an der Phonetik unserer Sprachen, daran, was wir gewöhnt sind.“ Interessant, und noch dazu verständlich – wie schön, wenn der Schlüsselbegriff ein Fremdwort ist! Direkt mal probieren, den weiten Rachenraum – „patschti choroscho!“

Was auch bei der Verständigung hilft: Bei den Sprachbildern scheinen sich deutsche und russische Musiklehrer nicht groß zu unterscheiden. Mein Atem ist eine Springbrunnenfontäne, oben drauf liegt ein Tennisball, und der muss immer auf derselben Höhe bleiben? Sehr gern. Stehen wie eine Marionette, bei der jemand am Kopf-Faden noch mal extra gezogen hat? Natürlich. In die Stirn atmen und in den Raum unterhalb der Augen? Bitte sehr, bitte gleich.

Andere Stunden sind deutlich härter. Vergiss alles, was du über Artikulation, Intonation und Phrasierung gelernt hast – wir arbeiten heute nur am Klang, 60 Minuten lang. Sing mit rausgestreckter Zunge! Patschti choroscho, aber nicht so nasal! Nochmal, nur diese zwei Takte. Und jetzt mit einem kleinen Glissando von jeder Note zur nächsten. Patschti choroscho, aber leiser! Egal, wenn die Tonhöhe verrutscht, wir reden hier über Klang, wiederholt D.: „Man sagt ja immer, wir Russen können gut Fünfe gerade sein lassen und ihr Deutschen plant, bis alles perfekt ist. Also, Sie müssen russischer singen.“

Ich schaue auf meine Notenmappe, in der inzwischen Stücke von Glinka und von Rubinstein liegen, russische Volkslieder, vertonte Puschkingedichte. Dann strecke ich die Zunge raus, atme ein, versuche es ein weiteres Mal. Und verdränge die Stimme, die aus dem Hinterkopf ruft: „Wenn es auch diesmal wieder nur ‚patschti choroscho‘ ist, werfe ich mich auf die Rohre in der Ecke da drüben und beiße ihnen allen die Schweißnähte durch.“

Google Translate und die Sache mit dem Wichsen

Niemand ist unfehlbar, erst recht kein automatisches Übersetzungsprogramm. Wer über einen Fehler von Google Translate bloggt, riskiert also, ungefähr so originell rüberzukommen wie Mario Barth. Oder noch schlimmer: Wie Leute, die als Beispiel für einfallslose Witze immer Mario Barth nennen.

Warum es trotzdem diesen Blogpost hier gibt? Weil es bei den folgenden Fehlern um ein Prinzip geht. Um etwas, das bei Google Translate grundsätzlich falsch eingerichtet ist. So entstehen zwangsweise immer wieder Fehler nach demselben Prinzip. Und wer das weiß, kann sie vielleicht umschiffen.

In der jüngsten „Russball“-Folge hatte ich eine Fotoreportage aus dem Trainingslager von ZSKA Moskau verlinkt. Knapp zwei Dutzend Bilder, mit Ein-Wort-Unterschriften wie „природа“ (Natur), „расслабление“ (Entspannung), „мяч“ (Ball). Dann kam die Nachricht eines Freundes: „Das Beste an den Bildern ist die Übersetzung in Google Translate“. Dazu dieses Bild:

google translate

Wichsen, soso. Im Original steht unter dem Bild „рывок“, das heißt sowas wie „Ruck“ oder im Sport auch „Spurt“. Warum Google daraus ganz was anderes macht? Weil es aus dem Russischen ins Deutsche nicht direkt übersetzt, sondern mit Umweg übers Englische. So wird aus „рывок“ das Englische „jerk“, was wiederum von Google Translate als Verb aufgefasst wird statt als Substantiv. Und dann eben auch noch so übersetzt, als stünde da nicht „jerk“, sondern „jerk off“. Ergebnis: wichsen.

Nicht nur vom Trainingslager russischer Profifußballer kann man einen seltsamen Eindruck bekommen, wenn man sich auf Google Translate verlässt. Angenommen, auf einem Aushang im Hausflur steht was von einer „штраф“. Google Translate übersetzt das nicht, wie es richtig wäre, mit „Bußgeld“, sondern schlicht und positiv mit „gut“. Denn „штраф“ heißt auf Englisch „fine“, und dass „fine“ nichts anderes als „gut“ bedeutet, weiß ja jedes Schulkind.

Ich hab dann mal die Übersetzerin meines Vertrauens gefragt, ob es dafür ein Wort gibt, und natürlich gibt es dafür ein Wort: Wenn wie hier zum Beispiel Englisch als Umweg zwischen Deutsch und Russisch herhalten muss, dann ist Englisch eine „Relaissprache“. Und dieses Relais neigt immer dann zu Fehlfunktionen, wenn ein Begriff mehr als eine Bedeutung hat. Wer Russisch und Deutsch spricht, der weiß, das „штраф“ ein Bußgeld ist. Alle anderen sind darauf angeweisen, zu deuteln: „fine“, ja, aber in welcher Bedeutung? Bußgeld? Gut? Dünn? Fein?

Ach so, und das Problem besteht natürlich in beide Richtungen, auch wenn man Google Translate um eine Übersetzung aus dem Deutschen ins Russische bittet. Ihr könnt nicht schlafen, weil der Hund eures Nachbarn die ganze Nacht bellt? Für „bellen“ schlägt das Programm „кора“ vor, das bedeutet Rinde – denn der Relais-Umweg geht über das englische „bark“. Oder ihr wollt im Vorgarten ein paar Blumen säen? Viel Spaß beim Einkaufen, denn aus „säen“ macht Google Translate „свиноматка“. Das heißt – der Umweg geht über „sow“ – nichts anderes als Sau.

(Danke an Dominic und Ricarda)

Rollmops, Anschlag, Kammerton: Deutsche Wörter im Russischen

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Fünf Minuten bis zum Konzertbeginn, das Haus ist voll – und hier unten im Keller steht immer noch eine lange Schlange vor dem Damenklo. „Oh Gott, wieder voll der Anschlag hier“, murmelt die Frau hinter mir, und ich denke: Mensch, du wolltest doch immer mal über deutsche Wörter bloggen, die es ins Russische geschafft haben.

„Anschlag“ gehört im Russischen ganz in den Bereich von Kultur und Freizeit – keine Bomben, keine Attacke. Aber wenn ein Theaterstück ausverkauft ist, ein Opernhaus bis auf den letzten Platz gefüllt, bei einem Konzert nicht mal mehr Stehplätze frei, dann herrscht dort „аншлаг“ (anSCHLAG), es ist also bis zum Anschlag voll. Nicht zu verwechseln mit дуршлаг (durSCHLAG):

Klar gibt es im Russischen einige Begriffe, die nur nötig sind, um mehr oder weniger deutsche Phänomene zu beschreiben. Der доберман (doberMANN), der ризеншнауцер (riesenSCHNAUzer) und der рольмопс (ralMOPS) sind solche Fälle, брудершафт (bruderSCHAFT) trinken und кегельбан (kegelBAHN) ebenso. Ihr versteht das Prinzip – und auch, dass sich die Betonung meistens verschiebt.

Dann gibt es die Wörter, von denen jeder schon mal gehört hat. Ja, Russisch hat tatsächlich einen бухгалтер (buchGALter) und ein бутерброд (butterBROD). Ja, der Friseur heißt hier tatsächlich парикмахер (paRIKmacher), von Perückenmacher. Und ja, aus Halstuch ist tatsächlich галстук (GALStuk) geworden, wobei das nun eine Krawatte bezeichnet. Alles schon mal gehört, müssen wir uns hier nicht mit aufhalten. Auch nicht mit den фейерверки (fejerWERki), die hier regelmäßig über der ландшафт (landSCHAFT) abgefackelt werden.

Stattdessen eine definitiv unvollständige, aber hoffentlich unterhaltsame Liste deutscher Lehnwörter im Russischen, die noch nicht jeder kennt.

1. бакенбарды

Was hat das Hipster-Männchen rechts und links an Wange und Kinn? Koteletten? Höchstens in Deutschland. In Russland ist das natürlich ein бакенбард (backenBARD) oder, wenn man links und rechts zusammenzählt, бакенбарды (backenBARDI). Hier schön zu sehen an Russlands original hipster, Alexander Puschkin.

2. кабель

Handy schon wieder leer? Dann her mit dem кабель (KAbel) oder, auch nicht unüblich, der шнур (SCHNUR). Die endet, natürlich, mit einem штекер (STEcker) oder, besonders niedlich, mit einem штепсель (STEPsel).

3. цейтнот

Wer Englisch spricht, kennt die deutschen Begriffe Zeitgeist und Weltschmerz. Ins Russische hat es, thematisch irgendwo dazwischen, die Zeitnot geschafft, die als цейтнот hier aber eher zejtNOT gesprochen wird. Verwendet wird der Begriff vor allem beim Schachspiel – wenn dort цейтнот herrscht, gerät ein Spieler schon mal unter цугцванг (zugZWANG). Bis vor ein paar Jahren gab es auch eine russische Band namens ЦейтноТ, deren Lied „Времени нет“ man hier anhören kann. Übersetzt bedeutet das: „Keine Zeit“.

4. гастарбайтер

Manche Lehnwörter setzen sich durch, weil sie kürzer, griffiger, einfacher sind. Wer im deutsch-russischen Wörterbuch nach „Gastarbeiter“ sucht, findet deshalb zwar „иностранный рабочий“ oder „рабочий-иностранец“, was beides „ausländischer Arbeiter“ bedeutet. Im Alltag aber hört man auch regelmäßig гастарбайтер (gastarBEIter). Das Wort wie auch der Sachverhalt gehören hier zum Alltag – es gibt komplette Staaten, oft in Zentralasien, die davon abhängig sind, dass ihre Bürger in Russland arbeiten und Geld nach Hause zu ihren Familien schicken.

5. дюбель

Die Werkstatt. Unendliche Weiten. Dies sind die deutschen Wörter, die inzwischen auch Russen verwenden: дюбель (DJUbel), also der Dübel, mit dem der Haken für ein Bild in der Wand befestigt wird. Лобзик (LOBsik), die Laubsäge oder inzwischen auch Stichsäge, mit deren Hilfe ein Rahmen für das Bild entsteht. Und, wenn einem das Bild irgendwann nicht mehr gefällt, man es abhängt, den Haken entfernt und nur noch ein Loch in der Wand hat, was braucht man dann? Klar doch, den шпатель (SPAtel).

6. капут

Die Lexikon-App auf meinem Handy verweigert sich: капут (kaPUT) kennt sie nicht, auch LEO hat keine Ahnung. Ja, okay, das Wort ist auch eher umgangssprachlich – immerhin schlägt Google Translate „aus“ und „erledigt“ vor. „Hinüber“ würde auch noch gut passen, im Sinne von „da kannst du nichts machen, Totalschaden – das Auto ist hinüber“. Am häufigsten tritt капут allerdings zusammen mit dem Mann auf, der in Deutschland Hitler heißt und den die Russen vorne mit einem G-Laut sprechen: Гитлер. Wenn sich Anfang Mai das Ende des Zweiten Weltkriegs jährt, sieht man schon mal Plakate für „гитлер капут“ (GITler kaPUTT)-Partys; 2008 lief auch eine Komödie mit diesem Titel im Kino. Aber natürlich können auch andere Dinge капут sein:

 

Game over 😫💕☠️. . #newdesign#minniemouse#капут

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7. шлагбаум

Besonders großzügig bedient haben sich die Russen beim deutschen Vokabular zum Thema „Recht und Ordnung“. Der шлагбаум (schlagBAUM), an dem man nicht so leicht vorbeikommt – heute hilft meist ein Ausweis, früher tat es auch die richtige лозунг (LOsung). Der штаб (STAB), der Dinge organisiert und leitet. Die штраф (STRAF), die Schwarzfahrer zahlen müssen, wenn sie erwischt werden. Einigen Begriffen merkt man noch ihren militärischen Hintergrund an: Der Weg, den zum Beispiel ein Linienbus durch die Stadt nimmt, heißt bis heute маршрут (marschRUT).

7. форшлаг

Wenn ein Mensch einem anderen Menschen einen Vorschlag macht, sagt man auf Russisch am besten предложение. Dass es außerdem auch das Wort форшлаг (farSCHLAG) gibt, liegt an der Musik. Dort gehören Vorschlag und Nachschlag/нахшлаг/(nachSCHLAG) zu den musikalischen Verzierungen. (Das hört sich dann in etwa so an wie hier.) Damit Chorsänger den richtigen Ton zu treffen, greift ihr Dirigent gerne mal zur Stimmgabel, die auf Russisch камертон (kammerTON) heißt. Und wenn die Musiker richtig gut sind, ist sicher auch mal ein Gastspiel irgendwo drin, auf Russisch: гастроль (gastROL). Wer weiß, vielleicht ja in einem idyllischen курорт (kurORT).

Welche französischen Wörter es im Russischen gibt, steht hier.

Russball, Folge 28: Homophobie unter russischen Fußballfans

Russball kscheib Suus Agnes 2 signed

Willkommen zu Russball, wo euch versprochenerweise diese Woche niemand frohe Weihnachten wünschen wird – schließlich ist das kommende Wochenende hier in Russland ein ganz normales und Weihnachten erst im Januar. Stattdessen eine Quizfrage: Was dauert in Spanien zehn Tage, in Frankreich 14, in Italien 16, in Deutschland 22 und in Russland 80 Tage? Könnt ihr ja beim Lesen mal im Hinterkopf draufrumdenken.

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⚽ Watutinki – ein Name, den man sich merken muss, und dessen Herkunft die Süddeutsche hier erklärt. In Watutinki also wird die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ihr WM-Quartier haben. Kein Strandleben in Sotschi, leiderleider, stattdessen ein Hotelkomplex in einem Moskauer Vorort mit rund zehntausend Einwohnern. Rund zwei Monate vor WM-Anpfiff soll dort ein neuer Gebäudetrakt fertig werden und, wenn man sich die DFB-Bilder anschaut, ziemlich schick aussehen.

Aktuell hat der „Watutinki Hotel Spa Complex“ noch einen, sagen wir mal, eher traditionellen Charme: dunkles Holz, Blumenmuster, bodenlange Gardinen, hier und da glänzt mal ein Kofferständer oder eine Stehlampe aus Metall. Gelsenkirchener Barock trifft Neunzigerjahre-Jugendzimmer.

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Die Fifa zeigt in ihrer Übersicht auch noch diesen weitgehend tageslichtfreien Besprechungsraum. Aber wie gesagt, das ist der Ist-Zustand – nicht die Hotelvision, die da ab April hoffentlich wahr wird. Ob im neuen Flügel dann wohl dieselben Preise gelten wie im alten? Dann können sich die Fußballspieler schon mal auf taschengeldtaugliche Behandlungen freuen: Laut Hotelpreisliste gibt es im Spa- und Therapiebereich ein EKG schon für 500 Rubel (7 Euro), zehn Minuten Whirlpoolbad für die Beine kosten sogar nur 250 Rubel, und wer sich mal richtig was gönnt, bekommt für 1000 Rubel eine halbe Stunde den Rücken massiert, „vom siebten Halswirbel bis zum Steißbein“. Ist das auch geklärt.

⚽  Apropos DFB und Hotels: Letzte Woche hatte ich ja hier erwähnt, dass die Werbung für das Fan-Camp am Nordrand von Moskau mit einer sehr viel besseren ÖPNV-Anbindung lockt, als tatsächlich existiert. Das scheint allerdings die Fans nicht vom Buchen abzuhalten: Eines von vier möglichen Paketen ist bereits komplett ausverkauft.

⚽  Und wenn hier eh gerade so eine Art DFB-Themenschwerpunkt entsteht, dann noch eine Information, die zwar nichts mit Russland zu tun hat, mir aber am Herzen liegt: Nachdem ein Unterstützer der Initiative „Sleeping Giants“ bei Twitter darauf hingewiesen hat, wirbt der DFB seit ein paar Tagen nicht mehr auf der Hetzseite Breitbart. Eine höfliche Beschwerde, und schon wieder ein Werbekunde weniger für Rassisten. Es geht voran.

⚽ Die Fußball-App „Forza Football“ hat sich mit Stonewall UK zusammengetan, um Fußballfans zu ihrer Haltung zu Schwulen und Bisexuellen zu befragen. „Would you feel comfortable if a player in your national team came out as gay or bisexual?“, heißt die Hauptfrage, auf die weltweit 76 Prozent aller Befragten mit „ja“ geantwortet haben. Für Russland liegt die Zahl der Umfrage zufolge bei 47 Prozent, das sei eine deutlich höhere Akzeptanz als noch vor drei Jahren (21 Prozent).

Klingt gut, aber hält es dem Realitätstest stand? Gerne hätte ich mal einen Blick auf die Methodik der Homophobie-Umfrage geworfen – wie viele der insgesamt „mehr als 50.000 Befragten auf fünf Kontinenten“ kamen denn aus Russland? Leider stand niemand für eine Stellungnahme zur Verfügung.

Aus dem Bauch heraus kommt mir so viel Akzeptanz unter russischen Fußballfans eher unwahrscheinlich vor, und siehe da: Sports.ru hat seinen Lesern dieselbe Frage gestellt. Ergebnis bei knapp 45.000 Stimmabgaben russischer Leser: Rund 70 Prozent würden negativ auf das Coming-Out eines schwulen oder bisexuellen Spielers in der russischen Nationalmannschaft reagieren.

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⚽ Rechtlich gehört die Krim zur Ukraine, faktisch hat Russland sie annektiert. Nun berichtet ein Newsportal mit Sitz auf der Krim, dass man von dort aus keine Karten für die Fußball-Weltmeisterschaft im Internet kaufen könne – egal, ob man angibt, in Russland oder in der Ukraine zu leben.

Die FIFA erklärt,sie habe keine geographischen Beschränkungen einbauen lassen, wollen nun aber schnell dafür sorgen, dass das Problem gelöst wird. Menschen auf der Krim, die dennoch Probleme beim Buchen haben, können unterdessen tricksen: Wer mobil und mit russischer SIM-Karte auf die Seite geht, kann ganz normal seine Karten aussuchen.

⚽ Moskau macht seinen Taxiunternehmen Auflagen, wenn sie eine Lizenz für die Dauer der WM bekommen wollen. Dazu gehört nicht nur, dass die Fahrer keine ausstehenden Knöllchen haben dürfen. Sie bekommen auch alle eine Broschüre ausgehändigt, um ihr Englisch zu verbessern.

Maxim Lixutow, Moskaus stellvertretender Bürgermeister und Transportchef, zählt auf: „Sie sollten zum Beispiel ausländischen Touristen die Tarife erklären können, (….) die Fahrtdauer oder die beste Route zum Ziel benennen.“ Das Wichtigste sei, dass niemand vom Taxifahrer übers Ohr gehauen werde (im Gegensatz zu damals beim Confed-Cup.

⚽ In der großen Tradition von Paul dem Oktopus wirft die BBC einen Blick auf die russischen WM-Orakeltiere. Was soll ich sagen, es ist ein Erdmännchen dabei, und das ist exakt so niedlich, wie ihr es euch gerade vorstellt. Hier geht’s zum Video.

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⚽ Was man halt so an Ideen hat, wenn ein neues Jahr vor der Türe steht: Leonid Fedun möchte den russischen Fußball revolutionieren. Der Mann hat durchaus ein eigenes Interesse an Russlands Fußballzukunft, immerhin gehört ihm Spartak Moskau. Nun schlägt er beispielsweise vor, die Begegnungen in der Liga nicht mehr komplett auszulosen. Stattdessen sollen einige Vereine gesetzt werden, so dass die Spiele im November und März in den milderen Regionen des Landes ausgetragen werden statt im Schneegestöber.

Auch zur Zahl der Teams in Russlands höchster Liga hat Fedun eine klare Vorstellung: In der RFPL sollen künftiger nur noch Mannschaften spielen, die mindestens 15.000 Fans ins Stadion locken, alles andere rechne sich einfach nicht. (Interessanter Nebenaspekt: Spartak nimmt Fedun zufolge pro Spiel zwischen 50 und 60 Millionen Rubel ein, also unter einer Million Euro.) Nach dieser Regel gäbe es also weniger Klubs als bisher in der Liga, sie sollten dafür aber öfter spielen, um eben mehr Geld reinzuholen. Feduns ganzen Revolutionsplan, auch zum russischen Pokal und zum Umgang mit Nachwuchsspielern, dokumentiert Sport Express.

⚽ Zwei Monate ist es her, dass Lokomotive Moskau einen englischsprachigen Twitteraccount gestartet hat. Alles mit Hilfe von Google Translate, witzelte der Verein in seinem ersten Tweet. Knapp 300 Tweets später, und was als Witz gedacht war, scheint wie eine plausible Alternative zu dem Sprachmurks, der da regelmäßig rausgehauen wird.

Was lernen wir daraus? Erstens: Muttersprachler engagieren lohnt sich. Und zweitens: Solange das so wenige Russen glauben, wird es bei der Fußball-WM garantiert genau so viele unterhaltsame Fehlübersetzungen geben wie 2014 bei den Winterspielen in Sotschi.

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Zum Schluss noch ein kleiner Servicehinweis für alle, die erwägen, sich während der WM in Russland mit dem Zug fortzubewegen. РЖД, Russlands Eisenbahn-Staatskonzern, hat eine Frage beantwortet, die regelmäßig für Streit zwischen Passagieren führt: Wer im Langstrecken-Liegewagen die obere Liege gebucht hat, darf nicht einfach auf die untere umziehen. Auch der Stauraum unter der unteren Liege und das Tischchen, an das man sich zum Essen setzen kann, gehören dem Passagier, der die untere Liege gebucht hat. Also, ihr seid gewarnt.

Ach so, und das mit den 22 Tagen in Deutschland und 80 in Russland? Ist natürlich die Winterpause der obersten Fußball-Liga. Macht’s gut, bis nächste Woche – und keine frohe Weihnachten!



 

Russball, Folge 24: Liebeserklärung an eine alte Schachtel

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Diese Woche machen wir das hier mal ein bisschen anders. Es gibt so viele kleine Meldungen rund um die kommende Fußball-Weltmeisterschaft in Russland, die aber untereinander nicht viel miteinander zu tun haben. Darum hat diese Russball-Ausgabe am Schluss einen kleinen Block mit Kurzmeldungen. Aber erst mal reden wir über die Liebe.

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⚽ Denn es ist ganz klar eine Liebeserklärung, die der Journalist Jegor Arefjew da verfasst hat. Er feiert darin das, wozu die Russen Korobka sagen, also Schachtel. Gemeint sind damit die umzäunten kleinen Plätze, oft im Innenhof russischer Wohnkomplexe, in denen nicht nur Kinder gerne Fußball spielen. „Der Boden war aus Erde, was heute eine Seltenheit ist“, erinnert sich Arefjew an die Korobka seiner Jugend. „Ein bisschen mehr Gras, und es wäre das Luschniki-Stadion im Miniformat gewesen. Unsere Zuschauer waren die Bewohner der beiden fünfgeschossigen Häuser nebenan und die Leser in der Bibliothek.“

Kaputte Knie, zerschossene Fensterscheiben im Erdgeschoss. Eine buntgemischte Subkultur mit ihren eigenen Regeln, zu der jedes Kind, jeder Jugendliche Zugang hatte. Es ist ein romantisches Bild, das Arefjew von dieser russischen Institution zeichnet. Das Calvert Journal hat vor ein paar Jahren mal ein Foto-Essay zu dem Thema zusammengestellt, das zeigt: Eine Korobka kann runtergekommen sein, mit Graffiti besprüht, mit rostigen Gittern oder Wänden aus nacktem Beton. Alles egal, es zählt, was man daraus macht. Und, schöner Zufall: Der Tagesspiegel hat auch gerade eine Hymne an die Korobka veröffentlich, in ihrer Berliner Variante. Mit dem wunderschönen ersten Satz: „Manche Menschen brauchen Käfige, um frei zu sein.“

kscheib russball korobka in bischkek

Das Foto ist in Kirgistan entstanden, bei einem abendlichen Spiel in einer Korobka in Bischkek – leicht verwischt, aber eine schöne Erinnerung. Auch unsere Wohnanlage hier in Moskau hat übrigens eine Korobka, auch wenn sie selten zum Fußballspielen genutzt wird. Dafür ist es ein untrügliches Zeichen für den Frühling, wenn die indischen Nachbarskinder darin wieder Cricket spielen.

⚽ Die Zeitschrift „Futbol“ zeichnet die Verletzungsprobleme von Manuel Neuer nach. „Ein neuer Lew Jaschin“ hätte Neuer werden können, heißt es dort in Erinnerung an die sowjetische Torwart-Legende.

Stattdessen stehe Deutschlands bester Torwart nun am Abgrund und werde auch nicht mehr zu seiner alten Form zurückfinden – da ist sich die Autorin sicher. Aber gut, das ist dieselbe Frau, die auch behauptet, im Stadion des VfL Osnabrück werde das Bier in Anderthalbliterbechern ausgeschenkt. Wäre ja schön, wenn sie in Sachen Manuel Neuer genau so falsch läge.

⚽ Keine Woche ohne Neuigkeiten zum Petersburger Krestowski-Stadion (ja, das mit der Korruption und dem undichten Dach). Laut Sports.ru wurde der Pressebereich dort so gebaut, dass sich dadurch das Spielfeld nicht mehr aus dem Stadion rausrollen lässt. Kann man ändern, kostet dann aber halt auch 300 Millionen Rubel, also 4,3 Millionen Euro.

Wenn eh gerade die Handwerker im Haus sind, kann ja vielleicht auch gerade mal jemand auf den Bot gucken, der zu jedem Spiel twittert, ob das Stadiondach offen oder zu sein wird. Der leider nämlich gerade an akuter Redundanz, will sagen: Er wiederholt sich. Oft.

⚽ Wo wir schon in Petersburg sind: Roberto Mancini legt Wert auf die Feststellung, dass er Trainer von Zenit bleiben will. Der Job als italienischer Nationaltrainer reize ihn nicht, auch wenn er nicht überrascht sei, dass sein Name als möglicher Nachfolger von Gian Piero Ventura im Gespräch sei. Der hatte den Job ja verloren, nachdem Italien in der WM-Quali gescheitert war.

„Surreal und extrem traurig“ fühle sich die Aussicht auf eine Fußball-Weltmeisterschaft ohne Italien für ihn an, sagte Manchini weiter. Er will sich aber ganz darauf konzentrieren, mit Zenit den russischen Meistertitel zu holen.

⚽ Was ich ja allmählich nicht mehr lesen kann, sind diese ganzen „Was läuft nur schief im russischen Fußball“-Artikel. Nicht, weil es da keine Probleme gäbe oder sie schwer zu benennen wären, nein – mangelnde Jugendarbeit, zu hohe Spielergehälter und Clubs, die sich nicht genug um die Fans kümmern, das sind schon alles legitime Sorgen. Aber dieses Déjà-vu, wenn jede Woche eine andere Website das grundsätzliche Lamentieren anstimmt…

Diesmal ist also Bombardir.ru dran und fragt: „Worin besteht das Hauptproblem des russischen Fußballs?“. Russian Football News hält dagegen und sammelt Zeichen dafür, dass die Mannschaft im Vorfeld der WM Fortschritte macht. Aber die vielleicht beste, weil konkreteste Bestandsaufnahme liefert Sports.ru: Wäre morgen schon WM, wie sähe dann die bestmögliche russische Nationalmannschaft aus? (Spoiler: Im Tor steht Igor Akinfejew.)

⚽ Mit zwei Instagram-Posts 20.000 Abonnenten erreichen – das schafft nicht jeder. Aber Juri Sjomin hat gerade halt auch einen Lauf. Als Trainer hat er Lokomotive Moskau auf den ersten Tabellenplatz gebracht, zuletzt gab es einen 1:0-Sieg gegen Anschi Machatschkala. (Wie die Chancen stehen, diese Position zu verteidigen, kann man hier nachlesen.)

Jetzt also auch noch Instagram. Sjomin, Jahrgang ’47, hat es klug angefangen und sich Hilfe von einem Digital Native aus der eigenen Familie geholt. Der – oder vielmehr: die – darf dann auch direkt mit aufs erste Bild: „Meine Enkelin hatte die Idee, hier einen Account zu eröffnen. Sie sagt, die Leute lesen und gucken sowas gerne, und ich hab hab was zu erzählen. Na dann mal los.“

Und jetzt, wie versprochen, noch ein paar kleine Meldungen rund um die WM:

⚽ Studenten an den WM-Austragungsorten sollen nun doch nicht aus dem Wohnheimen vertrieben werden, um Platz für Sicherheitskräfte zu schaffen. Das hat das russische Bildungsministerium versprochen. Stattdessen sollen die Nationalgardisten nur in den Zimmern derjenigen Stundenten einziehen, die zufällig genau dann, wenn an ihrem Studienort die Fußball-Weltmeisterschaft stattfindet, im Urlaub sind.

⚽  1. Dezember, 16 Uhr deutscher Zeit – dann werden in Moskau die WM-Gruppen ausgelost. Mit prominentem Personal: Miroslav Klose trägt den Pokal rein, es moderieren Gary Lineker und die russische Sportjournalistin Maria Komandnaja. Sie ist auch die Frontfrau dieses virtuellen Rundgangs durchs Luschniki-Stadion:

⚽ Apropos: Die Länder, die ein Spiel in Rostow am Don zugelost bekommen, wissen schon mal, dass ihre Mannschaft und deren Fans an einem frisch gebauten Flughafen landen. Im Frühling soll er eröffnet werden, jetzt durfte schon mal ein Fernsehreporter durchs Gebäude gehen.

⚽  Noch mal apropos: Russlands Fluglinien hoffen selbstverständlich, dass die WM ihnen einen ordentlichen Gewinn beschert. Im Moment sieht es danach aus: Laut Interfax werden Flüge zwischen Moskau und St. Petersburg im kommenden Sommer 40 Prozent teurer sein als üblich. Bei Austragungsorten wie Jekaterinburg oder Sotschi ist der Anstieg nicht ganz so hoch.

⚽ Falls jemand Ambitionen hat, bis zur Weltmeisterschaft sein Russisch aufzupolieren: Sports.ru hat ein Quiz gebaut, bei dem man alle WM-Teilnehmerländer aufzählen soll. Auf Russisch natürlich, in kyrillischen Buchstaben. Wer am Laptop keine kyrillische Tastatur hat, probiert es also vielleicht am besten per Handy.

⚽ „Überall auf der Welt weihnachtet es, so auch in Langenfeld.“ So hat mir im Volontariat mal ein Redakteur erklärt, wie man große Geschichten aufs Lokale runterbricht. Nach demselben Prinzip gibt es gerade allerlei Berichte dazu, welcher Bundesliga-Verein welche Spieler zur WM nach Russland schickt – Eintracht Frankfurt zum Beispiel, Borussia Mönchengladbach oder auch der HSV und St. Pauli.

⚽ Die Doping-Proben, die bei der WM genommen werden, sollen nicht in Russland untersucht werden, sondern dafür extra ins Ausland gebracht werden. Schließlich ist die russische Anti-Doping-Agentur immer noch suspendiert, weil sie sich nicht an die Regeln der Welt-Anti-Doping-Agentur hält.

⚽ Zwölf WM-Stadien werden es kommendes Jahr sein, fünf davon bekommen ihren Rasen aus Frankreich. Der soll besonders widerstandsfährig sein, schreibt der Courrier de Russie.

⚽ Sehr schmeichelhaft, was die Leser von Lenta.ru da für die Fußball-Weltmeisterschaft vorhersagen: Rund 3000 von ihnen haben sich bisher an einer Umfrage beteiligt, wer der nächste Fußball-Weltmeister wird, und beinahe jeder zweite hat für Deutschland gestimmt. Immerhin 8 Prozent antworteten auf „Wer wird bei der WM 2018 gewinnen“ mit „Die Freundschaft“. Hach!

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Die Schlusspointe kommt in dieser Russball-Folge von Wjatscheslaw Nesterow. Er ist Illustrator und arbeitet gerade an einem satirischen Kalender, der bis ins Jahr 2120 gehen und sich komplett um Wladimir Putin drehen soll. Für jedes Jahr hat sich Nesterow außerdem eine Überschrift ausgedacht. Eine davon passt in ihrer ganzen Bosheit, die sich erst nach der Hälfte des Satzes zeigt, hier sehr hübsch rein: „2030 – die russische Fußball-Nationalmannschaft gewinnt den Hauptpreis im Sportlotto.“



 

Russball, Folge 5: Frauenfußball, Stalingrad und Alkohol

Draußen Regen, drinnen Kerzenschein. So schön, dieser Moskauer Herbst, da kann man sich wenigstens aufs Bloggen konzentrieren und wird nicht durch Draußensitzen, Freilufttrinken oder gar Grillen abgelenkt. Okay, er hätte jetzt nicht schon im Juli anfangen müssen, aber was soll’s.

12 Grad und Regen, das hat ja auch seine schönen Seiten: Wenn hier demnächst die neue Saison in der Ersten Liga anfängt, können sie einfach von Anfang an den roten Fußball nehmen. Kann ja nicht mehr lange dauern bis zum ersten Schnee.

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⚽ Eine Erfolgsmeldung zum Start. Die immer wieder vorgebrachte These, dass sportliche und andere Großereignisse in autoritär regierten Ländern dazu beitragen können, diese weltoffener, freier, liberaler zu machen, ist endlich belegt. Seit wenigen Tagen gilt in Russland tatsächlich eine neue Regelung, die einen entscheidenden Lebensbereich liberalisiert: den Konsum

Wer alkoholische Getränke kaufen wollte,  musste dazu bisher an der Kasse auf Nachfrage den Pass zeigen. Künftig geht das auch mit Führerschein oder Fan-ID, schließlich sollen auch Touristen an Bier oder Wodka kommen, wenn sie gerade den Pass nicht dabei haben. Geschichte wird gemacht. Es geht voran. 

⚽ Schon der zweite deutsche Neuzugang bei Lokomotive Moskau innerhalb weniger Monate. Warum das keiner mitbekommen hat? Weil es nicht um Spieler geht. Ende Januar hat sich der Verein Erik Stoffelshaus als neuen Sportdirektor geholt, der vorher erst ein gutes Jahrzehnt bei Schalke und dann einige Jahre in Kanada war (und in seiner Twitter-Biografie stilecht „Entscheidend is auf’m Platz!“ zitiert).

Jetzt stößt Willi Kronhardt, ehemaliger Profifußballer und Trainer, als internationaler Scout hinzu. Der Mann ist das, wozu wir oft etwas ungenau „Russlanddeutscher“ sagen, was in seinem Fall heißt: Er verbrachte die ersten Jahre seiner Kindheit in Kasachstan. Und so, wie ich ihn hier gerade als Deutschen reklamiert habe, titelt die Website „Tengrinews.kz“ ihrerseits dann auch ganz stolz: „Gebürtiger Kasache bekommt einen Posten bei Lokomotive Moskau.“

⚽ An Polina Gagarina erinnert sich vielleicht die eine oder der andere noch, sie hätte mit „A Million Voices“ 2015 beinahe den Eurovision Song Contest gewonnen. Nun reicht sie, mit ordentlich Vorlauf, schon mal ihre Bewerbung für den Fußball-WM-Hit 2018 ein: „Команда 2018“, also „Mannschaft 2018“, wobei es laut Gagarina und ihren Mitmusikern DJ Smash und Egor Kreed nicht nur um Fußball gehen soll: „Ein Team, das sind nicht nur 11 Leute auf dem Platz. Ein Team, das sind wir mit dir zusammen.“ Kuckstu hier:

⚽ Beim Confed Cup war ja erst kurz vor Beginn klar, welcher russische Fernsehsender zu welchen Konditionen die Spiele zeigen würde. Insofern ist es nicht allzu beunruhigend, wenn man liest, dass es für die russischen Übertragungsrechte der Fußball-WM noch keine Einigung gibt. Sind ja noch elf Monate bis zum Eröffnungsspiel. Okay, AP merkt zu Recht an, dass die FIFA sowas sonst Jahre im Voraus aushandelt. Aber eben nicht in Russland.

In den USA hält FOX die Übertragungsrechte und wird darum jetzt fleißig von allerlei Social-Media-Plattformen umworben. Facebook, Snapchat und Twitter wissen schließlich alle, wie sehr Sport ihre Nutzer begeistert und bindet – und sollen daher Angebote in zweistelliger Millionenhöhe gemacht haben, um online Videos von Höhepunkten der Spiele zeigen zu dürfen. 

⚽ Was auch noch unklar ist: Wo die Fans alle wohnen sollen, die da kommenden Sommer zur WM anreisen. Rosturism, die russische Tourismusbehörde, kommt in einer Bestandsaufnahme zu dem Schluss, dass es nicht genügend Hotels gibt. Von den elf Spielorten gebe es lediglich in Moskau, Sankt Petersburg, der Republik Tatarstan (also rund um Kasan), der Region Krasnodar (Sotschi) und der Oblast Swerdlowsk (Jekaterinburg) ausreichend Hotelzimmer. 

Im Umkehrschluss heißt das: Wer ein Spiel in Kaliningrad, Nischni Nowgorod, Rostow am Don, Samara, Saransk oder Wolgograd sehen will, sollte die Daumen drücken, dass sich da bis zur WM noch was tut – oder damit planen, auf Hostels oder Privatunterkünfte auszuweichen.

⚽ „Der Fußball und die Deutschen“ überschreibt Trud.ru eine lange Analyse, die auch „Warum klappt das da in Deutschland mit dem fußballerischen Erfolg und bei uns in Russland nicht?“ heißen könnte. Als Hauptunterschied sieht Autor Sergeij Stetschkin die erfolgreiche deutsche Nachwuchsarbeit. „Bei der WM 1998 wurde Deutschland von Kroatien 3:0 geschlagen, bei der EM 2000 kam es nicht über die Gruppenphase hinaus.“ Schwerfällig und alt sei die Mannschaft gewesen, im Schnitt 31 Jahre. „Daraufhin krempelte der DFB die Ärmel hoch und stieß Reformen an.“ Das Ergebnis: jüngere Nationalspieler und eine erfolgreichere Nationalelf.

2012, so Stetschkin, hätten Deutschland und Russland sogar ein Memorandum zur Zusammenarbeit unterzeichnet, doch daraus sei nichts geworden, „und das kann man nicht den Deutschen vorwerfen.“ Was die Übertragbarkeit deutscher Nachwuchsförderung auf Russland angeht, ist er ohnehin Pessimist: Russland habe zwar in jüngster Zeit selbst einige Fußballschulen eröffnet. Doch die funktionierten nicht, weil „Lobbyarbeit, Vetternwirtschaft und Korruption auf allen Stufen der Bildungspyramide blühend gedeihen.“

⚽ Die britische Regierung ist früh dran und hat ihren Reiseratgeber für Fußballfans, die kommendes Jahr zur Weltmeisterschaft nach Russland reisen wollen, schon fertig. „Be on the Ball“ handelt umfassend und sorgfältig die wichtigen Baustellen ab: Sicherheit, Krankenversicherung, Visum. Die russische Eigenart, dass man sich bei der örtlichen Polizei registrieren muss. Dass Tickets nicht reichen, um ins Stadion zu kommen, sondern auch eine Fan-ID nötig ist. Alles knapp und nützlich, auch für Nicht-Briten. 

Lustig auch, welche Bedürfnisse die Autoren den reisenden Fußballfans unterstellen: Der ultrakurze Sprachführer am Ende des Ratgebers besteht aus gerade mal 18 Einträgen. Eins, zwei, drei, bitte, danke, guten Tag, auf Wiedersehen. Ich spreche kein Russisch, sprechen Sie Englisch? Und dann die Frage ganz zum Schluss, nicht etwa nach Essen, Bier oder Arzt, sondern, wie dieser Screenshot zeigt, nach der absoluten Grundversorgung: „Wie heißt Ihr WLAN-Passwort?“

 

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⚽ Vor der Fußball-Weltmeisterschaft wird der WM-Pokal schon mal auf Tour durch Russland geschickt und tingelt in zwei Etappen allerlei große Städte ab. Man kann sich dazu die extrem begeisterte Pressemitteilung durchlesen, die die FIFA dazu rausgehauen hat. Oder man liest bei The18.com eine gar nicht mal so unlustige Mischung aus Fakten und Sarkasmus zum selben Thema: „24 – Zahl der Städte, die der Pokal besuchen wird. 108 – Zahl der Pinkelpausen unterwegs.“

⚽ „Profitiert der Frauenfußball in Russland von der WM?„, fragt der Deutschlandfunk, auch wenn es im Beitrag dann nur am Rande darum geht. Wer sich aber für russische Frauen als Sportfunktionärinnen, als Führungskräfte oder einfach für Mann-Frau-Rollenbilder in Russland interessiert, kann hier den Bericht nachlesen. 

⚽ Die Entscheidung über den russischen Pokalsieger wird aller Wahrscheinlichkeit nach kommenden Mai in Wolgograd fallen. Sergej Prjadkin, immerhin Chef der russischen Fußball-Liga, lässt sich so zitieren: „Zu 99 Prozent findet das Spiel in Wolgograd statt – der Vorstand muss es nur noch genehmigen.“ Hundertprozentig fest ist das Datum der Begegnung: der 9. Mai, an dem Russland den Sieg über den Nationalsozialismus feiert.

Termin und Austragungsort passen gleich doppelt zusammen: In der Stadt, die vielen Deutschen als Stalingrad geläufiger ist, finden sich noch heute Spuren des Zweiten Weltkriegs; 2018 jährt sich der sowjetische Sieg in der Schlacht von Stalingrad zum 75. Mal. Wolgograds WM-Stadion wiederum entsteht in Sichtweite der monumentalen „Mutter Heimat“-Statue, die mit erhobenem Schwert ihre Landsleute aufruft, in den Kampf zu ziehen. Wer derzeit die Anhöhe zur „Rodina-mat“ hochsteigt, blickt genau auf die Stadionbaustelle.

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Nochmal kurz zum Deutschlandfunk: In dessen Sendung „Sport am Samstag“ habe ich ein bisschen was erzählt dazu, wo es bei der Abstimmung zwischen FIFA und russischen Organisatoren noch hakt (die Phantomtickets, ihr erinnert euch), wie sehr der russische Staat im Blick hat, wann man sich als Fan hier wo aufhält, und wie sich das anfühlt. Mehr dazu hier, der Button zum Nachhören versteckt sich in der unteren rechten Ecke des Aufmacherfotos.



Vom Versuch, in Sotschi eine Karte für Deutschland-Kamerun zu kaufen

kscheib confed cup sotschi ticketsDass die deutsche Fußball-Nationalmannschaft und ich gleichzeitig in Sotschi sein würden, wusste ich vor einer Woche noch nicht. Der Besuch hier ist spontan, es ist auch nicht mein erster, die touristischen Attraktionen hab ich soweit alle durchgespielt.

Es bleibt also genug Zeit für einen kleinen Selbstversuch: Natürlich möchte ich gerne heute Abend das Spiel Deutschland – Kamerun beim Confed Cup sehen. Fehlt nur die Eintrittskarte. Und um die zu bekommen, stelle ich mich heute mal dumm und spreche kein Russisch, nur Englisch. Wie wohl die Mehrheit der ausländischen Fans, die im kommenden Jahr hierher zur Fußball-Weltmeisterschaft kommen werden.

1. Anlaufstelle: der Infostand unten im Hotel

Das ist ein bisschen gepfuscht, denn eigentlich sind die drei Damen hinterm Tresen dazu da, angereisten Journalisten und Offiziellen zu erklären, wo ihr Shuttle zum Stadion fährt. Aber es ist wenig los, ich frage kurz und bekomme dreifach simultan Auskunft in gutem Englisch: Tickets kauft man am Bahnhof, da kommt man am besten mit dem Taxi hin. Alles klar, das Taxi rufe ich per App, es kommt in 3 Minuten. Läuft.

2. Anlaufstelle: der Infostand vor dem Bahnhof

Nur leider vor dem falschen Bahnhof. Denn dummerweise wusste ich nicht, dass Adler (der Vorort von Sotschi, in dem das Stadion und auch mein Hotel liegen) zwei Bahnhöfe hat. Ich hätte nach „Adler, Olympischer Park“ gemusst, dass hier ist einfach nur „Adler“. Aber macht ja nichts, vor dem Haus steht ein Stand mit drei freiwilligen Helferinnen, geschätztes Alter: kurz vor volljährig. „Entschuldigung, wo kann ich hier Fußballtickets kaufen?“ Große Augen, Gekicher. Russische Satzanfänge. Dann nimmt eine ihren Mut zusammen und sagt, in akkuratem Schulenglisch: „Anderer Bahnhof. Bus 124.“ Und die andere ergänzt: „Oder Lastotschka. Vorortzug.“ 

3. Anlaufstelle: Fahrkartenschalter

Telegrammstil ist die Lösung, wer braucht schon ganze Sätze. Ich also: „Olympischer Park?“ – Sie so: „60 Rubel.“ – Ich so: „Danke. Wo?“ – Sie so: „Da.“ Und zeigt nach rechts. Meine Fahrkarte und ich wollen schon mal aufs Gleis, werden aber unterwegs von einer Kontrolleurin abgefangen. Sie sagt, dass man erst kurz vor der Abfahrt aufs Gleis darf, mein Zug aber erst in zwanzig Minuten kommt. Da ich heute kein Russisch kann, versteh ich das leider nicht, aber ihre Gesten sind eindeutig. Ich lasse mich also wegschicken, gehe aus dem Gebäude raus, noch ein bisschen aufs Meer gucken. Es regnet, aber Meer ist Meer. Zwanzig Minuten später sitze ich im Zug. Die Durchsagen sind auf Russisch und auf Englisch.

4. Anlaufstelle: ein Freiwilliger am anderen Bahnhof

Jetzt aber: Olympischer Park! Im diesmal richtigen Bahnhof steht ein junger Mann in Freiwilligen-T-Shirt, mit Freiwilligen-Bändel um den Hals. „Wo kann ich Tickets kaufen?“ Er sagt auf Russisch, dass er kein Englisch kann. „Tickets?“ Kopfschütteln. Als ich auf Russisch frage, ist er dagegen gleich im Thema: Tickets für die Bahn oder fürs Fußballspiel? Ah, okay, dann bitte dort aus dem Gebäude raus, die Treppe runter, dann sehen Sie’s schon.

5. Anlaufstelle: die Fan-ID-Zentrale

Echt jetzt? Dieses winzige Blechhäuschen, an dem „Kasse“ steht? Ohne ein einziges Fußball-Logo? Nein, das kann nicht sein, und das ist dann auch nicht: Hier gibt es zwar Tickets, aber nur für Leute, die in einem Elektrowägelchen übers Olympiagelände tuckern wollen. Ansonsten sieht man: Zäune, Zäune, geschlossene Türen, Sicherheitsmänner, Sicherheitshunde, Pfützen, Zäune… oh, da hinten ist ein Schild! Hier kann man seine Fan-ID abholen. Die habe ich zwar schon, aber wo es Fan-IDs gibt, gibt es bestimmt auch Leute, die sich auskennen. 

Leider hat die Freiwillige hier neben der russischen nur eine spanische Flagge am Oberteil, und Spanisch spreche ich weder heute noch sonst. Aber sie ist, wie die meisten Freiwilligen, motiviert und nett. Nachdem wir uns mit viel Lächeln und Kopfschütteln darauf geeinigt habe, dass wir uns nicht verstehen, ruft sie einen Bekannten herbei, der ein paar Meter weiter steht und nichts mit Fußball zu tun hat. Dafür weiß er, wo ich hin muss: „Aus dieser Türe raus und dann links, ein Haus mit viel Rot“ 

6. Anlaufstelle: Freiwillige. Viele Freiwillige

Aus der Tür raus und dann links finden sich einige Meter Asphalt, dann Pfützen, dann ein Zaun. Kein Haus, kein Rot. Aber da drüben, zurück Richtung Bahnhof, hat sich unter einem Wellblechdach eine Menschentraube gebildet. An den Regencapes und den großen Schaumstoff-Winkehänden erkenne ich: Freiwillige! Ein ganzes Nest! Die werden mir helfen! Was sie auch gerne wollen, nur… „Wo kann ich hier Tickets kaufen?“  – Großes Hallo, da spricht jemand Englisch! Der einsame Jungsfreiwillige dreht sich weg und starrt aufs Handy, die Mädchenfreiwilligen reden parallel auf Russisch auf mich ein. Was ich will? Ob ich Russisch kann? Ob ich eine Fan-ID abholen will?

„Eeeeeeeenglisch!“ ruft eine über den Hof, „spricht von euch irgendwer Eeeeeeeenglisch?“ Sie sind, kurz gesagt, ganz hinreißend und organisieren erst eine Freiwillige, die tatsächlich leidlich Englisch kann und um Geduld bittet, und dann sogar eine Freiwilligen-Leiterin, mit Megafon, Autorität und gutem Englisch. „Sie müssen zurück gehen Richtung Bahnhof, aber dann über den Parkplatz, über die Straße. Das Haus mit Rot außen dran.“ Ich bedanke mich, winke in die Gruppe und gehe los. Schaumstoffhände winken zurück.

7. Anlaufstelle: Das Haus mit Rot dran

Das Haus! Mit Rot! Genau genommen mit dem Confed-Cup-Schriftzug auf rotem Untergrund. Wäre dies ein Comic, man sähe in meinen Augen Fußball-Tickets. Was machen schon nasse Füße, wenn sie auf eine Tür zustapfen, über der „Self Service Terminals“ steht. Die Tür zum Ticket. Die Tür zum Glück. Die Tür ins Trockene.

Die Tür ist zu. Abgeschlossen, drinnen brennt kein Licht. Aber ein paar Meter weiter gibt es noch einen Eingang, mit einer Freiwilligen im Rentenalter. „Kann ich hier Tickets kaufen?“ – „Natürlich. Hier durch die Sicherheitsschleuse, das Handy bitte einmal da ins Körbchen, und dann da vorne anstellen.“ Je näher man dem Ziel kommt, desto leichter wird es. Als ich kurz darauf an einem Touchscreen stehe und auf die deutsche Fahne tippe, sagt eine Stimme neben mir auf Deutsch: „Entschuldigung, aber das ist nur zum Ausdrucken. Erst müssen sie dort bezahlen.“ Ein Freiwilliger, etwas schüchtern, aber spontan der Held seiner beiden Kolleginnen, die unser Gespräch mithören: Was, du sprichst Deutsch, fragt die eine auf Russisch, und als er nickt, sagt die andere nur: voll cool!

Es dauert dann alles noch ein bisschen. Schlange, Preiskategorien, wo möchte man sitzen. Dazu die ganzen Sicherheitswünsche der FIFA und des russischen Staates, ich gebe also trotz Fan-ID noch mal Geburtsdatum, Passdaten, Telefonnummer preis, werde noch einmal fotografiert. Aber gut, das ist halt so, und der nette Freiwillige steht stets einen halben Schritt daneben und guckt, ob er noch irgendwie helfen kann. Zum Abschied mache ich ihm noch ein paar Komplimente für seine Deutschkenntnisse. 

 

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Ich stehe vor dem Haus mit Rot dran im Regen und erkläre nach gut zwei Stunden den Selbstversuch für beendet. Was auch dringend nötig ist, denn ohne Russisch würde der Abzocker-Taxifahrer nicht verstehen, was ich von seiner Preisvorstellung für die Fahrt zurück ins Hotel halte. Wegelagerei dieser Art nimmt hier in Russland extreme Formen an

Was habe ich gelernt? Freiwillige sind Idealisten und versuchen zu helfen, wo und wie sie nur können. Das heißt aber nicht, dass man sich als Veranstalter einfach drauf verlassen darf, dass damit schon alles passt. Wenn das 2018 klappen soll mit den Fußballspielen in Sotschi, braucht es Englischkurse, mehr Wegweiser, generell bessere Informationen. Und bei den Fans die Bereitschaft, viel Zeit einzuplanen – und sich vielleicht zumindest ein paar Brocken Russisch draufzuschaffen.

60 Minuten Russischunterricht

kscheib Russischunterricht

Dass der Besuch noch schläft. Ob die Milch für den Tee noch gut ist. Dass sie gestern einen extrem vollen Tag hatte. Dass sie mit einem Schüler einen langen Text über Nawalny gelesen hat. Ob die Strategie von Nawalnys Wahlkampf ist, maximal zu provozieren, so lange er das noch kann – bis seine Kandidatur untersagt oder anderweitig verhindert wird. Wann die „Nach-Nawalny-Ära“ beginnt, und dass das ja zumindest heißt, dass es davor eine „Nawalny-Ära“ gegeben hat. Wo Markus gerade ist. Der Stadionbau in St. Petersburg. Die FIFA. Korruption.

Dass das gestern wieder vier Stunden gedauert hat, als Putin im Fernsehen Fragen von Bürgern beantwortet hat. Um welche Antworten er sich gedrückt hat. Was er zum Druck auf Kulturschaffende gesagt hat. Zu welchem Zinssatz Kleinunternehmer einen Kredit aufnehmen können und was da noch an Zusatzgebühren draufkommt. Der Unterschied zwischen einer physischen Person und einer juristischen Person.

Dass es in der EU bald kein Roaming mehr gibt. Dass eine Journalistin im Fernsehen die russischen Telefonanbieter gefragt hat, warum Russen im Ausland weiterhin Roaminggebühren zahlen müssen. Dass die Antwort war: Schaut mal, die EU ist so klein – und ihr müsst im ganzen, großen Russland keine Roaminggebühren zahlen, freut euch doch.

Das Konzert gestern Abend im Tschaikowskisaal. Zu welchem Abonnement es gehört, warum der Dirigent ihr liebster ist (musikalisch brilliant, aber auch ein guter Erklärer, der in der ersten Hälfte Mahlers Siebte dem Publikum erläutert und erst in der zweiten Hälfte dann auch aufgeführt hat). Dass ihm wichtig ist, nicht nur die Klassikkenner zu begeistern, sondern auch die, die zum ersten Mal ins Konzert gehen. Dass der Saal ausverkauft war. Was Mahler als Dirigent für Werke geleitet hat. Die Meistersinger von Nürnberg.

Unser Chorkonzert gestern Abend im Konservatorium. Dass der Saal eher so halb voll war. Dass das nichts macht, weil ja im Tschaikowskisaal besagter Superdirigent auf der Bühne stand und bestimmt das Publikum abgezogen hat. Dass man als Alt wenig sieht, wenn auf der Bühne zwei Konzertflügel aufgebaut sind und dahinter steht der Dirigent. Dass wir Chorsänger in der ersten Hälfte hinten im Saal sitzen durften zum Zuhören. Dass beide Pianistinnen großartig waren, aber der Umblätterer der einen sich so vertan hat, dass sie verärgert war und selber geblättert hat. Dass in der Pause die beiden Pianistinnen die Plätze getauscht haben. Dass es viel Applaus gab, viele Blumen und sogar eine Artischockenblüte für unseren Dirigenten. Dass er sie gehalten hat, als wäre es ein Knüppel.

Dass das mit den Blumen eine schöne Tradition ist. Dass es auch immer wieder Leute gibt, die zusätzlich kleine Geschenke hochreichen. Dass das gerade rund um Weihnachten und das Jahresende oft passiert. Dass es lustig ist, wenn da oben ein Dirigent steht, im Smoking, hochprofessionell, und unten eine Babuschka, die ihm einen Beutel mit selbstgebackenen Piroggen hochreicht.

Dass noch vor einigen Jahren das Moskauer Konzertpublikum meist aus alten Frauen und Musikstudenten bestand. Dass dann der Moskauer Bürgermeister irgendwann beschlossen hat, dass sich Straßenmusiker um die richtig guten Plätze bewerben müssen. Dass deshalb jetzt an einigen Stellen echte Profimusiker sitzen, und so alle Leute ein Verständnis dafür bekommen, was gute Musik ist. An welcher Metrohaltestelle man kaum umsteigen kann, weil im Durchgang zwischen den beiden Stationen immer zwei Musiker spielen, Cello und Geige, bei denen die Passanten stehenbleiben und applaudieren, und keiner kommt mehr vorbei. Wo in der Metro man eher Klassik hört und wo eher Rock. Dass Musik selbst in der Rushhour dafür sorgt, dass man mal kurz durchatmet.

Wie man „Korruption“, „Schmiergeld“, „verärgert“, „die Plätze tauschen“ und „durchatmen“ auf Russisch sagt und schreibt.

Die Hausaufgaben. Bewegungsverben mit allerlei Vorsilben, vor allem hin- und weg-. „Nach den Prüfungen sind die Studenten in ihre Heimatländer weggefahren.“ Dass родина (rodina) zwar „Heimat“ heißt im Sinne von Heimatland, man aber auch малая родина (malaja rodina) sagen kann, „kleine Heimat“, was dann den Geburtsort oder die Region bezeichnet, aus der man kommt: „meine kleine Heimat“.

Verschiedene Aspekte von Fortbewegungsverben. Bewegt sich jemand einmal oder mehrfach? Regelmäßig oder ausnahmsweise? Und der Ort, wo er sich hinbewegt hat – ist er da noch oder schon wieder weg? Wie sich die Deklination von „fahren“ leider komplett ändert, sobald es eine Vorsilbe bekommt. Hinfahren. Wegfahren. Losfahren. Abfahren.

Welche Fußballvokabeln wir letztes Mal besprochen haben. Ein Tor schießen. Ein Tor reinbekommen. Gegner. Regelverstoß. Platzverweis. Dann Neues: Wie groß ein Fußballplatz ist, und seit wann das so festgelegt ist. Dass zum Beginn jeder Halbzeit und nach jedem Tor der Ball auf den Mittelpunkt kommt. Dass es für die verschiedenen zeitlichen Abschnitte von sportlichen Wettkämpfen (Halbzeit, Runde, Satz) verschiedene russische Wörter gibt, aber alle aus dem Englischen kommen. Welchen Durchmesser der Anstoßkreis hat. Die unterschiedlichen Wörter für „Kreis“ = die Linie außen herum und „Kreis“ = die Fläche innerhalb dieser Linie. Wie hoch und wie breit ein Fußballtor ist.

Wie das Wetter am Wochenende wird. Ihre Wochenendpläne. Unsere Wochenendpläne. Ob Putin auf Nawalny wohl reagiert, indem er das Internet weiter beschränkt und Blogger verhaften lässt, oder ob er demnächst seinen eigenen Kanal bei Youtube aufmacht. Dass wir uns Montag wiedersehen. Auf Wiedersehen. Vielen Dank.

Manchmal kann ich nicht fassen, worüber wir in 60 Minuten Russischunterricht alles reden.

Beste Russischlehrerin der Welt hab ich schon gesagt?

Russische Landeskunde mit Schoko-Bonbons

Es gibt so Momente: Abendessen im Restaurant, Gespräch mit einer netten Zufallsbekanntschaft. Ich schwärme von meiner Russischlehrerin: So klug, so reflektiert, so humorvoll, so kritisch. Erklärt anschaulich, geht auf ihre Schüler ein, kennt sich mit Geschichte, Politik, Kultur genau so aus wie mit dem Alltag von Kindergarten bis Rente, mit der Sowjetunion ebenso wie mit dem heutigen… „Ach so,“ sagt die Tischnachbarin, „du bist bei Tatjana! Bei der hatte ich früher auch Unterricht – schöne Grüße!“

Die beste aller möglichen Russischlehrerinnen hat viele Pluspunkte. Ihr vielleicht größter ist die Begeisterung, wann immer man ihr mit einer Frage aus dem echten Leben kommt, denn die haben immer Vorrang. Als jetzt zum ersten Mal im neuen Jahr das Wort „Grammatikübungen“ fiel, habe ich sie darum gefragt, ob wir nicht noch mal auf ein Thema von vor ein paar Monaten zurückkommen könnten – diesmal für mich zum Mitschreiben und Bloggen: конфеты (Konfeti). Pralinen also, oder besser: Schokoladenbonbons, und was sie und ihre Verpackung über die Geschichte dieses Landes erzählen.

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„Dass wir zu Sowjetzeiten so gutes Konfekt hatten, hat mich immer gewundert. Vielleicht, weil die Fabriken und die Rezepte sich schon vor der Revolution etabliert hatten und an den Standards dann festgehalten wurde? Jedenfalls gab es zwei große Marken, Babajewski und Roter Oktober. Das waren die teuren, guten Schokoladenbonbons, für Feiertage, als Geschenk, oder um sie zum Neuen Jahr in den Baum zu hängen.“

Mischka kosolapi Bonbons

„Eine der ältesten Bonbonsorten ist „Mischka kossolapi“, das tollpatschige Bärchen, nach einem Gemälde von Iwan Schischkin, „Morgen im Kiefernwald“. Das war die Zeit, als selbst Bonbonpapiere lehrreich sein sollten – russische Natur, russische Künstler, solche Motive halt, und stilistisch immer Realismus. Dieses Gemälde hing damals auch wirklich in jedem Hotel, jedem Restaurant, jeder Schule. Schischkin gilt als der echteste, der russischste Maler – dabei konnte er eigentlich nur ein Motiv, den Wald. Selbst die Bären auf dem Bild hat ein Freund von ihm gemalt. Später gab es dann noch „Mischka na severje“, das Bärchen im Norden. Das schmeckte ein bisschen anders, und auf dem Bonbonpapier war ein Eisbär abgebildet.“

Krasnaja Schapotschka Rotkäppchen Bonbons

„Für uns Kinder waren die фантики (Fantiki), die Bonbonpapiere, genau so wichtig wie die Bonbons selber. Diese Papierchen und bunte Glas- oder Porzellanscherben, das waren die zwei Dinge, die wir gesammelt und untereinander getauscht haben. Und Krasnaja Schapotschka, Rotkäppchen, habe ich geliebt – weil man sah, das war kein russisches Mädchen, die Kleidung war anders, irgendwie besonders. Meine Mutter hat mir dann das komplette Outfit genau so nachgeschneidert, fürs Kostümfest im Pionierlager.“

Belotschka russische Bonbons

„Das hier ist auch eine sehr alte Bonbonsorte: „Belotschka“ heißt das Eichhörnchen in einer Erzählung von Puschkin, „Das Märchen vom Zaren Saltan“. Es knackt goldene Nüsse, und in jeder ist ein Smaragd drin. Deshalb sind in diesem Bonbon auch Nussstücke drin. Dieses Prinzip, dass der Inhalt zum Motiv auf der Verpackung passen muss, ist mir besonders von einem anderen Bonbon in Erinnerung geblieben, das war gelb und hieß Kara-Kum – auch wieder lehrreich, diesmal sollten wir den Namen einer sowjetischen Wüste lernen. Wenn man in das Bonbon gebissen hat, waren da ganz kleine, harte Karamelsplitter drin. Als ob man auf Sand beißt – das mochte ich nie.“

Aljonka Bonbons Russlan

„Die Aljonka-Bonbons wurden Ende der Sechziger herausgebracht, also nach Chrustschows Tauwetter. Plötzlich nichts Lehrreiches mehr auf der Verpackung, sondern einfach dieses Mädchen. Nicht mal eine Pionierin, keine Pose. Mein Onkel hat damals meiner Cousine so ein Kopftuch umgebunden und sie genau so fotografiert wie Aljonka auf dem Bonbonpapier. Kopftuch, Knopfaugen – so sahen wir Mädchen damals ja alle aus.“

Wdochnowenije Inspiration Bonbon

„Dieses Motiv heißt „Wdochnowenije“, Inspiration, und alles dreht sich ums Ballett: die Fassade des Bolschoi in Gold, darunter die beiden Tänzer im Scheinwerferlicht. Ursprünglich gab es dieses Motiv nicht als Bonbon, sondern als Schokoladentafel, mit einzeln verpackten Riegeln – so wie Kinderschokolade in Deutschland. Dann konnte ein Kavalier bei einer Ballettaufführung in der Pause seiner Dame Schokolade anbieten, ohne dass jemand Stücke abbrechen und sich die Finger mit Schokolade verschmieren musste.“

Weltraum-Odyssee Bonbon

„Dieses Bonbon heißt „Kosmitscheskaja Odisseja“, Weltraum-Odyssee. Polarexpeditionen, Raumfahrt, Atomspaltung – immer, wenn es in der Sowjetunion große Begeisterung für etwas gab, wurde auch ein passendes Bonbon erfunden. Ich habe tatsächlich als Kind Bonbons gegessen, die „Radii“ hießen, also Radium. Und es waren ja nicht nur die Bonbons: Damals gab es in meinem Freundeskreis gleich zwei Jungen, denen ihre Eltern den Namen „Elektron“ gegeben hatten. Beim Spielen haben wir sie dann halt „Elek“ gerufen, das war nicht so lang.“

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Es gäbe noch mehr zu bloggen, wir haben uns schließlich eine ganze Unterrichtsstunde lang mit den Bonbons befasst. Welche Form sie haben müssen, mit den spitz gefalteten Ecken. In welchem Wodka drin ist und welches Moskaus Kaufleute und Mäzene würdigt. Aus welchen drei Schichten die Verpackung bestehen muss – die bunt bedruckte, darunter Folie, darunter Pergament. Geht aber leider nicht, denn ich muss mich auf die nächste Stunde vorbereiten. Übungen zu den Präpositiv-Endungen von Substantiven und Adjektiven stehen an. Diesmal dann wohl wirklich.

Schöner kann man französische Wörter nicht russifizieren

Es gab eine Zeit, da sprach, wer in Russland etwas auf sich hielt, Französisch. Die Hauptstadt war St. Petersburg, Zar Peter der Große ein Anhänger der Aufklärung – und erwartete daher von den russischen Adligen entsprechende Sprachkenntnisse.

Ein Forschungsprojekt der University of Bristol hat die Rolle des Französischen in Russland näher untersucht, von Peters Regierungszeit bis zur Revolution von 1917, und es macht großen Spaß, in den Dokumenten aus dieser Zeit zu stöbern: Briefe innerhalb adeliger Familien, Tagebücher, diplomatische Kontakte, sogar die Regeln einer Freimaurerloge – immer entschieden sich die Verfasser für Französisch.

Heute begegnet einem gesprochenes Französisch hier nur selten. Nur 14 Prozent aller Russen geben an, eine Fremdsprache halbwegs fließend zu beherrschen, und dann sind es eher Englisch, Deutsch, Spanisch oder Ukrainisch.

Was es allerdings gibt und was den Alltag hier ein ganzes Stück interessanter macht, sind französische Wörter und ihre Übertragung ins Russische. Die Klänge des Originalbegriffs, nachempfunden mit dem, was das kyrillische Alphabet halt so her gibt. Der Effekt ist ein bisschen wie das Blättern im Ikeakatalog: Manchmal hilft nur lautes Vorlesen, um zu verstehen, welcher Begriff gemeint ist. Nur, dass es hier eben nicht Godmorgon, Träning und Behändig sind, sondern…

…Letual.

Eine große Kosmetikkette hier, das Logo mit seinen beiden Bögen ist so unverkennbar wie allgegenwärtig. Okay, man hätte beim Russifizieren von „l’étoile“ berücksichtigen können, dass es ein helles E ist, also im Russischen eher ein е als ein э. Aber sonst gar nicht so schlecht.

französische lehnwörter 2

…odekolon,

hier in der Ausprägung „Diplomat“ mit wirklich allerliebstem Flakondesign. Wer möchte nicht riechen wie ein kritisch nach unten blickender Anzugträger vor Wolkenkratzern?

französische lehnwörter 4

…Schedewre.

Gefunden auf der Liste der Abonnements, die der Tschaikowsky-Saal für Konzertbesucher anbietet. „Meisterwerke der Oper“ heißt dieses Abo. Meisterwerk auf Französisch: chef-d’œuvre. Ins Russische übertragen wird aus dem œu ein eher bräsiges E an der Grenze zum Ä, so dass das Ergebnis entfernt nach Kölsch klingt: ScheDÄwre, mit Betonung in der Mitte. Der Jupp wollt mich beim Skat ens betuppe, da han ich dem ävver ens mit dem Schedäwre op der Däts jehaue!

russisch französisch chef d'oeuvre шедевр

…Komilfo.

Diese Pralinen kaufe ich manchmal als Mitbringsel. Sie schmecken nicht nach DDR, sie riechen nicht nach Duschgel, das sind hier im Sortiment schon zwei recht nennenswerte Erfolge. Dann noch dieser Retro-Look, und mit nur zehn Stück Inhalt machen sie auch den Koffer nicht viel schwerer. Vor allem aber kaufe ich sie, um dann zuhause mit den Beschenkten das Entzifferspiel zu spielen: Ko… Komi… Komilf… Komilfo? Sagt mir nichts. Ach, warte – Komilfooooooo? Na, dann schauen wir mal, ob das stimmt! Komilfo Russisch Französisch

…Randewu.

Klar, Nasallaute sind schwierig. Aber hab ich das wirklich so falsch im Ohr, oder müsste man statt „Randewu“ nicht eher „Rondewu“ schreiben, also рондеву? Hm.

französische lehnwörter 3

…pan-o-rasan.

Klingt wie eine Hautcreme, ist aber, wie man sieht, Backwerk und zugleich meine liebste, weil am schlimmsten verunglückte Übertragung aus dem Französischen ins Russische. Pain aux raisins weckt Lust auf ein Sonntagsfrühstück. Pan-o-rasan eher Assoziationen wie „Ich hatte da ja dieses nässende Ekzem, aber dann hab ich eine Woche lang Pan-o-rasan draufgetan und jetzt geht’s wieder.“

französische lehnwörter 1