Immerwährender Moskauer Social-Media-Kalender

So sieht der Frühling als sowjetisches Mosaik im Garage-Museum aus. Wie er bei Facebook, Twitter oder Instagram aussieht, ist leicht vorherzusagen
So sieht der Frühling als sowjetisches Mosaik im Garage-Museum aus. Wie er bei Facebook, Twitter oder Instagram aussieht, ist leicht vorherzusagen

Vier Jahre in Moskau, da ist vieles inzwischen lieb vertraut. Heimat. Routine. Und gleichzeitig immer noch Besonders genug, um darüber zu posten, bei Twitter, Facebook, Instagram oder sonstwo. Neulich fiel mir dazu ein Blogpost ein, den ich vor einigen Jahren mal gelesen hatte. Isabel Bogdan und Maximilian Buddenbohm haben dort die ewig wiederkehrenden Themen gesammelt, zu denen wir alle so Monat für Monat in sozialen Netzwerken posten.

Damals fand ich das lustig und fühlte mich ertappt. Jetzt hatte ich das Gefühl: Für Moskau kann ich das inzwischen auch. Also, als kleines Geschenk zum neuen Jahr: Endlich nie wieder überlegen, was man gerade schreiben oder fotografieren soll! Bedient euch!

Januar

Frohes Neues Jahr!
Hier, ein Foto, wie ich mich bei -22 Grad aus dem Haus gewagt habe.
Frohe orthodoxe Weihnachten!
Hier, ein Foto, wie ich mich bei -26 Grad aus dem Haus gewagt habe.
Frohes Altes Neues Jahr!
Hier, ein Foto, wie ich mich bei -28 Grad aus dem Haus gewagt habe.
Wer kommt mit in die Banja?
Wer hat noch einen Trick, damit der Handyakku nicht so schnell leer geht?
Stollen in gute Hände abzugeben.

Februar

Wer empfiehlt mir eine Powerbank, die auch bei Minustemperaturen funktioniert?
Hier, ein Foto von einem Pfannkuchen mit Pilzen.
Hier, ein Foto von einem Pfannkuchen mit Lachs.
Hier, ein Foto von einem Pfannkuchen mit Äpfeln und Zimt.
Hier, ein Foto von einem Pfannkuchen mit saurer Sahne.
Wer kommt mit in die Banja?
Schaut mal, diese total ironisch gemeinte Karte habe ich zum Tag des Vaterlandsverteidigers verschenkt.

März

Mädels, alles Gute zum Weltfrauentag! Hier, eine Grußkarte aus Sowjetzeiten.
Hier, ein Foto von meiner Badewanne – das Wasser kommt heute mal wieder braun aus dem Hahn.
Hach, Tauwetter, mon amour.
Warum hat diese Stadt eigentlich keine funktionierende Kanalisation?
Ach, schade, sie haben die Winterbeleuchtung abgebaut.

April

Oh, die Cafés bauen ihre Holzterrassen auf.
Wann wird eigentlich das warme Wasser abgedreht? Hat mal wer den Link zur Übersicht?
Es riecht nach Farbe! Frühling!
Hier, ein Foto, wo jemand einen Gitterzaun neu anstreicht.

Mai

Kalt duschen nervt! (Alternativ: Hier, ein Foto vom eigens für diese paar Tage gekauften Boiler im Bad.)
Oh Mann, bei mir vorm Fenster üben Panzer für die Parade.
Oh Mann, bei mir vorm Fenster blockiert ein Müllauto die Zufahrt, damit die Panzer für die Parade üben können.
Oh wow, da üben Kampfjets über meinem Haus.
Wo gucken wir eigentlich dieses Jahr die Parade?
Weiß einer, welche Metrostationen während der Parade dicht sind?
Hier, ein Foto vom Sonnenbrand, den ich mir bei der Parade geholt habe.
Yes, endlich wieder warmes Wasser – ich bin dann mal duschen!

Juni

Draußensitzen mit Gurkenlimonade. Das Leben ist gut.
Mist, schon wieder nicht zur Apfelblüte in den Park von Kolomenskoje geschafft.
Wieso hängen schon wieder überall Fahnen?

Juli

Hier, ein Foto von meiner Badewanne – das Wasser kommt heute mal wieder braun aus dem Hahn.
Ah, toll – man kann abends draußen sitzen, bis es wieder hell wird.
Oh, nerv – man wird morgens viel zu früh wach, weil es wieder hell ist.
Riecht ihr das auch? Brennt da irgendwas?

August

Schön leer in der Stadt, sind wohl alle auf der Datsche.
TGIF! Gleich geht’s raus auf die Datsche!
Dritte Stunde im Stau und noch immer 28 Kilometer bis zur Datsche.
Hier, ein Foto von einem Weinglas auf einem Gartentisch. #dachalife
Wieso hängen schon wieder überall Fahnen?

September

Kreisch, der Sommer kann jeden Tag vorbei sein! #carpediem
Hier, ein Foto vom Schwimmen in der Moskwa.
Hier, ein Foto vom Sonnenuntergang hinter der Erlöserkathedrale, fotografiert von der Dachterrasse der Strelka-Bar.
Hier, ein Foto von Leuten in nassen T-Shirts am Springbrunnen im Gorkipark.
Oh, die Cafés bauen ihre Holzterrassen ab.
Nein, nein, nein! (Screenshot der Wetter-App).
Hello Wintermantel, my old friend.

Oktober

Mist, schon wieder nicht zur Apfelernte in den Park von Kolomenskoje geschafft.
Irgendwas mit Putins Geburtstag.
Ich friere. Ist eure Heizung schon an?
Hurra, meine Heizung ist endlich an!
Mist, die Heizung ist wieder aus – wo muss ich anrufen?
Oh Mann, meine Haut ist so trocken von der Heizung.
Hier, ein Foto vom ersten Schnee. Und ein Video! Und noch eins!
Es ist erst der soundsovielte und im Supermarkt gibt’s schon Weihnachtsdeko zu kaufen.

November

Schon wieder Regen – ich will den Schnee zurück!
Warum hat diese Stadt eigentlich keine funktionierende Kanalisation?
Hier, ein Urlaubsfoto aus einem heißen Land und ein Kommentar à la „Noch mal Wärme tanken“.
Wieso hängen schon wieder überall Fahnen?
Hier, ein Foto von meiner Badewanne – das Wasser kommt heute mal wieder braun aus dem Hahn.
Hier, ein Foto von der Winterbeleuchtung am Gartenring!
Hier, ein Foto von der Winterbeleuchtung an der Twerskaja!
Hier, ein Foto von der Winterbeleuchtung auf dem Roten Platz!
Hier, ein Foto von der Winterbeleuchtung an den Patriarchenteichen!
Wer kommt mit in die Banja?

Dezember

Endlich richtiger, fluffiger Schnee!
Yay, noch mehr Schnee.
Schon wieder Schnee.
Und Eis. Müsste mal einkaufen, will mich aber nicht draußen auf die Nase legen.
Wie machen das die Russinnen bloß: bei der Glätte auf Absätzen, und nie fällt eine hin?
Geil, habt ihr die Schneeräummaschine gesehen?
Wer fliegt in den nächsten Tagen nach Deutschland und kann Stollen mitbringen?
Ist das Feuerwerk heute Abend im Gorkipark echt erst um eins?
Hallo Deutschland – also bei uns ist ja schon das neue Jahr!

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Russball, Folge 29: Witali Mutko tut der FIFA einen Gefallen

Russball kscheib Suus Agnes 2 signed

Wer Fußball sagt, muss auch Maniküre sagen. Doch, wirklich. Ich wollte diese Russball-Folge sogar damit beginnen, aber dann hat sich Witali Mutko vorgedrängelt. Darum also jetzt: erst Mutko, dann Maniküre, und dann, zum letzten Mal in diesem Jahr, alles, was ihr sonst noch über den Fußball in Russland wissen müsst.

⚽⚽⚽

⚽ Die Zeitung „Kommersant“ hatte die Info schon in der vergangenen Woche, am Montag kam die offizielle Bestätigung: Witali Mutko lässt sein Amt als Chef des russischen Fußballverbandes ruhen, sechs Monate lang. Die Entscheidung fiel rund drei Wochen, nachdem das Internationale Olympische Komitee Mutko wegen des russischen Dopingskandals lebenslang gesperrt hatte. Um gegen diese Sperre vorzugehen, lege er den Verbandsvorsitz vorübergehend nieder, so Mutko.

Eine Entwicklung, aus der man einiges herauslesen kann. Erstens, wie froh die FIFA ist, die seit der IOC-Entscheidung herumlaviert und sich um eigene Konsequenzen gedrückt hat. Sie dankte Mutko am Tag danach für seine „verantwortungsvolle Entscheidung“, die auch im Interesse der Fußball-WM sei. So klingt Erleichterung. Zweitens ist bemerkenswert, wie es den Mitarbeitern der staatlichen russischen Nachrichtenagentur TASS gelingt, Mutkos zeitweisen Beinahe-Rücktritt zu melden, ohne auch nur ein einziges Mal das böse Wort „Doping“ zu erwähnen. Weder am Tag des Geschehens, noch am Morgen danach. Das muss man erst mal hinkriegen. Ein kleines Weihnachtswunder.

Ein Geschenk ist Mutkos Schritt übrigens für alle, die Spaß an Memes haben. Seit seiner legendären „Let me speak from my heart“-Rede (hier als grandioses Musikvideo) wird Mutkos extrem harter russischer Akzent beim Englischsprechen immer wieder parodiert. „Bat ai em teird, nid tu rest“, frotzelt nun ein Tweet, ein anderer zeigt Mutko als trauriges, kopfschüttelndes GIF: „Wenn du nicht mehr spik from mai hart kannst.“

⚽ Jetzt aber zur Maniküre! Sehr wichtiges Thema hier in Russland – wie konnte ich nur jemals glauben, man müsse Nägel nur gelegentlich schneiden, in Form feilen und ansonsten darauf achten, dass sich kein Dreck unter ihnen sammelt? Hier bin ich umgeben von Frauen mit mindestens lackierten, wenn nicht künstlich verlängerten, gerne auch mit Strass oder Glitter bestäubten Fingernägeln. Neulich erzählte eine Bekannte, sie habe als Kind Klavier gespielt, sei dann in der Pubertät zur Gitarre gewechselt, weil man da zumindest an einer Hand schöne lange Fingernägel haben könne.

Was das mit Fußball zu tun hat? Ist doch klar: In einem Land mit so viel Nagelkreativität ist potentiell alles ein Motiv, auch Fußballspieler, Trainer, die Tore und der Ball. Dank dem Instagram-Account der Moskauer Manikürekette „Nail Sunny“ weiß ich nun also endlich, was mir als Fußballfan für Styling-Optionen offenstehen. (In deren Team scheint es übrigens einige Anhänger von Manchester United zu geben.)

⚽ Immer, wenn in der russischen Öffentlichkeit das große Fußballgejammer ausbricht (Warum nur steht unsere Nationalmannschaft international so schlecht da? Warum nur reißen sich Real Madrid, Arsenal und der FC Bayen München nicht um unsere Spieler? Warum nur, warum?), sagt früher oder später einer: „Legionäre“. Was ausformuliert in etwa heißen soll: Natürlich werden unsere Spieler nicht stärker, wenn wir reihenweise ausländische Spieler einkaufen, die dann bei russischen Vereinen auf prominenter Position spielen und unsere eigenen Leute bestenfalls Torvorlagen für sie liefern dürfen.

Seit dem Confed-Cup hatten wir wieder ein paar Monate lang diese Debatte. Dann hieß es, Russlands Fußballverband werde sich Ende des Jahres mit dem Thema befassen und überprüfen, ob eine neue Regelung nötig ist – aktuell gilt die sogenannte Sechs-plus-fünf-Regel, wonach gleichzeitig pro Mannschaft nie mehr als sechs nichtrussische Spieler auf dem Platz sein dürfen. Jetzt hat der russische Fußballverband also getagt und entschieden: Bleibt alles beim Alten, Sechs-plus-fünf ist weiter der Status quo. Langfristig können man ja mal über Sieben-plus-Achtzehn nachdenken, da wären dann die Auswechselspieler mit einkalkuliert. Aber erst mal ändert sich nichts. Auch nicht das Gejammer.

⚽ Während Mutko sich am Montag auf seine Pressekonferenz vorbereitet hat, war ich ein bisschen im Moskauer Siegespark unterwegs. Seit einigen Jahren gibt es dort im Winter immer eine Eisskulpturen-Ausstellung, aktuell arbeiten dort ein paar Dutzend Leute mit Motorsägen und Meißeln an den Blöcken, aus denen in diesem Jahr die Kunstwerke werden sollen.

Diesmal hat die Ausstellung ein WM-Thema: 40 Statuen sollen die Teilnehmerländer repräsentieren. Seltsamerweise stehen dort dann aber keine berühmten Fußballer als Eisskulpturen, sondern Figuren aus Büchern: kein Eis-Wayne-Rooney, sondern Eis-Sherlock-Holmes. Kein Eis-Zlatan-Ibrahimović, sondern Eis-Karlsson-vom-Dach. Nach demselben Prinzip wird Deutschland also auch nicht durch eine Eisvariante von Thomas Müller vertreten, sondern durch, na? Genau: Baron von Münchhausen.

kscheib russball eisskulpturen

⚽ Was bedeutet Russlands Gesetz gegen sogenannte „homosexuelle Propaganda“ für schwule und lesbische Fußballfans, die zur WM anreisen wollen? Dürfen sie sich zum Beispiel, ganz konkret gefragt, im Stadion küssen?

Mehrere russische Sportseiten zitieren einen FIFA-Sprecher: Gefühlsäußerungen seien natürlicher Bestandteil des Fußballs, das gelte auch für die Fußball-Weltmeisterschaft. Sports.ru nimmt das zum Anlass, sich unter schwulen Fußballfans darüber umzuhören, ob sie zur WM kommen wollen, und ob sie anderen dazu raten. Zu den Interviewten gehört auch der deutsche Fußballfan Sven Kistner, der sich beim Netzwerk der schwul-lesbischen Fußball-Fanclubs Europas engagiert.

⚽ Dieser Text hier ist schon ein paar Wochen alt, lohnt sich aber als Hintergrundlektüre für die Tage zwischen den Jahren: Toke Theilade, Chefredakteur von Russian Football News, blickt auf den WM-Spielplan und analysiert, bei welchen Begegnungen das Risiko von Hooligan-Krawallen besonders groß ist. Das kann am Spielort liegen, an den beteiligten Mannschaften oder am historischen Kontext.

Bemerkenswert ist dabei auch, wie er die Gewaltbereitschaft unter den deutschen WM-Reisenden einschätzt: Polnische und russische Hooligans in derselben Stadt, das sei schon riskant genug. Komme dazu noch „Deutschland als weiteres Land, das für seine Hooligans berüchtigt ist“, dann sei das nichts anderes als „ein Rezept für eine Katastrophe“. Die ganze Analyse gibt es hier.

⚽ Jahresende, das bedeutet auch: Zeit für allerlei Statistiken. So wissen wir nun, dass Alexander Kokorin von Zenit St. Petersburg in diesem Jahr der am häufigsten in den russischen Medien erwähnte Sportler war. Unter den Top Ten in diesem Ranking waren nur zwei Nicht-Fußballer: der Eishockeyspieler Alexander Owetschkin und die Tennisspielerin Marija Scharapowa. Wir wissen, dass Fjodor Smolow vom FK Krasnodar es auf die Liste der 100 weltbesten Fußballer geschafft hat (ja, okay, auf Platz 97, aber drin ist drin).

Bei der Wahl des besten Fußballers in Russland kam Smolow sogar auf Platz drei, Platz eins gehört allerdings Quincy Promes, der für Spartak Moskau und in der niederländischen Nationalmannschaft spielt. Und schließlich haben Sportjournalisten abgestimmt, wen sie aktuell für den besten russischen Sportler, den besten Trainer und die beste Mannschaft halten. In die erste Kategorie hat es kein Fußballer geschafft, aber als Trainer wurde Juri Sjomin ausgezeichnet, dessen Erfolg mit Lokomotive Moskau in der aktuellen Saison viele Fußballfans überrascht hat. Russlands beste Mannschaft wurde der Lokalrivale Spartak.

⚽ Wer übrigens auch zur Fußball-WM kommt: Jelzin. Nein, nicht Boris, der ist ja nun schon länger tot und liegt auf dem Moskauer Neujungfrauenfriedhof unter einem Grabmal, das wie ein ungemachtes Bett aussieht. Nein, der Jelzin, um den es hier geht, reist aus Costa Rica an. Die Neue Zürcher Zeitung hat ihn ausfindig gemacht und erklärt, warum er so einen ungewöhnlichen Namen hat.

⚽ Zum Schluss noch eine kleine Lokalposse aus Saratow. Bevor einer fragt: Nein, das ist kein WM-Austragungsort. Dass im Moment dort das „Avantgarde“ genannte Stadion renoviert wird, hat dennoch mit der Weltmeisterschaft zu tun: Die Stadtverwaltung hofft, dass sich vielleicht eine Nationalmannschaft findet, die hier ihr Trainingslager aufschlagen mag. Damit das möglich wird, scheren sich die Fachkräfte vor Ort nicht um altbackene Traditionen wie die, dass sich frisches Gras und der russische Winter vielleicht nicht so gut vertragen.

Dieser Tage wurde deshalb, bei gerade mal einem Grad plus, im Stadion von Saratow der neue Rollrasen verlegt – direkt auf einer Schneeschicht, von Arbeitern in dicken Winterstiefeln. Ob das denn so sinnvoll sei, fragte eine Reporterin der Nowaja Gaseta, und bekam als Antwort: „Das ist sogar gut so, dann bleibt der Rasen länger frisch„. Im Frühjahr, wenn der Schnee weg sei, wolle man ihn dann mit einer besonderen Methode „aktivieren“. Süffisantes Fazit der Reporterin: Okay, die nächsten WM-Austragungsorte Samara und Wolgograd mögen 400 Kilometer entfernt sein – aber wieso sollte man sich deshalb die Chance entgehen lassen, mit staatlichen Fördergeldern das eigene Stadion zu renovieren?

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Letzte Woche gab es hier keine Weihnachtsgrüße, weil die Russen erst im Januar Weihnachten feiern. Silvester hingegen liegt in Russland und in Deutschland praktischerweise am selben Tag; hier in Moskau bekommen wir das neue Jahr sogar schon zwei Stunden vor euch geliefert. Wenn ihr dann die nächste Russball-Folge lest, sind wir schon im WM-Jahr. Also, macht keinen Quatsch mit den Böllern, kommt gut rüber und с новым годом!



 

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Russball, Folge 28: Homophobie unter russischen Fußballfans

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Willkommen zu Russball, wo euch versprochenerweise diese Woche niemand frohe Weihnachten wünschen wird – schließlich ist das kommende Wochenende hier in Russland ein ganz normales und Weihnachten erst im Januar. Stattdessen eine Quizfrage: Was dauert in Spanien zehn Tage, in Frankreich 14, in Italien 16, in Deutschland 22 und in Russland 80 Tage? Könnt ihr ja beim Lesen mal im Hinterkopf draufrumdenken.

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⚽ Watutinki – ein Name, den man sich merken muss, und dessen Herkunft die Süddeutsche hier erklärt. In Watutinki also wird die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ihr WM-Quartier haben. Kein Strandleben in Sotschi, leiderleider, stattdessen ein Hotelkomplex in einem Moskauer Vorort mit rund zehntausend Einwohnern. Rund zwei Monate vor WM-Anpfiff soll dort ein neuer Gebäudetrakt fertig werden und, wenn man sich die DFB-Bilder anschaut, ziemlich schick aussehen.

Aktuell hat der „Watutinki Hotel Spa Complex“ noch einen, sagen wir mal, eher traditionellen Charme: dunkles Holz, Blumenmuster, bodenlange Gardinen, hier und da glänzt mal ein Kofferständer oder eine Stehlampe aus Metall. Gelsenkirchener Barock trifft Neunzigerjahre-Jugendzimmer.

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Die Fifa zeigt in ihrer Übersicht auch noch diesen weitgehend tageslichtfreien Besprechungsraum. Aber wie gesagt, das ist der Ist-Zustand – nicht die Hotelvision, die da ab April hoffentlich wahr wird. Ob im neuen Flügel dann wohl dieselben Preise gelten wie im alten? Dann können sich die Fußballspieler schon mal auf taschengeldtaugliche Behandlungen freuen: Laut Hotelpreisliste gibt es im Spa- und Therapiebereich ein EKG schon für 500 Rubel (7 Euro), zehn Minuten Whirlpoolbad für die Beine kosten sogar nur 250 Rubel, und wer sich mal richtig was gönnt, bekommt für 1000 Rubel eine halbe Stunde den Rücken massiert, „vom siebten Halswirbel bis zum Steißbein“. Ist das auch geklärt.

⚽  Apropos DFB und Hotels: Letzte Woche hatte ich ja hier erwähnt, dass die Werbung für das Fan-Camp am Nordrand von Moskau mit einer sehr viel besseren ÖPNV-Anbindung lockt, als tatsächlich existiert. Das scheint allerdings die Fans nicht vom Buchen abzuhalten: Eines von vier möglichen Paketen ist bereits komplett ausverkauft.

⚽  Und wenn hier eh gerade so eine Art DFB-Themenschwerpunkt entsteht, dann noch eine Information, die zwar nichts mit Russland zu tun hat, mir aber am Herzen liegt: Nachdem ein Unterstützer der Initiative „Sleeping Giants“ bei Twitter darauf hingewiesen hat, wirbt der DFB seit ein paar Tagen nicht mehr auf der Hetzseite Breitbart. Eine höfliche Beschwerde, und schon wieder ein Werbekunde weniger für Rassisten. Es geht voran.

⚽ Die Fußball-App „Forza Football“ hat sich mit Stonewall UK zusammengetan, um Fußballfans zu ihrer Haltung zu Schwulen und Bisexuellen zu befragen. „Would you feel comfortable if a player in your national team came out as gay or bisexual?“, heißt die Hauptfrage, auf die weltweit 76 Prozent aller Befragten mit „ja“ geantwortet haben. Für Russland liegt die Zahl der Umfrage zufolge bei 47 Prozent, das sei eine deutlich höhere Akzeptanz als noch vor drei Jahren (21 Prozent).

Klingt gut, aber hält es dem Realitätstest stand? Gerne hätte ich mal einen Blick auf die Methodik der Homophobie-Umfrage geworfen – wie viele der insgesamt „mehr als 50.000 Befragten auf fünf Kontinenten“ kamen denn aus Russland? Leider stand niemand für eine Stellungnahme zur Verfügung.

Aus dem Bauch heraus kommt mir so viel Akzeptanz unter russischen Fußballfans eher unwahrscheinlich vor, und siehe da: Sports.ru hat seinen Lesern dieselbe Frage gestellt. Ergebnis bei knapp 45.000 Stimmabgaben russischer Leser: Rund 70 Prozent würden negativ auf das Coming-Out eines schwulen oder bisexuellen Spielers in der russischen Nationalmannschaft reagieren.

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⚽ Rechtlich gehört die Krim zur Ukraine, faktisch hat Russland sie annektiert. Nun berichtet ein Newsportal mit Sitz auf der Krim, dass man von dort aus keine Karten für die Fußball-Weltmeisterschaft im Internet kaufen könne – egal, ob man angibt, in Russland oder in der Ukraine zu leben.

Die FIFA erklärt,sie habe keine geographischen Beschränkungen einbauen lassen, wollen nun aber schnell dafür sorgen, dass das Problem gelöst wird. Menschen auf der Krim, die dennoch Probleme beim Buchen haben, können unterdessen tricksen: Wer mobil und mit russischer SIM-Karte auf die Seite geht, kann ganz normal seine Karten aussuchen.

⚽ Moskau macht seinen Taxiunternehmen Auflagen, wenn sie eine Lizenz für die Dauer der WM bekommen wollen. Dazu gehört nicht nur, dass die Fahrer keine ausstehenden Knöllchen haben dürfen. Sie bekommen auch alle eine Broschüre ausgehändigt, um ihr Englisch zu verbessern.

Maxim Lixutow, Moskaus stellvertretender Bürgermeister und Transportchef, zählt auf: „Sie sollten zum Beispiel ausländischen Touristen die Tarife erklären können, (….) die Fahrtdauer oder die beste Route zum Ziel benennen.“ Das Wichtigste sei, dass niemand vom Taxifahrer übers Ohr gehauen werde (im Gegensatz zu damals beim Confed-Cup.

⚽ In der großen Tradition von Paul dem Oktopus wirft die BBC einen Blick auf die russischen WM-Orakeltiere. Was soll ich sagen, es ist ein Erdmännchen dabei, und das ist exakt so niedlich, wie ihr es euch gerade vorstellt. Hier geht’s zum Video.

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⚽ Was man halt so an Ideen hat, wenn ein neues Jahr vor der Türe steht: Leonid Fedun möchte den russischen Fußball revolutionieren. Der Mann hat durchaus ein eigenes Interesse an Russlands Fußballzukunft, immerhin gehört ihm Spartak Moskau. Nun schlägt er beispielsweise vor, die Begegnungen in der Liga nicht mehr komplett auszulosen. Stattdessen sollen einige Vereine gesetzt werden, so dass die Spiele im November und März in den milderen Regionen des Landes ausgetragen werden statt im Schneegestöber.

Auch zur Zahl der Teams in Russlands höchster Liga hat Fedun eine klare Vorstellung: In der RFPL sollen künftiger nur noch Mannschaften spielen, die mindestens 15.000 Fans ins Stadion locken, alles andere rechne sich einfach nicht. (Interessanter Nebenaspekt: Spartak nimmt Fedun zufolge pro Spiel zwischen 50 und 60 Millionen Rubel ein, also unter einer Million Euro.) Nach dieser Regel gäbe es also weniger Klubs als bisher in der Liga, sie sollten dafür aber öfter spielen, um eben mehr Geld reinzuholen. Feduns ganzen Revolutionsplan, auch zum russischen Pokal und zum Umgang mit Nachwuchsspielern, dokumentiert Sport Express.

⚽ Zwei Monate ist es her, dass Lokomotive Moskau einen englischsprachigen Twitteraccount gestartet hat. Alles mit Hilfe von Google Translate, witzelte der Verein in seinem ersten Tweet. Knapp 300 Tweets später, und was als Witz gedacht war, scheint wie eine plausible Alternative zu dem Sprachmurks, der da regelmäßig rausgehauen wird.

Was lernen wir daraus? Erstens: Muttersprachler engagieren lohnt sich. Und zweitens: Solange das so wenige Russen glauben, wird es bei der Fußball-WM garantiert genau so viele unterhaltsame Fehlübersetzungen geben wie 2014 bei den Winterspielen in Sotschi.

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Zum Schluss noch ein kleiner Servicehinweis für alle, die erwägen, sich während der WM in Russland mit dem Zug fortzubewegen. РЖД, Russlands Eisenbahn-Staatskonzern, hat eine Frage beantwortet, die regelmäßig für Streit zwischen Passagieren führt: Wer im Langstrecken-Liegewagen die obere Liege gebucht hat, darf nicht einfach auf die untere umziehen. Auch der Stauraum unter der unteren Liege und das Tischchen, an das man sich zum Essen setzen kann, gehören dem Passagier, der die untere Liege gebucht hat. Also, ihr seid gewarnt.

Ach so, und das mit den 22 Tagen in Deutschland und 80 in Russland? Ist natürlich die Winterpause der obersten Fußball-Liga. Macht’s gut, bis nächste Woche – und keine frohe Weihnachten!



 

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Russball, Folge 20: Liebe Kaliningrader, bitte keine Fußballfans hauen!

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Goldene Regel für Russlandkorrespondenten: Egal, wie wenig dein Bericht wirklich mit dem Präsidenten zu tun hat, wie wenig der sich für das Thema interessiert oder darauf Einfluss nimmt: Putin muss in die Überschrift.

Dein Redakteur freut sich, weil er sofort weiß, wie er das Thema bebildert. Dein Leser freut sich, weil er jemanden wiedererkennt. Selbst die Suchmaschine würde sich freuen, wenn sie es könnte. Okay, du strickst mit an einem Putin-Bild, das ihm noch mehr Macht zuschreibt, als er ohnehin schon hat. Aber hey, Regeln sind Regeln. Womit wir beim Thema wären.

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⚽ „Wird Russland bei der Fußball-WM 2018 Putin blamieren?“, fragt also regelkonform Newsweek-Autor Teddy Cutler. Was folgt, ist eine ziemlich lange Passage, die grob sagt: Ist echt nicht schön für einen WM-Gastgeber, wenn die eigene Mannschaft beim Turnier im eigenen Land schwach spielt. Cutler meint, sich unter anderem an ein 7:0 von Deutschland gegen Brasilien bei der letzten WM zu erinnern. Joah. Nö.

Was uns der Artikel trotz seiner Putin-Überschrift eigentlich sagen will, kann man auch einfach hier bei TASS nachlesen: Russland ist im monatlichen FIFA-Ranking weiter abgerutscht, auf Platz 65. Das sagt allerdings nur bedingt etwas über die tatsächliche Stärke der Mannschaft aus: Als Gastgeber muss sich Russland nicht für die WM qualifizieren. Während andere Mannschaften also Punkte aus der Quali sammeln, punktet die russische Nationalelf nur bei gelegentlichen Freundschaftsspielen, die für die FIFA-Statistiker deutlich weniger zählen.

⚽ Apropos: Gerade haben sich Russland und Brasilien auf ein Freundschaftsspiel im kommenden Frühjahr geeinigt. 23. März in Moskau, das steht fest – in welchem Stadion wird noch bekanntgegeben. Jedenfalls hat der Präsident des brasilianischen Fußballverbands versprochen, keine B-Mannschaft zu dem Spiel zu schicken, sondern auch Stars wie Neymar.

⚽ Kleiner Service für die Anhänger von Lokomotive Moskau oder generell alle Fußballfans, die sich einfach besser über den russischen Ligafußball informieren wollen: Der aktuelle Tabellenzweite hat seit der vergangenen Woche nun auch einen englischen Twitter-Auftritt. Wer ihm jetzt folgt, kann also später behaupten, von Anfang an dabei gewesen zu sein. Der erste Tweet zeugt schon mal von Humor:

⚽  Rassismus und Hooligans – zwei Themen, um die es hier bei Russball schon oft ging und – traurig, aber garantiert – auch noch öfter gehen wird. Heute diesmal nur ganz kurz und in Zahlen: Rassistische Idioten unter den Fans von Spartak Moskau haben ihrem Verein eine Strafe eingebrockt. Beim nächsten Spiel im Rahmen eines UEFA-Wettbewerbs muss ein Block von mindestens 500 Sitzplätzen frei bleiben. Stattdessen soll dort ein Banner für Toleranz und Gleichberechtigung wehen.

Die zweite Zahl betrifft die bei der Fußball-Weltmeisterschaft gesperrten russischen Hooligans. Stand 9. Oktober stehen auf der offiziellen Liste des russischen Innenministeriums 374 Menschen, die keine WM-Veranstaltungen besuchen dürfen. Manche sind sogar bis zum Jahr 2020 gesperrt. Auch der Name Alexeij Jerunow, einer der brutalsten russischen Hooligans, soll sich auf der Liste finden.

⚽ Kaliningrad wird der westlichste WM-Austragungsort sein, und Bürgermeister Alexander Jaroschuk ist schon voll im Thema. In einem Radiointerview hat er nicht nur eine Vision von Staus und Überfüllung an die Wand gemalt („der Verkehr wird sehr stark eingeschränkt sein, nahezu verboten, bis auf Shuttlebusse für Fans“), sondern auch direkt noch die Kaliningrader zum Wohlverhalten aufgerufen.

Wer Englisch spricht, sagte Jaroschuk, soll sich nützlich machen und Touristen helfen oder zumindest ein bisschen Smalltalk mit ihnen machen. Vor allem aber, ganz wichtig: Bitte keine angereisten Fußballfans verhauen! Ach so, und wer sich fragt, wie eine Stadt von rund 400.000 Einwohnern mit erwarteten 70.000 bis 100.000 Besuchern umgeht – auch da hat der Bürgermeister einen Plan: Die Kaliningrader, schlägt er vor, sollten am besten die Stadt verlassen und sich irgendwo auf dem Lande ein bisschen entspannen.

Kaliningrads Bürgermeister Alexander Jaroschuk
Kaliningrads Bürgermeister Alexander Jaroschuk
(Foto: Westpress Kaliningrad/ A. Podgorchuk, Klops.ru/ CC-BY-SA 4.0)

⚽  Selbst die Militär- und Geheimdienstexperten vom Fachdienst Jane’s widmen sich der Fußball-Weltmeisterschaft. Den Fußballfans, die zur WM nach Russland reisen, sagen sie „ein erhöhtes Risiko von Verletzungen und Schäden an ihren Besitztümern“ voraus.

Weitere Kernaussagen: Cyberattacken seien wahrscheinlich, bei Taschendiebstahl oder Raub müsse man sich darauf gefasst machen, dass die russische Polizei wenig hilfreich sei und dem Vorfall womöglich gar nicht erst nachgehe. Russlandreisende „mit nicht-weißem ethnischem Hintergrund“ müssten außerdem damit rechnen, „zum Angriffsziel von Fußballfans oder von radikalen Gruppen zu werden.“ Weitere Details will das Jane’s-Team veröffentlichen, wenn im Dezember die Spielansetzungen feststehen.

⚽ Wo wir gerade bei Warnungen für WM-Reisende sind: Die ägyptische Website „Youm7“ greift einmal ganz tief in die Stereotypenkiste und warnt die Fußballfans unter ihren Lesern davor, sich eine Russin anlachen zu wollen. Geldgierig seien die, entweder sehr dünn oder sehr dick, selten irgendetwas dazwischen. AP hat mit der Autorin des Artikels gesprochen – sie legt Wert auf die Feststellung, das seien keine Vorurteile, sondern ihre persönlichen Erfahrungen.

Einen Grund gibt es übrigens tatsächlich, weshalb die WM-Reisevorbereitungen für Ägypter deutlich aufwendiger sind als für andere Landsleute: Seit Ende 2015 ein russisches Passagierflugzeug über dem Sinai abgestürzt ist, hat Russland alle Flugverbindungen zwischen den Ländern gestoppt. Dass sie in den wenigen Monaten bis zur Weltmeisterschaft wieder aufgenommen werden, ist unwahrscheinlich.

⚽ Und noch ein WM-Reisender, aber fangen wir mit einer kleinen Textaufgabe an: Joseph B. ist Präsident eines großen Sportverbandes. Im Rahmen eines Korruptionsskandals sperrt ihn der Verband im Jahr 2015 für acht Jahre von all seinen Sportveranstaltungen. B. geht in Berufung, die Sperre wird auf sechs Jahre reduziert. In welchem Jahr darf Joseph B. wieder zu einer Sportveranstaltung gehen? Rechne vorteilhaft.

Wer als Antwort 2021 ausgerechnet hat, darf sich zwar ein Fleißkärtchen nehmen, wird sich aber im kommenden Jahr wundern. Denn was die Textaufgabe vergaß, zu erwähnen: Joseph B. ist gut befreundet mit Wladimir P., in dessen Land 2018 eine große Sportveranstaltung stattfindet. Dank persönlicher Einladung seines Freundes wird B. nun also doch im Stadion sein. Der Sportfunktionär B. mag gesperrt sein, der Privatmann B. hingegen reist zur Weltmeisterschaft. Und was sagt die FIFA? „So lange er dort keine offizielle Funktion hat, dürfte das in Ordnung gehen.“

⚽  Ziemlich viel Ausblick auf die WM war das jetzt, darum zum Schluss noch ein Blick in die Neue Zürcher Zeitung. Deren Autor denkt einen Schritt weiter und geht der Frage nach, was eigentlich nach dem Turnier aus den prächtigen neuen Stadien wird. In Wolgograd zum Beispiel spielt dort dann der FC Rotor, der sich aktuell so gerade noch in der 1. Division (Russlands zweiter Liga) hält. Eine Arena, von der in Deutschland selbst mancher Erstligist nur träumen kann:

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Zum Schluss noch eine Frage. Fändet ihr es nützlich, wenn ich in Zukunft in jeder Russball-Folge einen Tipp zur WM-Reisevorbereitung einbaue? Was man vorher kaufen, runterladen, lesen, einpacken sollte? So ein bisschen wie diese App-Sammlung hier, aber eben auch Bücher, Kleidung, Sprachkurse und anderes Reisezubehör für Fußballfans? Sagt mir gerne Bescheid, was ihr davon haltet – entweder per Blog-Kommentar oder bei Twitter. Ich bin gespannt!



 

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Russball, Folge 16: Liverpool, Spartak und sowjetische Kunst

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Diese Russball-Folge beginnt mit einem „herzlich willkommen“ an alle neuen Leser. Falls ihr wegen des Facebook-Posts von Franziska Bluhm hier seid, freut mich das sehr – ein Lob für ein Digitalprojekt ausgerechnet von Franzi, da geht man schon etwas aufrechter. Wenn da nur nicht dieser Druck wäre, dass diese Ausgabe dann natürlich besonders gut werden muss… Besser nicht weiter drüber nachdenken, sondern loslegen.

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⚽  Sehr schöne Aktion, die sich der FC Liverpool vor seiner Abreise nach Moskau hat einfallen lassen: Unter dem Hashtag #MyLFCMatchdayImage konnten Fans ihre Bilder zum Champions-League-Spiel gegen Spartak Moskau twittern, aus den vier besten wählten die Twitter-Follower dann ihren Favoriten aus. Gleich mehrere Motive bedienen sich bei sowjetischer Plakatkunst, das hier ist mein Lieblingsbild (und was für einen großartigen Namen hat sich denn bitte der Fan hinter diesem Bild ausgedacht: „Jürgeneedabiggerboat“ – das musste ich, Klopp hin oder her, mir auch erst mal laut vorsprechen):

Das eigentliche Spiel war dann eher mittelinteressant, will sagen: Es hat nicht nennenswert dabei gestört, sich mit den anderen Mitguckern zu unterhalten. Immerhin, 1:1, das freut natürlich Spartak mehr als Liverpool. Außerdem habe ich zwei Dinge zum ersten Mal gesehen: 8 (in Worten: acht) Minuten Nachspielzeit und eine Art Golfwägelchen, in dem die verletzten Spieler vom Rasen runter chauffiert werden. Für diesen Zuschauer eine klare Sache: „Ein neuer Service von Uber.“

⚽  Eine Runde Moskauer Stadtnachrichten: Zum einen hat Tatjana Potjajewa, die städtische Ombudsfrau für Menschenrechte, erheben lassen, wie viele rassistische Vorfälle es rund um die Moskauer Fußballstadien seit 2014 gegeben hat: knapp 100, beteiligt waren sowohl Fans als auch Spieler. Nun hat die Ombudsfrau vorgeschlagen, dass bei Fußballspielen in Zukunft spezielle Beobachter eingesetzt werden, die bei Fällen von Rassismus oder anderer Diskriminierung den Schiedsrichter informieren.

Die andere Stadtnachricht ist eine Prognose: Moskaus Tourismusbehörde hat mal durchgerechnet, wie viele Fußballfans im kommenden Jahr wohl zur WM anreisen, und da kommen schon ziemlich stolze Zahlen zusammen: Eine Million Fans erwartet Alexey Tichnenko, der die Behörde leitet – im Schnitt wahrscheinlich für einen Aufenthalt von drei Tagen. Dass die Zahl so hoch ist, liegt auch daran, dass Moskau aufgrund seiner Lage und der guten Flugverbindungen für viele Fans der erste Anlaufpunkt in Russland sein wird, von dem sie dann zum eigentlichen Spielort ihrer Mannschaft weiterreisen.

⚽  Wenn in Russland um den Pokal gespielt wird, machen das in den frühen Runden zunächst einmal die Teams der unteren Ligen untereinander aus. Im September steigen dann auch die Vereine der russischen Premjer Liga ein, und für eine ganze Reihe von ihnen ist die Sache nach nur einem Spiel auch schon wieder durch: Allein von den Top Vier der aktuellen Tabelle – Zenit St. Petersburg, Lokomotive Moskau, dem FK Krasnodar und ZSKA Moskau – hat es kein Verein in die nächste Pokalrunde geschafft, insgesamt flogen mehr Premjer-Liga-Klubs raus als weiterkamen.

Bemerkenswert ist, was Moskowski Komsomolez dazu schreibt. Offenbar hat der Pokal in Russland einen so niedrigen Stellenwert, dass viele Spitzenteams nicht allzu traurig sind, wenn sie früh wieder ausscheiden: „Von Jahr zu Jahr versuchen wir in dieser Turnierphase, die Vereine zu erwischen, die das Turnier sabotieren“, heißt es da. „Wir versuchen zu erkennen, wer gezielt nicht kämpft, nur mit einer Reservemannschaft aufläuft oder absichtlich den Sieg wegschenkt.“ Nach einer ausgiebigen Analyse kommt MK aber zum Ergebnis: Dieses Jahr haben die meisten Spitzenklubs tatsächlich aus Unvermögen verloren, nicht aus Absicht. Muss man vielleicht zweimal lesen, geht aber tatsächlich als gute Nachricht durch.

⚽  Die Kollegen von Championat.ru haben im Kalender geblättert und festgestellt, dass die aktuelle Liga-Saison zu genau einem Drittel vorbei ist. Darum haben sie eine kleine Rangliste der besten Spieler aufgestellt, sortiert nach Position. Gerankt werden allerdings nur diejenigen, die bei mindestens der Hälfte der bisherigen Begegnungen auch im Einsatz waren. Bei den Torhütern hat Alexander Dowbnja es auf Platz eins geschafft, nicht zuletzt wegen der Leistung im Spiel seines SKA-Energija Chabarowsk gegen Spartak vor ein paar Wochen:

⚽  Witali Mutko ist ein vielbeschäftigter Mann: Sein Amt als russischer Sportminister hat er im vergangenen Jahr zwar abgegeben, aber stellvertretender Ministerpräsident und Vorsitzender des russischen Fußballverbandes, das sind immer noch zwei Vollzeit-Jobs auf einmal. Immerhin, seit diesem Frühjahr ist es nur noch eine Doppel- statt einer Dreifachbelastung. Da hatte die FIFA nämlich entschieden, dass Mutko nicht mehr im FIFA-Rat sitzen darf, weil das dann doch eine zu große Verquickung seiner verschiedenen Jobs gewesen wäre. (Wir lernen: Wenn der Filz sich erkennbar in einer einzelnen Person manifestiert, wird es irgendwann selbst der FIFA zu viel.)

Seit der vergangenen Woche nun ist die von Mutko hinterlassene Lücke wieder gefüllt: Nach einigen Monaten ohne russischen Vertreter ist Alexej Sorokin in den FIFA-Rat nachgerückt. Wer nun glaubt, diesen Namen auch schon in Verbindung mit diversen Jobs gehört zu haben, liegt nicht ganz falsch: Modeschöpfer Alexej Sorokin und Admiral Alexej Sorokin sind allerdings dann doch andere Leute – dieser Alexej Sorokin, der nun am großen FIFA-Tisch sitzt, ist „nur“ der Leiter des Organisationskomitees für Russlands Fußball-WM im kommenden Jahr.

⚽ Wenn wir heute schon mit Kunst angefangen haben, dann hören wir jetzt auch mit Kunst auf: Das hier ist eines meiner Lieblingsbilder in der Neuen Tretjakowgalerie, wo in Moskau Gemälde aus der Epoche des Sozialistischen Realismus ausgestellt werden:

#goalkeeper #дейнека #russiaisreadyforworldsoccercup #germangoalkeeper

Ein Beitrag geteilt von Andrea Novelli (@andreanovellinsta) am

Alexander Deineka hat diesen Torwart in den Vierzigern gemalt, der Mann (also Deineka) war den Sowjetmächten genehm, lieferte brav Erbaulich-Patriotisches und wurde dafür oft ausgezeichnet. Sein Torhüter im Hechtsprung, der den Ball links aus dem Bild rausschiebt, ist auch der Ausgangspunkt für einen Artikel der Kulturjournalistin Milena Orlowa über Fußball in der russischen Kunst.

Veröffentlicht wurde der Überblick auf dem offiziellen WM-Portal, leider nur auf Russisch, aber keine Bange: Schon das Durchscrollen liefert einen guten Überblick, wie der Fußball russische Künstler beeinflusst hat. Zückerchen für Berliner: die Erinnerung an Johannes „Hanne“ Sobek auf dem Gemälde „Hertha greift an, Hanne am Ball“ von Nikolaus Sagrekow.

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Das war’s dann auch schon mit dieser Russball-Folge. Es sei denn, es interessiert sich noch jemand für eine wahrhaft schwerwiegende Folge der Fußball-WM: Die Arbeitsgemeinschaft Durlacher Altstadtfest hat sich entschieden, ebendieses Durlacher Altstadtfest zu verschieben, damit es nicht mit der Weltmeisterschaft… das ist euch egal? Ihr wisst nicht mal, wo Durlach liegt? Banausen, allesamt. Bis nächste Woche!



 

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Kackbratze, Mostschädel, Furzknoten: Wie ich einmal Deutschland war

Das hier ist, trotz des Wahlergebnisses von Sonntag, kein politischer Blogpost. Es sei denn, man definiert das Fluchen als einzig mögliche Reaktion auf das Abschneiden der AfD, dann vielleicht schon. Und immerhin geht es um Deutschland.

Eine Woche lang, von Sonntag bis Sonntag, habe ich den Twitter-Account @I_amGermany übernommen. Jede Woche twittert dort ein anderer Mensch aus Deutschland für über 8000 Follower, die Englisch sprechen und sich für Deutschland interessieren. Oft, weil sie in Deutschland leben, Deutsch sprechen oder es zumindest mal gelernt haben.

Wir haben viel übers Wählen gesprochen in der Woche – einige Follower haben zwar ihr Zuhause in Deutschland, dürfen dort aber nicht wählen. Andere haben von wichtigen Abstimmungen in ihren jeweiligen Heimatländern getwittert, mehr als einmal ging es um den Brexit. Wir haben uns darüber unterhalten, was wir „entlernen“ mussten, als wir ins Ausland gezogen sind – es waren fast immer unterschiedliche Auffassungen von Pünktlichkeit, Direktheit und, lustigerweise, Straßenverkehrsregeln. Wir haben, als ich am Flughafen rumsaß, über dieses Gebäckstück diskutiert.

Vor allem aber haben wir zusammen geflucht. Regionale Sprachunterschiede sind eh ein Steckenpferd von mir, siehe das Rosinenbrötchen: Da, wo ich herkomme, ist das ein Mürbchen. Eine halbe Stunde Autobahnfahrt in die eine Richtung, und es ist ein Weckchen. Eine halbe Stunde in die andere, und es ist ein Stütchen. Daraus entstand die Idee, sich mal umzuhören, wie die Follower in den diversen Regionen so fluchen. Das Ergebnis war bunter, kraftvoller und deutlich weniger schmutzig als erwartet.

Und weil heute ein Tag ist, an dem man vielleicht den ein oder anderen Kraftausdruck mehr braucht, hier eine kleine Auswahl.

Ganz gut zum Dampfablassen, was? Aber so wunderbar originell diese Begriffe auch alle sind, sie werden noch übertroffen von dem, was sich kurz danach auf dem finnischen Gegenstück zu @I_amGermany abspielte.

Sagen wir mal so: Wenn ich jemals das Gefühl habe, den deutschen Fluchwortzschatz komplett durchgespielt zu haben, wird auf jeden Fall ins Finnische gewechselt. Man muss sie nicht mal verstehen – selbst wenn man sich diese Tweets nur laut vorliest, sind diese Schimpfwörter ungemein befriedigend.

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Ich bin dann mal Deutschland

Ab heute wird es ein bisschen ruhiger, hier im Blog und auch bei Twitter. Genau genommen: Da, wo ich sonst so rumtwittere, unter meinem eigenen Namen. Stattdessen bin ich jetzt mal eine Woche lang Deutschland – und das auch noch auf Englisch.

Unter @I_AmGermany schreibt bei Twitter jede Woche ein anderer Mensch, der aus Deutschland kommt oder in Deutschland lebt, und über 8000 Leute lesen mit. Das Prinzip kannte ich, Schweden macht das schon seit einigen Jahren, was oft faszinierend ist und manchmal furchtbar.

Inzwischen weiß ich, dass es zum Prinzip auch einen Namen und damit einen Hashtag gibt: #rocur, kurz für rotation curation. Rotation wie in abwechselnd, curation wie in sichten, auswählen, präsentieren. Es gibt einen Irland-Rocur und einen Hamburg-Rocur, einen Astronomie-Rocur und einen Geisteswissenschaften-Rocur, einen LGBTQ-Rocur und einen (offenbar derzeit ruhenden) Rocur kanadischer Bauern. Sie alle verbindet der Wechsel, die immer neue Perspektive.

Über 8000 Follower hat @I_AmGermany, nur ein Fünftel von ihnen spricht Deutsch, getwittert wird auf Englisch. Für Tausende Menschen eine Woche Deutschland sein – größer geht’s nicht, nein? Vielleicht am besten direkt so wie damals, 2005, mit ordentlich Pathos?

Okay, nein, das wohl nicht. Dann vielleicht lieber ganz klein. Das bisschen Alltag, in NRW und in Moskau – es ist eine Reisewoche für mich, das passt schon mal gut. Retweets, klar, von Lieblingstwitterern und Zufallsfundstücken. Über Sprache könnten wir mal reden, schließlich steckt viel Deutsch im Russischen. Chor, Fußball, Bücher. Nachdem die aktuelle Rotationskuratorin Kölsches Liedgut kritisiert hat, habe ich mich außerdem zu einem täglichen Bläck-Fööss-Zitat verpflichtet. Vorschläge werden gerne angenommen.

Zum Schluss ist da natürlich auch der Zeitpunkt. Eine Woche vor der Bundestagswahl finde ich es besonders interessant, mich zu fragen: Dieses Deutschland (Verzeihung: Germany), für das ich hier gerade stehe – was ist das heute für ein Land? Falls ihr dazu oder zu einem anderen Thema etwas seht oder schreibt, was für die Follower von @I_AmGermany interessant sein könnte: Sagt gerne Bescheid, ich freu mich!

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Russball, Folge 11: Russische Fußballstadien und ihre Probleme

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Es ist die erste Russball-Folge nach dem Urlaub, darum erst einmal danke für all die positiven Rückmeldungen zur zeitlosen, hintergründigen Ausgabe letzte Woche! Und, weil Fragen kamen: Ja, demnächst blogge ich auf jeden Fall auch über die Zeit in Kirgistan, es war wirklich beeindruckend dort. Fußball kam allerdings nur am Rande vor, mit einem abendlichen Flutlicht-Match in einem Fußballkäfig in Bischkek – Fotos hier und hier.

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⚽  Zum Start eine Folgeempfehlung: James Ellingworth, der für AP über Sport in Russland schreibt, tingelt gerade die Gastgeberstädte der Fußball-Weltmeisterschaft im kommenden Jahr ab. Die Fotos, die er von dieser Tour twittert, geben einen guten Eindruck von den WM-Vorbereitungen. Außerdem bekommt, wer James‘ Tweets liest, die Chance, sich schon mal auf die Tücken des Pressezentrums im Stadion von Jekaterinburg vorzubereiten. Also, Folgen lohnt sich.

⚽  Letzte Woche ging es hier um die endlosen Reisen, die Mannschaften der FNL (Russlands zweiter Liga) auf sich nehmen müssen, weil das Land so groß und die Stadien entsprechend weit von einander entfernt sind. Für viele Vereine ein großes finanzielles Problem.

Nun hat Russian Football News nachgelegt und macht – in epischer Länge – Vorschläge, wie man die FNL reformieren und das Problem lösen könnte. Knackpunkt wäre eine geographische Aufteilung, wie man es aus dem Eishockey kennt: Sowohl die NHL als auch die KHL funktionieren ja nach dem Prinzip regionaler Konferenzen.

⚽  Warum bekommt ZSKA Moskau sein schickes neues Stadion nicht voll? Am sportlichen Erfolg kann es nicht liegen, es ist einer der russischen Spitzenvereine, und das schon länger. Nach der Analyse von Sports.ru tragen viele Faktoren dazu bei, dass in der WEB-Arena so viele Plätze frei bleiben: Vergleichsweise hohe Ticketpreise. Undurchschaubare, immer wieder neue Regeln beim Ticketkauf. Ein langweiliger, zu klein geratener Fan-Shop. Rucksäcke, die nicht ins Stadion mitgenommen werden dürfen, müssen umständlich abgegeben werden – mit langen Wartezeiten beim Abholen nach dem Spiel.

Die offiziellen Begründungen des Vereins für leere Tribünen klingen dagegen ganz anders: „Heute ist es heiß, alle sind auf die Datscha gefahren“ (29. Juli) – „Mittwoch ist halt ein Werktag“ (2. August) – „Es ist Urlaubszeit, da haben viele die Stadt verlassen.“ Klar, dass dazu den Fans anderer Teams einiges an Gefrotzel einfällt: „Die Fans von ZSKA sind das ganze Jahr auf der Datsche.“

⚽  Anderes Stadion, andere Probleme: Das neue Krestowski-Stadion in St. Petersburg soll ein Prestigeprojekt sein, stattdessen regnet es rein, immer wieder. An Spieltagen posten regennasse Fans Videos von immer neuen undichten Stellen. Nun, endlich, wissen wir, wer schuld ist: der gemeine Kormoran.

So hat das jedenfalls Vizegouverneur Igor Albin in einem Interview hergeleitet: Das Stadiondach sei mit einem wasserabweisenden Schutzfilm bedeckt, der zwar bis zu 400 Kilo Gewicht pro Quadratmeter tragen kann, aber keinen Vogelschnäbeln widerstehen. Der „berühmte Vogel“ Kormoran mit seinem „mächtigen Schnabel“ macht also laut Albin die Fans nass, weshalb das Stadion nun, ähnlich wie ein Flughafengelände, gegen Vögel gesichert werden soll.

⚽  Dieses Jahr der Confed-Cup, nächstes Jahr die Fußball-WM – was bedeutet das für Russlands Wirtschaft? Die Hotelbranche blickt zurück und ist unzufrieden: Bis zu 90 Prozent Auslastung waren während des Confed-Cups angepeilt, die tatsächlichen Zahlen lagen deutlich niedriger. Das lag möglicherweise daran, dass das Turnier nicht allzu viele ausländische Fans angelockt hat. Denn wer innerhalb Russlands zu einem Match anreist, bei dem ist die Chance größer, dass er direkt im Anschluss wieder heimfährt, ohne Übernachtung vor Ort.

Andererseits meldet der Flughafen in Sotschi – wo während des Confed-Cups die deutsche Mannschaft drei Spiele austrug – einen deutlichen Anstieg bei den Passagierzahlen. So richtig lukrativ dürfte die Weltmeisterschaft im kommenden Jahr vor allem für Aeroflot werden. Russlands staatliche Fluglinie hat vorsorglich schon mal die Preise für Flüge von Moskau zu diversen Austragungsorten erhöht, und zwar deutlich: Flugtickets nach Wolgograd kosten künftig sechsmal mehr, nach Rostow am Don viermal mehr. Es lohnt sich also erst recht, sich rechtzeitig um eines der kostenlosen Zugtickets für WM-Besucher zu kümmern.

⚽  Neulich war hier schon mal die Rede davon, dass Russlands Nationalmannschaft ein Freundschaftsspiel gegen Dynamo Moskau plant. Nun wissen wir, dass auch ein Spieler des 1. FC Köln zum Kader gehören wird: Konstantin Rausch, geboren so gerade noch in der Sowjetunion. „Dynamik, Tempo und Spielwitz waren genau die Attribute, der der russischen Mannschaft beim Confed Cup im Sommer immer wieder gefehlt hatten“, begründet der Kicker die Auswahl – und was sagen die russischen Medien zum Neuzugang im Kader?

Argumenty i Fakty erwähnt, dass Rausch „meist als linker Verteidiger oder im linken Mittelfeld spielt, RBK zählt seine Karrierestationen auf, einschließlich Fritz-Walter-Medaille. Und Sport Express hat nicht nur bei Instagram grandiose Fotos des „deutschen Sibiriers“ ausgegraben, sondern verweist auch auf ein Interview mit Rausch aus dem Jahr 2016. Schon damals hatte er gehofft, sich durch gute Leistungen in Köln für einen Platz im russischen WM-Kader zu empfehlen.

⚽  Zenit St. Petersburg hat besser als viele andere Vereine verstanden, wie Social Media funktioniert: kleinteilig, nah am Fan, nicht nur aufs Sportliche konzentriert, sondern auch mal verspielt. Besonders hübsch war unlängst dieser Tweet, mit dem der Verein für seine 200-Rubel-Tickets beim Spiel gegen Rostow warb:

https://twitter.com/fczenit_en/status/898537927478784001

⚽  Ein Zückerchen für alle, deren Sehnsucht nach Fußballstatistik mit so profanen Informationen wie gelaufenen Kilometern einzelner Spieler, Ballbesitz-Anteilen beider Teams oder deren Chancenverhältnis noch lange nicht gestillt ist. Es geht um die Frage, welcher russische Verein die jüngste Mannschaft stellt.

Wer nun glaubt, da müsse man ja nur das Alter der Spieler addieren, dann durch die Zahl der Spieler teilen, der darf sich schon mal seine Buntstifte nehmen und das hier ausmalen. Schön leise, ja? Die Erwachsenen lesen unterdessen hier weiter: das Durchschnittsalter russischer Fußballmannschaften, gewichtet danach, wie viele Minuten jeder Spieler in der bisherigen Saison auch tatsächlich eingesetzt wurde.

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Das Schlusswort gehört diese Woche Artur Jussupow. Der russische Nationalspieler, der im Moment von Zenit an Rostow ausgeliehen ist, wurde gefragt, wie er zur geplanten Neuregelung in Sachen Fußball-Legionäre steht. (Russlands Fußball-Offizielle wollen sich im September mit dem Thema befassen.) Seine Antwort schafft es, ein Seitenhieb gegen gleich zwei Vereine zu sein: „Ohne eine Begrenzung für Legionäre würden bei Zenit elf Argentinier spielen, bei Spartak elf Brasilianer, und die beiden würden die Meisterschaft unter sich ausmachen.“

Wenn euch diese Folge gefallen hat, freu ich mich, wenn ihr es euren Freunden und Kollegen sagt. Mehr Russball dann wieder in einer Woche – bis dann!



 

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Russball, Folge 9: Springt eine Hummel mit dem Fallschirm ab

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Probleme, die man als Bloggerin nicht hat: „Nun haben wir schon einen Spezialbereich auf unserer Website, jetzt soll er auch immer schön frisch aussehen“. Aber gut, das hat sich die Nachrichtenagentur TASS mit ihrem Schwerpunkt zur Fußball-WM nun selber eingebrockt. Sowas will, auch bei mauer Nachrichtenlage, gefüllt sein. In größtmöglicher Detailtreue und kleinstmöglicher Relevanz wird deshalb also nun dort der Fortschritt bei den WM-Vorbereitungen dokumentiert.

So erfahren wir, dass in Kasan möglicherweise riesige Blumensträuße den Weg zum Stadion flankieren sollen, eingewickelt in Flaggen der Teilnehmerländer. Dass in Kaliningrad ein 25 Meter hoher Strommast gebaut wird, der aussehen soll wie WM-Maskottchen Sabiwaka. Und wem das alles noch zu interessant ist, der findet diese Meldung: Bei der Rasen-Aussaat im Stadion von Rostow wurden sechs verschiedene Sorten Grassamen verwendet. Sechs! Verschiedene! Sorten! So viel besser als fünf, und sieben wäre ja nun auch wirklich übertrieben.

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⚽ Kleines Update zur Meldung aus der vergangenen Woche, wonach Russland während der WM spezielle Ausnüchterungszentren für betrunkene Fußballfans einrichten will: Das hat offenbar bei dem ein oder anderen für Unruhe gesorgt, weil die sogenannten Wytreswiteli in der Sowjetunion nicht den besten Ruf hatten.

Vize-Ministerpräsident Witali Mutko muss also den Erklärbär geben: „Sie werden als Ausnüchterungseinrichtungen bezeichnet, dabei sind sie dazu da, menschenwürdige Bedingungen herzustellen,“ beteuert er. Wer zu viel getrunken habe, brauche nun mal einen Ort, um seinen Rausch auszuschlafen.

⚽ Rostow war in der Premjer-Liga bei Anschi Machatschkala zu Gast und mit dem, was man da im Stadion vorfand, erkennbar unzufrieden. „Die Anschi-Arena ist bereit für das Spiel, aber der Platz…“ twitterte der offizielle Rostow-Account und fügte noch ein besorgtes Emoji hinzu. In der Tat: Im Grün des Spielfeld sieht man zahlreiche fußgroße, braune Löcher, das Ergebnis ist eher ein Acker als ein Erstligaplatz. Von der Heimmannschaft gab es keine Twitter-Reaktion, offenbar war man mit Wundenlecken ausgelastet: Trotz ramponierten Rasens gewann Rostow auswärts mit 1:0.

https://twitter.com/rostovfc/status/893486363139424256

⚽ Aiden McGeady ist Fußballprofi aus Schottland, von 2010 bis 2014 hat er für Spartak Moskau gespielt. In einem Interview hat er nun erzählt, wie nach mehreren Niederlagen in Folge die Vereinsführung völlig selbstverständlich einen Termin arrangierte, bei dem Spartaks oberste Ultras der Mannschaft die Meinung sagen bzw. brüllen durften.

„Einer von den Ultras hat zu (einem brasilianischen Spieler) gesagt, wenn ich dich noch einmal nach einer Niederlage in einem Nachtclub sehe, dann schlag ich dir die Fresse ein,“ erzählt McGeady. Nicht die einzige surreale Szene des Termins, der in seiner Gänze hier nachzulesen ist. „Und dann haben sie den Raum verlassen, und als sie rausgingen, hatten sie alle Waffen hinten in ihren Jeans stecken.“ (Und der Spartak-Sprecher so: Kann ich weder bestätigen noch dementieren, was fragt ihr mich als nächstes, nach irgendwas aus dem Jahr 1967?)

⚽ Jede Nationalmannschaft hat ja so ihre eigenen Erfolgsrezepte, die russische wird Anfang September in einem Testspiel mal die pragmatische Methode probieren: Willst du gewinnen, dann suche dir einen Gegner, bei dem das auch realistisch ist. In diesem Fall ist das Dynamo Moskau, zur aktuellen Saison frisch in Russlands oberste Liga aufgestiegen und dort derzeit, wenn man wohlwollend sein will, so gerade noch im Mittelfeld platziert. (Übrigens gibt es dazu eine interessante Parallele im englischen Profifußball, die allerdings schon ein paar Jahre her ist.)

⚽ Nützlich, was die Berner Zeitung da veröffentlicht hat: ein kleines Vereinsporträt von ZSKA Moskau, reduziert aufs Wesentliche. Ein bisschen Statistik zu den Liga-Erfolgen der jüngsten Zeit, ein Überblick der bekannten, oder besser: der halbwegs bekannten Spieler.

Die Berner formulieren das mit nicht allzu viel Takt so: „Auch im Sturm sind keine renommierten Fussballer zu finden.“ Das lässt, aus Schweizer Perspektive, hoffen. Denn wenn die Young Boys Bern in der Champions League weiterkommen wollen, müssen sich am 15. und am 23. August gegen ZSKA behaupten.

⚽ Russland hat gerade den Tag des Fallschirmjägers begangen – das ist hier eine große Sache, mit ganz eigenem Ritual. Männer in blau-weiß geringelten Leibchen betrinken sich, planschen in den Springbrunnen der Stadt und prügeln vor lauter Enthemmung auch schon mal auf Journalisten ein.

Im Vergleich dazu hatte, wer auch immer beim FK Ural aus Jekaterinburg im Kostüm des Maskottchens steckt, einen fast schon entspannten Tag. Okay, er oder sie musste zu Ehren der Fallschirmjäger selber aus einem Flugzeug springen, aber immerhin mit Hochkulturkomponente: Die Spieler des FK Ural werden angesichts der orange-schwarzen Vereinsfarben auch шмели genannt, also die Hummeln. Für das Video des fliegenden Hummelmaskottchens konnte es also nur eine musikalische Untermalung geben, natürlich von Nikolai Rimski-Korsakow:

⚽ Da wollte sich jemand an Wladimir Putin ranwanzen, ist damit aber auf die Nase gefallen. Der jemand, immerhin Bürgermeister der sibirischen Stadt Tscheremchowo, hatte wohl im Handbuch autoritärer Führungsfiguren nachgelesen, dass diese sich gerne als Macher präsentieren, die alle wichtigen Entscheidungen selber treffen. (Wir erinnern uns an die urbane Legende, wonach Stalin höchstselbst die Moskauer Metro-Ringlinie erfunden hat.) Aber: Keine Regel ohne Ausnahme.

Besagter Bürgermeister sagte also vor Publikum, er rechne damit, dass die russische Fußball-Nationalmannschaft sich bei der WM nur dann ernsthaft Mühe geben werde, wenn Putin selbst sie trainiert. Was der, geschmeichelt oder nicht, sofort von sich wies. Ranwanzen gescheitert. Aber wenn Russland dann – so ganz ohne jemals von Putin trainiert worden zu sein – bei der WM im eigenen Land wie beim Confed Cup in der Gruppenphase ausscheidet, will es wieder keiner gewesen sein.

⚽ 11 Freunde nimmt den Fall Yohan Mollo als Anlass einer Bestandsaufname: Wenn russische Fans einzelne Spieler rassistisch oder schwulenfeindlich beschimpfen, wie reagieren dann die Vereine? Und was, wenn dem Spieler der Kragen platzt und er den Stinkefinger zeigt? (Mollo selbst sagt, er habe einen Freund auf der Tribüne gemeint, nicht die Fans.) Was bleibt, ist ein Klima, in dem der Fokus auf dem Verhalten des angegriffenen Spielers liegt – nicht auf den Fans und ihren Pöbeleien.

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Zum Schluss noch ein kleiner Hinweis, damit ihr euch emotional wappnen könnt: Bei der nächsten Russball-Folge wird hier alles ein bisschen anders sein, aus Gründen. Aber das seht ihr ja dann. Eine schöne Woche noch!



 

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Russball, Folge 8: Was betrunkene Fans bei der WM erwartet

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Die neue Russball-Folge beginnt mit der Gewissheit, dass Slapstick immer noch existiert und funktioniert. Beweis: der Versuch von Juri Sjomin, Trainer von Lokomotive Moskau, eine Wasserflasche wegzukicken. Die Flasche war danach weg, Sjomins Schuh allerdings auch. Gibt es das auch als GIF? Aber natürlich gibt es das auch als GIF.

Schön auch: Der Twitter-Account @welcome_2018, der Vorfreude auf die Fußball-WM im kommenden Jahr schüren soll, berichtet oft und gerne davon, wie gut alles beim Bau der Stadien vorangeht. Diesmal gab es ein echtes Knüllerbild: Im Stadion in Rostow sprießen die ersten Grashalme!

Gut, dass das mal einer dokumentiert hat.

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⚽ Jewgeni Brjun hat einen Plan. Der Mann ist (wörtlich übersetzt) oberster Psychiater-Narkologe des russischen Gesundheitsministerium, kennt sich also aus mit Betäubungsmitteln und ihren Auswirkungen auf die Psyche des gemeinen Fußballfans. Und da bei der Fußballweltmeisterschaft „die Anwesenheit betrunkener Fans unvermeidlich ist“, will das Ministerium laut Westi eine Einrichtung wiederbeleben, die vor allem in der Sowjetunion verbreitet war: die Ausnüchterungszentren.

Wer in Deutschland so betrunken ist, dass er der Polizei auffällt, landet vielleicht in einer Ausnüchterungszelle oder, in extremen Fällen, im Krankenhaus. In Russland dagegen gab es seit dem frühen 20. Jahrhundert die вытрезвители (Wytreswiteli), spezielle Einrichtungen für die nicht lebensgefährlich Betrunkenen. Abwarten, kalte Dusche, den Rausch ausschlafen, oft in Gruppenzimmern, anschließend dafür bezahlen (in den Achtzigern in Moskau zum Beispiel zwei Kopeken).

Erst vor wenigen Jahren wurden alle Ausnüchterungszentren geschlossen, nun soll es sie also bald wieder geben, jedenfalls in den WM-Gastgeberstädten. In einem TASS -Text umreißt ein anderer Offizieller den Zweck der Zentren so: „Ausnüchtern, eine Strafe bezahlen  (…) und nach Hause gehen.“

⚽  „Lorem ipsum dolor sit amet.“ Wer einfach irgendeinen Fülltext braucht, nimmt gerne diesen. Schwieriger wird es schon, wenn der Text nach etwas Bestimmten aussehen soll und von ihm abhängt, ob Fernsehzuschauer einen Plot glaubwürdig finden. In der Serie „The Americans“ etwa kommt in Folge 11 der aktuellen Staffel eine Kladde vor, in der eine Russin, die unter Korruptionsverdacht steht, die Namen ihrer Kontaktpersonen festgehalten hat.

Was schreibt man da rein, damit es hübsch authentisch-russisch aussieht? Die Antwort machte diese Woche hier in Russland bei Twitter die Runde: lauter Namen russischer Fußballspieler und -trainer.  Wladimir Granat, Wiktor Wassin,  Rolan Gussew… wer die komplette Liste der Fußballschurken selbst entziffern möchte, kann das hier:

⚽ Bombardir.ru will wissen, welcher russische Spitzenverein auch bei Social Media spitze ist und hat sich darum acht Vereine vorgenommen: Zenit St. Petersburg, Spartak Moskau, ZSKA Moskau, Lokomotive Moskau, Dynamo Moskau, Rostow, Krasnodar und Rubin Kasan. Beim Ranking nach Followern liegt Zenit ganz vorne: 979.358 bei Facebook, 844.344 bei VKontakte, 840.000 bei Twitter und 288.000 bei Instagram, das ist der Sieg in allen Disziplinen des digitalen Vierkampfs.

Auch gemessen an den Interaktionen der Fans gewinnt Zenit deutlich: die meisten Likes, die meisten Shares. Wer sich für die genauen Zahlen und Platzierungen der einzelnen Vereine interessiert, findet den detaillierten Artikel hier. Außerdem gibt es kurze Einzelkritiken dazu, wie sich die acht Clubs inhaltlich in sozialen Netzwerken positionieren. 

⚽ „Wie sich zeigt, kommt der beste Torschütze der Europa League aus Russland“, freut sich Sport.ru, und ich musste spontan erst mal nachgucken, wer eigentlich alles zur UEFA gehört, also bei der Europa League prinzipiell teilnehmen darf. Klar, die west- und mitteleuropäischen Länder – aber wie weit nach Asien reicht eigentlich das „E“ von „UEFA“? Ziemlich weit, wie sich rausstellt. Armenien, Aserbaidschan und Georgien im Kaukuasus, dann Kasachstan in Zentralasien und, ja, auch Russland. Insgesamt sind es aktuell acht Länder, an die Wikipedia ein dezentes Sternchen macht: „Mitgliedsland liegt vollständig oder zum größten Teil in Asien.“

Aus Russland sind dieses Mal Lokomotive Moskau, Zenit St. Petersburg und der FK Krasnodar bei der Europa League dabei, der erfolgreichste Torschütze spielt allerdings bei keinem dieser drei Vereine. Maxim Maximow ist zwar Russe, trifft aber für den FK Trakai aus Litauen – in der Europa League bisher siebenmal. Sein Trainer lässt bereits durchblicken, dass diverse Vereine Interesse an Maximow angemeldet haben, auch aus Russland.

⚽ Als Schiedsrichter bist du natürlich neutral, das steht in der Arbeitsplatzbeschreibung. Außer vielleicht, es fällt ein Tor, du stehst an der Seitenlinie und das Jubelrudel aus glücklichen Spielern bildet sich direkt vor dir. Da könntest du doch mal… nur ganz kurz… und diskret. Ha! Abgeklatscht! Hat ja keiner gesehen, oder?

⚽ Arsenal Tula hat neulich den FK SKA-Energija Chabarowsk mit 1:0 geschlagen. Ein Freistoß-Tor, alles nicht besonders spektakulär. Dass das Match hier trotzdem eine Erwähnung wert ist, liegt an einer Begebenheit vor dem Spiel, die Tula eine Strafe von 10.000 Rubel (etwa 140 Euro) eingebracht hat: Tulas Spieler haben den Fehler begangen, beim Aussteigen alle Türen des Mannschaftsbus zu benutzen. Dabei ist doch klar festgeschrieben, wie das mit dem Aussteigen zu gehen hat: „Die Fußballer sollen nur durch die vordere Tür aussteigen, und zwar in Abständen von drei bis fünf Sekunden.“

⚽ Seit Trainer Mircea Lucescu wegen Erfolglosigkeit bei Zenit St. Petersburg rausgeflogen ist, hat er Zeit. Zeit, um in langen Interviews Theorien zu entwickeln, warum russische Vereine international nicht mithalten können. Russische Klubs müssten, so Lucescu, ihre eigenen Stars heranziehen – schließlich seien ihre Einnahmen nicht so hoch, dass sie ernsthaft auf dem internationalen Transfermarkt mitbieten könnten.

„Ich war beim deutschen Pokalfinale, Bayern gegen Dortmund,“ erinnert sich der Trainer, 100 Euro habe er gezahlt für eine ganz normale Eintrittskarte. „Der Lebensstandard in Russland ermöglicht es heutzutage nicht, Tickets zu solchen Preisen zu verkaufen“, auch die Einnahmen durch Fernsehrechte seien in Russland deutlich niedriger als anderswo. Dann noch die UEFA-Regeln fürs Financial Fair Play, die begrenzen, wie sehr sich Vereine verschulden dürfen – für Lucescu alles Gründe, warum es russischen Clubs schwerfällt, Spitzenspieler einzukaufen

⚽ Lokomotive Moskau hat sein Stadion aufgehübscht – neue Leinwände, bessere VIP-Logen, mehr Souvenirstände, bald soll es auch kostenloses WLAN geben. Etwa tausend Menschen weniger passen nun ins Stadion, aber akute Überfüllung ist für den Verein ohnehin nur selten ein Problem.

Gekostet hat der ganze Spaß laut Präsident ‎Ilja Gerkus ein paar Millionen Euro, da waren dann auch noch neue Sitze und einmal frisch Anstreichen drin, beides in der Vereinsfarben – dieser Kombi aus Rot und Grün, die bei mir sofort Hunger auf Chipsfrisch von Funny-Frisch auslösen. Ilja Gerkus ist jedenfalls mächtig verliebt in seine neuen Leinwände und instagrammt darum neuerdings gerne mal sowas hier (Vorsicht, auch ihr könntet Sehnsucht nach dem Chipsregal kriegen):

Начинаем чемпионат!!

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⚽ Weniger begeistert haben sich im Stadion zuletzt einige Fans von Zenit St. Petersburg umgesehen. Es waren die wirklich treuen Anhänger. Die, die Geld in die Hand nehmen und sich eine Dauerkarte kaufen. Dumm nur, dass es die Plätze, die zu den Karten gehören, im Stadion dann gar nicht gab. „Wir hatten Karten für Sektor A 207, Reihe 11, Platz 16, 17 und 18“, erzählt ein Fan. Im Stadion musste er dann feststellen, dass Reihe 11 nur bis Platz 15 geht.

Erst nach mehreren Beschwerden habe der Verein sich des Problems angenommen und die Dauerkarten auf andere Plätze umgeschrieben. Wie es dazu kommen konnte? Vermutlich, weil während des Confed Cups zusätzliche Sitzplätze zur Verfügung standen und diese Information im Buchungssystem nach dem Ende des Turniers nicht korrigiert wurde.

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Zum Abschluss ein Foto. James Hill hat es gemacht, wie so viele großartige Bilder aus Russland. Da steht ein zotteliges Pferd auf etwas, das mal ein Fußballplatz gewesen sein muss. Man sieht noch ein Tor, ein Klotz Birkenholz hält eine der Stangen aufrecht, das Netz ist zerfleddert. Eine Szene aus Baruta, so weit westlich in Russland, dass man fast schon in Lettland ist.

Die New York Times erzählt an diesem Dorf entlang die Geschichte vom Schrumpfen der russischen Bevölkerung, vor allem auf dem Land. Kein Fußballtext, trotzdem unbedingt lesenswert. Bis nächste Woche!



 

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