Odessa oder Odesa?

Odessa oder Odesa, wie heißt das nun richtig? Die Russen schreiben es mit zwei S, die Ukrainer nur mit einem, die Deutschen dafür aber wieder mit zwei, die Briten auch, eigentlich, nur auf den Glastüren am Flughafen steht dann irgendwie doch „Odesa International Airport“.

Ein S, zwei S, vielleicht ist das gar nicht so wichtig. Hauptsache, wir sind hier, was von Moskau aus gar nicht so einfach war. Direktflüge zwischen Russland und der Ukraine gibt es seit drei Jahren nicht mehr, unsere Anreise war also ein Umweg mit zwischenzeitlichem Rumsitzen in Warschau. Der Preis für eine Woche in der Stadt, die bei allen Freunden, die schon mal hier waren, das große Hach auslöst. „Hach, Odessa – da kann keiner einen Satz sagen, ohne dass Humor drin steckt.“- „Hach, Odessa – wie Italien, nur näher.“ – „Hach, Odessa, ich hab selten so gut gegessen.“

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Am ersten Abend direkt mal in die Oper, das wohl schönste Gebäude der Stadt. Groß und opulent, rote Samtsitze und -vorhänge, dazu vergoldete Lampen, vergoldete Decke, vergoldete Brüstungen – vielleicht sollte man besser aufzählen, was nicht vergoldet ist. Trotzdem sind die Karten günstig: 200 Hrywnja, also 6 Euro, für die teuersten Plätze.

Draußen sind es immer noch 28 Grad, drinnen nicht viel weniger. Ein Blick runter in den Orchestergraben: viele Tops mit Spaghettiträgern, einige Hemden, die bis zum dritten Knopf offen sind. Eine Erinnerung, dass Musizieren bei solcher Hitze harte Arbeit ist – auch, wenn man es dem Orchester nicht anhört.

Gespielt wird heute Abend Donizettis „L’elisir d’amore“, allerdings nur im Prinzip, mit umgedeuteter Handlung. Statt um Liebe auf einem italienischen Landgut geht es um Menschen, die verrückt sind nach Aufmerksamkeit, Fernsehruhm, Selfies. Mit großen Tablets machen die Sänger auf der Bühne permanent Fotos voneinander. „Wir haben hier auch eine sehr schöne Treppe“, sagt die Platzanweiserin, als die Pause beginnt, „da können Sie sich gut fotografieren.“

Odessa Opernhaus Treppe Selfies

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Es gab Zeiten, da war jeder dritte Mensch, der in Odessa lebte, Jude. Im Handel, in der Kultur und im intellektuellen Leben der Stadt spielte die jüdische Bevölkerung eine wichtige Rolle. Erste Pogrome gab es schon zur Zarenzeit, während des Zweiten Weltkriegs wurden mehrere Hunderttausend Juden in Odessa ermordet. Von „Odessa Mama“ wurde in den Vorkriegsjahren auf Jiddisch so gesungen:

Ver es iz nor nit geven
In der sheyner shtot Odess
Hot di velt gor nit gezeyn
Un er veyst nit fun progress.

Vos mir Vin un vos Pariz,
Blotte, khoyzik, kayn farglaykh,
Nor Odess ot dortn iz
A Gan Eydn, zog ikh aykh.

(Wer noch nicht gewesen ist/in der schönen Stadt Odessa,/hat die Welt nicht gesehen/und weiß nichts vom Fortschritt. Was sind mir Wien und Paris/Unsinn, ein Scherz, kein Vergleich./Nur in Odessa ist/ein Garten Eden, sag ich euch. Eine englische Nachdichtung gibt es hier.) Und weiter: Oy, Odessa Mama, du bist mir endlos lieb und teuer. Oy, Odessa Mama, ach, ich sehne mich nach dir.

Heute begegnet einem das jüdische Erbe in Odessas Gebäuden, in seinen Denkmälern und Museen, aber vor allem in seiner Küche. Hummus, Falafel, Forschmak stehen auf vielen Speisekarten, in manchen Restaurants wird man mit Musikvideos auf Hebräisch beschallt. Pizza Makkabi, anyone?

odessa pizzeria makkabi

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Wie sieht Odessas berühmter Humor aus, wenn man ihn auf die Architektur anwendet?

Vielleicht so: „Ach komm, ich bau jetzt mal ein Haus, das aussieht, als hätte es nur eine Wand.“ (Unbekannter Architekt, achtzehnhundertdunnemals).

odessa haus mit nur einer wand kscheib

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„Ich separiere Sie mal“, sagt Irina, die ältere Dame, die uns durch die Stadt führt. „Separatismus ist ja sehr populär in diesen Tagen, also machen wir das jetzt auch.“ Spricht’s und stellt sich zwischen uns, damit wir trotz der Bauarbeiten kurz vorm Stadtgeburtstag beide hören können, was sie über Odessa erzählt. Von dem Haus mit der weiß-rosa Fassade, das sich eine reiche Familie einst bauen ließ. In welchem Stil, wollte der Architekt wissen, Antwort: „Wir haben Geld genug, machen Sie einfach alle Stile.“

Die Straße, an der das Haus liegt, nennen manche Bewohner von Odessa übrigens die schamlose Straße, erzählt Irina. Das liegt an den Platanenbäumen, die hier stehen und deren Rinde abblättert, wenn darunter neue nachgewachsen ist. „Die ziehen sich einfach so hier um, wo es jeder sehen kann“, sagt Irina und lächelt. „Darum ’schamlose Straße‘.“

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Das mit dem Strand allerdings, das haben sie hier nicht so drauf. Man muss aus der Stadt rausgondeln mit dem Bus nach Arcadia, was nach einem dystopischen Staat klingt. Tatsächlich hat das Allgemeinwohl hier keine allzu große Priorität: Nur ein schrabbeliger, kleiner, betonbegrenzter Teil des Strandes ist kostenlos und für alle zugänglich. Für alle weiteren Abschnitte muss man Eintritt in einen Beach Club zahlen – mit Glück findet man einen, in dem man nicht beschallt wird. Sonne ist Sonne, Meerblick ist Meerblick, auf einer Liege unterm Sonnenschirm ist gut Liegen. Aber mehr als einmal muss man das nicht erleben.

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Was sie hingegen hier können: Blickkontakt, Lächeln, kleines Schwätzchen. Kopfsteinpflaster, Fußgängerzone, Wind, der vom Wasser her weht. Und Stuck, den können sie auch.

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Die korrekte Schreibweise, das versteht man spätestens mit der Abschiedswehmut am letzten Abend, ist übrigens weder Odessa noch Odesa. Richtig schreibt man es: Ohdessa.

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Wie ich einmal Gesangsunterricht auf Russisch nahm

kscheib gesangsunterricht auf russisch

Meine Gesangslehrerin hab ich mir ja nach ihrem Lächeln ausgesucht. Also: Das soll nicht heißen, dass sie nicht kompetent ist – ihre Qualifikationen kann auf „Wasch Repetitor“, der Webseite, die Schüler und Lehrer für alle möglichen Fächer zueinander bringt, jeder nachlesen. Aber qualifiziert sind die anderen da ja auch, mich hat nur deren Mimik abgeschreckt. Dieser Blick, der sagt: „Soso, Sie haben also schon Erfahrung? Hört man gar nicht.“ „Na, war wohl keine Zeit zum Üben seit dem letzten Mal?“„Also wenn Sie nicht mal das können, wollen Sie dann nicht vielleicht noch mal von vorne anfangen? In der Orff-Gruppe, mit Klanghölzern und Schellenkranz?“

Statt mir das anzutun, gehe ich nun also zu D., die auf ihrer Wasch-Repetiror-Seite lächelt, freundlich und konstruktiv. Der Unterricht findet im Büro ihres Mannes statt, ein Souterrain-Raum mit ein paar Schreibtischen, einem Kopierer (sehr praktisch für Noten) und gelegentlich dem einen oder anderen Mitarbeiter, der vor Stundenbeginn von D. höflich verscheucht wird. Manchmal feudelt eine Putzfrau durchs Bild. In der einen Ecke liegen Stücke dicker Metallrohre – die Männer, die hier arbeiten, überprüfen Schweißnähte auf Baustellen. In der anderen Ecke steht das E-Piano. Und daneben, einmal die Woche, ich.

⁃ „Also im (…..) müssen Sie mehr (…)“, sagt D.

⁃ Ich sage: „Wie bitte?“

⁃ „Naja, beim Singen ist ihr (…) zu (…).“

⁃ „Entschuldigung, das versteh ich nicht.“

⁃ „Sie müssen singen, als hätten Sie ein Äpfelchen im Mund.“

Aaah, der Rachenraum. Die Klangfarbe. Kein Standardvokabular. Ich bin froh, dass D. sich auf diese seltsame Schülerin mit den seltsamen Wünschen eingelassen hat: Bitte komplett auf Russisch, auch wenn’s dann länger dauert – kein Ausweichen auf Englisch oder Musiker-Italienisch. Und bitte auch nicht die üblichen Gassenhauer aus dem internationalen Repertoire, nicht wieder „Voi che sapete“. Ich möchte die Stücke kennenlernen, an denen sich russische Gesangsschüler so abarbeiten.

Wie es läuft? Schwer zu sagen. Einerseits merke ich, wie gut es tut, sich mal wieder konzentriert mit der eigenen Stimme und dem eigenen Körper auseinanderzusetzen, statt nur die grundlegenden Choranforderungen (richtige Töne, richtiges Tempo und im Zweifel gerne richtig laut) zu erfüllen. Andererseits ist Musikausbildung in Russland, auch für Amateure, um einiges anspruchsvoller als in Deutschland. Jeder Musikschüler muss hier regelmäßig Prüfungen ablegen, es geht nicht nur ums gemeinsame Musizieren.

Entsprechend hoch sind, Lächeln hin oder her, auch die Ansprüche von D. So viel und so schwierig wie hier musste ich zum Beispiel lange nicht mehr vom Blatt singen. Ergebnis: „Patschti choroscho“ – beinahe gut. Zwischendurch erzählt und erklärt D. auch gerne: „Das russische Repertoire besteht zu einem hohen Anteil aus Liedern über unglückliche Liebe. Weil das Land halt so groß ist. Stellen Sie sich vor, Sie sind allein, gucken aus dem Fenster und sehen nur Wald, Wald, Wald. Keinen anderen Menschen. Da entstehen dann solche Lieder.“

Oder, in einer anderen Stunde, mal wieder zum Thema Rachenraum: „Russischen Schülern muss man immer beibringen, alles ein bisschen enger zu machen Westliche Schüler müssen lernen, ihn zu weiten. Das liegt an der Phonetik unserer Sprachen, daran, was wir gewöhnt sind.“ Interessant, und noch dazu verständlich – wie schön, wenn der Schlüsselbegriff ein Fremdwort ist! Direkt mal probieren, den weiten Rachenraum – „patschti choroscho!“

Was auch bei der Verständigung hilft: Bei den Sprachbildern scheinen sich deutsche und russische Musiklehrer nicht groß zu unterscheiden. Mein Atem ist eine Springbrunnenfontäne, oben drauf liegt ein Tennisball, und der muss immer auf derselben Höhe bleiben? Sehr gern. Stehen wie eine Marionette, bei der jemand am Kopf-Faden noch mal extra gezogen hat? Natürlich. In die Stirn atmen und in den Raum unterhalb der Augen? Bitte sehr, bitte gleich.

Andere Stunden sind deutlich härter. Vergiss alles, was du über Artikulation, Intonation und Phrasierung gelernt hast – wir arbeiten heute nur am Klang, 60 Minuten lang. Sing mit rausgestreckter Zunge! Patschti choroscho, aber nicht so nasal! Nochmal, nur diese zwei Takte. Und jetzt mit einem kleinen Glissando von jeder Note zur nächsten. Patschti choroscho, aber leiser! Egal, wenn die Tonhöhe verrutscht, wir reden hier über Klang, wiederholt D.: „Man sagt ja immer, wir Russen können gut Fünfe gerade sein lassen und ihr Deutschen plant, bis alles perfekt ist. Also, Sie müssen russischer singen.“

Ich schaue auf meine Notenmappe, in der inzwischen Stücke von Glinka und von Rubinstein liegen, russische Volkslieder, vertonte Puschkingedichte. Dann strecke ich die Zunge raus, atme ein, versuche es ein weiteres Mal. Und verdränge die Stimme, die aus dem Hinterkopf ruft: „Wenn es auch diesmal wieder nur ‚patschti choroscho‘ ist, werfe ich mich auf die Rohre in der Ecke da drüben und beiße ihnen allen die Schweißnähte durch.“

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Russball, Folge 35: So klingen die elf WM-Gastgeberstädte

Russball kscheib Suus Agnes 2 signed

Erinnert ihr euch an die Korobka? Viele russische Kinder haben in dieser Art Käfig, den man oft in russischen Wohngebieten findet, zum ersten Mal Fußball gespielt. Manchmal hängt dort zusätzlich auch noch ein Basketballkorb – Hauptsache, was mit Bällen. Seit letzter Woche weiß ich nun, wozu so eine Korobka im russischen Winter gut ist: Einfach den Boden fluten, gefrieren lassen, und siehe da: ein Eishockeyfeld! Puck statt Ball – hier ein kleiner Schwenk.

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⚽ Wird eine Heuschreckenplage über die Stadien der Fußball-Weltmeisterschaft herfallen? Ja, sagt ein Abteilungsleiter im russischen Landwirtschaftsministerium. Nein, sagt der Leiter des WM-Organisationskomitees. Welche der beiden Meinungen in mehr Medienberichten zitiert wurde, könnt ihr euch selber denken. Aber gut, Dementis machen halt auch Arbeit und sind eher unsexy.

Darum hier schon mal prophylaktisch meine extrem subjektive Einschätzung: Auch in Blut verwandeltes Wasser, Frösche, eine Viehpest, schwarze Blattern, Hagel, Finsternis und den Tod aller Erstgeborenen werden wir diesen Sommer in Russland eher nicht erleben. Nur bei den Punkten „Stechmücken“ und „Stechfliegen“ sind sich die Propheten noch unsicher. Nein! Doch! Oh!

⚽ Guus Hiddink hat fünf verschiedene Nationalmannschaften trainiert, darunter die russische. Eine gute Ausgangslage, um sich zu den Chancen des russischen Teams bei der WM im eigenen Land zu äußern. Nach dem Confed-Cup neigt Hiddink nicht zu übermäßigem Optimismus: Russland habe gute Momente gehabt, aber auch Schwächen gezeigt. Daraus auf das Abschneiden bei der WM zu schließen, sei also schwierig.

Was Hiddink sonst noch zu sagen hat? Das, was jeder, der den russischen Fußball analysiert, als Knackpunkte ausmacht: Zur professionellen Entwicklung sei es möglicherweise gut, wenn russische Spieler sich auch mal bei ausländischen Vereinen bewähren müssten, wo die Konkurrenz größer ist. Und dass der russische Fußball endlich eine anständige Nachwuchsförderung braucht, das hat Hiddink nach eigenen Worten schon 2010 angeregt. (Den ganzen Artikel gibt es auf Seite 8 in diesem PDF.)

⚽ Gleiches Thema, anderer Gesprächspartner: Kevin Kuranyi, der ja einige Jahre bei Dynamo Moskau gespielt hat, hat sich vom russischen Staatssender RT interviewen lassen. Neben ein paar Höflichkeiten (Kuranyi vermisst Borschtsch und den Roten Platz) geht es auch hier um die Chancen der russischen Nationalmannschaft bei der Fußball-Weltmeisterschaft.

Großes Potential sehe er beim Team, so Kuranyi, nach „einigen schweren Fehlern“ in der Vergangenheit werde es Russland deshalb definitiv über die Gruppenphase hinaus schaffen – erst recht im eigenen Land, mit den eigenen Fans im Rücken. Und Kuranyis Zukunft? Er kann sich da durchaus eine Rückkehr nach Russland vorstellen, als Trainer oder in einer ähnlichen Rolle.

⚽ Manchmal fühlt es sich an, als hätte inzwischen jede Webseite, jeder Radiosender, jede Zeitung die elf Austragungsorte der Fußball-WM vorgestellt. Aber nun ist mir etwas begegnet, das mir tatsächlich neu war: Eine Musik-Weltkarte. Für 3000 Orte kann man dort nachsehen, was derzeit das meistgehörte Lied bei YouTube ist. Das ist doch vielleicht ganz nützlich für deutsche Fußballfans, um sich ins Gastgeberland schon mal ein bisschen reinzuhören.

Tatsächlich sind die elf Gastgeberstädte genau aufgeteilt: In Kaliningrad, Saransk, Rostow, Sotschi und Wolgograd hören die Leute am liebsten „Troll“:

In Kasan, Samara, St. Petersburg, Jekaterinburg und Nischni Nowgorod liegt dagegen „Rosowoje Wino“ vorne, was übersetzt „Rosé(wein)“ bedeutet.

Was ist nun besser, komischer, absurder? Das „Troll“-Video, in dem ein Mann am Bananentelefon mit einer Frau am Hummertelefon spricht? Oder doch der „Rosowoje Wino“, wo ein Mann mal mit durchsichtigem Regenschirm und mal mit Ramennudeln und Essstäbchen in der Hand singt und tanzt? Macht es einen Unterschied, dass der erste Clip wahrscheinlich absichtlich lustig ist und der zweite möglicherweise ernst gemeint? Schwer zu sagen, ich fühle mich da wie Moskau, die elfte WM-Stadt. Die liegt auf der Landkarte genau im Grenzgebiet zwischen Troll-Land und Rosé-Land.

⚽ Die Zeitung „Wedomosti“ hat diese Woche einen Text veröffentlicht, der einen guten Einblick in die Weltmeisterschafts-Logistik gibt. Es geht vor allem um die Firma „Match Accommodation“, die für die FIFA – also für Offizielle, für Mannschaften, für Dienstleister – Hotelunterkünfte während des Turniers organisiert. Gut vier Monate vor dem Eröffnungsspiel hat Match Accommodation nun ein Drittel der ursprünglich reservierten Hotelbetten wieder freigegeben, weil inzwischen klarer wird, welche Teams, und damit auch welche Mitarbeiter, sich wann in welcher Stadt aufhalten.

Für Otto Normalfan macht das beim Hotelbuchen keinen großen Unterschied, dazu ist die absolute Zahl der jetzt frei gewordenen Betten zu niedrig. Als detaillierter Einblick in einen Bereich der WM-Vorbereitungen lohnt der ganze Artikel dennoch das Lesen.

⚽ Angenommen, ihr habt Pech. Angenommen, ihr habt Geld. Trifft beides zusammen, dann seid ihr unterm Strich immer noch fein raus, jedenfalls in Sachen WM-Tickets: Wer auf dem regulären Weg nicht an Karten für sein Lieblingsspiel kommt (weil zum Beispiel zu viele andere das Spiel ebenfalls sehen wollen), kann dieses Problem lösen, indem er es mit ordentlich Geld bewirft. Das Zauberwort – okay, die beiden Zauberwörter – heißen: „Hospitality Package“.

Wer gewillt ist, rund 1300 Euro in die Hand zu nehmen, kann beispielsweise jetzt sofort eine Karte für Deutschland – Mexiko am 17. Juni buchen. Dafür kriegt der solvente Gast dann nicht nur einen Sitzplatz, sondern wird an einem separaten Eingang von lächelnden Hostessen persönlich eingewunken, bekommt Getränke und Essen (vermutlich nicht gerade auf Bier-und-Bratwurst-Niveau) und am Schluss noch ein Geschenk zum Mitnehmen. Das mit den 1300 Euro pro Ticket ist übrigens nur die niedrigste „Hospitality“-Stufe. Wer Deutschland beim Spiel gegen Mexiko lieber aus einer privaten Suite zujubeln will, kann das für 43.000 Euro pro Ticket tun.

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⚽ Wechselnde Bauunternehmen. Verzögerter Baubeginn. Sumpfiger Boden. Schlechtes Baumaterial. Nicht gezahlte Löhne. Streikende Bauarbeiter. Sports.ru schreibt über „Das problematischste Stadion der WM 2018“ und meint damit das in Kaliningrad. Allein schon die Infografik dazu – man scrollt und scrollt, und es wird immer schlimmer. Ein Gebäude, bei dessen Inspektion nicht mal die VIP-Toiletten akzeptabel waren. Mehr dazu hier.

⚽ Es. Ist. Immer. Noch. Winterpause. Wenig zu erzählen also aus dem russischen Ligafußball, höchstens mal ein Transfer oder eine Spielerfrau, die sich daneben benimmt. Aber immerhin, es gibt ja noch Denis Tirin. Als Sportfotograf hat er früher bei Championat.ru gearbeitet, inzwischen ist er bei ZSKA Moskau und darum aktuell mit der Mannschaft im spanischen Trainingslager.

Dort ist eine Fotoreportage entstanden, die neben typischen Trainingssituationen auch ein paar ungewohnte Motive zeigt: Stell dir vor, du liegst auf der Massagebank, und plötzlich krabbelt ein Fotograf unter dir lang. Stell dir vor, du bist ein Vogel und plötzlich sind da diese lauten Sportler auf deinem Rasen. Stell dir vor, du hast so hart trainiert, dass dein ganzes Gesicht nur noch aus Schweißtropfen besteht. (Alle Bilder hier.)

⚽ Und wenn sie dann irgendwann mal vorbei ist, die Winterpause? Dann sollten sich Russlands Fußballfans schon mal auf eine Überraschung einstellen, schreibt Bombardir.ru. Der FK Rostow, aktuell Zehnter in der Tabelle, werde es allen zeigen, heißt es dort. Ende Dezember hat der Club Waleri Karpin als Trainer verpflichtet, der mit kurzer Unterbrechung von 2009 bis 2014 Spartak Moskau trainiert hat. Unterstützung bekommt er vom frisch aus England heimgekehrten Leonid Slutsky – auch keine kleine Nummer.

Dazu noch eine Reihe früherer Spartak-Spieler und die drei Isländer Sverrir Ingason, Ragnar Sigurðsson und Björn Sigurðarson (die letzten beiden frisch eingekauft) – für Bombardir sind das alles Gründe, warum sich Rostow in der Rückrunde besser schlagen wird als bisher. Nur die Leser sehen das anders: Bei der Abstimmung unter dem Artikel geht die Mehrheit von ihnen davon aus, dass der Club auch zum Ende der Saison irgendwo in der Tabellenmitte rumdümpeln wird.

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Zum Schluss noch ein kleiner Dialog. Der Gesprächspartner arbeitet bei einem internationalen Medienkonzern, und wir unterhalten uns darüber, wie verschiedene Redaktionen die WM-Berichterstattung organisieren, wen sie wann wohin schicken und so weiter.

„Weiß du, bei uns gibt es einen Sport-Kollegen, bei dem sich zwei Termine überschneiden. Darum kann er nicht bei der ganzen WM dabei sein, sondern nur die ersten beiden Wochen.“ – „Und jetzt?“ – „Naja, sie haben ihm halt die englische Mannschaft zugeteilt.“

Bis nächste Woche!



 

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Sängerleben zwischen zwei Kalendern

kscheib Christ-Erlöser-Kathedrale Fenster

Kurz nach Weihnachten einen Blogpost über Weihnachten lesen, wer will das schon? Aber da müsst ihr jetzt durch. Ist ja nicht so, als gäbe es gerade viel anderes zu tun in diesen Tagen zwischen den Jahren. Und außerdem wisst ihr danach dann endlich mal, was Weihnachten mit einer Bevölkerungsgruppe macht, über deren seltsames Leben viel zu selten einer spricht: mit den Sängern.

Wir sind die, die im August, spätestens im September das erste Mal mit Weihnachten konfrontiert werden. Je nachdem, in was für einem Chor wir sind, gibt es zur besten Biergartenzeit die erste Runde „Oh, du fröhliche“, die ersten Takte Weihnachtsoratorium, die ersten Diskussionen darüber, ob wir nun deutsches Latein (kürie, in exzelsis) oder italienisches Latein (kirie, in extschelsis) singen.

Kommt ihr dann irgendwann im Advent zum ersten unserer Weihnachtskonzerte, sind wir bereits in voller Festtagsendspurtstimmung. Kommt ihr zum zweiten Konzert, sind wir das ganze „Jauchzet, frohlocket“ schon ein wenig leid und fragen uns, ob es das wirklich wert war, dafür den Abend im Biergarten zu verpassen.

Absurd genug? Es geht noch seltsamer, nämlich (nur mal so als Beispiel) als deutsche Sängerin in (nur mal so zum Beispiel) einem russischen Chor, denn da kommen dann ja auch noch zwei verschiedene Kirchen und ihre jeweiligen Kalender ins Spiel. Und das geht dann so:

12. Dezember: Erstes Weihnachtskonzert mit dem Moscow International Choir. Händels Messias sitzt. Das Publikum geht so sehr mit, dass wir das Halleluja zweimal singen müssen. In der zweiten Hälfte Weihnachtslieder. Jingle Bells. Applaus, rote Wangen, Verbeugungen. Hast du die Mail vom Chor der Christ-Erlöser-Kathedrale gesehen? Ob wir bei deren Weihnachtskonzert als Verstärkung mitsingen wollen. Hmm.

15. Dezember: Zweites Konzert. Der Messias dauert heute 15 Minuten länger, weil in der ersten Reihe ein kleiner Junge sitzt und so begeistert ist, dass er nach jedem Stück applaudiert. Manchmal auch während der Stücke. Und alle fallen ein und klatschen mit, jedes Mal. Heute darum weniger Zugaben. Aber Jingle Bells. Muss ja.

18. Dezember: Kein kleiner Anklatscher, also sind wir zügig durch mit dem Messias, auch die zweite Hälfte geht schnell. Jingle bells, jingle bells. Oh Gott, hast du auch so Rückenschmerzen? Immer dieses Gestehe, gut, dass das jetzt vorbei ist. Andererseits: Wann singt man schon mal in Moskaus wichtigster Kathedrale? Ach komm, lass uns denen doch ruhig aushelfen.

24. Dezember: Heiligabend und es interessiert exakt niemanden. Die Russen nicht, weil ihr Weihnachten im Januar ist – und die Sache mit dem Baum und den Geschenken ja an Silvester stattfindet. Die Briten, Amerikaner, Australier nicht, weil heute ja nur so eine Art Vorglüh- und Anreisetag ist. Immerhin: Mitternachtsmesse in der englischen Kirche. „Stille Nacht kann gerne jeder in seiner eigene Sprache singen,“ sagt der Pfarrer.

25. Dezember: Ein normaler Arbeitstag, während bei Facebook die Freunde außerhalb von Russland ihre Weihnachtsgrüße posten. Abends dann die erste Probe in der Christ-Erlöser-Kirche. Die Hälfte des Repertoires ist aus unklaren Gründen auf Ukrainisch. Für „Stille Nacht“, lerne ich, gibt es zwei russische Textvarianten: „Stille Nacht, heilige Nacht“ oder „Die Nacht ist still, die Nacht ist heilig“. Wir singen die zweite Version, in der leeren Kirche, wo nur auf unserer Chorempore Licht brennt und auch dort nicht viel. Die Probe ist gut besucht, von den russischen Sängern hat keiner heute Wichtigeres vor. Für mich fühlt sich das Musikmachen unter bemalter Kuppel im Halbdunkel trotzdem weihnachtlich an.

26. Dezember: Zum Start in den Tag eine Stunde Russischunterricht, wir gehen die Liedtexte durch – Mond, Krippe, Hafer, zu Fleisch werden. Lautes Vorlesen und Korrigieren. Bis zum Konzert würde ich mir gerne noch den Lieblingsfehler beim Wiegenlied „Schlaf, Jesus, schlaf“ abtrainieren: Wenn ich mich nicht sehr konzentriere, singe ich statt „ja tam w raju“ (ich bin dort im Paradies) derzeit immer „ja tramwaju“ (ich straßenbahne).

27. Dezember und der erste Proben-Tag, an dem wirklich für keinen der Beteiligten Weihnachten ist. Nicht mehr. Noch nicht. Stattdessen singen wir: ein schwedisches Lied mit russischem Text. Ein italienisches Lied mit russischem Text. Ein englisches Lied mit russischem Text. Dann noch schnell die Kleidungsfrage und die Chance, sich der eigenen Russifizierung zu vergewissern: „Kannst du bitte mal in der Kiste mit den Halstüchern gucken,“ schreibe ich nach Hause. „Zuunterst ist ein weißes in einer Plastiktüte, hat das Glitzer?“ Es hat. Kostüm steht. Und ich nutze noch schnell eine Gelegenheit: Tagsüber drängeln sich in der Kathedrale Touristen und es herrscht Fotografierverbot. Jetzt sind nur wir hier…

28. Dezember: Letzte Textänderungen – weil wirklich keiner singen will, dass Maria ihren Sohn in den Armen hält, „während Josef Tee kocht“. Überhaupt, Josef. Dass der auf Russisch drei Silben hat (I-o-sef), damit konnte ja niemand rechnen. Also noch mal neu gucken, wie sich der Text da auf die Noten verteilt. Ansonsten sind heute nur wenige Leute zur Probe gekommen – Silvester naht, da müssen die Neujahrsgeschenke verpackt, das Neujahrsessen gekocht und der Neujahrsbaum geschmückt werden. „Morgen noch eine kurze Probe, dann reicht es erst mal,“ sagt der Dirigent.

Was dann kommt: Erst Neujahr. Dann das Weihnachtskonzert, am 7. Januar. Und schließlich, weil das alles ja noch nicht verwirrend genug ist, steht am 14. Januar im russischen Kalender „Altes Neujahr“.

Da gibt’s dann aber kein Konzert.

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Russball, Folge 13: Was Russlands Fußballfans über Osnabrück wissen

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Während wir hier schön entspannt über Fußball reden, strampelt sich Matyas Amaya schon wieder ab. Er ist vor vier Jahren in Argentinien losgeradelt, rollt derzeit durch Westeuropa und will es bis zum Beginn der Fußball-WM im kommenden Jahr nach St. Petersburg schaffen. Ob er weiß, dass es da von Lübeck aus eine Fähre… na, lassen wir das.

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⚽ Rumms, das Transferfenster ist zu, einige sind echt noch auf den allerletzten Drücker durchgeklettert. Die komplette Liste aller Abgänge und Neuzugänge der russischen Premjer-Liga gibt es hier (haben Rostow und Anschi eigentlich den kompletten Kader ausgetauscht?), es reichen aber eigentlich auch einzelne Personalien: Éder zu Lokomotive Moskau. Mollo, der von russischen Fans schwulenfeindlich beschimpft wurde, von Zenit nach Fulham.

Einigkeit besteht unterdessen bei Autoren und Lesern von Bombardir.ru darüber, dass Spartak die Transferpriode komplett verbockt hat: Nur vier neue Spieler, und die nicht mal auf den Positionen, wo die Mannschaft schwächelt. Dazu zahlreiche Absagen, die dem Image des Vereins schaden. Das hat Sports.ru besonders süffisant aufgearbeitet: Mit einer Liste der „18 Spieler, die Spartak diesen Sommer nicht gekauft hat“. Unterzeile: „Obwohl der Verein wollte.“ Benedikt Höwedes gehört übrigens auch dazu.

⚽ So kann man natürlich auch für genug Unterstützung bei Auswärtsspielen sorgen: Manchester United kommt Ende September nach Moskau, um hier gegen ZSKA ein Champions-League-Spiel zu bestreiten. Nun verspricht der Verein: Alle Fans, die zum Anfeuern mit nach Russland fliegen, bekommen die Visumgebühr erstattet. 118,20 Pfund pro Nase sind das laut Manchester Evening News. (Falls es übrigens deutsche Manchester-Fans gibt, die ebenfalls zu dem Spiel anreisen wollen: Sagt mir Bescheid und ich verrate euch, wo ihr das Visum deutlich günstiger bekommt.)

⚽ Als ich ganz neu in Russland war, gab es diese Werbung der Otkritije-Bank. Sie bestand weitgehend daraus, dass Cristiano Ronaldo versuchte, das Wort „Otkritije“ auszusprechen. Ich saß vorm Fernseher, fühlte mich verstanden und getröstet. Russische Aussprache, it’s complicated.

Heute ist Otkritije für etwas anderes bekannt: Sie ist der erste von Russlands zehn „systemrelevanten“ Banken, die vom Staat gerettet werden musste. So geschehen in der vergangenen Woche – danke, Zentralbank! Und warum steht das hier, zwischen all den Fußballthemen? Weil die Retter abgenickt haben, dass Otkritije trotz Pleite weiterhin Sponsor von Spartak Moskau bleiben darf. 1,2 Milliarden Rubel dafür, dass das Stadion „Otkritije-Arena“ heißt, das sind doch Peanuts.

⚽ Russlands Nationalmannschaft hat sich ein Freundschaftsspiel gegen Dynamo Moskau gegönnt – wer siegen will, muss sich halt die Gegner entsprechend aussuchen. 3:0 stand es am Ende einer Begegnung, die nach allem, was man so liest, wohl eher mittelprächtig war. Kaum Stars auf dem Platz (ein kluger Mensch hat daraus direkt ein Quiz gemacht: „Russlands neue Nationalelf: Wer sind all diese Menschen?“), ein Spiel ohne Glanz.

Oder, wie Sport.ru zusammenfasst: „Die russische Nationalmannschaft im September 2017, das sind: Vorlagen von Konstantin Rausch, ein Tor von Mário Fernandes, und Roman Neustädter mit Kapitänsbinde. Bekäme man so etwas in irgend einem anderen Spiel zu sehen? Natürlich nicht.“ Immerhin: Anton Miranchuk von Lokomotive Moskau stand erstmals im Nationalmannschaftstrikot auf dem Platz und bedankte sich mit einem Wuchtschuss zum 1:0.

⚽ Die Zeitschrift „Futbol“ hat eine Reporterin nach Osnabrück (ins Russische übertragen als Оснабрюк, also Osnabrjuk) geschickt. Was Lydia Didyk dort vorgefunden hat: Spuren der Hexenverfolgung, von Addi Vetter und Patrick Owomoyela, vom „Lieblingsautor jugendlicher Mädchen, Erich Maria Remarque“. Fans, die fast alle Trikots mit der Nummer 9 tragen. Und die Erinnerung an den Feuerzeugwurf eines Fans damals im DFB-Pokal: „Sie wissen hier, wie man seinen Spaß hat.“

Es ist kein besonders schmeichelhafter Blick auf den VfL Osnabrück und seine Stadt, wo es 20 Meter vom Stadioneingang „ein Solarium gibt, aus dem gebräunte Frauen direkt auf die Tribünen gehen“. Im Stadion dann: Bierleichen und wabernde Marihuana-Schwaden, getrunken wird dem Bericht zufolge aus „Anderthalbliterbechern“ (in Wirklichkeit eher nicht). Anekdoten, Szenen, die sich nicht so recht zu einem Ganzen fügen wollen. Ihr Fazit liefert die Autorin darum sicherheitshalber ausformuliert mit – und sagt darin mehr über sich selbst als über Osnabrück: „Es sind nicht nur die mächtigen Fanbewegungen, die Fußballdeutschland groß machen, sondern auch ihre kleineren Ableger in den umliegenden Städten. Auch, wenn man die Namen mancher dieser Clubs erst bei der Wikipedia-Lektüre kennenlernt.“

⚽ Auch, dass ab dieser Saison eine Frau Bundesligaspiele pfeift, dürfen wir ab sofort bei fußballinteressierten Russen als bekannt voraussetzen. Im Portrait – ebenfalls in „Futbol“, ebenfalls von Lydia Didyk – erfahren wir, wie viel Zeit es Bibiana Steinhaus gekostet hat, sich immer wieder zu bewähren und langsam nach ganz oben zu arbeiten. Ergebnis: „Feministinnen in aller Welt freuen sich“, Ribéry hin, Demirbay her.

⚽ Hab ich’s gesagt, vor ein paar Wochen, dass Zenit St. Petersburg einfach den allerbesten Social-Media-Auftritt aller russischen Vereine hinlegt? Und als bräuchte es noch eine Bestätigung, hat das Team dieses Wochenende wieder einen rausgehauen. Auch in Russland ist Liga-Pause wegen der WM-Quali, man muss sich also anderweitig die Zeit vertreiben.

Zenits englischsprachiges Twitter-Team hat darum seine „Beardy XI“ aufgestellt, eine Elf nur aus Bartträgern. Andere Vereine zogen nach (Respekt, FC Bayern!), und schon war wieder eine ligalose Stunde gefüllt. Wer mag, kann ja mal einen ganz genauen Blick auf den Zenit-Spieler oben links werfen. Oder hier noch mehr Twitterperlen ansehen.

⚽ Welche jungen Bundesliga-Spieler haben Großes vor sich? Die Antwort gibt dieser Talent-Radar, mit dem russische Fußballfans deutsche Namen wie Gian-Luca Itter, Johannes Eggestein und Dženis Burnić, aber auch internationale wie Amine Harit und Dan-Axel Zagadou kennen lernen können. Wenn ich ehrlich bin: Manche Namen auf dieser Liste hatte ich auch noch nicht gehört.

⚽ Noch eine Schiedsrichtergeschichte? Na gut. Wladislaw Besborodow war erst Profifußballer, heute ist er Schiedsrichter und pfeift seit 2009 auch international. Ab und zu spielt er aber auch gerne noch mal selber, zuletzt bei einem Jubiläumsspiel zum 20. Geburtstag seines lettischen Ex-Vereins FK Ventspils. 5:5 ging das Match zwischen der aktuellen Mannschaft und einem Altherrenteam aus, Besborodow schoss zwei Tore. Und eines davon war ein echtes Zückerchen, direkt von der Mittellinie. (Ich hätte es gern hier eingebettet, aber es gibt leider nur eine Autoplay-Variante mit Sound, und das war mir dann doch zu penetrant. Also, hier klicken und staunen).

⚽ RBTH, das Flauschportal unter den russischen Staatsmedien, die sich an Ausländer wenden, wirft eine elementare Frage auf: Was wird bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 bloß Russlands Antwort auf die Vuvuzela sein? Die Antwort ist: Löffel, genau genommen bunt lackierte Holzlöffel. Ein traditionelles Rhythmusinstrument, dessen Auftritte man im Russland der Gegenwart leiderleider suchen muss.

Verdienstvoll also, dass die RBTH-Leute gleich auch noch dieses Video ausgegraben haben, damit man sich vorstellen kann, wie das nächstes Jahr im Stadion dann klingt (nämlich: sehr viel besser als eine Vuvuzela, was aber auch überhaupt keine Kunst ist). Und damit auch Anfänger mitlöffeln können, gibt es analog zum Esstäbchenhalter für Kinder jetzt Löffelhalter. Die formen ein V, für Victory. Die Löffel des Sieges. So schön.

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Zum Schluss noch Glückwünsche an Stanislaw Tschertschessow. Russlands Nationaltrainer ist gerade 54 Jahre alt geworden. Von den Spielern gab es ein Trikot mit der neuen Zahl an Lebensjahren drauf – in Sachen Kreativität ungefähr das Fußball-Äquivalent von Schlips oder Socken. Die Redaktion der offiziellen WM-Website dagegen hat eine ganz zauberhafte Grafik gebastelt. Sie würdigt Tschertschessows Erfolge und, als einizges Element im ansonsten leeren Gesicht: Tschertschessows Schnäuzer!

Nächste Woche dann mehr. Und wenn ihr wollt, könnt ihr Russball auch hier direkt abonnieren:



 

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60 Minuten Russischunterricht

kscheib Russischunterricht

Dass der Besuch noch schläft. Ob die Milch für den Tee noch gut ist. Dass sie gestern einen extrem vollen Tag hatte. Dass sie mit einem Schüler einen langen Text über Nawalny gelesen hat. Ob die Strategie von Nawalnys Wahlkampf ist, maximal zu provozieren, so lange er das noch kann – bis seine Kandidatur untersagt oder anderweitig verhindert wird. Wann die „Nach-Nawalny-Ära“ beginnt, und dass das ja zumindest heißt, dass es davor eine „Nawalny-Ära“ gegeben hat. Wo Markus gerade ist. Der Stadionbau in St. Petersburg. Die FIFA. Korruption.

Dass das gestern wieder vier Stunden gedauert hat, als Putin im Fernsehen Fragen von Bürgern beantwortet hat. Um welche Antworten er sich gedrückt hat. Was er zum Druck auf Kulturschaffende gesagt hat. Zu welchem Zinssatz Kleinunternehmer einen Kredit aufnehmen können und was da noch an Zusatzgebühren draufkommt. Der Unterschied zwischen einer physischen Person und einer juristischen Person.

Dass es in der EU bald kein Roaming mehr gibt. Dass eine Journalistin im Fernsehen die russischen Telefonanbieter gefragt hat, warum Russen im Ausland weiterhin Roaminggebühren zahlen müssen. Dass die Antwort war: Schaut mal, die EU ist so klein – und ihr müsst im ganzen, großen Russland keine Roaminggebühren zahlen, freut euch doch.

Das Konzert gestern Abend im Tschaikowskisaal. Zu welchem Abonnement es gehört, warum der Dirigent ihr liebster ist (musikalisch brilliant, aber auch ein guter Erklärer, der in der ersten Hälfte Mahlers Siebte dem Publikum erläutert und erst in der zweiten Hälfte dann auch aufgeführt hat). Dass ihm wichtig ist, nicht nur die Klassikkenner zu begeistern, sondern auch die, die zum ersten Mal ins Konzert gehen. Dass der Saal ausverkauft war. Was Mahler als Dirigent für Werke geleitet hat. Die Meistersinger von Nürnberg.

Unser Chorkonzert gestern Abend im Konservatorium. Dass der Saal eher so halb voll war. Dass das nichts macht, weil ja im Tschaikowskisaal besagter Superdirigent auf der Bühne stand und bestimmt das Publikum abgezogen hat. Dass man als Alt wenig sieht, wenn auf der Bühne zwei Konzertflügel aufgebaut sind und dahinter steht der Dirigent. Dass wir Chorsänger in der ersten Hälfte hinten im Saal sitzen durften zum Zuhören. Dass beide Pianistinnen großartig waren, aber der Umblätterer der einen sich so vertan hat, dass sie verärgert war und selber geblättert hat. Dass in der Pause die beiden Pianistinnen die Plätze getauscht haben. Dass es viel Applaus gab, viele Blumen und sogar eine Artischockenblüte für unseren Dirigenten. Dass er sie gehalten hat, als wäre es ein Knüppel.

Dass das mit den Blumen eine schöne Tradition ist. Dass es auch immer wieder Leute gibt, die zusätzlich kleine Geschenke hochreichen. Dass das gerade rund um Weihnachten und das Jahresende oft passiert. Dass es lustig ist, wenn da oben ein Dirigent steht, im Smoking, hochprofessionell, und unten eine Babuschka, die ihm einen Beutel mit selbstgebackenen Piroggen hochreicht.

Dass noch vor einigen Jahren das Moskauer Konzertpublikum meist aus alten Frauen und Musikstudenten bestand. Dass dann der Moskauer Bürgermeister irgendwann beschlossen hat, dass sich Straßenmusiker um die richtig guten Plätze bewerben müssen. Dass deshalb jetzt an einigen Stellen echte Profimusiker sitzen, und so alle Leute ein Verständnis dafür bekommen, was gute Musik ist. An welcher Metrohaltestelle man kaum umsteigen kann, weil im Durchgang zwischen den beiden Stationen immer zwei Musiker spielen, Cello und Geige, bei denen die Passanten stehenbleiben und applaudieren, und keiner kommt mehr vorbei. Wo in der Metro man eher Klassik hört und wo eher Rock. Dass Musik selbst in der Rushhour dafür sorgt, dass man mal kurz durchatmet.

Wie man „Korruption“, „Schmiergeld“, „verärgert“, „die Plätze tauschen“ und „durchatmen“ auf Russisch sagt und schreibt.

Die Hausaufgaben. Bewegungsverben mit allerlei Vorsilben, vor allem hin- und weg-. „Nach den Prüfungen sind die Studenten in ihre Heimatländer weggefahren.“ Dass родина (rodina) zwar „Heimat“ heißt im Sinne von Heimatland, man aber auch малая родина (malaja rodina) sagen kann, „kleine Heimat“, was dann den Geburtsort oder die Region bezeichnet, aus der man kommt: „meine kleine Heimat“.

Verschiedene Aspekte von Fortbewegungsverben. Bewegt sich jemand einmal oder mehrfach? Regelmäßig oder ausnahmsweise? Und der Ort, wo er sich hinbewegt hat – ist er da noch oder schon wieder weg? Wie sich die Deklination von „fahren“ leider komplett ändert, sobald es eine Vorsilbe bekommt. Hinfahren. Wegfahren. Losfahren. Abfahren.

Welche Fußballvokabeln wir letztes Mal besprochen haben. Ein Tor schießen. Ein Tor reinbekommen. Gegner. Regelverstoß. Platzverweis. Dann Neues: Wie groß ein Fußballplatz ist, und seit wann das so festgelegt ist. Dass zum Beginn jeder Halbzeit und nach jedem Tor der Ball auf den Mittelpunkt kommt. Dass es für die verschiedenen zeitlichen Abschnitte von sportlichen Wettkämpfen (Halbzeit, Runde, Satz) verschiedene russische Wörter gibt, aber alle aus dem Englischen kommen. Welchen Durchmesser der Anstoßkreis hat. Die unterschiedlichen Wörter für „Kreis“ = die Linie außen herum und „Kreis“ = die Fläche innerhalb dieser Linie. Wie hoch und wie breit ein Fußballtor ist.

Wie das Wetter am Wochenende wird. Ihre Wochenendpläne. Unsere Wochenendpläne. Ob Putin auf Nawalny wohl reagiert, indem er das Internet weiter beschränkt und Blogger verhaften lässt, oder ob er demnächst seinen eigenen Kanal bei Youtube aufmacht. Dass wir uns Montag wiedersehen. Auf Wiedersehen. Vielen Dank.

Manchmal kann ich nicht fassen, worüber wir in 60 Minuten Russischunterricht alles reden.

Beste Russischlehrerin der Welt hab ich schon gesagt?

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Es ist Krieg. Es ist Eurovision.

Kiew Eurovision Juryfinale

Freitag Abend, Jury-Finale. Für die Teilnehmer am Eurovision Song Contest ist diese Show genau so wichtig wie die, die in 24 Stunden im Fernsehen übertragen wird: Heute ersingen sie sich die Punkte der Juroren in den einzelnen Ländern. Ich schiebe mich durch die Sitzreihe zu meinem Platz. „Excuse me,“ sage ich zu einem Mann, der die Beine vor sich ausgestreckt hat. „Oh no, excuse me more,“ antwortet er und macht Platz. Auf der Bühne erzählt jemand noch schnell, bei welchen Liedern wir mit dem Handy leuchten sollen. Vier, drei, zwei, eins, Eurovisions-Melodie. Die Leute jubeln und klatschen mit.

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Im Osten der Ukraine ist Krieg. Im Westen ist Kiew und Eurovision. Es ist nicht leicht, das im Kopf zu vereinen. Als ich zum ersten Mal hier war, stand der Maidan noch voll mit Barrikaden, Zelten, Transparenten. Heute ist der Großteil des Platzes wieder frei. Händler verkaufen blau-gelbe Haarreifen, Kühlschrankmagneten mit Kiewer Stadtansichten und Klopapier mit Putin-Konterfei. Wer mit der Metro fährt, sieht entlang der Rolltreppe drei Sorten von Werbung: Restaurants, Mode, und die Armee. Sie braucht Verstärkung.

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„Naviband“, die Weißrussland beim Song Contest vertreten, spielen mit offenen Karten: Für sie wird die Windmaschine, wichtigstes Utensil des Finales, einfach direkt auf die Bühne gerollt. Wer bekommt eigentlich die ganzen Stimmen, die sonst aus den Nachbar- und Bruderstaaten immer an Russland gehen? Seine Wunschkandidatin durfte Russland nicht nach Kiew schicken, weil sie auf der annektierten Krim aufgetreten war. Ein absehbarer Eklat. Weißrussland ist fertig, die Windmaschine geht ab, ein riesiger Halbmond auf. In ihm singt Nathan Trent aus Österreich ein Lied, in dem zwar „damn“ vorkommt, das Wort „ass“ aber sicherheitshalber ausgelassen wird. Ist ja schließlich Familienunterhaltung hier.

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Wir sind angereist über Warschau, denn zwischen Russland und der Ukraine gibt es seit dem Herbst 2015 keine Flugverbindungen mehr. Für die Ukrainer tun sich unterdessen ganz andere Reiserouten auf: In der Eurovisions-Woche hat die EU die lang angekündigte Visafreiheit beschlossen. EU-Fahnen sieht man derzeit viele in Kiew – nicht nur in den Händen von ESC-Fans, sondern auch an Straßen und offiziellen Gebäuden.

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Es glitzert auf der Bühne, gleich dreimal: Ach wie nett, die Niederlande haben die Reinkarnation von Wilson Phillips zur Eurovision geschickt. Schöne Harmonien, am Ende aber unsauber abartikuliert, sagt das Chorkind in meinem Hinterkopf. Dann, wardrobe malfunction, bei einer der Background-Frauen aus Moldawien funktioniert das Trickkleid nicht, Schockschwerenot! Jetzt muss sie in so einem Ding fertigtanzen, das weder kurz noch lang ist. Es ist alles nicht so einfach.

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Empfang in der deutschen Botschaft, Kiews Bürgermeister ist da, Vitali Klitschko. Er beginnt seine Rede in alter Boxkampf-Tradition: „Laaaaaaaaadies and Geeeeeeentlemeeeeeeeeen….“ Grußworte in alle Richtungen, Zusammenhalt, Weltoffenheit. Erst singt Frau Klitschko, dann Levina, dann die Band O.Torwald, die für die Ukraine antritt. „Zuletzt war ich hier an der Botschaft im Februar 2014, als auf dem Maidan Menschen starben,“ erzählt ein ukrainischer Journalist, als wir später im Hof stehen. „Da war hier ein Treffen, Klitschko und Diplomaten aus mehreren Ländern. Er kam aus dem Gebäude, ich wollte einen O-Ton von ihm. Aber er war aschfahl und sagte nichts.“

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„Still“ wäre zu viel gesagt, aber es ist sicherlich der leiseste Moment des Abends. Salvador Sobral aus Portugal steht allein auf einem kleinen Podium vor der Hauptbühne und singt sein Lied, das hier ein bisschen fremd wirkt – kein Beat, keine Tänzer, keine Lichtshow. Nur Melodie, Klavier und ein paar Streicher, im dunklen Saal leuchten die Handys. Wie die Jurys seinen Auftritt bepunkten, erfahren wir erst am Ende des echten Finales.

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Noch ein Hofgespräch: „Wie viele Einwohner hat Kiew eigentlich?“ – „Offiziell haben wir drei Millionen. Inoffiziell sind es eher vier, auch weil so viele Menschen aus dem Osten hierher geflohen sind.“ Nicken am Stehtisch. Manche gehören selber dazu.

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Flammen! Kunstnebel! Feuerwerk! Flammen! Kunstnebel! Feuerwerk! Flammen! Kunstnebel… 26 Titel im Finale, das zieht sich, bei allem guten Willen. Irgendwo zwischen Großbritannien und Zypern frage ich mich kurz, ob es die Sitznachbarn wohl stören würde, wenn ich eine Runde Skat auf dem Handy… Wobei, gleich kommen die jodelnden Rumänen, Celebrate Diversity und so. Dann noch Levina, zum Schluss Frankreich, der Titel fährt als Ohrwurm mit in der Metro auf dem Heimweg. Kurz vor eins steige ich aus und stehe auf dem Maidan im Regen.

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Samstag, Finaltag. Es regnet immer noch, trotzdem posieren Leute vor dem Eurovisions-Logo auf dem Maidan. Nebenan wird gerade eine Gedenktafel aufgestellt, die wie ein Kalender aussieht. Halbfinale, Jury-Finale, Finale sind nicht eingetragen, dafür rote und blaue Piktogramme für getötete und verletzte ukrainische Soldaten. 9. Mai – zwei Tote , vier Verletzte. 10. Mai – ein Verletzter. 11. Mai – zwei Tote, sechs Verletzte. Dazu ein Gedicht: „Für jeden von Gott gegebenen Tag, ob wir arbeiten oder lernen, ein Rendezvous haben oder ins Kino gehen, in den Bergen sind oder am Meer, haben ukrainische Soldaten mit ihrem Blut und ihrem Leben bezahlt. 2600 haben ihr Leben geopfert, 9700 wurden verwundet. Seit drei Jahren ist das der Preis für jeden Tag, den wir in Frieden leben.“

Kiew Eurovision Krieg Gedenktafel

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Putin der Woche (XXXIX)

putin-der-woche-hochzeit

Gesehen: Im YouTube-Kanal des Musikers und Komikers Oleg Lobowoi, der der Welt damit nicht sein erstes Putin-Lied schenkt.

Begleitung: Gutes Stichwort. Denn auch, wenn Putin selbst in dem Video nicht auftaucht – dass der Akkordeon-Begleiter dieses kleinen Frauenchors zufällig so aussieht, wie er aussieht, kann mir keiner erzählen.

Text: „Höre, geliebte Heimat, mein Lied über Putin: Putin, Putin, wir alle wollen Putin heiraten.“

Subtext: Ihr wollt ein Liebeslied? Ihr kriegt ein Liebeslied. Ein Lied, das ihr liebt, weil einfach alles drin vorkommt: das Vaterland, seine Birken, und ganz viel Putin, alles besungen von Menschen in russischer Tracht. Tadaaadada, daaadada, daaa-daaa, daaa-daaa.

Oben-Ohne-Punkte: 0/10, wegen unsichtbarem Putin

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Pokémon und Kokain – zu Besuch in Irkutsk

Irkutsk also. Die Stadt, bei der der es sich auszahlt, neulich im Russischunterricht die Steigerung von Adjektiven durchgenommen zu haben, um nun sagen zu können: Это самый скучный город в России – es ist die langweiligste Stadt Russlands. Eine Handvoll Sehenswürdigkeiten, die in rascher Folge abfallen von Kirchen und Dekabristenhäusern zu einem Denkmal für die japanisch-russische Freundschaft, bei dem aus irgendeinem Grund ein steinernes Ei auf dem Boden liegt. Cafés, davon zwei oder drei gemütlich. Gelegentlicher Waldbrandgeruch und bei Regen knöchelhoch geflutete Straßen.

Gut, wir wussten das vorher. Der Plan war ohnehin, Irkutsk als bloßen Ausgangspunkt zu benutzen für einen Urlaub am Baikalsee – und die paar Tage in der Stadt zu verlesen, zu verschlafen und in Cafés zu vergammeln. Geklappt hat das allerdings dann doch nur fast. Weil es uns partout nicht gelang, in Irkutsk gar nichts zu erleben.

Alkohol und Kokain

Regen, Regen, Regen. Logistische Überlegungen drehen sich darum, welche Schuhe wohl wie schnell trocknen. Feuchte Socken hängen über der Duschstange. Und doch ist das Pflichtgefühl, irgendwie mal da raus zu gehen, so stark, dass wir plötzlich im Museum für Stadtgeschichte stehen – und dem Phänomen gegenüber, das greift, wann immer man Moskau verlässt: Boah, sind die nett hier! Blickkontakt! Lächeln!

In langsamen russischen Hauptsätzen erklärt eine Mitarbeiterin Mammutzähne, burjatische Alltagsgegenstände und Stadtmodelle in Vitrinen. Ihre Kollegin, ähnlich bemüht, möchte wissen, ob die beiden Besucher nicht vielleicht Französisch sprechen? Tun sie? Ach, schön – also, hier bitte den escalier herab, und dann geht es unten weiter mit salle numéro cinq. Ich versuche mich zu erinnern, wann in einem Moskauer Museum zuletzt jemand etwas anderes mit mir gesprochen hat als Russisch oder, mit zunehmender Ungeduld, extralautes Russisch.

Zwei Exponate bleiben in Erinnerung: ein Satz medizinische Broschüren über die Behandlung von Alkoholismus, Husten und Trägheit. Und ein Schmuckstück zum Öffnen, dessen Beschreibung ich zweimal lese, im Wörterbuch nicht finde, google und mir später noch von unserer Russischlehrerin bestätigen lasse: Ja, sowas trugen im 19. Jahrhundert feine Damen, damit sie im Theater die Droge ihrer Wahl konsumieren konnten. Daher auch der Name: „Kokainnitza“.

 

Irkutsk Kokainnitza

Pokémon bei Gericht

Wenn die Stadt und ihre Sehenswürdigkeiten nicht allzu aufregend sind, legt man halt eine Schicht aus Fantasiemonstern und deren Infrastruktur darüber. Direkt vor unserem Hotelfenster steht ein Gerichtsgebäude, aber in der Pokémonwelt ist das eine Arena, wo Spieler ihre Pokémon aufeinander loslassen können, auf dass der Stärkere gewinne.

Nach und nach fällt mir auf, wie hart umkämpft dieser Ort ist – vor dem Frühstück gehört er Team Rot, beim Zähneputzen danach schon wieder Team Blau, dann schaltet sich auch Team Gelb ein. Das wäre alles nur leidlich spannend, müsste man nicht, um in dieser Arena zu kämpfen, sich dort auch aufhalten – schon im Hotelzimmer gegenüber bin ich zu weit weg, als dass meine Pokémon sich mitkloppen könnten.

Der Knackpunkt ist: Vor dem Gebäude steht so gut wie nie jemand. Ganz gelegentlich tippt ein Mann in einer Lederjacke auf seinem Handyscreen rum, aber die meisten Kämpfe toben, ohne dass rund ums Gericht auch nur ein Mensch zu sehen wäre. Das heißt: Es müssen die Leute im Gebäude sein, die für die ganze Pokémon-Action sorgen. Richter, Anwälte, Kläger, Beklagte, Zeugen. Sogar am Wochenende tobt der Kampf um die Arena. Putzfrauen? Wachmänner? In dieser Parallelwelt jedenfalls ist in Irkutsk ordentlich was los.

 

Irkutsk Pokemon

Isba-Idylle

Eine Art Blockhaus mit Zierleisten und Fensterläden nennt man in Russland auch Isba. Viel Handwerkergeschick ist nötig, damit Holz so filigran aussieht wie bei ihren Verzierungen. In Irkutsk gibt es noch so viele dieser traditionellen Unterkünfte, dass man sie nicht mal suchen muss. Sie stehen gleichberechtigt neben modernen Bürogebäuden und Mehrfamilienhäusern.

Idyllisch sind diese alten Holzkonstruktionen übrigens nur für Touristen, die ein paar Fotos machen und dann weitergehen. Für die Menschen, die in ihnen wohnen, sind Isbas nicht besonders attraktiv: Viele von ihnen sind schlecht in Schuss und haben kein fließendes Wasser, bloß eine Pumpe am Straßenrand.

Irkutsk Isba 2

Ein Klavier, ein Klavier!

Im Haus der Familie Wolkonski wird die Geschichte der Dekabristen erzählt – einer Gruppe von Offizieren, die sich gegen den Zaren auflehnten, für ein liberaleres Russland eintraten und dafür mit dem Leben bezahlten oder, wie Sergei Wolkonski, nach Sibirien verbannt wurden. Viele Dekabristen waren gebildet, weit gereist, an Kunst interessiert – für Irkutsk und die Umgebung bedeutete ihre Ankunft einen Schub für Bildung und Kultur.

Irkutsk Wolkonski Pyramidenklavier

Heute steht an einer Wand im Wolkonski-Haus ein Pyramidenklavier, die Saiten laufen also senk- statt waagerecht, und eine nette Museumsmitarbeiterin schlägt sogar ein paar Töne an und erzählt, dass es nur noch fünf solche Instrumente auf der ganzen Welt gibt.

Hinter einer geschlossenen Tür im Erdgeschoss singen ein Tenor und ein Sopran Duette. Die Rampe zum Eingang ist eine an die Treppenstufen gelehnte Schranktür – zu schmal für einen Rollstuhl, aber hey, die Geste zählt. Im Wintergarten ist hier schon mal eine Ananas gewachsen, und der echte Garten liegt in der Sonne und will nichts von einem, als dass man sich mit einem Buch reinsetzt und die Ruhe genießt. Davon hat Irkutsk ohnehin reichlich. 

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Putin der Woche XXXVII

Putin der Woche Village People

Gesehen: In einem Tweet von Josh Simmons – gemalt hat das Bild Jim von „Jim’ll Paint It“.

Begleitung: Wenn der Polizei-Putin im Vordergrund die Hauptfigur ist, dann sind seine Begleiter Handwerker-Putin, Cowboy-Putin, Indianer-Putin, Soldaten-Putin und Biker-Putin.

Text: Keiner

Subtext: Auch keiner – aber wenn man den Atem anhält und sehr genau hinhört, buchstabiert ganz in der Ferne jemand leise „YMCA„.

Oben-Ohne-Punkte: Im Schnitt nur 4/10 – auch wenn sich Indianer-Putin und Biker-Putin alle Mühe geben.

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