Es ist Krieg. Es ist Eurovision.

Kiew Eurovision Juryfinale

Freitag Abend, Jury-Finale. Für die Teilnehmer am Eurovision Song Contest ist diese Show genau so wichtig wie die, die in 24 Stunden im Fernsehen übertragen wird: Heute ersingen sie sich die Punkte der Juroren in den einzelnen Ländern. Ich schiebe mich durch die Sitzreihe zu meinem Platz. „Excuse me,“ sage ich zu einem Mann, der die Beine vor sich ausgestreckt hat. „Oh no, excuse me more,“ antwortet er und macht Platz. Auf der Bühne erzählt jemand noch schnell, bei welchen Liedern wir mit dem Handy leuchten sollen. Vier, drei, zwei, eins, Eurovisions-Melodie. Die Leute jubeln und klatschen mit.

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Im Osten der Ukraine ist Krieg. Im Westen ist Kiew und Eurovision. Es ist nicht leicht, das im Kopf zu vereinen. Als ich zum ersten Mal hier war, stand der Maidan noch voll mit Barrikaden, Zelten, Transparenten. Heute ist der Großteil des Platzes wieder frei. Händler verkaufen blau-gelbe Haarreifen, Kühlschrankmagneten mit Kiewer Stadtansichten und Klopapier mit Putin-Konterfei. Wer mit der Metro fährt, sieht entlang der Rolltreppe drei Sorten von Werbung: Restaurants, Mode, und die Armee. Sie braucht Verstärkung.

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„Naviband“, die Weißrussland beim Song Contest vertreten, spielen mit offenen Karten: Für sie wird die Windmaschine, wichtigstes Utensil des Finales, einfach direkt auf die Bühne gerollt. Wer bekommt eigentlich die ganzen Stimmen, die sonst aus den Nachbar- und Bruderstaaten immer an Russland gehen? Seine Wunschkandidatin durfte Russland nicht nach Kiew schicken, weil sie auf der annektierten Krim aufgetreten war. Ein absehbarer Eklat. Weißrussland ist fertig, die Windmaschine geht ab, ein riesiger Halbmond auf. In ihm singt Nathan Trent aus Österreich ein Lied, in dem zwar „damn“ vorkommt, das Wort „ass“ aber sicherheitshalber ausgelassen wird. Ist ja schließlich Familienunterhaltung hier.

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Wir sind angereist über Warschau, denn zwischen Russland und der Ukraine gibt es seit dem Herbst 2015 keine Flugverbindungen mehr. Für die Ukrainer tun sich unterdessen ganz andere Reiserouten auf: In der Eurovisions-Woche hat die EU die lang angekündigte Visafreiheit beschlossen. EU-Fahnen sieht man derzeit viele in Kiew – nicht nur in den Händen von ESC-Fans, sondern auch an Straßen und offiziellen Gebäuden.

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Es glitzert auf der Bühne, gleich dreimal: Ach wie nett, die Niederlande haben die Reinkarnation von Wilson Phillips zur Eurovision geschickt. Schöne Harmonien, am Ende aber unsauber abartikuliert, sagt das Chorkind in meinem Hinterkopf. Dann, wardrobe malfunction, bei einer der Background-Frauen aus Moldawien funktioniert das Trickkleid nicht, Schockschwerenot! Jetzt muss sie in so einem Ding fertigtanzen, das weder kurz noch lang ist. Es ist alles nicht so einfach.

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Empfang in der deutschen Botschaft, Kiews Bürgermeister ist da, Vitali Klitschko. Er beginnt seine Rede in alter Boxkampf-Tradition: „Laaaaaaaaadies and Geeeeeeentlemeeeeeeeeen….“ Grußworte in alle Richtungen, Zusammenhalt, Weltoffenheit. Erst singt Frau Klitschko, dann Levina, dann die Band O.Torwald, die für die Ukraine antritt. „Zuletzt war ich hier an der Botschaft im Februar 2014, als auf dem Maidan Menschen starben,“ erzählt ein ukrainischer Journalist, als wir später im Hof stehen. „Da war hier ein Treffen, Klitschko und Diplomaten aus mehreren Ländern. Er kam aus dem Gebäude, ich wollte einen O-Ton von ihm. Aber er war aschfahl und sagte nichts.“

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„Still“ wäre zu viel gesagt, aber es ist sicherlich der leiseste Moment des Abends. Salvador Sobral aus Portugal steht allein auf einem kleinen Podium vor der Hauptbühne und singt sein Lied, das hier ein bisschen fremd wirkt – kein Beat, keine Tänzer, keine Lichtshow. Nur Melodie, Klavier und ein paar Streicher, im dunklen Saal leuchten die Handys. Wie die Jurys seinen Auftritt bepunkten, erfahren wir erst am Ende des echten Finales.

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Noch ein Hofgespräch: „Wie viele Einwohner hat Kiew eigentlich?“ – „Offiziell haben wir drei Millionen. Inoffiziell sind es eher vier, auch weil so viele Menschen aus dem Osten hierher geflohen sind.“ Nicken am Stehtisch. Manche gehören selber dazu.

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Flammen! Kunstnebel! Feuerwerk! Flammen! Kunstnebel! Feuerwerk! Flammen! Kunstnebel… 26 Titel im Finale, das zieht sich, bei allem guten Willen. Irgendwo zwischen Großbritannien und Zypern frage ich mich kurz, ob es die Sitznachbarn wohl stören würde, wenn ich eine Runde Skat auf dem Handy… Wobei, gleich kommen die jodelnden Rumänen, Celebrate Diversity und so. Dann noch Levina, zum Schluss Frankreich, der Titel fährt als Ohrwurm mit in der Metro auf dem Heimweg. Kurz vor eins steige ich aus und stehe auf dem Maidan im Regen.

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Samstag, Finaltag. Es regnet immer noch, trotzdem posieren Leute vor dem Eurovisions-Logo auf dem Maidan. Nebenan wird gerade eine Gedenktafel aufgestellt, die wie ein Kalender aussieht. Halbfinale, Jury-Finale, Finale sind nicht eingetragen, dafür rote und blaue Piktogramme für getötete und verletzte ukrainische Soldaten. 9. Mai – zwei Tote , vier Verletzte. 10. Mai – ein Verletzter. 11. Mai – zwei Tote, sechs Verletzte. Dazu ein Gedicht: „Für jeden von Gott gegebenen Tag, ob wir arbeiten oder lernen, ein Rendezvous haben oder ins Kino gehen, in den Bergen sind oder am Meer, haben ukrainische Soldaten mit ihrem Blut und ihrem Leben bezahlt. 2600 haben ihr Leben geopfert, 9700 wurden verwundet. Seit drei Jahren ist das der Preis für jeden Tag, den wir in Frieden leben.“

Kiew Eurovision Krieg Gedenktafel

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Putin der Woche (XXXIX)

putin-der-woche-hochzeit

Gesehen: Im YouTube-Kanal des Musikers und Komikers Oleg Lobowoi, der der Welt damit nicht sein erstes Putin-Lied schenkt.

Begleitung: Gutes Stichwort. Denn auch, wenn Putin selbst in dem Video nicht auftaucht – dass der Akkordeon-Begleiter dieses kleinen Frauenchors zufällig so aussieht, wie er aussieht, kann mir keiner erzählen.

Text: „Höre, geliebte Heimat, mein Lied über Putin: Putin, Putin, wir alle wollen Putin heiraten.“

Subtext: Ihr wollt ein Liebeslied? Ihr kriegt ein Liebeslied. Ein Lied, das ihr liebt, weil einfach alles drin vorkommt: das Vaterland, seine Birken, und ganz viel Putin, alles besungen von Menschen in russischer Tracht. Tadaaadada, daaadada, daaa-daaa, daaa-daaa.

Oben-Ohne-Punkte: 0/10, wegen unsichtbarem Putin

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Pokémon und Kokain – zu Besuch in Irkutsk

Irkutsk also. Die Stadt, bei der der es sich auszahlt, neulich im Russischunterricht die Steigerung von Adjektiven durchgenommen zu haben, um nun sagen zu können: Это самый скучный город в России – es ist die langweiligste Stadt Russlands. Eine Handvoll Sehenswürdigkeiten, die in rascher Folge abfallen von Kirchen und Dekabristenhäusern zu einem Denkmal für die japanisch-russische Freundschaft, bei dem aus irgendeinem Grund ein steinernes Ei auf dem Boden liegt. Cafés, davon zwei oder drei gemütlich. Gelegentlicher Waldbrandgeruch und bei Regen knöchelhoch geflutete Straßen.

Gut, wir wussten das vorher. Der Plan war ohnehin, Irkutsk als bloßen Ausgangspunkt zu benutzen für einen Urlaub am Baikalsee – und die paar Tage in der Stadt zu verlesen, zu verschlafen und in Cafés zu vergammeln. Geklappt hat das allerdings dann doch nur fast. Weil es uns partout nicht gelang, in Irkutsk gar nichts zu erleben.

Alkohol und Kokain

Regen, Regen, Regen. Logistische Überlegungen drehen sich darum, welche Schuhe wohl wie schnell trocknen. Feuchte Socken hängen über der Duschstange. Und doch ist das Pflichtgefühl, irgendwie mal da raus zu gehen, so stark, dass wir plötzlich im Museum für Stadtgeschichte stehen – und dem Phänomen gegenüber, das greift, wann immer man Moskau verlässt: Boah, sind die nett hier! Blickkontakt! Lächeln!

In langsamen russischen Hauptsätzen erklärt eine Mitarbeiterin Mammutzähne, burjatische Alltagsgegenstände und Stadtmodelle in Vitrinen. Ihre Kollegin, ähnlich bemüht, möchte wissen, ob die beiden Besucher nicht vielleicht Französisch sprechen? Tun sie? Ach, schön – also, hier bitte den escalier herab, und dann geht es unten weiter mit salle numéro cinq. Ich versuche mich zu erinnern, wann in einem Moskauer Museum zuletzt jemand etwas anderes mit mir gesprochen hat als Russisch oder, mit zunehmender Ungeduld, extralautes Russisch.

Zwei Exponate bleiben in Erinnerung: ein Satz medizinische Broschüren über die Behandlung von Alkoholismus, Husten und Trägheit. Und ein Schmuckstück zum Öffnen, dessen Beschreibung ich zweimal lese, im Wörterbuch nicht finde, google und mir später noch von unserer Russischlehrerin bestätigen lasse: Ja, sowas trugen im 19. Jahrhundert feine Damen, damit sie im Theater die Droge ihrer Wahl konsumieren konnten. Daher auch der Name: „Kokainnitza“.

 

Irkutsk Kokainnitza

Pokémon bei Gericht

Wenn die Stadt und ihre Sehenswürdigkeiten nicht allzu aufregend sind, legt man halt eine Schicht aus Fantasiemonstern und deren Infrastruktur darüber. Direkt vor unserem Hotelfenster steht ein Gerichtsgebäude, aber in der Pokémonwelt ist das eine Arena, wo Spieler ihre Pokémon aufeinander loslassen können, auf dass der Stärkere gewinne.

Nach und nach fällt mir auf, wie hart umkämpft dieser Ort ist – vor dem Frühstück gehört er Team Rot, beim Zähneputzen danach schon wieder Team Blau, dann schaltet sich auch Team Gelb ein. Das wäre alles nur leidlich spannend, müsste man nicht, um in dieser Arena zu kämpfen, sich dort auch aufhalten – schon im Hotelzimmer gegenüber bin ich zu weit weg, als dass meine Pokémon sich mitkloppen könnten.

Der Knackpunkt ist: Vor dem Gebäude steht so gut wie nie jemand. Ganz gelegentlich tippt ein Mann in einer Lederjacke auf seinem Handyscreen rum, aber die meisten Kämpfe toben, ohne dass rund ums Gericht auch nur ein Mensch zu sehen wäre. Das heißt: Es müssen die Leute im Gebäude sein, die für die ganze Pokémon-Action sorgen. Richter, Anwälte, Kläger, Beklagte, Zeugen. Sogar am Wochenende tobt der Kampf um die Arena. Putzfrauen? Wachmänner? In dieser Parallelwelt jedenfalls ist in Irkutsk ordentlich was los.

 

Irkutsk Pokemon

Isba-Idylle

Eine Art Blockhaus mit Zierleisten und Fensterläden nennt man in Russland auch Isba. Viel Handwerkergeschick ist nötig, damit Holz so filigran aussieht wie bei ihren Verzierungen. In Irkutsk gibt es noch so viele dieser traditionellen Unterkünfte, dass man sie nicht mal suchen muss. Sie stehen gleichberechtigt neben modernen Bürogebäuden und Mehrfamilienhäusern.

Idyllisch sind diese alten Holzkonstruktionen übrigens nur für Touristen, die ein paar Fotos machen und dann weitergehen. Für die Menschen, die in ihnen wohnen, sind Isbas nicht besonders attraktiv: Viele von ihnen sind schlecht in Schuss und haben kein fließendes Wasser, bloß eine Pumpe am Straßenrand.

Irkutsk Isba 2

Ein Klavier, ein Klavier!

Im Haus der Familie Wolkonski wird die Geschichte der Dekabristen erzählt – einer Gruppe von Offizieren, die sich gegen den Zaren auflehnten, für ein liberaleres Russland eintraten und dafür mit dem Leben bezahlten oder, wie Sergei Wolkonski, nach Sibirien verbannt wurden. Viele Dekabristen waren gebildet, weit gereist, an Kunst interessiert – für Irkutsk und die Umgebung bedeutete ihre Ankunft einen Schub für Bildung und Kultur.

Irkutsk Wolkonski Pyramidenklavier

Heute steht an einer Wand im Wolkonski-Haus ein Pyramidenklavier, die Saiten laufen also senk- statt waagerecht, und eine nette Museumsmitarbeiterin schlägt sogar ein paar Töne an und erzählt, dass es nur noch fünf solche Instrumente auf der ganzen Welt gibt.

Hinter einer geschlossenen Tür im Erdgeschoss singen ein Tenor und ein Sopran Duette. Die Rampe zum Eingang ist eine an die Treppenstufen gelehnte Schranktür – zu schmal für einen Rollstuhl, aber hey, die Geste zählt. Im Wintergarten ist hier schon mal eine Ananas gewachsen, und der echte Garten liegt in der Sonne und will nichts von einem, als dass man sich mit einem Buch reinsetzt und die Ruhe genießt. Davon hat Irkutsk ohnehin reichlich. 

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Putin der Woche XXXVII

Putin der Woche Village People

Gesehen: In einem Tweet von Josh Simmons – gemalt hat das Bild Jim von „Jim’ll Paint It“.

Begleitung: Wenn der Polizei-Putin im Vordergrund die Hauptfigur ist, dann sind seine Begleiter Handwerker-Putin, Cowboy-Putin, Indianer-Putin, Soldaten-Putin und Biker-Putin.

Text: Keiner

Subtext: Auch keiner – aber wenn man den Atem anhält und sehr genau hinhört, buchstabiert ganz in der Ferne jemand leise „YMCA„.

Oben-Ohne-Punkte: Im Schnitt nur 4/10 – auch wenn sich Indianer-Putin und Biker-Putin alle Mühe geben.

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Wofür man zu den World Choir Games fährt

Sochi Chorolympiade 2016

Für den Moment, wenn das aus dem Olympischen Dorf entstandene Hotel zwar gute Zimmer hat, aber keinerlei Probenräume. Also stehst du morgens um elf barfuß auf einer Wiese auf den zehn verfügbaren Quadratmetern Schatten und singst mit Russen, Iren, Briten, Franzosen und Deutschen ein Lied aus der Ukraine. Der Dirigent hat seine Tasche an die Turnstangen gehängt, hinter ihm feinstes Bergpanorama.

Für den Moment in der Schlange zum Frühstück (Obst, Gemüse, Brot, Käse, Wurst, Syrniki, zwei Sorten Kascha und, aus unklaren Gründen, Spaghetti), wenn vor dir zwei Frauen aus Teheran stehen, hinter dir eine Kinderchorhorde aus Japan und zwischen den Tischen eine Venezolanerin, deren Blütenkopfschmuck frischer aussieht als das ganze Buffet.

Für den Moment im Bus von Sotschi zurück nach Adler, wenn der Busfahrer bei über 30 Grad durchsagt: „Liebe Passagiere. 16 Leute sind gerade eingestiegen, nur zehn von ihnen haben bezahlt. Bitte geben Sie Ihr Geld jetzt nach vorne durch, oder ich schalte die Klimaanlage ab. Das hat letztes Mal das Problem in 20 Sekunden gelöst.“

Für den Moment, wenn du auf deine zehn Minuten Generalprobe in dem Saal wartest, wo gleich der Wettbewerb stattfindet. Auch hier gibt es keine Proberäume, und Schatten ohnehin nur an den Toiletten oder neben den Müllcontainern. Aber hinterm Haus ist direkt das Hafenbecken, also: einsingen mit Blick auf Meer und Boote.

Sochi vocal warm-up. #сочи #music #blueskies #wcg2016 #latergram

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Für den Moment, wenn du abends im Dunkeln am Ufer des Schwarzen Meeres sitzt, rüberguckst Richtung Türkei und die nächsten zwei Sänger, die an den Strand kommen, sind aus Köln. Komplexe, vielschichtige Heimatgefühle. Neue, alte, beide.

Für den Moment, wenn die Sprecherin eines chinesischen Kinderchores „ein japanisches Lied über den fleißigen Sommer einer Ameise“ ansagt, gefolgt von der Anordnung: „Enjoy!“ Wenn der Chor aus Nischni Nowgorod so unglaublich aufeinander eingespielt ist, dass er auch dann im Takt bleibt, wenn alle Frauen der Dirigentin den Rücken zudrehen. Und wenn du überlegst, ob man das nicht eigentlich immer so machen könnte wie dieser Chor in den pink-blau-lila Kleidern, die ihr Lied einfach damit beenden, dass sie das Wort „всё“ („alles“, oder hier besser: „das war’s“) singen und die Arme hochreißen. Immerhin weiß dann jeder, wann er klatschen soll.

Für den Moment, wenn das örtliche Fernsehen noch ein paar Schnittbilder fürs Abendprogramm braucht, über die hinweg sich die Moderatorin mit ihrem Kollegen über die Chorolympiade unterhalten kann. Schön, dass wir nicht umsonst an unserem extra sanften Pianissimo-Einstieg geübt haben!

Für den Moment, wenn ein holländischer, ein chinesischer und zwei russische Chöre gemeinsam ein „Freundschaftskonzert“ zu bestreiten haben. Mitten in einem Vergnügungspark. Mit nur vier Mikrofonen. Ach so, und in der Einflugschneise zum Flughafen von Sochi, was ja nur eines der populärsten Urlaubsziele in Russland ist. Ist es ein Vogel? Ist es ein Flugzeug? Es ist immer ein Flugzeug.

Für den Moment, wenn wir uns am letzten Abend auf dem Spielplatz zwischen zwei Hotelblocks treffen, auf Bänken, auf dem Boden, auf dem Klettergerüst. Irgendwer fängt an, andere fallen ein, es wird schnell vielstimmig und gerne auch laut. Nicht in allen Rucksäcken ist Bier, in einem ist auch eine Geige. Bei den russischen Liedern geht es um Freundschaft und Apfelblüten, um Abschied und ums Feiern. Uns Nichtrussen fällt, querbeet, „Auf einem Baum ein Kuckuck“ ein, „Guide me, oh thou great redeemer“ und „Goodnight Irene“. Mitternacht ist vorbei und es sind immer noch 26 Grad. Am nächsten Morgen werden wir erfahren, wie wir abgeschnitten haben.

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Backstage im Moskauer Konservatorium

„Denkt dran: Das hier ist die Bühne, auf der all die Großen gestanden haben. Und nun dürfen wir hier stehen.“ Sergej, der Dirigent des Moscow International Choir, hat uns von Anfang an klar gemacht, was das für eine Ehre ist, im Großen Saal des Konservatoriums singen zu dürfen. Als wären die Atmosphäre, die Geschichte des Hauses und der riesige Zuschauerraum nicht schon ehrfurchteinflößend genug. Wir sind die Sache also mit ordentlich Respekt angegangen.

Vieles an dem Konzert war sehr russisch – dass das Festival, zu dem es gehört, natürlich ein Motto haben muss, und dass dieses Motto „Die Formel des Erfolgs“ heißt. Dass einige der Künstler mit einer ganzen Reihe von Titeln anmoderiert werden (je nachdem, was man ihnen schon so verliehen hat, kann das dauern, ist aber hier komplett normal). Dass am Ende eines Auftritts Blumen überreicht werden, und zwar nicht nur von irgendwelchen Offiziellen, sondern aus dem Publikum rauf auf die Bühne. Ein besonders geschickter Zuhörer hat seinen Strauß sogar der Sängerin seiner Wahl zugeworfen (und sie ihn, trotz Notenmappe, erfolgreich gefangen).

Und der Applaus – lang, laut, wohlwollend. Ein halbes Dutzend Auftritte in Moskau habe ich bisher erlebt, und immer das Gefühl gehabt, dass das Publikum auf unserer Seite ist. Erst recht im Konservatorium, erst recht im Großen Saal – weil jeder weiß, was das für ein großes Ding ist. Von diesem Haus nun auch die Welt hinter dem Künstlereingang zu kennen, hat das Gefühl noch mal verstärkt. Hier ein Einblick:

Das russische Fernsehen war übrigens auch da, genau genommen der Kulturkanal. Wer will, kann uns also (ab 0’36“) ein bisschen bei der Ansingprobe zuhören, da noch in Zivil. Das Konzertoutfit mit unseren echt russischen Glitzerhalstüchern hätte wahrscheinlich die Zuschauer zu sehr geblendet.

В Москве продолжается Международный хоровой фестиваль „Формула успеха“

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Mein Chor, mein Moskau, meine Katakomben

Sänger kommen dahin, wo andere nicht hinkommen. Ob Proben oder Auftritt, der Chor darf in die Hinterzimmer, die Katakomben, die Bereiche für Befugte. Zwischen Einschulung und Abitur hätte man mich mit verbundenen Augen und Watte in den Ohren in den Keller der Hildener Stadthalle schicken können und ich hätte trotzdem gewusst, wo ich zum Einsingen hin muss – oder, im Karneval, zum Schminken. Unser Eingang war der auf der Rückseite, wo auch die Feuerwehrleute ihr Kabuff hatten.

Bis heute gilt darum: Klar, in den Konzertsaal kommt jedermann rein, für den Preis eines Tickets. Aber wir sind die, die sich hinter der Bühne rumdrücken, wo in einem halben Dutzend Sprachen „bitte Ruhe“ an der Wand steht. Wir kennen den schnellsten Weg von ganz oben auf der Orgelempore nach ganz unten in den Orchesterprobensaal, zu dem wir natürlich nie etwas anderes sagen würden als OPS. Wir machen auf dieser Bühne unsere Stellprobe und unsere Hauptprobe, am nächsten Tag die Generalprobe mit Lichtprobe und am Tag drauf, kurz vorm Konzert, noch eine schnelle Anspielprobe. Danke, wir wissen, wo wir stehen. Das hier gehört uns.

Diese Art, von einem Ort Besitz zu ergreifen, ist von Stadt zu Stadt geblieben. Edinburgh gehört mir ein bisschen mehr wegen eines „Messias“ in St. Giles‘ Cathedral, Köln wegen eines „Roberto Devereux“ in der Philharmonie, Berlin wegen eines Konzertes im Dom, von dem ich nur noch weiß, dass es irgendwie um Wasser und Fluten ging und dass wir eine besonders kreative Aufstellung hatten.

In England sind es die Royal Albert Hall und Milton Abbey, in Peking irgendein Schulgebäude vor den Toren der Stadt – weil so ein Auftritt, mit der Probenarbeit davor, einem eben eine besondere Berechtigung gibt, sich hier aufzuhalten. Man nimmt am Leben in dieser Stadt mehr als nur oberflächlich teil und muss sich im Gegenzug nicht angesprochen fühlen, wenn Leonard Cohen singt: „Don’t be a tourist.“

Mit dem Moscow International Choir zu musizieren bedeutete bisher vor allem Besitzansprüche auf die St. Andrew’s Church, wo wir proben und zwei Konzerte im Jahr geben. Dass einigen von uns bald auch der Große Saal des Konservatoriums ein klein wenig gehören wird, sorgt seit Wochen für vorfreudiges Grundrauschen (und sehr viel diszipliniertere Proben). Und gestern Abend gab es noch was obendrauf: eine Probe da, wo unser Dirigent sonst mit seinem anderen Ensemble auftritt, in Moskaus riesiger, prächtiger Christ-Erlöser-Kathedrale.

Nicht im Kirchenschiff, da kann ja jeder rein, der ein Kopftuch anzieht und sich ein bisschen von den missmutigen Wachmännern anraunzen lässt. Nein, in den Gewölben unter der Kirche, wo im Gang gerade frisch gestrichen wird, wo eine Art Jugendherbergsküche auf die Mitarbeiter des Patriarchen wartet und wo vier von unseren Bässen noch kurz abgeworben werden, um ein golden gerahmtes Bild von A nach B zu schleppen. Kein so schlechter Ort. Der gehört jetzt also auch uns.

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Putin der Woche (XXXII)

putin der woche timati

Gesehen: In einem Musikvideo von Rapper Timati, veröffentlicht am Geburtstag des Präsidenten. Wem der Name nichts sagt, der kennt Timati vielleicht von „Welcome to St. Tropez.“

Begleitung: Eine Frau, die vor einem Putinbild tanzt. Gelangweilte Partypeople, die erst abgehen, als Putin auflegt. Straßenakrobaten, von denen einer Putins harte Männerbrust hochläuft und von dort abspringt.

Text: „Mein bester Freund ist Präsident Putin“, so heißt die Nummer, den vollständigen Text kann man hier nachlesen. Es reicht aber eigentlich auch, zu wissen, dass die großen Pathosvokabeln auftauchen – Freiheit, Fahne, Superheld. Immerhin, für einen Hauch von Ironie darf kurz ein Lada durchs Bild fahren.

Subtext: Wenn Deutsche über ihren besten Freund singen, klingt das so. Gottseidank sind wir Russen nicht solche Luschen. Wenn schon Musikvideo, dann auch mit ordentlich Beats und Testosteron. Und jetzt lass mich in Ruhe, ich muss Jetski fahren, auf der Straße tanzen und im Club auflegen. Wie? Ja, natürlich bin ich der echte Putin. Maske? Welche Maske?

Oben-Ohne-Punkte: 0/10

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Der Chorworkshop mit Voces8 in acht Highlights

Milton Abbey Summer School Scores

Kein Ausschlafen, Essen in der Kantine, jeden Tag stundenlange Probenarbeit, abends Konzerte und wenn man gerade ins Bett gefallen ist, weckt einen der Feueralarm. Man muss schon eine besondere Sorte Musik-Nerd sein, um so seinen Urlaub zu verbringen.

Wir sind 150, und jeder einzelne ist froh, einen Platz ergattert zu haben. Denn die Dozenten bei diesem Chorworkshop in der südenglischen Pampa sind Voces8. Wenn man sich als Sänger von jemandem etwas abgucken möchte, dann sind die acht schon keine so ganz schlechte Wahl. (Hier singen sie das ohnehin ziemlich großartige „Ubi Caritas“ von Ola Gjeilo.)

Sportler fahren ins Trainingslager. Wir sind hier, in Milton Abbey, einer Schule im historischen Gebäude. Die Highlights der Woche, natürlich in acht Punkten:

1. Das Einsingen

Das mag komisch klingen, aber ja, die Einsingübungen waren für mich tatsächlich einer der Höhepunkte. Wahrscheinlich, weil der Kontrast so groß ist zum Chor hier in Moskau, wo die Devise „im Zweifel forte und marcato“ gilt und das Aufwärmen chronisch zu kurz kommt.

Die halbe Stunde Wachwerden jeden Morgen – Körper, Atmung, Stimme – war gerade deshalb eine super Sache. Erst recht, weil jeder von den acht Sängern/Dozenten seine eigenen Methoden mitgebracht hatte.

Gähnen, Hecheln, Explosivlaute, Tonfolgen, das kennt man ja. Luftgitarre spielen (und hinterher zerdreschen) war mir dagegen neu – genau wie das allmorgendliche Gefühl, dass eine halbe Stunde mehr Schlaf der Auge-Hand-Koordination vielleicht ganz gut getan hätte. („Try not to hit yourself in the face“, siehe Video, bringt es ganz gut auf den Punkt.)

So sorgfältig betreut hat die Stimme dann auch tatsächlich sechs Tage Proben, drei Konzerte, zwei Gottesdienste und allerlei abendliches Spontangesinge gut überstanden.

2. Das Zuhören

Töne angeben? Ach komm, ihr seid doch schon groß, der Grundton reicht. So in etwa war die Haltung, egal, mit wem von Voces8 wir gerade gearbeitet haben. Fiel mir am Anfang schwer, weil es lange keiner mehr eingefordert hatte. Noch ein Grund also, sich zu konzentrieren. Und ein Erfolgserlebnis, je verlässlicher es nach und nach wieder klappte.

3. Der Ort

Schon sehr englisch, unser Zuhause für eine Woche – die Architektur, der perfekte Rasen, die zermatschten Erbsen beim Mittagessen, die Unterbringung in den verschiedenen Schulgebäuden („In welchem Haus bist Du denn?“ – „Slytherin.“).

Milton Abbey

In einem Aufenthaltsraum hängt noch die Liste, welches Haus im letzten Schuljahr die meisten Punkte gesammelt hat. Ein junger Tenor sieht aus wie Neville Longbottom. Und wie heißt der Gastmusiker, der mit uns am zweiten Tag etwas einstudiert? Alexander L’Estrange. Keine weiteren Fragen.

4.  Das Repertoire

Jedes Land hat ja für jedes Niveau so seine typischen Chorwerke, und irgendwann hat man die meisten mal gesungen oder zumindest gehört. Die Woche in Dorset war also auch eine Chance, viele neue Stücke kennenzulernen: Fyre, Fyre! von Thomas Morley (Schmackes!), Stephen Paulus‘ Pilgrim’s Hymn (Mystik!), My spirit sang all day von Gerald Finzi (Taktwechsel! Noch einer! Schon wieder!) – und das war nur die Kammermusik.

Außerdem gelernt: Shantys und Lieder aus der Tudorzeit lassen sich problemlos mischen. Henry VIII hat mehr komponiert als nur Greensleeves. Und so eine kleine Mozartmesse kann man im Notfall auch ganz gut vom Blatt singen.

5. Die Atmosphäre

Dass die Leiter eines Workshops bei den Proben und Konzerten ansprechbar sind, ist klar. Wie viel man aber auch sonst mit einigen von Voces8 zu tun hatte – in der Essensschlange, an der Bar, zwischen Tür und Angel – das war schon sehr sympathisch.

Manche waren sogar mit Eltern/Partner/Nachwuchs angereist, und auch sonst war die Atmosphäre durchweg familiär: Gäste wie Alexander L’Estrange und seine Band oder Paul Phoenix kamen also nicht nur zu ihren Proben und Konzerten, sondern blieben länger und gaben ihrerseits Feedback und Tipps („Wenn ihr ‚Falalalala‘ singt, denkt dran: Das haben die damals so getextet, weil sie nicht offen sagen konnten ‚Oh, Baby, ich mag, was Du da gerade tust‘.“). Wahrscheinlich hat es auch denen in der Milton-Abbey-Idylle gefallen.

6. Die Kammermusikgruppen

Endlich mal wieder ein Madrigal singen, und dann auch noch in so einer madrigaligen Atmosphäre: liebliches Südengland, Sommer (jaja, englischer Sommer – Unterhemden, Longsleeves und eine Wärmflasche für nachts, so packt der Profi). Geprobt im Ballsaal mit sehenswerter Decke, aufgeführt in einer Abteikirche, wie man das halt so tut.

 

Milton Abbey Ballroom Ceiling

Alles, was im großen Ensemble unter „passt schon irgendwie“ fällt, hat uns unser Chorleiter hier nicht durchgehen lassen (danke, Chris!).  Schön, mal wieder so konzentriert und in kleiner Besetzung an ein paar Stücken zu arbeiten.

7. Der Französisch-Fail

Kein Gemeinschaftserlebnis, sondern ein komplett persönliches: Wie sehr der Versuch, sich mit den französischen Teilnehmern zu unterhalten, gescheitert ist. Zuhören, verstehen, kein Problem. Aber antworten? J’habite à Moscou, i je rabote chez une gasyetta. Gelächter auf beiden Seiten.

Jedenfalls habe ich beschlossen, das als Erfolgserlebnis zu deuten. Weil die ganzen gepaukten Vokabeln offenbar im Hirn inzwischen gut Wurzeln geschlagen haben.

8. Die anderen Sänger

Was das für eine vielfältige, internationale Gruppe war, fiel vor allem an den Abenden auf, wo alle aufgerufen waren, eine Kleinigkeit aufzuführen – „your party piece“. Hätte ich doch nur mehr Videos gemacht! Von der wahrscheinlich ältesten Kursteilnehmerin, sicher gut in den Siebzigern, als Eliza Doolittle mit „Wouldn’t it be loverly“.

Von den drei Jungs, alle noch diesseits des Bartwuchses, mit Gitarre, Ukulele und einem selbstgebastelten Mash-up aus zwei Pop-Nummern.  Von allem, was da stimmlich zwischen Opernhaus und Fankurve so abging. Und von Händels Halleluja-Chor, kurz vor Mitternacht, ohne Noten, aber mit Vehemenz. Alle zusammen.

 

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Auf den billigen Plätzen: Promming

  

Erste Male: Promming. Also, nicht einfach ein Konzert der Proms anhören, sondern von da, wo es die echten Fans tun, die Prommers: ganz oben unterm Dach der Royal Albert Hall. Stühle gibt es hier nicht, darum nutzen manche Leute ihre Jacken oder eine Zeitung als Unterlage. Die meisten aber sitzen einfach auf dem Boden – oder stehen vorne am Geländer, bei dem in jedem Metallstab das goldene A für Albert glänzt.

Unten spielt das Mahler Chamber Orchestra Stravinsky, hier oben schlüpfen ein paar Spätankömmlinge noch schnell aus den Schuhen, es hat den ganzen Tag geregnet. Ein älterer Mann knistert vorbei – er trägt statt Strümpfen Plastiktüten in seinen Schuhen. Wahrscheinlich hängen die Socken irgendwo an einem Treppengeländer, vielleicht da hinten, wo die drei aufgespannten Schirme auf dem Boden stehen und ihre Besitzer darunter liegen als hätten sie Angst vor Sonnenbrand. 

Der Klang hier oben ist kein Stück schlechter als auf einem der regulären Plätze – genau so rund, genau so klar. Aber wir hier oben (und die zweite Gruppe Prommers, auf Stehplätzen direkt vor der Bühne) haben nur £5 für unsere Karten bezahlt. Stundenlang stellen sich manche am Tag des Konzerts dafür an; ich hab wegen des Regens einfach kurz vor Beginn vorbeigeschaut – und Glück gehabt: kein Anstehen, nur fünf Pfund bezahlen und vier Stockwerke hochlaufen.

Umbaupause von Stravisnky zu Beethoven, ein paar Meter weiter hantieren zwei Mädels mit ihren Stäbchen über den Resten ihres Sushi-Picknicks hin und her. „Neulich saß ich hinter jemandem, der hatte eine Partitur dabei und hat die ganze Zeit mitgelesen,“ erzählt der Mann, der neben mir an der Wand lehnt. 

Bücher und Strickzeug sind keine Seltenheit, auch ein Schachbrett würde mich nicht überraschen. Schließlich kann diese Mischung aus Hochkultur und Rumfläzen kaum jemand so gut wie die Engländer: Shakespeare in einer Schlossruine mit Wein aus Plastikbechern. BYOB-Sinfoniekonzert im Park, mit Picknickdecke und Regencape. Musiker in Abendgarderobe spielen für Zuhörer in Jeans und ohne Schuhe. 

Unten schlägt der Konzertmeister am Flügel einen Ton an, damit das Orchester stimmen kann – ein „Bravo“-Ruf auf den billigen Plätzen, Gelächter und Applaus in der ganzen Halle. Dann kommt Leif Ove Andsnes, setzt sich an den Flügel und es wird wieder ruhig. Beethoven, Klavierkonzert Nr. 3. Großartig, ob im Sitzen, Stehen oder Liegen; ob vorgebeugt oder zurückgelehnt. 

Ich zieh mir auch mal die Schuhe aus.

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