Russball, Folge 39: Komm, wir spielen Find-den-Ball!

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Worum es diese Woche nicht geht: Darum, auf welche Handgepäckregeln sich deutsche Fans einstellen müssen, wenn sie im Sommer mit Aeroflot nach Russland fliegen wollen. Das Thema ist zwar interessant, aber zu komplex, um es in zwei, drei Absätzen aufzuschreiben. Mehr dazu also hier, und schon geht’s los!

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⚽ Ihr kennt das Gefühl: Vom Einkaufen für die Party nach Hause kommen, in der Küche stehend die Tüten auspacken – und dann, beim Blick in den Kühlschrank, der Geistesblitz: Mist, ich hab vergessen, Bier zu kaufen! So ging das am Wochenende auch beim Lokalderby zwischen Lokomotive Moskau und Spartak Moskau, bloß nicht mit Bier. Es hatte ziemlich geschneit, frischer Schnee ist für gewöhnlich weiß – da hat es sich eingebürgert, anstelle eines schwarz-weißen Balles einen roten Ball zu nehmen.

Auf den offiziellen Nahaufnahmen ist der Ball meist zu sehen. Von der Tribüne aus sah das ganz anders aus. (Foto: Lokomotive Moskau)
Auf den offiziellen Nahaufnahmen ist der Ball meist zu sehen. Von der Tribüne aus sah das ganz anders aus. (Foto: Lokomotive Moskau)

Den hatte bloß leider niemand besorgt – offizielle Sprachregelung: Der Sponsor stellt leider nur weiße und gelbe Bälle zur Verfügung. „Wir konnten vor lauter Schnee den Ball nicht sehen“, berichtet eine Freundin, die im Stadion war. „Wie kann man vergessen, sich um rote Bälle zu kümmern in einem Land, wo es im Winter fast permanent schneit?“ Sie ist nicht der einzige genervte Fan – erst recht nicht unter denen, die zwei Stunden im Stadion in der Kälte standen, ohne das Spiel richtig verfolgen zu können. Aber immerhin, ein schönes Spott-Format ist aus dem Fußball-Fail entstanden: „Finde den Ball“ bei Sports.ru – meine Lieblingslösung, wenn auch nicht die richtige, ist Nummer 3.

⚽ Dieser Text ist mir durchgegangen, als er im Februar veröffentlicht wurde, aber er hat sich gut genug gehalten, um ihn auch heute noch zu verlinken. Okay, die letzten vier Absätze fühlen sich etwas seltsam und drangeklatscht an. Aber der restliche Artikel wirft einen gründlichen Blick auf mögliche Gewalttaten russischer Hooligans bei der Fußball-Weltmeisterschaft.

Die Einschätzung von Autor Marc Bennetts in kurz: Hooligan-Attacken bei der WM sind nicht auszuschließen, aber zumindest im großen Maßstab doch eher unwahrscheinlich. Weil nun mal bei solch einem Renommierprojekt mit massiver Innen- und Außenwirkung ganz genau darauf geachtet wird, dass niemand die schöne Inszenierung ramponiert.

⚽ Was macht eigentlich Miroslav Klose? Er passt, mit Umweg über Thomas Brolin, zu Wladimir Putin, der darauf hin zu Gianni Infantino passt. Klingt nach Fiebertraum, ist aber das offizielle FIFA-Video anlässlich von nur noch 100 Tagen bis zur Fußball-Weltmeisterschaft.

Ein Fußball spielender Putin, das ist eher selten in der präsidialen Selbstinszenierung. Normalerweise zeigt er sich lieber beim Judo oder beim Eishockey.

⚽ Stanislaw Tschertschessow ist der Joachim Löw von Russland, Anfang des Jahrtausends waren sie sogar mal beim gleichen Verein, Tschertschessow allerdings damals noch als Spieler. Noch heute spricht Russlands Nationaltrainer super Deutsch, was er neulich genutzt hat, um mit Löw ein bisschen über die Probleme zu frotzeln, die man als deutscher oder als russischer Coach vor der WM so hat.

„Wir haben die gleichen Symptome, aber die Diagnose ist eine andere: Er hat zu viele Spieler, ich habe zu wenige“, hat Tschertschessow das Gespräch in einem dpa-Interview zusammengefasst. Ein rundum lesenswertes Stück, in dem es auch um die Chancen von Roman Neustädter und Konstantin Rausch geht, bei der Weltmeisterschaft für Russland auflaufen zu dürfen.

⚽ Ach komm, dann direkt noch ein Update zu einem anderen russischen Trainer: Leonid Sluzki, letztes Jahr ehrenhaft bei Hull City gescheitert, könnte bald schon in die Niederlande wechseln, genau genommen nach Gelderland. Vitesse Arnheim hat bestätigt, dass Sluzki sein Lieblingskandidat ist, um Henk Fraser abzulösen. Der Club ist aktuell Tabellensechster in der Eredivisie, also der obersten Liga. Sluzkis Kalkül, sich mit dem Job in Hull für andere internationale Positionen zu empfehlen, scheint also aufzugehen.

⚽ So, jetzt denke ich mal an einen Moskauer Fußballverein und ihr ratet, an welchen, okay? Als kleinen Tipp gibt es hier das Logo.

kscheib russball logo tschertanowo

Okay, das ist erkennbar weder Lokomotive noch Spartak oder ZSKA – zu wenig Rot. Von den Farben her könnte es Dynamo sein, aber deren Logo sieht auch anders aus. Torpedo also? Nein, nein, nein, falsch, falsch, falsch. Der Verein, zu dem die Raute mit den Teufelshörnern gehört, ist Tschertanowo Moskau.

Wenn euch das nichts sagt: Das ging mir bis vor ein paar Tagen genau so. Dann las ich dieses Vereinsporträt und erfuhr: Tschertanowo stellt prinzipiell ausschließlich Spieler auf, die an der eigenen Fußball-Akademie ausgebildet wurden. Kommt man so in die oberen Ligen? Bisher nicht. Ist es ein interesanter Ansatz in einem Land, das bei der Nachwuchsförderung der internationalen Konkurrenz hinterherhinkt? Ganz bestimmt.

⚽ „Ich werde eine große Mauer bauen – und niemand baut Mauern besser als ich, glauben Sie mir – und ich baue sie sehr kostengünstig. Ich werde eine große, große Mauer (…) bauen und ich werde Russland für diese Mauer bezahlen lassen.

Okay, das ist jetzt ein bisschen überspitzt, war aber das erste, was mir zu dieser Meldung hier einfiel: „England Requests 6-Meter Wall Around Training Pitch for World Cup in Russia“. Wohlgemerkt: Eine Zwei-Meter-Mauer gibt es schon (Fotos hier zum Blättern), die ist den Engländern bloß nicht hoch genug.

In Moskau kann einem die englische Nationalmannschaft dieser Tage schon mal auf der Straße begegnen, während der WM will sie sich aber mit einer hohen Mauer abgrenzen
In Moskau kann einem die englische Nationalmannschaft dieser Tage schon mal auf der Straße begegnen, während der WM will sie sich aber mit einer hohen Mauer abgrenzen

⚽ Gibt es Gesetze in diesem Land, die Schwule und Lesben diskriminieren? Sind Pride-Paraden verboten? Herrscht in der Bevölkerung schwulenfeindliche Stimmung? And diesen und anderen Fragen orientieren sich die Macher des Gay Travel Index. In der gerade veröffentlichten Ausgabe für 2018 schneidet Kanada am besten ab, Deutschland ist eines von mehreren Ländern auf Platz drei.

Wer Russland finden will, muss auf die vorletzte Seite der Liste runterscrollen – dahin, wo die Ländernamen rot hinterlegt sind. Da kann Alexei Smertin noch so sehr betonen, dass LGBT-Fußballfans ohne Sorgen zur WM kommen können. Solange hier so viele Fans schwulenfeindlich sind und Fußball-Offizielle unwidersprochen Hass-Sprüche raushauen können, hat Russland seinen 157. Platz leider verdient.

⚽ Zum Schluss noch ein bisschen Wolfscontent: Alma lebt im Zoo der WM-Gastgeberstadt Rostow am Don, und neulich haben die Tierpfleger ihr einen Fußball ins Gehege gelegt. Das Ergebnis macht großen Spaß zu gucken, jedenfalls, wenn man das penetrante Musikbett ausschaltet.

Etwas gehässig verkauft das Video TV Swesda, der offizielle Fernsehsender des russischen Verteidigungsministeriums. (Doch. Wirklich. Ja. Ich weiß.) „Wölfin zeigt russischer Nationalmannschaft, wie man richtig Fußball spielt“, heißt dort die Überschrift.

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Eh wir uns verabschieden noch schnell die Lösung für ein Problem, das euch sicherlich auch schon länger beschäftigt: Russball gibt es bekanntlich nur einmal in der Woche, das reicht natürlich nicht, wenn man jeden Tag was Neues über das Fußball-Land Russland lesen will.

Darum blogge ich ab sofort für die Kollegen drüben bei n-tv einen täglichen WM-Countdown – ein Format, auf das ich mich schon deshalb freue, weil man da auch mal etwas mehr in die Tiefe gehen kann als in einem Newsletter. Was wir mit dem Countdown genau vorhaben, steht hier, die erste richtige Folge erscheint dann im Laufe des Mittwochs hier.

Wenn es Themen gibt, zu denen ihr dort etwas lesen wollt: Sagt gerne Bescheid!



 

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Russball, Folge 35: So klingen die elf WM-Gastgeberstädte

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Erinnert ihr euch an die Korobka? Viele russische Kinder haben in dieser Art Käfig, den man oft in russischen Wohngebieten findet, zum ersten Mal Fußball gespielt. Manchmal hängt dort zusätzlich auch noch ein Basketballkorb – Hauptsache, was mit Bällen. Seit letzter Woche weiß ich nun, wozu so eine Korobka im russischen Winter gut ist: Einfach den Boden fluten, gefrieren lassen, und siehe da: ein Eishockeyfeld! Puck statt Ball – hier ein kleiner Schwenk.

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⚽ Wird eine Heuschreckenplage über die Stadien der Fußball-Weltmeisterschaft herfallen? Ja, sagt ein Abteilungsleiter im russischen Landwirtschaftsministerium. Nein, sagt der Leiter des WM-Organisationskomitees. Welche der beiden Meinungen in mehr Medienberichten zitiert wurde, könnt ihr euch selber denken. Aber gut, Dementis machen halt auch Arbeit und sind eher unsexy.

Darum hier schon mal prophylaktisch meine extrem subjektive Einschätzung: Auch in Blut verwandeltes Wasser, Frösche, eine Viehpest, schwarze Blattern, Hagel, Finsternis und den Tod aller Erstgeborenen werden wir diesen Sommer in Russland eher nicht erleben. Nur bei den Punkten „Stechmücken“ und „Stechfliegen“ sind sich die Propheten noch unsicher. Nein! Doch! Oh!

⚽ Guus Hiddink hat fünf verschiedene Nationalmannschaften trainiert, darunter die russische. Eine gute Ausgangslage, um sich zu den Chancen des russischen Teams bei der WM im eigenen Land zu äußern. Nach dem Confed-Cup neigt Hiddink nicht zu übermäßigem Optimismus: Russland habe gute Momente gehabt, aber auch Schwächen gezeigt. Daraus auf das Abschneiden bei der WM zu schließen, sei also schwierig.

Was Hiddink sonst noch zu sagen hat? Das, was jeder, der den russischen Fußball analysiert, als Knackpunkte ausmacht: Zur professionellen Entwicklung sei es möglicherweise gut, wenn russische Spieler sich auch mal bei ausländischen Vereinen bewähren müssten, wo die Konkurrenz größer ist. Und dass der russische Fußball endlich eine anständige Nachwuchsförderung braucht, das hat Hiddink nach eigenen Worten schon 2010 angeregt. (Den ganzen Artikel gibt es auf Seite 8 in diesem PDF.)

⚽ Gleiches Thema, anderer Gesprächspartner: Kevin Kuranyi, der ja einige Jahre bei Dynamo Moskau gespielt hat, hat sich vom russischen Staatssender RT interviewen lassen. Neben ein paar Höflichkeiten (Kuranyi vermisst Borschtsch und den Roten Platz) geht es auch hier um die Chancen der russischen Nationalmannschaft bei der Fußball-Weltmeisterschaft.

Großes Potential sehe er beim Team, so Kuranyi, nach „einigen schweren Fehlern“ in der Vergangenheit werde es Russland deshalb definitiv über die Gruppenphase hinaus schaffen – erst recht im eigenen Land, mit den eigenen Fans im Rücken. Und Kuranyis Zukunft? Er kann sich da durchaus eine Rückkehr nach Russland vorstellen, als Trainer oder in einer ähnlichen Rolle.

⚽ Manchmal fühlt es sich an, als hätte inzwischen jede Webseite, jeder Radiosender, jede Zeitung die elf Austragungsorte der Fußball-WM vorgestellt. Aber nun ist mir etwas begegnet, das mir tatsächlich neu war: Eine Musik-Weltkarte. Für 3000 Orte kann man dort nachsehen, was derzeit das meistgehörte Lied bei YouTube ist. Das ist doch vielleicht ganz nützlich für deutsche Fußballfans, um sich ins Gastgeberland schon mal ein bisschen reinzuhören.

Tatsächlich sind die elf Gastgeberstädte genau aufgeteilt: In Kaliningrad, Saransk, Rostow, Sotschi und Wolgograd hören die Leute am liebsten „Troll“:

In Kasan, Samara, St. Petersburg, Jekaterinburg und Nischni Nowgorod liegt dagegen „Rosowoje Wino“ vorne, was übersetzt „Rosé(wein)“ bedeutet.

Was ist nun besser, komischer, absurder? Das „Troll“-Video, in dem ein Mann am Bananentelefon mit einer Frau am Hummertelefon spricht? Oder doch der „Rosowoje Wino“, wo ein Mann mal mit durchsichtigem Regenschirm und mal mit Ramennudeln und Essstäbchen in der Hand singt und tanzt? Macht es einen Unterschied, dass der erste Clip wahrscheinlich absichtlich lustig ist und der zweite möglicherweise ernst gemeint? Schwer zu sagen, ich fühle mich da wie Moskau, die elfte WM-Stadt. Die liegt auf der Landkarte genau im Grenzgebiet zwischen Troll-Land und Rosé-Land.

⚽ Die Zeitung „Wedomosti“ hat diese Woche einen Text veröffentlicht, der einen guten Einblick in die Weltmeisterschafts-Logistik gibt. Es geht vor allem um die Firma „Match Accommodation“, die für die FIFA – also für Offizielle, für Mannschaften, für Dienstleister – Hotelunterkünfte während des Turniers organisiert. Gut vier Monate vor dem Eröffnungsspiel hat Match Accommodation nun ein Drittel der ursprünglich reservierten Hotelbetten wieder freigegeben, weil inzwischen klarer wird, welche Teams, und damit auch welche Mitarbeiter, sich wann in welcher Stadt aufhalten.

Für Otto Normalfan macht das beim Hotelbuchen keinen großen Unterschied, dazu ist die absolute Zahl der jetzt frei gewordenen Betten zu niedrig. Als detaillierter Einblick in einen Bereich der WM-Vorbereitungen lohnt der ganze Artikel dennoch das Lesen.

⚽ Angenommen, ihr habt Pech. Angenommen, ihr habt Geld. Trifft beides zusammen, dann seid ihr unterm Strich immer noch fein raus, jedenfalls in Sachen WM-Tickets: Wer auf dem regulären Weg nicht an Karten für sein Lieblingsspiel kommt (weil zum Beispiel zu viele andere das Spiel ebenfalls sehen wollen), kann dieses Problem lösen, indem er es mit ordentlich Geld bewirft. Das Zauberwort – okay, die beiden Zauberwörter – heißen: „Hospitality Package“.

Wer gewillt ist, rund 1300 Euro in die Hand zu nehmen, kann beispielsweise jetzt sofort eine Karte für Deutschland – Mexiko am 17. Juni buchen. Dafür kriegt der solvente Gast dann nicht nur einen Sitzplatz, sondern wird an einem separaten Eingang von lächelnden Hostessen persönlich eingewunken, bekommt Getränke und Essen (vermutlich nicht gerade auf Bier-und-Bratwurst-Niveau) und am Schluss noch ein Geschenk zum Mitnehmen. Das mit den 1300 Euro pro Ticket ist übrigens nur die niedrigste „Hospitality“-Stufe. Wer Deutschland beim Spiel gegen Mexiko lieber aus einer privaten Suite zujubeln will, kann das für 43.000 Euro pro Ticket tun.

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⚽ Wechselnde Bauunternehmen. Verzögerter Baubeginn. Sumpfiger Boden. Schlechtes Baumaterial. Nicht gezahlte Löhne. Streikende Bauarbeiter. Sports.ru schreibt über „Das problematischste Stadion der WM 2018“ und meint damit das in Kaliningrad. Allein schon die Infografik dazu – man scrollt und scrollt, und es wird immer schlimmer. Ein Gebäude, bei dessen Inspektion nicht mal die VIP-Toiletten akzeptabel waren. Mehr dazu hier.

⚽ Es. Ist. Immer. Noch. Winterpause. Wenig zu erzählen also aus dem russischen Ligafußball, höchstens mal ein Transfer oder eine Spielerfrau, die sich daneben benimmt. Aber immerhin, es gibt ja noch Denis Tirin. Als Sportfotograf hat er früher bei Championat.ru gearbeitet, inzwischen ist er bei ZSKA Moskau und darum aktuell mit der Mannschaft im spanischen Trainingslager.

Dort ist eine Fotoreportage entstanden, die neben typischen Trainingssituationen auch ein paar ungewohnte Motive zeigt: Stell dir vor, du liegst auf der Massagebank, und plötzlich krabbelt ein Fotograf unter dir lang. Stell dir vor, du bist ein Vogel und plötzlich sind da diese lauten Sportler auf deinem Rasen. Stell dir vor, du hast so hart trainiert, dass dein ganzes Gesicht nur noch aus Schweißtropfen besteht. (Alle Bilder hier.)

⚽ Und wenn sie dann irgendwann mal vorbei ist, die Winterpause? Dann sollten sich Russlands Fußballfans schon mal auf eine Überraschung einstellen, schreibt Bombardir.ru. Der FK Rostow, aktuell Zehnter in der Tabelle, werde es allen zeigen, heißt es dort. Ende Dezember hat der Club Waleri Karpin als Trainer verpflichtet, der mit kurzer Unterbrechung von 2009 bis 2014 Spartak Moskau trainiert hat. Unterstützung bekommt er vom frisch aus England heimgekehrten Leonid Slutsky – auch keine kleine Nummer.

Dazu noch eine Reihe früherer Spartak-Spieler und die drei Isländer Sverrir Ingason, Ragnar Sigurðsson und Björn Sigurðarson (die letzten beiden frisch eingekauft) – für Bombardir sind das alles Gründe, warum sich Rostow in der Rückrunde besser schlagen wird als bisher. Nur die Leser sehen das anders: Bei der Abstimmung unter dem Artikel geht die Mehrheit von ihnen davon aus, dass der Club auch zum Ende der Saison irgendwo in der Tabellenmitte rumdümpeln wird.

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Zum Schluss noch ein kleiner Dialog. Der Gesprächspartner arbeitet bei einem internationalen Medienkonzern, und wir unterhalten uns darüber, wie verschiedene Redaktionen die WM-Berichterstattung organisieren, wen sie wann wohin schicken und so weiter.

„Weiß du, bei uns gibt es einen Sport-Kollegen, bei dem sich zwei Termine überschneiden. Darum kann er nicht bei der ganzen WM dabei sein, sondern nur die ersten beiden Wochen.“ – „Und jetzt?“ – „Naja, sie haben ihm halt die englische Mannschaft zugeteilt.“

Bis nächste Woche!



 

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Russball, Folge 34: In diesen Hotels wollt ihr keine WM-Zimmer buchen

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Das Wichtigste zuerst: Bei der Fußball-Weltmeisterschaft im Sommer wird es Bier im Stadion geben. So richtiges, mit Alkohol drin. Das hat Witali Mutko jetzt noch mal klargestellt.

Eigentlich war schon länger klar, dass Russland für das Turnier eine Ausnahme von seinem Alkoholverbot im Stadion macht, dann allerdings kursierten Gerüchte, in Rostow gelte das Verbot vielleicht doch… alles vom Tisch. Es wird Budweiser ausgeschenkt und Klinskoje, ist ja beides von derselben Firma. Und preiswert wird’s offenbar auch.

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⚽ Heute um 10 Uhr endet die aktuelle Verkaufsrunde für WM-Tickets – eine von fünf Runden insgesamt und die erste, an der ich mich beteiligt habe. Dabei ließ sich auch gleich eine Frage klären: Ja, die Tickets der extra eingeführten Billigkategorie stehen tatsächlich allen Leuten offen, die in Russland leben – es entscheidet der Wohnort, nicht die Nationalität. Was ja auch sinnvoll ist: Wer hier lebt, auf dem russischen Arbeitsmarkt nach russischen Konditionen bezahlt wird, steht finanziell anders da als jemand, der vielleicht in London, Paris oder Baden-Baden lebt, aber einen russischen Pass hat.

45 Prozent der Anträge auf Tickets kamen in dieser Runde aus dem Ausland. Zu den Top-Ten-Ländern mit dem größten Interesse gehören neben Deutschland auch die Niederlande – dabei ist deren Mannschaft ja noch nicht mal qualifiziert. Umgekehrt schickt England zwar ein Team zur WM, das Interesse im Land ist aber eher niedrig: Von mehr als 4 Millionen Ticketanträgen kamen gerade mal 26,670 aus England – das ist Platz 15.

⚽ Da ist sie also, die Liste der russischen Hotels, die mit überhöhten Zimmerpreisen während der WM Fußballfans abzocken wollten. Russlands Tourismusbehörde hat ihre Namen veröffentlicht, Auszüge kann man nun überall lesen: 5000 Prozent Preissteigerung bei einem Null-Sterne-Hotel in Kaliningrad (genau genommen sogar 5283 Prozent, aber wer will da pingelig sein). Auch große Ketten wie Hampton by Hilton sind beteiligt.

Das Hotel "Agora" in Kalinigrad steht an der Spitze der schwarzen Liste
Das Hotel „Agora“ in Kaliningrad steht an der Spitze der schwarzen Liste

Die komplette Übersicht gibt es bisher nur auf Russisch. Darum, als kleiner Service für euch, hier eine Übersetzung der offiziellen Liste überteuerter Hotels ins Deutsche. Könnt ihr ja bookmarken, falls ihr plant, im Sommer nach Russland zu kommen – dann wisst ihr, wo ihr eher nicht buchen wollt. Und wer keine solchen Reisepläne hat: Bitte jetzt kurz und energisch runterscrollen. Da gibt es dann Neues von Sepp Blatter, okay?

Kaliningrad

Hotel „Agora“
Apartment-Komplex „Longin“
Hotel „Berlin“
Apartment-Komplex „Orangefarbenes Haus“

Moskau

Hotel „Tschaikowski“
Hotel „Slawjanka“
Hotel „Stari Gorod“
Hotel „City Comfort“
Hotel „Seven Hills Trubnaja“
Hotel „Deco“
Hotel „LeonArt“
Hotel „Kamergersky“
Hotel „Petrowka“
Hotel „Max 2“
Hostel „Napoleon“

Rostow am Don

Hotel „Kolibri“
Hotel „1007. Nacht“
Hotel „Dom 17“
Hotel „Kokos“ (lohnt einen Blick bei Google Maps, das Hotel hat eine eigene Autowaschanlage)
Hotel „Pamir“
Hotel „Don Major“
Hotel „Otschakowski“
Hotel „Avenue“
Hotel „Agathe“ (liegt im Vorort Bataisk, nicht in Rostow selber)
Apartment-Komplex „Akropolis“
Hotel „Tichie Sady“
Banja-Hotel „Russkiy Stil“
Hotel „Raspberry Paradise“
Hotel „Kars“

Samara

Hotel „Tonika“

Rund um Sotschi

Hotel „Fidan“, Sotschi
Hotel „Crystal“, Sotschi
Hotel „Alean“, Anapa
Kempinski Grand Hotel, Gelendschik
Hotel „Intourist“, Krasnodar

Wolgograd

Hotel „Astoria“, Wolgograd
Hotel „Lukomorje“, Wolgograd
Hotel Hampton by Hilton Profsojusnaja, Wolgograd
Hotel „Gallery Park“, Wolgograd
Hotel „Stalingrad“, Wolgograd

Warum aus Jekaterinburg, Kasan, St. Petersburg, Nischni Nowgorod und Saransk keine Hotels auf der Wucherpreisliste stehen? Schwer zu sagen. Vielleicht sind die Kontrolleure vor Ort einfach weniger aufmerksam.

⚽  Neues von Sepp Blatter – wobei, können wir an der Stelle mal kurz innehalten? Wie habt ihr den Mann gerade im Kopf ausgesprochen? Sepp, mit weichem, stimmhaftem S – wie bei Sahne, Samt, Silber? Oder Sepp mit stimmlosem, scharfem S – Skulptur, Sex, Skala? Ja, das ist wichtig. Nein, das sind keine Assoziationen zu Blatter. Geht’s noch. Pfff.

Sepp Blatter also hat am Montag dieses Bild hier getwittert, das aussieht wie das Cover eines Computerspiels, aber der Aufschrift nach wohl doch eher ein Buch ist: „Sepp Blatter: Der Fußball und ich – eine offenherzige Geschichte“.

Coming soon, so so – veröffentlicht der Blattersepp also wirklich ein Buch auf Russisch? Eine deutschsprachige Vorlage scheint es jedenfalls nicht zu geben. Infos zum Verlag? Keine. Berichterstattung in russischen Medien? Nix. Und dann noch diese seltsame Schreibweise: Auf Russisch heißt dem Mann seit Jahren „Зепп Блаттер“ – weiches S, zwei P. Auf dem getwitterten Cover hingegen steht Сеп Блаттер – scharfes S, ein P – und das auch noch in einer so komischen Schrift, dass es wie „Set Blatter“ aussieht.

Also: Wo hat er sich das so amateurhaft zurechtphotoshoppen lassen? Und warum sollte das in Russland erscheinen – weil man hier noch zu ihm hält? Putin hat den eigentlich gesperrten Blatter ja als persönlichen Gast zur WM eingeladen. Die russischen Reaktionen auf Blatters Tweet sind bisher vor allem eines: verwirrt. „Wieso heißt der denn jetzt Set Blatter?“„Seth, Horus und Osiris Blatter.“

⚽  „War doch kein Rassismus! War doch nur Spaß!“ So lasen sich viele Reaktionen in der russischen Sportpresse, nachdem Spartak Moskau in einem Tweet seine schwarzen Spieler als „Schokolade, die in der Sonne schmilzt“ bezeichnet hatte. Nun, wie sich rausstellt, war es dann doch Rassismus, Russlands Fußballverband hat Spartak deshalb zu einer Geldstrafe verurteilt. Das Strafmaß zeigt dann auch direkt, wie ernst das Thema Rassismus hier im Profifußball genommen wird: Der Leiter von Spartaks Öffentlichkeitsarbeit muss 20,000 Rubel Strafe zahlen – ganze 286 Euro.

⚽  Drew, ein Freund hier aus Moskau, war übers Wochenende in Wolgograd, also habe ich ihn gebeten, doch mal Fotos vom Baufortschritt am Stadion mitzubringen. Sieht gut aus, durchaus, und erinnert mehr als nur ein bisschen ans Vogelnest in Peking.

kscheib russball stadion wolgograd

Auch eine Straßenbahn hat er bei seinem Kurztrip fotografiert, komplett im dunkelroten WM-Design, mit dem Schriftzug der „Gastgeberstadt Wolgograd“. Drew hatte genug Zeit, das Foto zu machen, denn sowohl die schicke WM-Tram als auch seine in die Gegenrichtung standen still, berichtete er: „Kein Strom auf der Leitung – hoffentlich kriegen die das bis Juni noch hin.“

kscheib russball wolgograd tram

⚽ „Womit beschäftigt sich Philipp Lahm nach dem Abschluss seiner Karriere?“, fragte Championat.ru im vergangenen September (Die Überschrift wurde dann noch mal geändert, aber in der URL kann man die ursprüngliche Variante noch sehen). Das hat der Konkurrenz von der Zeitschrift „Futbol“ so gut gefallen, dass sie vier Monate Schamfrist verstreichen ließen und dann diese Woche ihren eigenen Artikel zum selben Thema veröffentlichte. Überschrift: „Business-Lunch“. Unterzeile: „Womit beschäftigt sich Philipp Lahm nach dem Ende seiner Karriere?“

„Vor neun Monaten verabschiedete sich Philipp Lahm vom Fußball ohne eine Träne im Auge und mit breitem Lächeln im Gesicht“, heißt es da. In Lahms neuem Leben habe der Ball keinen Platz mehr, stattdessen gehe es nun um gesunde Ernährung, Fanprojekte und den Kampf gegen Rechts. Es geht auch nicht nur um Lahm: Timo Hildebrand, so erfahren wir, ist bei Veganz eingestiegen, Marcell Jansen investiert in Sportkleidung. Und zum Eiskrem-Döner-Kleidung-Portfolio von Lukas Podolski schreibt „Futbol“ sehr hübsch: „Podolski mag nach Japan gewechselt sein, aber seine Seele bleibt in Köln. Und sein Geld auch.“

⚽ Wenn ein Geschäftsmann bis zu 100.000 Rubel (rund 1400 Euro) in etwas investiert, dann rechnet er sich aus, dass er das Geld mit seiner Investition auch wieder rausholt. Das gilt auch, wenn der Geschäftsmann ein Krimineller ist, das Geschäftsmodell Betrug und die Zielgruppe ahnungslose WM-Touristen: Laut einem Bericht von „Kommersant“ kaufen Verbrecher derzeit ausrangierte Geldautomaten auf, um sie während der Fußball-WM aufzustellen und damit Menschen abzuzocken, die glauben, sie könnten dort Geld abheben.

Wie verhindert man also, dass man Opfer dieser Masche wird? Zum Beispiel, indem man nur Automaten nutzt, die in Bankgebäuden, großen Einkaufszentren und Hotels, am Flughafen oder in Regierungsgebäuden stehen – sprich: da, wo Sicherheitskräfte darauf achten, dass niemand ein manipuliertes Gerät aufstellt. Oder indem man darauf achtet, ob der Geldautomat lange Zeit im Standby ist oder unvermittelt neu startet. Weitere Hinweise hat die russische Zentralbank auf ihrer Website veröffentlicht.

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So, fertig. Wobei: Beim Korrekturlesen ist mir dieser eine Satz in der Einleitung aufgefallen: „Das hat Witali Mutko jetzt noch mal klargestellt.“ Wie absurd ist das bloß, dass Witali Mutko zum Thema WM noch irgendwas klarzustellen hat? Mutko, der wegen seiner Doping-Verwicklung lebenslang von allen Olympischen Spielen gesperrt ist, der seine Ämter beim russischen Fußballverband und beim WM-Organisationskomitee deshalb ruhen lässt?

Aber es bleibt ihm ja immer noch sein Job als stellvertretender russischer Ministerpräsident. Und wenn er als solcher dann halt gelegentlich mal was klarstellen muss, was mit der Fußball-WM zu tun hat – nun, das lässt sich wohl leiderleider nicht vermeiden.

Bis nächste Woche!



 

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Russball, Folge 26: Moskau, Kasan, Sotschi

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Das war eine fleißige Woche seit der letzten Russball-Folge: Am Mittwoch haben Max-Jacob Ost und ich uns für seinen Rasenfunk-Podcast über den Fußball in Russland und vor allem die Vorbereitungen auf die Weltmeisterschaft im kommenden Sommer unterhalten: Russland vor der WM 2018 – Kurzpass 044.

Freitag dann die WM-Auslosung (dazu unten mehr), und am Montag hat VICE ein Interview gebracht, für das René Bosch und ich vor allem über Tipps für deutsche Fußball-Fans gesprochen haben, die nach Russland reisen wollen: Hotelpreise, Sprachkenntnisse, Visum, die wichtigsten Apps, die man vorher runterladen sollte. Und um meinen Lieblingsitaliener hier in Moskau ging’s auch: Was erwartet Fans in Russland?

Sowohl Max als auch René verdanke ich auch einige neue Blog-Leser, Twitter-Follower, Newsletter-Abonnenten – wie schön, herzlich willkommen! Heute geht’s fast ausschließlich um die WM, zum Start mit einem Blick auf die drei Städte, in denen die deutsche Mannschaft ihre Gruppenspiele austrägt.

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⚽ Muss ich Moskau überhaupt noch erklären? Kommt doch ständig vor hier, bei Russball und in den anderen Blogposts. Es ist die Stadt, wo die wichtigsten Sehenswürdigkeiten in jedem Bus mitfahren. Wo man das Leitungswasser besser nicht trinkt. Wo man im Sommer so schön Boot fahren kann oder sogar segeln. Die Stadt, wo du in der Metro-Station hoch gucken und die Liebe sehen kannst. Alles Dinge, die man hier als Fan erleben kann.

Was muss man fußballtechnisch über die Stadt wissen? Sie ist schuld daran, dass an der WM zwar zwölf Stadien, aber nur elf Städte beteiligt sind. Moskau darf zweimal ran, mit dem Luschniki-Stadion und dem von Spartak. Passt aber irgendwie ins Bild, schließlich hat diese Stadt auch gleich fünf große Fußballvereine hervorgebracht: Lokomotive Moskau, Dynamo Moskau, Spartak Moskau und ZSKA Moskau spielen in der ersten Liga, Torpedo Moskau in der dritten. Und wo wir schon mit Zahlen hantieren: Bei Lokomotive sind Russlands Fußballzwillinge beschäftigt, Alexei und Anton Miranchuk, beide auch Nationalspieler.

⚽ Dann also Kasan. Ich war da immer nur im Winter – das Erlebnis, mit Eisfischern ins Gespräch zu kommen, werden die deutschen Fußballer und ihre Fans im Juni wohl nicht haben. Dafür kann, wer immer hierher reist, eine russische Stadt erleben, in der Islam und Orthodoxes Christentum gleich stark vertreten sind – im örtlichen Kreml stehen die Mariä-Verkündigungs-Kathedrale und die Kul-Scharif-Moschee nicht weit voneinander entfernt. (Hier sieht man die Moschee bei Google Arts & Culture.)

Interessant an Kasan ist auch, dass Lenin hier studiert hat – einen Seminarraum, in dem er damals saß, kann man immer noch im Originalzustand besichtigen. Direkt vor dem Uni-Gebäude steht außerdem eine Lenin-Statue, die man aber kaum als Lenin erkennt. Keine Halbglatze, kein Bart, kein visionär ausgestreckter Arm. Der Kasaner Lenin sieht halb nach Babyspeck aus und halb nach Boygroup. Ist halt noch Student.

Ich wollte hier jetzt eigentlich noch was über die Kasan-Arena schreiben (laut WM-Werbung „das einzige Fußballstadion der Welt, in dem zwölf Schwimm-Weltrekorde aufgestellt wurden“). Dann habe ich einen Freund, der Sportreporter ist und bei ebendiesem Schwimm-Turnier war, gefragt, was potentielle WM-Reisende noch über Kasan wissen sollten. Er möchte ungenannt bleiben, weist aber darauf hin, dass es an der Bauman-Straße – Kasans Fußgängerzone – den Club „Coyote Ugly“ gibt. Dort tanzen Damen mit viel Energie und wenig Kleidung auf dem Tresen, und wenn, sagen wir mal, ein deutscher Sportreporter den Raum betritt, wird er zu einem besonderen Ritual genötigt: Man setzt ihm einen Bauarbeiterhelm auf, dann klopft ihm eine der Tänzerinnen kräftig mit einem Baseballschläger auf den Kopf. Anschließend muss er einen Wodka auf Ex trinken, und dann wird geschaut, was passiert. Kostet 15 Euro, umgerechnet.

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob er die Geschichte als Warnung oder als Empfehlung gemeint hat.

⚽ Sotschi schließlich ist die dritte Stadt, in der die deutsche Nationalelf eines ihrer Gruppenspiele austragen wird. „Man kann den Fußballfans in Sotschi nur gratulieren zu dieser ausgezeichneten Auswahl an Teams“, schreibt eine lokale Nachrichtenseite. Interessant wird jetzt auch, ob sich das DFB-Team daraufhin nun entscheidet, wie während des Confed-Cups wieder in Sotschi zu wohnen. In den Worten von Leon Goretzka: „Es ist nicht das Verkehrteste auf der Welt, beim Frühstück aufs Meer zu blicken.“ Wer von Sotschi spricht, meint übrigens meist Adler, den etwas abseits gelegenen Vorort, in dem die olympischen Sportstätten wie auch das Fischt-Stadion liegen.

Die Gebäude des Olympischen Dorfs sind heute Hotels, es gibt also genug Unterkünfte der Kategorie „einfach, aber sauber“. Allerdings wohnt man dort dann ziemlich in der Pampa: links Hotel, rechts Hotel, kaum Busse. Selbst, wenn man sich mit dem Taxi in die Nähe vom Stadion bringen lässt, kann es gut noch mal 30 bis 45 Minuten Fußweg bedeuten, bis man am richtigen Eingang ist. Aber vielleicht gibt es während der WM ja einen Shuttle-Service.

Wer die Dreiviertelstunde nach Sotschi fährt – auf der Strecke gibt es einiges an Busverbindungen, mit teils recht drastisch argumentierenden Busfahrern – kann dort nicht nur im Hafen Wladimir Putins offizielle Yacht liegen sehen. Es lohnt sich auch unbedingt, in den botanischen Garten zu gehen. Vor zwei Jahren ist mein Moskauer Chor im Hochsommer bei einem Musikwettbewerb in Sotschi angetreten, und dieser Garten war so ziemlich der einzige Ort, wo man tagsüber gleichzeitig draußen und trotzdem im halbwegs Kühlen sein konnte.

⚽ Erst mal nicht in Sotschi spielen darf die Mannschaft von Brasilien – sie tritt in der Gruppenphase in Moskau, St. Petersburg und Rostow an. Dumm nur, dass die Brasilianer schon vor der Auslosung ihr WM-Quartier in Sotschi gebucht haben. Da löst das Moppern des Trainers über lange Anreisen dann nicht mehr ganz so viel Mitleid aus. Ähnlich sieht es auch bei den Engländern aus, die sich ja schon vor einigen Wochen für eine sowjetisch angehauchte Unterkunft irgendwo hinter Petersburg entschieden haben. Ihnen stehen nun folgende Anreisen zu den Gruppenspielen bevor:

Und überhaupt, wer sich jetzt über lange Anreisen beschwert, hat sich vermutlich vorher nicht allzu intensiv mit russischer Geographie befasst. Dabei sind Wladiwostok, Omsk, Irkutsk nicht mal Austragungsorte, der östlichste ist Jekaterinburg, was auf einer West-Ost-Achse durch Russland nicht mal auf halber Strecke liegt. Die Teams der russischen Liga müssen da für ihre Spiele um die Meisterschaft ganz andere Distanzen zurücklegen, in der zweiten Liga sind sie sogar noch länger unterwegs.

⚽ RBK hat Wirtschaftsexperten gefragt, was die Fußball-WM Russland wohl an Geld bringen wird. Das Ergebnis ist ernüchternd: „Aller Wahrscheinlichkeit nach ein Verlustgeschäft“ erwartet ein Analyst der Raiffeisenbank, ein anderer Fachmann sieht die Auswirkungen auf Russlands Wirtschaftswachstum „im Bereich…..“. Alles, was da kurzfristig an neuen Jobs in Hotels, Restaurants usw. geschaffen werde, breche quasi Mitte Juli wieder weg.

Unterm Strich sagt RBK daher 0,2 Prozent Wirtschaftswachstum durch die WM voraus – trotz Prognosen, wonach angereiste Fans hier rund 3 Milliarden Dollar ausgeben werden. Dmitri Peskow, Sprecher von Präsident Putin, hat auf die RBK-Analyse mit seiner eigenen Rechnung reagiert: Schließlich seien bei einer WM nicht nur die wirtschaftlichen, sondern auch die gesellschaftlichen Auswirkungen wichtig.

⚽ Langsam wird es Zeit, einen Weihnachtswunschzettel zu schreiben. Wobei in Russland ja Väterchen Frost die Geschenke bringt, und das auch erst an Silvester, aber egal. Dieser russische Fußballfan, der hier gerade bei Instagram die Runde macht, kümmert sich rechtzeitig:

Смешно как-то 😂#чм2018 #футбол #воображение

Ein Beitrag geteilt von Марина (@marina_budakova) am

Wer immer dieses Meme getextet hat, der ist gut im Gebrauch russischer Schimpfwörter. Auf Deutsch klingt das dann in etwa so:

– „Liebes Väterchen, ich habe nur einen einzigen Wunsch: Dass unsere Nationalmannschaft bei der WM im eigenen Lande nicht völlig abkackt.“
– „Alter, bin ich ein scheiß Zauberer oder was?“

⚽ Laut „Futbol“ soll in Russlands Premjer-Liga eine Art Fan-ID eingeführt werden. Das klingt auf den ersten Blick interessant: Schon beim Confed-Cup durfte ohne Fan-ID niemand ins Stadium, genau so wird es bei der WM sein – und man muss eine ganze Menge persönlicher Daten dafür angeben. Auf den zweiten Blick reicht dann aber auch ein normaler Ausweis oder Reisepass und damit der Datensatz, den man dem Staat anvertraut hat. Einfacher gesagt: Wer ins Stadion will, muss sich in Zukunft ausweisen können.

⚽ Zur WM-Infrastruktur gehören nicht nur Stadien, Hotels, Straßen und Züge. Wenn russische und internationale Fans ihre ganzen Selfies entspannt instagrammen wollen, brauchen sie auch anständiges Internet. Allein Moskau nimmt deshalb fast 15 Millionen Dollar in die Hand, dafür sollen in der Stadt mehr als 2000 neue WLAN-Hotspots entstehen. Dabei ist Moskau im Vergleich zu deutschen Großstädten schon jetzt super aufgestellt: Kostenloses WLAN in der Metro, in Parks, in vielen Bussen und Taxen, dazu in so gut wie allen Cafés und Museen. Ach so, und mobiles Internet – LTE natürlich – für ein paar hundert Rubel im Monat hab ich schon gesagt?

⚽ Leonid Sluzki ist wieder auf dem Markt. In seinem halben Jahr bei Hull City hat Russlands früherer Nationaltrainer nur vier Siege seiner Mannschaft erlebt, das war dann doch zu wenig. Für Hull heißt das: Schon wieder einen neuen Trainer suchen, den vierten seit Sommer 2016. Und für Sluzki? Kann gut sein, dass die Episode eher für als gegen ihn zählt – Erfahrung als Trainer in England, wer hat das in Russland schon?

Die Sluzki/Hull-Bilanz von Sports.ru klingt denn auch so: „Er holte 2017 zwar nur vier Siege, aber er lernte Englisch, arrangierte sich mit Spielern und Fans, deren Mentalität ihm fremd war, und war mit einer ganz anderen Art von Leistungsdruck konfrontiert.“ Erfahrungen, so der Kommentator, die Sluzki so in Russland nicht hätte machen können und von denen er in den nächsten Karriere-Jahrzehnten profitieren könne. Kann also gut sein, dass der ein oder andere russische Verein schon die Fühler Richtung Sluzki ausstreckt. (Wer übrigens, wie ich, bisher nicht wusste, warum Sluzki seine Karriere als Profifußballer früh beenden musste: Einfach mal ans Ende von diesem Guardian-Artikel hier scrollen. Ooooohhhh!)

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Mann, das ist heute eine lange Russball-Ausgabe geworden – und ich hab sogar noch ein paar zeitlose Links aufbewahrt für nächste Woche. Zum Schluss noch zwei Artikel, zu denen man nicht viel erklären muss, die aber in den nächsten Monaten für potenzielle Russland-Reisende nützlich sein könnten: Ein Überblick über alle russischen WM-Stadien und ein zweiter über die Zeitzonen, in denen sie liegen. Wer jetzt immer noch nicht genug hat: Alle alten Russball-Folgen zum Nachlesen gibt es hier. Bis nächste Woche!



 

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Harry Potter und die Digitalisierung des Schreckens

kscheib digitalisierung harry potter british library

An einem Dienstag Nachmittag habe ich zum ersten Mal das Gefühl, dass das mit dieser Digitalisierung eventuell ein bisschen zu weit geht.

Es ist November, es ist London und es ist die British Library. Gerade habe ich mir die Ausstellung zu 20 Jahren Harry Potter angeguckt – Manuskripte und Skizzen von J.K. Rowling, dazu alte Bücher zu Astrologie, Pflanzenkunde, mythischen Wesen, sogar ein beinahe echter Einhornkopf. Alles interessant, aber dann vielleicht doch nicht „16 Pfund für ein Ticket zahlen und trotzdem noch nicht mal fotografieren dürfen“-interessant.

Jedenfalls steht neben der Infotheke so ein Aufsteller mit Werbung für künftige Veranstaltungen, unter anderem: „Hogwarts, Poudlard, Rokfort: Translating Harry Potter“. Eine Podiumsdiskussion mit Übersetzern, bei der es unter anderem darum gehen soll, wie man Hagrids Akzent in einen ukrainischen Dialekt überträgt, oder wie der „Snitch“ auf Isländisch heißt. Sowas überzeugt mein kleines Sprachnerd-Herz sofort, der Mann an der Information hat auch nichts zu tun – es dämmert schon, die Bibliothek leert sich. Also, schnell noch eine Karte kaufen.

Frage an den freundlichen Informationsmann also: „Gibt es für die Diskussionsrunde zu Harry Potter noch Karten?“ Er sucht ein bisschen im Computer rum und stellt fest: Ja, durchaus. „Dann hätte ich gerne eine,“ sage ich – „Sind Sie denn Mitglied bei uns?“ – „Nein, leider nicht, ich muss den vollen Preis zahlen.“ Falsche Vermutung.

Denn die Frage, ob man ein Member ist – also zu den Freunden und Förderern der British Library gehört – stellt der Mann nicht etwa wegen eines Rabatts. Nur Members dürfen die Eintrittskarte hier noch persönlich bei einem echten Menschen kaufen. Normalsterbliche, Touristen und alle anderen, die sich die jährlichen 80 Pfund Membership-Gebühr nicht leisten, bekommen ihre Karten nur noch online.

Am Anfang vermute ich noch, dass das ein Missverständnis ist. Aber die Nachfrage via Twitter ergibt: Doch doch, das ist tatsächlich so. Einzige Ausnahme sind Restkarten: Sie gibt es am Tag der Veranstaltung dann auch in der Bibliothek zu kaufen, ganz normal am Schalter.

Besonders inklusiv ist das nicht – wer sich nicht sicher im Internet bewegt, aufs Geld schauen muss oder nur zu Gast in der Stadt ist, für den ist es schwierig, an Tickets zu kommen. Und schneidet sich nicht auch die British Library selber ins Fleisch? Schließlich sind hier in der Dauerausstellung jeden Tag großartige Exponate zu besichtigen. Die Magna Carta. Manuskripte von Jane Austen. John Lennons handgeschriebener Text für „Strawberry Fields“. Alles komplett kostenlos – da müsste die übliche Strategie doch noch wichtiger sein, Gäste auch zum Besuch im hauseigenen Café, im Museumsshop oder eben bei einer weiteren Veranstaltung zu motivieren.

Andererseits ist der Kontakt zu einer echten Person als Privileg ja durchaus ein Prinzip, das sich in den letzten Jahren herausgebildet hat. Wer sich das Warten am Flughafen sparen will, muss entweder online selber einchecken oder Business Class buchen. Wer in einem englischen Supermarkt nicht mühsam alles selber scannen will, muss in die längere Schlange, die zu einer Kasse mit Kassiererin führt.

Ich bin dann übrigens doch noch ganz ohne Digitalisierung an meine Karte gekommen – offline, am Tag der Veranstaltung selber. „Lots and lots of tickets“ gebe es noch, sagte der Infoschaltermann, während er eines davon ausdruckte. In der Tat war der Saal abends dann zwar gut gefüllt, aber keineswegs ausverkauft. Dabei hatte die British Library doch per Twitter noch so einen cleveren Trick nachgereicht: In der Bücherei selber gebe es doch kostenloses WLAN. Man könne ja hinkommen, sich dort für einen Zugang anmelden und über den dann die Karte buchen.

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Russball, Folge 19: Würdet ihr mit dieser Frau eine WM-Unterkunft teilen?

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Wenn keiner deiner Freunde dich mehr in Moskau besuchen kommen will, dann weißt du: Es ist Herbst. Zeit, all die Restfahrten auf den zurückgebliebenen Metrotickets aufzubrauchen und statt zweimal nur noch einmal die Woche ins georgische Restaurant zu gehen. Nachsaison.

Was im Privatleben stimmt, sieht im offiziellen russischen Terminkalender allerdings ganz anders aus. Mitte November kommt die spanische Nationalmannschaft zu einem Freundschaftsspiel ins St. Petersburger Stadion – ja, genau, das mit dem Dachschaden. Und für einen noch unklaren Termin vor Jahresende hat sich auch der britische Außenminister Boris Johnson angesagt – ja, genau, der mit dem Dachschaden. Ich weiß jedenfalls, bei welchem Besuch ich lieber dabei wäre.

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⚽ Diese Fußball-Woche hat mit einer ziemlich steilen Lernkurve für mich angefangen. Aus russischen Medien war zu erfahren, dass es eine isländische Website namens „The Reykyavik Grapevine“ gibt, und dass diese wiederum weiß, wo die frisch qualifizierten Isländer während der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland wohnen wollen: Gelendschik soll Islands Fußballverband (Knattspyrnusamband Íslands. Nein, ich denk mir das nicht aus.) sich auserkoren haben, einen Ort nicht weit von Sotschi. Da war ja beim Confed-Cup die deutsche Nationalmannschaft untergebracht und liebäugelt mit der Idee, dort auch nächstes Jahr wieder zu wohnen.

Nicht nur stößt man beim Rumlesen auf „The Reykyavik Grapevine“ auf schwarzhumorige Überschriften wie „Verunglückte Schweine durften sich erst mal ausruhen, ehe sie geschlachtet wurden“. Man erfährt auch, dass das WM-Hotel zwar „nicht ganz wie Walhalla“ ist, aber immerhin von der FIFA empfohlen wird. Auf deren Seite ist das Hotel „Nadeschda“ bereits als komplett ausgebucht markiert. Schnell noch ein Blick auf den Instagram-Account des Hotels: Sowjetsoldaten. Sideboob. Die Frau mit dem blauen Haarnetz. Ich habe so viele Fragen.

⚽ Einem russischen TV-Bericht zufolge sollen neben Island und England (siehe Russball-Folge 18) noch einige weitere Teams bereits wissen, wo sie ihr WM-Quartier einrichten wollen. Russland behält selbstverständlich seinen Standort in Nowogorsk, nordwestlich von Moskau. Der Iran hat sich Kaluga, 200 Kilometer weiter südlich, ausgesucht, während Brasilien und Spanien sich wie die Isländer für die Region Krasnodar, also das Gebiet rund um Sotschi, entschieden haben sollen.

Wäret ihr ein Fußballverband und auf der Suche nach einem Quartier für euer Team, wäre übrigens das hier die Website eurer Wahl: http://tbc-russia2018.com/ – „tbc“ steht für „Team Base Camp“. Dort könnt ihr mehr als 60 mögliche Standorte anschauen, nach Regionen sortieren, nach Sonderwünschen filtern und untereinander vergleichen: Wie viele Zimmer, wie viele Sterne, wie weit vom Flughafen? Aber auch: Wie weit zum Trainingsplatz, und können Paparazzi oder neugierige Fans ihn einsehen? AirBnB für Nationalmannschaften.

⚽  Alisa ist keine Spielerfrau, hat aber trotzdem mit Fußball zu tun. Was Siri für Apple ist und Alexa für Amazon, das soll Alisa für Yandex sein, Russlands großen Technologiekonzern. Man kann die App also zum Beispiel fragen: „Alisa, wie viele Menschen leben in Moskau?“, und Alisa sagt dann „In Moskau leben 12 380 664 Menschen.“ Alles ganz einfach?

Nicht so ganz. Denn bei Fußballfragen bekommt Alisa Loyalitätsprobleme, das ist gleich mehreren Nutzern aufgefallen. „Magst du ZSKA?“, hat jemand sie gefragt – „Ich liebe ZSKA“ – „Und wer wird russischer Fußballmeister?“ – „Zenit.“ Auch auf Fragen nach Spartak antwortet Alisa mit Zenit-Parolen – Details dazu hier. Probehalber habe ich sie dann noch gefragt, ob Russland denn wohl nächstes Jahr Fußball-Weltmeister wird. Diplomatische Antwort: „Das sehen wir ja dann.“

⚽ Wie sehr Zenit St. Petersburg die Premjer-Liga dominiert, davon war hier ja schon das ein oder andere Mal die Rede. Ein Ergebnis vom vergangenen Spieltag verdeutlicht das nun noch mal ganz besonders, obwohl es auf den ersten Blick gar nicht für eine starke Zenit-Leistung spricht: Es war ein 0:1 gegen Arsenal Tula. Das ist ein Verein, den man (ganz im Gegensatz zu Zenit) eher im Mittelfeld der Tabelle findet.

Warum das Resultat trotzdem ein Beleg dafür ist, wie viel stärker Zenit im Vergleich zur Konkurrenz ist? Weil es die erste Niederlage des Vereins in der aktuellen Saison war. Zwölf Spieltage lang nur Siege oder mal ein Unentschieden, erst am 13. musste die Mannschaft sich wieder mit dem Gefühl auseinandersetzen, als Verlierer vom Platz zu gehen.

⚽  Vom Tabellenersten Zenit zum aktuellen Schlusslicht. Bloß neun Punkte hat Anschi Machatschkala in 13 Spielen gesammelt, als einzige in der Liga hat die Mannschaft aus Dagestan damit eine zweistellig negative Tordifferenz, nämlich -17. Russian Football News hat Gründe dafür gesammelt, vom abrupten Trainerwechsel nach nur sechs Spielen über weggekaufte Spieler bis hin zu Problemen bei der Chancenverwertung. Die ganze Analyse, mit allerlei bunten Diagrammen, gibt es hier. Und wer sich beim Blick auf die Überschrift „Anzhi, are you OK?“ fragt, woran die noch mal erinnert: Bitte hier ab 1:40 beim Refrain mal gut zuhören.

⚽  Zur Fußball-Weltmeisterschaft wird in Moskau das Angebot an kostenlosem WLAN weiter ausgebaut. In der Metro, im Bus, in Cafés und Restaurants gehört das schon jetzt zum Standard, nun sollen drei weitere Bereiche mit Gratis-WIFI versorgt werden: Moskaus Straßen, Kultureinrichtungen, und öffentliche Anlagen wie Universitäten und Parks.

Laut Wedomosti sind Ausschreibung und Vergabe soweit erledigt (drei separate Betreiber für die drei Bereiche, das kann noch lustig werden). Interessant ist aber vor allem die Frage, für wen und für wie lange diese Infrastruktur überhaupt sinnvoll ist. Mit den vielen WM-Gästen steige die Belastung der Mobilfunknetze, schreibt das Blatt, das Gratis-WLAN solle sie entlasten und den Fans hohe Roamingkosten ersparen. Andererseits werde nach der Weltmeisterschaft das Interesse wohl stark nachlassen, zitiert Wedomosti einen Experten: Vor allem in der Moskauer Innenstadt ist die LTE-Abdeckung gut, und mobiles Internet ist hier ohnehin billig.

⚽  Statistiken gehören zum Fußball dazu – Ballbesitz, Schüsse aufs Tor, gelbe Karten, rote Karten. Bombardir.ru hat allerdings eine kleine Kollektion eher ungewöhnlicher Daten zu Russlands oberster Fußball-Liga gesammelt. Und so halten wir hier einmal kurz inne und schicken warme Gedanken voller Mitgefühl an Eric Bicfalvi. Der Rumäne von Ural Oblast Swerdlowsk ist aktuell der meistgefoulte Spieler im russischen Premjer-Liga-Fußball. 4,1 mal pro Match muss er sich wieder aufrappeln, nachdem ihn ein Gegner umgenietet hat. In der bisherigen Spielzeit sind so schon 45 Fouls an Bicfalvi zusammengekommen.

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Zum Schluss noch eine Runde nutzloses Wissen, präsentiert von der Taschenrechner-App auf meinem Handy: Selbst wenn alle 334.252 Isländer nächsten Sommer kollektiv zur Weltmeisterschaft nach Russland reisen, dann kriegen sie gerade mal die Hälfte aller WM-Stadien voll. Wenn ihr diesen Fakt demnächst beim Fußball-Fachsimpeln mit Freunden erwähnt, dann weist sie doch gerne auch direkt auf dieses Blog und den Russball-Newsletter hin. Danke!



 

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Russball, Folge 18: Wo Englands Elf bei der Fußball-WM wohnen wird

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Die 18. Russball-Folge schon, endlich volljährig! Okay, andere haben noch sehr viel wichtigere Zahlen zu feiern. Russlands Präsident Putin zum Beispiel ist am Wochenende 65 geworden – auf dem Gabentisch lag unter anderem italienische Bettwäsche. Neid!

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⚽  Keine 250 Tage mehr bis zum Anpfiff der Fußball-Weltmeisterschaft hier in Russland. Nach und nach wird klarer, welche Mannschaften teilnehmen dürfen – auch Deutschland hat sich qualifiziert, ihr habt das eventuell mitbekommen. „Fast im Trainingsmodus erspielten sich die Deutschen den ersten (Gruppen)Platz“, schreibt Championat. „Erinnern sie sich, wie Deutschland 2014 die WM gewann?“, fragt Futbol und ergänzt: Seitdem habe „das deutsche Fließband die nächste Ladung Spitzenspieler geliefert, die für fünf Nationalmannschaften ausreichen würden.“

Sport Express sieht deshalb ein Luxusproblem auf den Bundestrainer zukommen: „Im Frühjahr 2018 wird Löw ein großes Problem haben: Wie wählt man aus all den besten Spielern Deutschlands die 23 für den WM-Kader aus?“ Einer wird garantiert dabei sein, da sind sich Russlands Sportjournalisten sicher: Joshua Kimmich, der „neue Lahm“. Kimmich, der 2017 als einziger bei allen Länderspielen eingesetzt wurde. Kimmich, „der neue Star des ‚Bundesteams‘.“

⚽ Auch England ist dabei bei der WM, und im Gegensatz zu Deutschland ist auch schon klar, wo die Mannschaft wohnen wird:

Nein, okay, nicht in diesem kleinen Erdloch, aber quasi nebenan. ForRestMix heißt das Hotel in Repino bei St. Petersburg, eher nett und adrett als eine Luxusabsteige. Blümchenlampenschirme. Zierkissen. Beigetöne. „Ein Kontrast zu den opulenten Unterkünften der Vergangenheit“, formuliert der Guardian diplomatisch.

Bei Tripadvisor kommen zwar im Schnitt 4,5 Punkte zusammen, einige Gäste teilen diese Einschätzung jedoch nicht: „furchtbar stickig“ – „überteuert“ – „riecht immer noch wie ein Sanatorium aus Sowjetzeiten“. Die Journalistin Amie Ferris-Rotman, von der auch der Tweet oben ist, hat sich bei den Anwohnern umgehört und festgestellt: Besonders scharf auf das englische Team sind die auch nicht. Immerhin, es gibt einen Nachtclub, sogar mit Themenabend. „Schuluniform-Party“, anyone?

⚽ Wer sich nicht qualifiziert hat, ist die Ukraine. Da hatte es vor dem entscheidenden Spiel gegen Kroatien in russischen Medien durchaus Spekulationen gegeben: „Wird die Ukraine verlieren, um nicht nach Russland zu müssen“, hatte beispielsweise Argumenty i Fakty gefragt. Die Annexion der Krim, der Konflikt in der Ostukraine – das alles ist im Alltag präsent und hat natürlich auch Auswirkungen auf Großveranstaltungen, wie zuletzt beim Eurovision Song Contest.

Selbst die Flugverbindungen von Kiew nach Moskau sind seit Jahren eingestellt. Meldungen, welche ukrainischen Fans, Funktionäre, vielleicht gar Spieler bei der Einreise Probleme hatten, wird es rund um dieses Turnier nun also nicht geben. Die Ukraine wiederum muss nicht entscheiden, ob sie eine WM auf russischem Boden boykottiert – was Konsequenzen von Seiten der FIFA hätte haben können.

⚽ Zenit St. Petersburg trauert um seinen Sportdirektor: Konstantin Sarsania galt als der Mann hinter dem Erfolg des Clubs in den vergangenen Jahren. Am vergangenen Freitag fühlte er sich unwohl und wurde ins Krankenhaus gebracht, wo er am Tag darauf starb, offenbar an einer Thrombose. Wie sehr er Zenit geprägt hat, kann man bei Russian Football News im Detail nachlesen. Sarsania wurde 49 Jahre alt.

⚽ Am Montag war ich morgens im Hotel Baltschug-Kempinsky, was exakt so nobel ist, wie es klingt. Die Moscow Times, mein früherer Arbeitgeber, hat ihre Jubiläumsausgabe vorgestellt. Gegründet hat die Zeitung vor 25 Jahren ein Holländer, Derk Sauer, der seit kurzem auch wieder der Besitzer ist. Die Botschafterin der Niederlande war also da, sprach am Rande auch über Fußball und die theoretisch ja noch total vorhandene Chance, dass ihr Team sich noch qualifiziert – wir waren alle zu taktvoll, um zu widersprechen.

Interessant war auch noch eine Info am Rande: Eigentlich gibt es die Moscow Times inzwischen nur noch online, wenn nicht gerade Jubiläum ist. Während der Fußball-Weltmeisterschaft nächsten Sommer, bei der Moskau ja einer der Austragungsorte ist, wird es sie allerdings kurzfristig wieder als Tageszeitung geben. Nützlich für diejenigen Fans, die kein Russisch können, aber doch zumindest Englisch – also schon mal merken.

⚽ Eine neue Folge unserer beliebten Serie „Ronaldinho hat keine Prinzipien, dafür aber Grund zum Lächeln, wenn er am Kontoauszugdrucker steht“: Zu Putins oben schon erwähntem Geburtstag gab es in Grosny ein Fußballspiel, angeleiert vom dortigen Gewaltherrscher, Ramsan Kadyrow. Ex-Fußballprofis aus Russland und Italien sollten bei dem tschetschenischen Match gegeneinander antreten, Ronaldinho wurde also als Teilzeitrusse durchgewunken. Auch Kadyrow hatte sich aufgestellt und alle, die wussten, was gut für sie ist, bildeten brav eine Rettungsgasse von ihm bis zum Tor.

Dass Ronaldinho sich gerne mal vor Kadyrows Karren spannen lässt, ist ja nichts Neues – siehe Russball-Folge 6. Neu auf der „Sind vor nix fies“-Liste begrüßen wir außerdem: Salvatore Schillaci, Fabrizio Ravanelli und Marco Delvecchio.

⚽ Erinnert ihr euch an diesen Fußballkommentator, der ewig bei 1Live in den O-Ton-Charts lief? „Der steht nicht im Abseits! Du blinder Linienrichter! Du Blindmann, verdammt noch mal! Das geht doch auf keine grüne Kuhhaut…“ Boris Rupert war das damals, 2001 bei Borussia Dortmund (danke an Birthe fürs schnelle Finden!), und endlich, endlich gibt es nun ein würdiges russisches Gegenstück.

Ein nicht gegebener Elfmeter, ein nicht gepfiffenes Handspiel, und der Livestream-Kommentator und Pressesprecher von Torpedo Wladimir war nicht mehr zu halten: „Elfmeter! Was machst du denn? Das ist ein Elfmeter! Eine Schande für den russischen Schiedsrichterverband – da könnt ihr mich ruhig für bestrafen! Hand! (…) Eine Schande für den russischen Fußball!“ Und dann, der wütende Abgang: „Schauen Sie Fußball ohne Kommentator! Auf Wiedersehen!“. Der Rest ist Schweigen. Zum Nachhören gibt es den Rant hier.

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Während dieser Blogpost entstanden ist, hat Russland 1:1 gegen den Iran gespielt und Katalonien sich wider Erwarten nicht für unabhängig erklärt. Damit liegt dann auch die clevere Idee, dem FC Barcelona ein neues Zuhause in der russischen Liga zu finden, erst mal auf Eis. Dabei hatte der FK Jenissei Krasnojarsk sich das doch alles schon so schön überlegt. Wenn’s doch noch was wird, erfahrt ihr das nächste Woche hier – bis dann!



 

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Carepakete nach Russland

Irgendwann merkt man beim Heimatbesuch, dass man eine Einkaufsroutine entwickelt hat. Kein Zettel mehr nötig, die Hand holt im Supermarkt schon automatisch dieselben Dinge aus dem Regal. Parmesan. Das Lieblingsmüsli. Diese Obstriegel. Mandelcreme. Mandelcreme.

Das hat natürlich mit den von Russland verhängten Lebensmittelsanktionen zu tun, aber auch mit den Preisen und dem Sortiment in den Moskauer Geschäften: Viele Produkte gibt es hier zwar auch, sie sind halt nur bekloppt teuer. Oder nur in diesem einen Laden zu bekommen, zwölf Metrostationen entfernt. Oder es geht um diese kleinen Stücke Zuhause, die nur in der heimischen Variante genau richtig schmecken oder riechen. Auch die werden beim Heimatbesuch gehamstert oder von Gästen bei ihrer Russlandreise im Koffer mitgebracht.

Natürlich hat jeder andere Vorlieben, trotzdem gibt es auch Parallelen. Netterweise haben einige Moskauer Freunde Fotos von ihren Carepaketen gemacht und erklärt, was sie warum mitbringen (lassen).

1. Aus England

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„Also, das ist geräuchtertes Paprikapulver (bekommt man hier bestimmt auch irgendwo, hab mir noch nicht die Mühe gemacht, danach zu suchen), Roibuschtee (dito), selbstgemachte Marmelade (Orange, klar), brown sauce, Chiasamen und klassischer, britischer schwarzer Tee – damit ich mir einen anständigen Pott builders‘ brew machen kann.“

2. Aus Deutschland

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„Ist zwar nicht sanktioniert, aber diese Halsbonbons bekommt man hier nicht. Jedenfalls habe ich die noch nicht gesehen. Und für russische Bonbons in der Apotheke zahlt man ein Vermögen, ein Päckchen 500 bis 600 Rubel.“

3. Aus den USA

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„Meine Ausbeute aus den USA bestand dieses Mal vor allem aus ziemlich viel Sardellenpaste. Unerlässlich, wenn man im Winter Eintopf kocht.“

4. Aus Frankreich

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„Käse, Käse, Käse, Käse, Käse, Käse – und ein Glas Rillettes.“

5. Aus Irland

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„Mitbringsel aus der Heimat: Butter, Brie, Camembert, Würstchen, black pudding, Schokolade, soda bread, Kosmetika und der obligatorische Alkohol.“

Danke an Birgit, Frances, Grace, Jennifer und Maik für ihre Fotos.

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Der Chorworkshop mit Voces8 in acht Highlights

Milton Abbey Summer School Scores

Kein Ausschlafen, Essen in der Kantine, jeden Tag stundenlange Probenarbeit, abends Konzerte und wenn man gerade ins Bett gefallen ist, weckt einen der Feueralarm. Man muss schon eine besondere Sorte Musik-Nerd sein, um so seinen Urlaub zu verbringen.

Wir sind 150, und jeder einzelne ist froh, einen Platz ergattert zu haben. Denn die Dozenten bei diesem Chorworkshop in der südenglischen Pampa sind Voces8. Wenn man sich als Sänger von jemandem etwas abgucken möchte, dann sind die acht schon keine so ganz schlechte Wahl. (Hier singen sie das ohnehin ziemlich großartige „Ubi Caritas“ von Ola Gjeilo.)

Sportler fahren ins Trainingslager. Wir sind hier, in Milton Abbey, einer Schule im historischen Gebäude. Die Highlights der Woche, natürlich in acht Punkten:

1. Das Einsingen

Das mag komisch klingen, aber ja, die Einsingübungen waren für mich tatsächlich einer der Höhepunkte. Wahrscheinlich, weil der Kontrast so groß ist zum Chor hier in Moskau, wo die Devise „im Zweifel forte und marcato“ gilt und das Aufwärmen chronisch zu kurz kommt.

Die halbe Stunde Wachwerden jeden Morgen – Körper, Atmung, Stimme – war gerade deshalb eine super Sache. Erst recht, weil jeder von den acht Sängern/Dozenten seine eigenen Methoden mitgebracht hatte.

Gähnen, Hecheln, Explosivlaute, Tonfolgen, das kennt man ja. Luftgitarre spielen (und hinterher zerdreschen) war mir dagegen neu – genau wie das allmorgendliche Gefühl, dass eine halbe Stunde mehr Schlaf der Auge-Hand-Koordination vielleicht ganz gut getan hätte. („Try not to hit yourself in the face“, siehe Video, bringt es ganz gut auf den Punkt.)

So sorgfältig betreut hat die Stimme dann auch tatsächlich sechs Tage Proben, drei Konzerte, zwei Gottesdienste und allerlei abendliches Spontangesinge gut überstanden.

2. Das Zuhören

Töne angeben? Ach komm, ihr seid doch schon groß, der Grundton reicht. So in etwa war die Haltung, egal, mit wem von Voces8 wir gerade gearbeitet haben. Fiel mir am Anfang schwer, weil es lange keiner mehr eingefordert hatte. Noch ein Grund also, sich zu konzentrieren. Und ein Erfolgserlebnis, je verlässlicher es nach und nach wieder klappte.

3. Der Ort

Schon sehr englisch, unser Zuhause für eine Woche – die Architektur, der perfekte Rasen, die zermatschten Erbsen beim Mittagessen, die Unterbringung in den verschiedenen Schulgebäuden („In welchem Haus bist Du denn?“ – „Slytherin.“).

Milton Abbey

In einem Aufenthaltsraum hängt noch die Liste, welches Haus im letzten Schuljahr die meisten Punkte gesammelt hat. Ein junger Tenor sieht aus wie Neville Longbottom. Und wie heißt der Gastmusiker, der mit uns am zweiten Tag etwas einstudiert? Alexander L’Estrange. Keine weiteren Fragen.

4.  Das Repertoire

Jedes Land hat ja für jedes Niveau so seine typischen Chorwerke, und irgendwann hat man die meisten mal gesungen oder zumindest gehört. Die Woche in Dorset war also auch eine Chance, viele neue Stücke kennenzulernen: Fyre, Fyre! von Thomas Morley (Schmackes!), Stephen Paulus‘ Pilgrim’s Hymn (Mystik!), My spirit sang all day von Gerald Finzi (Taktwechsel! Noch einer! Schon wieder!) – und das war nur die Kammermusik.

Außerdem gelernt: Shantys und Lieder aus der Tudorzeit lassen sich problemlos mischen. Henry VIII hat mehr komponiert als nur Greensleeves. Und so eine kleine Mozartmesse kann man im Notfall auch ganz gut vom Blatt singen.

5. Die Atmosphäre

Dass die Leiter eines Workshops bei den Proben und Konzerten ansprechbar sind, ist klar. Wie viel man aber auch sonst mit einigen von Voces8 zu tun hatte – in der Essensschlange, an der Bar, zwischen Tür und Angel – das war schon sehr sympathisch.

Manche waren sogar mit Eltern/Partner/Nachwuchs angereist, und auch sonst war die Atmosphäre durchweg familiär: Gäste wie Alexander L’Estrange und seine Band oder Paul Phoenix kamen also nicht nur zu ihren Proben und Konzerten, sondern blieben länger und gaben ihrerseits Feedback und Tipps („Wenn ihr ‚Falalalala‘ singt, denkt dran: Das haben die damals so getextet, weil sie nicht offen sagen konnten ‚Oh, Baby, ich mag, was Du da gerade tust‘.“). Wahrscheinlich hat es auch denen in der Milton-Abbey-Idylle gefallen.

6. Die Kammermusikgruppen

Endlich mal wieder ein Madrigal singen, und dann auch noch in so einer madrigaligen Atmosphäre: liebliches Südengland, Sommer (jaja, englischer Sommer – Unterhemden, Longsleeves und eine Wärmflasche für nachts, so packt der Profi). Geprobt im Ballsaal mit sehenswerter Decke, aufgeführt in einer Abteikirche, wie man das halt so tut.

 

Milton Abbey Ballroom Ceiling

Alles, was im großen Ensemble unter „passt schon irgendwie“ fällt, hat uns unser Chorleiter hier nicht durchgehen lassen (danke, Chris!).  Schön, mal wieder so konzentriert und in kleiner Besetzung an ein paar Stücken zu arbeiten.

7. Der Französisch-Fail

Kein Gemeinschaftserlebnis, sondern ein komplett persönliches: Wie sehr der Versuch, sich mit den französischen Teilnehmern zu unterhalten, gescheitert ist. Zuhören, verstehen, kein Problem. Aber antworten? J’habite à Moscou, i je rabote chez une gasyetta. Gelächter auf beiden Seiten.

Jedenfalls habe ich beschlossen, das als Erfolgserlebnis zu deuten. Weil die ganzen gepaukten Vokabeln offenbar im Hirn inzwischen gut Wurzeln geschlagen haben.

8. Die anderen Sänger

Was das für eine vielfältige, internationale Gruppe war, fiel vor allem an den Abenden auf, wo alle aufgerufen waren, eine Kleinigkeit aufzuführen – „your party piece“. Hätte ich doch nur mehr Videos gemacht! Von der wahrscheinlich ältesten Kursteilnehmerin, sicher gut in den Siebzigern, als Eliza Doolittle mit „Wouldn’t it be loverly“.

Von den drei Jungs, alle noch diesseits des Bartwuchses, mit Gitarre, Ukulele und einem selbstgebastelten Mash-up aus zwei Pop-Nummern.  Von allem, was da stimmlich zwischen Opernhaus und Fankurve so abging. Und von Händels Halleluja-Chor, kurz vor Mitternacht, ohne Noten, aber mit Vehemenz. Alle zusammen.

 

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Auf den billigen Plätzen: Promming

  

Erste Male: Promming. Also, nicht einfach ein Konzert der Proms anhören, sondern von da, wo es die echten Fans tun, die Prommers: ganz oben unterm Dach der Royal Albert Hall. Stühle gibt es hier nicht, darum nutzen manche Leute ihre Jacken oder eine Zeitung als Unterlage. Die meisten aber sitzen einfach auf dem Boden – oder stehen vorne am Geländer, bei dem in jedem Metallstab das goldene A für Albert glänzt.

Unten spielt das Mahler Chamber Orchestra Stravinsky, hier oben schlüpfen ein paar Spätankömmlinge noch schnell aus den Schuhen, es hat den ganzen Tag geregnet. Ein älterer Mann knistert vorbei – er trägt statt Strümpfen Plastiktüten in seinen Schuhen. Wahrscheinlich hängen die Socken irgendwo an einem Treppengeländer, vielleicht da hinten, wo die drei aufgespannten Schirme auf dem Boden stehen und ihre Besitzer darunter liegen als hätten sie Angst vor Sonnenbrand. 

Der Klang hier oben ist kein Stück schlechter als auf einem der regulären Plätze – genau so rund, genau so klar. Aber wir hier oben (und die zweite Gruppe Prommers, auf Stehplätzen direkt vor der Bühne) haben nur £5 für unsere Karten bezahlt. Stundenlang stellen sich manche am Tag des Konzerts dafür an; ich hab wegen des Regens einfach kurz vor Beginn vorbeigeschaut – und Glück gehabt: kein Anstehen, nur fünf Pfund bezahlen und vier Stockwerke hochlaufen.

Umbaupause von Stravisnky zu Beethoven, ein paar Meter weiter hantieren zwei Mädels mit ihren Stäbchen über den Resten ihres Sushi-Picknicks hin und her. „Neulich saß ich hinter jemandem, der hatte eine Partitur dabei und hat die ganze Zeit mitgelesen,“ erzählt der Mann, der neben mir an der Wand lehnt. 

Bücher und Strickzeug sind keine Seltenheit, auch ein Schachbrett würde mich nicht überraschen. Schließlich kann diese Mischung aus Hochkultur und Rumfläzen kaum jemand so gut wie die Engländer: Shakespeare in einer Schlossruine mit Wein aus Plastikbechern. BYOB-Sinfoniekonzert im Park, mit Picknickdecke und Regencape. Musiker in Abendgarderobe spielen für Zuhörer in Jeans und ohne Schuhe. 

Unten schlägt der Konzertmeister am Flügel einen Ton an, damit das Orchester stimmen kann – ein „Bravo“-Ruf auf den billigen Plätzen, Gelächter und Applaus in der ganzen Halle. Dann kommt Leif Ove Andsnes, setzt sich an den Flügel und es wird wieder ruhig. Beethoven, Klavierkonzert Nr. 3. Großartig, ob im Sitzen, Stehen oder Liegen; ob vorgebeugt oder zurückgelehnt. 

Ich zieh mir auch mal die Schuhe aus.

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