Erotisches Butterbrot

Schon als wir ganz neu hier in Moskau waren faszinierte mich der Hausflur, der zur Übergangswohnung gehörte, genauer gesagt: das Bücherregal. Dass eine fremde Hand Bücher für einen hinlegt, passiert hier gar nicht mal so selten. Diese Schmonzette hier zum Beispiel hielt die Hausmeisterin eines Gebäudes bereit, in dem wir über AirBnB Gäste untergebracht hatten. Oder doch lieber ein Buch über einen Hausgeist, aussortiert von den Nachbarn? Die Geschichte vom Amphibienmann wiederum lag mal bei Rezeptor rum, einer Kette vegetarischer Cafés.

Aktueller Spitzenreiter in der Kategorie „wir haben da mal ein Buch hingelegt“ ist aber das Fundstück von gestern Abend. Irgendwo nahe der Metrostation Kurskaja waren eine Freundin und ich ins erstbeste Café gegangen, das wir in all seinem überbeleuchteten, unterbegrünten Charme dann auch komplett für uns hatten. Auf dem Tisch Apfelstrudel und Tee, auf der Fensterbank dieser Band hier:

erotische küche für jeden tag russland

Erotische Küche für jeden Tag“ – was da allein schon das Titelfoto alles verspricht: Herztorte! Bananen! Mit undefinierbarem Gemüse gefüllte Röllchen! Zu einer Torte arrangierte Bratenscheiben mit Kirschtomaten! Alles Klassiker geübter Verführungsköche, klare Sache.

Innendrin leider keine Fotos mehr, nur noch sporadische Zeichnungen. Das Buch mag von 2006 sein, die Gestaltung erinnert eher an die Siebziger. Dafür entschädigt das Inhaltsverzeichnis: Was sich hier an poetischer Strahlkraft Bahn bricht, ist schon bemerkenswert.

Ein armer, einsamer Kochbuch-Redakteur muss Stunden und Stunden damit verbracht haben, sich diese Namen auszudenken. Begonnen hat er dabei ganz handfest mit dem Kapitel „бутерброд“ (buterbrod), also mit belegten Broten. Einer ganzen Seite voll.

erotische butterbrote russland kochbrot

Sandwich „Bouquet der Leidenschaft“, Seite 16. Sandwich „Matrosenliebe“, Seite 17. Sandwich „Feigenbaum“, Seite 19. Zwischendurch schwächelt der Texter kurz und führt ein profanes „Sandwich mit Auberginen“ auf, fängt sich dann aber wieder zugunsten der großen erotischen Küchenlyrik: Sandwich „Halbmond“, Sandwich „Amors Pfeil“, Sandwich „Herzensfreund“.

Langsam kommt uns unser Apfelstrudel arg profan vor. Hätten wir mal jede ein Sandwich „Nach Mitternacht“ von Seite 27 bestellt! Oder doch das Kartoffelgericht „Lambada“ von Seite 149?

Wir blättern dann noch ein wenig in den erotischen Salaten („Schwanentreue“, „Wolke Sieben“, „Des Zaren Freude“), den Suppen („Illusion“, „Versuchung“) und den Omelettes („Tanz in der Nacht“, „Weiße Rosen“, „Herzdame“), da fällt aus dem Buch eine Grußkarte, mit rosa Blumen und zwei funkelnden Eheringen: „Liebe Kinder, ich gratuliere euch zum ersten Hochzeitstag! Möget ihr noch viele solche Jahrestage feiern: zehnte, zwanzigste, sechzigste. Dicke Küsse, Mama.“ Darauf trinken wir. Auch wenn es nur Tee ist und nicht der Cocktail „Romantisches Gefühl“, Seite 173.

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Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre in Moskau

Wie das manchmal so ist: Da lese ich auf den Tipp einer Freundin „Malentendu à Moscou“ von Simone de Beauvoir, in dem ein älteres französisches Paar in den Sechzigern nach Moskau und von dort weiter durchs Land reist. Es ist nicht ihr erster Besuch in der Sowjetunion, sie stehen beide dem politischen System dort wohlwollend gegenüber, einander allerdings immer weniger, je länger sich die Reise zieht.

Das Lesen im französischen Original geht am Anfang noch recht schleppend voran, ab und zu schicke ich Vokabeln, die ich nicht verstehe, an einen frankophonen Kollegen. Irgendwie ging das alles schon mal besser, aber gut, da hatte sich auch noch nicht das Russische als oberste Schicht übers Hirn gelegt.

Jedenfalls komme ich erst irgendwo hinter Seite 80 auf die Frage, wie biografisch diese Geschichte wohl ist. Waren de Beauvoir und ihr Lebensgefährte Jean-Paul Sartre selber mal in Moskau? Wenn ja, dann gemeinsam? Die Antwort, in Bildern, hat das Archiv von Getty Images.

Sartre und de Beauvoir am 1. Juni 1962 in Moskau. Beide reisten mit einer Delegation der Französischen Kommunistischen Partei (PCF). Hier empfängt sie S. K. Romanowski, Vorsitzender des Staatlichen Komitees für kulturelle Beziehungen zu anderen Ländern.

Beim selben Besuch entstand auch dieses Bild: Sartre, de Beauvoir, Romanowski und, ganz links, Wjatscheslaw Kotschemassow, der spätere sowjetische Botschafter in der DDR.

Noch einmal 1962 – hier die beiden Gäste aus Frankreich mit dem Schriftsteller und Journalisten Konstantin Simonow.

Drei Jahre später, im Sommer 1965, sind die beiden noch einmal in Moskau (und ich bin ein bisschen verliebt in diesen Halbturban, La Beauvoir trägt).

Alles in allem scheinen die beiden in diesen Jahren recht regelmäßig in der Sowjetunion gewesen zu sein. Getty hat auch noch Aufnahmen von einem Besuch im Jahr 1966. Bei British Pathé, deren YouTube-Kanal eine verlässliche Fundgrube an historischem Material ist, gibt es außerdem diesen Clip: de Beauvoir und Sartre treffen 1963 in Gagra Nikita Chruschtschow.

Wer die anderen Schriftsteller sind, hat Hans Magnus Enzensberger aufgeschrieben – danke an Matthias für den Link.

Nachtrag: Über das Autorentreffen mit Chruschtschow hat damals auch die ZEIT berichtet – danke an Holger für den Hinweis.

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Putin der Woche (XII)

putin der woche judo

Gesehen: Im Buchladen

Begleitung: Ein Judoanzug mit aufgesticktem Namen. Zwei Ko-Autoren.

Text: „Judo lernen mit Wladimir Putin“.

Subtext: Judo ist so eine schöne, schlichte Metapher. Gegner aufs Kreuz legen. Trotzdem weiße Weste. Das muss keiner groß ausdeuten, wenn solche Bilder im Staatsfernsehen kommen. Bei einem Staatsbesuch hab ich auch mal den höchsten Gürtel im Taekwondo verliehen bekommen, einen höheren als Chuck Norris. Dabei steht Taekwondo auf der (verdammt kurzen) Liste der Dinge, die ich nicht kann. Judo hingegen, da könnte ich ein Buch drüber schreiben. Lassen. Übersetzt heißt „Judo“ übrigens „der sanfte Weg“. Perfekt für höfliche Menschen.

Oben-Ohne-Punkte: 1/10 für einen Hauch von Dekolleté.

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Endlich Impftag!

Neulich nachmittags bei Freunden: Wir reden über Bücher, welche sich aktuell so lohnen, wo man sie in Moskau am besten kauft. Der Blick schweift über die Schrankwand, dann kommen wir auf Kinderbücher zu reden, und schließlich liegt auf dem Tisch ein Liederbuch für Schulkinder. Aus Sowjetzeiten, die Schwester des Gastgebers hatte es damals im Tornister. Und darin ein Lied übers Impfen.

impfsong russland 1976

2015 hat Anti-Vaxxers in den USA und einen tödlichen Masern-Ausbruch in Berlin. 1976 hatte Lieder, in denen Musterschüler von Moskau bis Wladiwostok sehnsüchtig darauf warteten, endlich mit der Impfung dran zu sein.

Wenn man unterstellt, dass der Impfkalender in Russland seitdem zumindest in seinen Grundzügen konstant geblieben ist, war das entweder die Impfung gegen Masern/Mumps/Röteln, oder eine Auffrischungsimpfung gegen Tuberkulose bzw. Diphtherie und Tetanus. So oder so sind die Drittklässler im Buch natürlich begeistert hingerannt, den Text auf den Lippen:

Zur Impfung!
Dritte Klasse, dritte Klasse, dritte Klasse!
Habt ihr es gehört?
Das sind wir, das sind wir, das sind wir!

Ich habe keine Angst vor Spritzen
Wenn es nötig ist, lass ich mich impfen
Zur Impfung! Sie rufen uns, Brüder!

Nur ein Feigling hat Angst davor
Zur Impfung zum Arzt zu gehen.
Ich lächle und scherze,
Wenn ich eine Spritze sehe.

Zur Impfung!
Dritte Klasse, dritte Klasse, dritte Klasse!
Habt ihr es gehört?
Das sind wir, das sind wir, das sind wir!

Ich habe keine Angst vor Spritzen
Wenn es nötig ist, lass ich mich impfen
Zur Impfung! Sie rufen uns, Brüder!

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Etikette und Eichhörnchen

Heute ist wieder Buchclubtreffen. Ich bin da so reingerutscht dank einer Kollegin, in diese englisch-schottisch-russisch-irisch-amerikanische Runde und habe derzeit noch ein kleines Etikette-Problem.

Bücher zum Vergnügen lesen – geht, klar. Bücher für die Uni oder für die Arbeit lesen – auch. Und wenn mir in einem Buch etwas auffällt, sei es dienstlich oder privat, dann google ich hinterher ein bisschen rum und erfahre mehr. Beim Buchclub wäre das kontraproduktiv: Die Diskussion, was welcher Handgriff eines Autors wohl soll, ist ja gerade das Ziel. Es geht um eigene Gedanken, Referieren aus Wikipedia oder der Reclam-Lektürehilfe kann schließlich jeder.

Zu abstrakt? Okay. Diesen Monat lesen wir „Pnin“ von Vladimir Nabokov, was ganz schön gemein ist seiner Hauptfigur gegenüber. Anders als lächerlich darf der aus Russland in die USA emigrierte Professor vor allem zu Beginn selten rüberkommen, dargestellt als ein verpeilter, schrulliger Waschlappen mit mehr Marotten als Verstand. Und dann noch diese Eichhörnchen.

Graubraunes Cover, bunte Markierungen:
Graubraunes Cover, bunte Markierungen: „Pnin“ nach dem Fertiglesen.

Auf Seite 23 sieht der junge Pnin vom Krankenbett aus eines, auf Seite 24 schaut dem erwachsenen Pnin eines bei einer Panikattacke zu. Auf Seite 58 hat er nach einem Besuch seiner Ex-Frau eine Sinnkrise und gibt währenddessen einem Eichhörnchen was zu trinken – spätestens da habe ich angefangen, die Viecher mit Post-its zu markieren.

So eine Eichhorndichte, das muss doch ein Stilmittel sein und nicht bloß Zufall? Das nächste rennt auf Seite 73 durchs Bild, Pnin ist gerade auf dem Weg in die Bücherei. Und da, auf Seite 76, kommt endlich der Satz, der die ganzen Eichhörner rechtfertigt:

„…many good young people considered it a treat and an honor to see Pnin pull out a catalogue drawer from the comprehensive bosom of a card cabinet and take it, like a big nut, to a secluded corner and there make a quiet mental meal of it…“

Okay, kein Zufall also – aber Absicht in welche Richtung? Soll das Pnin weiterhin lächerlich erscheinen lassen oder auch liebenswert? Ist es dann erwähnenswert, dass er sich Anfang des Buchs alle Zähne ziehen lassen hat und nun sehr stolz ist auf seine famosen Dritten, mit denen er alles zerbeißen kann?

Hätte man das als halbwegs belesener Mensch eh vorher wissen müssen, weil Nabokovs Eichhörnchen sowas sind wie Prousts Madeleines? Und schwingt da irgendeine Metapher über das Leben in der Fremde mit, weil die Eichhörnchen in Russland rot sind und in den USA grau, das Emigrantenleben also ähnlich wie zuhause, aber nicht gleich?

Wir müssen reden.

Phoebe I totally get symbolism gif

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2014 – das Jahr in Büchern

buchruecken 2014 
Mehrere Monate in einer Übergangswohnung, während der eigene Lesestoff in Kisten darauf wartet, endlich auch nach Russland zu reisen. Buchläden, die mit internationalen Titeln eher mittelmäßig sortiert sind. Potschta Rossii, eine direkte Abkürzung in den Päckchen-Orkus.

Es gibt viele Gründe, warum die Lesemischung 2014 ein bisschen bunter war als sonst, nach dem Prinzip: Gelesen wird, was da ist. Auch viele Leihgaben waren dabei – nur ein Teil von dem, was unten steht, ist also auch oben auf dem Foto zu sehen.

Zeit zum Lesen war dafür viel da. Wie das halt so ist, wenn die Zahl der Freunde in Reichweite plötzlich wieder einstellig ist, draußen ständig Schnee liegt und das Pendeln zur Arbeit mindestens 60 Minuten dauert, eine Strecke.

Was bleibt, sind ein paar Trends: Die wiederentdeckte Liebe zu Christopher Isherwood. Die drei „Lucifer Box“-Bücher von Mark Gatiss, so großartig überzeichnet und liebevoll trashig. Zum ersten Mal seit ewig wieder Kurzgeschichten lesen, von Hilary Mantel, gefolgt vom Vorsatz, das wieder öfter zu tun. Stephen Frys neuen Autobiographie-Band ganz okay finden, aber zwei andere Bücher von ihm deutlich besser. Ilf und Petrow als schmerzfreier Einstieg in die russische Literatur. Zum zweiten Jahr in Folge ein richtig gelungener „Inspektor Rebus“, wobei der Dienstgrad nicht mehr stimmt. Hier also die komplette Liste:

“Crap Dates: Disastrous Encounters From Single Life” von Rhodri Marsden.
crap datesGelesen für eine Kolumne in der WAZ. Das Format „Komm, wir dengeln aus Tweets ein Buch zusammen“ ist ja bekannt, das hier ist trotzdem originell und ein Grinsen wert. Muss man aber nicht kaufen, es reicht auch, @Rhodri Marsden bei Twitter zu folgen.
 

“The Guernsey Literary and Potato Peel Pie Society” von Mary Ann Shaffer/Annie Barrows.
guernsey potao peelEines dieser Bücher, wo bei Titel und Design komplett klar ist, dass es an Frauen vermarktet werden soll. War dann aber doch ganz lesenswert und hat mich besonders interessiert, weil es im Zweiten Weltkrieg auf Guernsey spielt, unter deutscher Besatzung. Im echten Leben gehörte damals mehrere Jahre lang mein Opa zu diesen Besatzern, der diese durchweg ruhige Zeit immer als „wir haben da die Tomaten gehütet“ beschrieben hat. Wenn er Heimaturlaub hatte, fuhr er dagegen „in den Krieg“.
 

“Sehnsucht ist ein Notfall” von Sabine Heinrich.
9783462046212Sabine Heinrich finde ich schon so lange so gut, dass ich ein bisschen Sorge hatte, ob das denn auch was wird mit dem Buch und ich sie hinterher bitte immer noch mögen kann. Am Anfang, als sich dann ein Frau-zwischen-zwei-Männern-Plot auftat und sich eine Oma mit potentiell gutem Rat abzeichnete, hatte ich kurz ernsthaft Sorge. Aber dann war das doch gar keine altersweise Rosa-Bäckchen-Oma, und es ging auch nicht um die Suche nach dem einen, wahren Mann als Lebensentwurf. Stattdessen ist das Buch ein Roadmovie, in der Italo-Variante. Schwein gehabt.
 

“Journey To A War” von W.H. Auden/Christopher Isherwood.
Steinbeck und Capa in Russland, Ilf und Petrow in den USA – solche Reisereportagen mit zwei Protagonisten funktionieren im Idealfall gleich doppelt: Man erfährt was über das Reisen und darüber, wie die beiden Reisenden sich miteinander arrangieren. Isherwood_and_Auden_by_Carl_van_Vechten,_1939Hier sind die beiden Reisenden Christopher Isherwood und W.H. Auden, die jahrzehntelang Freunde waren, gelegentlich auch Liebhaber und außerdem als Künstler viel Wert auf die Meinung des anderen gelegt haben. Die zwei, zusammen unterwegs im Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieg, mal britisch-kolonial zum Tee beim Botschafter, mal im Dreck und Matsch kurz hinter der Front, das liest sich einfach großartig. Eines der Highlights 2014.
 

“Drei Männer im Schnee” von Erich Kästner.
Die ganze Zeit beim Lesen Heinz Erhardt als Geheimrat Tobler vor Augen gehabt, dabei wurde das Buch gar nicht mit ihm verfilmt. Aber dieser Stil, die Geschichte um den reichen Mann mit goldenem Herzen, der sich als Armer tarnt – alles bekannt, alles oft gesehen. Und trotzdem hat das Buch ein bisschen gewärmt, im schneematschigen März.
 

“My Trade” von Andrew Marr.
Download (1)Schon ein bisschen alt, diese Ausgabe von Andrew Marrs Bestandsaufnahme der britischen Medienlandschaft. Aber mitten in der Zeit des Lebens-aus-dem-Koffer war das immer noch gute Lektüre, anekdotenreich, reflektiert und anschaulich. Und nebenbei auch ganz nützlich, um für den neuen Job das englischsprachige Redaktions-Vokabular wieder aufzupolieren.
 

“There Is No Dog” von Meg Rosoff.
Download (2)Joah. Auf eine Empfehlung hin gelesen, und die Idee, dass Gott ein hormongetriebener Jugendlicher ist, der sich leicht ablenken lässt, würde sicher das ein oder andere an dieser Welt erklären. Trotzdem: Normalerweise hab ich gelesene Bücher ganz gerne hinterher im Regal, das hier konnte ich ohne Trennungsschmerz anschließend wegtauschen.
 

“I Feel Bad About My Neck” von Nora Ephron.
Nora Ephron hat viele Drehbücher geschrieben, darunter das für „Harry and Sally“, was als Ansporn reichte, dieses Buch hier zu ertauschen. Und ja, das ist alles geschickt gemacht, eine gute Mischung zwischen Pointen und den großen Themen des Lebens. Aber „die kann ihr Handwerk“ ist eben nicht dasselbe Gefühl beim Lesen wie „das berührt mich“. Also auch wieder weggetauscht, ebenfalls schmerzfrei.
 

“The Vesuvius Club” von Mark Gatiss.
the vesuvius clubWenn mir ein Künstler liegt, dann hangel ich mich ja ganz gerne durchs Gesamtwerk. Mark Gatiss schreibt Drehbücher für „Sherlock“, spielt darin Mycroft Holmes, und stand dieses Jahr am Donmar Warehouse in „Coriolanus“ auf der Bühne. (Unter Pseudonym hat er außerdem mal Geld als Autor von historisch angehauchter Pornographie verdient – die Amazon-Rezensionen zu lesen, lohnt sich!) Gatiss‘ „Lucifer Box“-Trilogie ist schon ein paar Jahre alt, aber „Wortspielerei-lastiger Roman um einen jungen, attraktiven Lebemann und Spion, der Männer, Frauen und schöne Kleidung liebt, gerne mal beim Dinner jemanden erschießt und um 1900 das Schicksal zweier untoter Wissenschaftler ermittelt und dabei wenn nicht die Welt, dann doch zumindest Italien rettet“ ist ja ein zeitlos schönes Genre. Gekonnter Trash, perfekte Pose. Jeder Bond würde sich über so einen Plot freuen. (Schönste Namen, neben Lucifer Box: Mrs Midsomer Knight, Charlie Jackpot und Miss Bella Pok.)
 

“The Devil in Amber” von Mark Gatiss.
devil in amberAuch „Wortspielerei-lastiger Roman um einen leicht gealterten Lebemann und Spion, der Männer, Frauen und schöne Kleidung liebt, in den Zwanzigern eine Vereinigung amerikanischer und britischer Faschisten unterwandert und schließlich dem Teufel selbst entgegentritt“ ist ein Genre, das Aufmerksamkeit verdient. (Schönste Namen: Percy Flarge, Sal Volatile und Agnes Dei.)
 

“Black Butterfly” von Mark Gatiss.
black butterflyEbenfalls ein schönes Genre: „Wortspielerei-lastiger Roman um einen vor der Pensionierung stehenden Lebemann und Spion, der Männer, Frauen und schöne Kleidung liebt, in den Fünfzigern eine heimtückische Pfadfinder-Vereinigung auffliegen lässt, der auch sein Sohn angehört“. Am besten von den drei Bänden ist aber definitiv der erste. (Schönste Namen: Kingdom Kum und die Anarcho-Criminal Retinue of Nihilists, Incendiarists and Murderers, abgekürzt A.C.R.O.N.I.M.)
 

“All Russians Love Birch Trees” von Olga Grjasnowa.
51rBGlTlY2L._SY344_BO1,204,203,200_Eigentlich gibt es keinen Grund, das Buch auf Englisch zu lesen – Olga Grjasnowa hat es auf Deutsch geschrieben, der Originaltitel heißt „Der Russe ist einer, der Birken liebt.“ Aber gut, im Buchladen gab es das eben auf Englisch, und die Stimmung, das pralle Leben und die tiefe Trauer, sind genau so, wie die „Zeit“ es hier bejubelt.
 

“No Place to Hide” von Glenn Greenwald.
no place to hideDas Buch zum Snowden. Liest sich mit Journalistenblick erst spannend (Kontaktaufnahme, Treffen, Interview, alles hinter dem Rücken der US-Behörden), dann bedrückend (das schiere Ausmaß der Überwachung), zwischendurch lustig (wer glaubt, bei ihm im Büro würden schlimme Präsentationen gehalten, hat die NSA-Powerpoints noch nicht gesehen) und zum Schluss langatmig, wenn Greenwald wieder und wieder die etablierte Medienlandschaft verurteilt, weil sie ihm zu ängstlich, zu langsam und zu regierungsnah ist. Das ist, bei allen guten Argumenten, dann doch eher anstrengend, immer wieder zu lesen. Trotzdem, unterm Strich, gute Lektüre – erst recht, wenn man in Snowdens neuer Heimat lebt.
 

“Thank you, Jeeves” von P.G. Wodehouse.
Ein Klassiker der britischen Literatur! Feinsinniger Humor! Die Briten und ihre Klassengesellschaft, so klug parodiert! Und endlich, endlich hab ich auch mal was von ihm gelesen und… fand’s ganz okay. Doch, ja, nett.
 

“Hammer and Tickle” von Ben Lewis.
Die vielen Pointen mitnehmen, ohne sich vom Ton des Erzählers irritieren zu lassen, das ist der Trick, um dieses Buch gerne zu lesen. Mehr hier.
 

“Juliet, Naked” von Nick Hornby.
juliet nakedEin Buch über Fan-Sein, Besessenheit und das Internet, und natürlich über Musik. Und klar, der Seitenhieb gegen „Let It Be Naked“ und ähnliche Vermarktungstricks ist deutlich. Die Mythenbildung und der Hype um einen Star sind hier genau so schlau beschrieben wie das komplett unspektakuläre Leben als Mitarbeiterin eines Heimatmuseums im möglicherweise langweiligsten Ort Großbritanniens. Und dann begegnen sich diese zwei Welten, und gottseidank lässt Nick Hornby das nicht gutgehen.
 

“Palmen in Castrop-Rauxel” von Dennis Betzholtz/Felix Plötz.
palmen in castrop-rauxelZu den guten Journalisten, die durch die Kündigungswelle bei der WAZ-Mediengruppe (heute Funke) ihre Stelle verloren haben, gehört auch Dennis Betzholtz aus der Dortmunder WR-Redaktion. Er hat daraufhin, parallel zum neuen Job, ein Buchprojekt auf die Beine gestellt und per Crowdfunding finanziert – mehr dazu hier. Der Schreibstil lag mir nur teilweise – ich kann das nicht gut haben, wenn mich ein Sachbuchautor direkt anspricht und mir erklärt, was ich für Schlüsse ziehen soll. Aber für die Porträts und für das Projekt selber – Respekt.
 

“Mir fehlt ein Tag zwischen Sonntag und Montag” von Katrin Bauerfeind.
zwischen sonntag und montagHat eigentlich jeder Journalist so eine Geschichte im Block, anrecherchiert und dann doch nie geschrieben? Meine ist jedenfalls ein Interview mit Katrin Bauerfeind, ca. 2005, als sie noch „Ehrensenf“ in Köln moderiert hat. Im Vergleich zu dieser Einfach-mal-machen-Atmosphäre damals ist dieses Buch manchmal ein bisschen routiniert (ich glaube, jedes einzelne Kapitel hat eine inhaltliche Klammer vom ersten zum letzten Satz, wie beim Spiegel), aber trotzdem schräg und unterhaltsam. In einem Jahr mit sehr viel Wartezeit auf dem Weg von oder zu diversen Flughäfen war das hier ein guter Griff als Reiselektüre.“
 

“Fucking Moscow” von Chris Helmbrecht.
fucking moskauWer diesen Titel mit „Verdammtes Moskau“ übersetzen möchte, liegt leider falsch. Stattdessen vögelt sich hier jemand durchs Hauptstadtleben, halb athlethisch, halb blasiert, gerne auch mal frauenfeindlich und rundum mit der Erotik einer Runde Zirkeltraining.
 

“Mr Penumbra’s 24-Hour Bookstore” von Robin Sloan.
„Ein Gesicht wie ein Fehler 404“ ist nur eines von vielen sprachlichen Bildern, die das Buch bei mir hinterlassen hat. Mehr dazu hier.
 

“Das eingeschossige Amerika” von Ilja Ilf/Jewgeni Petrow.
das eingeschossige amerikaDas wahrscheinlich berühmteste Autorenduo der Sowjetunion bestand aus den Satirikrn Ilja Ilf und Jewgeni Petrow. In den Dreißigerjahren sind sie zusammen durch die USA gereist, chauffiert in (natürlich) einem Ford, und haben für ihre Leser zuhause alles aufgeschrieben: was ein drugstore ist und was „downtown“, wie allgegenwärtig die Werbung für Coca-Cola und wie es ist, Henry Ford zu einer Audienz treffen zu dürfen. Und ja, das ist ein kapitalismuskritischer, sowjetisch geprägter Blick aufs Land, aber vor allem ein neugieriger mit viel Interesse am Alltag und einem Blick für Details. Die 2011er Ausgabe ist schon wieder vergriffen, aber es gibt sie bei Amazon für den Kindle.
 

“The Ode Less Travelled” von Stephen Fry.
ode less travelledEines der Bücher, an denen ich 2014 den meisten Spaß hatte. Im Urlaub auf der Wiese, im Regionalexpress in NRW, in Moskau am Schreibtisch. Mehr dazu hier (zuerst lesen) und hier (danach).
 

“Internet-Meme” von erlehmann/plomlompom.
internet-memeNützlich, anschaulich, sprachlich manchmal recht drüsch – aber dafür reißt das bunte Thema es immer wieder raus: Wer sich für die Geschichte der Meme interessiert oder dafür, unter welchen Bedingungen sie gedeihen, ist nach diesem Buch auf Stand und hat (Kopierpaste! Snowclones!) auch gleich noch ein paar neue Vokabeln gelernt.
 

“Christopher and His Kind” von Christopher Isherwood.
christopher and his kindNochmal Christopher Isherwood (für 2015 liegt noch mehr auf dem Lesestapel), diesmal über seine Zeit in Berlin, das schwule Nachtleben, den Aufstieg der Nazis und Isherwoods Versuch, seinen deutschen Partner Heinz außer Landes in Sicherheit zu bringen. Viele Versuche, auf halblegalen Wegen an ein Visum für ihn zu kommen, scheitern; die beiden hangeln sich von Land zu Land, bis die Gestapo Heinz fasst.
 

“The Rosie Project” von Graeme Simison.
rosie projectDon ist 39, Wissenschaftler mit ausgeprägten autistischen Zügen und auf der Suche nach einer Frau im Sinne von Ehefrau – per Liste mit strengen Kriterien. Als Folge eines verunglückten Dates sortiert Don zum Beispiel alle Frauen aus, die glauben, es mache einen Unterschied, ob man zum Nachtisch Pfirsich- oder Aprikoseneis isst. Und ja, das ist sehr lustig, aber nicht auf Dons Kosten, sondern dadurch, dass unterschiedliche Vorstellungen davon, was „normal“ oder „richtig“ ist, miteinander kollidieren. Sony will es verfilmen, das macht mir ein bisschen Angst, aber gut. Mal abwarten.
 

“Great Britain's Great War” von Jeremy Paxman.
great warIn einem Jahr, wo die Tische in den Buchläden voll liegen mit Literatur zum Ersten Weltkrieg, war das hier das eine, an das ich mich gewagt habe – wegen des Autors. Interessant war vor allem seine Einschätzung, wie der Krieg die britische Gesellschaft verändert hat.
 

“Making History” von Stephen Fry.
making history„Schockierend geschmacklos“ fand die New York Times (bzw. ihre Autorin Michiko Kakutani) dieses Buch, in dem zwei Männer mit sowas ähnlichem wie Zeitreise-Technologie zu verhindern versuchen, dass Hitler geboren wird. Ich bin immer noch baff, wie sie zu dem Verriss kommt, denn abgesehen vom britischen Humor schneidet dieses Buch Fragen an, über die man gut und lange diskutieren kann: Wie entscheidend war Hitler als Person? War er der eine Mensch, der ein Volk verführen konnte, oder war die Stimmung in der deutschen Bevölkerung so, dass das auch anderen gelungen wäre? Welche Mittel sind gerechtfertigt im Kampf gegen das Böse? Und wenn sich das Böse in einem Menschen manifestiert, wird ohne ihn dann alles gut oder ist das, möglicherweise, ein Kinderglaube? Der Moment, in dem es Hitler nie gegeben hat, ist darum hier im Buch auch nicht der Schluss.
 

“Diaries 1969 - 1979” von Michael Palin.
michael palin diaries600 Seiten, ein Brocken von einem Buch, und trotzdem durfte es mit ins Flugreisegepäck, weil Michael Palin einfach so unterhaltsam schreibt. Weil es faszinierend ist, wie Kreativität bei Monty Python funktioniert, auch wenn sich immer mal wieder lästige Orga-Aufgaben und Promotermine dazwischendrängen (und im Zweifel immer an Palin hängenbleiben und nie an John Cleese). Und auch, weil das ganze Umfeld einem erst recht klar macht, wie revolutionär dieser Humor zu seiner Zeit war, und wie viele Instanzen, von Fernsehsendern bis zu Filmverleihern, versucht haben, ihn einzudampfen, damit er doch bitte gefälliger und weniger provokant wird.
 

“Stuff White People Like” von Christian Lander.
Ein Buch gewordenes Blog, ursprünglich erkennbar ausgerichtet auf amerikanische Leser. Aber ja, auch als Europäerin hab ich mich oft erwischt gefühlt.
 

“Alltag in Moskau” von Lois Fisher-Ruge.
alltag in moskauIst wahrscheinlich für niemanden sonst heute noch interessant, aber der Vergleich zwischen Journalistenalltag in Moskau damals und heute kann schon helfen, sich 2014 an manchem weniger festzubeißen. Die durften damals noch nicht mal eine Kanu-Tour machen, ohne ihre Route vorher zur Genehmigung einzureichen, und Klopapier haben sie sicherheitshalber beim Umzug direkt mitgebracht. Dagegen sind der heutige Formularwahn und das Importverbot für genießbaren Käse dann doch kleinere Baustellen.
 

“More Fool Me” von Stephen Fry.
more fool meNicht so gut wie „Moab Is My Washpot“ und „The Fry Chronicles“, und ich glaube, es liegt daran, dass es weniger um Stephen Frys Innenleben und seine Suche danach geht, wo in der Welt er so hingehört. Auch „More Fool Me“ ist immer noch unterhaltsam, aber jetzt eher eine Sammlung von Döneken rund um britische Promis. „Wie ich mal bei einem sympathischen Fremden befürwortet habe, dass er Mitglied in meinem Club werden darf, und dann war das doch der soundso aus der Band soundso und ich kannte den gar nicht.“ Hm.
 

“The Peculiar Life of a Lonely Postman” von Denis Thériault.
the peculiar lifeJa, okay, ich hab das wegen des Covers gekauft. Was kein Fehler war, die kleine Geschichte über Liebe, Dichtung und Identität liest sich schnell mal so weg – und hat bei allem Flausch am Schluss dann sogar noch einen klugen Dreh, sowas mag ich ja gern.
 

“The Assassination of Margaret Thatcher” von Hilary Mantel.
mantel thatcherIm September hat der Guardian die Titelgeschichte der Kurzgeschichtensammlung veröffentlicht, und ja, am Ende ist Thatcher tot, aber darum geht es nur bedingt. Die ersten paar Geschichten sind alle auf ihre Art düster, da bleibt vor allem die Stimmung als Eindruck. Und dann „Harley Street“, deren Schlusspointe ich sowas von gar nicht habe kommen sehen, dass ich sie direkt noch mal lesen musste und gar nicht fassen konnte, was mir alles durchgegangen war. Aber auf sowas war ich nach dem ganzen Bedrückenden einfach nicht gefasst. Ein klasse Buch jedenfalls, und überhaupt: Kurzgeschichten werden 2015 mehr gelesen!
 

“Moranthology” von Caitlin Moran.
moranthologyGesammelte Kolumnen von Caitlin Moran, viele gut, manche ausgezeichnet. Schon allein für den Text darüber, was für sie als Außenseitermädchen aus der wahrscheinlich ärmsten und sicher unkonventionellsten Familie im Ort die Stadtbücherei bedeutet hat, ist eine Hymne aufs Lesen, die das ganze Buch lohnt.
 

“The Elegance of the Hedgehog” von Muriel Barbery.
elegance hedgehogWochen später, und ich weiß immer noch nicht, ob das nun ein intelligentes, philosophisch angehauchtes Buch ist oder doch ziemlich exakt kalkulierter Edelkitsch. Besonders hängengeblieben: das oberflächliche Oberschichts-Paar, dass seine Töchter „Colombe“ und „Paloma“ nennt (zwei Täubchen), die Katzen aber „Constitution“ und „Parliament“. Nach diesem hier und dem einsamen Postmann weiter oben muss ich jedenfalls so schnell kein drittes Buch mehr lesen, in dem westliche Seelen durch Begegnung mit japanischer Kultur Erlösung finden.
 

“Saints of the Shadow Bible” von Ian Rankin.
saints of the shadow bibleBei John Rebus geht es ja gerne mal um die großen moralischen Fragen. Diesmal auch, und der Ton ist für seine Verhältnisse manchmal regelrecht heiter. Er hat mehr als sonst die Zügel in der Hand, und man gönnt ihm das so, dem ollen, abgeklärten Sack.
 

“Russki Extrem” von Boris Reitschuster.
russki extremSchon ein paar Jahre alt, taugt aber immer noch als kleines Russland-Einsteigerbuch. Der Stil ist mir manchmal ein bisschen zu betulich (hab mich gefragt, ob das mal Kolumnen waren, und ob da ein Redakteur den berüchtigten Satz gesagt hat, man solle beim Leser nicht so viel voraussetzen), aber ja, kann man gut mal lesen.
 

“Comfort and Joy” von India Knight.
comfort and joyGekauft bei Oxfam in London – das Buch konnte ja nur gewinnen. India Knight kannte ich bisher nur von Twitter, hier schreibt sie über eine Weihnachts-Perfektionistin, und nein, das ist nicht so klischeeig, wie es gerade klingt. Aber nachdem jahrelang die englische Tradition gewahrt werden muss, ist das schönste Fest im Buch dann das im sonnigen Ausland. Vermutlich hat die Geschichte eine Moral, das stört aber nicht weiter.
 

“How To Be A Woman” von Caitlin Moran.
how to be a womanWer sich noch mal vergewissern möchte, wie das alles war mit dem Feminismus, warum das Thema weiter wichtig ist und man keine anstrengende Spaßbremse ist, wenn man es wichtig nimmt: Das hier ist euer Buch. Es ist das wahrscheinlich bestgelaunte Buch über Sexismus und was man dagegen tun kann, es hat eine Haltung und einen unverwechselbaren Ton.
 

“Das goldene Kalb oder die Jagd nach der Million” von Ilja Ilf/Jewgeni Petrow.
Noch mal Ilf und Petrow, diesmal Roman statt Reisereportage, und ich hab mich ein bisschen schwer damit getan. Einerseits ist die Sprache ungewohnt, fantasievoll, anschaulich und viele Formulierungen so, dass man sie dringend laut vorlesen muss. Andererseits ist diese Episodenform mit immer neuen Protagonisten, immer neuen Situationen, auf Dauer doch ein bisschen „Harald und Eddi“.
 

“An Armenian Sketchbook” von Vasili Grossman.
armenian sketchbookNachdem der KGB das Manuskript für seinen jüngsten Roman beschlagnahmt hatte, reiste Vasili Grossman Anfang der Sechziger nah Armenien, um dort einen Roman zu übersetzen. Nebenher entstand dabei dieses Buch, eine Mischung aus Reisebericht und lautem Nachdenken über Stalins Politik, über Nationalismus und Propaganda, über innere Emigration und Selbstmord. Ohne große Struktur – Grossman schreibt sich alles von der Seele – aber in klarer Sprache und bei allem Ernsten auch mit viel Humor, Wärme und Selbstironie. (Im Anhang gibt es ein kleines Glossar, was bei den vielen literarischen und historischen Anspielungen auch wirklich hilfreich ist.)
 

Danke an alle Buch-Empfehler, an meine Book-Club-Mädels, die netten Leute vom Moscow Book Swap und an alle, die direkt oder über Umwege Bücherbote gespielt haben, damit alles gut in Moskau ankommt. Ihr habt einen gut!

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The Ode Less Travelled, oder: da dam da dam da dam da dam da dam

Von Stephen Fry was Neues geht ja immer. Mit Hingabe guck ich schon lang QI (das hier hilft auch an grauen, trüben Tagen), les seine Bücher und retweete Tweets.

The Ode Less Travelled“ kannte ich noch nicht, dabei ist es schon länger auf dem Markt. Es geht, ganz grob, um Dichtung. Um das Werkzeug, das jeder hat, wenn er mit Sprache spielt. Wobei Herr Fry am Anfang erst mal streng ist und seinen Leser schwören lässt: Dass der sich Zeit nimmt für das Buch, dass er die Verse darin, wenn möglich, laut vor sich hin liest. Beim dritten Punkt hab ich etwas gepfuscht: Man soll, schreibt Stephen Fry, stets ein Notizbuch mitnehmen, ganz egal, wohin man geht. Das war mir in der Metro doch zu lästig, geschrieben hab ich also nur daheim.

ode less travelled stephen fryFry legt schnell los, zitiert sich durch Gedichte, schreibt eigene, die oft recht schmutzig sind. Dann, alle paar Kapitel, eine Übung, bei der der Leser selbst zum Autor wird: Im jambischen Pentameter zu schreiben braucht gar nicht so viel Übung, bis es fluppt.

Natürlich hilft es dabei, dass auf Englisch für vieles eine Silbe reicht, das heißt: Von birth und death bis hin zu sun und moon ist alles kurz und dadurch passgenau. Das Buch vertreibt auch zügig so Ideen wie die, dass sich am Schluss was reimen muss. (Reim-Übungen gibt’s trotzdem, was ein bisschen mehr Arbeit für Nicht-Muttersprachler macht.)

Nach ein paar Tagen steht das Ritual: dieselbe Kladde und derselbe Stift, das Datum oben in die Ecke – los! Nichts davon taugt, um es hier zu zitieren – aber der Stolz auf die paar Zeilen wärmt. Schnell fließt mit jedem Mal das Englisch besser, der Versfuß hinkt und stolpert auch nicht mehr. Kein Herz auf Schmerz, stattdessen neue Formen: ein Cento, ein Haiku, dann ein Rubai.

Was bleibt nach diesem Buch? Die volle Kladde mit Übungen in Bleistift – und ein Puls. Der jambische Pentameter sitzt so, dass selbst das Bloggen seinen Regeln folgt. Wer das nicht glaubt, klickt hier für den Beweis.

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The Ode Less Travelled – der Beweis-Post

Shall I compare thee to a summer’s day?“ – das ist immer noch die klassische Beispielzeile für einen ‚iambic pentameter‘. Unglaublich eingängig, der Rhythmus, zu dem es auch noch Variationen gibt. Manchmal zum Beispiel nicht zehn, sondern elf Silben, auch wenn weiterhin nur fünf betont sind: „To be or not to be, that is the question.“

Das ganze Detailgekröse gibt es hier, mich hat einfach nur gereizt, zu probieren, ob sowas auch bei normalem Blog-Fließtext geht, ohne dass man ihn in die Form reinprügeln muss. Der Beleg steht hier drunter: Derselbe Text wie beim Original-Post, aber gesetzt wie ein Gedicht, damit jede Zeile ihre fünf Füße herzeigt. Mehr Sprach-Nerd kann man vermutlich kaum sein, als an sowas Spaß zu haben.

Von Stephen Fry was Neues geht ja immer.
Mit Hingabe guck ich schon lang QI
(das hier hilft auch an grauen, trüben Tagen),
les seine Bücher und retweete Tweets.

“The Ode Less Travelled” kannte ich noch nicht,
dabei ist es schon länger auf dem Markt.
Es geht, ganz grob, um Dichtung. Um das Werkzeug,
das jeder hat, wenn er mit Sprache spielt.
Wobei Herr Fry am Anfang erst mal streng ist
und seinen Leser schwören lässt: Dass der
sich Zeit nimmt für das Buch, dass er die Verse
darin, wenn möglich, laut vor sich hin liest.
Beim dritten Punkt hab ich etwas gepfuscht:
Man soll, schreibt Stephen Fry, stets ein Notizbuch
mitnehmen, ganz egal, wohin man geht.
Das war mir in der Metro doch zu lästig,
geschrieben hab ich also nur daheim.

Fry legt schnell los, zitiert sich durch Gedichte,
schreibt eigene, die oft recht schmutzig sind.
Dann, alle paar Kapitel, eine Übung,
bei der der Leser selbst zum Autor wird:
Im jambischen Pentameter zu schreiben
braucht gar nicht so viel Übung, bis es fluppt.

Natürlich hilft es dabei, dass auf Englisch
für vieles eine Silbe reicht, das heißt:
Von birth und death bis hin zu sun und moon
ist alles kurz und dadurch passgenau.
Das Buch vertreibt auch zügig so Ideen
wie die, dass sich am Schluss was reimen muss.
(Reim-Übungen gibt’s trotzdem, was ein bisschen
mehr Arbeit für Nicht-Muttersprachler macht.)

Nach ein paar Tagen steht das Ritual:
dieselbe Kladde und derselbe Stift,
das Datum oben in die Ecke – los!
Nichts davon taugt, um es hier zu zitieren –
aber der Stolz auf die paar Zeilen wärmt.
Schnell fließt mit jedem Mal das Englisch besser,
der Versfuß hinkt und stolpert auch nicht mehr.
Kein Herz auf Schmerz, stattdessen neue Formen:
ein Cento, ein Haiku, dann ein Rubai.

Was bleibt nach diesem Buch? Die volle Kladde
mit Übungen in Bleistift – und ein Puls.
Der jambische Pentameter sitzt so,
dass selbst das Bloggen seinen Regeln folgt.
Wer das nicht glaubt, klickt hier für den Beweis.

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Completely at Home as a Foreigner

Christopher Isherwood 

And how strange and delightful it was to be sitting here, with Turkish smoke tickling his nostrils and German beer faintly bitter on his tongue, writing a story in the English language about an English family in an English country house! It was most unlikely that any of the people here would be able to understand what he was writing. This gave him a soothing sense of privacy, which the noise of their talk couldn’t seriously disturb; it was on a different wave length. With them around him, it was actually easier to concentrate than when he was by himself. He was alone and yet not alone. He could move in and out of their world at will. He was beginning to realize how completely at home one can be as a foreigner.

(Christopher Isherwood: Christopher and His Kind)

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Wie David Sedaris einmal fragte, ob ich mich ausziehen würde

Auf der Liste der Dinge, die ich nicht verstehe, ist eine nicht ausverkaufte Lesung von David Sedaris ziemlich weit oben. „Me Talk Pretty One Day“ war das erste Buch, das ich von ihm gelesen habe. Seitdem dann so gut wie jedes, fast alle mit Hingabe, weil: so klug, so lustig, so lakonisch. Als er letzten Herbst zu einer Lesung nach Köln kam, war das also ein Pflichttermin.

Vor der Lesung hat er schon mal alles an Büchern wegsigniert, was ihm so unterkam. Neben der Schlange stand dabei – vier, fünf Wartende von Sedaris entfernt – eine Frau vom Verlag, fragte die Leute nach ihren Vornamen und schrieb die dann auf ein Post-It. Ergebnis: kein „Neinnein, Reiner mit E!“, keine Extrawartezeit für die dahinter. Clever.

Aus dem Signieren ist auch der Titel von Sedaris‘ aktuellem Buch entstanden. Bei „Fresh Air“ auf NPR hat er erzählt, wie unangenehm es ihm wäre, irgendwelchen Nullachtfünfzehnkram in ein Buch zu schreiben.

Als also nach einer Lesung in den USA eine Frau vor ihm stand und partout für ihre Tochter ein total motivierendes „Explore your possibilities!“ als Widmung wollte, hat Sedaris sich gedrückt, aber höflich das „explore“ behalten und weitergedreht: „Lets explore diabetes with owls“ steht nun in dem Mutter-Tochter-Buch. Und auf dem Cover seiner aktuellen Sammlung an Essays.

Der Mensch vor mir in der Kölner Schlange hatte auch einen Sonderwunsch. Und zwei Post-Its.

„Could you sign these two, please? One is for my friend, Anna.“
„Is she your friend or your girlfriend?“
„Oh no, she’s, uhm, she’s just a friend!“
„Have you seen her naked?“
„No!“
„Well, if you gave her, say, twenty euros, and said ‚Can I please see you naked‘ – do you think she’d do it?“

Gedruckse, Filzstiftgeräusch, nächster bitte.

„Ah, how about you?“
„Huh?“
„If I gave you twenty euros, could I see you naked?“
„Uhm – I think I’d wait for a better offer.“
„That’s probably a good idea.“

Ins Buch hat er mir dann ein eher lahmes „To Katrin, with friendly friendship“ reingeschrieben. Dafür kann ich mit der hypothetischen Frage eines schwulen Humoristen – die ich natürlich als ernstgemeintes Angebot deute – seitdem angeben. Danke dafür.

Bloggen ist schön, macht aber viel Arbeit. Unter dem Motto „Schönes bleibt“ nutze ich deshalb den Moskauer Sommer, um ein paar Dinge aufzuschreiben, für die sonst immer die Zeit fehlte. Danke an Monika für das Foto!

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