Vom Versuch, in Sotschi eine Karte für Deutschland-Kamerun zu kaufen

kscheib confed cup sotschi ticketsDass die deutsche Fußball-Nationalmannschaft und ich gleichzeitig in Sotschi sein würden, wusste ich vor einer Woche noch nicht. Der Besuch hier ist spontan, es ist auch nicht mein erster, die touristischen Attraktionen hab ich soweit alle durchgespielt.

Es bleibt also genug Zeit für einen kleinen Selbstversuch: Natürlich möchte ich gerne heute Abend das Spiel Deutschland – Kamerun beim Confed Cup sehen. Fehlt nur die Eintrittskarte. Und um die zu bekommen, stelle ich mich heute mal dumm und spreche kein Russisch, nur Englisch. Wie wohl die Mehrheit der ausländischen Fans, die im kommenden Jahr hierher zur Fußball-Weltmeisterschaft kommen werden.

1. Anlaufstelle: der Infostand unten im Hotel

Das ist ein bisschen gepfuscht, denn eigentlich sind die drei Damen hinterm Tresen dazu da, angereisten Journalisten und Offiziellen zu erklären, wo ihr Shuttle zum Stadion fährt. Aber es ist wenig los, ich frage kurz und bekomme dreifach simultan Auskunft in gutem Englisch: Tickets kauft man am Bahnhof, da kommt man am besten mit dem Taxi hin. Alles klar, das Taxi rufe ich per App, es kommt in 3 Minuten. Läuft.

2. Anlaufstelle: der Infostand vor dem Bahnhof

Nur leider vor dem falschen Bahnhof. Denn dummerweise wusste ich nicht, dass Adler (der Vorort von Sotschi, in dem das Stadion und auch mein Hotel liegen) zwei Bahnhöfe hat. Ich hätte nach „Adler, Olympischer Park“ gemusst, dass hier ist einfach nur „Adler“. Aber macht ja nichts, vor dem Haus steht ein Stand mit drei freiwilligen Helferinnen, geschätztes Alter: kurz vor volljährig. „Entschuldigung, wo kann ich hier Fußballtickets kaufen?“ Große Augen, Gekicher. Russische Satzanfänge. Dann nimmt eine ihren Mut zusammen und sagt, in akkuratem Schulenglisch: „Anderer Bahnhof. Bus 124.“ Und die andere ergänzt: „Oder Lastotschka. Vorortzug.“ 

3. Anlaufstelle: Fahrkartenschalter

Telegrammstil ist die Lösung, wer braucht schon ganze Sätze. Ich also: „Olympischer Park?“ – Sie so: „60 Rubel.“ – Ich so: „Danke. Wo?“ – Sie so: „Da.“ Und zeigt nach rechts. Meine Fahrkarte und ich wollen schon mal aufs Gleis, werden aber unterwegs von einer Kontrolleurin abgefangen. Sie sagt, dass man erst kurz vor der Abfahrt aufs Gleis darf, mein Zug aber erst in zwanzig Minuten kommt. Da ich heute kein Russisch kann, versteh ich das leider nicht, aber ihre Gesten sind eindeutig. Ich lasse mich also wegschicken, gehe aus dem Gebäude raus, noch ein bisschen aufs Meer gucken. Es regnet, aber Meer ist Meer. Zwanzig Minuten später sitze ich im Zug. Die Durchsagen sind auf Russisch und auf Englisch.

4. Anlaufstelle: ein Freiwilliger am anderen Bahnhof

Jetzt aber: Olympischer Park! Im diesmal richtigen Bahnhof steht ein junger Mann in Freiwilligen-T-Shirt, mit Freiwilligen-Bändel um den Hals. „Wo kann ich Tickets kaufen?“ Er sagt auf Russisch, dass er kein Englisch kann. „Tickets?“ Kopfschütteln. Als ich auf Russisch frage, ist er dagegen gleich im Thema: Tickets für die Bahn oder fürs Fußballspiel? Ah, okay, dann bitte dort aus dem Gebäude raus, die Treppe runter, dann sehen Sie’s schon.

5. Anlaufstelle: die Fan-ID-Zentrale

Echt jetzt? Dieses winzige Blechhäuschen, an dem „Kasse“ steht? Ohne ein einziges Fußball-Logo? Nein, das kann nicht sein, und das ist dann auch nicht: Hier gibt es zwar Tickets, aber nur für Leute, die in einem Elektrowägelchen übers Olympiagelände tuckern wollen. Ansonsten sieht man: Zäune, Zäune, geschlossene Türen, Sicherheitsmänner, Sicherheitshunde, Pfützen, Zäune… oh, da hinten ist ein Schild! Hier kann man seine Fan-ID abholen. Die habe ich zwar schon, aber wo es Fan-IDs gibt, gibt es bestimmt auch Leute, die sich auskennen. 

Leider hat die Freiwillige hier neben der russischen nur eine spanische Flagge am Oberteil, und Spanisch spreche ich weder heute noch sonst. Aber sie ist, wie die meisten Freiwilligen, motiviert und nett. Nachdem wir uns mit viel Lächeln und Kopfschütteln darauf geeinigt habe, dass wir uns nicht verstehen, ruft sie einen Bekannten herbei, der ein paar Meter weiter steht und nichts mit Fußball zu tun hat. Dafür weiß er, wo ich hin muss: „Aus dieser Türe raus und dann links, ein Haus mit viel Rot“ 

6. Anlaufstelle: Freiwillige. Viele Freiwillige

Aus der Tür raus und dann links finden sich einige Meter Asphalt, dann Pfützen, dann ein Zaun. Kein Haus, kein Rot. Aber da drüben, zurück Richtung Bahnhof, hat sich unter einem Wellblechdach eine Menschentraube gebildet. An den Regencapes und den großen Schaumstoff-Winkehänden erkenne ich: Freiwillige! Ein ganzes Nest! Die werden mir helfen! Was sie auch gerne wollen, nur… „Wo kann ich hier Tickets kaufen?“  – Großes Hallo, da spricht jemand Englisch! Der einsame Jungsfreiwillige dreht sich weg und starrt aufs Handy, die Mädchenfreiwilligen reden parallel auf Russisch auf mich ein. Was ich will? Ob ich Russisch kann? Ob ich eine Fan-ID abholen will?

„Eeeeeeeenglisch!“ ruft eine über den Hof, „spricht von euch irgendwer Eeeeeeeenglisch?“ Sie sind, kurz gesagt, ganz hinreißend und organisieren erst eine Freiwillige, die tatsächlich leidlich Englisch kann und um Geduld bittet, und dann sogar eine Freiwilligen-Leiterin, mit Megafon, Autorität und gutem Englisch. „Sie müssen zurück gehen Richtung Bahnhof, aber dann über den Parkplatz, über die Straße. Das Haus mit Rot außen dran.“ Ich bedanke mich, winke in die Gruppe und gehe los. Schaumstoffhände winken zurück.

7. Anlaufstelle: Das Haus mit Rot dran

Das Haus! Mit Rot! Genau genommen mit dem Confed-Cup-Schriftzug auf rotem Untergrund. Wäre dies ein Comic, man sähe in meinen Augen Fußball-Tickets. Was machen schon nasse Füße, wenn sie auf eine Tür zustapfen, über der „Self Service Terminals“ steht. Die Tür zum Ticket. Die Tür zum Glück. Die Tür ins Trockene.

Die Tür ist zu. Abgeschlossen, drinnen brennt kein Licht. Aber ein paar Meter weiter gibt es noch einen Eingang, mit einer Freiwilligen im Rentenalter. „Kann ich hier Tickets kaufen?“ – „Natürlich. Hier durch die Sicherheitsschleuse, das Handy bitte einmal da ins Körbchen, und dann da vorne anstellen.“ Je näher man dem Ziel kommt, desto leichter wird es. Als ich kurz darauf an einem Touchscreen stehe und auf die deutsche Fahne tippe, sagt eine Stimme neben mir auf Deutsch: „Entschuldigung, aber das ist nur zum Ausdrucken. Erst müssen sie dort bezahlen.“ Ein Freiwilliger, etwas schüchtern, aber spontan der Held seiner beiden Kolleginnen, die unser Gespräch mithören: Was, du sprichst Deutsch, fragt die eine auf Russisch, und als er nickt, sagt die andere nur: voll cool!

Es dauert dann alles noch ein bisschen. Schlange, Preiskategorien, wo möchte man sitzen. Dazu die ganzen Sicherheitswünsche der FIFA und des russischen Staates, ich gebe also trotz Fan-ID noch mal Geburtsdatum, Passdaten, Telefonnummer preis, werde noch einmal fotografiert. Aber gut, das ist halt so, und der nette Freiwillige steht stets einen halben Schritt daneben und guckt, ob er noch irgendwie helfen kann. Zum Abschied mache ich ihm noch ein paar Komplimente für seine Deutschkenntnisse. 

 

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Ich stehe vor dem Haus mit Rot dran im Regen und erkläre nach gut zwei Stunden den Selbstversuch für beendet. Was auch dringend nötig ist, denn ohne Russisch würde der Abzocker-Taxifahrer nicht verstehen, was ich von seiner Preisvorstellung für die Fahrt zurück ins Hotel halte. Wegelagerei dieser Art nimmt hier in Russland extreme Formen an

Was habe ich gelernt? Freiwillige sind Idealisten und versuchen zu helfen, wo und wie sie nur können. Das heißt aber nicht, dass man sich als Veranstalter einfach drauf verlassen darf, dass damit schon alles passt. Wenn das 2018 klappen soll mit den Fußballspielen in Sotschi, braucht es Englischkurse, mehr Wegweiser, generell bessere Informationen. Und bei den Fans die Bereitschaft, viel Zeit einzuplanen – und sich vielleicht zumindest ein paar Brocken Russisch draufzuschaffen.

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Russball, Folge 1: Noch ein Jahr bis zur Fußball-WM

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Im Zentrum von Moskau, nicht weit entfernt vom Roten Platz, steht eine rot-goldene Skulptur mit einem Display, das heute die Zahl 365 zeigt. Es ist ein Countdown bis zur Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland, gut sichtbar im Herzen der Stadt. Heute in einem Jahr wird das Eröffnungsspiel angepfiffen.

Ein Jahr noch, um die Stadien fertigzubauen. Ein Jahr, um Hooligans und Rassismus in den Griff zu bekommen. Ein Jahr, um das mit den Tickets anständig zu organisieren. Und für mich: ein Jahr für ein neues Blogprojekt.

Einmal pro Woche will ich hier interessante Links sammeln über Fußball, Russland und den Fußball in Russland. Artikel, Social-Media-Posts, Videos. Aus internationalen Quellen und eben aus Russland selbst. Eine kleine Dienstleistung für die, denen die Zeit oder die Sprachkenntnisse fehlen, hier selbst den Überblick zu behalten.

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⚽ Sieben Stadionbaustellen in Russland haben die Mitarbeiter der Menschenrechtsgruppe Human Rights Watch besucht. Was sie dort fanden, war erschreckend: Arbeiter werden spät oder gar nicht bezahlt, müssen auch bei extremer Kälte draußen arbeiten, werden drangsaliert und eingeschüchtert. Viele bekommen keinen Arbeitsvertrag und haben damit auch keine Rechte. Wer sich beschwert oder streikt, verliert seinen Job. Es sind oft Gastarbeiter aus Zentralasien, die an den Stadien für die Fußball-WM bauen, nach einem Bericht des Guardian aber auch Nordkoreaner. Sie würden „wie Kriegsgefangene“ auf der Petersburger Baustelle gehalten und geschunden, sagte ein Subunternehmer der Zeitung. Den ganzen Bericht von Human Rights Watch gibt es hier.

⚽ Als Probelauf für die Fußball-WM beginnt hier in wenigen Tagen der Confed-Cup. Der Ticketverkauf schleppt noch, ist halt nur ein Mini-Turnier mit acht Mannschaften, von denen manche ihre Stars lieber zuhause lassen. Wie gering das Interesse am Confed-Cup wirklich ist, veranschaulicht am besten ein Zitat von Dmitri Tarasov: „Wenn ich ehrlich bin, habe ich erst vor kurzem erfahren, dass es dieses Turnier gibt. Darum kann ich nicht sagen, ob es wichtig ist oder nicht.“ Tarasov ist Profifußballer. Er spielt bei Lokomotive Moskau – und gehört zum Kader der russischen Nationalmannschaft für den Confed-Cup.

⚽ Das Zuhause der deutschen Nationalmannschaft während des Confed Cups ist Sotschi, genauer gesagt das Luxushotel Radisson Blu. Allerlei Formel-1-Größen haben hier schon gewohnt, wirklich beeindruckend am Haus sind aber die Mitarbeiter. Die Fachkraft zum Beispiel, die sich bei der Suche nach einem Namen für den hauseigenen Wellnessbereich für den maximalen Russlandkalauer entschieden und das Spa „Sibo“ getauft hat. Spa Sibo, verstehste? Na? Na? Respekt auch dem Hotelfotografen, der regelmäßig auf irgendwelche Treppen oder Mäuerchen steigen muss, um den Instagram-Account des Hotels mit Dekolletés aus der Vogelperspektive zu füllen, etwa hier, hier, hier gleich mehrfach, hier oder auch hier:

Insgesamt haben Sotschis Hotels während des Turniers Platz für 200.000 Fans. Ins örtliche Stadion passen etwa 45.000 Zuschauer.

⚽ Glückwunsch an den russischen Ligafußball – eine komplette Saison ohne auch nur einen rassistischen Vorfall soll es gewesen sein. Sagt jedenfalls ein Verbandssprecher, der darin auch gleich ein gutes Zeichen für Confed-Cup und WM sieht. Wie wahrscheinlich es ist, dass diese Statistik auch die Realität abbildet? Nun ja. Hulk, Emmanuel Frimpong und andere Legionäre haben den russischen Liga-Alltag ganz anders erlebt: Affengeräusche, Bananenwürfe, so ist der Alltag für Spieler, deren Haut den Rassisten unter den Fans nicht weiß genug ist. Was, wie bei Frimpong, die Offiziellen gerne ignorieren.

⚽ Apropos Bananen: Es gibt tatsächlich Leute, die es Ende Mai bei einer Confed-Cup-Vorfreude-Parade in Sotschi für angemessen hielten, ihre Gesichter schwarz anzumalen und sich mit Bananen zu kostümieren um, na klar, das Teilnehmerland Kamerun zu symbolisieren. Es hat gedauert, bis der Bürgermeister sich entschuldigte, und die Nachrichtenagentur TASS formulierte ihre Meldung, wie es ein russisches Staatsmedium halt so tut: Solche Vorfälle würden „von dunkelhäutigen Fans und Spielern oft als beleidigend wahrgenommen.“ Subtext: Wenn ihr Schwarzen da unbedingt ein Problem draus machen müsst…

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Zum Schluss noch ein Dank an alle Mit-Brainstormer bei der Suche nach einem Namen für dieses Projekt. Da oben in der Überschrift könnte statt „Russball“ auch „Entscheidend ist auf’m Roten Platz“, „Bend it like Putin“, „Der Russe steht vorm Tor“ oder auch „Katrins корнер“ stehen. Und das kann nun wirklich keiner wollen.

Und was wollt ihr? Bloggen werde ich Russball definitiv jede Woche. Aber vielleicht wäre das ja auch als Newsletter nicht schlecht, der zu euch kommt, statt dass ihr hier im Blog nach neuen Folgen suchen müsst? Ich freu mich, wenn ihr mit abstimmt!

Russball auch als Newsletter, wäre das was?

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Mail-Spaß mit der FIFA kurz vorm Confed-Cup

Endlich mal wieder eine Nachricht von der FIFA, es war ja auch schon ein wenig langweilig geworden. Die aufwendige Registrierung auf der Website, um Tickets für den Confed-Cup kaufen zu können. Die nächste Registrierung, diesmal für die Fan-ID, ein Hochglanz-Umhängeschild, ohne das man nicht ins Stadion darf. Dann der Trip durch Moskaus Seitenstraßen und deren Seitenstraßen, um die Fan-ID abzuholen. Danach hatte ich mich zeitweise ein wenig unausgelastet gefühlt.

Gut, dass sich in dem Moment die FIFA ihrer Fürsorgepflicht erinnert. Fußballfans wollen schließlich nicht nur 90 Minuten Zeitvertreib, nein nein. Da geht mehr. Und so kommt am 19. Mai diese Mail (hier aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt):

„Lieber Kunde, wir haben mehrfach versucht, Sie über die Telefonnummer, die Sie bei der Registrierung in Ihrem Ticketing-Account angegeben haben, zu erreichen, hatten aber leider keinen Erfolg. Der Kurier konnte Sie daher nicht erreichen, um sich wichtige Informationen zur Zustellung Ihrer Tickets bestätigen zu lassen, weshalb die Lieferung nun ohne weitere Vorwarnung erfolgen wird, an die Adresse, die Sie in Ihrem Ticketing-Account angegeben haben.“ Es folgt die Aufforderung, sich auf der Seite erneut einzuloggen und zu prüfen, ob man die richtige Telefonnummer angegeben hat.

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Zwei Fragen drängen sich auf. Erstens, haben die da im FIFA-Kundenservice einen Wettbewerb laufen, wer den längsten verschwurbelten Satz baut? Dann Glückwunsch an den Verfasser von „Der Kurier…“! Und zweitens, was genau meinen die wohl mit „haben versucht, Sie über die Telefonnummer zu erreichen“? Seit ich die Tickets gebucht habe: kein Anruf, auch nicht in Abwesenheit, von irgendeiner fremden Nummer. Keine SMS von FIFA, Kurierdienst oder sonst einem unbekannten Absender. Denn die Nummer, das ist schnell nachgeguckt, habe ich richtig ausgefüllt. Kein Tipper, kein Dreher, richtiger Ländercode. Hmmm.

Das Gelände, auf dem ich hier in Moskau wohne, hat einen Schlagbaum und, je nach Besetzung, zwei bis drei Schlagbaumhüter. Wer eine Lieferung erwartet, muss die beim Dispatcher (ja, das heißt auf Russisch so) telefonisch anmelden, damit sie durchgelassen wird. Ich schreibe also an die FIFA, grob zusammengefasst: Liebe FIFA, die Nummer stimmt, ich kann aber keine Anzeichen dafür erkennen, dass ihr versucht habt, mich zu erreichen. Ich hab sie jetzt noch mal anders formatiert, falls ihr die Anrufe automatisiert habt und euer Automatismus sie nur lesen kann, wenn da an manchen Stellen Bindestriche stehen. Wenn ihr mir sagt, welchen Kurierdienst ihr nutzt und wie ich den erreiche, setze ich mich aber auch gerne direkt mit ihm in Verbindung.

FIFA-Mail Nr. 1, am 21. Mai: „Unsere Absicht ist es, Ihre Anfrage innerhalb von fünf bis sieben Werktagen zu beantworten. Bitte beachten Sie, dass diese Nachricht automatisch gesendet wurde. Wir möchten Sie bitten, dass Sie keine Antwort auf diese Email schicken.“

FIFA-Mail Nr. 2, am 22. Mai: „Lieber Kunde, das FIFA-WM-Ticketing-Center bedankt sich für die von Ihnen gemachten Angaben.

Ähm. Nun ja. Textbausteine, klar – aber kann man nicht zumindest so tun, als ginge man auf den Inhalt der Mail ein? Ganz abgesehen davon, dass ich gerne wüsste, wann der Kurier kommt – die Schlagbaumhüter, FIFA, du verstehst. Also, neue Mail: „Hi, eure Antwort hat leider nichts mit meiner Frage zu tun. Wie geht es jetzt weiter? Kann ich Kontakt mit dem Kurier aufnehmen? Wann werden die Karten geliefert?“

Ich bin halt auch selbst schuld. Denn „Wann werden die Karten geliefert“ ist natürlich ein Schlüsselreiz, für den bereits der nächste Textbaustein parat liegt. Er kommt, nach der üblichen „Unsere Absicht ist es, Ihre Anfrage innerhalb von fünf bis sieben Werktagen zu beantworten“-Mail, denn auch prompt: Alle Tickets werden grundsätzlich ab Mai geliefert, wenn nicht, dann meldet sich die FIFA noch mal. Was fehlt: Infos zum Kurierdienst, Kontaktmöglichkeit – eigentlich alles, was eine Antwort auf meine Mail wäre.

Es gibt dann noch eine Runde aus „Ihr habt meine Fragen nicht beantwortet, hier sind noch mal meine Fragen, bitte beantwortet meine Fragen“ (ich) und „Unsere Absicht ist es, Ihre Anfrage innerhalb von fünf bis sieben Werktagen zu beantworten.“ (FIFA), dann wird es ruhig. Bis eines Morgens mein Telefon klingelt – das, dessen Nummer ich damals beim Registrieren auf der Seite (die Älteren werden sich erinnern) angegeben hatte.

Am Telefon ist ein sehr freundlicher, sehr schnell sprechender Herr. Es gehe um den Confed-Cup, er arbeite für einen Kurierdienst und habe eine Lieferung für mich. Ob ich denn wohl zuhause sei? Ein kurzes Telefonat mit dem Dispatcher, und keine Stunde später steht er vor mir: der Kurier mit dem großen braunen Umschlag, auf dem ein blauer „nur persönlich übergeben“-Hinweis klebt. Passkontrolle, Übergabe, schönen Tag noch, Wiedersehen! Es ist der 24. Mai, und ich habe meine Tickets.

Ich hab dann noch mal nachgeguckt, ob die FIFA sich inzwischen gemeldet hat und meine Fragen beantwortet – natürlich nicht. Aber eine andere Mail landet ein paar Stunden später in meiner Inbox, vom Kurierservice „Express“: „Sehr geehrter Kunde des Confed-Cups 2017, Ihre Tickets mit der Bestellnummer XY sind beim Kurierservice eingegangen. Sie werden nun bearbeitet und Ihnen dann zugestellt. Unsere Mitarbeiter vor Ort werden sich in den kommenden Tagen bei Ihnen melden, um einen Liefertermin zu vereinbaren.“

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Confed-Cup in Russland: Angenommen, man wollte ein Fußballspiel sehen…

Noch zwei Monate bis zum Confed-Cup in Russland, und Witali Mutko ist unzufrieden. Statt 700.000 Eintrittskarten erst rund 200.000 verkauft, berichtete der frühere Sportminister und aktuelle Chefplaner des Turniers, und das zwei Monate vor dem Eröffnungsspiel.

Es mag daran liegen, dass die Karten nicht gerade günstig sind, erst recht gemessen an einem russischen Durchschnittsgehalt. Zwar ist die „Kategorie 4“ mit den die billigsten Tickets für Russen reserviert, zu ihr gehören aber auch nur wenige Plätze. Es mag an der kleinen Besetzung eines Confed-Cups mit gerade mal acht Mannschaften liegen. Oder an all den Hürden, die man als Fan so nehmen muss, um bei einem Spiel dabei zu sein.

Wer beim Confed-Cup (oder nächstes Jahr bei der Fußball-WM) ins Stadion will, der muss nicht bloß eine Karte kaufen – und dabei online innerhalb von 15 Minuten mehr personenbezogene Daten preisgeben als man braucht, um etwa einen Flug von Moskau nach Düsseldorf zu buchen. Geld und Datensatz reichen der FIFA nicht, es braucht zusätzlich noch die sogenannte Fan-ID.

FIFA Russland FAN-ID

Die erteilt die FIFA im Tausch gegen, na klar: noch mehr Daten, einschließlich Foto. „Der Hintergrund,“ mahnt sie, „muss das Gesicht hervorheben sowie gleichmäßig und wünschenswerterweise hell sein“. Aber gerne doch. Hochgeladen. Und tatsächlich kommt keine 24 Stunden später die SMS: Die Fan-ID ist fertig.

Wer sich nicht auf die russische Post verlassen will (und wer will das schon), muss die Fan-ID abholen. Nicht etwa an einem der großen Fußballstadien, in einem Einkaufszentrum oder einem Büro irgendwo am Roten Platz, das wäre ja einfach. Nein, das „Fan ID Distribution Center“ ist in einer dieser Nebenstraßen, die niemand findet, der nicht gründlich sucht. Nicht weit von der Metrostation „Pawelezkaja“ und dem dazu gehörenden Fernbahnhof – mit genug Ausgängen, um erst mal zwei, drei falsche zu erwischen. Darum hier ein kleiner Laufzettel:

Auf dem Metro-Bahnsteig an den Schildern Richtung Domodedowo (auch in kyrillischer Schrift gut zu erkennen) orientieren. Es geht die Rolltreppe hoch…

FAN-ID Russland Confed Cup Metro

…durch die Schleusen…

FAN-ID Russland Confed Cup Aeroexpress

…und dann hinaus aus dem Gebäude. Netterweise zeigt ein Automat der Alfa-Bank im WM-Design den Weg.

FAN-ID Russland Confed Cup Bahnhof

Apropos Banken: Draußen rechts abbiegen, und nach ein paar Schritten sieht man bereits das Gebäude der Rosinterbank. Da drauf zuhalten, bis man sieht, dass im Erdgeschoss…

FAN-ID Russland Confed Cup Bankgebäude

…Burger verkauft werden. Hier muss der Confed-Cup-Möchtegern-Fan rechts um die Ecke.

FAN-ID Russland Confed Cup Burger King

Jetzt sind wir auf der Letnikowskaja-Straße und suchen nach Hausnummer 10, Gebäude 4. (Hausnummern sind in Russland oft noch mal unterteilt). Wer links den Wikimart sieht, ist richtig…

FAN-ID Russland Confed Cup Wikimart

…wer vor dieser Leitung steht, zu weit.

FAN-ID Russland Confed Cup Gasleitung

Das liegt daran, dass ausgerechnet Haus Nummer 10 ein Stück von der Straße zurück liegt. Alles nicht so einfach. Also: zurück, und dann an dem großen Gebäude mit der 10 links vorbei.

FAN-ID Russland Confed Cup abholen

FAN-ID Russland Confed Cup Eingang

Natürlich ist, im Gegensatz zum Geldautomaten, das Fanzentrum nicht im Design der WM und des Confed-Cup gestaltet, das wäre ja auch zu einfach. Trotzdem beginnt nun der leichte Teil der Exkursion. Am Eingang ein Automat, an dem ich Fan in fünf Sprachen eine Nummer ziehen kann. Sicherheitshalber steht auch noch ein Helfer daneben, der einem den einzig nötigen Tastendruck abnimmt. Betreutes Warten.

FAN-ID Russland Confed Cup Schalter

35 Schalter, eine Handvoll von ihnen besetzt, außer mir will sich gerade nur ein anderer Fan von der FIFA bescheinigen lassen, dass er existiert. Auf Bildschirmen läuft der russische Sportsender „Match“, Ufa spielt gegen Spartak. Keine zwei Spielzüge, schon blinkt meine Nummer auf, eine freundliche Frau lässt sich den Pass zeigen und lobt das hochgeladene Foto: „Ja, das geht, da müssen wir kein neues machen. Dann mache ich die ID jetzt fertig und rufe Sie wieder auf.“ Großartiges Englisch, professionelle Freundlichkeit. Wer es als Fan einmal bis hierher schafft, der muss sich über den Rest keine Gedanken mehr machen.

Kurz darauf stehe ich vor dem Haus und verstaue die laminierte Karte samt Umhängeband in der Tasche, als mich die Frau vom Schalter anspricht. „Na, gefällt Ihnen Ihr Ausweis?“ Sie stellt sich als Alex vor und erzählt eine dieser Biografien, wie ich sie schon oft in Russland gehört habe (fast immer von Frauen, die sich mit Vehemenz und viel Initiative hinter ihre Ausbildung geklemmt haben): Im zweiten Schuljahr habe sie beschlossen, dass Englisch die Sprache ihres Lebens sei und alles daran gesetzt, sie perfekt zu beherrschen. Nein, keine Auslandsaufenthalte, alles nur Selberlernen.

In Zukunft, sagt sie noch, soll man seine Fan-ID dann auch am Flughafen abholen können – und meint damit wohl eher bei der Fußball-Weltmeisterschaft als noch beim Confed-Cup. Spätestens dann muss also niemand mehr diesen Hinterhof in einer Seitenstraße finden, bloß um ein Fußballspiel besuchen zu dürfen. „Vielleicht sehen wir uns ja im Stadion, wenn unsere Mannschaften gegeneinander spielen“ sagt Alex zum Abschied. „Hoffentlich im Finale“, antworte ich.

FAN-ID Russland Confed Cup Bändel

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Wie das russische Staatsfernsehen mal zu faul zum Googeln war

Sreenshot Rossija 24

Dass man mit der Bezeichnung „Nachrichtensender“ vorsichtig sein muss, gehört ja inzwischen zum Basiswissen in Sachen Medienkompetenz. In Deutschland zum Beispiel, weil es sich oft eher um ein Rahmenprogramm für Hitlers schönste U-Boote, Europas tiefste Schlaglöcher und Außerirdische in den USA handelt. Oder bei CNN, was abseits der USA ja inzwischen ein Mix ist aus zeitlosen Hintergrund-Magazinen und irgendwelchen Golf- und Segel-Clips, die Werbekunden ein Premium-Umfeld suggerieren sollen.

In Russland heißt der „Nachrichtensender“ Rossija 24 und verdient sich seine Anführungsstriche vor allem durch stramme Linientreue. Ein Staatssender, auf dessen Bildern die ukrainischen Demonstranten auf dem Maidan nie etwas anderes waren als Knüppelschwenker in Sturmhauben. Was der Kreml möchte, dass seine Bürger denken, läuft hier (und auf den größeren Sendern derselben Familie).

Wer noch Bestätigung brauchte, dass Recherche – höflich gesagt – nicht zu den Kernkompetenzen von Rossija 24 gehört, der bekam sie am Tag nach dem 7:1-Sieg der deutschen Fußball-Nationalmannschaft über Brasilien. Ein deutscher Kneipenwirt, berichtete der Staatssender, sei bankrott gegangen, weil er leichtfertig für jedes deutsche Tor einen Schnaps versprochen habe. Armer Kerl, dieser Alexander P, und in seinem Leid nicht alleine: Von den 200 Gästen des Abends seien mehr als 60 mit einer Alkoholvergiftung im Krankenhaus gelandet.

Wem die Geschichte nun bekannt vorkommt, der hat Recht: Ausgedacht hat sie sich Der Postillon – mit großem Erfolg: Den Facebook-Post mit der Pleite-Geschichte teilten fast 10.000 Leute. Und irgendwie landete die Sache dann wohl auch bei Rossija 24.

Was die Leute dort nicht getan haben: Auf der Postillon-Seite unter FAQ nachgesehen, wo direkt als Punkt 1 die Sache mit der Satire erklärt ist. Oder mal bei Wikipedia, wo auch gleich im ersten Satz dasselbe Stichwort fällt. Satire heißt auf Russisch fast genau so (сатира), außerdem gibt es Google translate, man hätte also durchaus drauf kommen können.

Natürlich fallen jeden Tag Leute auf den Postillon rein, der das bei Facebook dann auch genüsslich dokumentiert. Aber hier war eine ganze Redaktion zu dumm faul für schlichtestes Gegenchecken – und steht damit nun verdienterweise in einer Reihe mit The People’s Daily. Die Zeitung der Kommunistischen Partei Chinas feierte 2012 auf ihrer Internetseite die Wahl von Kim Jong-un zum Sexiest Man Alive. Gewählt hatte den damals allerdings die Redaktion von The Onion.

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Krimmer geht’s nimmer

Während in Deutschland derzeit auf alles WM-Kram draufgedruckt wird, bleibt in Russland das Schlüsselwort „Krim“. In beiden Fällen ist das Prinzip dasselbe: Hier, komm – wir nehmen diesen Begriff, mit dem Du etwas Positives verbindest, um Dir was anderes zu verkaufen. Im WM-Fall zum Beispiel Grillwürstchen, Chips, Kredite oder Mittelchen gegen Sodbrennen.

krim probokIn Russland, wo eine überwältigende Mehrheit der Bevölkerung die Annexion gutheißt, ist „Krim“ ein Feel-Good-Zauberwort. Was erklärt, weshalb sie auch für Ziele herhalten muss, bei denen sich ein Zusammenhang nicht mal mehr an den Haaren herbeiziehen lässt. Wie bei dieser Plakat-Kampagne der Verkehrsinitiative Probok.net. Der Slogan ist an Schlichtheit kaum zu überbieten – aber Hauptsache, die Krim kommt vor: „Wir haben uns die Krim (zurück)geholt. Holen wir uns jetzt ein Moskau ohne Staus!“

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