Russball, Folge 18: Wo Englands Elf bei der Fußball-WM wohnen wird

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Die 18. Russball-Folge schon, endlich volljährig! Okay, andere haben noch sehr viel wichtigere Zahlen zu feiern. Russlands Präsident Putin zum Beispiel ist am Wochenende 65 geworden – auf dem Gabentisch lag unter anderem italienische Bettwäsche. Neid!

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⚽  Keine 250 Tage mehr bis zum Anpfiff der Fußball-Weltmeisterschaft hier in Russland. Nach und nach wird klarer, welche Mannschaften teilnehmen dürfen – auch Deutschland hat sich qualifiziert, ihr habt das eventuell mitbekommen. „Fast im Trainingsmodus erspielten sich die Deutschen den ersten (Gruppen)Platz“, schreibt Championat. „Erinnern sie sich, wie Deutschland 2014 die WM gewann?“, fragt Futbol und ergänzt: Seitdem habe „das deutsche Fließband die nächste Ladung Spitzenspieler geliefert, die für fünf Nationalmannschaften ausreichen würden.“

Sport Express sieht deshalb ein Luxusproblem auf den Bundestrainer zukommen: „Im Frühjahr 2018 wird Löw ein großes Problem haben: Wie wählt man aus all den besten Spielern Deutschlands die 23 für den WM-Kader aus?“ Einer wird garantiert dabei sein, da sind sich Russlands Sportjournalisten sicher: Joshua Kimmich, der „neue Lahm“. Kimmich, der 2017 als einziger bei allen Länderspielen eingesetzt wurde. Kimmich, „der neue Star des ‚Bundesteams‘.“

⚽ Auch England ist dabei bei der WM, und im Gegensatz zu Deutschland ist auch schon klar, wo die Mannschaft wohnen wird:

Nein, okay, nicht in diesem kleinen Erdloch, aber quasi nebenan. ForRestMix heißt das Hotel in Repino bei St. Petersburg, eher nett und adrett als eine Luxusabsteige. Blümchenlampenschirme. Zierkissen. Beigetöne. „Ein Kontrast zu den opulenten Unterkünften der Vergangenheit“, formuliert der Guardian diplomatisch.

Bei Tripadvisor kommen zwar im Schnitt 4,5 Punkte zusammen, einige Gäste teilen diese Einschätzung jedoch nicht: „furchtbar stickig“ – „überteuert“ – „riecht immer noch wie ein Sanatorium aus Sowjetzeiten“. Die Journalistin Amie Ferris-Rotman, von der auch der Tweet oben ist, hat sich bei den Anwohnern umgehört und festgestellt: Besonders scharf auf das englische Team sind die auch nicht. Immerhin, es gibt einen Nachtclub, sogar mit Themenabend. „Schuluniform-Party“, anyone?

⚽ Wer sich nicht qualifiziert hat, ist die Ukraine. Da hatte es vor dem entscheidenden Spiel gegen Kroatien in russischen Medien durchaus Spekulationen gegeben: „Wird die Ukraine verlieren, um nicht nach Russland zu müssen“, hatte beispielsweise Argumenty i Fakty gefragt. Die Annexion der Krim, der Konflikt in der Ostukraine – das alles ist im Alltag präsent und hat natürlich auch Auswirkungen auf Großveranstaltungen, wie zuletzt beim Eurovision Song Contest.

Selbst die Flugverbindungen von Kiew nach Moskau sind seit Jahren eingestellt. Meldungen, welche ukrainischen Fans, Funktionäre, vielleicht gar Spieler bei der Einreise Probleme hatten, wird es rund um dieses Turnier nun also nicht geben. Die Ukraine wiederum muss nicht entscheiden, ob sie eine WM auf russischem Boden boykottiert – was Konsequenzen von Seiten der FIFA hätte haben können.

⚽ Zenit St. Petersburg trauert um seinen Sportdirektor: Konstantin Sarsania galt als der Mann hinter dem Erfolg des Clubs in den vergangenen Jahren. Am vergangenen Freitag fühlte er sich unwohl und wurde ins Krankenhaus gebracht, wo er am Tag darauf starb, offenbar an einer Thrombose. Wie sehr er Zenit geprägt hat, kann man bei Russian Football News im Detail nachlesen. Sarsania wurde 49 Jahre alt.

⚽ Am Montag war ich morgens im Hotel Baltschug-Kempinsky, was exakt so nobel ist, wie es klingt. Die Moscow Times, mein früherer Arbeitgeber, hat ihre Jubiläumsausgabe vorgestellt. Gegründet hat die Zeitung vor 25 Jahren ein Holländer, Derk Sauer, der seit kurzem auch wieder der Besitzer ist. Die Botschafterin der Niederlande war also da, sprach am Rande auch über Fußball und die theoretisch ja noch total vorhandene Chance, dass ihr Team sich noch qualifiziert – wir waren alle zu taktvoll, um zu widersprechen.

Interessant war auch noch eine Info am Rande: Eigentlich gibt es die Moscow Times inzwischen nur noch online, wenn nicht gerade Jubiläum ist. Während der Fußball-Weltmeisterschaft nächsten Sommer, bei der Moskau ja einer der Austragungsorte ist, wird es sie allerdings kurzfristig wieder als Tageszeitung geben. Nützlich für diejenigen Fans, die kein Russisch können, aber doch zumindest Englisch – also schon mal merken.

⚽ Eine neue Folge unserer beliebten Serie „Ronaldinho hat keine Prinzipien, dafür aber Grund zum Lächeln, wenn er am Kontoauszugdrucker steht“: Zu Putins oben schon erwähntem Geburtstag gab es in Grosny ein Fußballspiel, angeleiert vom dortigen Gewaltherrscher, Ramsan Kadyrow. Ex-Fußballprofis aus Russland und Italien sollten bei dem tschetschenischen Match gegeneinander antreten, Ronaldinho wurde also als Teilzeitrusse durchgewunken. Auch Kadyrow hatte sich aufgestellt und alle, die wussten, was gut für sie ist, bildeten brav eine Rettungsgasse von ihm bis zum Tor.

Dass Ronaldinho sich gerne mal vor Kadyrows Karren spannen lässt, ist ja nichts Neues – siehe Russball-Folge 6. Neu auf der „Sind vor nix fies“-Liste begrüßen wir außerdem: Salvatore Schillaci, Fabrizio Ravanelli und Marco Delvecchio.

⚽ Erinnert ihr euch an diesen Fußballkommentator, der ewig bei 1Live in den O-Ton-Charts lief? „Der steht nicht im Abseits! Du blinder Linienrichter! Du Blindmann, verdammt noch mal! Das geht doch auf keine grüne Kuhhaut…“ Boris Rupert war das damals, 2001 bei Borussia Dortmund (danke an Birthe fürs schnelle Finden!), und endlich, endlich gibt es nun ein würdiges russisches Gegenstück.

Ein nicht gegebener Elfmeter, ein nicht gepfiffenes Handspiel, und der Livestream-Kommentator und Pressesprecher von Torpedo Wladimir war nicht mehr zu halten: „Elfmeter! Was machst du denn? Das ist ein Elfmeter! Eine Schande für den russischen Schiedsrichterverband – da könnt ihr mich ruhig für bestrafen! Hand! (…) Eine Schande für den russischen Fußball!“ Und dann, der wütende Abgang: „Schauen Sie Fußball ohne Kommentator! Auf Wiedersehen!“. Der Rest ist Schweigen. Zum Nachhören gibt es den Rant hier.

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Während dieser Blogpost entstanden ist, hat Russland 1:1 gegen den Iran gespielt und Katalonien sich wider Erwarten nicht für unabhängig erklärt. Damit liegt dann auch die clevere Idee, dem FC Barcelona ein neues Zuhause in der russischen Liga zu finden, erst mal auf Eis. Dabei hatte der FK Jenissei Krasnojarsk sich das doch alles schon so schön überlegt. Wenn’s doch noch was wird, erfahrt ihr das nächste Woche hier – bis dann!



 

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Russball, Folge 17: Wohin mit den Fans, wenn das WM-Stadion zu klein ist?

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Es war so ein guter Plan gewesen: ein Sonntag auf der Datsche, draußen Herbst, drinnen Tee und ein Laptop, um an diesem Blogpost zu schreiben. So hatte ich mir das vorgestellt, bis der Link zum „Virtuellen Museum“ von Zenit St. Petersburg dazwischen kam. Alte Fußballregelbücher, Plakate, Trophäen, Schuhe… eventuell habe ich mich da ein klein wenig festgelesen.

Immerhin, ein bisschen was habt ihr auch davon, denn sonst könnte ich nicht zu dieser Adidas-Sporttasche aus den Siebzigern verlinken. In den Jahrzehnten davor war die Ausrüstung sowjetischer Fußballer immer in der Sowjetunion hergestellt worden, dann folgte, so die Museumsmacher, eine vorsichtige Öffnung: Es gab die ersten importierten Trainingsklamotten aus Finnland. Die Tasche bekam ein Zenit-Spieler schließlich bei einem Freundschaftsspiel in Westdeutschland geschenkt – „einer der ersten Markenartikel, den unsere Mannschaft je erhalten hat.“

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⚽ „Russlands Fußball-Nationalmannschaft bekommt einen weiteren Legionär“, titelt Lenta.ru. Es geht um den Kölner Abwehrspieler Konstantin Rausch, der ja neulich schon mal bei einem Freundschaftsspiel Russland – Dynamo Moskau ran durfte. Nun hat die FIFA also abgenickt, dass Rausch auch bei offiziellen Länderspielen für Russland antreten darf.

Gemeinsam mit Roman Neustädter wird er zum Kader gehören, wenn Russland am Samstag gegen Südkorea und am Dienstag gegen den Iran spielt. Für die Leser, denen Rausch noch kein Begriff ist, reicht Lenta noch eine kurze Info nach: In der aktuellen Saison habe Rausch bisher fünfmal für Köln gespielt und sei dabei „nicht durch erfolgreiche Aktionen aufgefallen.“

⚽  Damit bei der Fußball-Weltmeisterschaft genügend Fans ins Stadion von Jekaterinburg passen, mussten die Architekten improvisieren. Die Lösung, die in diesen Tagen dort entsteht, erinnert an einen Klapptisch: Eine der Tribünen wird derzeit so weit nach oben verlängert, dass die Zuschauer de facto außerhalb des Stadions sitzen und hinein blicken in Richtung Spielfeld.

Man kann das „unglaublich“ finden wie The Sun oder Facepalm-würdig wie manche Sportjournalisten. Oder man nimmt es einfach philosophisch: „Wenn du dich einsam fühlst, dann denk einfach an die Tribüne in Jekaterinburg, die ganz alleine außerhalb des Stadions steht.“

⚽ Kleiner Service für Fans von Borussia Dortmund: Bei ESPN gibt es ein ausführliches Spielerporträt von Alexander Golowin, an dem seit dem Sommer offenbar sowohl der BVB als auch Arsenal interessiert sind. Der Mann ist 21, spielt bei ZSKA Moskau und gilt als einer der besten jungen Spieler, die Russland derzeit zu bieten hat. Drahtig und wendig ist der Mittelfeldspieler, der seit zwei Jahren auch zum Kader der Nationalmannschaft gehört. Für die WM im kommenden Jahr gilt er als gesetzt.

⚽ Allmählich läuft das hier auch an mit dem Weltmeisterschafts-Merchandising: Neulich war ich abends noch im Buchladen Dom Knigi, nach einem Geburtstagsgeschenk für den großen Bruder von Patenkind 3 suchen. Und da, zwischen den ganzen anderen Schulutensilien, lagen diese Hefte mit Zabivaka, dem WM-Maskottchen in allerlei Posen. Für 20 Rubel das Stück (30 Cent), also hab ich mal den ganzen Fünfer-Satz mitgenommen. Vielleicht ja ein Thema für einen eigenen Blogpost, wenn mir in den nächsten Tagen noch mehr Merchandising begegnet.

kscheib Russball Fußball-WM Zabivaka Maskottchen

⚽ Für einen Euro hat der Russe Alexander Grinberg 2013 den FC Marbella gekauft, der spanische Klub steckte damals tief in den roten Zahlen. Seitdem müssen dort allerdings deutlich höhere Summen geflossen sein, nicht nur in saubere Geschäfte. Denn nun hat die spanische Polizei nicht nur Vereinspräsident Grinberg, sondern gleich ein ganzes Dutzend Menschen aus seinem Umfeld festgenommen. Der Vorwurf: Geldwäsche und Zugehörigkeit zur russischen Mafia.

⚽ Gerade erst haben die Fans von Spartak Moskau ihrem Verein ein Auswärtsspiel vor leerem Gästeblock in Sevilla eingebrockt, da droht dem Verein schon neuer Ärger. Beim Spiel gegen den FC Liverpool in der vergangenen Woche gab es mehrere Vorfälle, die nun von der UEFA untersucht werden, auch Rassismusvorwürfe stehen im Raum. Letzteres gilt übrigens nicht nur für das eigentliche Champions-League-Spiel der beiden Vereine, sondern auch für die Begegnung ihrer Nachwuchsmannschaften in der Uefa Youth League.

⚽ Zugunsten von Menschen mit Kinderlähmung gab es am vergangenen Freitag ein Benefiz-Fußballspiel in der Sapsan-Arena, dem kleinen Stadion, in dem die Jugendmannschaft von Lokomotive Moskau ihre Spiele austrägt. Russlands Sportminister Pawel Kolobkow hat mitgespielt, NOK-Chef Alexander Schukow, diverse Wirtschaftsbosse. Vor allem aber war ein Mann auf dem Platz, an den sich Schalke-Fans noch gut erinnern. Und siehe da: Marcelo Bordon sieht noch haargenau so aus wie damals:

⚽ Nachdem der Ticketverkauf für die Fußball-Weltmeisterschaft im kommenden Sommer angelaufen ist, bekommen allmählich auch die Flughafenbetreiber eine genauere Vorstellung davon, was da so auf sie zukommt. In St. Petersburg zum Beispiel hat die Leitung des Flughafens Pulkowo mal durchgerechnet und erwartet nun für 2018 ein Plus von zehn Prozent bei den Reisenden.

An Domodedowo, Moskaus größtem Flughafen, soll unterdessen die Ladenfläche fast vervierfacht werden, damit Fußballfans möglichst viel Geld in den Geschäften lassen und der Flughafenbetreiber seine Mieteinnahmen steigern kann. Aus Deutschland gibt es Flugverbindungen von Berlin, Düsseldorf, Frankfurt, Leipzig und München nach Domodedowo.

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Als Rausschmeißer noch ein Stück aus dem Guardian, das nur am Rande mit Russland zu tun hat: „Terrace diplomacy: when football fans get political“ gibt einen guten Überblick, welche Fans sich in letzter Zeit mit Bannern politisch positioniert haben. Spartak-Fans hatten zum Beispiel Anfang des Jahres gegen eine Hooligan-Doku der BBC protestiert, andere Banner forderten Beispielsweise die Rückgabe der Elgin Marbles an Griechenland oder kritisierten die UEFA.

Nächste Wochen schauen wir dann mal, wie sich Russland in seinen beiden Länderspielen geschlagen hat. Wem das zu lange dauert: Alle alten Russball-Folgen könnt ihr hier nachlesen.



 

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Kackbratze, Mostschädel, Furzknoten: Wie ich einmal Deutschland war

Das hier ist, trotz des Wahlergebnisses von Sonntag, kein politischer Blogpost. Es sei denn, man definiert das Fluchen als einzig mögliche Reaktion auf das Abschneiden der AfD, dann vielleicht schon. Und immerhin geht es um Deutschland.

Eine Woche lang, von Sonntag bis Sonntag, habe ich den Twitter-Account @I_amGermany übernommen. Jede Woche twittert dort ein anderer Mensch aus Deutschland für über 8000 Follower, die Englisch sprechen und sich für Deutschland interessieren. Oft, weil sie in Deutschland leben, Deutsch sprechen oder es zumindest mal gelernt haben.

Wir haben viel übers Wählen gesprochen in der Woche – einige Follower haben zwar ihr Zuhause in Deutschland, dürfen dort aber nicht wählen. Andere haben von wichtigen Abstimmungen in ihren jeweiligen Heimatländern getwittert, mehr als einmal ging es um den Brexit. Wir haben uns darüber unterhalten, was wir „entlernen“ mussten, als wir ins Ausland gezogen sind – es waren fast immer unterschiedliche Auffassungen von Pünktlichkeit, Direktheit und, lustigerweise, Straßenverkehrsregeln. Wir haben, als ich am Flughafen rumsaß, über dieses Gebäckstück diskutiert.

Vor allem aber haben wir zusammen geflucht. Regionale Sprachunterschiede sind eh ein Steckenpferd von mir, siehe das Rosinenbrötchen: Da, wo ich herkomme, ist das ein Mürbchen. Eine halbe Stunde Autobahnfahrt in die eine Richtung, und es ist ein Weckchen. Eine halbe Stunde in die andere, und es ist ein Stütchen. Daraus entstand die Idee, sich mal umzuhören, wie die Follower in den diversen Regionen so fluchen. Das Ergebnis war bunter, kraftvoller und deutlich weniger schmutzig als erwartet.

Und weil heute ein Tag ist, an dem man vielleicht den ein oder anderen Kraftausdruck mehr braucht, hier eine kleine Auswahl.

Ganz gut zum Dampfablassen, was? Aber so wunderbar originell diese Begriffe auch alle sind, sie werden noch übertroffen von dem, was sich kurz danach auf dem finnischen Gegenstück zu @I_amGermany abspielte.

Sagen wir mal so: Wenn ich jemals das Gefühl habe, den deutschen Fluchwortzschatz komplett durchgespielt zu haben, wird auf jeden Fall ins Finnische gewechselt. Man muss sie nicht mal verstehen – selbst wenn man sich diese Tweets nur laut vorliest, sind diese Schimpfwörter ungemein befriedigend.

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Ich bin dann mal Deutschland

Ab heute wird es ein bisschen ruhiger, hier im Blog und auch bei Twitter. Genau genommen: Da, wo ich sonst so rumtwittere, unter meinem eigenen Namen. Stattdessen bin ich jetzt mal eine Woche lang Deutschland – und das auch noch auf Englisch.

Unter @I_AmGermany schreibt bei Twitter jede Woche ein anderer Mensch, der aus Deutschland kommt oder in Deutschland lebt, und über 8000 Leute lesen mit. Das Prinzip kannte ich, Schweden macht das schon seit einigen Jahren, was oft faszinierend ist und manchmal furchtbar.

Inzwischen weiß ich, dass es zum Prinzip auch einen Namen und damit einen Hashtag gibt: #rocur, kurz für rotation curation. Rotation wie in abwechselnd, curation wie in sichten, auswählen, präsentieren. Es gibt einen Irland-Rocur und einen Hamburg-Rocur, einen Astronomie-Rocur und einen Geisteswissenschaften-Rocur, einen LGBTQ-Rocur und einen (offenbar derzeit ruhenden) Rocur kanadischer Bauern. Sie alle verbindet der Wechsel, die immer neue Perspektive.

Über 8000 Follower hat @I_AmGermany, nur ein Fünftel von ihnen spricht Deutsch, getwittert wird auf Englisch. Für Tausende Menschen eine Woche Deutschland sein – größer geht’s nicht, nein? Vielleicht am besten direkt so wie damals, 2005, mit ordentlich Pathos?

Okay, nein, das wohl nicht. Dann vielleicht lieber ganz klein. Das bisschen Alltag, in NRW und in Moskau – es ist eine Reisewoche für mich, das passt schon mal gut. Retweets, klar, von Lieblingstwitterern und Zufallsfundstücken. Über Sprache könnten wir mal reden, schließlich steckt viel Deutsch im Russischen. Chor, Fußball, Bücher. Nachdem die aktuelle Rotationskuratorin Kölsches Liedgut kritisiert hat, habe ich mich außerdem zu einem täglichen Bläck-Fööss-Zitat verpflichtet. Vorschläge werden gerne angenommen.

Zum Schluss ist da natürlich auch der Zeitpunkt. Eine Woche vor der Bundestagswahl finde ich es besonders interessant, mich zu fragen: Dieses Deutschland (Verzeihung: Germany), für das ich hier gerade stehe – was ist das heute für ein Land? Falls ihr dazu oder zu einem anderen Thema etwas seht oder schreibt, was für die Follower von @I_AmGermany interessant sein könnte: Sagt gerne Bescheid, ich freu mich!

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Putin der Woche (XLVI)

kscheib Putin der Woche Sandhaufen Ottensen

Gesehen: In Hamburg-Ottensen

Begleitung: ein Sandhaufen und ein Bauzaun

Text: keiner

Subtext: Was will uns ein Sandhaufen sagen, in dem ein Putin-Kopf an einem Holzstäbchen steckt? Diesmal habe ich mich schwer getan, aber wozu hat man Freunde! Hier also die Top 10 einer kleinen Facebookumfrage zu möglichen Deutungsansätzen:

1. Ich habe nicht nur Baustellen in Moskau
2. „Wir dürfen den Sand nicht in den Kopf stecken.“ (Lothar Matthäus)
3. Sind ja bald Wahlen: Mein Sand für Euer Getriebe.
4. Sandmann, lieber Sandmann, es ist noch nicht so weit…
5. „Man könnte sehr wohl wetten, daß der Mensch verschwindet, wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand.“ (Foucault, 1972)
6. Putins Macht, auf Sand gebaut
7. … denn Staub bist du, und zum Staub musst du zurück (1 Moses 3,19)
8. Autokraten gibt es wie Sand auf der Baustelle, aber es gibt nur einen Wladimir Wladimirowitsch.
9. Gib dem Trump sofort dat Förmchen zurück!
10. Hausaufgabe für russische Kinder: Aus dem Sand den Rest des Körpers formen! Bevorzugt mit freiem Oberkörper auf Pferd.

Oben-Ohne-Punkte: 0/10

(Mit Dank an Ulrike für das Fundstück.)

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Russball, Folge 7: Warum liegt hier überhaupt Stroh?

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Diese Folge Russball entsteht, während die Frauenfußballteams von Russland und Deutschland bei der Europameisterschaft gegeneinander spielen. Kurz vor der Halbzeit, Deutschland führt 1:0, da kann man gut nebenher ein bisschen bloggen. Zum Beispiel diese Übersicht von Sky Sport zum Thema Legionärinnen. Sie zeigt: Selbst wenn man das deutsche Team rausrechnet, bleiben immer noch 41 Teilnehmerinnen des Turniers übrig, die ihr Geld in der Bundesliga verdienen.

Nur zwei der teilnehmenden Nationen haben dem Bericht zufolge keine einzige Bundesliga-Spielerin im Kader: England und Russland. (Dass das mit den Legionären für Russlands Fußball-Männer eine große Baustelle ist, davon war ja letzte Woche hier schon mal die Rede.)

 

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⚽ Wir befinden uns im Jahre 2017 nach Christus. Ganz Russland hat sich mit der Korruption beim Bau der WM-Stadien abgefunden. Ganz Russland? Nein! Ein von unbeugsamen Bauern bevölkertes Dorf im Süden des Landes hat aus Protest sein eigenes Stadion gebaut – komplett aus Stroh.

 

Уровень! Ставрополье, креативно и с юмором:-) #россия #russia #arena #stadium

Ein Beitrag geteilt von belultras (@belultras) am

41.000 Rubel Budget, 4500 Strohballen als Material, Bauzeit unter einer Woche. Dazu ein Schild am Eingang: „Beim Bau wurde kein einziger Rubel gestohlen oder abgezweigt.“ Getauft haben die Erbauer ihr Strohprojekt übrigens „Zenit-Arena“, in Anspielung an das Petersburger Krestowski-Stadion, bekannt wie kein anderes für Mauscheleien und explodierende Baukosten. (Eine gute Zusammenfassung dazu hat der Economist gerade veröffentlicht.)

⚽ Offiziell hat Wladimir Putin noch nicht gesagt, ob er im kommenden Jahr noch einmal bei der Präsidentschaftswahl antritt. Ein offizieller Wahlkampfauftritt war es also nicht, als er am vergangenen Freitag im Staatsfernsehen fast drei Stunden lang Fragen von Schülern beantwortete. Ist ja auch ein dankbarer Termin: keine allzu kritischen Fragen, nur talentierte, fotogene Kinder und ein volksnaher Präsident.

Nur bei einem Thema wollte Putin sich lieber nicht aus der Deckung wagen. Fragen zur Opposition, zum Feminismus, zum Bevölkerungswachstum, alles kein Problem. Aber eine Prognose zum Abschneiden der russischen Nationalmannschaft bei der WM im eigenen Land? Auf keinen Fall. Also entstand folgendes Gespräch zwischen Putin und Pascha (kurz für Pawel), einem Jungen, dessen Team laut Moderator bei der „WM der Waisenhaus-Mannschaften“ gewonnen hatte.

Pascha: Wladimir Wladimirowitsch, bitte sagen Sie: Wird unsere Nationalmannschaft bei der Fußball-Weltmeisterschaft gewinnen?
Putin: Pascha, wer von uns beiden ist Weltmeister, du oder ich?
Pascha: Ich.
Putin: Dann sag mir bitte, als Spezialist: Wird unsere Nationalmannschaft bei der Fußball-Weltmeisterschaft gewinnen?

Einen kurzen Moment lang sah man Pascha die Sorge an, darauf nun ernsthaft antworten zu müssen, dann retteten ihn Applaus und Gelächter. Durch die Geräuschkulisse hörte man nur noch, wie Putin „Setz dich“ sagte. Und Pascha, ganz diplomatisch: „Alles ist möglich.“


 

⚽ Geldbuße für zwei Moskauer Vereine: Spartak Moskau und Dynamo Moskau müssen beide rund 3600 Euro Strafe zahlen, in beiden Fällen geht es um Rassismus von Fans. Die Details hat Reuters hier – wie auch eine Warnung des Fußballverbands: Wenn sich solche Vorfälle wiederholten, heißt es da, seien auch strengere Strafen denkbar. 

⚽  Was ich auch noch nicht wusste: Es gibt in Russland einen Bayer-Leverkusen-Fanclub, der sich den (deutschen) Namen „Russische Pillendreher“ gegeben hat. Gerade mal 29 Mitglieder hat der Club, dafür aber eine ziemlich professionelle Website, wo man nachsehen kann, wo sie denn so sitzen, die russischen Bayer-Fans.

Russische Städte von Moskau bis Barnaul sind da vertreten, andere Mitglieder leben in WeißrusslandKasachstan oder der Ukraine. Gelernt habe ich das alles bei Twitter, von Anna. Wer sich für einen russischen Blick auf deutschen Fußball interessiert, sollte ihr folgen. 

⚽  Nach dem Eiffelturm, dem Empire State Building und der Elbphilharmonie hat nun endlich auch das Petersburger Stadion einen Twitter-Account. Genauer gesagt: Das Stadiondach. Der Account ist erst ein paar Tage alt, hat also bisher erst wenige Tweets zu bieten: „Heute bin ich geschlossen“steht dann da, oder „Hallo alle, noch eine halbe Stunde bis zum Spiel.“  

Seltsamerweise fehlt die Nachricht „Heute bin ich geschlossen, aber ihr werdet trotzdem nass.“ So geschehen beim Spiel von Zenit gegen Rubin Kasan, das Video von Lifenews zeigt fallende Tropfen und einen Fan, der im Sitzen den Regenschirm aufgespannt hat. So ein teures Stadion, und trotzdem nicht ganz dicht. Vielleicht sollte man vorsorglich für die WM schon mal Kontakt zu Moskaus Schönwetterpiloten knüpfen.

⚽ Für viele Fußballfans wird die Weltmeisterschaft im kommenden Jahr sicherlich ihr erster Russlandbesuch sein – und damit eine Gelegenheit, sich mit den schwerfälligen Namen vertraut zu machen, die öffentliche Einrichtungen hier oft haben. MOSTRANSAWTO zum Beispiel ist zuständig, wenn man sich in und um MOS(kau) TRANSportieren lassen möchte mit dem Gefährt, zu dem der Russe AWTObus sagt.

Der neue Mostransawto-Chef Wladislaw Muraschow überlegt sich gerade, wie man das Busfahren für zugereiste Fans einfacher machen kann: WIFI in den Bussen wird demnächst getestet und soll bis kommenden Sommer weit verbeitet sein. 1700 neue Busse werden angeschafft. Vor allem aber soll man künftig beim Einsteigen einfach die Kredit- oder EC-Karte vors Lesegerät halten können und so bezahlen – kein Kleingeld, keine aufladbare Buskarte. Schließlich, so Muraschow, würden im Moskauer Umland ja auch einige der Mannschaften untergebracht.

⚽  Die Sport-Website Championat.ru hat eine neue Reihe gestartet. Unter dem Motto „Как это работает“ („Wie es funktioniert“) stellen sie unterschiedliche Aufgabenfelder rund um den Fußball vor. Schiedsrichter zum Beispiel, PressesprecherKonditionstrainer, aber auch Spezielleres wie die Arbeit eines Kameramanns beim Vereinsfernsehen. Die Texte holen gerne mal historisch aus – zum Beispiel mit diesem Video aus der Anfangszeit des Spartak-Vereinsfernsehens. Der Clip scheint aus dem Jahr 2002 zu stammen, als Spartak in einer Champions-League-Gruppe mit BaselLiverpool und Valencia spielte:

 

Besonders lesenswert aus dieser Reihe: der Artikel über die Übersetzer russischer Fußballclubs. Als Mitte der Neunziger brasilianische Legionäre wie Luis RobsonLeandro Samarone und Leonidas nach Russland kamen, sei das Thema erstmals relevant geworden, schreibt Championat. Heute haben dem Bericht zufolge nur der FK Tosno und Dynamo Moskau Mannschaften, bei der alle Spieler Russisch sprechen. 

„Der Prozentsatz der Leute, die Englisch sprechen, ist in unserer Stadt sehr niedrig“, erzählt der Übersetzer von Anschi Machatschkala. „Wenn die Spieler also in die Stadt gehen wollen, etwas einkaufen, sagen sie mir Bescheid und wir gehen zusammen.“ Die Tabelle am Schluss des Artikels verrät schließlich noch: Rubin Kasan ist eine ligaweite Ausnahme, denn dort übersetzt mit der 29-jährigen Ada Nasirowa eine Frau. 

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Bei der EM hat das deutsche Team unterdessen noch ein Tor geschossen, Elfmeter, aber immerhin, ein Tor. Da hat’s wohl doch nicht geholfen, dass die Russinnen vorher noch eine optimistische Luftballondeko getwittert hatten – drei pralle Ballons in den russischen Farben, drei schlappe in den deutschen. Abpfiff, das Spiel ist vorbei, diese Russball-Folge auch. Bis nächste Woche!



 

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Putin der Woche (XLII)

Putin der Woche Bloodymir

Gesehen: Von Freunden in Hamburg.

Begleitung: Zwei gar nicht mal so kleine Flügel.

Text: Bloodymir Putin.

Subtext: Wird das B bei euch Russen nicht eh als W gesprochen? Na also, dann ist es von Wladimir zu Bloodymir doch nur ein kleiner Schritt. Und wenn jetzt noch jemand erklären könnte, warum Hamburg bei euch „Gamburg“ heißt, aber Heilbronn „Cheilbronn“?

Oben-Ohne-Punkte: 0/10 – aber volle Punktzahl für unten ohne.

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Was sich Horst Seehofer heute in Skolkovo angucken kann

skolkovo bus shuttle

Wer nach Moskau zieht, tut das nicht unbedingt, um künftig mehr Zeit in derselben Stadt wie Horst Seehofer zu verbringen. An mir liegt es also nicht, wenn das trotzdem so kommt. Vergangenes Frühjahr war er schon einmal hier und sorgte dabei für so Schlagzeilen wie „Horst Seehofer, neuer Liebling der russischen Medien“ und „Bayerischer Löwe krault russischen Bären“.

Ein gutes Jahr später, Seehofer in Moskau reloaded. Wie gestern die gemeinsame Pressekonferenz mit Putin war, kann man zum Beispiel bei SPON nachlesen, dort gilt der Seehofer Horst nun als „geläuterter Nebendiplomat“. Heute dann das etwas leichtere Programm: ein Besuch in Skolkovo im Moskauer Westen, wo Russland Innovativsein übt.

Ein Technopark mit eigener Hochschule, Campus und Wohngebäuden, hochgezogen mit Regierungsgeld und mit Expertenunterstützung vom Massachusetts Institute of Technology. Das Ganze ist, je nachdem, wen man fragt, Russlands Silicon Valley oder ein Milliardengrab. Weder Laptops noch Lederhosen, dafür Touchscreens und Hackspaces.

Skolkovo Werkzeug

Wenn Seehofers Besuch ähnlich wie der unserer Gruppe im vergangenen Jahr beginnt, dann auf einem Parkplatz. Eine von vielen Visionen für das Projekt Skolkovo war einmal, dass hier nur Elektroautos fahren sollen, still und ökologisch. Nun stehen vor den Toren die bunt lackierten Shuttlebusse, alle mit konventionellem Antrieb und – wir sind in Russland – permanent laufendem Motor.

Das Shuttle rollt, vor dem Fenster mal fertige Gebäudekomplexe, mal nur Acker. Skolkovo entsteht, immer noch. Bis 2020 sollen hier hier 35.000 Menschen arbeiten, auch Wohngebäude sind geplant. „Nobelstraße“ steht optimistisch am Wegesrand. Wir sind auf dem Weg zu dem, was unsere Begleitung das „größte zivile Robotik-Projekt in Russland“ nennt: Hier werden Exoskelette gebaut, mit deren Hilfe Menschen, die sonst einen Rollstuhl brauchen, laufen können sollen. Einer der „Piloten“ ist heute hier für einen Probelauf. Anpassen, ein paar Meter gehen, nachjustieren, noch ein paar Meter. Große Schritte vor kleinem Publikum.

1400 Start-Ups aus ganz Russland, in Moskau an einem Ort gebündelt, mit Einnahmen von zusammengerechnet einer Milliarde Dollar im Jahr 2015. 416 von der Skolkovo-Stiftung geförderte Projekte. Mehr als 1800 beantrage Patente. Das sind die offiziellen Zahlen. Doch Durchsuchungen wegen Korruptionsverdacht, Kritik von Transparency International und Entlassungen nach Unterschlagungsvorwürfen, schwindendes Interesse bei der politischen Führung und Sparauflagen – auch das ist Skolkovo.

Wir fahren dann noch rüber zu SkolTech, der eigenen Hochschule, die alle Kriterien für Hochglanz-aber-bitte-studentisch erfüllt: bunte Sitzsäcke in den schicken Räumen. Gut ausgestattete Labore, schwere Türen, hinter denen Doktoranden gerade einen Versuch mit Lasern aufbauen. Ein Schlafbereich für müde Forschende. In der Cafeteria steht ein Automat, an dem man seine Instagram-Fotos ausdrucken kann.

Ein großes Zimmer ist mit Matten ausgelegt wie zum Bodenturnen, vor den Wänden sind Netze gespannt. „Sieht aus wie ein Yogazimmer“, sagt unser Gastgeber, „ist aber zum Drohnentesten. Die Netze sorgen dafür, dass sie nicht bei jedem Fehler gegen die Wand fliegen.“ Wie viele Menschen zwischen all dem universitären Hochglanz tatsächlich studieren – die Zahlen sind da nicht so richtig stimmig. Was ist PR, was ist Realität?

Eine Tür im Skoltech-Gebäude dürfte heute Horst Seehofer übrigens besonders interessieren. Falls das mit den Moskaubesuchen nun eine jährliche Tradition werden soll, will er sich ja vielleicht die lästigen Flugreisen ersparen. Da würde künftig ein Schritt durch diese Tür reichen. Und die Frage „Realität oder nicht“ ist zumindest hier dann auch ganz eindeutig beantwortet:

Skolkovo Teleportation

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Der Mann auf dem Boot

boot moskau kscheib

„Komm mit auf ein Bierchen nach Gelsenkirchen,“ sagt der Russe auf dem Ausflugsboot und strahlt. Schalke-Fan sei er, natürlich, und heute Abend für „die Bundesmannschaft.“ Gucken will er mit einem Kumpel, sie haben sich 24 Bier kalt gestellt – 6 Veltins, 6 Leffe und 12 andere. Damals, bei dem Brasilien-Spiel, hatte er sich ja vorgenommen, für jedes Tor ein Bierchen zu trinken – das war ein harter Abend. Eine Flasche Jägermeister kann er jedenfalls durchaus an einem Abend trinken, nicht, weil er Alkoholiker wäre, bloß ein großer Mann halt.

Beruflich war er oft in Deutschland, das da drüben ist übrigens ein Open-Air-Theater, da treten oft so Death-Metal-Bands auf wie die, in der er damals gespielt hat, als er noch die Haare bis zum Hintern hatte, darum ja auch die ganzen Tattoos. Und wir sind also alle drei aus Deutschland? Super, er hat da zwei gute Freunde, Stefan und Ralf. 

Hier, die Brücke ist interessant, oben Autos, auf der Etage drunter nicht nur Schienen für die Metro – ihr sagt „U-Bahn“ auf Deutsch, oder? – sondern sogar eine Haltestelle, mitten auf der Brücke, welche Stadt hat sowas schon. Die Haltestelle heißt „Sperlingsberge“, kleiner Vogel, genau, ja, sparrow – auf Deutsch also Sperling? Okay. „Adler“ kennt er auch, „Storch“, „Taube.“ 

Er interessiert sich ja sehr für Geschichte, vor allem deutsche, der Kaiser damals, die ganze Epoche, und die Marine – meine Güte, was waren das für Schiffe, Riesenschiffe! Politik hingegen – das da vorne ist übrigens eine Sporthalle, wir nennen sie auch die Schildkröte, ihr seht ja, warum, und dahinter das Stadion machen wir gerade schön für die WM 2018. Wobei, die russische Nationalmannschaft, ach, wie die schon laufen, schau mal, so – er dreht die Fußspitzen nach innen und taumelt übers Deck. Nein, die Russen können halt keinen Fußball spielen, Eishockey, ja, aber keinen Fußball, da sind wir für andere Teams, Deutschland, Italien, aber heute Abend, keine Sorge, das schafft Deutschland schon. 55 Zoll groß ist der Bildschirm zuhause, von Hitachi – schon riesig, ne? 

Politik jedenfalls, das ist nichts für ihn. Was die Merkel da mit den muslimischen Flüchtlingen macht, muss sie selber wissen. Und hier in Russland, ach hör auf. Wobei: Ihr denkt immer, Moskau, ja ja, Wodka, Matrjoschkas, Balalaikas – und dann kommt ihr hierher und das ist eine europäische Stadt! Politik ist Scheiße, warte, auf Deutsch: Katzendreck! 

Das sind übrigens Solarzellen und Antennen da oben auf der Akademie der Wissenschaften, sieht ein bisschen aus wie ein Gehirn, ne? Sagt mal, raucht ihr? Nee? Klug, ich leider schon, nicht viel, so fünf, sechs am Tag. Ich bin mal kurz weg.

Ruhig liegt die Moskwa. Ein leichter Wind zieht übers Wasser. Am Ufer sitzen Menschen auf Bänken, unterhalten sich oder blicken einfach in die Ferne und…

Ja, jedenfalls, das mit der Politik. Hitler war verrückt. Stalin war verrückt. Heute weiß man das. Wobei heute ja wieder mehr Leute Stalin mögen, und was schon stimmt: Also gegen Religion hatte Stalin eigentlich gar nichts, der hat auch keine Kirchen einreißen lassen, das waren alles seine Leute in den Ministerien, Chruschtschow, Molotow.

Heute gibt es in Moskau übrigens 600 Kirchen, auch eine Deutsche, und oh, guckt mal da, das Gesicht an der Hauswand, kennt ihr den? Nein? Ach komm – das ist Hermann Hesse, da steckt so ein Künstler hinter. Ja, wir sagen German Gesse, ist halt so auf Russisch, wir haben ja auch German Gering gesagt, und Adolf Aloisewitsch.

Die Brücke da nennen wir ja auch die Kussbrücke, da war mal so eine Aktion fürs Guinnessbuch – über zweitausend Menschen, die sich küssen. Und das da hinten ist unser Außenministerium, und jetzt sind wir ja auch schon da, Kiewer Bahnhof, einer von zwölf Bahnhöfen in Moskau, Flughäfen haben wir vier. Dann macht’s mal gut, wir sehen uns, auf ein Bierchen in Gelsenkirchen! 

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Günter aus Stuttgart soll Touristen nach Russland locken

Wie soll man sie nach Russland locken, diese Deutschen? Die Werbeagentur „Stereotactic“ hat sich das gefragt, und ihre Antwort heißt: Günter. Persönlich finde ich das erst mal nachvollziehbar, ich komme aus einer Familie mit hoher Günter-Dichte. Um allerdings auch andere Familien zum Russlandurlaub zu animieren, braucht das Video dann doch noch ein paar weitere Argumente.

Günter aus Stuttgart, der für diesen Namen eigentlich ein wenig zu jung ist, muss also deutsche Klischees abbilden. (Schön zum Vergleich: Das Video derselben Agentur für die chinesische Zielgruppe.) Dass er nicht einfach ins Blaue reist, sondern einen Plan abarbeitet, versteht sich also von selbst.

FeelRussia | Gunter from STEREOTACTIC on Vimeo.

Günter aus Stuttgart hat alles vorher recherchiert und gebucht.  Günter aus Stuttgart zählt auf dem roten Platz Kremltürme und Soldaten. Günter aus Stuttgart hakt ab, was er erledigt hat. Und dann dreht Günter aus Stuttgart durch und macht mal was ganz was Verrücktes. Botschaft an die Deutschen: Kommt nach Russland, dann müsst ihr endlich nicht mehr so deutsch sein.

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