Sowjetische Design-Objekte aller Arten, vereinigt euch!

kscheib sowjetunion mode

Bis vor einer Woche habe ich mir eingebildet, mich mit Moskaus Museen auszukennen.

Das Puschkin-Museum, das Garage-Museum, das Museum der Stadt Moskau, die alte Tretjakow-Galerie, die neue Tretjakow-Galerie, das Spielautomatenmuseum, das Multimedia Art Museum, das Museum für Moderne Kunst, das Fotomuseum „Brüder Lumiere“, das Museum für fernöstliche Kunst, das Zoologische Museum, das Darwin-Museum, das Kosmonautenmuseum, das Zentralmuseum der russischen Streitkräfte, das Architekturmuseum, das Museum des Großen Vaterländischen Krieges, das Paschkow-Haus – ich hab sie, so viel Prahlerei muss erlaubt sein, alle gehabt. Einige von ihnen auch mehrfach. Ins Museum gehen ist einfach, auch wenn man die Sprache noch lernt. Museen funktionieren immer gleich – Karte kaufen, rumlaufen, gucken.

Wie mir dabei fast vier Jahre lang das Moskauer Designmuseum durchgegangen ist – keine Ahnung. Mich grämt daran nicht so sehr, einfach ein Museum in Moskau nicht zu kennen – da wird es nicht das einzige sein. Aber so ein tolles, das noch dazu genau mein Ding ist! Wenn ihr mal bitte hier schauen wollt, was zunächst Russland und dann die Sowjetunion so hervorgebracht haben:

kscheib russland becherhalter

Ein Metallhalter, in den man sein Teeglas stellt. So um 1880 entstanden, unglaublich fein ausgearbeitet. Aber wir fangen ja erst an. Zwei Räume weiter, und es geht um russische Handarbeit. Zum Beispiel sowas hier:

kscheib russland design eichhörnchenkleid

So, damit kann ich dann auch endlich den Bergiff „Eichhörnchenkleid“ als Schlagwort für einen Blogpost vergeben – wieder einen Eintrag kürzer, die Bucket-List. Dazu noch die Holzbank im Hintergrund, eines von vielen ausgestellten Möbelstücken, natürlich Handarbeit, natürlich alt. Und wie immer die Frage im Hinterkopf: Gibt es irgendwas, das du mit deinen Händen so gut könntest?

Pappschatullen, schwarz lackiert und dann bemalt, sind russisches Traditionshandwerk – und eine der Kunstformen, die auch nach der Revolution populär blieb. Diese Dose hier ehrt Walentina Tereschkowa, die erste Frau im All und in der Sowjetunion fast so berühmt wie Juri Gagarin.

kscheib sowjetunion Walentina Tereschkowa

Dann, ein Museumszimmer weiter: Porzellan! Weil Hammer und Sichel aus Blumen einfach so viel schöner sind. Und weil doch bestimmt jeder beim Abendbrot vor einem Teller mit Lenins Gesicht und dem Slogan „Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen“ sitzen möchte.

Mein Lieblingsstück ist aber der eckige Teller mit der Baustelle drauf. Dieser Optimismus, dass hier etwas völlig Neues entsteht, wenn alle mit anpacken – das muss man erst mal auf Geschirr unterbringen. Falls es einer auf dem Flohmarkt sieht: Ich nehme dann auch gerne direkt das ganze Service.

kscheib sowjetunion design mischa

Im Seitenflügel des Gebäudes wird es dann bunter, wir sind jetzt in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Mischa, der Bär, 1980 das Maskottchen der Olympischen Spiele in Moskau, bewacht eine Vitrine mit Spielzeug – und ja, da ist nun wirklich alles an Farbe am Start, was man sich so denken kann.

Was halt damals plötzlich ging, dank Plastik. Hinten links das Krokodil Gena mit seinem großohrigen Freund Tscheburaschka, das vorne in der Mitte könnte die sowjetische Version von Karlsson vom Dach sein. Und natürlich ein Astronaut, Verzeihung: Kosmonaut.

kscheib sowjetunion design spielzeug

Weitere Erkenntnis: Wenn das Design stimmt, können sogar Haushaltsgeräte gut aussehen. Das türkise Ding in der Mitte mag ein Staubsauger sein, aber zur entfernten Verwandschaft gehört ganz klar ein großes altes Auto, so richtig schön mit Haifischflossen.

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Was noch? Modekataloge, aus denen man sich allerlei bestellen konnte. In den Zeiten vor Layoutprogrammen und Photoshop bedeutete kreatives Marketing offenbar auch schon mal, dass römische Statuen für die neue Winterkollektion ihren Kopf hinhalten mussten.

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Zum Schluss noch ein Design-Exponat mit Deutschlandbezug. Die Zeitschrift heißt, nerdiger geht es kaum, „Technische Ästhetik“ und befasst sich in dieser Ausgabe mit „Der Rolle des industriellen Designs bei der erfolgreichen Ausführung der komplexen, sozial relevanten Aufgaben bei der Gestaltung der materiellen Umgebung“ – und all das dann im Zusammenspiel zwischen UdSSR und DDR, wie das Cover ja zeigt.

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Das Moskauer Design-Museum hat seltsamerweise keine Adresse oder Wegbeschreibung auf seiner Website, aber es liegt an der Ulitsa Delegatskaja 3. Der Б-Bus hält fast unmittelbar vor der Tür.

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Russball, Folge 20: Liebe Kaliningrader, bitte keine Fußballfans hauen!

Russball kscheib Suus Agnes 2 signed

Goldene Regel für Russlandkorrespondenten: Egal, wie wenig dein Bericht wirklich mit dem Präsidenten zu tun hat, wie wenig der sich für das Thema interessiert oder darauf Einfluss nimmt: Putin muss in die Überschrift.

Dein Redakteur freut sich, weil er sofort weiß, wie er das Thema bebildert. Dein Leser freut sich, weil er jemanden wiedererkennt. Selbst die Suchmaschine würde sich freuen, wenn sie es könnte. Okay, du strickst mit an einem Putin-Bild, das ihm noch mehr Macht zuschreibt, als er ohnehin schon hat. Aber hey, Regeln sind Regeln. Womit wir beim Thema wären.

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⚽ „Wird Russland bei der Fußball-WM 2018 Putin blamieren?“, fragt also regelkonform Newsweek-Autor Teddy Cutler. Was folgt, ist eine ziemlich lange Passage, die grob sagt: Ist echt nicht schön für einen WM-Gastgeber, wenn die eigene Mannschaft beim Turnier im eigenen Land schwach spielt. Cutler meint, sich unter anderem an ein 7:0 von Deutschland gegen Brasilien bei der letzten WM zu erinnern. Joah. Nö.

Was uns der Artikel trotz seiner Putin-Überschrift eigentlich sagen will, kann man auch einfach hier bei TASS nachlesen: Russland ist im monatlichen FIFA-Ranking weiter abgerutscht, auf Platz 65. Das sagt allerdings nur bedingt etwas über die tatsächliche Stärke der Mannschaft aus: Als Gastgeber muss sich Russland nicht für die WM qualifizieren. Während andere Mannschaften also Punkte aus der Quali sammeln, punktet die russische Nationalelf nur bei gelegentlichen Freundschaftsspielen, die für die FIFA-Statistiker deutlich weniger zählen.

⚽ Apropos: Gerade haben sich Russland und Brasilien auf ein Freundschaftsspiel im kommenden Frühjahr geeinigt. 23. März in Moskau, das steht fest – in welchem Stadion wird noch bekanntgegeben. Jedenfalls hat der Präsident des brasilianischen Fußballverbands versprochen, keine B-Mannschaft zu dem Spiel zu schicken, sondern auch Stars wie Neymar.

⚽ Kleiner Service für die Anhänger von Lokomotive Moskau oder generell alle Fußballfans, die sich einfach besser über den russischen Ligafußball informieren wollen: Der aktuelle Tabellenzweite hat seit der vergangenen Woche nun auch einen englischen Twitter-Auftritt. Wer ihm jetzt folgt, kann also später behaupten, von Anfang an dabei gewesen zu sein. Der erste Tweet zeugt schon mal von Humor:

⚽  Rassismus und Hooligans – zwei Themen, um die es hier bei Russball schon oft ging und – traurig, aber garantiert – auch noch öfter gehen wird. Heute diesmal nur ganz kurz und in Zahlen: Rassistische Idioten unter den Fans von Spartak Moskau haben ihrem Verein eine Strafe eingebrockt. Beim nächsten Spiel im Rahmen eines UEFA-Wettbewerbs muss ein Block von mindestens 500 Sitzplätzen frei bleiben. Stattdessen soll dort ein Banner für Toleranz und Gleichberechtigung wehen.

Die zweite Zahl betrifft die bei der Fußball-Weltmeisterschaft gesperrten russischen Hooligans. Stand 9. Oktober stehen auf der offiziellen Liste des russischen Innenministeriums 374 Menschen, die keine WM-Veranstaltungen besuchen dürfen. Manche sind sogar bis zum Jahr 2020 gesperrt. Auch der Name Alexeij Jerunow, einer der brutalsten russischen Hooligans, soll sich auf der Liste finden.

⚽ Kaliningrad wird der westlichste WM-Austragungsort sein, und Bürgermeister Alexander Jaroschuk ist schon voll im Thema. In einem Radiointerview hat er nicht nur eine Vision von Staus und Überfüllung an die Wand gemalt („der Verkehr wird sehr stark eingeschränkt sein, nahezu verboten, bis auf Shuttlebusse für Fans“), sondern auch direkt noch die Kaliningrader zum Wohlverhalten aufgerufen.

Wer Englisch spricht, sagte Jaroschuk, soll sich nützlich machen und Touristen helfen oder zumindest ein bisschen Smalltalk mit ihnen machen. Vor allem aber, ganz wichtig: Bitte keine angereisten Fußballfans verhauen! Ach so, und wer sich fragt, wie eine Stadt von rund 400.000 Einwohnern mit erwarteten 70.000 bis 100.000 Besuchern umgeht – auch da hat der Bürgermeister einen Plan: Die Kaliningrader, schlägt er vor, sollten am besten die Stadt verlassen und sich irgendwo auf dem Lande ein bisschen entspannen.

Kaliningrads Bürgermeister Alexander Jaroschuk
Kaliningrads Bürgermeister Alexander Jaroschuk
(Foto: Westpress Kaliningrad/ A. Podgorchuk, Klops.ru/ CC-BY-SA 4.0)

⚽  Selbst die Militär- und Geheimdienstexperten vom Fachdienst Jane’s widmen sich der Fußball-Weltmeisterschaft. Den Fußballfans, die zur WM nach Russland reisen, sagen sie „ein erhöhtes Risiko von Verletzungen und Schäden an ihren Besitztümern“ voraus.

Weitere Kernaussagen: Cyberattacken seien wahrscheinlich, bei Taschendiebstahl oder Raub müsse man sich darauf gefasst machen, dass die russische Polizei wenig hilfreich sei und dem Vorfall womöglich gar nicht erst nachgehe. Russlandreisende „mit nicht-weißem ethnischem Hintergrund“ müssten außerdem damit rechnen, „zum Angriffsziel von Fußballfans oder von radikalen Gruppen zu werden.“ Weitere Details will das Jane’s-Team veröffentlichen, wenn im Dezember die Spielansetzungen feststehen.

⚽ Wo wir gerade bei Warnungen für WM-Reisende sind: Die ägyptische Website „Youm7“ greift einmal ganz tief in die Stereotypenkiste und warnt die Fußballfans unter ihren Lesern davor, sich eine Russin anlachen zu wollen. Geldgierig seien die, entweder sehr dünn oder sehr dick, selten irgendetwas dazwischen. AP hat mit der Autorin des Artikels gesprochen – sie legt Wert auf die Feststellung, das seien keine Vorurteile, sondern ihre persönlichen Erfahrungen.

Einen Grund gibt es übrigens tatsächlich, weshalb die WM-Reisevorbereitungen für Ägypter deutlich aufwendiger sind als für andere Landsleute: Seit Ende 2015 ein russisches Passagierflugzeug über dem Sinai abgestürzt ist, hat Russland alle Flugverbindungen zwischen den Ländern gestoppt. Dass sie in den wenigen Monaten bis zur Weltmeisterschaft wieder aufgenommen werden, ist unwahrscheinlich.

⚽ Und noch ein WM-Reisender, aber fangen wir mit einer kleinen Textaufgabe an: Joseph B. ist Präsident eines großen Sportverbandes. Im Rahmen eines Korruptionsskandals sperrt ihn der Verband im Jahr 2015 für acht Jahre von all seinen Sportveranstaltungen. B. geht in Berufung, die Sperre wird auf sechs Jahre reduziert. In welchem Jahr darf Joseph B. wieder zu einer Sportveranstaltung gehen? Rechne vorteilhaft.

Wer als Antwort 2021 ausgerechnet hat, darf sich zwar ein Fleißkärtchen nehmen, wird sich aber im kommenden Jahr wundern. Denn was die Textaufgabe vergaß, zu erwähnen: Joseph B. ist gut befreundet mit Wladimir P., in dessen Land 2018 eine große Sportveranstaltung stattfindet. Dank persönlicher Einladung seines Freundes wird B. nun also doch im Stadion sein. Der Sportfunktionär B. mag gesperrt sein, der Privatmann B. hingegen reist zur Weltmeisterschaft. Und was sagt die FIFA? „So lange er dort keine offizielle Funktion hat, dürfte das in Ordnung gehen.“

⚽  Ziemlich viel Ausblick auf die WM war das jetzt, darum zum Schluss noch ein Blick in die Neue Zürcher Zeitung. Deren Autor denkt einen Schritt weiter und geht der Frage nach, was eigentlich nach dem Turnier aus den prächtigen neuen Stadien wird. In Wolgograd zum Beispiel spielt dort dann der FC Rotor, der sich aktuell so gerade noch in der 1. Division (Russlands zweiter Liga) hält. Eine Arena, von der in Deutschland selbst mancher Erstligist nur träumen kann:

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Zum Schluss noch eine Frage. Fändet ihr es nützlich, wenn ich in Zukunft in jeder Russball-Folge einen Tipp zur WM-Reisevorbereitung einbaue? Was man vorher kaufen, runterladen, lesen, einpacken sollte? So ein bisschen wie diese App-Sammlung hier, aber eben auch Bücher, Kleidung, Sprachkurse und anderes Reisezubehör für Fußballfans? Sagt mir gerne Bescheid, was ihr davon haltet – entweder per Blog-Kommentar oder bei Twitter. Ich bin gespannt!



 

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Russball, Folge 18: Wo Englands Elf bei der Fußball-WM wohnen wird

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Die 18. Russball-Folge schon, endlich volljährig! Okay, andere haben noch sehr viel wichtigere Zahlen zu feiern. Russlands Präsident Putin zum Beispiel ist am Wochenende 65 geworden – auf dem Gabentisch lag unter anderem italienische Bettwäsche. Neid!

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⚽  Keine 250 Tage mehr bis zum Anpfiff der Fußball-Weltmeisterschaft hier in Russland. Nach und nach wird klarer, welche Mannschaften teilnehmen dürfen – auch Deutschland hat sich qualifiziert, ihr habt das eventuell mitbekommen. „Fast im Trainingsmodus erspielten sich die Deutschen den ersten (Gruppen)Platz“, schreibt Championat. „Erinnern sie sich, wie Deutschland 2014 die WM gewann?“, fragt Futbol und ergänzt: Seitdem habe „das deutsche Fließband die nächste Ladung Spitzenspieler geliefert, die für fünf Nationalmannschaften ausreichen würden.“

Sport Express sieht deshalb ein Luxusproblem auf den Bundestrainer zukommen: „Im Frühjahr 2018 wird Löw ein großes Problem haben: Wie wählt man aus all den besten Spielern Deutschlands die 23 für den WM-Kader aus?“ Einer wird garantiert dabei sein, da sind sich Russlands Sportjournalisten sicher: Joshua Kimmich, der „neue Lahm“. Kimmich, der 2017 als einziger bei allen Länderspielen eingesetzt wurde. Kimmich, „der neue Star des ‚Bundesteams‘.“

⚽ Auch England ist dabei bei der WM, und im Gegensatz zu Deutschland ist auch schon klar, wo die Mannschaft wohnen wird:

Nein, okay, nicht in diesem kleinen Erdloch, aber quasi nebenan. ForRestMix heißt das Hotel in Repino bei St. Petersburg, eher nett und adrett als eine Luxusabsteige. Blümchenlampenschirme. Zierkissen. Beigetöne. „Ein Kontrast zu den opulenten Unterkünften der Vergangenheit“, formuliert der Guardian diplomatisch.

Bei Tripadvisor kommen zwar im Schnitt 4,5 Punkte zusammen, einige Gäste teilen diese Einschätzung jedoch nicht: „furchtbar stickig“ – „überteuert“ – „riecht immer noch wie ein Sanatorium aus Sowjetzeiten“. Die Journalistin Amie Ferris-Rotman, von der auch der Tweet oben ist, hat sich bei den Anwohnern umgehört und festgestellt: Besonders scharf auf das englische Team sind die auch nicht. Immerhin, es gibt einen Nachtclub, sogar mit Themenabend. „Schuluniform-Party“, anyone?

⚽ Wer sich nicht qualifiziert hat, ist die Ukraine. Da hatte es vor dem entscheidenden Spiel gegen Kroatien in russischen Medien durchaus Spekulationen gegeben: „Wird die Ukraine verlieren, um nicht nach Russland zu müssen“, hatte beispielsweise Argumenty i Fakty gefragt. Die Annexion der Krim, der Konflikt in der Ostukraine – das alles ist im Alltag präsent und hat natürlich auch Auswirkungen auf Großveranstaltungen, wie zuletzt beim Eurovision Song Contest.

Selbst die Flugverbindungen von Kiew nach Moskau sind seit Jahren eingestellt. Meldungen, welche ukrainischen Fans, Funktionäre, vielleicht gar Spieler bei der Einreise Probleme hatten, wird es rund um dieses Turnier nun also nicht geben. Die Ukraine wiederum muss nicht entscheiden, ob sie eine WM auf russischem Boden boykottiert – was Konsequenzen von Seiten der FIFA hätte haben können.

⚽ Zenit St. Petersburg trauert um seinen Sportdirektor: Konstantin Sarsania galt als der Mann hinter dem Erfolg des Clubs in den vergangenen Jahren. Am vergangenen Freitag fühlte er sich unwohl und wurde ins Krankenhaus gebracht, wo er am Tag darauf starb, offenbar an einer Thrombose. Wie sehr er Zenit geprägt hat, kann man bei Russian Football News im Detail nachlesen. Sarsania wurde 49 Jahre alt.

⚽ Am Montag war ich morgens im Hotel Baltschug-Kempinsky, was exakt so nobel ist, wie es klingt. Die Moscow Times, mein früherer Arbeitgeber, hat ihre Jubiläumsausgabe vorgestellt. Gegründet hat die Zeitung vor 25 Jahren ein Holländer, Derk Sauer, der seit kurzem auch wieder der Besitzer ist. Die Botschafterin der Niederlande war also da, sprach am Rande auch über Fußball und die theoretisch ja noch total vorhandene Chance, dass ihr Team sich noch qualifiziert – wir waren alle zu taktvoll, um zu widersprechen.

Interessant war auch noch eine Info am Rande: Eigentlich gibt es die Moscow Times inzwischen nur noch online, wenn nicht gerade Jubiläum ist. Während der Fußball-Weltmeisterschaft nächsten Sommer, bei der Moskau ja einer der Austragungsorte ist, wird es sie allerdings kurzfristig wieder als Tageszeitung geben. Nützlich für diejenigen Fans, die kein Russisch können, aber doch zumindest Englisch – also schon mal merken.

⚽ Eine neue Folge unserer beliebten Serie „Ronaldinho hat keine Prinzipien, dafür aber Grund zum Lächeln, wenn er am Kontoauszugdrucker steht“: Zu Putins oben schon erwähntem Geburtstag gab es in Grosny ein Fußballspiel, angeleiert vom dortigen Gewaltherrscher, Ramsan Kadyrow. Ex-Fußballprofis aus Russland und Italien sollten bei dem tschetschenischen Match gegeneinander antreten, Ronaldinho wurde also als Teilzeitrusse durchgewunken. Auch Kadyrow hatte sich aufgestellt und alle, die wussten, was gut für sie ist, bildeten brav eine Rettungsgasse von ihm bis zum Tor.

Dass Ronaldinho sich gerne mal vor Kadyrows Karren spannen lässt, ist ja nichts Neues – siehe Russball-Folge 6. Neu auf der „Sind vor nix fies“-Liste begrüßen wir außerdem: Salvatore Schillaci, Fabrizio Ravanelli und Marco Delvecchio.

⚽ Erinnert ihr euch an diesen Fußballkommentator, der ewig bei 1Live in den O-Ton-Charts lief? „Der steht nicht im Abseits! Du blinder Linienrichter! Du Blindmann, verdammt noch mal! Das geht doch auf keine grüne Kuhhaut…“ Boris Rupert war das damals, 2001 bei Borussia Dortmund (danke an Birthe fürs schnelle Finden!), und endlich, endlich gibt es nun ein würdiges russisches Gegenstück.

Ein nicht gegebener Elfmeter, ein nicht gepfiffenes Handspiel, und der Livestream-Kommentator und Pressesprecher von Torpedo Wladimir war nicht mehr zu halten: „Elfmeter! Was machst du denn? Das ist ein Elfmeter! Eine Schande für den russischen Schiedsrichterverband – da könnt ihr mich ruhig für bestrafen! Hand! (…) Eine Schande für den russischen Fußball!“ Und dann, der wütende Abgang: „Schauen Sie Fußball ohne Kommentator! Auf Wiedersehen!“. Der Rest ist Schweigen. Zum Nachhören gibt es den Rant hier.

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Während dieser Blogpost entstanden ist, hat Russland 1:1 gegen den Iran gespielt und Katalonien sich wider Erwarten nicht für unabhängig erklärt. Damit liegt dann auch die clevere Idee, dem FC Barcelona ein neues Zuhause in der russischen Liga zu finden, erst mal auf Eis. Dabei hatte der FK Jenissei Krasnojarsk sich das doch alles schon so schön überlegt. Wenn’s doch noch was wird, erfahrt ihr das nächste Woche hier – bis dann!



 

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Russball, Folge 17: Wohin mit den Fans, wenn das WM-Stadion zu klein ist?

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Es war so ein guter Plan gewesen: ein Sonntag auf der Datsche, draußen Herbst, drinnen Tee und ein Laptop, um an diesem Blogpost zu schreiben. So hatte ich mir das vorgestellt, bis der Link zum „Virtuellen Museum“ von Zenit St. Petersburg dazwischen kam. Alte Fußballregelbücher, Plakate, Trophäen, Schuhe… eventuell habe ich mich da ein klein wenig festgelesen.

Immerhin, ein bisschen was habt ihr auch davon, denn sonst könnte ich nicht zu dieser Adidas-Sporttasche aus den Siebzigern verlinken. In den Jahrzehnten davor war die Ausrüstung sowjetischer Fußballer immer in der Sowjetunion hergestellt worden, dann folgte, so die Museumsmacher, eine vorsichtige Öffnung: Es gab die ersten importierten Trainingsklamotten aus Finnland. Die Tasche bekam ein Zenit-Spieler schließlich bei einem Freundschaftsspiel in Westdeutschland geschenkt – „einer der ersten Markenartikel, den unsere Mannschaft je erhalten hat.“

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⚽ „Russlands Fußball-Nationalmannschaft bekommt einen weiteren Legionär“, titelt Lenta.ru. Es geht um den Kölner Abwehrspieler Konstantin Rausch, der ja neulich schon mal bei einem Freundschaftsspiel Russland – Dynamo Moskau ran durfte. Nun hat die FIFA also abgenickt, dass Rausch auch bei offiziellen Länderspielen für Russland antreten darf.

Gemeinsam mit Roman Neustädter wird er zum Kader gehören, wenn Russland am Samstag gegen Südkorea und am Dienstag gegen den Iran spielt. Für die Leser, denen Rausch noch kein Begriff ist, reicht Lenta noch eine kurze Info nach: In der aktuellen Saison habe Rausch bisher fünfmal für Köln gespielt und sei dabei „nicht durch erfolgreiche Aktionen aufgefallen.“

⚽  Damit bei der Fußball-Weltmeisterschaft genügend Fans ins Stadion von Jekaterinburg passen, mussten die Architekten improvisieren. Die Lösung, die in diesen Tagen dort entsteht, erinnert an einen Klapptisch: Eine der Tribünen wird derzeit so weit nach oben verlängert, dass die Zuschauer de facto außerhalb des Stadions sitzen und hinein blicken in Richtung Spielfeld.

Man kann das „unglaublich“ finden wie The Sun oder Facepalm-würdig wie manche Sportjournalisten. Oder man nimmt es einfach philosophisch: „Wenn du dich einsam fühlst, dann denk einfach an die Tribüne in Jekaterinburg, die ganz alleine außerhalb des Stadions steht.“

⚽ Kleiner Service für Fans von Borussia Dortmund: Bei ESPN gibt es ein ausführliches Spielerporträt von Alexander Golowin, an dem seit dem Sommer offenbar sowohl der BVB als auch Arsenal interessiert sind. Der Mann ist 21, spielt bei ZSKA Moskau und gilt als einer der besten jungen Spieler, die Russland derzeit zu bieten hat. Drahtig und wendig ist der Mittelfeldspieler, der seit zwei Jahren auch zum Kader der Nationalmannschaft gehört. Für die WM im kommenden Jahr gilt er als gesetzt.

⚽ Allmählich läuft das hier auch an mit dem Weltmeisterschafts-Merchandising: Neulich war ich abends noch im Buchladen Dom Knigi, nach einem Geburtstagsgeschenk für den großen Bruder von Patenkind 3 suchen. Und da, zwischen den ganzen anderen Schulutensilien, lagen diese Hefte mit Zabivaka, dem WM-Maskottchen in allerlei Posen. Für 20 Rubel das Stück (30 Cent), also hab ich mal den ganzen Fünfer-Satz mitgenommen. Vielleicht ja ein Thema für einen eigenen Blogpost, wenn mir in den nächsten Tagen noch mehr Merchandising begegnet.

kscheib Russball Fußball-WM Zabivaka Maskottchen

⚽ Für einen Euro hat der Russe Alexander Grinberg 2013 den FC Marbella gekauft, der spanische Klub steckte damals tief in den roten Zahlen. Seitdem müssen dort allerdings deutlich höhere Summen geflossen sein, nicht nur in saubere Geschäfte. Denn nun hat die spanische Polizei nicht nur Vereinspräsident Grinberg, sondern gleich ein ganzes Dutzend Menschen aus seinem Umfeld festgenommen. Der Vorwurf: Geldwäsche und Zugehörigkeit zur russischen Mafia.

⚽ Gerade erst haben die Fans von Spartak Moskau ihrem Verein ein Auswärtsspiel vor leerem Gästeblock in Sevilla eingebrockt, da droht dem Verein schon neuer Ärger. Beim Spiel gegen den FC Liverpool in der vergangenen Woche gab es mehrere Vorfälle, die nun von der UEFA untersucht werden, auch Rassismusvorwürfe stehen im Raum. Letzteres gilt übrigens nicht nur für das eigentliche Champions-League-Spiel der beiden Vereine, sondern auch für die Begegnung ihrer Nachwuchsmannschaften in der Uefa Youth League.

⚽ Zugunsten von Menschen mit Kinderlähmung gab es am vergangenen Freitag ein Benefiz-Fußballspiel in der Sapsan-Arena, dem kleinen Stadion, in dem die Jugendmannschaft von Lokomotive Moskau ihre Spiele austrägt. Russlands Sportminister Pawel Kolobkow hat mitgespielt, NOK-Chef Alexander Schukow, diverse Wirtschaftsbosse. Vor allem aber war ein Mann auf dem Platz, an den sich Schalke-Fans noch gut erinnern. Und siehe da: Marcelo Bordon sieht noch haargenau so aus wie damals:

⚽ Nachdem der Ticketverkauf für die Fußball-Weltmeisterschaft im kommenden Sommer angelaufen ist, bekommen allmählich auch die Flughafenbetreiber eine genauere Vorstellung davon, was da so auf sie zukommt. In St. Petersburg zum Beispiel hat die Leitung des Flughafens Pulkowo mal durchgerechnet und erwartet nun für 2018 ein Plus von zehn Prozent bei den Reisenden.

An Domodedowo, Moskaus größtem Flughafen, soll unterdessen die Ladenfläche fast vervierfacht werden, damit Fußballfans möglichst viel Geld in den Geschäften lassen und der Flughafenbetreiber seine Mieteinnahmen steigern kann. Aus Deutschland gibt es Flugverbindungen von Berlin, Düsseldorf, Frankfurt, Leipzig und München nach Domodedowo.

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Als Rausschmeißer noch ein Stück aus dem Guardian, das nur am Rande mit Russland zu tun hat: „Terrace diplomacy: when football fans get political“ gibt einen guten Überblick, welche Fans sich in letzter Zeit mit Bannern politisch positioniert haben. Spartak-Fans hatten zum Beispiel Anfang des Jahres gegen eine Hooligan-Doku der BBC protestiert, andere Banner forderten Beispielsweise die Rückgabe der Elgin Marbles an Griechenland oder kritisierten die UEFA.

Nächste Wochen schauen wir dann mal, wie sich Russland in seinen beiden Länderspielen geschlagen hat. Wem das zu lange dauert: Alle alten Russball-Folgen könnt ihr hier nachlesen.



 

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Kackbratze, Mostschädel, Furzknoten: Wie ich einmal Deutschland war

Das hier ist, trotz des Wahlergebnisses von Sonntag, kein politischer Blogpost. Es sei denn, man definiert das Fluchen als einzig mögliche Reaktion auf das Abschneiden der AfD, dann vielleicht schon. Und immerhin geht es um Deutschland.

Eine Woche lang, von Sonntag bis Sonntag, habe ich den Twitter-Account @I_amGermany übernommen. Jede Woche twittert dort ein anderer Mensch aus Deutschland für über 8000 Follower, die Englisch sprechen und sich für Deutschland interessieren. Oft, weil sie in Deutschland leben, Deutsch sprechen oder es zumindest mal gelernt haben.

Wir haben viel übers Wählen gesprochen in der Woche – einige Follower haben zwar ihr Zuhause in Deutschland, dürfen dort aber nicht wählen. Andere haben von wichtigen Abstimmungen in ihren jeweiligen Heimatländern getwittert, mehr als einmal ging es um den Brexit. Wir haben uns darüber unterhalten, was wir „entlernen“ mussten, als wir ins Ausland gezogen sind – es waren fast immer unterschiedliche Auffassungen von Pünktlichkeit, Direktheit und, lustigerweise, Straßenverkehrsregeln. Wir haben, als ich am Flughafen rumsaß, über dieses Gebäckstück diskutiert.

Vor allem aber haben wir zusammen geflucht. Regionale Sprachunterschiede sind eh ein Steckenpferd von mir, siehe das Rosinenbrötchen: Da, wo ich herkomme, ist das ein Mürbchen. Eine halbe Stunde Autobahnfahrt in die eine Richtung, und es ist ein Weckchen. Eine halbe Stunde in die andere, und es ist ein Stütchen. Daraus entstand die Idee, sich mal umzuhören, wie die Follower in den diversen Regionen so fluchen. Das Ergebnis war bunter, kraftvoller und deutlich weniger schmutzig als erwartet.

Und weil heute ein Tag ist, an dem man vielleicht den ein oder anderen Kraftausdruck mehr braucht, hier eine kleine Auswahl.

Ganz gut zum Dampfablassen, was? Aber so wunderbar originell diese Begriffe auch alle sind, sie werden noch übertroffen von dem, was sich kurz danach auf dem finnischen Gegenstück zu @I_amGermany abspielte.

Sagen wir mal so: Wenn ich jemals das Gefühl habe, den deutschen Fluchwortzschatz komplett durchgespielt zu haben, wird auf jeden Fall ins Finnische gewechselt. Man muss sie nicht mal verstehen – selbst wenn man sich diese Tweets nur laut vorliest, sind diese Schimpfwörter ungemein befriedigend.

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Ich bin dann mal Deutschland

Ab heute wird es ein bisschen ruhiger, hier im Blog und auch bei Twitter. Genau genommen: Da, wo ich sonst so rumtwittere, unter meinem eigenen Namen. Stattdessen bin ich jetzt mal eine Woche lang Deutschland – und das auch noch auf Englisch.

Unter @I_AmGermany schreibt bei Twitter jede Woche ein anderer Mensch, der aus Deutschland kommt oder in Deutschland lebt, und über 8000 Leute lesen mit. Das Prinzip kannte ich, Schweden macht das schon seit einigen Jahren, was oft faszinierend ist und manchmal furchtbar.

Inzwischen weiß ich, dass es zum Prinzip auch einen Namen und damit einen Hashtag gibt: #rocur, kurz für rotation curation. Rotation wie in abwechselnd, curation wie in sichten, auswählen, präsentieren. Es gibt einen Irland-Rocur und einen Hamburg-Rocur, einen Astronomie-Rocur und einen Geisteswissenschaften-Rocur, einen LGBTQ-Rocur und einen (offenbar derzeit ruhenden) Rocur kanadischer Bauern. Sie alle verbindet der Wechsel, die immer neue Perspektive.

Über 8000 Follower hat @I_AmGermany, nur ein Fünftel von ihnen spricht Deutsch, getwittert wird auf Englisch. Für Tausende Menschen eine Woche Deutschland sein – größer geht’s nicht, nein? Vielleicht am besten direkt so wie damals, 2005, mit ordentlich Pathos?

Okay, nein, das wohl nicht. Dann vielleicht lieber ganz klein. Das bisschen Alltag, in NRW und in Moskau – es ist eine Reisewoche für mich, das passt schon mal gut. Retweets, klar, von Lieblingstwitterern und Zufallsfundstücken. Über Sprache könnten wir mal reden, schließlich steckt viel Deutsch im Russischen. Chor, Fußball, Bücher. Nachdem die aktuelle Rotationskuratorin Kölsches Liedgut kritisiert hat, habe ich mich außerdem zu einem täglichen Bläck-Fööss-Zitat verpflichtet. Vorschläge werden gerne angenommen.

Zum Schluss ist da natürlich auch der Zeitpunkt. Eine Woche vor der Bundestagswahl finde ich es besonders interessant, mich zu fragen: Dieses Deutschland (Verzeihung: Germany), für das ich hier gerade stehe – was ist das heute für ein Land? Falls ihr dazu oder zu einem anderen Thema etwas seht oder schreibt, was für die Follower von @I_AmGermany interessant sein könnte: Sagt gerne Bescheid, ich freu mich!

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Putin der Woche (XLVI)

kscheib Putin der Woche Sandhaufen Ottensen

Gesehen: In Hamburg-Ottensen

Begleitung: ein Sandhaufen und ein Bauzaun

Text: keiner

Subtext: Was will uns ein Sandhaufen sagen, in dem ein Putin-Kopf an einem Holzstäbchen steckt? Diesmal habe ich mich schwer getan, aber wozu hat man Freunde! Hier also die Top 10 einer kleinen Facebookumfrage zu möglichen Deutungsansätzen:

1. Ich habe nicht nur Baustellen in Moskau
2. „Wir dürfen den Sand nicht in den Kopf stecken.“ (Lothar Matthäus)
3. Sind ja bald Wahlen: Mein Sand für Euer Getriebe.
4. Sandmann, lieber Sandmann, es ist noch nicht so weit…
5. „Man könnte sehr wohl wetten, daß der Mensch verschwindet, wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand.“ (Foucault, 1972)
6. Putins Macht, auf Sand gebaut
7. … denn Staub bist du, und zum Staub musst du zurück (1 Moses 3,19)
8. Autokraten gibt es wie Sand auf der Baustelle, aber es gibt nur einen Wladimir Wladimirowitsch.
9. Gib dem Trump sofort dat Förmchen zurück!
10. Hausaufgabe für russische Kinder: Aus dem Sand den Rest des Körpers formen! Bevorzugt mit freiem Oberkörper auf Pferd.

Oben-Ohne-Punkte: 0/10

(Mit Dank an Ulrike für das Fundstück.)

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Russball, Folge 7: Warum liegt hier überhaupt Stroh?

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Diese Folge Russball entsteht, während die Frauenfußballteams von Russland und Deutschland bei der Europameisterschaft gegeneinander spielen. Kurz vor der Halbzeit, Deutschland führt 1:0, da kann man gut nebenher ein bisschen bloggen. Zum Beispiel diese Übersicht von Sky Sport zum Thema Legionärinnen. Sie zeigt: Selbst wenn man das deutsche Team rausrechnet, bleiben immer noch 41 Teilnehmerinnen des Turniers übrig, die ihr Geld in der Bundesliga verdienen.

Nur zwei der teilnehmenden Nationen haben dem Bericht zufolge keine einzige Bundesliga-Spielerin im Kader: England und Russland. (Dass das mit den Legionären für Russlands Fußball-Männer eine große Baustelle ist, davon war ja letzte Woche hier schon mal die Rede.)

 

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⚽ Wir befinden uns im Jahre 2017 nach Christus. Ganz Russland hat sich mit der Korruption beim Bau der WM-Stadien abgefunden. Ganz Russland? Nein! Ein von unbeugsamen Bauern bevölkertes Dorf im Süden des Landes hat aus Protest sein eigenes Stadion gebaut – komplett aus Stroh.

 

Уровень! Ставрополье, креативно и с юмором:-) #россия #russia #arena #stadium

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41.000 Rubel Budget, 4500 Strohballen als Material, Bauzeit unter einer Woche. Dazu ein Schild am Eingang: „Beim Bau wurde kein einziger Rubel gestohlen oder abgezweigt.“ Getauft haben die Erbauer ihr Strohprojekt übrigens „Zenit-Arena“, in Anspielung an das Petersburger Krestowski-Stadion, bekannt wie kein anderes für Mauscheleien und explodierende Baukosten. (Eine gute Zusammenfassung dazu hat der Economist gerade veröffentlicht.)

⚽ Offiziell hat Wladimir Putin noch nicht gesagt, ob er im kommenden Jahr noch einmal bei der Präsidentschaftswahl antritt. Ein offizieller Wahlkampfauftritt war es also nicht, als er am vergangenen Freitag im Staatsfernsehen fast drei Stunden lang Fragen von Schülern beantwortete. Ist ja auch ein dankbarer Termin: keine allzu kritischen Fragen, nur talentierte, fotogene Kinder und ein volksnaher Präsident.

Nur bei einem Thema wollte Putin sich lieber nicht aus der Deckung wagen. Fragen zur Opposition, zum Feminismus, zum Bevölkerungswachstum, alles kein Problem. Aber eine Prognose zum Abschneiden der russischen Nationalmannschaft bei der WM im eigenen Land? Auf keinen Fall. Also entstand folgendes Gespräch zwischen Putin und Pascha (kurz für Pawel), einem Jungen, dessen Team laut Moderator bei der „WM der Waisenhaus-Mannschaften“ gewonnen hatte.

Pascha: Wladimir Wladimirowitsch, bitte sagen Sie: Wird unsere Nationalmannschaft bei der Fußball-Weltmeisterschaft gewinnen?
Putin: Pascha, wer von uns beiden ist Weltmeister, du oder ich?
Pascha: Ich.
Putin: Dann sag mir bitte, als Spezialist: Wird unsere Nationalmannschaft bei der Fußball-Weltmeisterschaft gewinnen?

Einen kurzen Moment lang sah man Pascha die Sorge an, darauf nun ernsthaft antworten zu müssen, dann retteten ihn Applaus und Gelächter. Durch die Geräuschkulisse hörte man nur noch, wie Putin „Setz dich“ sagte. Und Pascha, ganz diplomatisch: „Alles ist möglich.“


 

⚽ Geldbuße für zwei Moskauer Vereine: Spartak Moskau und Dynamo Moskau müssen beide rund 3600 Euro Strafe zahlen, in beiden Fällen geht es um Rassismus von Fans. Die Details hat Reuters hier – wie auch eine Warnung des Fußballverbands: Wenn sich solche Vorfälle wiederholten, heißt es da, seien auch strengere Strafen denkbar. 

⚽  Was ich auch noch nicht wusste: Es gibt in Russland einen Bayer-Leverkusen-Fanclub, der sich den (deutschen) Namen „Russische Pillendreher“ gegeben hat. Gerade mal 29 Mitglieder hat der Club, dafür aber eine ziemlich professionelle Website, wo man nachsehen kann, wo sie denn so sitzen, die russischen Bayer-Fans.

Russische Städte von Moskau bis Barnaul sind da vertreten, andere Mitglieder leben in WeißrusslandKasachstan oder der Ukraine. Gelernt habe ich das alles bei Twitter, von Anna. Wer sich für einen russischen Blick auf deutschen Fußball interessiert, sollte ihr folgen. 

⚽  Nach dem Eiffelturm, dem Empire State Building und der Elbphilharmonie hat nun endlich auch das Petersburger Stadion einen Twitter-Account. Genauer gesagt: Das Stadiondach. Der Account ist erst ein paar Tage alt, hat also bisher erst wenige Tweets zu bieten: „Heute bin ich geschlossen“steht dann da, oder „Hallo alle, noch eine halbe Stunde bis zum Spiel.“  

Seltsamerweise fehlt die Nachricht „Heute bin ich geschlossen, aber ihr werdet trotzdem nass.“ So geschehen beim Spiel von Zenit gegen Rubin Kasan, das Video von Lifenews zeigt fallende Tropfen und einen Fan, der im Sitzen den Regenschirm aufgespannt hat. So ein teures Stadion, und trotzdem nicht ganz dicht. Vielleicht sollte man vorsorglich für die WM schon mal Kontakt zu Moskaus Schönwetterpiloten knüpfen.

⚽ Für viele Fußballfans wird die Weltmeisterschaft im kommenden Jahr sicherlich ihr erster Russlandbesuch sein – und damit eine Gelegenheit, sich mit den schwerfälligen Namen vertraut zu machen, die öffentliche Einrichtungen hier oft haben. MOSTRANSAWTO zum Beispiel ist zuständig, wenn man sich in und um MOS(kau) TRANSportieren lassen möchte mit dem Gefährt, zu dem der Russe AWTObus sagt.

Der neue Mostransawto-Chef Wladislaw Muraschow überlegt sich gerade, wie man das Busfahren für zugereiste Fans einfacher machen kann: WIFI in den Bussen wird demnächst getestet und soll bis kommenden Sommer weit verbeitet sein. 1700 neue Busse werden angeschafft. Vor allem aber soll man künftig beim Einsteigen einfach die Kredit- oder EC-Karte vors Lesegerät halten können und so bezahlen – kein Kleingeld, keine aufladbare Buskarte. Schließlich, so Muraschow, würden im Moskauer Umland ja auch einige der Mannschaften untergebracht.

⚽  Die Sport-Website Championat.ru hat eine neue Reihe gestartet. Unter dem Motto „Как это работает“ („Wie es funktioniert“) stellen sie unterschiedliche Aufgabenfelder rund um den Fußball vor. Schiedsrichter zum Beispiel, PressesprecherKonditionstrainer, aber auch Spezielleres wie die Arbeit eines Kameramanns beim Vereinsfernsehen. Die Texte holen gerne mal historisch aus – zum Beispiel mit diesem Video aus der Anfangszeit des Spartak-Vereinsfernsehens. Der Clip scheint aus dem Jahr 2002 zu stammen, als Spartak in einer Champions-League-Gruppe mit BaselLiverpool und Valencia spielte:

 

Besonders lesenswert aus dieser Reihe: der Artikel über die Übersetzer russischer Fußballclubs. Als Mitte der Neunziger brasilianische Legionäre wie Luis RobsonLeandro Samarone und Leonidas nach Russland kamen, sei das Thema erstmals relevant geworden, schreibt Championat. Heute haben dem Bericht zufolge nur der FK Tosno und Dynamo Moskau Mannschaften, bei der alle Spieler Russisch sprechen. 

„Der Prozentsatz der Leute, die Englisch sprechen, ist in unserer Stadt sehr niedrig“, erzählt der Übersetzer von Anschi Machatschkala. „Wenn die Spieler also in die Stadt gehen wollen, etwas einkaufen, sagen sie mir Bescheid und wir gehen zusammen.“ Die Tabelle am Schluss des Artikels verrät schließlich noch: Rubin Kasan ist eine ligaweite Ausnahme, denn dort übersetzt mit der 29-jährigen Ada Nasirowa eine Frau. 

⚽⚽⚽

Bei der EM hat das deutsche Team unterdessen noch ein Tor geschossen, Elfmeter, aber immerhin, ein Tor. Da hat’s wohl doch nicht geholfen, dass die Russinnen vorher noch eine optimistische Luftballondeko getwittert hatten – drei pralle Ballons in den russischen Farben, drei schlappe in den deutschen. Abpfiff, das Spiel ist vorbei, diese Russball-Folge auch. Bis nächste Woche!



 

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Putin der Woche (XLII)

Putin der Woche Bloodymir

Gesehen: Von Freunden in Hamburg.

Begleitung: Zwei gar nicht mal so kleine Flügel.

Text: Bloodymir Putin.

Subtext: Wird das B bei euch Russen nicht eh als W gesprochen? Na also, dann ist es von Wladimir zu Bloodymir doch nur ein kleiner Schritt. Und wenn jetzt noch jemand erklären könnte, warum Hamburg bei euch „Gamburg“ heißt, aber Heilbronn „Cheilbronn“?

Oben-Ohne-Punkte: 0/10 – aber volle Punktzahl für unten ohne.

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Was sich Horst Seehofer heute in Skolkovo angucken kann

skolkovo bus shuttle

Wer nach Moskau zieht, tut das nicht unbedingt, um künftig mehr Zeit in derselben Stadt wie Horst Seehofer zu verbringen. An mir liegt es also nicht, wenn das trotzdem so kommt. Vergangenes Frühjahr war er schon einmal hier und sorgte dabei für so Schlagzeilen wie „Horst Seehofer, neuer Liebling der russischen Medien“ und „Bayerischer Löwe krault russischen Bären“.

Ein gutes Jahr später, Seehofer in Moskau reloaded. Wie gestern die gemeinsame Pressekonferenz mit Putin war, kann man zum Beispiel bei SPON nachlesen, dort gilt der Seehofer Horst nun als „geläuterter Nebendiplomat“. Heute dann das etwas leichtere Programm: ein Besuch in Skolkovo im Moskauer Westen, wo Russland Innovativsein übt.

Ein Technopark mit eigener Hochschule, Campus und Wohngebäuden, hochgezogen mit Regierungsgeld und mit Expertenunterstützung vom Massachusetts Institute of Technology. Das Ganze ist, je nachdem, wen man fragt, Russlands Silicon Valley oder ein Milliardengrab. Weder Laptops noch Lederhosen, dafür Touchscreens und Hackspaces.

Skolkovo Werkzeug

Wenn Seehofers Besuch ähnlich wie der unserer Gruppe im vergangenen Jahr beginnt, dann auf einem Parkplatz. Eine von vielen Visionen für das Projekt Skolkovo war einmal, dass hier nur Elektroautos fahren sollen, still und ökologisch. Nun stehen vor den Toren die bunt lackierten Shuttlebusse, alle mit konventionellem Antrieb und – wir sind in Russland – permanent laufendem Motor.

Das Shuttle rollt, vor dem Fenster mal fertige Gebäudekomplexe, mal nur Acker. Skolkovo entsteht, immer noch. Bis 2020 sollen hier hier 35.000 Menschen arbeiten, auch Wohngebäude sind geplant. „Nobelstraße“ steht optimistisch am Wegesrand. Wir sind auf dem Weg zu dem, was unsere Begleitung das „größte zivile Robotik-Projekt in Russland“ nennt: Hier werden Exoskelette gebaut, mit deren Hilfe Menschen, die sonst einen Rollstuhl brauchen, laufen können sollen. Einer der „Piloten“ ist heute hier für einen Probelauf. Anpassen, ein paar Meter gehen, nachjustieren, noch ein paar Meter. Große Schritte vor kleinem Publikum.

1400 Start-Ups aus ganz Russland, in Moskau an einem Ort gebündelt, mit Einnahmen von zusammengerechnet einer Milliarde Dollar im Jahr 2015. 416 von der Skolkovo-Stiftung geförderte Projekte. Mehr als 1800 beantrage Patente. Das sind die offiziellen Zahlen. Doch Durchsuchungen wegen Korruptionsverdacht, Kritik von Transparency International und Entlassungen nach Unterschlagungsvorwürfen, schwindendes Interesse bei der politischen Führung und Sparauflagen – auch das ist Skolkovo.

Wir fahren dann noch rüber zu SkolTech, der eigenen Hochschule, die alle Kriterien für Hochglanz-aber-bitte-studentisch erfüllt: bunte Sitzsäcke in den schicken Räumen. Gut ausgestattete Labore, schwere Türen, hinter denen Doktoranden gerade einen Versuch mit Lasern aufbauen. Ein Schlafbereich für müde Forschende. In der Cafeteria steht ein Automat, an dem man seine Instagram-Fotos ausdrucken kann.

Ein großes Zimmer ist mit Matten ausgelegt wie zum Bodenturnen, vor den Wänden sind Netze gespannt. „Sieht aus wie ein Yogazimmer“, sagt unser Gastgeber, „ist aber zum Drohnentesten. Die Netze sorgen dafür, dass sie nicht bei jedem Fehler gegen die Wand fliegen.“ Wie viele Menschen zwischen all dem universitären Hochglanz tatsächlich studieren – die Zahlen sind da nicht so richtig stimmig. Was ist PR, was ist Realität?

Eine Tür im Skoltech-Gebäude dürfte heute Horst Seehofer übrigens besonders interessieren. Falls das mit den Moskaubesuchen nun eine jährliche Tradition werden soll, will er sich ja vielleicht die lästigen Flugreisen ersparen. Da würde künftig ein Schritt durch diese Tür reichen. Und die Frage „Realität oder nicht“ ist zumindest hier dann auch ganz eindeutig beantwortet:

Skolkovo Teleportation

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