Du willst also nach Moskau ziehen

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Dieser Text entsteht zu einem Soundtrack aus RATSCH! RATSCH! RATSCH! Seit einer knappen Stunde sind die Möbelpacker da, einer tut nichts anderes, als Kartons zu falten und sie unten mit Klebeband von einem dieser Profi-Riesenabroller zu verstärken. RATSCH! RATSCH! RATSCH! Zwischendurch kann ich gelegentlich ein oder zwei Gedanken hören, die ich mir hier so mache: Laptop auf der Fensterbank, Hocker davor, während alles hinter mir verschwindet.

Weil heute die Packer da sind, bestanden die letzten Tage aus Aufräumen, Aussortieren, Wegschenken. Irgendwann stand ich in der Abstellkammer (also: in der größeren der beiden Abstellkammern – ach Russland, dein Stauraum wird mir fehlen!) und musste lächeln. Extra für Moskau haben wir die Gummistiefel vor fünf Jahren gekauft, auf eindringlichen RATSCH!; nein: Rat einer Bekannten, die Moskau verließ, als wir kamen.

Gekauft, ja – aber nie getragen. Und jetzt, wo wir – RATSCH! RATSCH! RATSCH! – gehen und andere kommen, kann ja vielleicht ein kleiner Blogpost den Neu-Moskauern helfen. Was man hier so in Sachen Papierkram vorsorglich erledigen sollte, darum ging’s ja neulich schon. Bleibt heute noch: eine Liste der Dinge, die das Leben in Moskau leichter machen.

Warme, wasserfeste Schuhe

Kein schlechter Ratschlag eigentlich, das mit den Gummistiefeln. Moskau hat zwar eine ausgezeichnete U-Bahn, aber eine miserable Kanalisation. Wenn ihr euch dann noch vorstellt, was hier im Winter an Schnee runterkommt, und wie lange das im Frühjahr vor sich hin taut, wisst ihr ungefähr, wie viele Wochen lang man nicht durch die Stadt läuft, sondern watet. Es gibt also eine große Auswahl schicker Gummistiefel im Geschäft, mit pinken Totenköpfen, im Burberry-Muster, all das.

Dass ich meine nie benutzt habe, liegt daran, dass ich wie eine brave Deutsche vor dem Umzug natürlich in einem Outdoor-Laden war, kältetaugliche Schuhe kaufen. Ergebnis: knöchelhohe Wanderschuhe aus Irgendwastex™, die sowohl warm als auch wasserfest sind. Das erste Paar war nach dem zweieinhalbten Winter hinüber, (Winter dauern hier ja durchaus mal von Mitte Oktober bis Mitte April), das zweite Paar hält bis heute. Was soll ich zwischendurch auf Gummistiefel wechseln und in denen dann frieren und keinen Halt haben? Von Winterschuhen aus Leder kann man hier übrigens auch nur abraten. Im Winter wird in Moskau so viel Chemie auf die Straßen gesprüht und gestreut, dass selbst das robusteste Leder schnell ruiniert ist. RATSCH!

Gutes Shampoo. Gute Creme. Viel gute Creme.

Worüber ich mir vor Russland keine großen Gedanken gemacht habe: Dass Shampoo irgendwas anderes tun sollte als Haare sauber, kämmbar und im Idealfall schön zu machen. Das änderte sich mit dem ersten Kontakt mit Moskaus ultrahartem Wasser. Dazu die Winterkälte draußen, die überheizten Wohnungen und Büros, und die Haare fühlen sich plötzlich strohig an. Seitdem ist alle paar Tage das Luxusshampoo dran – empfohlen vom Dortmunder Friseurladen des Vertrauens, in der Literflasche online bestellt, für den täglichen Gebrauch zu teuer, darum die Mischkalkulation.

Dasselbe gilt für alles, was mit Hautpflege zu tun hat: Raus in die Kälte – das Gesicht spannt, rein ins Wohnzimmer – die Haut wird ordentlich ausgetrocknet, ab unter die Dusche – es spannt schon wieder. Eincremen, das geht hier so: Bodylotion auf die Hand, verteilen auf dem Arm – oh Moment, Bürste hingefallen, kurz wieder aufheben – hmmm, welchen Arm hatte ich jetzt schon eingecremt? RATSCH! Alles schon aufgesaugt. Dass die Haut kein Schlürfgeräusch macht, ist alles.

Und ja, das Luxusshampoo und die Gesichtscreme kaufe ich nach fünf Jahren immer noch in Deutschland. Am Anfang vor allem aus Vorsicht, in Erinnerung an einen Chinaufenthalt. Da wollte ich ganz „When in Rome“-mäßig natürlich chinesische Waren kaufen, was auch genau so lange eine tolle Sache war, bis sich herausstellte, dass der örtliche Damenhygieneartikelfabrikant Menthol in seine Slipeinlagen tat. Ministry of funny walks, hier komme ich! Seitdem bin ich bei allem, was direkt an die Haut rankommt, stramm markentreu. Die Marke darf dann auch gerne Billig-Balea sein – Hauptsache, sie fällt irgendwie unter europäische Regeln für zugelassene Inhaltsstoffe. Später ist dann noch ein zweiter Grund hinzugekommen: Inzwischen weiß ich zwar, wo ich in Moskau meine Lieblingscreme bekomme. Sie ist aber hier halt bekloppt teuer.

Luftbefeuchter

„Was ist das denn“, sagt meine irische Freundin G. und zeigt auf den grauen Kasten, der in der Ecke vor sich hinsummt. „Ein Luftbefeuchter“, sage ich, was sie gleichzeitig fasziniert und amüsiert: „In Irland haben alle Luftentfeuchter in ihren Häusern, und ihr macht euch die Luft extra feucht?“ Aber ja, jedenfalls in den sechs Wintermonaten, siehe oben: trockene Heizungsluft jeden Tag, zuhause, bei der Arbeit, in der Bücherei und im Bus.

Wenn einem in Moskau die Gesprächsthemen ausgehen, kann man, jedenfalls unter Deutschen, immer über Luftbefeuchter reden: Heizt eurer das Wasser auf, oder arbeitet er mit kaltem? Wie oft macht ihr den sauber? Habt ihr in jedem Zimmer einen? Stört euch das Geräusch beim Schlafen?

Was übrigens auch hilft, um nicht alle paar Tage Nasenbluten zu haben, weil die Schleimhäute so trocken sind: Nasencreme! Abends rein, durch den Mund atmend schnell einschlafen, morgens wachwerden und die Haut ist ein klein wenig heiler. Ergebnis: Nasenbluten nur noch einmal pro Monat, yeah!

Stulpen

Viele Leute machen sich seltsame Vorstellungen davon, was Moskauer Kälte so bedeutet. Ja, wir haben hier durchaus öfter mal -20 Grad, für ein paar Tage im Jahr vielleicht sogar -30. Trotzdem ist das nichts, wofür man Skiunterwäsche kaufen müsste, Schuhe mit beheizbaren Einlagen oder Sturmhauben. Wichtig sind, hier wie immer, die verschiedenen Schichten, und da hält eine normale Leggings unter einer normalen Jeans schon ordentlich warm, erst recht kombiniert mit Kniestrümpfen und Wollsocken. Mit der Strategie sind wir selbst am Polarkreis noch ganz gut durchgekommen.

Das eine, was wirklich einen spürbaren Unterschied gemacht hat, waren die Stulpen. Geschenkt von meiner Essener CvD-Nachfolgerin (Danke!), getragen wirklich so gut wie jeden Wintertag. Mütze, Handschuhe, Schal, das sind alles Schulkinderstrategien. Strategisch dafür sorgen, dass es zwischen Handschuhen und Jackenärmeln nicht durchpfeift, das hält Körpertemperatur und Laune oben. Jeden Winter hatte ich die Dinger dabei, fünf Jahre Lang. Vor ein paar Tagen sind sie in einem Taxi liegengeblieben, auf der Zielgeraden.

Das sind sie also, die Dinge, die mir das Leben hier ganz grundsätzlich erleichtert haben. Klar gibt es auch noch kleinere wie die Büroklammer im Pass, und die vielen Lebensmittel, die jeder so aus persönlicher Liebhaberei importiert. Fünf Jahre lang ist es mir hier zum Beispiel nicht gelungen, einen Supermarkt zu finden, in dem es Vanillepuddingpulver gibt. Aber gut – man muss denen, die nach einem kommen, ja auch noch die ein oder andere Rechercheaufgabe übriglassen. RATSCH! RATSCH! RATSCH!

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Deutsche Post-Agentur, Moskauer Filiale

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„Es gibt nur zwei Kräfte, die Licht in alle Ecken der Welt bringen“, hat Mark Twain mal geschrieben, „die Sonne am Himmel, und die Associated Press hier unten.“ Keine Rede von dpa, aber gut. Konnte er ja nicht wissen, dass die 2018 mal dafür sorgen, dass hier in Moskau Post richtig ankommt.

Eventuell habe ich das ein oder andere Mal erwähnt, dass die Russische Post kein Ausbund an Zuverlässigkeit ist: Sie bringt zwar wunderhübsche Briefmarken raus, das restliche Kerngeschäft ist weniger erfreulich: Post nach Deutschland kann mehrere Wochen dauern, Post nach oder gar innerhalb von Russland kommt gerne mal kaputt oder auch gar nicht an (ja, auf die Kölner Weihnachtpost aus dem Jahr 2015 warten wir immer noch).

„Wir hatten mit Post nach Russland noch nie Probleme, lassen Sie es uns probieren “ sagt irgendwann Mitte November ein Optimist in Stuttgart, als wir telefonieren. Während der WM habe ich für seine Redaktion gearbeitet, nun geht es um die Abrechnung. Ich schweige taktvoll, bitte ihn ein paar Wochen später, mir das (natürlich nicht angekommene) Ding als PDF zu schicken, und denke nicht mehr weiter darüber nach.

Weihnachten komt, Weihnachten geht, die Gäste für Silvester sind schon eingeladen, da klingelt es. Nein, kein Postbote – oder wenn, dann nur nebenberuflich, als Freundschaftsdienst: F., unser Nachbar und für dpa hier in Moskau, steht vor der Tür, mit meinem Brief aus Stuttgart. Und so schön es ins Erzählschema passen würde, wenn die russische Post es wieder mal verbockt hätte – diesmal scheint sie, ganz im Gegenteil, mitgedacht zu haben.

Denn auf dem Umschlag stehen zwar meine Straße und Hausnummer, aber die gilt für ein ganzes Gelände mit mehreren hundert Wohnungen und Büros. Die Nummern für Korpus (Wohnblock) und Kwartira (Wohnung) fehlen. Andererseits: Post aus dem Ausland ist auf unserem Compound nicht selten, viele Journalisten und Diplomaten leben hier, etliche Redaktionen haben hier ihre Räume – Associated Press irgendwo nebenan, dpa einmal quer über den Hof.

Hm, ein Brief aus Deutschland. Da gibt es doch hier diese eine Firma, die heißt doch auch irgendwie mit „deutsch“ – so mag es sich der freundliche Postzustellmensch gedacht haben. Also hat er den Brief in das Haus getragen, in dem dpa sitzt – und dort oben auf die ganzen Postfächer gestellt. Den Rest hat dann ein freundlicher dpa-Redakteur im Rahmen der Nachbarschaftshilfe übernommen. Kaum fünf Wochen nach dem Absendedatum in Stuttgart, und der Brief liegt, entgegen aller Erfahrungswerte, bei mir auf dem Tisch.

Es gibt nur zwei Kräfte, die Post in alle Ecken Moskaus bringen: die Russische Post, und auf den entscheidenden letzten Metern dann dpa.

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Ein heiliger Eid

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Fast fünf Jahre lang habe ich es geschafft: Ein Leben hier in Russland, ohne dass ich je eine notariell beglaubigte Übersetzung meines deutschen Passes gebraucht hätte. Das war kein bewusstes „Ich komme ohne aus“, mir war einfach nicht klar, dass sowas irgendwann mal ein Thema sein könnte.

Dann kam die Steuererklärung, der Steuerberater brauchte eine Vollmacht, und bei der Notarin im Keller auf der anderen Straßenseite hieß es sinngemäß: Na, wie sollen wir denn ihre Unterschrift auf der Vollmacht beglaubigen, wenn wir nicht mal wissen, wer Sie sind? Dass, wenn nicht im Pass, so doch auf dem dort eingeklebten Visum all meine Daten auch auf Russisch stehen – egal. Das muss übersetzt werden, da muss ein Stempel drauf und eine Notarinnenunterschrift drunter und eine gedrehte Kordel dran, die alles zusammenhält.

Leben in Russland, das ist halt immer wieder die Erkenntnis: So einfach ist das alles nicht. Was wir dir gesagt haben, was du an Unterlagen brauchst – das war eher so eine vorläufige Liste. Ding 1, für das du Eltern, Freunde, frühere Kollegen in Deutschland um eilige Hilfe gebeten hast, Amts- und Bankmitarbeiter am Telefon charmiert, mit Expressgebühren und Schlafmangel bezahlt – das ist uns jetzt egal. Dafür wollen wir nun bitte Ding 2, und zwar nicht einfach als Kopie, sondern mit neuen Stempeln von deiner alten Uni und Apostille von der Bezirksregierung in Arnsberg.

Für dieses Visum brauchst du keinen HIV-Test. Für das nächste schon. Für das nächste danach reicht ein HIV-Test nicht, du brauchst zusätzlich noch einen auf Lepra, Tuberkulose, psychische Probleme und Ausschlag auf Rücken oder Bauch. Und für das wieder nächste Visum brauchst du dann definitiv keinen HIV-Test, bis es plötzlich drei Tage vor dem Termin beim Konsulat ist und du brauchst ihn doch.

Darum hier ein heiliger Eid. Ich leiste ihn für den Fall, dass ich irgendwann mal zurückkomme nach Russland, nicht im Urlaub oder um Freunde zu besuchen, sondern für länger. Und wer weiß, vielleicht ist er ja auch nützlich für Leute, bei denen der Schritt hierher gerade erst ansteht – vor allem, wenn sie dabei kein internationales Großunternehmen mit eigener „Expat Support“-Abteilung im Rücken haben.

Ich werde immer vier biometrische Passbilder bei mir haben. Eines mit den vorgegebenen Maßen für russische und eines für deutsche Dokumente, jeweils einmal als Datei und einmal als Abzug.

Ich werde mir früh eine Bank in Deutschland suchen, bei der das Abheben im Ausland nichts kostet. Und eine Bank in Russland, weil selbst beim kostenlosen Abheben oft nur 7500 Rubel auf einmal erlaubt sind, und weil von der russischen Taxi-App bis zur Ticketkasse am Opernhaus von Odessa oft nur eine russische Kreditkarte akzeptiert wird.

Ich werde mir das Limit der Kreditkarte erhöhen lassen. Was für den Alltag in Deutschland reicht, wird plötzlich eng, wenn man mit gebrochenem Arm im Krankenhaus steht und die Operation vorab bezahlen soll.

Ich werde mir einen Haufen Dokumente noch in Deutschland beglaubigen oder am besten direkt apostillieren lassen. Abizeugnis, Diplomzeugnis, Stammbuch, Geburtsurkunde, Eheurkunde. Das verhindert nicht nur das Bedürfnis, schon bei der Erwähnung des Wortes „Apostille“ in Tränen auszubrechen. So, wie es selten regnet, wenn man einen Schirm dabei hat, gehe ich nach aller Russlanderfahrung davon aus, dass man diese einmal angefertigten Dokumente dann auch nicht mehr braucht.

Ich werde meinen Pass, sobald ich in Russland bin, übersetzen und beglaubigen lassen. Dito den Führerschein. Vielleicht auch den Perso, man weiß ja nie. Oder den Impfpass.

Ich werde mich rechtzeitig fürs Vielfliegerprogramm anmelden. Fliegen mit Russen – nein, eigentlich: Schlangestehen mit Russen ist ein anstrengender Zeitvertreib. Von den Privilegien, die man sich nach und nach erfliegt, ist die Expressschlange am Check-in, in der man nicht eine halbe Stunde lang mit ausgefahrenen Ellenbogen verhindern muss, dass alle an einem vorbeiziehen, das größte Privileg.

Ich werde diesen Eid hier ergänzen, wenn mir noch mehr Dinge einfallen, die ich von Anfang an hätte tun und wissen sollen.

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Die besten Threads aus dem November

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Der November war ein guter Monat für Threads. Schon allein deshalb, weil Alex de Campi mal wieder unter Alkoholeinfluss ein Geschichtsthema aufgegriffen hat. Das Ergebnis: eine neue Folge #alexdrunkhistory, diesmal über Burgen und wie man sie richtig belagert.

Wie immer gilt: Zu sehen ist hier im Blogpost immer nur der erste Tweet eines Threads. Wer mehr zum Thema lesen will, muss nur draufklicken.

1. In tiefer Sorge

Soviet Sergey – ein Twitter-Account, der den russischen Außenminister Lawrow parodiert – dokumentiert das diplomatische Floskelfeuerwerk, nachdem die russische Marine in der Meerenge von Kertsch drei ukrainische Schiffe festgesetzt und beschlagnahmt hat.

2. Der Alltag als Kostüm

Ja, Halloween fühlt sich schon ziemlich weit weg an. Aber dieser Thread mit Menschen, die sich statt als Superhelden lieber als normale Menschen in Alltagssituationen verkleiden, ist großartig – egal, wann man ihn ansieht.

3. Ein Katapult namens Warwolf

4. Die Sowjet-Kopie des Space Shuttle

Buran, das klingt wie die nächste Disneyprinzessin, heißt aber „Schneesturm“ und war der Name der sowjetischen Raumfähre. Sie flog nur ein einziges Mal – dann kollabierte die Sowjetunion und keiner wollte mehr für das irrsinnig teure Projekt bezahlen. Was bei Buran vom Space Shuttle abgeguckt war und was deutlich besser gelöst als beim amerikanischen Modell, das erzählt hier Matt Bodner.

5. Floppies im Weltall

Wem Matts Thread noch nicht nerdig genug ist, der kann ja den hier mal lesen. Und weiß dann, was es einmal gekostet hat, eine 17 Gramm schwere Floppy-Disc auf die ISS zu befördern.

6. Alle bekloppt hier

Jedenfalls diejenigen, die sich ausgedacht haben, Gewicht in Unzen, Steinen und Tassen zu messen. Jedes Mal, wenn ich in Zukunft ein amerikanisches Rezept in Gramm und Kilo umrechner, werde ich an diesen grandiosen Wutanfall hier denken:

7. Die Frau, die neben Putin im Regen stand

Ihr erinnert euch an die Bilder nach dem Finale der Fußball-Weltmeisterschaft: Über Moskau ging ein Sturzregen herab, Putin hatte einen Schirm samt Schirmhalter, Kolinda Grabar-Kitarovic wurde klatschnass. Kroatiens Präsidentin feierte den zweiten Platz für ihr Land, und für so viel gute Laune unter widrigen Bedingungen flog ihr nicht nur online viel Begeisterung entgegen.

Was man über die Frau politisch wissen sollte, vor allem aktuell, steht in diesem Thread:

8. Zum Thema Masernimpfung

Viele Argumente dafür hat man aus dem Stand parat, wenn einen das Thema interessiert. Dieser Bericht der Mutter eines krebskranken Mädchens ist besonders eindringlich.

9. Licht, Zeit und Raum

Ein Thread über Sternenlicht, das so alt ist, dass es sich kurz nach dem Urknall auf den Weg zu uns gemacht hat. Und darüber, wie alt das Bild ist, das wir sehen, wenn wir auf unsere eigenen Hände blicken.

10. Der Erfinder des Katzenklaviers

Athanasius Kircher also, soso. Nie von gehört, trotzdem mit Begeisterung über ihn gelesen. Die Sache mit dem Katzenklavier war ja wohl Rohmaterial für Monty Python! (Lieblingssatz im ganzen Thread: „It was almost all *entirely* wrong, but his excited, consistent approach would inspire later generations.“)

11. Hängt ein Vogel am Baum fest

Warum diese Kakadu-Rettungsaktion kein weltweites Viraldings geworden ist, wird ein ewiges Rätsel bleiben.

12. Berliner Stadtplanung

Warum sehen Straßen am Prenzlauer Berg so aus, wie sie aussehen? Warum dieses Bauen in die Tiefe, mit Hinterhof und Hinterhaus? Weshalb die viele Erker? Bitte hier entlang:

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Mission Fallobst in Kolomenskoje

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Dass der Weg über die Wiese überhaupt erträglich ist, liegt am bedeckten Himmel. Nur, weil der Moskauer Sommer heute eine kleine Pause einlegt, muss ich mir den Park in Kolomenskoje nicht mit tausend Menschen und zehntausend Wespen teilen. An Sonnentagen ist es hier voll, Moskauer und Touristen genießen das Grün, bewundern die alte Holzkirche und den Blick hinab zur Moskwa.

Heute ist das anders: Der Himmel sieht schon seit einer Stunde aus, als ob es in fünf Minuten anfängt zu regnen. Die Menschen, die hier trotzdem herumlaufen, ignorieren die weiße Kirchturmspitze, die zwischen den Ästen hindurchscheint. Wer heute in Kolomenskoje ist, hat eine Mission, und meist auch einen Beutel in der Hand. Die Mission heißt: Fallobst.

Kaum Menschen also, keine Wespen, dafür aber dieser Geruch. Als wate man durch ein Kneippbecken voller Cidre, der kurz davor ist, zu Apfelessig zu kippen. Alle paar Meter zertritt man einen braunen Apfel zu Matsch oder tritt in den Matsch, den ein Vorgänger hinterlassen hat. Aber der Apfel da vorne, der sieht noch gut aus, der wird aufgehoben. Der da auch, und der, und der, wobei – na, das kann man wegschneiden. Ab in den Beutel damit.

Die Apfelbäume von Kolomenskoje in voller Blüte oder als Schattenspender im Sommer, das habe ich beides schon erlebt. Viele Instagrammer sind dann hier unterwegs, es wird posiert und sich an die Bäume drapiert, was das Zeug hält. Jetzt, im Spätsommer, sieht das anders aus. Gebückte Menschen sammeln die verschiedenen Apfelsorten vom Boden auf – die großen, knatschgrünen und die kleinen, ganz zart rotgestreiften. Wobei, da vorne lehnt tatsächlich ein Mann an einem Baum, allerdings nicht für ein Selfie: Als die Gärtnertruppe, die nebenan den Rasen mäht, vorbei ist, greift er mit beiden Händen fest zu und rüttelt an dem Baum. Was ist besser als Fallobst? Mehr Fallobst.

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Äpfel von den Bäumen zu pflücken scheint verpönt oder, wer weiß, sogar verboten zu sein – auch, wenn viele Äste unter ihrem Obstgewicht bis zum Boden hängen. Aber was auf der Erde liegt, das ist Allgemeingut, manchmal sogar als Nest: Mehrfach stoße ich auf sechs, sieben gute Äpfel, weder angefault noch angefressen, die gemeinsam im Gras liegen – vielleicht hat da jemand gemerkt, dass sein Beutel doch zu voll ist zum Tragen, und ein paar Fundstücke für den nächsten zurückgelassen.

Beim Sammeln fällt mir ein Fallobstgedicht aus der Grundschule ein: Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah/die Luft ist still, als atmete man kaum/und dennoch fallen raschelnd, fern und nah/die schönsten Früchte ab von jedem Baum. Schön, passt aber halt nur bedingt: Es ist noch kein Herbst, die Regenwolken haben Wind mitgebracht, und es sind auch nicht die schönsten Äpfel, sondern die leicht ramponierten, die hier runterfallen.

Aber was macht das schon. Das hier ist vielleicht mein letzter Besuch in Kolomenskoje, eh es im Winter zurück nach Deutschland geht. Und diese Äpfel – vier Kilo wird die Küchenwaage später anzeigen – werden zu einem Andenken verkocht. Apfelchutney vielleicht, Apfelmus oder Apfelgelee. Kolomenskojer Ernte.

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F*** dich, nur halt auf Russisch

Wir haben Weißwein in Omas guten Gläsern. Wir haben Oliven in kleinen, weißen Schälchen. Wir haben Zahnstocher, um uns die Oliven aus ihren Schälchen herauszupicken. Ein zivilisierter, lehrreicher Abend soll es werden, für ein Grüppchen Deutsche um einen Tisch in einem Moskauer Wohnzimmer. Er beginnt damit, dass unsere Lehrerin vier Worte aufschreibt und hochhält: Schwanz. Fotze. Ficken. Hure.

Was soll ich sagen: Es geht hier um Linguistik und um Landeskunde, um ein Alltagsphänomen der russischen Sprache, das im normalen Russischunterricht nicht vorkommt: Wir lernen heute Mat, die russische Fluchsprache. Was hatten wir Witzchen gemacht vor diesem Treffen: „Was soll ich denn mitbringen zu dem verdammten Abend?“ – „Ach, vielleicht ein paar Kekse oder so nen Scheiß.“ Ein netter Versuch, bestenfalls. Wir hatten ja keine Ahnung.

„Ich liebe Mat, es ist unglaublich vielseitig und variabel“, sagt Dascha, die heute Abend netterweise die Dozentin gibt. Sie ist Russin, Journalistin und Mat-Sprecherin mit Hingabe und aus Überzeugung. „Das ist kein Phänomen, das du nur bei der ungebildeten Landbevölkerung findest, auch die Intelligenzija verwendet es“, erzählt sie und erwähnt den Namen eines Chefs aus den Zeiten, als sie und ich noch beide Redakteurinnen bei der Moscow Times waren. „Erinnerst du dich, der hat mich gesiezt, aber gleichzeitig im Gespräch mit mir Mat verwendet.“ Diese Fluchsprache sei daher vieles, aber jedenfalls kein verlässlicher Anhaltspunkt für das Bildungs- oder sonstige Niveau ihres Benutzers.

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Eines hat Dascha von Anfang an klar gemacht: Wenn, dann machen wir das hier richtig. Sie hat ein kleines Whiteboard gekauft, einen Vortrag vorbereitet – 30 Minuten sind angepeilt, danach Zeit für Fragen. Genau so strukturiert geht sie auch ihre erste Runde Vokabeln an, schreibt erst auf Russisch, dann nach englischen Ausspracheregeln transliteriert, schließlich die Übersetzung. Neben „хуй“ steht erst „khui“, dann „dick“. Sieben brave Schüler nicken und notieren auf Deutsch: „Schwanz“.

Chui, pisda, jebat und bljad. Schwanz, Fotze, ficken und Hure. Es sind die vier Wörter, die in Russland qua Gesetz eigentlich kein Journalist in seinen Artikeln und kein Musiker in seinen Songs verwenden soll. Was sie natürlich für viele musikalische Genres erst recht interessant macht. „Von manchen großen Hits gibt es zwei Versionen, eine mit Mat und eine ohne“, erzählt Dascha, selbst in Puschkin-Gedichten fänden sich Mat-Flüche. Dascha selber sollte, so will es die russische Tradition, mit dieser Flucherei eigentlich nichts am Hut haben, „weil wir Frauen ja schließlich alle zarte kleine Blümchen sind, da tut man das nicht.“ Wenn sie in einem Café sitzt und mit einer Freundin mal so richtig angeregt redet, gespickt mit Mat, dann kommt auch schon mal ein Mann vom Nebentisch rüber und sagt sowas wie: Nanana, Mädels, das gehört sich aber nicht, wie ihr da sprecht.

Dascha ist das egal, im Café genau so wie bei unserem kleinen Crashkurs. Einmal das Whiteboard wischen und weiter geht’s, denn von jedem der vier Kernbegriffe gibt es unzählige Ableger. Eine kleiner Auszug, am Beispiel von „chui“:

– paschol na chui: wörtlich „geh zum Schwanz“, bedeutet sowas wie „verpiss dich“
– mnje pachui: „ist mir schwanzegal“
– nachui: wörtlich „zum Schwanz“, bedeutet in etwa „zur Hölle damit“
– nachuija: ein gefluchtes „Weshalb“, in etwa so: „Weshalb zum Schwanz regnet es heute schon wieder?“
– nichuja: ein gefluchtes „Nichts“, in etwa so: „Ich warte auf den Anruf, und was passiert? Kein Schwanz.“
– chujowi: beschissen

„Das Beste kommt aber erst jetzt“, sagt Dascha und grinst. „Ihr könnt von diesen vier Wörtern nicht nur Formulierungen ableiten, um etwas schlecht zu finden, sondern auch für das Gegenteil. ‚Ochujenno‘ zum Beispiel bedeutet ausgezeichnet, ‚ochuitelno‘ heißt großartig.“ Der Wortkern allerdings bleibt für jeden Russen klar erkennbar. Wenn sie also bei ihren Schwiegereltern zu Besuch sei, sagt Dascha, verwende sie natürlich die standard-russischen Wörter für „großartig“ und „ausgezeichnet“ – nicht die, aus denen immer noch der „Schwanz“ rauszuhören ist.

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So spielen wir sie durch, die vier Kernbegriffe, Variante für Variante. Dascha bringt uns Ausweichwörter analog zum deutschen „Scheibenkleister“ bei und erzählt, wie manche Flüche durch Reime ersetzt werden: Egal, was das Ergebnis im Wortlaut bedeutet, jedem ist klar, auf welchen ursprünglichen Ausdruck man anspielt. So wird dann aus „jobanni w rot“ (in den Mund gefickt) erst „jobanni krot“ (gefickter Maulwurf) und dann „schowanni krot“ (zerkauter Maulwurf).

Zeit für das große Finale, für das, wozu die Russen „dreistöckiges Fluchen“ sagen – so, als wäre ein gelungener Fluch ein Haus, gebaut aus verschiedenen Mat-Begriffen. Denn da man sie munter drehen und wenden kann, vom Verb zum Adjektiv zum Substantiv und so weiter, lassen sie sich auch miteinander verbinden. „Pis-da-bljad-sko-je mu-da-jo-bi-sche“, diktiert Dascha, auch wenn das von den vier Grundvokabeln ein wenig abweicht. „Mudak“, Arschloch, ist eines der milderen Mat-Wörter, das hier nun einmal glänzen darf. Ergebnis: Fotzenhuriges Arschlochgeficke! Zu verwenden, wenn man wirklich ziemlich unzufrieden ist, sagt Dascha, oder jemand echt nervt, oder man sich gerade an irgendwas gestoßen hat. Wir nicken, spießen noch eine Olive auf und machen uns Notizen.

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Fliegen zwei Wellensittiche von Moskau nach München

Wellensittiche handgepäck

Wie schnell er wohl so fliegt, der gemeine Wellensittich? Bis zu 120 Kilometer pro Stunde, behaupten Wellensittichbesitzer in einschlägigen Wellensittichforen. Und was er wohl so macht vor dem Abflug? Ein paar Jod-S11-Körnchen snacken, aufplustern, noch mal zum Klo?

„Seit Tagen sammle ich jetzt jeden Morgen Vogelkot“, sagt K., „wär schon schön, wenn sich die Tierärztin endlich mal zurückmelden würde.“ (Sie sagt nicht wirklich Kot, aber dafür, dass ich diese Geschichte hier erzählen darf, bin ich mal höflich und schreibe: Kot.) Es ist nämlich so, dass K. und ihr Mann doppelte Vogelbesitzer sind und dass alle vier – zwei Menschen, zwei Wellensittiche – demnächst Moskau verlassen werden. Das Menschenpaar in ein paar Wochen, die Vögel gerne schon eher, jedenfalls wenn es nach ihren Erziehungsberechtigten geht. Die wollen ihre Haustiere bei einem Besuch in der Heimat schon mal mit nach Deutschland nehmen, um sicherzugehen, dass es auch alles klappt, mit den Papieren und dem Kot.

Drei Kotproben in Folge braucht die Tierärztin, um zu prüfen, ob die Wellensittiche auch gesund sind, um aus Russland raus und nach Deutschland reingelassen zu werden. Nur, dass es deutlich mehr als nur drei Tage her ist, seit sich die Ärztin zum letzten Mal gemeldet hat. K.s Tag beginnt also nicht bloß damit, dass sie mit gezücktem Löffel an den Käfig ranschleicht, beruhigende Worte spricht, während sie Vogelschiss aufsammelt, abfüllt und etikettiert. Sie hat dann auch noch das Vergnügen, nun den jeweils vier Tage alten Kot wegzuwerfen. Denn die Ärztin, wann immer sie kommt, braucht ja nur die drei jüngsten Objekte in der Kollektion.

***

Ein paar Tage später sitzen wir gemeinsam im Taxi zum Flughafen. K. als Vogelbesitzerin mit Reisekäfig auf dem Schoß, ich als Backup: Wenn das seitenlange Dokument, das die irgendwann erschienene Tierärztin aufgrund der Kotproben ausgefüllt hat, beim Amtstierarzt am Flughafen in Scheremetjewo trotzdem nicht verfängt, dann werden die beiden Wellensittiche und ich wieder zurück in die Stadt fahren, während ihr Frauchen nach München reist.

Die erste Hürde ist schon die Sicherheitsschleuse beim Betreten des Flughafengebäudes: Der Durchleuchtekasten, wo die Koffer durchfahren, würde die Wellensittiche sicherlich nachhaltig traumatisieren, undurchleuchtet darf ihr Käfig aber auch nicht ins Gebäude. Der Sicherheitsmann bespricht sich mit der Sicherheitsfrau, dann telefonieren sie einen Sicherheitskollegen mit Handscanner herbei.

Keine fünf Minuten dauert das, bis zum Büro vom Flughafentierarzt sind es nur ein paar Schritte, dann vielleicht noch mal fünf Minuten Gewarte. Die Vögel lassen, nur sicherheitshalber, noch ein par Kotproben fallen. Ein Aushang vor der Tür informiert darüber, dass inzwischen so viele Menschen ihre Hunde und Katzen auf Reisen mitnehmen wollen, dass in Moskau und im Moskauer Umland die Regeln dafür vereinfacht worden sind. Der Aushang und seine Unteraushänge haben acht Seiten.

Drinnen dann ein Raum mit drei Tischen, nur zwei haben einen Computer und nur einer einen Menschen. Der Arzt, dessen Uniformjacke über dem Stuhl hängt, spricht leise. So recht weiß er wohl auch nicht, ob er gerade ein Amt ist oder nur still lächeln will über diese Frau, die da vor ihm sitzt, Vogelkäfig auf dem Schoß, und diese andere Frau in der Ecke, deren Rolle nicht so ganz klar ist. Für die deutschen Behörden musste die russische Tierärztin ein deutschsprachiges Protokoll ausfüllen, das nun dieser russische Arzt sich wieder zurückerschließt und die entscheidenden Passagen in seinen Computer tippt.

– „Und das sind also…?“
– „Wellensittiche.“
– „Und Sie reisen nach…?
– „München.“
– „Die Farben hier, wie heißen die auf Russisch?“
– „Blau und… (kurzes Suchen nach dem russischen Wort für türkis, das so ähnlich, aber eben nicht ganz wie das Wort klingt für etwas, das aus Birkenholz ist. Schön, dass man dieses Fachwissen endlich mal braucht.)
– „Und wie alt sind die?“
– „Der eine ein Jahr, der andere zwei.“
– „Und die heißen wirklich… Willi und Helge?“
– „Ja, genau. Wissen Sie, das sind traditionelle deutsche Namen.“

Der Amtstierarzt tippt, der Drucker druckt: eines dieser wunderschönen offiziellen Dokumente, wie sie in Russland nun mal auszusehen haben. Mit breiter, schnörkeliger Bordüre, einem blassen Wappen im Hintergrund und oben rechts sogar einem Hologramm. Vier Seiten, eine amtlicher als die andere.

Wellensittiche urkunde

Scheint ja alles geklappt zu haben, also schnell noch ein bisschen höfliche Überbrückungskonversation, bis er’s auch unterschrieben hat: „Ist das oft oder selten, dass Menschen mit Vögeln hier ausreisen?“. Der Tierarzt blickt hoch, sein Lächeln gewinnt nun endgültig gegen sein Amt. „Ich hab das bisher nur zweimal erlebt,“ sagt er, „und ich arbeite hier jetzt schon seit drei Jahren.“

***

Im Café vor dem Check-In bewundern wir noch ein wenig unser schönes Dokument. In der Spalte „Tierart“ weist ein Sternchen darauf hin, bei Bienen sei doch bitte zu unterscheiden zwischen ganzen Bienenvölkern, Bienenlarven oder allein reisenden Bienenköniginnen.

„Villy“ und „Helge“ steht schließlich auf der Seite, die mit ihrem offiziellen Rahmen ein bisschen aussieht wie eine Urkunde, von den Bundesjugendspielen oder so. Der gemeine Wellensittich mag mit seinen 120 km/h vielleicht 16 Stunden brauchen von Moskau nach München. Willi und Helge schaffen die Strecke heute in nur 3.

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So viel Spaß für wenig Geld: 2000 Rubel

Keine WM mehr, das heißt: Endlich Zeit, das zu bloggen, was in den letzten Wochen liegengeblieben ist. Dazu gehört ein 2000-Rubel-Schein, der hier auf dem Schreibtisch lag, damit ich ihn nicht versehentlich ausgebe.

Der 2000er und der 200er sind beide noch recht neu im russischen Banknotensortiment. Ich wusste also, dass sie bunter sind als die anderen, mit leuchtenderen Farben, und dass sie irgendwelche tollen Sicherheitsmerkmale haben. Auf der einen Seite des 2000ers ist das Kosmodrom Wostotschny zu sehen, der Weltraumbahnhof, der mal Baikonur ablösen soll:

2000 rubel augmented reality wostotschny

Die andere Seite zeigt die Russki-Brücke von Wladiwostok:

2000 Rubel augmented reality

Das war mein Kenntnisstand, bis wir mit ein paar Leuten in einem Café saßen und P., meine frühere Sprachtandem-Partnerin, sagte: Jetzt passt mal auf, ich zeig euch was. Handy raus, App geöffnet, Ergebnis: Fünf Menschen machen große Augen. Denn zu den Geldscheinen gibt es eine Augmented-Reality-Version. Also hab ich nachgeschlagen, wie man das Bild auf seinem Handybildschirm mitschneidet, und dann auf der Fensterbank ein kleines Experiment gestartet.

Okay, das ruckelt ein bisschen, wenn ich zu nah dran gehe, aber ansonsten ist das schon sehr schick gemacht: Wie die Planeten da um die Sojus-2-Rakete kreisen, die auf dem Weltraumbahnhof auf ihren Start wartet. Habt ihr die Erde gesehen? Warte, da kommt sie wieder vorbeirotiert!

Dann die Rückseite, das mit den Autos auf der Brücke ist auch ziemlich klasse – auch, wenn beim Rauszoomen irgendwann die Bereiche der Straße ins Blickfeld kommen, wo die animierten Autos plötzlich verschwinden. Unterm Strich aber eine feine Spielerei, und die Zutaten – Geld und Handy – hat man ja meistens dabei. Nächstes Mal bin also ich diejenige, die im Café sagt: Jetzt passt mal auf, ich zeig euch was.

(Mit Dank an Matt fürs Identifizieren der Rakete und an Iuliia für Hilfe beim Video.)

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Kasan am Tag danach

Da ist es also Donnerstag, die Sonne knallt vom Himmel und ich laufe mit einem Plastikbeutel voller Gurken durch Kasan. Die Nationalelf ist nach der Sache gestern Abend schon auf dem Rückflug nach Deutschland, aber wir, wir sind noch hier. Sind nach dem Spiel im Pulk Richtung Stadtzentrum gelaufen und eventuell habe ich, als ein junger Russe neben uns das Ergebnis seiner Mutter durchtelefoniert hat („Das ist der Weltmeister! Und der hat jetzt verloren und ist allerletzter in der Gruppe“) sowas wie „Jaja, dankeschön, hatten wir noch gar nicht gehört“ vor mich hingemurmelt. Eventuell hat sich der Russe daraufhin entschuldigt und seine Freundin auch und ich hab mich doof und nörgelig gefühlt und sie haben sowas wie „wird schon wieder“ gesagt.

Wir haben dann einen Taxifahrer, der sich das Ganze auch nicht erklären kann und jegliche Versuche, das Thema zu wechseln und über die russische Mannschaft und ihren überraschenden Erfolg zu reden, mit dem Hinweis abwürgt, das habe sich ja dann gegen Spanien am Sonntag erledigt. Wir haben ein Abendessen, bei dem der Kellner einen Blick auf M.s Trikot wirft und uns dann mit der Sorte Freundlichkeit behandelt, die man sonst einem Kind zuteil werden lässt, das sich das Knie aufgeschlagen hat. Hat es geschmeckt? Das freut mich. Nicht doch vielleicht einen Nachtisch? Sicher?

Wir haben noch eine Nacht im AirBnB im vierten Stock eines sowjetischen Wohnblocks, wo zwar der Wasserdruck der Duschen nur ein Hauch ist, das Bett aber gut, die Klimaanlage fleißig und die Vermieter, die wir erst bei der Abreise kennenlernen, wie zwei Hauptfiguren aus der Broschüre „russische Gastfreundschaft in Aktion“. Ob denn alles okay ist, wie es uns denn gehe, dass sie sich das ja auch nicht erklären können. Deutschland, das sei doch der Weltmeister von 2014, und letztes Jahr hier in Russland, der Sieg beim Confed-Cup, sagt der Vermieter. Ob es vielleicht daran gelegen habe, dass Deutschland viele Chancen gehabt habe, also, sehr viele, also, wirklich viele – sie aber eben nicht verwandelt habe, fragt die Vermieterin und sagt dann: Naja, wir haben ihnen jedenfalls ein paar Gurken mitgebracht aus unserem Garten, ganz gesund, da ist keine Chemie dran und nichts, ich pack ihnen die mal ein, dann nehmen Sie die mit nach Hause und essen sie und denken an Kasan.

Dann werde ich umarmt von dieser Frau, die ich seit fünf Minuten kenne (Faustregel in Russland: Frau umarmt Frau oder küsst sie, Mann gibt Mann die Hand, Mann und Frau… it’s complicated, und wer als Westfrau die Hand hinstreckt, holt sie nach ein paar Sekunden meist einfach wieder ein), M. bekommt einen aufmunternden Handschlag und dann gehen wir mit Rollkoffer und Gurkentüte ein paar Schritte in die Richtung, in der M. ein Café vermutet, eventuell am Wasser.

Vorbei an einem Backsteingebäude mit Turm, das man in jeder norddeutschen Hansestadt für eine Kirche halten würde und in Dortmund fürs Hafenamt, das hier aber eine Moschee ist. Vorbei an einem Zaun, an den jemand „Nicht parken“ geschrieben hat und darunter „danke“, was mal wieder dieses Gefühl auslöst von: Russische Provinz, komm an mein Herz. Oder noch besser: Komm mit nach Moskau und erklär den Leuten da, wie du’s machst. Das Café sieht von außen ziemlich schick aus und ich sage, noch voll im Moskau-Modus: „Warte, ich zieh kurz die Jacke über, das sieht ordentlicher aus und wenn sie uns nicht wollen, gehen wir halt woanders hin.“ Aber nein, kurz darauf sitzen wir und der Koffer und der Gurkenbeutel auf der schicken Veranda, trinken schicke Gurkenlimo und gucken auf einen See. Es möwt ein wenig am Himmel, darunter zwei, drei Tretboote. Ein Blick zum Runterkommen und Frustloswerden. Eine Limonadenkaraffe später steigen wir in ein Taxi zum Flughafen. Vom Backsteinturm ruft der Muezzin. Mal sehen, was die Leute an der Security zu unseren Gurken sagen.

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Elf Polizisten müsst ihr sein

Es gibt so Geschichten, bei denen kann man gar nicht fassen, dass man sie erlebt. So eine habe ich gerade hinter mir, und eigentlich müsste man danach mit einem Kräutertee aufs Sofa und von da nahtlos ins Bett, es ist ja auch schon halb eins. Geht aber nicht, ich muss ja gleich noch Albrecht anrufen. Da kann ich sie auch aufschreiben: Die Geschichte, wie ich mal einen Abend mit elf Polizisten verbrachte.

***

Alles fängt damit an, dass R. in der Stadt ist. Zum Arbeiten, als Journalist bei der WM. Am Vortag gelandet, akkreditiert und im Hotel eingecheckt, heute wollen wir zum Abendessen beim Lieblingsgeorgier. Wird nur leider nichts, weil sein Pass weg ist. Gemerkt hat er das am Schlagbaum zu unserem Wohngelände, wo die Wachmänner die Papiere kontrollieren, verloren gegangen sein muss das Ding in der Metro, die kleine Tasche an seinem Rucksack, deren Reißverschluss er geschlossen hatte, stand offen. R. geht den Weg zurück zur Haltestelle, ich telefoniere diverse Hotlines ab, beides erfolglos. Dann geht er an der Metro auf einen Polizisten zu, spricht ihn auf Englisch an, was der Polizist nicht versteht. Der will nun aber von R. erst mal den Pass sehen. Und so beginnt es.

Kurz nach 19 Uhr, herbeitelefoniert stoße ich zu R. hinzu in die kleine Polizeikammer in der Metrohaltestelle. Er und vier Polizisten stehen da, in unterschiedlichen Uniformen, mit Jacke oder nur im Hemd, gelegentlich kommt ein Neuer hinzu und ein Alter verabschiedet sich. R. erzählt auf Englisch, was passiert ist, ich übersetze mir einen zurecht, die Polizisten fragen, einer schreibt langsam und in Handschrift alles auf, was R. heute getan hat. Zu diesem Zeitpunkt weiß ich noch nicht, dass das Albrecht ist. Er wird uns heute noch öfter begegnen, erst aber verbringen wir ein Stündchen mit Protokoll, Rumstehen, Rumstehen, Protokoll, zwischendurch kurz in den Supermarkt.

Inzwischen sind eine ganze Reihe Polizisten hinzugekommen. Einer in Zivil, in einem weißen Blouson, der wissen will, ob um den verlorenen Pass eine Hülle war. Einer im Anzug, der R.s Metrokarte ausliest und so erfährt, dass er um 17.03 Uhr in die Metro gestiegen ist. Einer in blauem Tarnfleck, mit Schutzweste und Schäferhund. Einer mit einer Kamera, der Bilder von R. mit seinem Rucksack macht und sie zu Leuten schickt, die die Kameraufnahmen aus der Metro nach ihm durchsuchen sollen. Eine Frau in Rock und Bluse, mit Pistole im Halfter und Ministeriumswappen am Ärmel. Die Atmosphäre ist routiniert bis sonntäglich, mit gelegentlich aufblitzender Freundlichkeit.

Warum zieht sich das hier alles so? Auf Nachfrage kommt raus, dass R. leichtfertigerweise die Grenzen zwischen mehreren Polizeibezirken überschritten hat: In einem Bezirk in die Metro gestiegen. In einem Bezirk gemerkt, dass der Pass weg ist. In einem Bezirk einen Polizisten um Hilfe gebeten. Darum dürfen hier so viele Leute mitspielen, darum müssen wir nun alle noch mal zu uns nach Hause fahren, ans Schrankenwärterhäuschen, um auch diesen Bezirk abzuhaken. Erste Fahrt im Leben mit einem russischen Polizeiauto? Check! Für uns alle reicht der Wagen natürlich nicht, darum fährt der Rest in einem Kleinbus hinterher. Am Schrankenwärterhäuschen zähle ich durch: zehn. Es sind zehn Polizeikräfte, die uns hier betreuen, für einen verlorenen Pass.

Enlight277R. muss vor dem Wärterhäuschen posieren, wird zusammen mit ihm fotografiert – Beweisaufnahme. Ein Nachbar, der uns gesehen hat, kommt und bietet Hilfe an. Ein Polizist raucht. Der Schäferhund setzt sich. Das hier wird wohl noch länger dauern. Ob R. vielleicht inzwischen in sein Hotel fahren könnte, da im Zimmer noch mal gründlich gucken? Nein, erst muss die Anzeige aufgenommen werden. In neuer Besetzung, diesmal zu fünft, steigen wir ins Polizeiauto, der Beifahrer ist sicher wichtig, er trägt Zivil. Zur WM sei R. also das? England gegen Russland habe er mal in Wembley gesehen, sagt der Zivilist, er selber sei ja Fan von Spartak, was wir denn zu der Sache mit Leicesters Meisterschaft 2016 sagen, und dass ja leider dieser deutsche Torwart Liverpool den Sieg in der Champions League verbockt hat. Wir nicken und hmmmmmen, um ihn möglichst wohlwollend zu stimmen.

„Gucken Sie nicht so genau hin, das Gebäude ist schon alt, von 1935“, sagt der Zivilmann, als wir an der Wache angekommen sind. Was wir betreten, fühlt sich an wie die sowjetische Interpretation eines Gebäudes aus einem Harry-Potter-Band: Die Wache ist rund, man läuft in der Kurve den Gang entlang, hier mal eine Gittertür, rissige Farbe an den Wänden. Nachfrage ergibt: Das Ding ist rund, weil die Polizeiwache ringförmig in die Metrostation „Smolenskaja“ eingebaut ist, einmal rund um die Kuppel der Eingangshalle. R. und ich werden in einen Aufenthaltsraum gebracht, der, natürlich, auch gerundet ist. An der Wand Fotos der Mitarbeiter beim gemeinsamen Skifahren und beim Tauziehen im Schnee. Rechts an der Wand Bilder von Kollegen, die im Dienst gestorben sind. „Guck mal, da ist einer von unseren“, sagt R. und zeigt auf die Pinnwand, über der „Die Besten ihres Berufs“ steht. Ach schau, da hängt er – der Mann, der später Albrecht sein wird.

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Dann holt man uns auch schon wieder ab, in einen winzigen, zugestellten Raum mit zwei Schreibtischen „Ich hab eine Übersetzerin, die Englisch kann“, verkündet der Zivilist dem Kollegen, der dort sitzt und tippt – Nummer elf des heutigen Tages. Der ist durchaus attraktiv und es ist nicht ganz ohne, von so jemandem angesehen zu werden, als sei man die Antwort auf all seine Fragen. Ob ich vielleicht diesem jungen Mann hier aus Ägypten mal seine Aussage vorlesen und übersetzen könnte, ob man sich richtig verstanden habe? Sein Portemonnaie ist weg, er ist seit zwei Tagen auf der Wache, hat dort übernachtet. Zu Gast in Moskau, ohne Geld, ohne Freunde. Der Polizist will, dass das Protokoll unterschrieben wird. Dem Ägypter ist das Protokoll egal, er weiß nicht, wie er ohne Geld zurück nach Tambow kommen soll, wo er studiert und übermorgen seine letzte Prüfung hat. „Das tut uns leid, aber wir sind ja nur die Polizei, keine Bank“, sagt einer. An der Wand lehnt ein Bügelbrett mit buntem Stoffbezug. Fische schwimmen in einem winzigen Aquarium, der Zivilist erklärt, dass das seine sind und wie stolz er auf sie ist.

Munteres Übersetzen mit viel Geholper, mal für den Beamten, der R.s Fall in den Rechner tippt, mal für den anderen. Ich wundere mich, was für Vokabeln man sich alle erschließen kann, wenn einen ein Polizist erwartungsvoll anguckt. Vielleicht ein Thema für Didaktiker. Dazwischen reden wir über Ägyptens Chancen bei der WM, der Zivilist klinkt sich ein, das mit Salah, was der Ramos da gemacht hat, war eine ganz dreckige Sache. Ich denke daran, wie ich vor zwei, drei Stunden noch geglaubt habe, mit einem russischen Polizeiauto zu fahren sei sicherlich das Verrückteste, was mir diese Woche passieren würde. „Wir erleben hier gerade eine Kurzgeschichte“, sage ich zu R. „Ist aber nicht besonders kurz“, antwortet er.

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Der Ägypter, den die drei Beamten alle beim Vornamen nennen und nahezu väterlich behandeln, wischt durch die Fotos auf seinem Handy und zeigt seine Zeichnungen: Eine junge Frau mit hochgesteckten Haaren, eine ältere Frau mit Kopftuch. „Der ist ein echter Künstler“, sagt einer der Polizisten, „Komm, zeig denen doch mal deinen Putin.“ Der Ägypter zeigt ein YouTube-Video, in dem er einen Leinwand bemalt. Man erkennt nur seltsame Formen, bis er das fertige Bild auf den Kopf stellt und es plötzlich unverkennbar Putin ist. „Damit hab ich einen Wettbewerb gewonnen, ‚Tambov’s got talent‘,“ sagt er stolz. Ich kann und kann und kann das hier alles überhaupt nicht fassen.

Der Ägypter findet, dass wir doch jetzt alle mal Freunde bei Facebook werden sollten. R. und ich vereinbaren in einer stillen Minute, dass wir ihm gleich jeder 1000 Rubel geben, dann kann er sich ein Zugticket nach Tambow kaufen. Dann wollen die Beamten wissen, ob R. während der WM noch andere russische Städte sehen wird. Was, echt, Saransk? Ist ja ein Ding, da ist doch der Polizist her, der gerade R. s Protokoll schreibt! „Der ist nämlich kein Russe, der ist Tatar“, frotzelt der Zivilist. Großes Hallo, der Tatar holt das Handy raus, zeigt Fotos von sich vorm Saransker Stadion, von seinen Kindern, der Sohn in Eishockeymontur. Der Zivilist geht mit, er war auch schon mal in Saransk, bitte mal gerade für R. übersetzen: Es gebe dort eine Kirche an einem Platz, und ein Denkmal für einen berühmten russischen Admiral. Es geht auf Mitternacht zu, wir sitzen in einem ranzigen alten Büro auf einer Polizeiwache und bekommen Tipps zur Freizeitgestaltung in Saransk. Das Maskottchen der Stadt, sagt der Zivilist,sei übrigens das Eichhörnchen.

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Irgendwann sind die Protokolle fertig. R. muss unter seins auf Englisch schreiben, dass seine Aussage richtig aufgeschrieben und ihm vorgelesen wurde. Darunter schreibt der Polizist denselben Satz auf Russisch und daneben: Beglaubigt von der Übersetzerin, Frau Katrin Scheib. Gleiches Prozedere beim Ägypter, dann werden die Unterlagen abgeheftet, in einen Safe gelegt und ich denke mir, dass es bei der Moskauer Polizei jetzt auf ewig oder zumindest bis zur endgültigen Digitalisierung zwei Protokolle gibt, auf denen steht: „Übersetzerin: Frau Katrin Scheib“. Wäre ich nicht komplett ausgelastet mit dem Gedanken, wie unglaublich das hier alles ist, ich wäre stolz.

So, sagt der Zivilist, „übersetzen Sie bitte dem jungen Mann, dass wir ihm jetzt ein Ticket kaufen für den Bus nach Tambow.“ Der Ägpter strahlt. „Nicht wir, die Polizei, sondern wir als Menschen.“ Der Ägypter nickt. „Fragen Sie ihn mal, ob er am Fenster sitzen will oder am Gang.“ Wo der Bus denn losfährt, will der Ägypter wissen, und der Zivilist sagt: „Wir haben hier einen Auszubildenden, der steigt morgen mit dir in die Metro, fährt mit dir bis zum Busbahnhof und setzt dich in den Bus, auf den richtigen Platz.“ R und ich gucken uns an und sehen im Blick des anderen die Frage, was wohl für ein Gefühl kommt, wenn „komplett fassungslos“ nicht mehr reicht.

„Bitte übersetzen Sie ihm, dass er sein Portemonnaie in Zukunft in die Hosentasche steckt oder in die Innentasche der Jacke, nie außen“, sagt der Zivilist noch. Der Ägypter bedankt sich, strahlt noch ein bisschen mehr, als wir ihm die 2000 Rubel geben, und verabschiedet sich, es gibt im Untergeschoss einen Schlafplatz für ihn. Der Polizist, der R.s Fall getippt hat, sagt, dass er Albrecht heißt, dass er und ich jetzt mal Telefonnummern austauschen, und dass R. dann mit dem Taxi in sein Hotel fahren soll, irgendwo in der Nähe des DFB-Mannschaftsquartiers. „Und wenn er gut angekommen ist und geguckt hat, ob da sein Pass liegt, dann ruft er Sie an, Katrin, und Sie rufen mich an und sagen es mir. Auf Wiedersehen.“

***

Fünf Minuten später stehen wir auf der Straße vor der Polizeiwache, R. und ich, umarmen uns und vergewissern uns, was wir da gerade erlebt haben. Fünf Stunden mit elf verschiedenen Moskauer Polizisten, mit viel Warterei, viel Protokollschreiben und viel Übersetzen. Eine Stunde später wird R. sein Hotelzimmer betreten und feststellen, dass der Pass dort nirgends ist, morgen muss er also mit seinem Polizeiprotokoll zur Botschaft. Doch was immer er dort erlebt – den heutigen Tag wird es nicht übertreffen.

Mehr über den Alltag in Russland während der WM hier.

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