Der Unterschied zwischen einer Großstadt und einer Riesengroßstadt

Metroplan Moskau und Kiew
Die Metronetze von Moskau (links) und Kiew.

Nichts gegen Moskau. Auf Moskau lass ich nichts kommen. Wäre Moskau anders, es wäre nicht Moskau.

Aber.

Moskau, Rushour, die Metro ist so voll, dass wir an jeder Haltestelle Menschenmikado spielen. „Iswinitje, Entschuldigung“, sage ich zu der Frau, mit der es mich diesmal zusammengeworfen hat, während wir sortieren, welcher Arm wem gehört. Sie guckt mich nicht mal an. Stille, und dieser leere Blick, der signalisiert: Wer ist diese gefährlich Derangierte, die hier einfach Blickkontakt aufnimmt, und was ist das für ein seltsamer Laut, den sie von sich gibt?

Nächster Halt, nächstes Bremsmanöver. Ein Mann steht auf meinem Fuß. Ich murmele automatisch eine Entschuldigung. Er schweigt, geht aber nach einigen schmerzhaften Momenten wieder runter vom Fuß, das reicht ja wohl. Kein Wort, nichts.

„Merkst du eigentlich nicht, dass du die einzige bist, die sich entschuldigt?“, sagt ein deutscher Freund irgendwann. „Lass das doch einfach. Du outest dich bloß als Fremde.“

Kiew, Rushour, die Metro ist voll, aber man hat immerhin noch Platz für sich und seine Ellenbogen. Zwei Jungs, vielleicht 12 oder 13, steigen ein und stellen sich neben mich. Kurz darauf guckt mich einer an und murmelt etwas.

Ich: „Iswinitje?“ – Er: „Murmelmurmel.“ – Ich: „Ich verstehe Sie nicht.“ Ein Mann, der daneben steht, springt ein, auf Englisch: „Er hat „Iswinitje“ gesagt, das heißt „Entschuldigung“. Weil er sie doch eben angerempelt hat.“

Das zählt hier also als Anrempeln. Hatte ich nicht mal bemerkt. An der nächsten Haltestelle muss ich raus, schiebe mich an den beiden vorbei und sage, reflexhaft, natürlich: „Iswinitje.“ „Byebye“, antwortet der eine leise.

(Danke an Gareth Barnaby für das Bild mit den Metroplänen)

Weiterlesen

Mail-Spaß mit der FIFA kurz vorm Confed-Cup

Endlich mal wieder eine Nachricht von der FIFA, es war ja auch schon ein wenig langweilig geworden. Die aufwendige Registrierung auf der Website, um Tickets für den Confed-Cup kaufen zu können. Die nächste Registrierung, diesmal für die Fan-ID, ein Hochglanz-Umhängeschild, ohne das man nicht ins Stadion darf. Dann der Trip durch Moskaus Seitenstraßen und deren Seitenstraßen, um die Fan-ID abzuholen. Danach hatte ich mich zeitweise ein wenig unausgelastet gefühlt.

Gut, dass sich in dem Moment die FIFA ihrer Fürsorgepflicht erinnert. Fußballfans wollen schließlich nicht nur 90 Minuten Zeitvertreib, nein nein. Da geht mehr. Und so kommt am 19. Mai diese Mail (hier aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt):

„Lieber Kunde, wir haben mehrfach versucht, Sie über die Telefonnummer, die Sie bei der Registrierung in Ihrem Ticketing-Account angegeben haben, zu erreichen, hatten aber leider keinen Erfolg. Der Kurier konnte Sie daher nicht erreichen, um sich wichtige Informationen zur Zustellung Ihrer Tickets bestätigen zu lassen, weshalb die Lieferung nun ohne weitere Vorwarnung erfolgen wird, an die Adresse, die Sie in Ihrem Ticketing-Account angegeben haben.“ Es folgt die Aufforderung, sich auf der Seite erneut einzuloggen und zu prüfen, ob man die richtige Telefonnummer angegeben hat.

kscheib FIFA Confed Cup Russland

Zwei Fragen drängen sich auf. Erstens, haben die da im FIFA-Kundenservice einen Wettbewerb laufen, wer den längsten verschwurbelten Satz baut? Dann Glückwunsch an den Verfasser von „Der Kurier…“! Und zweitens, was genau meinen die wohl mit „haben versucht, Sie über die Telefonnummer zu erreichen“? Seit ich die Tickets gebucht habe: kein Anruf, auch nicht in Abwesenheit, von irgendeiner fremden Nummer. Keine SMS von FIFA, Kurierdienst oder sonst einem unbekannten Absender. Denn die Nummer, das ist schnell nachgeguckt, habe ich richtig ausgefüllt. Kein Tipper, kein Dreher, richtiger Ländercode. Hmmm.

Das Gelände, auf dem ich hier in Moskau wohne, hat einen Schlagbaum und, je nach Besetzung, zwei bis drei Schlagbaumhüter. Wer eine Lieferung erwartet, muss die beim Dispatcher (ja, das heißt auf Russisch so) telefonisch anmelden, damit sie durchgelassen wird. Ich schreibe also an die FIFA, grob zusammengefasst: Liebe FIFA, die Nummer stimmt, ich kann aber keine Anzeichen dafür erkennen, dass ihr versucht habt, mich zu erreichen. Ich hab sie jetzt noch mal anders formatiert, falls ihr die Anrufe automatisiert habt und euer Automatismus sie nur lesen kann, wenn da an manchen Stellen Bindestriche stehen. Wenn ihr mir sagt, welchen Kurierdienst ihr nutzt und wie ich den erreiche, setze ich mich aber auch gerne direkt mit ihm in Verbindung.

FIFA-Mail Nr. 1, am 21. Mai: „Unsere Absicht ist es, Ihre Anfrage innerhalb von fünf bis sieben Werktagen zu beantworten. Bitte beachten Sie, dass diese Nachricht automatisch gesendet wurde. Wir möchten Sie bitten, dass Sie keine Antwort auf diese Email schicken.“

FIFA-Mail Nr. 2, am 22. Mai: „Lieber Kunde, das FIFA-WM-Ticketing-Center bedankt sich für die von Ihnen gemachten Angaben.

Ähm. Nun ja. Textbausteine, klar – aber kann man nicht zumindest so tun, als ginge man auf den Inhalt der Mail ein? Ganz abgesehen davon, dass ich gerne wüsste, wann der Kurier kommt – die Schlagbaumhüter, FIFA, du verstehst. Also, neue Mail: „Hi, eure Antwort hat leider nichts mit meiner Frage zu tun. Wie geht es jetzt weiter? Kann ich Kontakt mit dem Kurier aufnehmen? Wann werden die Karten geliefert?“

Ich bin halt auch selbst schuld. Denn „Wann werden die Karten geliefert“ ist natürlich ein Schlüsselreiz, für den bereits der nächste Textbaustein parat liegt. Er kommt, nach der üblichen „Unsere Absicht ist es, Ihre Anfrage innerhalb von fünf bis sieben Werktagen zu beantworten“-Mail, denn auch prompt: Alle Tickets werden grundsätzlich ab Mai geliefert, wenn nicht, dann meldet sich die FIFA noch mal. Was fehlt: Infos zum Kurierdienst, Kontaktmöglichkeit – eigentlich alles, was eine Antwort auf meine Mail wäre.

Es gibt dann noch eine Runde aus „Ihr habt meine Fragen nicht beantwortet, hier sind noch mal meine Fragen, bitte beantwortet meine Fragen“ (ich) und „Unsere Absicht ist es, Ihre Anfrage innerhalb von fünf bis sieben Werktagen zu beantworten.“ (FIFA), dann wird es ruhig. Bis eines Morgens mein Telefon klingelt – das, dessen Nummer ich damals beim Registrieren auf der Seite (die Älteren werden sich erinnern) angegeben hatte.

Am Telefon ist ein sehr freundlicher, sehr schnell sprechender Herr. Es gehe um den Confed-Cup, er arbeite für einen Kurierdienst und habe eine Lieferung für mich. Ob ich denn wohl zuhause sei? Ein kurzes Telefonat mit dem Dispatcher, und keine Stunde später steht er vor mir: der Kurier mit dem großen braunen Umschlag, auf dem ein blauer „nur persönlich übergeben“-Hinweis klebt. Passkontrolle, Übergabe, schönen Tag noch, Wiedersehen! Es ist der 24. Mai, und ich habe meine Tickets.

Ich hab dann noch mal nachgeguckt, ob die FIFA sich inzwischen gemeldet hat und meine Fragen beantwortet – natürlich nicht. Aber eine andere Mail landet ein paar Stunden später in meiner Inbox, vom Kurierservice „Express“: „Sehr geehrter Kunde des Confed-Cups 2017, Ihre Tickets mit der Bestellnummer XY sind beim Kurierservice eingegangen. Sie werden nun bearbeitet und Ihnen dann zugestellt. Unsere Mitarbeiter vor Ort werden sich in den kommenden Tagen bei Ihnen melden, um einen Liefertermin zu vereinbaren.“

kscheib Confed Cup Tickets FIFA

Weiterlesen

Komm, wir essen Golgatha

Ostern in Moskau, mit Besuch, und der Besuch mit Kind. Da wächst der Ansporn, ein paar russische Ostertraditionen zu präsentieren. Der Osterkuchen „Kulitsch“ (wie Panettone, nur trockener, dafür mit Zuckerguss und Zuckerstreusel) braucht Begleitung. Traditionell gehört zu einem russischen Ostertisch darum пасха, gesprochen PAS-cha, mit einem ch wie in „Bach“. Das ist insofern praktisch, als Пасха mit großem П auch das Wort für Ostern selbst ist. 


Eine große Portion Ostern zu Ostern soll es also geben. Dazu brauchen wir Butter, Zucker, Hüttenkäse bzw. Quark, Eigelb, Vanillezucker, Rosinen und Sahne. Leicht sind hier weder die Zutaten noch die Herstellung, denn man braucht besonderes Equipment.


Zwei Dinge musste ich extra kaufen: im Supermarkt eine spezielle Pascha-Form aus Plastik zum Zusammenstecken, und in der Apotheke Mull, um die Form damit auszulegen. Schließlich verarbeiten wir hier weitgehend Zucker und Fett, das Ergebnis wird also kleben. 

Der Mull soll dafür sorgen, dass die Pascha zwar die Muster der Form annimmt (einen Kirche, eine Taube, ein orthodoxes Kreuz und die kyrillischen Buchstaben ХВ für „Christus ist auferstanden“), aber doch im Ganzen aus der Form herauskommt. 
Am Ende steht, hoffentlich, eine Art Pyramide ohne Spitze, ein oben abgeflachter Berg. Die Süßspeise soll nämlich an Golgatha erinnern, den Hügel, auf dem Jesus gekreuzigt wurde. Seltsam, sowas auf dem Tisch stehen zu haben? Vielleicht, aber auch nicht seltsamer als ein Christstollen, der in Form und Farbe an das eingewickelte Jesuskind in der Krippe erinnern soll. 


Doch ehe hier ein neutestamentarischer Kreuzigungshügel aus Kalorien entstehen kann, müssen erst mal alle Zutaten schön zusammengematscht werden. Den Mull so in die Form legen, dass die Falten möglichst innen an den Kanten entlanglaufen. Die Masse einfüllen, festdrücken, oben den Mull zusammenschieben. Mit einem Teller drunter und einem Gewicht obendrauf, kommt das Ganze dann in den Kühlschrank, am besten für ein, zwei Tage. In der Zeit muss man gelegentlich die Flüssigkeit abgießen, die aus der Pascha heraussickert. 

Endlich Ostersonntag und damit Zeit, das Ding zu stürzen. Der Mull lässt sich leicht abziehen und gibt dem Akt einen Hauch von Enthüllungsfeierlichkeit. Das Probeessen ergibt: süß, cremig, macht glücklich. Frohe Ostern allerseits! Wer will noch ein Stück Golgatha? 

 

Weiterlesen

Confed-Cup in Russland: Angenommen, man wollte ein Fußballspiel sehen…

Noch zwei Monate bis zum Confed-Cup in Russland, und Witali Mutko ist unzufrieden. Statt 700.000 Eintrittskarten erst rund 200.000 verkauft, berichtete der frühere Sportminister und aktuelle Chefplaner des Turniers, und das zwei Monate vor dem Eröffnungsspiel.

Es mag daran liegen, dass die Karten nicht gerade günstig sind, erst recht gemessen an einem russischen Durchschnittsgehalt. Zwar ist die „Kategorie 4“ mit den die billigsten Tickets für Russen reserviert, zu ihr gehören aber auch nur wenige Plätze. Es mag an der kleinen Besetzung eines Confed-Cups mit gerade mal acht Mannschaften liegen. Oder an all den Hürden, die man als Fan so nehmen muss, um bei einem Spiel dabei zu sein.

Wer beim Confed-Cup (oder nächstes Jahr bei der Fußball-WM) ins Stadion will, der muss nicht bloß eine Karte kaufen – und dabei online innerhalb von 15 Minuten mehr personenbezogene Daten preisgeben als man braucht, um etwa einen Flug von Moskau nach Düsseldorf zu buchen. Geld und Datensatz reichen der FIFA nicht, es braucht zusätzlich noch die sogenannte Fan-ID.

FIFA Russland FAN-ID

Die erteilt die FIFA im Tausch gegen, na klar: noch mehr Daten, einschließlich Foto. „Der Hintergrund,“ mahnt sie, „muss das Gesicht hervorheben sowie gleichmäßig und wünschenswerterweise hell sein“. Aber gerne doch. Hochgeladen. Und tatsächlich kommt keine 24 Stunden später die SMS: Die Fan-ID ist fertig.

Wer sich nicht auf die russische Post verlassen will (und wer will das schon), muss die Fan-ID abholen. Nicht etwa an einem der großen Fußballstadien, in einem Einkaufszentrum oder einem Büro irgendwo am Roten Platz, das wäre ja einfach. Nein, das „Fan ID Distribution Center“ ist in einer dieser Nebenstraßen, die niemand findet, der nicht gründlich sucht. Nicht weit von der Metrostation „Pawelezkaja“ und dem dazu gehörenden Fernbahnhof – mit genug Ausgängen, um erst mal zwei, drei falsche zu erwischen. Darum hier ein kleiner Laufzettel:

Auf dem Metro-Bahnsteig an den Schildern Richtung Domodedowo (auch in kyrillischer Schrift gut zu erkennen) orientieren. Es geht die Rolltreppe hoch…

FAN-ID Russland Confed Cup Metro

…durch die Schleusen…

FAN-ID Russland Confed Cup Aeroexpress

…und dann hinaus aus dem Gebäude. Netterweise zeigt ein Automat der Alfa-Bank im WM-Design den Weg.

FAN-ID Russland Confed Cup Bahnhof

Apropos Banken: Draußen rechts abbiegen, und nach ein paar Schritten sieht man bereits das Gebäude der Rosinterbank. Da drauf zuhalten, bis man sieht, dass im Erdgeschoss…

FAN-ID Russland Confed Cup Bankgebäude

…Burger verkauft werden. Hier muss der Confed-Cup-Möchtegern-Fan rechts um die Ecke.

FAN-ID Russland Confed Cup Burger King

Jetzt sind wir auf der Letnikowskaja-Straße und suchen nach Hausnummer 10, Gebäude 4. (Hausnummern sind in Russland oft noch mal unterteilt). Wer links den Wikimart sieht, ist richtig…

FAN-ID Russland Confed Cup Wikimart

…wer vor dieser Leitung steht, zu weit.

FAN-ID Russland Confed Cup Gasleitung

Das liegt daran, dass ausgerechnet Haus Nummer 10 ein Stück von der Straße zurück liegt. Alles nicht so einfach. Also: zurück, und dann an dem großen Gebäude mit der 10 links vorbei.

FAN-ID Russland Confed Cup abholen

FAN-ID Russland Confed Cup Eingang

Natürlich ist, im Gegensatz zum Geldautomaten, das Fanzentrum nicht im Design der WM und des Confed-Cup gestaltet, das wäre ja auch zu einfach. Trotzdem beginnt nun der leichte Teil der Exkursion. Am Eingang ein Automat, an dem ich Fan in fünf Sprachen eine Nummer ziehen kann. Sicherheitshalber steht auch noch ein Helfer daneben, der einem den einzig nötigen Tastendruck abnimmt. Betreutes Warten.

FAN-ID Russland Confed Cup Schalter

35 Schalter, eine Handvoll von ihnen besetzt, außer mir will sich gerade nur ein anderer Fan von der FIFA bescheinigen lassen, dass er existiert. Auf Bildschirmen läuft der russische Sportsender „Match“, Ufa spielt gegen Spartak. Keine zwei Spielzüge, schon blinkt meine Nummer auf, eine freundliche Frau lässt sich den Pass zeigen und lobt das hochgeladene Foto: „Ja, das geht, da müssen wir kein neues machen. Dann mache ich die ID jetzt fertig und rufe Sie wieder auf.“ Großartiges Englisch, professionelle Freundlichkeit. Wer es als Fan einmal bis hierher schafft, der muss sich über den Rest keine Gedanken mehr machen.

Kurz darauf stehe ich vor dem Haus und verstaue die laminierte Karte samt Umhängeband in der Tasche, als mich die Frau vom Schalter anspricht. „Na, gefällt Ihnen Ihr Ausweis?“ Sie stellt sich als Alex vor und erzählt eine dieser Biografien, wie ich sie schon oft in Russland gehört habe (fast immer von Frauen, die sich mit Vehemenz und viel Initiative hinter ihre Ausbildung geklemmt haben): Im zweiten Schuljahr habe sie beschlossen, dass Englisch die Sprache ihres Lebens sei und alles daran gesetzt, sie perfekt zu beherrschen. Nein, keine Auslandsaufenthalte, alles nur Selberlernen.

In Zukunft, sagt sie noch, soll man seine Fan-ID dann auch am Flughafen abholen können – und meint damit wohl eher bei der Fußball-Weltmeisterschaft als noch beim Confed-Cup. Spätestens dann muss also niemand mehr diesen Hinterhof in einer Seitenstraße finden, bloß um ein Fußballspiel besuchen zu dürfen. „Vielleicht sehen wir uns ja im Stadion, wenn unsere Mannschaften gegeneinander spielen“ sagt Alex zum Abschied. „Hoffentlich im Finale“, antworte ich.

FAN-ID Russland Confed Cup Bändel

Weiterlesen

Wedding Crashers in Machatschkala

Freitag Ausstellung, Samstag Theater, Sonntag Ballett. Das vergangene Wochenende war so bildungsbürgerlich, das glaubt einem wieder keiner. Eine empirische Anomalie, drei ganz unterschiedliche Abende. Beim Balet Moskva gab es „Equus“, ein Stück, das damit spielt, was eigentlich so einen geschundenen Tänzerkörper von dem eines Arbeitstieres wie dem Pferd unterscheidet. Die Grenzen zwischen Keuchen und Schnauben sind da ebenso fließend wie die zwischen Kostüm und orthopädischer Bandage. Und dazu auch noch Livemusik von drei Streichern und einem Pianisten – runde Sache.

Das Theater am Samstag war – mal wieder – eine Empfehlung der besten aller möglichen Russischlehrerinnen, genau genommen von ihr und ihrer Enkelin: Puschkins Erzählungen am Theater der Nationen, inszeniert von Robert Wilson, mit Musik von Cocorosie.

Prall, lebhaft, verspielt, mit viel musikalischem Schmackes und einem Schuss Pekingoper. Und obendrauf noch der Stolz, erstmals eine Theateraufführung komplett auf Russisch zu sehen, ohne Obertitel, ohne andere Hilfsmittel, und der ganzen Handlung folgen zu können. Jetzt verstehe ich, warum es so schwer ist, dafür Karten zu bekommen.

Eigentlich wollte ich aber – hallo, Überschrift – von der Ausstellung am Freitag erzählen. Die Surab-Zereteli-Galerie hier in Moskau steht und hängt voll mit Dingen, bei denen ich im Hinterkopf meinen Vater höre: „Kunst kommt von Können. Das hier ist Wunst.“ Überlebensgroße Ganzkörperporträts von Charlie Chaplin. Sich von der Wand runterbeulende Keramikblumensträuße. Entwürfe für Skulpturen wie das „Ist-es-nun-Peter-der-Große-oder-doch-Kolumbus“-Denkmal.

Gottseidank hat das Goetheinstitut hier zwei Säle leerräumen lassen und eine eigene Ausstellung veranstaltet, „Die Grenze“. Es geht grob darum, wo Europa endet und wo Asien beginnt, zu diesem Thema haben Künstler Videos, Installationen und Skulpturen beigetragen.

Taus Makhacheva hat von ihren Fotos gleich stapelweise Abzüge machen lassen, die Besucher dürfen sich bedienen. „19 a day“ heißt die Serie, denn im September 2014 hat Taus sich schick gemacht und den ganzen Tag damit verbracht, in der Stadt Machatschkala in Dagestan auf möglichst vielen Hochzeiten zu tanzen. Oder zu essen. Oder mit dem Brautpaar zu posieren. Oder einfach nett mit den anderen Gästen zu plaudern, auch wenn sie sie keinen von ihnen kannte – Taus war auf keiner der Hochzeiten eingeladen.

Dutzende prunkvolle Hochzeitssäle gibt es in Machatschkala; viel Gold, viel Glanz, und im September sind sie quasi durchgängig ausgebucht. Bräute mit Kopftuch, Bräute mit Krönchen, Bräute mit Schleier. Das mag sich nach Asien anfühlen oder nach Europa, der ungeladene Gast auf 19 Hochzeiten zu sein, spielt jedenfalls noch auf einer ganz anderen Ebene mit dem Thema Grenze und Grenzüberschreitung.

19 a Day

Allein schon dieses Motiv hier drüber: Die Brautleute, die wahrscheinlich gerade beide denken „Also von meiner Seite ist die nicht!“. Der Mann links, betont ernsthaft. Die Frau rechts, betont abgelenkt. Und über allem die Künstlerin, die in einer halben Stunde schon wieder mit einem anderen Paar posieren wird. Und keiner hat’s gemerkt.

Freitag Ausstellung, Samstag Theater, Sonntag Ballett. Ein abwechslunsgreiches, unterhaltsames Wochenende mit vielen Denkanstößen.

Nächsten Samstag gehen wir mal wieder zum Fußball.

Weiterlesen

Wo Moskau seinen Düsseldorf-Park versteckt

Düsseldorf-Park Moskau

Moskau und Düsseldorf sind Partnerstädte, schon seit mehr als 20 Jahren. Als Knapp-neben-Düsseldorf-Geborene und Heute-in-Moskau-Lebende fand ich es natürlich interessant, ob man das abseits von Delegationen und Terminen hier irgendwo merkt. Gibt es einen Hauch von Düsseldorf im Moskauer Alltag? Also, abgesehen von der Tatsache, dass auch hier Bier und Eishockey populär waren. Irgendwann hörte ich von diesem Ort, dann kam auch noch ein freier Tag dazu. Zeit für eine Mission – schließlich sind Livetweets nicht nur bei großen Nachrichtenlagen interessant.

Für den ersten Streckenteil schlug Google Maps einen von Moskaus schicken neuen „Magistral“-Bussen vor – besonders schnell, besonders modern, besonders blau lackiert. Seit der letzten Fahrplanumstellung gibt es diese Magistrals, die weniger oft halten und einen dafür zügig von A nach B bringen. Und zügig ist, wenn ich so auf meinen Stadtplan blicke, eine gute Sache.

Die Strecke führt erst mal durchs Zentrum – vorbei an der Leninbibliothek, an Alexandergarten und Kreml zur Rechten und Duma und Bolschoi-Theater zur Linken. Endstation ist an der Metro-Haltestelle Kitai-Gorod, immer noch zentral. Aber ich kann mich nicht erinnern, hier schon mal in die violette Linie gestiegen zu sein. Denn die ist, wenn man nicht gerade mal dringend vom Puschkindenkmal zur Geheimdienstzentrale will, für wenig gut.

Bei Twitter melden sich unterdessen allerlei Leute mit Düsseldorf-Bezug. Gemeinsam schmieden wir Pläne für die Umbenennung einer Düsseldorfer U-Bahn-Station und betreiben meteorologische Vergleiche. Nebenbei lerne ich außerdem, wo Düsseldorf noch so Partnerstädte hat.

Ich steige da aus, wo die Gestaltung der Metrostationen mit deutlich weniger Enthusiasmus betrieben wird als in den unterirdischen Palästen im Stadtzentrum: In Textilschtschiki. Früher ein eigenständiger Ort, in dem Textilarbeiter lebten. Seit 1960 ein Moskauer Stadtteil voller Wohnhochhäuser.

Hier fühlt es sich nach Vorort an, und Fußgänger sind ganz furchtbar egal: Um von der Metro zur Bushaltestelle zu kommen, tauche ich erst verwirrt durch dieselbe Unterführung hin und her, gehe dann querfeldein zwischen zwei Gebäuden hindurch und muss schließlich noch ohne Ampel eine sechsspurige Straße überqueren. Dafür ist der Bus Nr. 350 dann erst mal weg. Zwanzig Minuten warten bis zum nächsten – als Moskauer Innenstadtbewohnerin ziemlich ungewohnt.

Hier draußen heißen die Bushaltestellen ganz profan „Ljublinskajastraße 139“ oder „Pererwastraße 50“ – keine Sehenswürdigkeiten, auch sonst kaum Bemerkenswertes. Nur Bettenburgen, Schnee, Schlaglöcher und der wackere Bus, der tatsächlich irgendwann da hält, wo ich raus will. „Djusseldorfski Park“ steht auf dem Schild, und daneben gibt es gleich ein paar Verbote, fürs Heimatgefühl.

Akkurat umzäunt ist der Park, hinter dem Gitter steht links eine kleine Kirche, sogar noch mit Kind in der Krippe davor – hier in Russland ist Weihnachten ja noch keine drei Wochen her. Ansonsten: Schaukeln, Klettergerüste, viele Frauen mit Kinderwagen. Die Wege sind eher schneefrei getrampelt als geräumt, der Blick fällt in alle Richtungen auf Wohnblocks. Mitten im Park bellt ein hysterischer Hund einen Mann an, der falschrum steht – eine Radschläger-Skulptur, bedruckt mit cartoonartigen Düsseldorfer Stadtszenen. Gehry, Altbier, Karneval.

„Das Symbol Düsseldorfs – ein Kind, das ein Rad schlägt“, erklärt die Tafel neben der Skulptur, und dass das hier ein Geschenk von Düsseldorf an Moskau war, zur Einweihung des Parks vor acht Jahren. Beim Versuch, dazu mehr zu ergoogeln, erfahre ich noch, dass Düsseldorf in Ostdeutschland liegt. Nun ja. Die restliche Runde durch den Park ist schnell gedreht, zwischendurch noch einmal über den schneebedeckten Rasen zum Teich, der bei den etwas älteren Kindern gerade sehr populär ist.

Erkenntnis des Ausflugs: Es gibt ihn also wirklich, den „Djusseldorfski Park“ – nur wird ihn kein Moskauer finden, der ihn nicht ausdrücklich und mit viel Einsatz sucht. Oder in einem der vielen Hochhäuser von Textilschtchiki wohnt.

Alle Tweets zum #DjusseldofskiPark gibt es hier zum Nachlesen.

Weiterlesen

Der Tag danach

Was tun am Tag danach? Am Tag nach dieser Zeremonie, dieser Rede, diesem unverholenen Nationalismus? Was tun angesichts dessen, was da dräut?

Immerhin: Der Termin von Donald Trumps Amtseinführung stand lange fest, man konnte also planen. Der Plan sieht vor, am frühen Nachmittag das Haus zu verlassen, Treffpunkt: Triumfalnaja-Platz. Ich bin früh dran, mache also noch einen Schlenker durch ein Geschäft und komme dort mit einem älteren Russen ins Gespräch. „Sie werden sich nicht erinnern, wie es war, als Deutschland geteilt war,“ fängt er an, worauf ich mein Alter offenbare und er routiniert-charmant mit „Waaas? Also wirklich, ich hätte kein Jahr über 25 geschätzt!“ reagiert. Wir schäkern ein bisschen und er erzählt von seinem Freund aus der DDR, der inzwischen in Köln lebt, und vor ein paar Jahren haben sie sich dann mal in Prag getroffen und…

Es ist eine sehr alltägliche Geschichte, mit Humor erzählt. Wie dem Freund der Mietwagen geklaut wurde, weil er ein paar Kartons drin hatte mit dem Aufdruck einer Luxus-Parfümmarke. Wie die Firma des Freundes dafür sorgte, dass an der Grenze ein neuer Mietwagen auf ihn wartete. Und weil man als Deutsche in Russland manchmal für Hitler, manchmal für Rammstein, aber immer für Fußball und für die Automobilindustrie steht, macht der ältere Herr beim Erzählen diese Sache mit den Fußnoten, also: Bei jedem Auto, das in der Geschichte auftaucht, wird die Marke erwähnt und, falls deutsch, wohlwollend benickt. Der geklaute Mietwagen war ein Volkswagen Kombi, hmhm. Und der Ersatz sogar ein Mercedes, jaha.

Das Ganze dauert keine fünf Minuten, die Geschichte hat keine Pointe. Aber als wir uns verabschieden, merke ich, wie gut in diesem leicht dünnhäutigen Zustand, der mich seit gestern Abend erwischt hat, so ein einfacher Austausch tut. Nichts Weltbewegendes, nur ein paar nette Worte mit einem Fremden, der beim Lebensmittelabwiegen zufällig nach demselben Plastikbeutel gegriffen hat. Einer spricht langsam. Einer hört genau zu. Kommunikation findet statt.

Später treffen wir uns dann wie verabredet mit ein paar Leuten auf dem Triumfalnaja-Platz. Viele sind wir nicht und das ist, wegen des russischen Versammlungsrechts, auch gut so. Dies ist schließlich kein Protestmarsch hier, keine Demo, nein nein. Nur ein paar Leute, die zusammen spazieren gehen. Wie man das halt so tut am Wochenende, bei Minusgraden, wenn der Wind den Schnee am Schal vorbei in den Kragen pustet.

Wir laufen die Twerskaja runter, am Rathaus vorbei und, ja, auch am Ritz Carlton. Wir reden über unsere Heimatländer, was dort gerade politisch geschieht, was wir erhoffen und befürchten. Wir reden über die Weihnachtsferien, über den Job, über Eishockey und diskutieren, wie voll es wohl bei Pro-Trump-Events in Moskau wäre, wenn man mal die ganzen Journalisten rausrechnet.

Es geht quer über den Roten Platz, kurz hinter dem Leninmausoleum kommt uns eine Gruppe von Frauen entgegen, die alle dieselben Schilder hochhalten – irgendwas mit Herzchen. Gleicher Plan zur gleichen Zeit? Nein, die Nachfrage ergibt: Hausaufgabe für den Deutschkurs. Wir gehen noch ein paar Schritte weiter, manche ziehen ihr T-Shirt an, andere halten es hoch. Blick nach links, Blick nach rechts. Ein paar schnelle Fotos mit der Basiliuskathedrale im Rücken und dann ab ins Warme.

Was tun am Tag danach? Rausgehen. Miteinander reden. Sich nicht einschüchtern lassen. Für etwas einstehen. Und nächstes Mal dann auch: Rechtzeitig das T-Shirt bestellen.

Foto: Inna Kiyasova
Foto: Inna Kiyasova

Weiterlesen

Das Problem am Winter in Russland

Moskau Winter Erlöserkathedrale

Das Problem am Winter hier in Russland sind halt die Temperaturen. Es ist einfach zu warm.

Zu warm in der Metro, wenn man 15 Minuten über vereisten Schnee dorthin geschlittert ist, um dann plötzlich mitten im Rolltreppenrudel zu stehen, von heißer Luft umweht und von dem, was man selbst und die Mitreisenden so ausdünsten. Zu warm beim Schaufenstergucken, wenn die Güterabwägung im Kopf so geht: Das da vorne ist eine echt schöne Jeans. Aber dafür jetzt Winterjacke, Fleecejacke, Mütze, Handschuhe, Schal, Halstuch, die Stulpen an den Handgelenken, die Stiefel, die Stulpen an den Knöcheln, die Hose und die Leggings drunter ausziehen? So schön kann keine Jeans sein.

Zu warm ist es auch in der Wohnung, weil die Nachbarn alle bis zum Anschlag heizen – kostet ja nix, oder fast nix jedenfalls. Was hab ich damals die potenziellen Vermieter verwirrt, als ich beim Wohnungssuchen nach den Nebenkosten gefragt habe. Nebenwas? Was will die komische Ausländerin? Ach, Öl, Gas, Strom? Naja, ein paar hundert Rubel halt im Monat, fünf Euro oder vielleicht zehn. Russland ist reich an Ressourcen, die Temperatur wird also reguliert nach dem Prinzip: Heizung läuft immer, zentral angeschaltet, und bei Bedarf kann man ja lüften. Nur seltsame Zugereiste lassen Ventile an die einzelnen Heizkörper dranflanschen, um zumindest die Wahl zwischen an und aus zu haben. Drehknöpfe mit einer Skala von 0 bis 5? Gibt es, sind aber so selten wie Plusgrade im Januar.

Drinnen überheizt, draußen knackig kalt, dazu das extrem harte Wasser. Der Moskauer Winter ist also auch der Grund, warum Haut und Haare hier besonders viel Liebe brauchen. Duschöl statt Duschgel, kein Shampoo ohne Spülung. Bodylotion, Handcreme, Gesichtscreme – zum ersten Mal im Leben besitze ich eine Fußcreme, ja sogar eine Nasencreme, für wenn das Salzwasser-mit-Bepanthen-Spray nicht mehr reicht, um die Schleimhäute halbwegs feucht zu halten. Als eine irische Freundin zum ersten Mal bei uns zu Besuch war, war sie arg perplex von den schwarzen Plastikwürfeln, die in den verschieden Zimmern vor sich hinsummen: „Was sind das, Luftbefeuchter? Bei uns zuhause hat jedes Haus einen Luftentfeuchter!“

Vielleicht ist es dieses Überangebot an Wärme, das uns den russischen Winter dann besonders lieben lässt, wenn er so richtig zeigt, was er kann. Nicht irgendwo um die standardmäßigen -15, nein – da gilt tatsächlich alles, was ich gerade beschrieben habe. Aber dann, wenn die Minusgrade in den Zwanzigern oder gar Dreißigern liegen, wird es interessant. Du trittst vor die Haustür und merkst, wie die Feuchtigkeit in der Nase gefriert. Du willst Fotos vom Roten Platz im Winter machen, aber nach einer Minute fühlst du deine Fingerspitzen nicht mehr (und kurz darauf stirbt ohnehin der Akku). Du stapfst eine halbe Stunde durch den Schnee, den Schal bis vor den Mund hochgezuppelt, so dass die ausgeatmete Luft am Stoff gefriert – und fühlst dich hinterher wie ein Held, während du im Café wartest, dass die Oberschenkel aufhören zu prickeln.

So ein Wetter hatten wir in den ersten Tagen dieses neuen Jahres, und was haben wir es genossen! Sind mit dem Zug ins Moskauer Umland gefahren, um dort an kleinen Kirchen vorbei durch noch mehr Schnee zu stapfen. Haben im Gästezimmer Käpt’n Blaubär vom Fensterrahmen losgeeist, an dem er leider mit seinem flauschigen Hintern festgefroren war. Waren in eisigster Winternacht in der orthodoxen Weihnachtsmesse. Haben wilde Experimente mit gefrierenden Seifenblasen, Schnee aus kochendem Wasser und einem steif gefrorenen Handtuch gemacht.

Ein großer Spaß, auch wenn wir permanent drei Handys dabei haben mussten zum Filmen, weil bei 30 Grad unter null eben nach wenigen Minuten der Akku entscheidet, dass jetzt aber auch genug ist. Wir hätten gerne noch mehr probiert – ob man mit einer gefrorenen Banane tatsächlich einen Nagel in die Wand schlagen kann zum Beispiel. Gestern Abend hatten Patenkind 3 und sein großer Bruder noch Wünsche angemeldet, doch sie werden warten müssen: Über Nacht kam der Wetterumschwung, heute bietet Moskau nur noch einstellige Minusgrade.

Es ist einfach zu warm.

Weiterlesen

Wochenende in Moskau: Einfach mal machen

Nach einer Woche, die beruflich unnötig ärgerlich war und vor einer Woche, die den ersten Schnee bringen soll, hilft es, wenn das Wochenende es einem mal so richtig zeigt. Was es heißen kann, in dieser Stadt zu leben und Wurzeln geschlagen zu haben. Wie es ist, wenn man Leute gefunden hat, für die „warum nicht“ Grund genug ist, etwas auszuprobieren. Wo man sich plötzlich wiederfindet, wenn man sich Moskau einfach mal ausliefert – und am Montagmorgen immer noch davon zehrt.

***

Samstag, früher Nachmittag. Wenn man das Puschkinmuseum, die alte und die neue Tretjakowgalerie, das Garage-Museum für moderne Kunst, das Multimedia Art Museum, das Moscow Museum of Modern Art, das jüdische Museum, das Museum für sowjetische Spielautomaten, das Kosmonautenmuseum, das Darwinmuseum, das Museum des Russischen Impressionismus, das Zentralmuseum des Großen Vaterländischen Krieges, das Zentralmuseum der russischen Streitkräfte, das Oldtimermuseum, das Borodino-Museum, das Museum für Orientalische Kunst, das Zoologische Museum, das Geologische Museum und das Architekturmuseum durch hat – dann, ja dann findet man sich plötzlich im Moskauer Museum für Straßenbeleuchtung wieder.

Also stehen G. und ich nun in einem von vier Kellerräumen und bekommen erzählt, dass damals zur Krönung von Alexander II. in Moskaus Straßen eine Festbeleuchtung aus 27.000 Öllampen in grünen Glaszylindern strahlte. Wie nach Öl und Kerosin erst Gas und dann Elektizität kamen (mit Osram-Glühbirnen aus Deutschland, das Museum zeigt dazu einen Werbespot aus dem Sechzigerjahre-Deutschland, in dem Osram-Glühbirnen Verkehrsunfälle und Raubüberfälle verhinden).

Wir sehen Verdunkelungsschilder aus dem Zweiten Weltkrieg („Licht im Fenster hilft dem Feind“), Stehlampen, Hängelampen und eine der 5000-Watt-Leuchten, die in den roten Sternen auf den Spitzen der Kremltürme stecken. Das Museum ist, soviel merkt man sofort, seinen Machern eine Herzensangelegenheit.

Sie erklären die Pulte, von denen aus einst Stadtteil für Stadtteil Moskaus Lichter angeknipst wurden, und zeigen eine Vitrine mit Birnen, in denen statt Drähten kleine Kunstwerke glühen: Blumen, Tiere, ein Schneemann. „Woher haben Sie denn von unserem Museum erfahren?“, fragt die Kassenfrau leicht perplex uns zwei erkennbare Ausländerinnen. Und überhaupt, wenn uns Straßenbeleuchtung interessiert: Im Sommer bietet das Museum auch Stadtrundgänge zum Thema an.

***

Um den Tisch sitzen acht Leute aus fünf Ländern und reden Englisch, jedenfalls meistens. Nicht alle kennen sich, aber alle kämpfen mit derselben Speisekarte auf Koreanisch und Russisch, wechseln durch ihre jeweiligen Sprachen und die dazugehörigen Übersetzungs-Apps: Okay, Reis, Möhren, Zucchini – und was ist da noch drin? Kennst du das Wort? Sag’s noch mal langsam in deiner Sprache, vielleicht erkenn ich’s ja wieder? Wir entschlüsseln Fleisch- und Gemüsesorten, ehe wir irgendwo zwischen „Alge“ und „Farn“ kapitulieren. Passt schon. Mal sehen, was kommt.

Der Ort ist unterirdisch und es ist schwer, darin keine Metapher zu sehen, denn wir sind in Moskaus einzigem nordkoreanischen Restaurant. Es geht das Gerücht, dass es zur Botschaft gehört und dazu dient, mit Einnahmen in ausländischen Währungen das System zu stabilisieren. Ob der Rubel dabei eine große Hilfe ist? Alle Kellnerinnen sehen gleich aus – gleichgroß, gleichjung, gleichschön, gleichlange Haare, gleiche Frisur, gleiche Kleidung, gleiche Plateausohlen. Auf einem Fernseher läuft in Dauerschleife ein Konzert der Band Moranbong, im Publikum synchron applaudierende Militärs.

Dass das Essen auf keinen Fall in der Reihenfolge eintrifft, in der man es bestellt – wer würde es in Russland anders erwarten. So essen sechs von uns also in Etappen ihr scharfes Bibimbab (oder, wie die Speisekarte es erklärt, „Plow nach Pjönjanger Art“), danach kommen die Vorspeisen, darunter eine Art Pfannkuchen aus Maiskörnern, zusammengehalten von irgendwas zwischen Aspik und Fugensilikon. Und zum Schluss die Nudelsuppe für die zwei verbleibenden Hungrigen, am Tisch angerichtet. Die Kellnerin gibt gekochte Nudeln in zwei große Metallschalen, dann Fleisch und Gemüse, dann Wasser aus einem silbernen Teekessel mit schmaler Tülle. Die Kellnerin verschwindet, die beiden Nudelsuppenbesteller fangen an zu essen: Die Suppe ist kalt. Nicht abgekühlt, sondern nie warm gewesen. Gehört wohl so. Kurz darauf trifft eine weitere Vorspeise ein.

***

Sonntag Nachmittag und ich weiß nichts, außer dass M. mich heute zum Segeln mitnimmt. Fünf Jahre lang hat er in einem anderen Land „reichen weißen Kindern“ das Segeln beigebracht. Meine Segelerfahrung beschränkt sich auf die kälteste Woche meines Lebens, damals, kurz vor Ostern, auf einem Schiff auf dem Ijsselmeer. Nach Anweisung von M. bin ich heute 1. extrem warm angezogen und 2. pünktlich an unserem Treffpunkt, einer Hofeinfahrt im Moskauer Zentrum, in der ein knatschblauer alter UAZ-Geländewagen steht. „Wir haben beschlossen, dass du vorne sitzt – da gibt es einen Sicherheitsgurt“, sagt der Fahrer und Mitsegler, der mir kurz nach dem Start erklären wird, warum er trotz allem weiterhin Trump wählt.

Das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken bedeutet, dass ich in der nächsten Stunde sehr viel über den UAZ erfahre. Dass man mit dem Hebel da zwischen Zweirad- und Allradantrieb wechseln kann. Dass es viel Kraft kostet, zu schalten und zu lenken. Dass außerhalb der Stadt plötzlich andere Fahrer winken und lichthupen, wenn man in so einem alten Schätzchen unterwegs ist. Dass das Auto zwar viel ächzt und andere Geräusche macht, die aber alle nichts bedeuten. Auf dem Rücksitz spielt K, eine junge Russin und Nummer vier unserer heutigen Segelei, mit ihrem Handy.

Als wir am Ziel nördlich von Moskau ankommen, noch weiter außerhalb der Stadt als Ikea und Obi, muss es flott gehen. Die Sonne steht schon tief, der Wind ist so stark, dass er uns immer wieder zurück Richtung Anlegestelle drückt und uns schließlich ein kleines Motorboot rausschleppt. Skipper M. geht das erkennbar an die Ehre, weshalb wir danach erst mal betont souverän in den Sonnenuntergang schippern. Es ist, das sagen auch die Mitsegler, schon verdammt windig heute – viele Kommandos, schnelles Wechseln von einer Seite des Boots zur anderen und zurück. Ich denke mir: Solange K. noch Handyfotos auf Instagram postet, wird es schon so ernst nicht sein. Und es mangelt ja auch nicht an Motiven: Das Wasser, in dem sich die Sonne spiegelt. Der Himmel, ganz frei vom Moskauer Herbstsmog. Die Birken am Ufer, in Gelb und Orange.

Auf dem Rückweg Richtung Ufer wird es dann noch mal ein wenig unentspannt. K. hat das Handy weggepackt und sieht käsig aus, M. holt sich bei einem Manöver nasse Füße, und wir alle lehnen uns zur selben Seite raus, so weit wir nur können. Dafür ist das Anlegemanöver dann perfekt, Ehre wiederhergestellt. In der Abenddämmerung fährt der UAZ zurück Richtung Zentrum, aus dem Bluetooth-Lautsprecher kommen abwechselnd Abba und amerikanische Powerballaden. Waterloo. Carry on My Wayward Son. Does Your Mother Know. K. sitzt jetzt vorne, M. und ich haben auf der Rückbank russische Militärhelme aufgesetzt. Safety first. Durch die Dachplane zieht Kälte ins Auto, aber immer noch wärmer als auf dem Wasser vorhin. „Nächstes Wochenende gehen wir auf den Schießstand,“ sagt K. „Komm doch mit.“

Weiterlesen

Es steht ein Kasan im Rheinland

Man muss dieser Geschichte vielleicht vorausschicken, dass ich einen großartigen Bruder habe. Vage kann ich mich noch an Haareziehen und Schwitzkasten im Kinderzimmer erinnern, aber schon mit der Pubertät ist das gekippt. Da war er das plötzlich, der abends extra zu der jeweiligen Freundin kam, bei der ich gerade war, damit ich nicht alleine nach Hause radeln musste. Zusammen haben wir Strategien entwickelt, die bis heute funktionieren: Was besser Mama sagen, damit sie es Papa beibringt? Was besser Papa sagen, damit er es Mama unterbreitet? Und was einfach für uns behalten?

Als ich neu in der ersten großen Stadt war, der Geburtstag anrückte und ich dachte: Naja, bist ja ein rationaler Mensch, Dienstplan ist Dienstplan, dann feierst du halt nächstes Wochenende, wenn du zuhause bist – und dann am Tag vorher merkte, dass Rationalität weder Heimweh noch Sehnsucht verhindert, ist er stundenlang angereist, für ein bisschen Feiern, wenig Schlaf und eine ebenso stundenlange Rückreise. Als ein paar Berufsjahre später ein Projekt anstand, bei dem ich über Wochen einem cholerischen, fiesen Möpp ausgesetzt war, hat mein Bruder sich zunehmend alberne Namen für den Möpp und seine Visionen ausgedacht: „Na, was macht Projekt ‚Häschen in der Grube‘?“ Es waren seltene, dringend nötige Lacher in diesen Tagen.

Ich hab das immer für normal gehalten, Geschwister halt, klar verstehen wir uns. Bis eine Freundin hier in Moskau nach einigem Erzählen irgendwann sagte: „So you’re close, you and your brother.“ Seitdem denke ich da öfter drüber nach, dass das vielleicht doch besonders ist.

Dass wir nicht nur um drei Uhr morgens über die Zukunft der Sozialdemokratie philosophieren können, sondern uns auch über ein paar tausend Kilometer Abstand über den Alltagskram auf dem Laufenden halten. Welche Nichte diese Woche nicht in der Kita war wegen Ohrenschmerzen. Wann der Moskauer Balkonsalat geerntet werden kann. Wir schreiben, wir telefonieren, wir skypen. Wir sagen „Du fehlst mir“ und „Pass auf dich auf“. Wir tun bekloppte Dinge füreinander. Womit die Geschichte vom Kasan dann auch schon anfangen kann.

***

Kasan ist nicht nur der Name einer russischen Stadt, sondern auch eines Kessels. Ein großes, gusseisernes Ding, mit einem Metallzylinder drunter, in den Holzscheite kommen. So kann man draußen nicht nur grillen, sondern auch kochen. Anfang des Sommers habe ich das bei Freunden auf der Datscha zum ersten Mal gesehen, daraus Plow gegessen und gewusst: Mein Bruder, der so gerne kocht und grillt, hätte da einen Mordsspaß dran.

plow-aus-dem-kasan

Wo kauft man einen Kasan? Im Supermarkt schon mal nicht, auch nicht im Haushaltswarenladen, wie sich rausstellt, und selbst Utkonos, der Onlineladen für alles Denkbare, hat im Sortiment eine kasanförmige Lücke. Aber dann, auf dem großen Markt an der Dorogomilowskaja: Einer der vielen freundlichen Zentralasiaten versteht mich nicht nur, sondern spielt auch gleich Eskorte zum Stand ein paar Reihen weiter: Samoware, Grillspieße, riesige Messer – und Kasane.

„Haben Sie auch eine Waage?“, frage ich vorsichtig, und so finden wir heraus: sieben Kilo die gusseiserne Schüssel mit Deckel, noch mal fünf Kilo der Untersatz – also, im Prinzip, fluggepäcktauglich. Okay, kein Karton zum Transportieren, aber ein riesiger, fester Plastiksack. Wäre der linke Arm ein bisschen weniger gebrochen, die Schlepperei zur Straße wäre erträglicher, aber immerhin ist so für die kurze Fahrt heimwärts ein Taxi gerechtfertigt.

der-frisch-gekaufte-kasan

Deutlich weniger hilfreich als die Markthändler ist die Telefonauskunft von Aeroflot. Die Schüssel, also der eigentliche Kasan, passt problemlos in den Koffer und landet wenige Wochen später in Düsseldorf. Der Untersatz dagegen ist aus einem Stück geschweißt, die drei Beine lassen sich also nicht abmontieren oder auch nur anwinkeln. Überhaupt passt er nur in die größte Reisetasche, an Koffer ist nicht zu denken. Und selbst dann sieht es aus, als hätte man ein Oktopusbaby in die Tasche genötigt, das nun alle Arme von sich streckt.

Einerseits sind die Maße der Tasche über dem, was laut Kleingedrucktem erlaubt ist. Andererseits sind Gepäckvorgaben in Russland in etwa so bindend, wie wenn man im Sommer zu einem Eis „schmilz nicht“ sagt. Handgepäck? Gerne drei bis vier Teile. Riesenkoffer? Aber hallo! Darf der Kasan also mitfliegen? Die Aeroflotfrau erzählt was von Kilos und Zentimetern, will sich aber nicht festlegen. Dann also ein Versuch mit Sicherheitsnetz.

Als das nächste Mal ein freundlicher Mit-Moskauer auf Stippvisite nach Deutschland fliegt, hat er alles Nötige im Handgepäck. Das Unnötige, also der Kasan und einige Schichten Bläschenfolie und Handtücher, soll in der Reisetasche aufgegeben werden. Für den Fall, dass das nicht klappt, fahre ich morgens um halb sechs mit zum Flughafen und könnte so im Prinzip die Tasche wieder mit nach Hause nehmen. Vorerst aber wird sie russifiziert, sprich: in Plastikfolie eingeschweißt. Das ist für russische Flugreisende absolutes Pflichtprogramm, und wenn es verhindert, dass ein Oktopusbein die Reisetasche durchdringt: um so besser. Wobei, Oktopus? Eingeschweißt sieht das Ding eher wie ein Schwein aus. Ein Schwein mit Henkel.

ein-eingeschweisster-kasan

Am Check-in-Schalter versuche ich es mit einem verschlafen-apathischen Gesicht. Alles total Routine hier, nur bitte fangen Sie kein Gespräch an, weder mit dem eigentlichen Passagier noch mit mir. Aber warum sollte sie auch. Ein Schwein mit Henkel, ordnungsgemäß eingeschweißt und keine zehn Kilo schwer? Klar fliegt das mit. Kleiner Freudentanz außer Sichtweite und dann ab zurück nach Hause, ins Bett. Zum Frühstück gibt es dann die Nachricht: Das Ding hat den Flug unbeschadet überstanden, alle Beine noch dran am Oktopusschwein. Es steht auch schon im Bruderhaus.

***

Ein paar Wochen später hat der Kasan seinen ersten Einsatz. Gulasch für ein Dutzend Leute, gekocht mit russischem Equipment unter rheinischem Himmel. „Und, bist Du zufrieden,“ schreibe ich, kurz darauf kommt die Antwort: „Wenn ich einen zweiten hätte, könnte ich auch die Nudeln zum Gulasch im Kasan machen.“

Weiterlesen