Harry Potter und die Digitalisierung des Schreckens

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An einem Dienstag Nachmittag habe ich zum ersten Mal das Gefühl, dass das mit dieser Digitalisierung eventuell ein bisschen zu weit geht.

Es ist November, es ist London und es ist die British Library. Gerade habe ich mir die Ausstellung zu 20 Jahren Harry Potter angeguckt – Manuskripte und Skizzen von J.K. Rowling, dazu alte Bücher zu Astrologie, Pflanzenkunde, mythischen Wesen, sogar ein beinahe echter Einhornkopf. Alles interessant, aber dann vielleicht doch nicht „16 Pfund für ein Ticket zahlen und trotzdem noch nicht mal fotografieren dürfen“-interessant.

Jedenfalls steht neben der Infotheke so ein Aufsteller mit Werbung für künftige Veranstaltungen, unter anderem: „Hogwarts, Poudlard, Rokfort: Translating Harry Potter“. Eine Podiumsdiskussion mit Übersetzern, bei der es unter anderem darum gehen soll, wie man Hagrids Akzent in einen ukrainischen Dialekt überträgt, oder wie der „Snitch“ auf Isländisch heißt. Sowas überzeugt mein kleines Sprachnerd-Herz sofort, der Mann an der Information hat auch nichts zu tun – es dämmert schon, die Bibliothek leert sich. Also, schnell noch eine Karte kaufen.

Frage an den freundlichen Informationsmann also: „Gibt es für die Diskussionsrunde zu Harry Potter noch Karten?“ Er sucht ein bisschen im Computer rum und stellt fest: Ja, durchaus. „Dann hätte ich gerne eine,“ sage ich – „Sind Sie denn Mitglied bei uns?“ – „Nein, leider nicht, ich muss den vollen Preis zahlen.“ Falsche Vermutung.

Denn die Frage, ob man ein Member ist – also zu den Freunden und Förderern der British Library gehört – stellt der Mann nicht etwa wegen eines Rabatts. Nur Members dürfen die Eintrittskarte hier noch persönlich bei einem echten Menschen kaufen. Normalsterbliche, Touristen und alle anderen, die sich die jährlichen 80 Pfund Membership-Gebühr nicht leisten, bekommen ihre Karten nur noch online.

Am Anfang vermute ich noch, dass das ein Missverständnis ist. Aber die Nachfrage via Twitter ergibt: Doch doch, das ist tatsächlich so. Einzige Ausnahme sind Restkarten: Sie gibt es am Tag der Veranstaltung dann auch in der Bibliothek zu kaufen, ganz normal am Schalter.

Besonders inklusiv ist das nicht – wer sich nicht sicher im Internet bewegt, aufs Geld schauen muss oder nur zu Gast in der Stadt ist, für den ist es schwierig, an Tickets zu kommen. Und schneidet sich nicht auch die British Library selber ins Fleisch? Schließlich sind hier in der Dauerausstellung jeden Tag großartige Exponate zu besichtigen. Die Magna Carta. Manuskripte von Jane Austen. John Lennons handgeschriebener Text für „Strawberry Fields“. Alles komplett kostenlos – da müsste die übliche Strategie doch noch wichtiger sein, Gäste auch zum Besuch im hauseigenen Café, im Museumsshop oder eben bei einer weiteren Veranstaltung zu motivieren.

Andererseits ist der Kontakt zu einer echten Person als Privileg ja durchaus ein Prinzip, das sich in den letzten Jahren herausgebildet hat. Wer sich das Warten am Flughafen sparen will, muss entweder online selber einchecken oder Business Class buchen. Wer in einem englischen Supermarkt nicht mühsam alles selber scannen will, muss in die längere Schlange, die zu einer Kasse mit Kassiererin führt.

Ich bin dann übrigens doch noch ganz ohne Digitalisierung an meine Karte gekommen – offline, am Tag der Veranstaltung selber. „Lots and lots of tickets“ gebe es noch, sagte der Infoschaltermann, während er eines davon ausdruckte. In der Tat war der Saal abends dann zwar gut gefüllt, aber keineswegs ausverkauft. Dabei hatte die British Library doch per Twitter noch so einen cleveren Trick nachgereicht: In der Bücherei selber gebe es doch kostenloses WLAN. Man könne ja hinkommen, sich dort für einen Zugang anmelden und über den dann die Karte buchen.

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Russball, Folge 22: Wir basteln uns einen Stadion-Rasen

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Echt, drei Tage in Tiflis, und du bist für Moskau komplett verdorben. Die freundlichen Menschen! Das grandiose Essen! Die fußgängertauglichen Straßen! Besonders cool an Fabrika, dem Ort, wo wir mit dem Team von Coda Story getagt haben, waren die viele Graffiti – mal schauen, vielleicht wird das noch mal ein separater Blogpost.

Eh das hier jetzt aber komplett in Richtung Georgien-Verklärung kippt, reden wir besser mal über Guram Kashia. Er spielt nicht nur für die georgische Fußball-Nationalmannschaft, sondern auch für den niederländischen Verein Vitesse Arnheim. Als sich unlängst alle Clubs der Eredivisie – also der obersten Liga in den Niederlanden – zusammentaten und ihre Kapitäne mit Regenbogen-Armbinde auflaufen ließen, sollte das ein Zeichen gegen Homophobie sein.

Für Kashia war es der Beginn massiver Anfeindungen. Georgische Fußballfans und Journalisten fordern seitdem, dass er nicht mehr für die georgische Nationalmannschaft spielen darf. Mehr zum Thema gibt es bei der Washington Post.

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⚽ Angriff ist die beste Verteidigung, das gilt auch, wenn sich die Fans daneben benehmen: Beim Europa-League-Spiel gegen Rosenborg Trondheim haben Anhänger von Zenit St. Petersburg den Gästeblock auseinandergenommen. 700 Zenit-Fans waren zu dem Spiel nach Norwegen gereist, 80 Sitze waren hinterher kaputt. Nachdem Trondheim sich bei der UEFA über den Vandalismus der russischen Gäste beschwert hatten, ging Zenit in die Offensive: 80 kaputte Sitze? Jahaaaa, aber der Gästeblock war ja auch gar nicht richtig ausgerüstet für eine Match dieser Klasse.

Da, heißt es weiter, seien schließlich spezielle, vandalismusfeste Sitze üblich. „Zenit will sich nicht der Verantwortung für von unseren Fans verursachte Schäden entziehen“, zitiert TASS aus einem Statement des Vereins. Von böser Absicht könne aber keine Rede sein: „Solche Dinge passieren, wenn die Gasttribüne nicht richtig vorbereitet ist.“ Anders gesagt: Unsere Fans sind keine Vandalen! Sie machen bloß Sitze kaputt, wenn die nicht vandalismusfest sind. (Die UEFA interessiert das übrigens nicht, sie ermittelt trotzdem.)

⚽ „Russische Nationalmannschaft wird Weltmeister im 7-gegen-7-Fußball“, schreibt Argumenty i Fakty – und ich muss erst mal recherchieren, was das ist. Das Ergebnis ist interessant und, mit Blick auf Russland, ermutigend: Bei dieser Fußball-Variante, die auf Deutsch „CP-Fußball“ heißt, treten Sportler gegeneinander an, die nach einer Hirnschädigung im Kindesalter oder nach einem Schlaganfall Probleme haben, ihre Bewegungsabläufe zu kontrollieren. Um Weltmeister zu werden, hat Russland die Nationalmannschaft von Guatemala 4:2 geschlagen.

Ein großer Fortschritt im Vergleich zu noch vor wenigen Jahrzehnten: Als Moskau 1980 die Olympischen Sommerspiele ausrichtete, weigerten sich die sowjetischen Offiziellen, auch die Paralympics zu veranstalten. Offizielle Begründung: Bei uns gibt es keine Behinderten! Auch heute ist das Thema Behinderung hier kein einfaches, aber immerhin: 2014 hat Russland in Sotschi sowohl die Olympischen als auch die Paralympischen Winterspiele ausgerichtet.

⚽ Im Märzen der Bauer die Rösslein einspannt. Er setzt seine Felder und den Rasen von Dynamo Moskau instand. Ja, man kann schon mal lyrische Anwandlungen bekommen bei den Motiven, die der Telegramm-Kanal „Historical Football“ so verbreitet. Dieses Motiv aus dem Frühjahr 1935 ist aber auch einfach zu schön, das muss hier einen Ehrenplatz bekommen.

Frühjahrsaussaat: Das Spielfeld im Dynamo-Stadion wird im nach dem Umbau für die Saison vorbereitet“, heißt die Bildunterschrift in der Sammlung historischer Aufnahmen auf der Internetseite des Vereins. Die lohnt ohnehin das Stöbern – auch wegen dieser Aufnahme der allerersten Dynamo-Mannschaft aus dem Jahr 1924.

⚽ Zur Halbzeit in der Premjer-Liga versucht sich Russian Football News an einer Zwischenbilanz. Leider ist das Ergebnis eher gut gemeint als gut gemacht – es sei denn, man steht auf stream of consciousness und atemlose Endlossätze. Aber gut, für den Fall, dass hier ein Hardcore-Fan von Achmat Grosny, Amkar Perm, Anschi Machatschkala oder Arsenal Tula mitliest: Hier findet ihr Teil 1 der Halbzeitbilanz.

⚽ Ein Update ist nötig, vielleicht sogar eine Korrektur zur Russball-Folge der vergangenen Woche. Dort hatte ich einen Bericht von RBK zitiert, wonach Russland rund eine Million US-Dollar bezahlt, damit Argentinien seine Nationalmannschaft zu einem Freundschaftsspiel nach Moskau schickt. Nun allerdings hat sich Witali Mutko zu Wort gemeldet, Russlands oberster Fußballfunktionär.

Russlands Fußballverband habe nichts für diese Begegnung gezahlt, zitiert ihn die staatliche Nachrichtenagentur TASS, und hätte Mutko an dieser Stelle aufgehört, es wäre ein hartes Dementi. Doch es folgt ausführliches Lavieren über Kosten für Unterkunft, Flüge, Trainingseinrichtungen, Transfers der Gäste, es ist die Rede von „einem gewissen System an Interaktionen zwischen den Nationalmannschaften“. Will sagen: Russland hat vielleicht (noch?) nichts bezahlt für das Freundschaftsspiel. Aber wenn so eine Aufwandsentschädigung für die Anreise, Unterkunft etc. sich nun auf eine Million Dollar summiert, na dann…

Die Argentinier, das steht jedenfalls fest, sind schon mal in Moskau eingetrudelt. Und dieses Twitter-Video, bei dem sie aus einem Minibus steigen, hat bei fußballinteressierten Russen schon viel Spaß ausgelöst. Schließlich gehört das Fahren mit solchen „Marschrutkas“ zum Alltag all jener Moskauer, die nicht im unmittelbaren Zentrum der Stadt unterwegs sind.

⚽ Nur noch 217 mal schlafen, dann ist auch schon Fußball-Weltmeisterschaft. Moskaus Stadtverwaltung hat direkt mal durchgezählt, wer denn da wohl alles anreist und woher. Ergebnis: Mehr als die Hälfte aller Hotelreservierungen in Moskau während der WM kommt von Menschen aus nur drei Ländern: den USA (22 Prozent), China (16) und Mexiko (15). Insgesamt sind rund 60 Prozent der verfügbaren Hotelzimmer in Moskau bereits belegt.

Heißt das also, dass die größten Fangruppen bei der WM aus diesen drei Ländern kommen werden? Nicht zwingend. Gerade in diesen letzten Wochen des Jahres, wo wir den Resturlaub verbraten, ist uns doch allen präsent, wie leicht sich ein reserviertes Zimmer auch wieder stornieren lässt – online oft sogar bis einen Tag vor der Ankunft. Auf solche Stornierungen müssen sich Moskaus Hoteliers sicherlich einstellen. Denn auch, wenn die Fans optimistisch geplant haben – weder die USA noch China haben sich für die Weltmeisterschaft qualifiziert.

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Falls ihr übrigens auch mit der Idee spielt, zur WM im nächsten Jahr nach Russland zu kommen: Es gibt neuen Infos zu den Zügen, in denen Fans kostenlos vom einen Austragungsort zum anderen fahren dürfen. Keine ideale Lösung, wenn man nach Jekaterinburg will, aber für kurze Strecken wie Moskau – St. Petersburg durchaus machbar; erst recht, wenn man mehr Zeit als Geld hat.

Besonders empfehlen kann ich nach meinen Zugerfahrungen hier in Russland die „Lastotschka“, übersetzt „Schwalbe“ – ein Schnellzug, neu, schick und oft sogar mit WLAN. Alles weitere hier – macht’s gut und bis nächste Woche!



 

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Russball, Folge 20: Liebe Kaliningrader, bitte keine Fußballfans hauen!

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Goldene Regel für Russlandkorrespondenten: Egal, wie wenig dein Bericht wirklich mit dem Präsidenten zu tun hat, wie wenig der sich für das Thema interessiert oder darauf Einfluss nimmt: Putin muss in die Überschrift.

Dein Redakteur freut sich, weil er sofort weiß, wie er das Thema bebildert. Dein Leser freut sich, weil er jemanden wiedererkennt. Selbst die Suchmaschine würde sich freuen, wenn sie es könnte. Okay, du strickst mit an einem Putin-Bild, das ihm noch mehr Macht zuschreibt, als er ohnehin schon hat. Aber hey, Regeln sind Regeln. Womit wir beim Thema wären.

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⚽ „Wird Russland bei der Fußball-WM 2018 Putin blamieren?“, fragt also regelkonform Newsweek-Autor Teddy Cutler. Was folgt, ist eine ziemlich lange Passage, die grob sagt: Ist echt nicht schön für einen WM-Gastgeber, wenn die eigene Mannschaft beim Turnier im eigenen Land schwach spielt. Cutler meint, sich unter anderem an ein 7:0 von Deutschland gegen Brasilien bei der letzten WM zu erinnern. Joah. Nö.

Was uns der Artikel trotz seiner Putin-Überschrift eigentlich sagen will, kann man auch einfach hier bei TASS nachlesen: Russland ist im monatlichen FIFA-Ranking weiter abgerutscht, auf Platz 65. Das sagt allerdings nur bedingt etwas über die tatsächliche Stärke der Mannschaft aus: Als Gastgeber muss sich Russland nicht für die WM qualifizieren. Während andere Mannschaften also Punkte aus der Quali sammeln, punktet die russische Nationalelf nur bei gelegentlichen Freundschaftsspielen, die für die FIFA-Statistiker deutlich weniger zählen.

⚽ Apropos: Gerade haben sich Russland und Brasilien auf ein Freundschaftsspiel im kommenden Frühjahr geeinigt. 23. März in Moskau, das steht fest – in welchem Stadion wird noch bekanntgegeben. Jedenfalls hat der Präsident des brasilianischen Fußballverbands versprochen, keine B-Mannschaft zu dem Spiel zu schicken, sondern auch Stars wie Neymar.

⚽ Kleiner Service für die Anhänger von Lokomotive Moskau oder generell alle Fußballfans, die sich einfach besser über den russischen Ligafußball informieren wollen: Der aktuelle Tabellenzweite hat seit der vergangenen Woche nun auch einen englischen Twitter-Auftritt. Wer ihm jetzt folgt, kann also später behaupten, von Anfang an dabei gewesen zu sein. Der erste Tweet zeugt schon mal von Humor:

⚽  Rassismus und Hooligans – zwei Themen, um die es hier bei Russball schon oft ging und – traurig, aber garantiert – auch noch öfter gehen wird. Heute diesmal nur ganz kurz und in Zahlen: Rassistische Idioten unter den Fans von Spartak Moskau haben ihrem Verein eine Strafe eingebrockt. Beim nächsten Spiel im Rahmen eines UEFA-Wettbewerbs muss ein Block von mindestens 500 Sitzplätzen frei bleiben. Stattdessen soll dort ein Banner für Toleranz und Gleichberechtigung wehen.

Die zweite Zahl betrifft die bei der Fußball-Weltmeisterschaft gesperrten russischen Hooligans. Stand 9. Oktober stehen auf der offiziellen Liste des russischen Innenministeriums 374 Menschen, die keine WM-Veranstaltungen besuchen dürfen. Manche sind sogar bis zum Jahr 2020 gesperrt. Auch der Name Alexeij Jerunow, einer der brutalsten russischen Hooligans, soll sich auf der Liste finden.

⚽ Kaliningrad wird der westlichste WM-Austragungsort sein, und Bürgermeister Alexander Jaroschuk ist schon voll im Thema. In einem Radiointerview hat er nicht nur eine Vision von Staus und Überfüllung an die Wand gemalt („der Verkehr wird sehr stark eingeschränkt sein, nahezu verboten, bis auf Shuttlebusse für Fans“), sondern auch direkt noch die Kaliningrader zum Wohlverhalten aufgerufen.

Wer Englisch spricht, sagte Jaroschuk, soll sich nützlich machen und Touristen helfen oder zumindest ein bisschen Smalltalk mit ihnen machen. Vor allem aber, ganz wichtig: Bitte keine angereisten Fußballfans verhauen! Ach so, und wer sich fragt, wie eine Stadt von rund 400.000 Einwohnern mit erwarteten 70.000 bis 100.000 Besuchern umgeht – auch da hat der Bürgermeister einen Plan: Die Kaliningrader, schlägt er vor, sollten am besten die Stadt verlassen und sich irgendwo auf dem Lande ein bisschen entspannen.

Kaliningrads Bürgermeister Alexander Jaroschuk
Kaliningrads Bürgermeister Alexander Jaroschuk
(Foto: Westpress Kaliningrad/ A. Podgorchuk, Klops.ru/ CC-BY-SA 4.0)

⚽  Selbst die Militär- und Geheimdienstexperten vom Fachdienst Jane’s widmen sich der Fußball-Weltmeisterschaft. Den Fußballfans, die zur WM nach Russland reisen, sagen sie „ein erhöhtes Risiko von Verletzungen und Schäden an ihren Besitztümern“ voraus.

Weitere Kernaussagen: Cyberattacken seien wahrscheinlich, bei Taschendiebstahl oder Raub müsse man sich darauf gefasst machen, dass die russische Polizei wenig hilfreich sei und dem Vorfall womöglich gar nicht erst nachgehe. Russlandreisende „mit nicht-weißem ethnischem Hintergrund“ müssten außerdem damit rechnen, „zum Angriffsziel von Fußballfans oder von radikalen Gruppen zu werden.“ Weitere Details will das Jane’s-Team veröffentlichen, wenn im Dezember die Spielansetzungen feststehen.

⚽ Wo wir gerade bei Warnungen für WM-Reisende sind: Die ägyptische Website „Youm7“ greift einmal ganz tief in die Stereotypenkiste und warnt die Fußballfans unter ihren Lesern davor, sich eine Russin anlachen zu wollen. Geldgierig seien die, entweder sehr dünn oder sehr dick, selten irgendetwas dazwischen. AP hat mit der Autorin des Artikels gesprochen – sie legt Wert auf die Feststellung, das seien keine Vorurteile, sondern ihre persönlichen Erfahrungen.

Einen Grund gibt es übrigens tatsächlich, weshalb die WM-Reisevorbereitungen für Ägypter deutlich aufwendiger sind als für andere Landsleute: Seit Ende 2015 ein russisches Passagierflugzeug über dem Sinai abgestürzt ist, hat Russland alle Flugverbindungen zwischen den Ländern gestoppt. Dass sie in den wenigen Monaten bis zur Weltmeisterschaft wieder aufgenommen werden, ist unwahrscheinlich.

⚽ Und noch ein WM-Reisender, aber fangen wir mit einer kleinen Textaufgabe an: Joseph B. ist Präsident eines großen Sportverbandes. Im Rahmen eines Korruptionsskandals sperrt ihn der Verband im Jahr 2015 für acht Jahre von all seinen Sportveranstaltungen. B. geht in Berufung, die Sperre wird auf sechs Jahre reduziert. In welchem Jahr darf Joseph B. wieder zu einer Sportveranstaltung gehen? Rechne vorteilhaft.

Wer als Antwort 2021 ausgerechnet hat, darf sich zwar ein Fleißkärtchen nehmen, wird sich aber im kommenden Jahr wundern. Denn was die Textaufgabe vergaß, zu erwähnen: Joseph B. ist gut befreundet mit Wladimir P., in dessen Land 2018 eine große Sportveranstaltung stattfindet. Dank persönlicher Einladung seines Freundes wird B. nun also doch im Stadion sein. Der Sportfunktionär B. mag gesperrt sein, der Privatmann B. hingegen reist zur Weltmeisterschaft. Und was sagt die FIFA? „So lange er dort keine offizielle Funktion hat, dürfte das in Ordnung gehen.“

⚽  Ziemlich viel Ausblick auf die WM war das jetzt, darum zum Schluss noch ein Blick in die Neue Zürcher Zeitung. Deren Autor denkt einen Schritt weiter und geht der Frage nach, was eigentlich nach dem Turnier aus den prächtigen neuen Stadien wird. In Wolgograd zum Beispiel spielt dort dann der FC Rotor, der sich aktuell so gerade noch in der 1. Division (Russlands zweiter Liga) hält. Eine Arena, von der in Deutschland selbst mancher Erstligist nur träumen kann:

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Zum Schluss noch eine Frage. Fändet ihr es nützlich, wenn ich in Zukunft in jeder Russball-Folge einen Tipp zur WM-Reisevorbereitung einbaue? Was man vorher kaufen, runterladen, lesen, einpacken sollte? So ein bisschen wie diese App-Sammlung hier, aber eben auch Bücher, Kleidung, Sprachkurse und anderes Reisezubehör für Fußballfans? Sagt mir gerne Bescheid, was ihr davon haltet – entweder per Blog-Kommentar oder bei Twitter. Ich bin gespannt!



 

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Was tut die Sowjetfrau, wenn Mode sie überfordert?

Hier sollte eigentlich ein Blogpost stehen über ein Heft mit Schnittmustern, das 1970 in der Sowjetunion veröffentlicht wurde. Gefunden hatte ich das schon vor Monaten, immer mal wieder versucht, darüber zu schreiben, und war immer unzufrieden. Bis mir auffiel: Ich bin hier eigentlich überflüssig.

Die Illustrationen sind so wundervoll typisch für die Siebziger – die Frisuren, die Wimpern, die Brillen, die Stoffe! Und auch den Begleittext, den die schneidernde Sowjetfrau da an die Hand bekommt, kann man in seinem professionellen „Komm, Mädchen, ich erklär dir die Welt“-Ton auch nicht toppen. Also: Hier eine kleine Collage.

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„Immer noch verirren wir uns recht oft in der Vielfalt neuer Modelle in Illustrierten, zeitweise ohne für uns selbst etwas Neues zu finden. Sich einfach für Mode zu interessieren und dabei nichts für sich zu finden ist wirklich zu wenig. Wir möchten, dass die Mode uns dient, und wir können es erreichen. Aber wie?“

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„In diesem Heft bieten für uns die Künstler nicht nur einzelne, selbständige Modelle an, sondern zeigen uns, wie man mit Hilfe von Einzelteilen und Ergänzungen ein ,einsames‘ Kleid, einen Anzug, einen Kleiderrock so umwandeln oder variieren kann, dass man im Laufe der Woche jeden Tag anders aussieht.“

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„Ein Pullover, den man heutzutage mit einem Rock trägt, wirkt sehr originell, wenn Sie dazu ihren Lieblingsschmuck anlegen.“

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„Wenn eine junge Frau 20 Jahre alt und eine Studentin ist, so denkt sie wahrscheinlich daran, wie man aus ein paar Sachen solche Bekleidungsmöglichkeiten erstellt, die ihr Aussehen siebenmal pro Woche verändern könnten.“

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„Dafür muss man nur zwei Kleidungssätze besitzen: erstens – einen schrägkarierten Rock und eine Weste, und zweitens – einen weißen Faltenrock und eine ärmellose Tunika, sowie als Ergänzung dazu einen feinen, z. B. schwarzen, blauen oder braunen Pullover, zwei Blusen, kariert und einfarbig, am besten in Weiß, einen langen Seidenschal, ein gemustertes Tuch (als Halstuch) und einen einfarbigen Wollschal für die Herbsttage.“

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„Es wäre gut, dazu noch zwei Gürtel zu besitzen: einen breiten Ledergürtel und einen aus Metallringen.“

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„Anziehungskraft und Weiblichkeit liegen in Ihren Händen. Der Schlüssel dazu – Vielfältigkeit und Wandelbarkeit der Bekleidung.“

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Fertig – damit stellt sich endlich nie wieder die Frage, welches meiner karierten Kleiderstücke ich morgen anziehen soll! Wer jetzt noch lesen will, was eine geübte Selbstnäherin aus diesen Schnittmustern alles herauslesen kann, findet die Antwort bei Kakakiri im Blog.

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Russball, Folge 17: Wohin mit den Fans, wenn das WM-Stadion zu klein ist?

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Es war so ein guter Plan gewesen: ein Sonntag auf der Datsche, draußen Herbst, drinnen Tee und ein Laptop, um an diesem Blogpost zu schreiben. So hatte ich mir das vorgestellt, bis der Link zum „Virtuellen Museum“ von Zenit St. Petersburg dazwischen kam. Alte Fußballregelbücher, Plakate, Trophäen, Schuhe… eventuell habe ich mich da ein klein wenig festgelesen.

Immerhin, ein bisschen was habt ihr auch davon, denn sonst könnte ich nicht zu dieser Adidas-Sporttasche aus den Siebzigern verlinken. In den Jahrzehnten davor war die Ausrüstung sowjetischer Fußballer immer in der Sowjetunion hergestellt worden, dann folgte, so die Museumsmacher, eine vorsichtige Öffnung: Es gab die ersten importierten Trainingsklamotten aus Finnland. Die Tasche bekam ein Zenit-Spieler schließlich bei einem Freundschaftsspiel in Westdeutschland geschenkt – „einer der ersten Markenartikel, den unsere Mannschaft je erhalten hat.“

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⚽ „Russlands Fußball-Nationalmannschaft bekommt einen weiteren Legionär“, titelt Lenta.ru. Es geht um den Kölner Abwehrspieler Konstantin Rausch, der ja neulich schon mal bei einem Freundschaftsspiel Russland – Dynamo Moskau ran durfte. Nun hat die FIFA also abgenickt, dass Rausch auch bei offiziellen Länderspielen für Russland antreten darf.

Gemeinsam mit Roman Neustädter wird er zum Kader gehören, wenn Russland am Samstag gegen Südkorea und am Dienstag gegen den Iran spielt. Für die Leser, denen Rausch noch kein Begriff ist, reicht Lenta noch eine kurze Info nach: In der aktuellen Saison habe Rausch bisher fünfmal für Köln gespielt und sei dabei „nicht durch erfolgreiche Aktionen aufgefallen.“

⚽  Damit bei der Fußball-Weltmeisterschaft genügend Fans ins Stadion von Jekaterinburg passen, mussten die Architekten improvisieren. Die Lösung, die in diesen Tagen dort entsteht, erinnert an einen Klapptisch: Eine der Tribünen wird derzeit so weit nach oben verlängert, dass die Zuschauer de facto außerhalb des Stadions sitzen und hinein blicken in Richtung Spielfeld.

Man kann das „unglaublich“ finden wie The Sun oder Facepalm-würdig wie manche Sportjournalisten. Oder man nimmt es einfach philosophisch: „Wenn du dich einsam fühlst, dann denk einfach an die Tribüne in Jekaterinburg, die ganz alleine außerhalb des Stadions steht.“

⚽ Kleiner Service für Fans von Borussia Dortmund: Bei ESPN gibt es ein ausführliches Spielerporträt von Alexander Golowin, an dem seit dem Sommer offenbar sowohl der BVB als auch Arsenal interessiert sind. Der Mann ist 21, spielt bei ZSKA Moskau und gilt als einer der besten jungen Spieler, die Russland derzeit zu bieten hat. Drahtig und wendig ist der Mittelfeldspieler, der seit zwei Jahren auch zum Kader der Nationalmannschaft gehört. Für die WM im kommenden Jahr gilt er als gesetzt.

⚽ Allmählich läuft das hier auch an mit dem Weltmeisterschafts-Merchandising: Neulich war ich abends noch im Buchladen Dom Knigi, nach einem Geburtstagsgeschenk für den großen Bruder von Patenkind 3 suchen. Und da, zwischen den ganzen anderen Schulutensilien, lagen diese Hefte mit Zabivaka, dem WM-Maskottchen in allerlei Posen. Für 20 Rubel das Stück (30 Cent), also hab ich mal den ganzen Fünfer-Satz mitgenommen. Vielleicht ja ein Thema für einen eigenen Blogpost, wenn mir in den nächsten Tagen noch mehr Merchandising begegnet.

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⚽ Für einen Euro hat der Russe Alexander Grinberg 2013 den FC Marbella gekauft, der spanische Klub steckte damals tief in den roten Zahlen. Seitdem müssen dort allerdings deutlich höhere Summen geflossen sein, nicht nur in saubere Geschäfte. Denn nun hat die spanische Polizei nicht nur Vereinspräsident Grinberg, sondern gleich ein ganzes Dutzend Menschen aus seinem Umfeld festgenommen. Der Vorwurf: Geldwäsche und Zugehörigkeit zur russischen Mafia.

⚽ Gerade erst haben die Fans von Spartak Moskau ihrem Verein ein Auswärtsspiel vor leerem Gästeblock in Sevilla eingebrockt, da droht dem Verein schon neuer Ärger. Beim Spiel gegen den FC Liverpool in der vergangenen Woche gab es mehrere Vorfälle, die nun von der UEFA untersucht werden, auch Rassismusvorwürfe stehen im Raum. Letzteres gilt übrigens nicht nur für das eigentliche Champions-League-Spiel der beiden Vereine, sondern auch für die Begegnung ihrer Nachwuchsmannschaften in der Uefa Youth League.

⚽ Zugunsten von Menschen mit Kinderlähmung gab es am vergangenen Freitag ein Benefiz-Fußballspiel in der Sapsan-Arena, dem kleinen Stadion, in dem die Jugendmannschaft von Lokomotive Moskau ihre Spiele austrägt. Russlands Sportminister Pawel Kolobkow hat mitgespielt, NOK-Chef Alexander Schukow, diverse Wirtschaftsbosse. Vor allem aber war ein Mann auf dem Platz, an den sich Schalke-Fans noch gut erinnern. Und siehe da: Marcelo Bordon sieht noch haargenau so aus wie damals:

⚽ Nachdem der Ticketverkauf für die Fußball-Weltmeisterschaft im kommenden Sommer angelaufen ist, bekommen allmählich auch die Flughafenbetreiber eine genauere Vorstellung davon, was da so auf sie zukommt. In St. Petersburg zum Beispiel hat die Leitung des Flughafens Pulkowo mal durchgerechnet und erwartet nun für 2018 ein Plus von zehn Prozent bei den Reisenden.

An Domodedowo, Moskaus größtem Flughafen, soll unterdessen die Ladenfläche fast vervierfacht werden, damit Fußballfans möglichst viel Geld in den Geschäften lassen und der Flughafenbetreiber seine Mieteinnahmen steigern kann. Aus Deutschland gibt es Flugverbindungen von Berlin, Düsseldorf, Frankfurt, Leipzig und München nach Domodedowo.

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Als Rausschmeißer noch ein Stück aus dem Guardian, das nur am Rande mit Russland zu tun hat: „Terrace diplomacy: when football fans get political“ gibt einen guten Überblick, welche Fans sich in letzter Zeit mit Bannern politisch positioniert haben. Spartak-Fans hatten zum Beispiel Anfang des Jahres gegen eine Hooligan-Doku der BBC protestiert, andere Banner forderten Beispielsweise die Rückgabe der Elgin Marbles an Griechenland oder kritisierten die UEFA.

Nächste Wochen schauen wir dann mal, wie sich Russland in seinen beiden Länderspielen geschlagen hat. Wem das zu lange dauert: Alle alten Russball-Folgen könnt ihr hier nachlesen.



 

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Russball, Folge 12: Russlands Oligarchen als Fußball-Investoren

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Wir müssen Abbitte tun bei einem Tier. Nein, nicht bei dem Hammel, den die Mannschaft von Amkar Perm gemeinsam geschlachtet hat, um ihre Pechsträhne zu beenden. Dem ist nicht mehr zu helfen. Eine reumütige Entschuldigung gebührt vielmehr dem Kormoran. Letzte Woche waren hier Vorwürfe des Petersburger Vize-Gouverneurs zu lesen, es regne deshalb ins neue Stadion rein, weil ebendieser gemeine Kormoran mit seinem Schnabel Löcher in den Schutzfilm auf dem Dach hacke.

Seitdem haben russische Sportmedien Ornithologen zu Wort kommen lassen, mit zwei Ergebnissen. Erstens: „In Sankt Petersburg gibt es keine Vögel, die in der Lage wären, das Stadiondach zu beschädigen.“ Und zweitens, eh einer fragt: „Vögel bedrohen nicht die Integrität des Daches des Stadions von Nischni Nowgorod.“ Ist das auch geklärt.

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⚽ Wo wir gerade von Vögeln sprechen: Dieser Absatz hier endet mit einem schmutzigen Witz. Wer sich die Reinheit seiner Seele bewahren will, scrollt am besten weiter.

Keiner? War ja klar! Also, seit Spartak Moskau neulich 3:4 gegen Lokomotive Moskau verloren hat, kursieren in den sozialen Netzwerken allerlei Witze auf Spartaks Kosten. „Was haben Spartak und ein Taxi gemeinsam? Bei beiden kriegst du vier rein“, heißt es da zum Beispiel bei Twitter. Bombardir.ru hat eine ganze Kollektion dieser Witze veröffentlicht.

Einer davon fühlt sich von den ganzen Schüssen, die es ins Tor von Spartak schaffen, sogar an eine Art Orgie erinnert: „Wenn Spartak diese Saison keinen Vertrag abgeschlossen hat, dass seine Spiele live bei Pornhub gestreamt werden, dann weiß ich auch nicht, was das hier soll.“ (Pornhub ist in Russland weithin bekannt – dafür hat die Internetaufsichtsbehörde gesorgt, als sie die Seite 2016 öffentlichkeitswirksam sperrte. Inzwischen ist die Seite wieder erreichbar.)

⚽ Keine Scherzfrage, sondern eine ernste: Was verbindet die drei Moskauer Vereine ZSKA, Spartak und Lokomotive? Sie alle beißen sich heute wahrscheinlich vor Wut in den Hintern, wenn man einem Bericht von Sport Express Glauben schenkt. Denn sie alle hatten demnach Anfang der Zweitausender Jahre die Gelegenheit, Henrikh Mkhitaryan zu verpflichten.

Der 18-Jährige war damals ein vielversprechender Spieler des FC Jerewan, doch alle drei Clubs entschieden sich dem Bericht zufolge gegen ihn. Den Rest der Geschichte kennen nicht nur BVB-Fans: 2013 gelang Mkhitaryan der internationale Durchbruch, heute spielt er eben nicht in Russland, sondern bei Manchester United.

⚽ Damit sind wir dann auch direkt beim Thema Champions League, genauer gesagt: bei den nächsten Spielen der Moskauer Teams. Denn die Auslosung sorgt dafür, dass Moskaus Polizisten schon mal das Überstundenformular parat legen: Ende September werden gleichzeitig Fans des FC Liverpool und eben von Manchester United in der Stadt erwartet, für ihre Spiele am 26. bzw. 27. Eine Konstellation, bei der das Sicherheitskonzept garantiert besonders gründlich entwickelt wird.

⚽ Seit ich acht Jahre alt war, singe ich im Chor. Entsprechend viele andere Chöre habe ich seitdem singen gehört, von großartig musikalisch bis spektakulär falsch. Dass aber ein Chorauftritt eine Geldstrafe für einen Fußballverein nach sich ziehen kann, das habe ich diese Woche auch zum ersten Mal gehört. Der Verein ist der FK Torpedo Wladimir, der Chor sind die „Lerchen von Wladimir“, die leider zu Beginn der zweiten Halbzeit noch nicht ausgelercht hatten.

Stattdessen sangen die vier Männer und fünf Frauen munter weiter, während hinter ihnen schon wieder gespielt wurde. Ergebnis: Der Club muss sich auf mindestens 20.000 Rubel (286 Euro) Strafe einstellen, weil er es versäumt hat, während des Spiels für Ruhe zu sorgen. Torpedo-Trainer Alexander Akimow scheint der Vorfall aber ganz gut gepasst zu haben: „Wir setzen eben alle verfügbaren Mittel ein, um den Gegner platt zu machen.“

⚽ Die staatliche Nachrichtenagentur TASS hat ein langes, sehr langes, episch langes Sommerlochfüllinterview mit Russlands Sportminister Pawel Kolobkow geführt. Es geht, grob gesagt, um alles – Synchronschwimmen, die Olympischen Winterspiele, Döneken aus Ministers Schulzeit, Eishockey, Fechten, Doping, Adidas… und zweimal auch um die Fußball-WM.

Zum einen betont Kolobkow, dass er damit rechnet, dass die WM im kommenden Jahr trotz Dopingvorwürfen in Russland stattfindet. Zum anderen deutet er zumindest an, was nach dem Turnier mit den ganzen großen Stadien geschehen soll – wo Russlands Fußballclubs doch eh schon Probleme haben, das Haus vollzukriegen. Wer mehr wissen will oder sich einfach für ein Jugendfoto des Ministers in voller Fechtmontur interessiert: bitte hier entlang.

⚽ Ein bisschen was für den Terminkalender: Am Tag der WM-Auslosung, also am 1. Dezember, soll laut TASS im neuen Stadion von Kaliningrad ein besonderes Fußballspiel stattfinden. Es spielen zwar wie immer elf gegen elf Leute, allerdings dürfte ein bisschen häufiger ausgewechselt werden als sonst, denn das Spiel soll 24 Stunden dauern. Bisher haben sich rund 300 Spielwillige gemeldet.

Schon deutlich früher, nämlich Anfang Oktober, will die WM-Gastgeberstadt Nischni Nowgorod ihr neues Stadion fertig haben. Die Idee fürs Eröffnungsspiel dort ist ziemlich klasse: Eine Mannschaft aus Mitarbeitern der Regionalregierung tritt gegen ein Team aus Bauarbeitern an, die die neue Arena hochgezogen haben. Ich hab so eine Vermutung, wer da körperlich fitter ist. In der Hauptstadt dagegen muss alles ein bisschen seriöser sein. Wenn das Olympiastadion Luschniki mit seiner Rundumerneuerung durch ist, spielt zur Wiedereröffnung Russland gegen Argentinien.

⚽ Ihr erinnert euch an den Kollegen James Ellingworth, der gerade alle WM-Austragungsorte abklappert? Aus Wolgograd, das einst Stalingrad hieß, hat er einen ziemlich beeindruckenden Text geschrieben, den ich nur empfehlen kann. Ein Bericht über ein Stadionbauprojekt, bei dem die Arbeiter mehr als 200 Granaten und die sterblichen Überreste zweier sowjetischer Soldaten gefunden haben.

⚽ Von Chelsea-Besitzer Roman Abramowitsch hat jeder schon mal gehört, vielleicht auch noch von Alischer Usmanow, dem knapp ein Drittel von Arsenal gehört. Aber Margarita Louis-Dreyfus? Dmitri Rybolowlew? Sergei Galizki? Forbes Russia gibt einen Überblick, welche reichen Russen alle so in Fußballvereine investiert haben, sei es im In- oder im Ausland.

Als Nebenfigur darf auch kurz Dietrich Mateschitz von Red Bull auftreten, und zum Schluss wird die Frage geklärt: Lohnt sich das denn überhaupt, Geld in Fußball zu stecken? Wäre Football oder Baseball nicht lukrativer?

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Am Schluss ein Dank an Benedikt für diverse Übersetzungshilfen bei dieser Ausgabe – und ein Hinweis für alle, die diese Russball-Folge am Tag ihrer Veröffentlichung, also am Mittwoch lesen: Heute Abend schließt sich Schlag Mitternacht das Transferfenster für Russlands Fußballvereine.

Was bis dahin noch an ungelegten Eiern zu begackern ist, hat Sport Express hier zusammengefasst, aber ganz ehrlich: Das ist selbst mir zu detailliert. Dann reden wir lieber nächste Woche über die Wechsel, die dann auch tatsächlich zustande gekommen sind. Bis dann!



 

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Russball, Folge 10: Wir haben in Russland die längste Liga der Welt

Katrin soccer 3 signed

Dieser Russball ist ein bisschen anderes als die bisherigen Russbälle. Wenn ihr das hier lest, bin ich schon seit ein paar Tagen irgendwo, wo weder Russland noch Deutschland ist, und gucke aufs Wasser. Keine Umstände, unter denen man dringend am Laptop sitzen und russische Fußballwebsites sichten möchte.

Diese Ausgabe muss daher ohne Aktuelles auskommen. Wer wissen will, was sich in der Premjer-Liga tut – bitte googeln. Wer dagegen Interesse hat an hintergründigen, zeitlos schönen Texten über den Fußball in Russland: Bitte scrollen Sie weiter, hier gibt es etwas zu sehen.

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⚽  Ende Juli ist im Spiel zwischen Krasnodar und Lyngby ein Tor gefallen, an dem entlang man viel erzählen kann über den aktuellen Zustand des russischen Fußballs. Geschossen hat es Magomed-Schapi Sulejmanow, Jahrgang 1999, und damit nun der jüngste Russe, der je in einem UEFA-Turnier getroffen hat. Interessant ist an Sulejmanow aber nicht nur, wie jung er ist, sondern auch, wie er es ins Team des FK Krasnodar geschafft hat.

Der Verein ist noch keine zehn Jahre alt, hat aber bei seiner Gründung auch direkt eine Fußball-Akademie ins Leben gerufen, deren Schüler nach und nach in Krasnodars Team hineinwachsen sollen. Dass Nachwuchsarbeit gerade angesichts der eher mittelprächtigen Kaufkraft der meisten russischen Vereine wichtig ist, spricht sich auch im russischen Fußball allmählich rum. Russian Football News analysiert darum anhand von Sulejmanow und seinen Altersgenossen, wie sich Krasnodars Strategie nach einem knappen Jahrzehnt zu rentieren beginnt: „Die elfjährigen Jungen, die in der Frühzeit der Akademie dort ihre Ausbildung begannen, schaffen gerade den Durchbruch in die erste Mannschaft und zeigen so, dass es doch noch positive Aussichten im russischen Fußball gibt.“

⚽ So still hat man Russlands Spitzenfußballer selten gesehen: Für die Reihe „Lyrik des Fußballs“ tragen Fjodor Smolow, Denis Gluschakow, Alexei Beresuzki und andere Spieler Werke russischer Dichter vor. Das ist ganz leise inszeniert und funktioniert wahrscheinlich auch nur deshalb. Blicke, Gesten, Worte – kein lautes Deklamieren. Stattdessen Iwan Bunin über die Kindheit, Sergei Jessenin über Träume, Anna Achmatowa über die Einsamkeit. Männer, die es gewohnt sind, dass alle auf sie blicken, stehen hier mal aus einem anderen Grund im Mittelpunkt.

⚽ Neulich war hier schon mal die Rede von den „Russischen Pillendrehern“, einem russischen Fanclub von Bayer 04 Leverkusen. Allmählich denke ich, es könnte sich lohnen, mal zu sammeln, welche Bundesligavereine hier noch alle ihre eigenen Fanclubs haben. Auf der Liste stünden dann auch die wackeren Schalke-Fans, die sich eben falls in ihrem eigenen Club zusammengefunden haben. Der heißt, natürlich: Russische Knappen.

⚽ Kennt jemand Igor Belanow? Langjährige junge Fans von Borussia Mönchengladbach vielleicht, dort hat er Ende der Achtziger mal gespielt. Aber sonst? Der Name ist lange nicht so geläufig wie, sagen wir mal, Franz Beckenbauer, Kevin Keegan, Christiano Ronaldo oder Lionel Messi. Trotzdem gehört Belanow mit ihnen in eine Reihe – als Gewinner der Fußballtrophäe Ballon d’Or.

Belanow kam aus der heutigen Ukraine, spielte für die Sowjetunion und hatte bei der Fußball-WM in Mexiko durchaus gezeigt, was er konnte. Wie er es jedoch schaffte, Gary Lineker auszustechen und die begehrte Auszeichnung zu bekommen, ist schon einer der interessanteren Momente der Fußballgeschichte. When Saturday Comes bringt die Sache so auf den Punkt: „Heute ist der Ballon d’Or der sichere Weg zu Weltruhm und zum Lebenswandel eines Popstars. Dass ihn einst ein Mann, der aussieht, also ob er einfach Igor heißen muss, mit einer altbackenen Mannschaft gewinnen konnte, kommt einem heutzutage unglaublich vor.“

⚽ Noch eine kleine Zeitreise: Der Twitter-Account @OldFootball11 ist ein steter Quell der Freude, wenn man sich für Fußball, Siebzigerjahrefrisuren oder stilvolle alte Mannschaftstrikots interessiert. Neulich beim Rumstöbern ist mir dort diese Perle begegnet: Lew Jaschin, legendärer russischer Fußball- und nebenbei auch Eishockeytorwart, als Coverboy einer schon damals nicht ganz unbekannten Publikation: „Kicker – die Sportrevue“.

⚽ Russland ist ja eines dieser verwirrenden Länder, in denen etwas gleichzeitig „erste Division“ heißt und trotzdem die zweite Liga ist. Einfacher ist es vielleicht, wenn man sie im Kopf einfach unter FNL ablegt – im Gegensatz zur RFPL, der Premjer-Liga. Die FNL jedenfalls hat ein massives Problem, das mit der schieren Größe Russlands zu tun hat: Vom westlichsten Ligaverein, Baltika Kaliningrad, bis zum östlichsten, Lutsch-Energija Wladiwostok, sind es mal eben 7000 Kilometer Luftlinie.

Reisen dauert, und reisen ist teuer. Es ist also ein Zeit-, vor allem aber ein Geldproblem, das Russlands Zweitligavereine haben. Wladiwostok ist ja auch nicht der einzige fernöstliche Verein, auch zum Auswärtsspiel beim SKA-Energija Chabarowsk ist man viele Stunden unterwegs, nur um dann 90 Minuten auf dem Platz zu verbringen. Manche Teams, die eigentlich in der FNL spielen dürften, haben darum bereits dankend abgelehnt. Mehr zur größten bzw. längsten Fußball-Liga der Welt gibt es bei Russian Football News: „Die Probleme mit der transsibirischen Fußballiga“. Und auch die Premjer-Liga bleibt von solchen Reiseproblemen nicht verschont.

⚽ Zum Schluss noch ein kleiner Servicelink, gefunden beim Sonntagsblatt. Den Kollegen dort ist aufgefallen, dass im kommenden Sommer Fußball-Weltmeisterschaft und Hochzeitssaison kollidieren. Wer zum Beispiel am 7. 7. heiraten will, riskiert, dass abends bei der Feier die Gäste lieber das Viertelfinale gucken wollen. Guten Rat, wie man Feiern und Fußballgucken verbindet, geben eine Hochzeitsplanerin und – Jobs, von denen ich auch vorher noch nie gehört hatte – der Sportpfarrer der bayerischen Landeskirche.

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Das war’s dann auch schon mit der ausnahmsweise etwas hintergründigeren Russball-Folge. Mich würde ja interessieren, wie ihr diese ungewohnte Variante fandet – interessant oder eher nicht so? Eine gute Idee für Urlaubszeiten, oder nächstes Mal besser komplett pausieren? Sagt mir doch mal Bescheid, in den Kommentaren oder bei Twitter. Ich freu mich drüber – also, wenn ich zurück in Moskau bin. Bis dann!



 

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Russball, Folge 5: Frauenfußball, Stalingrad und Alkohol

Draußen Regen, drinnen Kerzenschein. So schön, dieser Moskauer Herbst, da kann man sich wenigstens aufs Bloggen konzentrieren und wird nicht durch Draußensitzen, Freilufttrinken oder gar Grillen abgelenkt. Okay, er hätte jetzt nicht schon im Juli anfangen müssen, aber was soll’s.

12 Grad und Regen, das hat ja auch seine schönen Seiten: Wenn hier demnächst die neue Saison in der Ersten Liga anfängt, können sie einfach von Anfang an den roten Fußball nehmen. Kann ja nicht mehr lange dauern bis zum ersten Schnee.

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⚽ Eine Erfolgsmeldung zum Start. Die immer wieder vorgebrachte These, dass sportliche und andere Großereignisse in autoritär regierten Ländern dazu beitragen können, diese weltoffener, freier, liberaler zu machen, ist endlich belegt. Seit wenigen Tagen gilt in Russland tatsächlich eine neue Regelung, die einen entscheidenden Lebensbereich liberalisiert: den Konsum

Wer alkoholische Getränke kaufen wollte,  musste dazu bisher an der Kasse auf Nachfrage den Pass zeigen. Künftig geht das auch mit Führerschein oder Fan-ID, schließlich sollen auch Touristen an Bier oder Wodka kommen, wenn sie gerade den Pass nicht dabei haben. Geschichte wird gemacht. Es geht voran. 

⚽ Schon der zweite deutsche Neuzugang bei Lokomotive Moskau innerhalb weniger Monate. Warum das keiner mitbekommen hat? Weil es nicht um Spieler geht. Ende Januar hat sich der Verein Erik Stoffelshaus als neuen Sportdirektor geholt, der vorher erst ein gutes Jahrzehnt bei Schalke und dann einige Jahre in Kanada war (und in seiner Twitter-Biografie stilecht „Entscheidend is auf’m Platz!“ zitiert).

Jetzt stößt Willi Kronhardt, ehemaliger Profifußballer und Trainer, als internationaler Scout hinzu. Der Mann ist das, wozu wir oft etwas ungenau „Russlanddeutscher“ sagen, was in seinem Fall heißt: Er verbrachte die ersten Jahre seiner Kindheit in Kasachstan. Und so, wie ich ihn hier gerade als Deutschen reklamiert habe, titelt die Website „Tengrinews.kz“ ihrerseits dann auch ganz stolz: „Gebürtiger Kasache bekommt einen Posten bei Lokomotive Moskau.“

⚽ An Polina Gagarina erinnert sich vielleicht die eine oder der andere noch, sie hätte mit „A Million Voices“ 2015 beinahe den Eurovision Song Contest gewonnen. Nun reicht sie, mit ordentlich Vorlauf, schon mal ihre Bewerbung für den Fußball-WM-Hit 2018 ein: „Команда 2018“, also „Mannschaft 2018“, wobei es laut Gagarina und ihren Mitmusikern DJ Smash und Egor Kreed nicht nur um Fußball gehen soll: „Ein Team, das sind nicht nur 11 Leute auf dem Platz. Ein Team, das sind wir mit dir zusammen.“ Kuckstu hier:

⚽ Beim Confed Cup war ja erst kurz vor Beginn klar, welcher russische Fernsehsender zu welchen Konditionen die Spiele zeigen würde. Insofern ist es nicht allzu beunruhigend, wenn man liest, dass es für die russischen Übertragungsrechte der Fußball-WM noch keine Einigung gibt. Sind ja noch elf Monate bis zum Eröffnungsspiel. Okay, AP merkt zu Recht an, dass die FIFA sowas sonst Jahre im Voraus aushandelt. Aber eben nicht in Russland.

In den USA hält FOX die Übertragungsrechte und wird darum jetzt fleißig von allerlei Social-Media-Plattformen umworben. Facebook, Snapchat und Twitter wissen schließlich alle, wie sehr Sport ihre Nutzer begeistert und bindet – und sollen daher Angebote in zweistelliger Millionenhöhe gemacht haben, um online Videos von Höhepunkten der Spiele zeigen zu dürfen. 

⚽ Was auch noch unklar ist: Wo die Fans alle wohnen sollen, die da kommenden Sommer zur WM anreisen. Rosturism, die russische Tourismusbehörde, kommt in einer Bestandsaufnahme zu dem Schluss, dass es nicht genügend Hotels gibt. Von den elf Spielorten gebe es lediglich in Moskau, Sankt Petersburg, der Republik Tatarstan (also rund um Kasan), der Region Krasnodar (Sotschi) und der Oblast Swerdlowsk (Jekaterinburg) ausreichend Hotelzimmer. 

Im Umkehrschluss heißt das: Wer ein Spiel in Kaliningrad, Nischni Nowgorod, Rostow am Don, Samara, Saransk oder Wolgograd sehen will, sollte die Daumen drücken, dass sich da bis zur WM noch was tut – oder damit planen, auf Hostels oder Privatunterkünfte auszuweichen.

⚽ „Der Fußball und die Deutschen“ überschreibt Trud.ru eine lange Analyse, die auch „Warum klappt das da in Deutschland mit dem fußballerischen Erfolg und bei uns in Russland nicht?“ heißen könnte. Als Hauptunterschied sieht Autor Sergeij Stetschkin die erfolgreiche deutsche Nachwuchsarbeit. „Bei der WM 1998 wurde Deutschland von Kroatien 3:0 geschlagen, bei der EM 2000 kam es nicht über die Gruppenphase hinaus.“ Schwerfällig und alt sei die Mannschaft gewesen, im Schnitt 31 Jahre. „Daraufhin krempelte der DFB die Ärmel hoch und stieß Reformen an.“ Das Ergebnis: jüngere Nationalspieler und eine erfolgreichere Nationalelf.

2012, so Stetschkin, hätten Deutschland und Russland sogar ein Memorandum zur Zusammenarbeit unterzeichnet, doch daraus sei nichts geworden, „und das kann man nicht den Deutschen vorwerfen.“ Was die Übertragbarkeit deutscher Nachwuchsförderung auf Russland angeht, ist er ohnehin Pessimist: Russland habe zwar in jüngster Zeit selbst einige Fußballschulen eröffnet. Doch die funktionierten nicht, weil „Lobbyarbeit, Vetternwirtschaft und Korruption auf allen Stufen der Bildungspyramide blühend gedeihen.“

⚽ Die britische Regierung ist früh dran und hat ihren Reiseratgeber für Fußballfans, die kommendes Jahr zur Weltmeisterschaft nach Russland reisen wollen, schon fertig. „Be on the Ball“ handelt umfassend und sorgfältig die wichtigen Baustellen ab: Sicherheit, Krankenversicherung, Visum. Die russische Eigenart, dass man sich bei der örtlichen Polizei registrieren muss. Dass Tickets nicht reichen, um ins Stadion zu kommen, sondern auch eine Fan-ID nötig ist. Alles knapp und nützlich, auch für Nicht-Briten. 

Lustig auch, welche Bedürfnisse die Autoren den reisenden Fußballfans unterstellen: Der ultrakurze Sprachführer am Ende des Ratgebers besteht aus gerade mal 18 Einträgen. Eins, zwei, drei, bitte, danke, guten Tag, auf Wiedersehen. Ich spreche kein Russisch, sprechen Sie Englisch? Und dann die Frage ganz zum Schluss, nicht etwa nach Essen, Bier oder Arzt, sondern, wie dieser Screenshot zeigt, nach der absoluten Grundversorgung: „Wie heißt Ihr WLAN-Passwort?“

 

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⚽ Vor der Fußball-Weltmeisterschaft wird der WM-Pokal schon mal auf Tour durch Russland geschickt und tingelt in zwei Etappen allerlei große Städte ab. Man kann sich dazu die extrem begeisterte Pressemitteilung durchlesen, die die FIFA dazu rausgehauen hat. Oder man liest bei The18.com eine gar nicht mal so unlustige Mischung aus Fakten und Sarkasmus zum selben Thema: „24 – Zahl der Städte, die der Pokal besuchen wird. 108 – Zahl der Pinkelpausen unterwegs.“

⚽ „Profitiert der Frauenfußball in Russland von der WM?„, fragt der Deutschlandfunk, auch wenn es im Beitrag dann nur am Rande darum geht. Wer sich aber für russische Frauen als Sportfunktionärinnen, als Führungskräfte oder einfach für Mann-Frau-Rollenbilder in Russland interessiert, kann hier den Bericht nachlesen. 

⚽ Die Entscheidung über den russischen Pokalsieger wird aller Wahrscheinlichkeit nach kommenden Mai in Wolgograd fallen. Sergej Prjadkin, immerhin Chef der russischen Fußball-Liga, lässt sich so zitieren: „Zu 99 Prozent findet das Spiel in Wolgograd statt – der Vorstand muss es nur noch genehmigen.“ Hundertprozentig fest ist das Datum der Begegnung: der 9. Mai, an dem Russland den Sieg über den Nationalsozialismus feiert.

Termin und Austragungsort passen gleich doppelt zusammen: In der Stadt, die vielen Deutschen als Stalingrad geläufiger ist, finden sich noch heute Spuren des Zweiten Weltkriegs; 2018 jährt sich der sowjetische Sieg in der Schlacht von Stalingrad zum 75. Mal. Wolgograds WM-Stadion wiederum entsteht in Sichtweite der monumentalen „Mutter Heimat“-Statue, die mit erhobenem Schwert ihre Landsleute aufruft, in den Kampf zu ziehen. Wer derzeit die Anhöhe zur „Rodina-mat“ hochsteigt, blickt genau auf die Stadionbaustelle.

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Nochmal kurz zum Deutschlandfunk: In dessen Sendung „Sport am Samstag“ habe ich ein bisschen was erzählt dazu, wo es bei der Abstimmung zwischen FIFA und russischen Organisatoren noch hakt (die Phantomtickets, ihr erinnert euch), wie sehr der russische Staat im Blick hat, wann man sich als Fan hier wo aufhält, und wie sich das anfühlt. Mehr dazu hier, der Button zum Nachhören versteckt sich in der unteren rechten Ecke des Aufmacherfotos.



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Ein Russe mit Triple-A-Rating

Gegenüber der Leninbibliothek gibt es eine kleine Straße, in der man nur selten Touristen trifft. Wer eine Moskauer Sehenswürdigkeitenliste abarbeitet, läuft ein paar Meter weiter östlich parallel die Mochowaja-Straße entlang, mit Blick auf den Kreml und die Manege. Der Romanow-Pereulok dagegen zeichnet sich dagegen bestenfalls dadurch aus, dass er an der Rückseite der Journalistischen Fakultät entlangführt, an einer Raiffeisenbank – und an dem Haus mit dem roten Sockel und den vielen Gedenktafeln.

Viele mittelgroße Sowjetgrößen haben hier gelebt, zentral und durchaus prestigeträchtig: Marschall Iwan Stepanowitsch Konew, dessen Einheiten Auschwitz und später auch Prag befreiten. Wladimir Pawlowitsch Barmin, der am Weltraumbahnhof in Baikonur mitgebaut hat. Alexei Alexandrowitsch Kusnezow, kommunistischer Parteifunktionär, der mal als Stalins Nachfolger gehandelt und dann auf Stalins Geheiß hingerichtet wurde. Sabit Atajewitsch Orudschew, sowjetischer Öl- und Gasminister.

Für jeden von ihnen wurde hier eine Gedenktafel angebracht – meist mit Porträt, dazu eine kleine Biografie, die Schrift in Grabsteinoptik. Aber keine der Tafeln hat es mir so angetan wie das schlichte, schwarze Rechteck mit den grauen Buchstaben. Kein Porträt, nur Text, alles ganz dezent. Aufgehängt zur Erinnerung an Andrej Andrejewitsch Andrejew. Als ich eben meine Fotos aus dem Romanow-Pereulok auf dem Handy gesichtet habe, stellte sich raus: Dieses Motiv habe ich schon mehrfach fotografiert.

Andrej Andrejewitsch Andrejew

Auch Andrejew fällt in die Kategorie „mittelwichtig“, oder besser noch, wie Kusnezow: „war mal ziemlich wichtig und verlor dann an Macht“. Auf diesem Foto aus dem Jahr 1935 ist er der Mann im schwarzen Anzug, der vor Stalin steht und aussieht wie die Monty-Python-Version eines französischen Malers. Im Politbüro war er vor allem für Landwirtschaft zuständig, Wikipedia hält über Andrejew noch den schlicht-schönen Satz bereit: „Nach ihm wurden Lokomotiven benannt.“

Man merkt, es sind nicht Andrejews Taten, die ihn zu meinem Favoriten in Sachen Gedenktafeln machen. Dass seine mir die Liebste ist, liegt weder an Landwirtschaft noch an Lokomotiven, sondern bloß am Klang. Ich weiß noch, wie ich ihn mir im Kopf vorgesprochen habe, als das Kyrillischlesen noch schleppte. Wie ich mich gefreut habe über Andrej (!) Andrejewitsch (!) Andrejew (!), diesen Dreiklang aus Vorname, Vatersname und Nachname!

Putin mag Wladimir Wladimirowitsch heißen, an Andrejew kommt er erst dann heran, wenn er seinen Nachnamen auf Wladimirow ändert. Andersrum ist meine stille Hoffnung, dass der Fußballspieler Wladimir Wladimirowieser bulgarische Fußballspieler oder Professor Wladimir Wladimirow vielleicht einen Vater namens Wladimir hatte und sein „Wladimirowitsch“ nur vergessen hat, zu erwähnen.

Vor allem aber wünschte ich, es gäbe einen Begriff dafür, wenn ein Russe seine drei Namensbestandteile so schön synchronisiert. Хет-трик (Hattrick) könnte man sagen, klar, aber das ist so allgemein. „Doppelt gemoppelt“ ist zu wenig.

Schön wäre irgendwas zwischen „Namens-Fullhouse“ und „The Real McCoy“, zwischen „Ein-Mann-Triumvirat“ und „Hendiatryoin“, um ihnen allen gerecht zu werden: Nicht nur meinem Moskauer Andrej Andrejewitsch Andrejew, sondern auch Iwan Iwanowitsch Iwanow, Nikolai Nikolaiewitsch Nikolajew und den anderen, so es sie denn gibt. Am besten noch mit einem Ritual dazu: Wem ein solcher Name begegnet, der muss irgendetwas Albernes rufen, sich dreimal um sich selbst drehen und hat dann einen Wunsch frei. Das gilt dann, bitte, ab sofort. Ich stelle mich in den Romanow-Pereulok und überprüfe das.

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Das Tass-Archiv auf Instagram


Das sollte einer dieser Arbeitstage werden, wo man so richtig was wegschafft. Ein fleißiger Dienstag, an dem erst mal ordentlich Facebook-Kommentare moderiert werden, dann „On this day“-Kalenderblätter recherchiert und geschrieben, auf Vorrat, mindestens bis Monatsende.

Danach Mails, anschließend mal gucken, welche Kollegen-Accounts bei Twitter zum Verifizieren eingereicht werden sollen. Bisschen Planung für morgen, denn Mittwoch ist Produktionstag bei der Moscow Times, da gibt es immer so ein paar Grafiken, die auch bei Social Media ganz gut…

Nun ja.

Kurz nach den Facebook-Kommentaren und noch vor den Kalenderblättern ist was dazwischen gekommen. Ein Tweet nämlich, in dem ein Moskauer Kollege auf ein TASS-Archivbild hinwies. Mit Hashtag. Dem man ja mal folgen könnte, erst bei Twitter, dann weiter drüben bei Instagram.

Eine Stunde später ist dieser Blogpost fertig – weil solche Bilder bestimmt auch für andere faszinierend sind. Die TASS ist im Staatsbesitz, die Inszenierung von sowjetischer und russischer Wirklichkeit auf ihren Fotos fällt also manchmal eher idyllisch als kritisch aus. Mit diesem Wissen im Hinterkopf ist der Hashtag архив_тасс aber durchaus interessant:

Einer der Moskauer Zuckerbäckerbauten in den Fünfzigern, effektvoll beleuchtet.


Studenten der Lomonossow-Universität als begeistertes Publikum einer Rede von Fidel Castro.


Ein Ausflug ins Neuland der Telekommunikation. Aufgenommen wurde das Bild in einer Fabrik in Riga, und natürlich passt das Haarband perfekt zur präsentierten Produktreihe.


Bären und Schnee – zwei Russlandklischees auf einmal abgehakt!


Mode im Herbst 1975 (Die Haare! Der Eyeliner!). Und täusche ich mich, oder wurde mehr Herbstlaub fotografiert, als das mit den Farbfotos noch neu und aufregend war?

#архив_ТАСС Осень в парке, 1975 год Фото: © Фотохроника ТАСС

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Ein Mann bringt 1979 in einem Überschwemmungsgebiet in Baschkortostan gerettete Hasen in Sicherheit. In Uniform. Natürlich.


Vereiste Wimpern, gefrorene Atemluft am Schal: Eine Vorstellung davon, wie kalt es in der Region Krasnojarsk wird, gibt dieses Bild aus dem Jahr 1988.


In den russischen Krisenzeiten Anfang der Neunziger versucht ein Junge, als Autowäscher am Straßenrand Geld zu verdienen.

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