60 Minuten Russischunterricht

kscheib Russischunterricht

Dass der Besuch noch schläft. Ob die Milch für den Tee noch gut ist. Dass sie gestern einen extrem vollen Tag hatte. Dass sie mit einem Schüler einen langen Text über Nawalny gelesen hat. Ob die Strategie von Nawalnys Wahlkampf ist, maximal zu provozieren, so lange er das noch kann – bis seine Kandidatur untersagt oder anderweitig verhindert wird. Wann die „Nach-Nawalny-Ära“ beginnt, und dass das ja zumindest heißt, dass es davor eine „Nawalny-Ära“ gegeben hat. Wo Markus gerade ist. Der Stadionbau in St. Petersburg. Die FIFA. Korruption.

Dass das gestern wieder vier Stunden gedauert hat, als Putin im Fernsehen Fragen von Bürgern beantwortet hat. Um welche Antworten er sich gedrückt hat. Was er zum Druck auf Kulturschaffende gesagt hat. Zu welchem Zinssatz Kleinunternehmer einen Kredit aufnehmen können und was da noch an Zusatzgebühren draufkommt. Der Unterschied zwischen einer physischen Person und einer juristischen Person.

Dass es in der EU bald kein Roaming mehr gibt. Dass eine Journalistin im Fernsehen die russischen Telefonanbieter gefragt hat, warum Russen im Ausland weiterhin Roaminggebühren zahlen müssen. Dass die Antwort war: Schaut mal, die EU ist so klein – und ihr müsst im ganzen, großen Russland keine Roaminggebühren zahlen, freut euch doch.

Das Konzert gestern Abend im Tschaikowskisaal. Zu welchem Abonnement es gehört, warum der Dirigent ihr liebster ist (musikalisch brilliant, aber auch ein guter Erklärer, der in der ersten Hälfte Mahlers Siebte dem Publikum erläutert und erst in der zweiten Hälfte dann auch aufgeführt hat). Dass ihm wichtig ist, nicht nur die Klassikkenner zu begeistern, sondern auch die, die zum ersten Mal ins Konzert gehen. Dass der Saal ausverkauft war. Was Mahler als Dirigent für Werke geleitet hat. Die Meistersinger von Nürnberg.

Unser Chorkonzert gestern Abend im Konservatorium. Dass der Saal eher so halb voll war. Dass das nichts macht, weil ja im Tschaikowskisaal besagter Superdirigent auf der Bühne stand und bestimmt das Publikum abgezogen hat. Dass man als Alt wenig sieht, wenn auf der Bühne zwei Konzertflügel aufgebaut sind und dahinter steht der Dirigent. Dass wir Chorsänger in der ersten Hälfte hinten im Saal sitzen durften zum Zuhören. Dass beide Pianistinnen großartig waren, aber der Umblätterer der einen sich so vertan hat, dass sie verärgert war und selber geblättert hat. Dass in der Pause die beiden Pianistinnen die Plätze getauscht haben. Dass es viel Applaus gab, viele Blumen und sogar eine Artischockenblüte für unseren Dirigenten. Dass er sie gehalten hat, als wäre es ein Knüppel.

Dass das mit den Blumen eine schöne Tradition ist. Dass es auch immer wieder Leute gibt, die zusätzlich kleine Geschenke hochreichen. Dass das gerade rund um Weihnachten und das Jahresende oft passiert. Dass es lustig ist, wenn da oben ein Dirigent steht, im Smoking, hochprofessionell, und unten eine Babuschka, die ihm einen Beutel mit selbstgebackenen Piroggen hochreicht.

Dass noch vor einigen Jahren das Moskauer Konzertpublikum meist aus alten Frauen und Musikstudenten bestand. Dass dann der Moskauer Bürgermeister irgendwann beschlossen hat, dass sich Straßenmusiker um die richtig guten Plätze bewerben müssen. Dass deshalb jetzt an einigen Stellen echte Profimusiker sitzen, und so alle Leute ein Verständnis dafür bekommen, was gute Musik ist. An welcher Metrohaltestelle man kaum umsteigen kann, weil im Durchgang zwischen den beiden Stationen immer zwei Musiker spielen, Cello und Geige, bei denen die Passanten stehenbleiben und applaudieren, und keiner kommt mehr vorbei. Wo in der Metro man eher Klassik hört und wo eher Rock. Dass Musik selbst in der Rushhour dafür sorgt, dass man mal kurz durchatmet.

Wie man „Korruption“, „Schmiergeld“, „verärgert“, „die Plätze tauschen“ und „durchatmen“ auf Russisch sagt und schreibt.

Die Hausaufgaben. Bewegungsverben mit allerlei Vorsilben, vor allem hin- und weg-. „Nach den Prüfungen sind die Studenten in ihre Heimatländer weggefahren.“ Dass родина (rodina) zwar „Heimat“ heißt im Sinne von Heimatland, man aber auch малая родина (malaja rodina) sagen kann, „kleine Heimat“, was dann den Geburtsort oder die Region bezeichnet, aus der man kommt: „meine kleine Heimat“.

Verschiedene Aspekte von Fortbewegungsverben. Bewegt sich jemand einmal oder mehrfach? Regelmäßig oder ausnahmsweise? Und der Ort, wo er sich hinbewegt hat – ist er da noch oder schon wieder weg? Wie sich die Deklination von „fahren“ leider komplett ändert, sobald es eine Vorsilbe bekommt. Hinfahren. Wegfahren. Losfahren. Abfahren.

Welche Fußballvokabeln wir letztes Mal besprochen haben. Ein Tor schießen. Ein Tor reinbekommen. Gegner. Regelverstoß. Platzverweis. Dann Neues: Wie groß ein Fußballplatz ist, und seit wann das so festgelegt ist. Dass zum Beginn jeder Halbzeit und nach jedem Tor der Ball auf den Mittelpunkt kommt. Dass es für die verschiedenen zeitlichen Abschnitte von sportlichen Wettkämpfen (Halbzeit, Runde, Satz) verschiedene russische Wörter gibt, aber alle aus dem Englischen kommen. Welchen Durchmesser der Anstoßkreis hat. Die unterschiedlichen Wörter für „Kreis“ = die Linie außen herum und „Kreis“ = die Fläche innerhalb dieser Linie. Wie hoch und wie breit ein Fußballtor ist.

Wie das Wetter am Wochenende wird. Ihre Wochenendpläne. Unsere Wochenendpläne. Ob Putin auf Nawalny wohl reagiert, indem er das Internet weiter beschränkt und Blogger verhaften lässt, oder ob er demnächst seinen eigenen Kanal bei Youtube aufmacht. Dass wir uns Montag wiedersehen. Auf Wiedersehen. Vielen Dank.

Manchmal kann ich nicht fassen, worüber wir in 60 Minuten Russischunterricht alles reden.

Beste Russischlehrerin der Welt hab ich schon gesagt?

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Der Unterschied zwischen einer Großstadt und einer Riesengroßstadt

Metroplan Moskau und Kiew
Die Metronetze von Moskau (links) und Kiew.

Nichts gegen Moskau. Auf Moskau lass ich nichts kommen. Wäre Moskau anders, es wäre nicht Moskau.

Aber.

Moskau, Rushour, die Metro ist so voll, dass wir an jeder Haltestelle Menschenmikado spielen. „Iswinitje, Entschuldigung“, sage ich zu der Frau, mit der es mich diesmal zusammengeworfen hat, während wir sortieren, welcher Arm wem gehört. Sie guckt mich nicht mal an. Stille, und dieser leere Blick, der signalisiert: Wer ist diese gefährlich Derangierte, die hier einfach Blickkontakt aufnimmt, und was ist das für ein seltsamer Laut, den sie von sich gibt?

Nächster Halt, nächstes Bremsmanöver. Ein Mann steht auf meinem Fuß. Ich murmele automatisch eine Entschuldigung. Er schweigt, geht aber nach einigen schmerzhaften Momenten wieder runter vom Fuß, das reicht ja wohl. Kein Wort, nichts.

„Merkst du eigentlich nicht, dass du die einzige bist, die sich entschuldigt?“, sagt ein deutscher Freund irgendwann. „Lass das doch einfach. Du outest dich bloß als Fremde.“

Kiew, Rushour, die Metro ist voll, aber man hat immerhin noch Platz für sich und seine Ellenbogen. Zwei Jungs, vielleicht 12 oder 13, steigen ein und stellen sich neben mich. Kurz darauf guckt mich einer an und murmelt etwas.

Ich: „Iswinitje?“ – Er: „Murmelmurmel.“ – Ich: „Ich verstehe Sie nicht.“ Ein Mann, der daneben steht, springt ein, auf Englisch: „Er hat „Iswinitje“ gesagt, das heißt „Entschuldigung“. Weil er sie doch eben angerempelt hat.“

Das zählt hier also als Anrempeln. Hatte ich nicht mal bemerkt. An der nächsten Haltestelle muss ich raus, schiebe mich an den beiden vorbei und sage, reflexhaft, natürlich: „Iswinitje.“ „Byebye“, antwortet der eine leise.

(Danke an Gareth Barnaby für das Bild mit den Metroplänen)

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Ein Russe mit Triple-A-Rating

Gegenüber der Leninbibliothek gibt es eine kleine Straße, in der man nur selten Touristen trifft. Wer eine Moskauer Sehenswürdigkeitenliste abarbeitet, läuft ein paar Meter weiter östlich parallel die Mochowaja-Straße entlang, mit Blick auf den Kreml und die Manege. Der Romanow-Pereulok dagegen zeichnet sich dagegen bestenfalls dadurch aus, dass er an der Rückseite der Journalistischen Fakultät entlangführt, an einer Raiffeisenbank – und an dem Haus mit dem roten Sockel und den vielen Gedenktafeln.

Viele mittelgroße Sowjetgrößen haben hier gelebt, zentral und durchaus prestigeträchtig: Marschall Iwan Stepanowitsch Konew, dessen Einheiten Auschwitz und später auch Prag befreiten. Wladimir Pawlowitsch Barmin, der am Weltraumbahnhof in Baikonur mitgebaut hat. Alexei Alexandrowitsch Kusnezow, kommunistischer Parteifunktionär, der mal als Stalins Nachfolger gehandelt und dann auf Stalins Geheiß hingerichtet wurde. Sabit Atajewitsch Orudschew, sowjetischer Öl- und Gasminister.

Für jeden von ihnen wurde hier eine Gedenktafel angebracht – meist mit Porträt, dazu eine kleine Biografie, die Schrift in Grabsteinoptik. Aber keine der Tafeln hat es mir so angetan wie das schlichte, schwarze Rechteck mit den grauen Buchstaben. Kein Porträt, nur Text, alles ganz dezent. Aufgehängt zur Erinnerung an Andrej Andrejewitsch Andrejew. Als ich eben meine Fotos aus dem Romanow-Pereulok auf dem Handy gesichtet habe, stellte sich raus: Dieses Motiv habe ich schon mehrfach fotografiert.

Andrej Andrejewitsch Andrejew

Auch Andrejew fällt in die Kategorie „mittelwichtig“, oder besser noch, wie Kusnezow: „war mal ziemlich wichtig und verlor dann an Macht“. Auf diesem Foto aus dem Jahr 1935 ist er der Mann im schwarzen Anzug, der vor Stalin steht und aussieht wie die Monty-Python-Version eines französischen Malers. Im Politbüro war er vor allem für Landwirtschaft zuständig, Wikipedia hält über Andrejew noch den schlicht-schönen Satz bereit: „Nach ihm wurden Lokomotiven benannt.“

Man merkt, es sind nicht Andrejews Taten, die ihn zu meinem Favoriten in Sachen Gedenktafeln machen. Dass seine mir die Liebste ist, liegt weder an Landwirtschaft noch an Lokomotiven, sondern bloß am Klang. Ich weiß noch, wie ich ihn mir im Kopf vorgesprochen habe, als das Kyrillischlesen noch schleppte. Wie ich mich gefreut habe über Andrej (!) Andrejewitsch (!) Andrejew (!), diesen Dreiklang aus Vorname, Vatersname und Nachname!

Putin mag Wladimir Wladimirowitsch heißen, an Andrejew kommt er erst dann heran, wenn er seinen Nachnamen auf Wladimirow ändert. Andersrum ist meine stille Hoffnung, dass der Fußballspieler Wladimir Wladimirowieser bulgarische Fußballspieler oder Professor Wladimir Wladimirow vielleicht einen Vater namens Wladimir hatte und sein „Wladimirowitsch“ nur vergessen hat, zu erwähnen.

Vor allem aber wünschte ich, es gäbe einen Begriff dafür, wenn ein Russe seine drei Namensbestandteile so schön synchronisiert. Хет-трик (Hattrick) könnte man sagen, klar, aber das ist so allgemein. „Doppelt gemoppelt“ ist zu wenig.

Schön wäre irgendwas zwischen „Namens-Fullhouse“ und „The Real McCoy“, zwischen „Ein-Mann-Triumvirat“ und „Hendiatryoin“, um ihnen allen gerecht zu werden: Nicht nur meinem Moskauer Andrej Andrejewitsch Andrejew, sondern auch Iwan Iwanowitsch Iwanow, Nikolai Nikolaiewitsch Nikolajew und den anderen, so es sie denn gibt. Am besten noch mit einem Ritual dazu: Wem ein solcher Name begegnet, der muss irgendetwas Albernes rufen, sich dreimal um sich selbst drehen und hat dann einen Wunsch frei. Das gilt dann, bitte, ab sofort. Ich stelle mich in den Romanow-Pereulok und überprüfe das.

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1000

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Andere Leute führen Vokabelhefte, ich schreibe auf Kärtchen. Ist auch viel praktischer, weil man die in der Hosentasche dabei haben und dann im Bus üben kann, was ich mit großer Konsequenz unterlasse. Aber das Ritual steht: Neue russische Wörter werden auf ein Kärtchen geschrieben, Bedeutung auf die Rückseite. Und wenn sie am Wochenende im Blickfeld rumliegen, gehe ich die Kärtchen auch tatsächlich mal durch.

Ja, Kärtchen, genau richtig, super Sache, hatte damals 2013 auch die Dozentin beim Russisch-Intensivkurs in Kaliningrad gesagt, gibt es bei uns nur halt leider nicht. Sie meinte in Kaliningrad, aber sicherheitshalber habe ich Moskau dasselbe unterstellt und vor dem Umzug noch in Deutschland einen Tausenderpack gekauft. Und nun, nur drei Jahre später, liegt sie vor mir auf dem Tisch: die letzte von tausend Vokabelkarten, vollgeschrieben.

Nein, das bedeutet nicht, dass ich in drei Jahren exakt tausend Vokabeln gelernt habe. Einerseits spiegelt die 1000 die ganzen Dinge nicht wieder, die man so nebenher, abseits vom Unterricht, aufsaugt. Das Redaktionsvokabular, die Anweisungen aus der Chorprobe, das Supermarktsortiment. Slang von der Tandempartnerin, der ich конечно черешня (alles Klärchen), круто (geil) und сорямба (tschuldigung) verdanke. Andererseits kann ich auch nicht ganz ausschließen, dass auf der einen oder anderen Karte keine Vokabeln notiert wurden, sondern Telefonnummern, Einkaufslisten und Adressen.

Alles egal. Es ist ein stolzer Stapel vollgeschriebenener Karten, und sie durchzugehen macht gleich mehrfach Freude. Zu sehen, wie die Vokabeln, Floskeln, manchmal auch kleinen Sätze komplexer werden. Sich daran erinnern, welche im Lehrbuch vorkamen – und welche Tatjana, die Lehrerin, souffliert hat, wenn wir die Stunde wie immer begannen mit: „Was haben Sie erlebt, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben?“ Приключение, Abenteuer. Воздушный шар, Luftballon. У всех были разные напитки, alle hatten unterschiedliche Getränke.

Ich habe gelernt, dass „Baby“ wörtlich „Brustkind“ heißt (грудной ребёнок) und „fleißig“ wörtlich „arbeitsliebend“ (трудолюбивый). Dass man einen Dummen „Baumstumpf“ nennt (пенёк) und eine Beule „Tannenzapfen“ (шишка). Dass man zu einem Klassenkameraden одноклассник sagen kann – der, mit dem ich in derselben Klasse war – oder однокашник – der, mit dem ich dieselbe Kascha gegessen habe, den russischen Frühstücksbrei. Dass молния sowohl ein Blitz ist als auch ein Reißverschluss, und dass OOO nichts mit Carmina Burana zu tun hat, sondern die russische GmbH ist.

Manchmal ist Russisch pures Französisch, nur mit anderen Buchstaben: жанр (gesprochen „schanre“, mit einem weichen Anlaut wie in „Journalismus“) ist das Genre, натюрморт („natjurmort“) ist ein Stilleben, und wer nachhält, wie lange ein Läufer für seine Strecke braucht, kümmert sich um die хронометраж („kronometrasch“).

Es gibt gefühlt unzählige Vokabeln für „Vorwort“ (geht es um ein Buch, einen wissenschaftlichen Text, ein Theaterstück?) und mindestens genau so viele für „mieten“ (Was mieten wir denn so? Ein Haus, ein Fahrrad oder doch eher einen Seminarraum?). Der Glaube, dass in Russland alles besser ist, einfach weil es russisch ist, heißt квасной патриотизм, Kwaspatriotismus.

Die Russen unterscheiden zwischen Антарктида (Antarktida, die Antarktis als Kontinent) und Антарктика (Antarktika, die Antarktis als Region – bestehend aus dem Kontinent, dem Wasser und den Inseln drumherum). Sie sagen zum Morgenmantel халат und zu Schlampigkeit халатность, also Morgenmanteligkeit. Und wenn ihr Kind ein gutes Zeugnis mit nach Hause bringt, loben die Eltern: я горжусь тобой – ich stolze mich mit dir.

Ich war dann neulich im Dom Knigi, neue Kärtchen kaufen. Gezeigt bekam ich, nach mehreren Erklärversuchen, Foto-von-Karteikarten-zeigen und viel Google Translate: Post-Its. Liniertes Papier. USB-Sticks. Notizblöcke. Winzige Pappkarten an einer Art Schlüsselbund. Auch die Erinnerung an die Vokabelkarte zuhause, auf der обычный stand, half nicht – in Russland sind das eben keine „gewöhnlichen“ Karten.

Im April kommt Besuch. Der bringt die nächsten tausend Kärtchen mit.

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Erotisches Butterbrot

Schon als wir ganz neu hier in Moskau waren faszinierte mich der Hausflur, der zur Übergangswohnung gehörte, genauer gesagt: das Bücherregal. Dass eine fremde Hand Bücher für einen hinlegt, passiert hier gar nicht mal so selten. Diese Schmonzette hier zum Beispiel hielt die Hausmeisterin eines Gebäudes bereit, in dem wir über AirBnB Gäste untergebracht hatten. Oder doch lieber ein Buch über einen Hausgeist, aussortiert von den Nachbarn? Die Geschichte vom Amphibienmann wiederum lag mal bei Rezeptor rum, einer Kette vegetarischer Cafés.

Aktueller Spitzenreiter in der Kategorie „wir haben da mal ein Buch hingelegt“ ist aber das Fundstück von gestern Abend. Irgendwo nahe der Metrostation Kurskaja waren eine Freundin und ich ins erstbeste Café gegangen, das wir in all seinem überbeleuchteten, unterbegrünten Charme dann auch komplett für uns hatten. Auf dem Tisch Apfelstrudel und Tee, auf der Fensterbank dieser Band hier:

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Erotische Küche für jeden Tag“ – was da allein schon das Titelfoto alles verspricht: Herztorte! Bananen! Mit undefinierbarem Gemüse gefüllte Röllchen! Zu einer Torte arrangierte Bratenscheiben mit Kirschtomaten! Alles Klassiker geübter Verführungsköche, klare Sache.

Innendrin leider keine Fotos mehr, nur noch sporadische Zeichnungen. Das Buch mag von 2006 sein, die Gestaltung erinnert eher an die Siebziger. Dafür entschädigt das Inhaltsverzeichnis: Was sich hier an poetischer Strahlkraft Bahn bricht, ist schon bemerkenswert.

Ein armer, einsamer Kochbuch-Redakteur muss Stunden und Stunden damit verbracht haben, sich diese Namen auszudenken. Begonnen hat er dabei ganz handfest mit dem Kapitel „бутерброд“ (buterbrod), also mit belegten Broten. Einer ganzen Seite voll.

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Sandwich „Bouquet der Leidenschaft“, Seite 16. Sandwich „Matrosenliebe“, Seite 17. Sandwich „Feigenbaum“, Seite 19. Zwischendurch schwächelt der Texter kurz und führt ein profanes „Sandwich mit Auberginen“ auf, fängt sich dann aber wieder zugunsten der großen erotischen Küchenlyrik: Sandwich „Halbmond“, Sandwich „Amors Pfeil“, Sandwich „Herzensfreund“.

Langsam kommt uns unser Apfelstrudel arg profan vor. Hätten wir mal jede ein Sandwich „Nach Mitternacht“ von Seite 27 bestellt! Oder doch das Kartoffelgericht „Lambada“ von Seite 149?

Wir blättern dann noch ein wenig in den erotischen Salaten („Schwanentreue“, „Wolke Sieben“, „Des Zaren Freude“), den Suppen („Illusion“, „Versuchung“) und den Omelettes („Tanz in der Nacht“, „Weiße Rosen“, „Herzdame“), da fällt aus dem Buch eine Grußkarte, mit rosa Blumen und zwei funkelnden Eheringen: „Liebe Kinder, ich gratuliere euch zum ersten Hochzeitstag! Möget ihr noch viele solche Jahrestage feiern: zehnte, zwanzigste, sechzigste. Dicke Küsse, Mama.“ Darauf trinken wir. Auch wenn es nur Tee ist und nicht der Cocktail „Romantisches Gefühl“, Seite 173.

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Wochenende in Moskau: Einfach mal machen

Nach einer Woche, die beruflich unnötig ärgerlich war und vor einer Woche, die den ersten Schnee bringen soll, hilft es, wenn das Wochenende es einem mal so richtig zeigt. Was es heißen kann, in dieser Stadt zu leben und Wurzeln geschlagen zu haben. Wie es ist, wenn man Leute gefunden hat, für die „warum nicht“ Grund genug ist, etwas auszuprobieren. Wo man sich plötzlich wiederfindet, wenn man sich Moskau einfach mal ausliefert – und am Montagmorgen immer noch davon zehrt.

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Samstag, früher Nachmittag. Wenn man das Puschkinmuseum, die alte und die neue Tretjakowgalerie, das Garage-Museum für moderne Kunst, das Multimedia Art Museum, das Moscow Museum of Modern Art, das jüdische Museum, das Museum für sowjetische Spielautomaten, das Kosmonautenmuseum, das Darwinmuseum, das Museum des Russischen Impressionismus, das Zentralmuseum des Großen Vaterländischen Krieges, das Zentralmuseum der russischen Streitkräfte, das Oldtimermuseum, das Borodino-Museum, das Museum für Orientalische Kunst, das Zoologische Museum, das Geologische Museum und das Architekturmuseum durch hat – dann, ja dann findet man sich plötzlich im Moskauer Museum für Straßenbeleuchtung wieder.

Also stehen G. und ich nun in einem von vier Kellerräumen und bekommen erzählt, dass damals zur Krönung von Alexander II. in Moskaus Straßen eine Festbeleuchtung aus 27.000 Öllampen in grünen Glaszylindern strahlte. Wie nach Öl und Kerosin erst Gas und dann Elektizität kamen (mit Osram-Glühbirnen aus Deutschland, das Museum zeigt dazu einen Werbespot aus dem Sechzigerjahre-Deutschland, in dem Osram-Glühbirnen Verkehrsunfälle und Raubüberfälle verhinden).

Wir sehen Verdunkelungsschilder aus dem Zweiten Weltkrieg („Licht im Fenster hilft dem Feind“), Stehlampen, Hängelampen und eine der 5000-Watt-Leuchten, die in den roten Sternen auf den Spitzen der Kremltürme stecken. Das Museum ist, soviel merkt man sofort, seinen Machern eine Herzensangelegenheit.

Sie erklären die Pulte, von denen aus einst Stadtteil für Stadtteil Moskaus Lichter angeknipst wurden, und zeigen eine Vitrine mit Birnen, in denen statt Drähten kleine Kunstwerke glühen: Blumen, Tiere, ein Schneemann. „Woher haben Sie denn von unserem Museum erfahren?“, fragt die Kassenfrau leicht perplex uns zwei erkennbare Ausländerinnen. Und überhaupt, wenn uns Straßenbeleuchtung interessiert: Im Sommer bietet das Museum auch Stadtrundgänge zum Thema an.

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Um den Tisch sitzen acht Leute aus fünf Ländern und reden Englisch, jedenfalls meistens. Nicht alle kennen sich, aber alle kämpfen mit derselben Speisekarte auf Koreanisch und Russisch, wechseln durch ihre jeweiligen Sprachen und die dazugehörigen Übersetzungs-Apps: Okay, Reis, Möhren, Zucchini – und was ist da noch drin? Kennst du das Wort? Sag’s noch mal langsam in deiner Sprache, vielleicht erkenn ich’s ja wieder? Wir entschlüsseln Fleisch- und Gemüsesorten, ehe wir irgendwo zwischen „Alge“ und „Farn“ kapitulieren. Passt schon. Mal sehen, was kommt.

Der Ort ist unterirdisch und es ist schwer, darin keine Metapher zu sehen, denn wir sind in Moskaus einzigem nordkoreanischen Restaurant. Es geht das Gerücht, dass es zur Botschaft gehört und dazu dient, mit Einnahmen in ausländischen Währungen das System zu stabilisieren. Ob der Rubel dabei eine große Hilfe ist? Alle Kellnerinnen sehen gleich aus – gleichgroß, gleichjung, gleichschön, gleichlange Haare, gleiche Frisur, gleiche Kleidung, gleiche Plateausohlen. Auf einem Fernseher läuft in Dauerschleife ein Konzert der Band Moranbong, im Publikum synchron applaudierende Militärs.

Dass das Essen auf keinen Fall in der Reihenfolge eintrifft, in der man es bestellt – wer würde es in Russland anders erwarten. So essen sechs von uns also in Etappen ihr scharfes Bibimbab (oder, wie die Speisekarte es erklärt, „Plow nach Pjönjanger Art“), danach kommen die Vorspeisen, darunter eine Art Pfannkuchen aus Maiskörnern, zusammengehalten von irgendwas zwischen Aspik und Fugensilikon. Und zum Schluss die Nudelsuppe für die zwei verbleibenden Hungrigen, am Tisch angerichtet. Die Kellnerin gibt gekochte Nudeln in zwei große Metallschalen, dann Fleisch und Gemüse, dann Wasser aus einem silbernen Teekessel mit schmaler Tülle. Die Kellnerin verschwindet, die beiden Nudelsuppenbesteller fangen an zu essen: Die Suppe ist kalt. Nicht abgekühlt, sondern nie warm gewesen. Gehört wohl so. Kurz darauf trifft eine weitere Vorspeise ein.

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Sonntag Nachmittag und ich weiß nichts, außer dass M. mich heute zum Segeln mitnimmt. Fünf Jahre lang hat er in einem anderen Land „reichen weißen Kindern“ das Segeln beigebracht. Meine Segelerfahrung beschränkt sich auf die kälteste Woche meines Lebens, damals, kurz vor Ostern, auf einem Schiff auf dem Ijsselmeer. Nach Anweisung von M. bin ich heute 1. extrem warm angezogen und 2. pünktlich an unserem Treffpunkt, einer Hofeinfahrt im Moskauer Zentrum, in der ein knatschblauer alter UAZ-Geländewagen steht. „Wir haben beschlossen, dass du vorne sitzt – da gibt es einen Sicherheitsgurt“, sagt der Fahrer und Mitsegler, der mir kurz nach dem Start erklären wird, warum er trotz allem weiterhin Trump wählt.

Das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken bedeutet, dass ich in der nächsten Stunde sehr viel über den UAZ erfahre. Dass man mit dem Hebel da zwischen Zweirad- und Allradantrieb wechseln kann. Dass es viel Kraft kostet, zu schalten und zu lenken. Dass außerhalb der Stadt plötzlich andere Fahrer winken und lichthupen, wenn man in so einem alten Schätzchen unterwegs ist. Dass das Auto zwar viel ächzt und andere Geräusche macht, die aber alle nichts bedeuten. Auf dem Rücksitz spielt K, eine junge Russin und Nummer vier unserer heutigen Segelei, mit ihrem Handy.

Als wir am Ziel nördlich von Moskau ankommen, noch weiter außerhalb der Stadt als Ikea und Obi, muss es flott gehen. Die Sonne steht schon tief, der Wind ist so stark, dass er uns immer wieder zurück Richtung Anlegestelle drückt und uns schließlich ein kleines Motorboot rausschleppt. Skipper M. geht das erkennbar an die Ehre, weshalb wir danach erst mal betont souverän in den Sonnenuntergang schippern. Es ist, das sagen auch die Mitsegler, schon verdammt windig heute – viele Kommandos, schnelles Wechseln von einer Seite des Boots zur anderen und zurück. Ich denke mir: Solange K. noch Handyfotos auf Instagram postet, wird es schon so ernst nicht sein. Und es mangelt ja auch nicht an Motiven: Das Wasser, in dem sich die Sonne spiegelt. Der Himmel, ganz frei vom Moskauer Herbstsmog. Die Birken am Ufer, in Gelb und Orange.

Auf dem Rückweg Richtung Ufer wird es dann noch mal ein wenig unentspannt. K. hat das Handy weggepackt und sieht käsig aus, M. holt sich bei einem Manöver nasse Füße, und wir alle lehnen uns zur selben Seite raus, so weit wir nur können. Dafür ist das Anlegemanöver dann perfekt, Ehre wiederhergestellt. In der Abenddämmerung fährt der UAZ zurück Richtung Zentrum, aus dem Bluetooth-Lautsprecher kommen abwechselnd Abba und amerikanische Powerballaden. Waterloo. Carry on My Wayward Son. Does Your Mother Know. K. sitzt jetzt vorne, M. und ich haben auf der Rückbank russische Militärhelme aufgesetzt. Safety first. Durch die Dachplane zieht Kälte ins Auto, aber immer noch wärmer als auf dem Wasser vorhin. „Nächstes Wochenende gehen wir auf den Schießstand,“ sagt K. „Komm doch mit.“

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Schöner kann man französische Wörter nicht russifizieren

Es gab eine Zeit, da sprach, wer in Russland etwas auf sich hielt, Französisch. Die Hauptstadt war St. Petersburg, Zar Peter der Große ein Anhänger der Aufklärung – und erwartete daher von den russischen Adligen entsprechende Sprachkenntnisse.

Ein Forschungsprojekt der University of Bristol hat die Rolle des Französischen in Russland näher untersucht, von Peters Regierungszeit bis zur Revolution von 1917, und es macht großen Spaß, in den Dokumenten aus dieser Zeit zu stöbern: Briefe innerhalb adeliger Familien, Tagebücher, diplomatische Kontakte, sogar die Regeln einer Freimaurerloge – immer entschieden sich die Verfasser für Französisch.

Heute begegnet einem gesprochenes Französisch hier nur selten. Nur 14 Prozent aller Russen geben an, eine Fremdsprache halbwegs fließend zu beherrschen, und dann sind es eher Englisch, Deutsch, Spanisch oder Ukrainisch.

Was es allerdings gibt und was den Alltag hier ein ganzes Stück interessanter macht, sind französische Wörter und ihre Übertragung ins Russische. Die Klänge des Originalbegriffs, nachempfunden mit dem, was das kyrillische Alphabet halt so her gibt. Der Effekt ist ein bisschen wie das Blättern im Ikeakatalog: Manchmal hilft nur lautes Vorlesen, um zu verstehen, welcher Begriff gemeint ist. Nur, dass es hier eben nicht Godmorgon, Träning und Behändig sind, sondern…

…Letual.

Eine große Kosmetikkette hier, das Logo mit seinen beiden Bögen ist so unverkennbar wie allgegenwärtig. Okay, man hätte beim Russifizieren von „l’étoile“ berücksichtigen können, dass es ein helles E ist, also im Russischen eher ein е als ein э. Aber sonst gar nicht so schlecht.

französische lehnwörter 2

…odekolon,

hier in der Ausprägung „Diplomat“ mit wirklich allerliebstem Flakondesign. Wer möchte nicht riechen wie ein kritisch nach unten blickender Anzugträger vor Wolkenkratzern?

französische lehnwörter 4

…Schedewre.

Gefunden auf der Liste der Abonnements, die der Tschaikowsky-Saal für Konzertbesucher anbietet. „Meisterwerke der Oper“ heißt dieses Abo. Meisterwerk auf Französisch: chef-d’œuvre. Ins Russische übertragen wird aus dem œu ein eher bräsiges E an der Grenze zum Ä, so dass das Ergebnis entfernt nach Kölsch klingt: ScheDÄwre, mit Betonung in der Mitte. Der Jupp wollt mich beim Skat ens betuppe, da han ich dem ävver ens mit dem Schedäwre op der Däts jehaue!

russisch französisch chef d'oeuvre шедевр

…Komilfo.

Diese Pralinen kaufe ich manchmal als Mitbringsel. Sie schmecken nicht nach DDR, sie riechen nicht nach Duschgel, das sind hier im Sortiment schon zwei recht nennenswerte Erfolge. Dann noch dieser Retro-Look, und mit nur zehn Stück Inhalt machen sie auch den Koffer nicht viel schwerer. Vor allem aber kaufe ich sie, um dann zuhause mit den Beschenkten das Entzifferspiel zu spielen: Ko… Komi… Komilf… Komilfo? Sagt mir nichts. Ach, warte – Komilfooooooo? Na, dann schauen wir mal, ob das stimmt! Komilfo Russisch Französisch

…Randewu.

Klar, Nasallaute sind schwierig. Aber hab ich das wirklich so falsch im Ohr, oder müsste man statt „Randewu“ nicht eher „Rondewu“ schreiben, also рондеву? Hm.

französische lehnwörter 3

…pan-o-rasan.

Klingt wie eine Hautcreme, ist aber, wie man sieht, Backwerk und zugleich meine liebste, weil am schlimmsten verunglückte Übertragung aus dem Französischen ins Russische. Pain aux raisins weckt Lust auf ein Sonntagsfrühstück. Pan-o-rasan eher Assoziationen wie „Ich hatte da ja dieses nässende Ekzem, aber dann hab ich eine Woche lang Pan-o-rasan draufgetan und jetzt geht’s wieder.“

französische lehnwörter 1

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Die neue Moschee in Moskau – ein Rundgang auf Socken

Sicherheitsschleuse, Tasche durchleuchten lassen, quer über den Hof zum Fraueneingang der Moskauer Moschee. Schuhe ausziehen und ins Regal, Kopftuch aus der Handtasche kramen – als Frau in Moskau ist das ein vertrauter Griff.

Kann schließlich immer sein, dass man an einer orthodoxen Kirche vorbei kommt und sie gerne besichtigen würde. Wer dann ein eigenes Tuch dabei hat, muss sich nicht auf eines der Leihexemplare einlassen, die am Eingang verteilt (und anschließend an die nächste unbetuchte Besucherin weitergereicht) werden.

Heute also mal keine Kirche, sondern die riesige neue Kathedralmoschee. Keine fünf Monate ist die Eröffnung her, trotzdem war es eine andere Welt, in der wir damals lebten: Putin und Erdogan im Schulterschluss beim gemeinsamen Rundgang – so viel Eintracht zwischen den beiden ist heute schwer vorstellbar.

Ein Blick durch den Innenraum der Moschee

 

Sulfija Ismailowa, die uns herumführt, erzählt von den unterschiedlichen Nationalitäten, die am Bau der Moschee beteiligt waren. Ja, die prächtige Kuppel mit ihren Blautönen haben türkische Künstler ausgemalt: Koranverse in goldener Schrift, weiter unten eine Auswahl der Namen Allahs, „leider nur 40, für alle hat der Platz nicht gereicht.“

Die alte Moschee war längst zu klein geworden, zur neuen hat Sulfija allerlei Zahlen mitgebracht. 1500 Kilo schwer der Kronleuchter, 79 Meter hoch das Minarett, 57 Meter die Kuppel, oben drauf 12 Kilo Blattgold, innen drin Platz für 10.000 Gläubige und daher, mit denen in Rom und London, eine der größten Moscheen Europas. In den Teppich unter unseren Sockenfüßen ist ein Muster eingewebt, das für ordentliche Reihen an Betenden sorgt, alle mit demselben Abstand.

Noch interessanter als die Zahlen zum Bau und dem Auffrischungskurs zum Thema Islam (die fünf Säulen sind hier im Gebäude tatsächliche Säulen, neben jeder steht eine kleine Vitrine, etwa mit einem hellen und einem dunklen Faden für den Ramadan) ist aber, was Sulfija nebenbei erwähnt.

Dass „Allah“ schlicht „Gott“ bedeutet und nicht auf den Islam begrenzt ist – Schulwissen, klar. Aber dass arabische Christen „Allah“ sagen und damit die Dreifaltigkeit meinen, ist schon sehr viel anschaulicher. Als Sulfija die Regel erwähnt, dass man anderen Menschen nur das wünschen soll, was man sich selber wünscht, stehe ich plötzlich in Gedanken wieder an Kants Grab in Kaliningrad.

Zum Schluss gibt es nicht nur ein Wiedererkennen, sondern auch noch ein kleines Russisch-Erfolgserlebnis: „Wir dürfen nicht behaupten, dass unsere Religion besser ist als andere“, erklärt Sulfija, „Nur Gott ist der Richter.“ Den Nachsatz verstehe ich, ehe er aus dem Russischen ins Deutsche übersetzt wird. Schließlich haben wir ihn vergangenes Jahr im Chor gesungen – als Teil eines Rachmaninow-Stücks mit russisch-orthodox geprägtem Text.

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Wie @GermanAtPompey nicht nur für Deutschlerner twittert

Zeit, mal wieder einen Twitteraccount zu empfehlen. Der Außenseiter-Blick auf ein Land ist für mich ja immer schon mal grundsätzlich interessant – egal, ob ich ihn mir selber machen kann (Schottland, USA, China, Russland) oder anderswo erlese wie bei Steinbeck und Capa, Ilf und Petrow, Isherwood und Auden.

Dass mich in letzter Zeit aber auch regelmäßig der Außenblick auf Deutschland beschäftigt, das liegt an einem britischen Twitteraccount: @GermanAtPompey, wo eine Handvoll Dozenten der University of Portsmouth über den Sprachraum aus Deutschland, Österreich und der Schweiz twittern.

Was ist das Besondere daran? Das Wiedererkennen von Vertrautem, klar. Aber vor allem: Nachzuvollziehen, wie Deutschland, seine Einwohner und seine Sprache auf Menschen wirken, die dort nicht aufgewachsen und sozialisiert sind. Menschen, die sich professionell mit dem auseinandersetzen, was für mich normal ist. Und Menschen, die nicht zu meiner Journalismus-Russland-NRW-Digitales-Chormusik-Schalke-Filterblase gehören.

Einer dieser Menschen, Paul Joyce, hat sich Zeit für ein paar Fragen genommen.

An wen denken Sie, wenn Sie twittern?

Gute Frage. Vergangenes Jahr habe ich dazu einen Vortrag an der Universität gehalten und unter unseren 3120 Followern 16 verschiedene Typen ausgemacht. Dazu gehören Studenten in Portsmouth, Sprachschüler in aller Welt, Übersetzer, Deutschlehrer und -dozenten, Journalisten, deutsche Botschaften und so weiter. Unser ursprüngliches Ziel war, unseren Studenten ein aktuelles Bild vom Leben in deutschsprachigen Ländern zu vermitteln. Seitdem hat sich unsere Zielgruppe ganz schön verändert.

Wir hoffen, dass wir der wachsenden Zahl an Germanophilen in Großbritannien und aller Welt interessante, manchmal auch lustige Einblicke in das moderne Deutschland bieten. Und so viele Beispiele für den Deppenapostroph, wie wir nur finden können…

Auf welche Tweets gibt es die meisten Reaktionen?

Wir haben festgestellt, dass es bei Tweets zu Berlin und zur DDR die meisten Reaktionen gibt. Das ist für uns außerordentlich wertvolle (und kostenlose!) Marktforschung, auf deren Grundlage wir auch schon unseren Lehrplan für den Bachelor-Studiengang angepasst haben. Es gibt immer eine Diskrepanz zwischen dem, wovon Menschen angeben, dass es sie interessiert, und dem, was sie wirklich interessiert. Aber unterm Strich gilt: „Klicks lügen nicht.“

Mir fällt auf, dass Sie viel Wert auf Bilder legen.

Optische Reize erleichtern denjenigen Followern den Zugang, die vielleicht von einem bestimmten Aspekt deutscher Kultur oder Geschichte fasziniert sind, aber noch nicht die Sprachkenntnisse für einen langen Artikel haben. Und Lehrer können Grafiken und Bilder nutzen, um in ihrer Klasse eine Diskussion in Gang zu bringen.

Auch über Retweets haben wir noch ein bisschen gesprochen – weil @GermanAtPompey da eine besondere Stärke hat. So viele Quellen, von denen ich noch nie gehört habe, deren Inhalte mir als Follower nun in die Timeline gespült werden. Dazu noch mal Paul Joyce:

Dank Twitter stecken wir inzwischen um einiges tiefer drin in unserem Themengebiet. Es gibt dort so viele Autoren, Lehrer, Kunstexperten, die faszinierendes Material mit einem Deutschland-Bezug liefern. Das ganze Medium ist immer noch weitgehend frei von Hierarchien: Man kann seine Ideen mit anderen teilen, und im Gegensatz zu den meisten Bereichen der akademischen Welt spielt dein Ruf keine Rolle.

Wenn ein Student über sein Auslandsjahr twittert, dann überzeugt das andere vielleicht eher davon, auch im Ausland zu studieren, als alles, was wir als Dozenten sagen. Und wenn ein enthusiastischer Amateur zum Beispiel über Ostdeutsche Bierdeckel oder über Kunst im Ostblock twittert, kann das innovativer und kommunikativer sein als bei einem etablierten Experten.

In der Praxis sieht das dann so aus (eine kleine Sammlung von @GermanAtPompey-Tweets, an denen ich in jüngster Zeit Spaß hatte, zusammengestellt mit Twitters „Collection“):

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Wie mein Vater einmal kein Russisch lernte

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Familienbesuch über Weihnachten in Moskau, das heißt auch: Es kommen Geschichten zutage, die ich noch nicht kannte.

Zum Beispiel die, wie mein Vater sich damals an seiner Schule im Rheinland gemeldet hatte, weil er Russisch lernen wollte – dreimal die Woche, als AG, in der nullten Stunde. Der Lehrer, erinnert er sich, war ein Sprachgenie, und eine ganze Reihe Schüler hatte Interesse. Nach den Sommerferien sollte es losgehen.

Als die Schule wieder begann, fasste sich der Lehrer kurz: „Nach dem, was diesen Sommer passiert ist, werdet ihr Russisch nie mehr gebrauchen können. Kommt, wir machen stattdessen Niederländisch.“ Es war 1961, und in Berlin war während der großen Ferien die Mauer gebaut worden. Sein Niederländisch braucht mein Vater bis heute regelmäßig.

Mehr als dreißig Jahre später habe ich an meiner Schule im Rheinland die ersten Wörter Russisch gelernt. Als AG, in der nullten Stunde.

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