Russball, Folge 55: Russland hört gar nicht mehr auf zu feiern

russland sieg spanien roter platz jubel

Nein, wir werden hier jetzt nicht mehr über Deutschland-Südkorea reden. Zu lange her, eh nicht zu ändern, anderswo schon verbloggt. Außerdem ist Schwelgen sowieso schöner als Frust Schieben, also reden wir noch mal über das, was Russland da geschafft hat: Erst den Einzug ins Viertelfinale gegen Spanien, dann ziemlich ausdauerndes Gefeier, nicht nur in Moskau.

Ein bisschen hab ich mich da auch treiben lassen, durch die Straßen rund ums GUM, dann auf den Roten Platz, weiter Richtung Manegenplatz. Ja, es gab einen Autokorso, auch wenn der stellenweise mehr stand, als dass er fuhr – Abendverkehr in Moskau, man kennt das. Und auch das macht Spaß: Nach dem Spiel in den Bus steigen, und der Fahrer beschließt, dass er jetzt auch einen auf Autokorso macht. (Besonders gefreut hat mich ein Hinweis via Twitter, dass selbst das Kartenlesegerät lächelt – das war mir beim Filmen nicht aufgefallen.)

Vielleicht am schönsten hat diesen Abend nach dem Spiel Andrew Roth vom Guardian zusammengefasst:

Cars honked their horns and passengers stuck their heads through windows and sunroofs shouting “Ros-Si-Ya!” Police officers looked on what must have been traffic violations with an air of indifference. Nobody was going to be fined, not for the noise, the errant driving or the copious amounts of public drinking that continued late into Monday morning.

It was wild stuff, the kind of night that ends with you rolling on the grass by the Karl Marx statue, clutching a bottle of champagne and somehow entangled inside of your own Russian tricolor flag.

Actually that was just at 9pm.

⚽⚽⚽

⚽ Lustig auch, wie viele Menschen nicht damit gerechnet hatten, dass Russland jemals so weit kommen könnte – und deshalb munter Karten fürs Ballett gekauft hatten. Im Marinskij-Theater in St. Petersburg zum Beispiel erfuhren die Zuschauer in der Pause einer Aufführung von Dornröschen, dass Russland Spanien geschlagen hatte. Ergebnis: Standing Ovations, später zum Schlussapplaus kam dann der Dirigent mit Russlandfähnchen auf die Bühne.

Auch im Bolschoi, dem Moskauer Gegenstück zum Marinskij, fanden sich einige Zuschauer plötzlich in der Zwickmühle: Wie bleib ich auf dem Stand in Sachen Fußball, während ich hier in diesem Ballett-Palast sitze?

Auch die Ballerinas hinter den Kulissen mussten einen Weg finden, das Spiel zumindest zwischen ihren Auftritten zu verfolgen. Eine von ihnen hat das bei Instagram dokumentiert:

bolschoi⚽  Wir müssen noch mal über Datenschutz reden. Nein, diesmal geht es nicht darum, was man alles an persönlichen Infos für eine Fan-ID preisgeben muss oder welche Daten möglicher Hooligans die deutschen Behörden wohl an die russischen weitergegeben haben. Diesmal geht es um Überwachung und um das Fan-Fest hier in Moskau. Da ist am Tag des Spiels zwischen Spanien und Russland ein Mann festgenommen worden, nach dem wegen Diebstahls gefahndet wurde. Eine der Kameras hatte erkannt, dass da ein Fußballfan unterwegs war, der zu einem Bild in der Datenbank passte.

Interessant ist, was man aus der offiziellen Stellungnahme zur Verhaftung des Mannes noch so über die Gesichtserkennung in Moskau erfährt. Demnach werden das Fan-Fest und das Luschniki-Stadion von zusammen 282 Kameras überwacht. Sie sind verbunden mit einer Datenbank, die Bilder von 50.000 Menschen enthält, darunter auch Aufnahmen von 2000 Ausländern.

⚽  Das hier ist kurz, schön beobachtet und erhellend noch dazu: Zwölf Fragen zum Leben in Russland von einer, die hier lebt. Zwölf Antworten von einem, der hierher stammt: „Versteh einer die Russen“ wirft einen Blick auf das WM-Gastgeberland abseits von Stadien und Fan-Jubel.

⚽ Dass zur WM hier besonders darauf geachtet wird, Touristen in der Moskauer Innenstadt nicht mit allzu sichtbarer Armut die Laune zu verderben, darum ging es hier ja schon mal öfter. Die Moscow Times hat dazu eine eindringliche Geschichte zu erzählen: Am Platz mit den drei Bahnhöfen steht normalerweise ein Zelt, in dem Menschen, die Hilfe brauchen, eine warme Mahlzeit und ärztliche Versorgung bekommen. Allerdings: Wer als WM-Tourist z.B. zu einem Spiel in Nischni-Nowgorod will, der steigt an einem dieser drei Bahnhöfe in seinen Zug.

Damit also die Fußballfans nicht dem Anblick von Obdachlosen und Armen ausgesetzt sind, wurde der Hilfsorganisation, die das Zelt betreibt, ein Umzug verordnet. An den Stadtrand, unsichtbar für WM-Gäste, und für viele Bedürftige schwer zu erreichen. Das ist mehr als nur unbequem: Für Menschen, die auf medizinische Hilfe angewiesen sind und diese bisher am Platz mit den drei Bahnhöfen bekamen, kann es lebensbedrohlich sein.⚽ Unterdessen in Kasan: ein Fußballspiel der Bräute, oder zumindest ein Spiel von Frauen, die Brautkleider anhaben. „Kasan“ ist nicht nur der Name der Stadt, sondern auch für einen großen Topf, unter dem man Feuer macht, um darin etwas zu kochen. Auf dem zweiten Bild sieht man im Hintergrund das Gebäude in Kasan, das an dieses Konstrukt erinnern soll.

⚽  Was tun, wenn man sich mit jemandem unterhält, der diesen Sommer nach Russland kommt und sowas sagt wie: „Aber es ist doch alles so schön hier, die Leute sind zufrieden und freundlich – da zeichnen die Medien aber echt ein ganz falsches Bild“? Bisher habe ich auf einen Thread von Shaun Walker hingewiesen, der darauf hinweist, dass die Dinge eventuell ein bisschen komplexer sind, und dass auch in einem autoritär regierten Land, dessen Bürger nicht viele Freiheiten haben und, wenn sie aufmucken, Probleme kriegen, trotzdem Lebensfreude, Fußballbegeisterung und Gastfreundschaft herrschen können.

Nun hat Marc Bennetts einen Kommentar geschrieben, der vor allem diesen Vorwurf, das mediale Bild Russlands sei zu negativ, aufgreift. Er beginnt mit einer kleinen Erklärung, was die Aufgabe von Jouralismus ist (und was für Infos man eher aus einem Reiseführer erwarten sollte) und spielt dann sehr schön durch, wie es aussähe, wenn man diese Forderung, doch bitte mehr aufs Positive zu blicken, z.B. bei der USA-Berichterstattung einforderte: Wieder ein Amoklauf an einer Schule, aber hey, der Central Park ist echt schön. Oder, anders formuliert: „What is it to be — articles on the reported mass torture of gay men by Chechen security forces, or a detailed examination of the quality of the mozzarella on pizza toppings?“ Bilanz: „Don’t Blame Journalists for Bad News About Russia“.„It’s a lot nicer than I thought it would be“ is the official unofficial slogan of Russia 2018

⚽ Es gibt Gastgeberstädte, für die ist die WM schon vorbei. Saransk zum Beispiel: In der kleinen Stadt können sie die Bürgersteige jetzt wieder hochklappen, der Trubel ist vorbei, die Fans wieder abgereist. Was bleibt: Die Erinnerung an Frauen aus dem Iran, an Jubel im Stadion. Und ein Gouverneur, der poetische Dinge wie dies hier sagt: „Eine große Traurigkeit wird sich über uns legen, aber wir müssen uns wieder an die Arbeit machen, denn uns steht unsere eigene Weltmeisterschaft ins Haus, und das ist die Ernte. Die ist sehr wichtig für uns.“

⚽ Erik Stoffelshaus war früher bei Schalke, ist inzwischen bei Lokomotive Moskau und hat insofern einen guten Blick darauf, wie sich die Fankultur im deutschen und im russischen Fußball unterscheidet.

In einem ZEIT-Interview bringt er das so auf den Punkt: „In Deutschland ist es so: Wenn man einen Fußballverein unterstützt, dann mit Leib und Seele. Wenn der absteigt, dann steigt man mit ab. Wenn der die Meisterschaft gewinnt, dann feiert man mit. Hier kommt mir alles ein wenig distanzierter vor. Man wartet lieber ab, wie das Spiel ausgeht, was es zu sehen gibt, bevor man sich entscheidet, einen Club zu unterstützen.“ Auch was Russland tun muss, damit die WM dem heimischen Fußball einen Schub gibt und nicht einfach verpufft, erklärt er in dem Gespräch, das man hier nachlesen kann.⚽ Was muss man tun, damit die während der WM betont nachsichtige Polizei dann doch aggressiv wird und auf einen einprügelt? Aufs Dach eines Polizeiautos klettern und dort wippend feiern, dass Russland im Viertelfinale ist. Das soll jedenfalls der Hintergrund dieser Szene hier aus Woronesch sein:

⚽  Neulich habe ich eine Stunde lang mit Lars geskyped, er hat geredet und geredet und geredet, und ich hab gedacht: Was für eine Geschichte! Und wie wirst du der jetzt gerecht? Das Ergebnis hat nur am Rande mit Fußball zu tun, dafür aber damit, wie Lars in Russland aufwuchs, warum er das Land verließ und was das alles mit seiner Identität als Transmann zu tun hat: Found in Translation.

⚽ Von Lars‘ Kindheits-Gekicke auf dem Asphalt in einem russischen Innenhof zum Thema russischer Fußball-Nachwuchs im Allgemeinen. Wie teuer es ist, sein Kind auf eine der Fußballschulen im Land zu schicken, davon war ja letzte Woche hier schon mal die Rede. Nun hat Spon ein Interview mit dem russischen Fußball-Kommentator Sergej Krivokharchenko, nach seiner Einschätzung liegt das Problem noch ein ganzes Stück tiefer: Viele Talente werden nicht einmal entdeckt, „die Wahrscheinlichkeit ist ziemlich groß, dass der russische Messi irgendwo in Sibirien als Wachmann arbeitet oder an einer Tankstelle.“

⚽ Dieses Spiel zwischen Japan und Polen, wie war das noch mal? Der Fernsehsender Match TV schaltet zu seinem Mann vor Ort, und dann geht irgendwas schief. Denn der glaubt, er sei nicht live, sondern zeichne auf, gönnt sich erst einen Patzer und dann einen Fluch. Das beste an dem Clip ist der kontrolliert stoische Gesichtsausdruck des Studiomoderators im Anschluss.

⚽ Was passiert, wenn man versucht, mit der Fan-ID von jemand anderem ins Stadion zu kommen? Molly Zuckerman aus St. Petersburg hat es ausprobiert, offenbar nicht als journalistischen Selbstversuch, sondern tatsächlich aus eigener Doofheit. Die wenig überraschende Antwort heißt: Man wird erwischt, festgenommen und muss mit auf die Polizeiwache. So weit, so unspektakulär. Sie hat eine unterhaltsame Reportage darüber geschrieben, auch wenn manchmal wohl die Pointe wichtiger war als die Recherche – wie bei dem Typen, der angeblich nur deshalb festgehalten wird, weil er kein Russisch kann.

Richtig nervig finde ich aber eine Stelle: In den USA, schreibt Zuckerman, habe man sie einfach weggeschickt, wenn sie versucht habe, mit falschem Ausweis in einen Club zu kommen, „but this is Russia“, also habe man sie festgenommen. Ja, klar. Oder vielleicht ist der Unterschied doch eher, dass keiner im Club Schaden nimmt, wenn eine Minderjährige um ihn rumtanzt, dass es bei großen Turnieren aber meist einen blühenden Schwarzmarkt gibt, der die Preise so hochtreibt, dass sie – gerade für Fans mit Normalgehalt – unbezahlbar sind. Oder dass hinter einem Club kein Riesenunternehmen wie die FIFA steht und die Regeln diktiert. Aber das ist natürlich nicht halb so sexy wie „Ich wurde verhaftet, und Russland ist schuld.“

⚽  Schweiz gegen Costa Rica, klar, das kennt man: Das ist eines dieser Spiele, wo die Gefühle hohe Wellen schlagen und sich die Aggression auf den Tribünen Bahn bricht.

⚽ Der Guardian hat in seinen Archiven gegraben und einen Artikel aus dem Juni 1928 online gestellt. Man kann darin lesen, was sich hier seitdem verändert hat („Moscow is still, as it always was, a big village.“) und was nicht („This privilege is shared by those who have enough money to pay bribes. All these things are done openly. There is no concealment about the sums that are paid.“) Fußball kommt in dem Text nicht vor, eigentlich überhaupt kein Sport. Die Jugend, heißt es, spiele lieber Karten.

⚽ Wie das so ist, wenn man mal ein Amt hatte, heute keines mehr hat, aber gerne in den Schlagzeilen bleiben möchte: Gennady Onischtschenko war mal Russlands oberster Hygiene-Wächter (so eine Art Gesundheitsamts-Chef, wenn es ein deutschlandweites Gesundheitsamt gäbe) und war schon damals immer für eine steile These zu haben. Nun hat er wieder eine rausgehauen: Mit jedem Sieg der russischen Nationalmannschaft steigt im Land die Lebenserwartung, so Onischtschenko – die Herleitung hat, vereinfacht gesagt, was mit persönlichem Wohlbefinden und positiver Einstellung zu tun.

Wenn das so ist, möchte man Russland ja den Finaleinzug, ach was: den Weltmeistertitel wünschen, das Land hat es schließlich immer noch bitter nötig. Außerdem hätten dann nach der geplanten Erhöhung des Rentenalters mehr Menschen eine Chance, ihre Pensionierung zu erleben.

⚽⚽⚽

Ein Rausschmeißer noch, der nichts, aber auch gar nichts mit der WM zu tun hat: Wer sich den Twitter-Account „Footballers with animals“ angucken kann, ohne grinsen oder lächeln zu müssen, tut mir leid und ist mir zugleich suspekt. Danke an @Absatzkick für den Tipp! Mehr Russball dann wieder nächsten Mittwoch, das ist dann schon ein Halbfinaltag. Bis dann!



 

Weiterlesen

Russland-WM ist, wenn Journalisten übers Zugfahren schreiben

russland bahnhof tula

Hat man auch nicht so oft, dass eine Fußball-WM ihr eigenes journalistisches Genre hervorbringt. Klar, der Livekommentar eines Spiels, sei es im Fernsehen oder im Radio, gehört zur Weltmeisterschaft – aber genau so eben zur Bundesliga oder zur Champions League. Das Interview mit dem Bundestrainer plus anschließender Exegese, es ist hier täglich Brot – aber das war in Brasilien nicht anders und wird auch in Katar nicht anders sein.

Eine Art von Text allerdings gehört wie keine andere nur zu dieser WM in Russland. Exemplare dieser Spezies fangen zum Beispiel so an: „Russland ist groß.“„Als wir am frühen Nachmittag ins Zugrestaurant kommen, ist Sergej schon blau.“„Mittags um zwölf hält der Zug im Niemandsland.“ Es ist, genau, die Große Russische Zugreportage. Täglich begegnen einem im Moment solche Texte, quer durchs journalistische Angebot, von der Neuen Zürcher Zeitung bis zur Neuen Osnabrücker Zeitung.

Es sind Geschichten, in denen Menschen Irina, Olga, Sweta und Mischa heißen, in denen mit Fremden gemeinsam gegessen, getrunken, geschlafen und über Fußball gesprochen wird. Manchmal geht das nur mit Händen und Füßen, manchmal helfen Geduld und Google Translate. Manchmal braucht es viele Anläufe, um eine einzige Sache auszudrücken, aber alle wollen sich unbedingt verständigen. Manchmal gelingt es, 8000 Zeichen zu schreiben, ohne dass auch nur ein einziger russischer Mitreisender zu Wort kommt. So erzählt jeder und jede Reisende auch etwas über sich selbst, absichtlich oder nicht.

Überhaupt finde ich es beim Lesen interessant, mir die Kollegen hinter den Geschichten vorzustellen. Wow, der mag tatsächlich Pastila, diesen extrem zuckrigen russischen Nachtisch. Oh, die hat aber ein gutes Händchen dafür, mit Leuten ins Gespräch zu kommen. Ach guck, die vielen kleinen Details, wie schön beobachtet.

Dass die Zugfahrtreportage rund um die WM so populär ist, hat wohl mehrere Gründe. Zum einen verbinden viele Ausländer mit Russland eben Zugfahrten, was wahrscheinlich am Mythos Transsib liegt. Zum anderen ist so eine Reportage die Chance, nah dran zu sein an den Fans. Die können nämlich, wenn sie eine Fan-ID haben und ein Ticket bekommen, kostenlos mit dem Zug vom einen Austragungsort zum anderen gondeln. Das dauert, denn – siehe oben – Russland ist groß.

Und so fahren sie nun also Zug und schreiben darüber, natürlich nicht nur auf Deutsch. „Extra time in Russia: by train to three World Cup cities“, titelt der Guardian, „Vodka, pine nuts and politics: World Cup fans meet Russians on the world’s longest train line“, schreibt die Washington Post. Irgendwo am Rande des WM-Textgenres 2018 bewegen sich Geschichten, in denen Menschen über ihre Erfahrungen mit dem Zugfahren in Russland interviewt werden („Thurgauer Kantonsrat Didi Feuerle reist mit Bus und Bahn zur WM“) oder Artikel, die schon vor der WM geschrieben wurden, aber mit einem WM-Bezug veröffentlicht.

Wenn es am Ende dieses Turnier noch irgendeinen Journalisten gibt, der nicht über eine Zugfahrt in Russland berichtet hat, kann man wohl davon ausgehen, dass die Kollegen bereits hinter dem Rücken über ihn tuscheln und er beim nächsten großen Turnier zuhause bleiben muss. Da kann er dann aus der Ferne zuschauen, wie alle Kollegen ihr „Wie ich mal auf einem Kamel durch die Wüste ritt“-Stück liefern. Aber bis dahin sind ja noch ein paar Jahre.

Im Jetzt und Hier möchte ich zum Schluss noch zwei Dinge empfehlen. Kunden, die sich für „Journalist schreibt Ich-Reportage aus einem russischen Zug“ interessierten, interessieren sich doch bitte auch für „Luzia in Rossija“, eine Serie kurzer Filme zur WM, Folge 3 spielt im Zug. Und für
Diagnosis, ein Fotoessay über einen russischen Krankenhauszug – ohne WM-Bezug, einfach so interessant.

Weiterlesen

Das Trinkspiel zur Fußball-WM in Russland

kscheib Fußball-WM russland trinkspiel

Ein Gastgeberland, das gerade auf ein historisches Tief im FIFA-Ranking gerutscht ist. Ein Weltmeister, der in seinen letzten Spielen vor Turnierbeginn so gar nicht überzeugen konnte. Wer von der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland nicht allzu viel Spannung erwartet, der muss sie sich eben schöntrinken.

So entstand die Idee für ein WM-Trinkspiel. Mit ein paar Leuten, die alle in Russland leben oder das mal getan haben, haben wir Klischees, Floskeln und Pannen gesammelt, auf die wir uns bei der Weltmeisterschaftsberichterstattung gefasst machen müssen. Der Spielmodus funktioniert dann ähnlich wie beim Eurovision Drinking Game:

Ihr braucht: Freunde, Gläser und Getränke. Klassisch russisch ist natürlich der Wodka, es geht aber sehr gut auch mit Tschatscha – dem Grappa, den man hier in jedem georgischen Restaurant bekommt. Wer komplett furchtlos ist, entscheidet sich für Medowucha, quasi russisches Met. Vor alle wird ein volles Glas gestellt und nach jeder Runde sofort nachgefüllt. Als Snacks bieten sich saure Gurken, Grenki, Tschetschil und Chips an. Dann nur noch den Fernseher anschalten – für ein komplettes Spiel, einen Bericht in den Nachrichten oder ein Hintergrundstück. Abwarten, was zu sehen und zu hören ist. Und das regelmäßige Nachgießen nicht vergessen.

– ⚽ Die Bond-Floskel. Für jeden Satz, der eine Variation des Filmtitels „Liebesgrüße aus Moskau ist“: Trink einen Schluck!

– ⚽ WatuTINki und SborNAja. Jemand betont den Ort des DFB-Quartiers oder das russische Wort für Nationalmannschaft falsch. Trink einen Schluck!

– ⚽ Der Lada. Ein Lada fährt durchs Bild oder steht am Straßenrand. Trink einen Schluck!

– ⚽ Der unnütze Putin. Putin ist immer gut, da werden die Leute hellhörig. Auch, wenn er ohne wirklichen Zusammenhang erwähnt wird. Putins Armee, Putins Wähler, Putins Kabinett – geschenkt. Putins Fußballmannschaft, Putins Kunstrasen, Putins Kreuzbandriss: Trink einen Schluck!

– ⚽ „Das Riesenreich“. Wann immer Russland mit dieser abgenutzten Phrase beschrieben wird: Trink einen Schluck!

– ⚽ Die Alliterationshölle. Jedes Mal, wenn jemand „der Rubel rollt“ sagt: Trink einen Schluck!

– ⚽ Ist hier Polen? Jemand behauptet, „Prost“ heiße auf Russisch „na sdorowje“. Trink einen extragroßen Schluck!

– ⚽ Kyrillisch-Missbrauch. Es werden kyrillische Schriftzeichen eingeblendet, aber so verwendet, als wären es deutsche – я als R, д als A. Betäube den Schmerz mit einem Schluck!

– ⚽ Die Fischeier. Jemand isst Kaviar. Trink einen Schluck!

– ⚽ Das Schnäpschen. Jemand trinkt Wodka. Lass ihn nicht allein und trink einen Schluck!

– ⚽ Die Schappka Uschanka: Jemand hat eine Fellmütze an. Trink einen Schluck!

– ⚽Der Hattrick. Jemand isst Kaviar, trinkt Wodka und hat eine Fellmütze auf. Trink dein Glas leer!

Weiterlesen

So viel Hass auf den Bart von Karl Marx

Der Bart von Karl Marx im Jahr 1867 (Wikicommons)
Der Bart von Karl Marx im Jahr 1867 (Wikicommons)

Lange nicht mehr übers Lesen gebloggt, aber heute muss es dringend mal sein. Vor ein paar Wochen waren wir mit Freunden in St. Petersburg, bei einem Stadtrundgang standen wir igendwann vor einem Haus, und unser Tourguide erzählte, dass dort lange Maxim Gorki gewohnt hat und auch mal Besuch von H.G. Wells hatte. Ja, genau, der mit „Krieg der Welten“, was dann als Hörspiel mit Orson Welles 1938 reihenweise amerikanische Radiohörer in Panik versetzte.

Ein paar Wochen später, und ich habe die Reportagensammlung vor mir liegen, die H.G. Wells über seine Russlandreise im Jahr 1920 geschrieben hat. Sein Besuch, bei dem er tatsächlich bei Gorki wohnte, fiel in eine Zeit, in der in Russland Chaos herrschte: Zwei Jahre nach der Ermordung der Zarenfamilie, die Bolschewiken an der Macht, mit der sie laut Wells‘ Bericht oft kaum wussten, was sie anfangen sollten.

Hier zum Beispiel beschreibt er, wie die Kommunisten, die ja nun so gut wie allen Privatbesitz verboten haben, mit dem umgehen, was vor der Revolution einmal Privatbesitz war: Sie sammeln alles, was irgendwie wertvoll sein könnte, an einem Ort. Wozu? Unklar.

„Der Palast, in dem einst die britische Botschaft untergebracht war, ist nun wie ein vollgestopfter Kunstladen in der Brompton Road. Wir gingen durch Zimmer um Zimmer, in dem sich das schöne Gerümpel des früheren russischen Gesellschaftssystems stapelte. Es gibt dort große Räume, vollgestopft mit Skulpturen; niemals habe ich so viele marmorne Venusse und Nymphen an einem Ort gesehen, nicht einmal im Museum von Neapel. Es gibt Stapel von Bildern jeder Art, Duchgänge, in denen sich Schränkchen mit Intarsienarbeit bis zur Decke türmen, ein Zimmer voller Kisten mit alter Spitze, stapelweise grandiose Möbel. Diese Anhäufung ist gezählt und katalogisiert worden. Und da ist sie nun. Ich konnte nicht herausfinden, dass irgendjemand eine Idee gehabt hätte, was letztlich mit all diesem herrlichen, eleganten Müll geschehen sollte. Das Zeug scheint auf keine Art und Weise in diese neue Welt zu passen, die die russischen Kommunisten organisieren. Sie hatten nie damit gerechnet, dass sie sich einmal um solche Dinge würden kümmern müssen.“

Maxim Gorki in dem von Wells beschriebenen Depot in der früheren britischen Botschaft
Maxim Gorki in dem von Wells beschriebenen Depot in der früheren britischen Botschaft

Den Bolschewisten steht Wells durchaus wohlwollend gegenüber. Vieles, was in Russland derzeit im Argen liege, habe seine Wurzeln in der Zarenzeit, argumentiert er. Mit Karl Marx kann er dagegen gar nichts anfangen, und wie er auf ihm und seinem Bart rumhasst, ist meine bisherige Lieblinsgpassage in dem Buch – schon beim Übersetzen musste ich so lachen, dass ich kleine Pausen einlegen musste:

„Ehe ich zu dieser letzten Reise nach Russland aufbrach, empfand ich keine aktive Feindseligkeit gegenüber Marx. Ich mied seine Werke, und wenn ich Marxisten begegnete, wurde ich sie wieder los, indem ich sie bat, mir zu erklären, welche Menschen genau zum Proletariat gehören. Kein Marxist weiß das. (…) Ich muss gestehen, dass in Russland aus meiner passiven Ablehnung von Marx eine sehr aktive Feindseligkeit wurde. Wo immer wir auch hinkamen, trafen wir auf Büsten, Statuen und Bilder von Marx. Zwei Drittel von Marx‘ Gesicht besteht aus Bart, einem riesigen, ernsten, wolligen, ereignislosen Bart, der jegliche normale Bewegung unmöglich gemacht haben muss. Es ist nicht die Art von Bart, die einem Mann einfach so passiert, es ist ein Bart, der kultiviert, gehegt und patriarchisch der Welt entgegengestreckt wird. Er ist in seiner hirnverbrannten Fülle genau wie „Das Kapital“, und der menschliche Teil des Gesichts blickt eulenhaft darüber, als wolle es sehen, wie der Wuchs die Menschheit beeindruckt. Ich fand die allgegenwärtigen Bildnisse dieses Bartes zunehmend nervtötend. In mir wuchs ein nagendes Bedürfnis, Karl Marx rasiert zu sehen. Irgendwann, wenn ich diesen Tag noch erlebe, werde ich Schere und Rasierer erheben gegen „Das Kapital“, ich werde „Die Rasur des Karl Marx“ schreiben.“

(Aus: H.G. Wells, Russia in the Shadows, Hodder and Stoughton, London, 1921. Mehr Fotos aus dem Buch gibt es hier.)

Weiterlesen

Russball, Folge 48: Bau mir ein Stadion, du kriegst auch was zu Essen!

Russball kscheib Suus Agnes 2 signed

Übers Wochenende war ich ein mit Freunden in St. Petersburg und habe, klar, zwischen Eremitage und Kneipentour auch die Augen offen gehalten in Sachen WM-Vorbereitungen. Zwei Dinge sind mir aufgefallen: Am Kiosk gibt es, erstens, inzwischen Unmengen an Süßigkeiten, die mit dem Maskottchen Sabiwaka bedruckt sind – Pfefferminztabletten, Weingummis, Tictacs, Kaugummis, Bonbons.

Zweitens sind die Wegweiser auf Russisch und Englisch nicht nur aufgestellt, sondern auch bereits mit Tags verziert, will sagen: Sie fügen sich harmonisch ein in das Stadtbild dieser Metropole, die im Vergleich zu Moskau weniger geleckt, weniger hochglanzig ist und dafür ein bisschen schmuddeliger und ein bisschen unkonventioneller. Ich mag das ja.

Ein Wegweiser zu einer Metrostation

⚽⚽⚽

⚽  So kann’s gehen: Zwischen „Ich fange mal an, an der neuen Russball-Folge zu arbeiten“ und „Heute muss die neue Folge aber endlich fertig werden“ hat sich die komplette Geschichte rund um Hajo Seppelt abgespielt. Russland verweigert ihm das Visum, weil er nach seiner Doping-Berichterstattung auf einer „Persona non grata“-Liste steht. Die ARD protestiert, die Bundesregierung protestiert. Russlands berühmtester Fußballkommentator kritisiert die Entscheidung, man spiele damit Menschen in die Hände, die von Skandalen lebten. Der Vorsitzende des russischen Journalistenverbands sagt, Seppelts Arbeit sei reine Propaganda, aber man solle ihm dennoch ein Visum geben. Sport Express veröffentlich eine lange Kritik an Seppelt und seiner Berichterstattung unter der ziemlich unfassbaren Überschrift: „Man hat die WM von Seppelt erlöst, das ist eine Hygienemaßnahme“.

Inzwischen hat sich rausgestellt, dass Seppelt nun doch ein Visum bekommen wird. Reist er allerdings nach Russland ein, will ihn das Staatliche Ermittlungskomitee zu seinen Doping-Recherchen vernehmen. Ob Seppelt das tut, kann man – Stichwort Informantenschutz – bezweifeln. Wer weiß, vielleicht gibt es zwischen Dienstag Abend, wo ich hier sitze und diese Zeilen tippe, und Mittwoch früh, wenn der Newsletter in eure Inbox plumpst, ja schon die nächste Entwicklung, zum Beispiel: Seppelt sagt Russland-Reise ab.

⚽ Wie eventuell der ein oder andere mitbekommen hat, steht ja seit gestern der vorläufige deutsche WM-Kader fest. Ich hab mir mal die Mühe gemacht und alle Nationalspieler russlandtauglich gemacht, indem ich ihnen einen Vatersnamen verpasst habe. Nur einer fehlt – falls jemand weiß, wie der Vater von Kevin Trapp mit Vornamen heißt, sagt doch bitte Bescheid! Anschließend hatte sich der DFB noch was ausgedacht: Ein Interview mit Russlands Nationaltrainer Tschertschessow, der als Hologramm mit auf der Bühne saß. Doch, wirklich:

Tschertschessow hat gerade erst selbst seine vorläufige WM-Auswahl präsentiert, wobei zu der sehr viel mehr Spieler gehören als zur deutschen. Eindampfen müssen beide bis Anfang Juni, Russlands schönster Schnäuz und der Bundesjogi. Warum es sich Tschertschessow so viel schwerer gemacht hat, und was er in den paar Tagen noch über seine Spieler rausfinden will, was er bisher noch nicht weiß – keine Ahnung. Hier ist jedenfalls seine Liste, außerdem gibt es noch sieben potenzielle Nachrücker.

⚽ Stell dir vor, die WM rückt näher und dein Stadion ist immer noch nicht fertig. In Nischni Nowgorod haben sie im April offenbar versucht, dieses Problem kreativ zu lösen: Einem Reuters-Bericht zufolge verschickte der städtische Sportminister einen Brief, in dem er Menschen zum kostenlosen Arbeitseinsatz auf der Stadionbaustelle aufrief. Immerhin: Drei warme Mahlzeiten am Tag und eine Unterkunft sollte es geben, Werkzeug, heißt es in dem Schreiben, werde gestellt. Na immerhin.

⚽ „Was Bayern zur Feier seines sechsten Meistertitels verkauft“ ist ein Artikel von Sports.ru überschrieben. Es folgen das Bayern-Grillset, Bayern-Weingummi, eine Bayern-Tasse mit dem Kommentar, seltsamerweise gebe es kein Bayern-Bierglas. Alles eher unspektakulär, warum also erwähne ich es hier? Wegen des Kommentars, den ein Leser unter dem Artikel hinterlassen hat, und den die anderen Leser zum besten Kommentar gewählt haben: „Und was verkauft ZSKA nach der Meisterschaft? Seine besten Spieler.“ Sehr hübsch.

⚽ Was kommt bei Zenit nach Roberto Mancini? In Russland wird in diesen Tagen viel über eine Liste spekuliert, die die Vereinsbosse angeblich zusammengestellt haben. Auslöser dafür war ein Tweet von Georgi Tscherdanzew, einem bekannten Fußballkommentator. Der Mann hat fast 500.000 Follower bei Twitter – kein Wunder also, dass ein Tweet wie dieser hier schnell die Runde macht:

„Hundertprozentiges Insiderwissen von @zenit_spb: Es gibt schon eine Liste mit fünf Trainern, die auf Mancini folgen könnten. Fortsetzung folgt 😉“. Auch in der Redaktion von Championat.com haben sie den Tweet gesehen und brav ihr Handwwerk gemacht, indem sie beim Verein nachgefragt haben, ob das denn auch alles so stimmt. Antwort von Pressesprecher Anton Makarenko: „Ja.“ Wer sind also die fünf Kandidaten? Championat nennt Sergei Semak, Siniša Mihajlović, Miodrag Boschowitsch, Maurizio Sarri und Dick Advocaat, aber kaum ist die Geschichte veröffentlicht, haut Kommentator Tscherdanzew seinen nächsten Tweet raus:

„Hundertprozentiges Insiderwissen von @zenit_spb: Auf der Liste mit fünf Trainern, die auf Mancini folgen könnten, stehen russische Spezialisten. Dick Advocaat steht nicht auf der Liste. Fortsetzung folgt 🔥“.

⚽ Eine Meldung aus der Reihe „Offensichtliches“: Kreml-Sprecher Peskow hat bestätigt, dass Wladimir Putin sich das Eröffnungsspiel der Fußball-Weltmeisterschaft zwischen Russland und Saudi-Arabien ansehen wird, Ria Nowosti ist das eine eigene Meldung wert. Mit angehaltenem Atem warten wir nun auf weitere Peskow-Statements: „In Russland wird während der WM mit Rubeln bezahlt“, „Nawalny wird bei der nächsten Demo verhaftet“ und „Im Winter rechnen wir mit Schnee, vor allem in Sibirien.“

⚽ Ihn hier wollte ich schon öfter mal erwähnen, hatte aber nie einen guten Text zur Hand. Nun hab ich dieses Porträt gefunden: „Jacob Gardiner-Smith: The Englishman who plays for Zenit“. Aufgefallen war er mir nicht nur durch seine Tweets, sondern auch, weil der Nachname „Gardiner“ bei mir sofort allerlei urenglische Assoziationen weckt, von Jane Austen bis Proms.

Im Fall von Jacob Gardiner-Smith sind die passenderen Asoziationen aber dann doch sein Opa John, ein erfolgreicher Fußballer, der 1936 in Berlin für Großbritannien spielte und sein Vater Barry, ein Labour-Abgeordneter. Interessant jedenfalls, wie Jacob mit 17 schon nach Russland gegangen ist, und warum er anderen zu einem ähnlichen Schritt raten würde – auch, wenn das bedeutet, das vertraute, einfache Leben daheim hinter sich zu lassen.

⚽ Fehlt noch der Hinweis auf ein Medium, das ich hier bisher noch nie verlinkt habe. Doch wenn WM im eigenen Land ist, dann heben selbst Frauenzeitschriften plötzlich Fußballer aufs Cover. So geschehen bei der russischen Vogue, deren Heft zum Thema „Fußball und Mode“ ab heute verkauft wird. Auf dem Titel: Nationalspieler Fjodor Smolow, der als leichte Trainingseinheit das Model Natalja Wodjanowa huckepack durchs Bild trägt. Kann man einfach mal auf sich wirken lassen.

Beim Shooting war Smolow übrigens nicht der einzige Fußballprofi: Auch Julian Draxler machte mit, das sieht dann so aus:

Вперёд, Россия!🇷🇺 Встречайте нашу июньскую обложку, приуроченную к Чемпионату мира по футболу, который пройдёт в России в июне: русская супермодель Наталья Водянова вместе с футболистами Фёдором Смоловым, Юлианом Дракслером и Даниэлом Алвес да Силва предстала в объективе звездного дуэта фотографов Луиджи Мурену и Янго Хенци – в продаже с 16 мая!/ As FIFA World Cup in Moscow approaches, meet our June cover starring @natasupernova @smolovfedor_10 @draxlerofficial @danialves. Photo: @luigiandiango Style: @patrickmackieinsta Hair: @luigimurenu Makeup: @mariaduhart

Ein Beitrag geteilt von Vogue Russia (@voguerussia) am

⚽⚽⚽

Zum Schluss noch ein kleiner Nachtrag zur letzten Russball-Folge. Da hatte ich einen Artikel verlinkt, in dem es darum ging, warum Nachwuchsfußballer, die im Dezember geboren sind, es in Russland schwer haben. Schon da war erwähnt, dass es in Deutschland ein ähnliches Problem gibt. Seitdem haben mir mehrere Leute diesen Artikel hier erreicht, der dem Phänomen auf den Grund geht: Dezemberkinder werden selten Fußballstars. Danke für den Hinweis – und bis nächste Woche!



 

Weiterlesen

Russball, Folge 46: Dieser Bär steht jetzt für den russischen Fußball

Russball kscheib Suus Agnes 2 signed

Fasst man’s denn? Das WM-Stadion in Samara ist nach unendlich vielen Verzögerungen eröffnet worden, nur sechs Wochen vor Turnierbeginn. Ab sofort rechne ich also täglich mit der Fertigstellung des Flughafens in Berlin! Ansonsten habe ich neulich den möglicherweise absurdesten Text meiner jüngeren journalistischen Karriere verfasst, über ein Festival, das hier in Russland parallel zur Weltmeisterschaft stattfindet und bei dem der gemeinen Gurke in all ihren Inkarnationen gehuldigt wird. Was sonst noch los war:

⚽⚽⚽

⚽ Zeit, mit der Hand durch die Sofaritze zu fahren und zu gucken, ob man noch ein bisschen Kleingeld findet. Mal zählen…ach guck, das sind ja genau 1656 Euro und 6 Cent. Wie praktisch, denn dafür kann man rund um die Spielübertragungen der Fußball-Weltmeisterschaft eine Werbesekunde im russischen Fernsehen kaufen. Gemeint sind damit natürlich nur Werbeplätze bei den Sendern Perwy Kanal, Rossija 1 und Match, die die Spiele übertragen. Die Sekunde für rund 1700 Euro, das entspricht einem Minutenpreis von 7,5 Millionen Rubel.

Ist das nun viel oder wenig? Die Redaktion von RBK zählt auf: Im Vergleich zur WM vor vier Jahren in Brasilien ist der Werbepreis konstant, damals verlangten die russischen Sender mit den Übertragungsrechten 7,538 Millionen pro Minute. Womit ich nicht gerechnet hätte, ist, dass dagegen bei der Europameisterschaft 2012 die Werbepreise der russischen Sender deutlich höher lagen. Warum, erklärt ebenfalls RBK: Damals „galt Russland als der Favorit in seiner Gruppe, die Zuschauer (…) erwarteten mindestens ein Überstehen der Gruppenphase, doch dazu kam es nicht.“

⚽ Wie sagte der zehnjährige Besuch aus dem Rheinland diese Woche: „Ihr habt hier echt überall Springbrunnen!“ Und ja, der Anlass war einer mitten im Einkaufszentrum, direkt neben dem Starbucks, aber die Beobachtung stimmt auch für Freiluftmoskau. Sachen abends schön beleuchten und im Sommer Springbrunnen sprudeln lassen, das sind zwei große Stärken der Stadtplaner hier.

Im vergangenen Sommer waren es 594 Brunnen in Moskau, diesmal kommt mindestens noch einer hinzu: Auf dem Gelände rund ums Luschniki-Stadion soll ein sogenannter „trockener Brunnen“ entstehen, also einer, zu dem kein mit Wasser gefülltes Becken gehört. Nur Wasser, das aus dem Boden schießt, in vielen kleinen Strahlen. Hinter der neuen Tretjakowgalerie gibt es sowas hier schon, und wenn im Sommer 30 Grad und mehr sind, ist das einer der kühlsten, angenehmsten Plätze in der Stadt: Einfach ein paar Schritte durch den Brunnen gehen, von den Fontänen links und rechts nassgemacht werden und sich dann zum Trocknen schön in die Sonne setzen. Das können Fußballfans demnächst also auch tun, wenn sie sich vor dem Stadionbesuch ein wenig abkühlen wollen – oder danach ihre Tränen verbergen. Was, ich, am heulen? Alter, das ist bloß Springbrunnenwasser!

kscheib russball brunnen luschniki moskau

⚽ Interessante Reihe, da bei Sports.ru: Im Blog „Futbol auf Deutsch“ porträtiert Konstantin Andrejew seit einem guten Jahr Nachwuchsfußballer, die außerhalb Russlands leben, aber russischer Abstammung sind und somit möglicherweise mal für die russische Nationalmannschaft spielen könnten. (Der Subtext wird ironisch angedeutet: Wir sind doch hier so großzügig mit russischen Pässen, wenn wir einen ausländischen Spieler sehen, der den Fußball bei uns im Land voranbringen könnte. Und jetzt schaut mal, bei dem Jung hier wäre es so einfach!)

Das sind keine Namen, die ich jemals zuvor gehört hatte, aber die Porträts lesen sich interessant. Maximilan Lebedev zum Beispiel aus dem U17-Kader von Bayern München. Die Brüder Konstantin und Andreas Schiler, die aktuell für den SV Sandhausen in der U19 spielen. Und ganz abgesehen davon, ob es nun für eine Profikarriere reicht, ob die bis zur Nationalelf führt und welche Nationalelf es dann ist – interessant sind auch die Fragen zum Alltag der jungen Männer, von Russisch-Sprachkenntnissen über Familie bis hin zum Lieblingsessen. Lesen lohnt sich!

⚽ Das ist mir letzte Woche komplett durchgegangen: Russlands Premjer-Liga hat ein neues Logo – ein Bärenkopf in den Russlandfarben, mit Augen, die entfernt an den Terminator erinnern. Entworfen vom Studio Art.Lebedev, das hier in Russland schon so einige Großaufträge wegdesignt hat: Der aktuelle Metroplan ist dort entstanden, die Sitzpolster im Bus, selbst Moskaus Gullydeckel. Wer bei der Fußball-WM im Sommer auf dem alten Moskauer Olympiagelände unterwegs ist, orientiert sich an Schildern von Art.Lebedev. Und nun also dieses Logo.

rpl_logo_black

Wie kommt es an? So mittel. Natürlich kursieren allerlei Photoshop-Witzchen – mit der russischen Version von „Pu der Bär“, mit Elch, mit Mutko. Manchen Leuten ist der Bär zu nah am Russlandklischee, sie frotzeln, da fehlten doch noch Balalaika und Wodkaflasche. Nationalspieler Denis Gluschakow wurde nach seiner Meinung gefragt und rettete sich in ein höfliches „interessant“. Und dann war da noch ein Hinweis auf einen hippen Barbershop in Moskau, und ja: Dessen Logo sieht tatsächlich aus, als könnte es das Vorbild fürs Ligalogo gewesen sein. Trotzdem verstehe ich den Backlash nicht so richtig. Im Vergleich zu dem kleinteiligen, unaufgeräumten bisherigen Logo ist der Bär mit den roten Laseraugen ein echter Fortschritt:

kscheib russball liga altes logo

⚽  „Westi“, die Nachrichtensendung des russischen Staatssenders „Rossija 1“, hat durchgerechnet, was russische Fußballfans so investieren müssen, wenn sie alle drei Vorrundenspiele ihrer Mannschaft sehen wollen, also in Moskau, St. Petersburg und Samara. Das Ganze ist nicht immer akkurat gerechnet und ein wenig schief konzipiert (einerseits fehlen die Kosten für die Anreise nach Moskau, als lebe der typische Fan dort, andererseits werden aber auch in Moskau Hotelkosten mit eingepreist), dennoch ist die Liste im Kern ganz anschaulich: Wenn man davon ausgeht, dass Iwan Musterfan jeweils die billigste Ticketkategorie nimmt, dann kommt er für einen WM-Aufenthalt in Moskau auf 29.000 Rubel, in Petersburg auf auf 19.000 und in Samara auf 17.000 Rubel, dazu kommen noch Fahrtkosten.

Zusammen sind das mehr als zwei Durchschnittsgehälter, und man könnte an dieser Stelle des Berichts einen Schlussstrich ziehen. Aber als Staatsmedium ist man nun mal in der Pflicht, man hat für WM-Begeisterung und Hurrapatriotismus zu sorgen. Weshalb der Bericht von „Westi“ nicht mit dem Fazit endet, das sei ja nun recht viel Geld, selbst wenn man sparsam lebe. Nein, hinten wurden schön noch zwei Sätze drangedengelt: „Aber wenn unsere Mannschaft sich gegen alle Gegener gut schlägt und es über die Gruppenphase hinaus schafft, werden unsere positiven Emotionen diese Kosten ganz klar ausgleichen. Wir sind für unser Team!“

⚽  Über den Jahreswechsel 2017/2018 waren wir oben in Murmansk, es war knackig kalt und eine ganz großartige Reise. Nordlicht gesehen, den Eisbrecher Lenin besichtig, Markus hat für den Weltspiegel einen kleinen Film drüber gemacht. Daran musste ich diese Woche wieder denken, als Zenit St. Petersburg diese Bilder twitterte: Die Arbeiter, die gerade an einem neuen Eisbrecher für die russische Flotte bauen, scheinen allesamt Zenit-Fans zu sein:

⚽  Angeklickt und erst mal enttäuscht gewesen: „Das Tschertschessow-Kreuzworträtsel“ hieß es in der Überschrift und ich freute mich schon, allerlei Fragen zu Russlands Nationaltrainer zu beantworten: „Sieben Buchstaben, beginnt mit D: deutsche Stadt, in der Tschertschessow von 1993 bis 1995 als Spieler aktiv war.“ Aber nein, leider kein Rätsel, aber doch ein langes, tiefgehendes Porträt des Glatzenmanns, der die Russen so aufstellen soll, dass sie es vor heimischem Publikum über die Gruppenphase hinaus schaffen.

Ein bisschen sehr chronologisch ist der Artikel, das bremst ihn manchmal. Aber sonst liest er sich gut und anekdotenreich – einschließlich der Begebenheit, wie Tschertschessow 2001 Torwart beim FC Tirol Insbruck war und der Verein einen neuen Trainer bekam, der den gesundheitlich angeschlagenen Tschertschessow erst mal für ein paar Spiele auf die Bank setzte, bis er auskuriert war und sich vor dem Neuen beweisen konnte. Der hieß übrigens Joachim Löw.

⚽ Kennt ihr eigentlich den „Soviet Art Bot“ bei Twitter? Nein? Solltet ihr aber – nicht nur für Fußballbilder wie dieses hier:

⚽ Das ist mal ne Ansage: „Ohne die Fußball-Weltmeisterschaft gäbe es in Russland derzeit kein Wirtschaftswachstum.“ Gesagt hat das Arkadi Dworkowitsch, und der muss es wissen: Dworkowitsch ist Wirtschaftswissenschaftler und seit 2012 einer von Russlands stellvertretenden Premierministern. Mehr zu seiner außergewöhnlichen Rechnung hier.

⚽ Ein paar Woche ist es her, dass ich mich mit Mascha getroffen habe. Sie schreibt gerade an ihrer Doktorarbeit, liebt das Rumstöbern in Archiven und kann sich für alte Dokumente begeistern. Wir sind rund um die Lomonossow-Universität spazierengegangen und sie hat mir gezeigt: Hier in dem Turm ist mein Wohnheimzimmer, da vorne ist der Haupteingang zum Unigebäude – und da, nicht weit weg, soll die Fanzone gebaut werden. Der zentrale Ort, wo in Moskau all die Fußballfans zusammen feiern können, die keine Karten fürs Stadion bekommen haben.

Mascha und ihre Kommilitonen haben Angst, nicht vor den Fans, sondern vor dem Krach bis spät in die Nacht, mitten in der Prüfungszeit. Wie sie ihren Protest dagegen sichtbar machen, und wie die FIFA, der Uni-Rektor und die Stadt Moskau mit diesem Protest umgehen, habe ich für die Berliner Zeitung aufgeschrieben. Am Tag, nachdem der Artikel im Blatt war, war ich abends mit dem Moskau-Besuch noch mal oben in den Sperlingsbergen, und siehe da: Baustellenlärm, Kipplaster, Bagger, Staubschwaden wehen hoch und verschleiern den Blick aufs Unigebäude. Es sieht nicht gut aus mit den Erfolgschancen für den Studentenprotest.

kscheib russball fanzone bauarbeiten

⚽ Dass Niko Kovac neuer Bayern-Trainer wird, inspiriert nicht nur deutsche Dichter, es beschäftigt auch die russische Fachpresse. Sowetski Sport kritisiert zum Beispiel, Kovac habe keine Champions-League-Erfahrungen und als Trainer noch keinen einzigen Titel geholt, was er wohl auch im DFB-Pokalfinale am 19. Mai nicht schaffen werde.

Bei Sports.ru gbt es sogar eine umfangreiche Analyse all der Gründe, warum der neue Trainer scheitern muss, unter der Überschrift: „Niko Kovac wird neuer Bayern-Trainer – es scheint, als ob das nicht die beste Idee ist.“ Begründung hier: Kovac sei es gewohnt, seinen Kopf duchsetzen zu können – das werde ihm bei Hoeneß und Rumenigge nicht gelingen. Seine Lieblingsaufstellung bei der Eintracht lasse sich nicht auf die Bayern übertragen, und überhaupt habe Kovac den Job ja nur bekommen, weil Tuchel ihn nicht wollte.

⚽ Die tunesische Nationalmannschaft wird während der WM im Moskauer Vorort Seljatino untergebracht, gerade war der Moskauer Sportminister auf Inspektionstour dort. Ein Reporter von Championat.com ist mitgelaufen und berichtet: ein paar schiefe Kacheln und seltsam verlegte Rohre, Rasen im schlechten Zustand, an der Hotelrezeption gibt’s noch keine tunesische Fahne. Alles Sachen, die sich bis Turnierbeginn noch regeln lassen. Besonders hübsch fand ich die Bemerkung des Reporters, eine „Motivation nach deutscher Art“ sei für die Tunesier leider nicht möglich: Die örtliche Bierbar ist derzeit leider geschlossen.

⚽⚽⚽

Zum Abschluss noch ein Text, der nichts mit Russland zu tun hat, dafür aber mit Fußball, mit Familie, mit einem Fan – und einem der noch sucht, ob es eine Mannschaft gibt, deren Fan er sein möchte. Auf die Gefahr hin, dass euch in den letzten Tagen auch andere Leute diesen Text nahegelegt haben – er verdient es auch, mehrfach empfohlen zu werden: „Papsi, ich bin doch gar kein Fan“. Bis nächste Woche!



 

Weiterlesen

Können wir bitte mal über die „Generation Putin“ reden?

Wahltag in Russland, da muss ich – bei allem Respekt für die umfangreiche, fundierte Berichterstattung in vielen Medien – doch kurz einmal mäkeln: Schön wäre ja gewesen, wenn man mal was über die „Generation Putin“ erfahren hätte.

Also, über die Jugendlichen, die nichts kennen als ein Russland, in dem Putin an der Macht ist.

Wie sich das anfühlt.

Wie die so zu Putin stehen.

Was sie über ihn denken.

Hätte bestimmt auch Leute anderswo interessiert.

Glaube ich jedenfalls.

Also, ziemlich sicher sogar.

Okay, ganz sicher.

Man hätte sie ja auch nicht unbedingt „Generation Putin“ nennen müssen.

Wobei, griffig ist es schon.

Oder man hätte den Begriff umstellen können.

Jedenfalls, keine Berichterstattung. Nirgends.

Echt schade.

Weiterlesen

Russball, Folge 40: Zenits Trainer pöbelt bei Instagram zurück

Russball kscheib Suus Agnes 2 signed

Diese Russball-Folge entsteht, während im Browser-Tab nebenan ein Wartebalken von links nach rechts kriecht. Die letzte Phase des Kartenverkaufs für die Fußball-Weltmeisterschaft hat begonnen, diesmal nach dem Prinzip „Wer zuerst kommt, kauft zuerst“. Spätestens jetzt muss es also klappen – kann doch nicht sein, dass in meiner Stadt WM ist und ich geh nicht hin! Also, falls ihr in diesem Text Tippfehler, unnötige Wiederholugnen oder Tippfehler findet, dann seht es mir nach. Ich bin ein bisschen abgelenkt.

⚽⚽⚽

⚽ Letzte Woche Spekulation, diese Woche Tatsache: Leonid Sluzky wird neuer Trainer bei Vitesse Arnheim. So ein russischer Trainer im europäischen Ausland ist durchaus eine Rarität – um so bemerkenswerter also, dass Sluzky nach Hull nun schon seine zweite solche Station in kurzer Zeit antritt. (Und wie hübsch: Auf Niederländisch schreiben ihn einige Medien dort ‚Sloetski‘.)

⚽ Zenit St. Petersburg steht auf Tabellenplatz 5, das sah schon mal deutlich besser aus. Auch beim Spiel gegen Leipzig neulich kam Zenit nicht wie ein allzu bedrohlicher Gegner rüber, am Ende gewann Leipzig 2:1. Entsprechend sauer sind die Fans derzeit, vor allem Trainer Roberto Mancini steht in der Kritik: „@mrmancini10 Va fa’n’culo!“, schrieb ein wütender Zenit-Fan unter sein Instagram-Foto, was nichts anderes als „Fick dich“ bedeutet.

Nun ist @mrmancini10 der Instagram-Name von Roberto Mancini. Aber der Trainer ist ja Profi, auch im Umgang mit der Öffentlichkeit. Was wird er also tun? Den Post ignorieren? Zur Sachlichkeit aufrufen? Äh, nein. Der Trainer reagierte auf die Pöbelei unter dem Foto höchstselbst, und im selben Ton: „Tu e tua sorella“, antwortete er dem Fan, „Dich und deine Schwester.“ Nun ja.

kscheib zenit mancini instagram

⚽ Russlands Nationaltrainer Stanislaw Tschertschessow hat sich im brasilianischen Fernsehen zu den Themen Rassismus und Hooligans in Russland geäußert. Leider bewegt sich seine Äußerung auf dem Niveau von Franz „Ich hab noch nicht einen einz’gen Sklaven in Katar g’sehn“ Beckenbauer: Das mit dem Rassismus ist gar nicht so schlimm, und das mit den Hooligans ebenfalls alles halb so wild. (Warum ich das anders sehe, steht hier.)

⚽ So, das muss aber jetzt erst mal reichen an Trainer-Geschichten. Reden wir vom Titan: Die Iswestija hat Oliver Kahn ein paar Fragen gestellt, zum Einstieg geht es um Russlands Rolle als WM-Gastgeberland, die Antworten sind alle freundlich-unverbindlich. Interessanter fand ich, was Kahn zum russischen Fußball zu sagen hat, genau genommen zu Igor Akinfejew.

kscheib russball oliver kahn

Der Mann ist, was Kahn auch mal war: Torwart und Kapitän der Nationalmannschaft. Kahn hält, das kommt bei dem Interview gut raus, große Stücke auf Akinfejew und ist selbst verwundert, dass dem der internationale Durchbruch noch nicht gelungen ist. Von einem Torwart zum anderen rät er ihm darum, sein Glück außerhalb des russischen Vereinsfußballs zu suchen: „Er muss sich die Frage stellen, wie weit er im russischen Fußball sein Potenzial realisieren kann. Um sich völlig zu entwickeln, muss er raus aus seiner Komfortzone.“

⚽ Twitter und FOX haben sich zur gemeinsamen WM-Berichterstattung zusammengetan, täglich soll es bei Twitter eine halbstündige Livesendung mit Highlights des Turniers geben. Gedacht ist das Angebot allerdings für Zuschauer in den USA – Twitter-Nutzer in Europa brauchen also vermutlich ein VPN, um mitgucken zu können. Das Studio zur Sendung soll übrigens mitten auf dem Roten Platz stehen – mal sehen, ob das bei den Moskauern auf ähnlich viel Gegenliebe stößt wie vor ein paar Jahren der Louis-Vuitton-Koffer.

⚽ Schlimm: Dass immer noch Leute Überschriften nach dem Prinzip „From Russia with XY“ (oder auf deutsch „XY-Grüße aus Moskau“) machen. Dann doch bitte besser so schmerzhaft kalauernd, aber immerhin originell, wie hier. (Ja, ich musste mir das auch laut vorlesen. Wenn das nicht reicht, hilft dieser Clip euch vielleicht auf die Sprünge.)

⚽ Das „Mannschaft Magazin“ kannte ich bisher nicht, begegnet ist es mir nun durch einen langen Artikel über die Situation schwuler Fußballfans in Russland, der im Gegensatz zu vielen anderen über die bloße Bestandsaufnahme hinausgeht. In der interessantesten Passage des Textes kommt Ale­xander Agapow zu Wort, der Präsident des russischen LGBT-Sportverbandes.

Er berichtet aus der Praxis, wie schwierig es ist, Mitstreiter im Kampf gegen Homophobie zu finden, und wie schwer sich schwule und lesbische Sportfans mobilisieren lassen: „Sie akzeptieren ihre Situation und glauben, sie seien machtlos. Sie sehen nicht, dass ihre Teilnahme etwas bewirken könnte,“ kritisiert Agapow.

⚽ Zwei prominente russische Fußballer haben auf ihren Social-Media-Accounts dazu aufgerufen, am kommenden Wochenende wählen zu gehen – klingt erst mal nicht besonders interessant. Doch Sports.ru hat da etwas beobachtet: Es sind schon ziemlich auffällig ähnliche Bilder, die die beiden Nationalspieler Artjom Rebrow und Alexander Kokorin da gepostet haben, beide mit denselben Hashtags, beide mit abgeschalteter Kommentarfunktion.

Neben den beiden Nationalspielern haben auch andere Promis solche Motive veröffentlicht. Und das, wo jedem klar ist, dass Wladimir Putin die Präsidentschaftswahl ohnehin gewinnen wird – womit die Wahlbeteiligung der eigentliche Gradmesser für seinen Rückhalt in der Bevölkerung ist.

Haben sich die beiden also anwerben lassen für eine Promokampagne, die Putin die erhoffte hohe Wahlbeteiligung bescheren soll? (Schließlich machen die Behörden hier gerade jede Menge Wellen, um Wähler anzulocken – man kann sogar ein Auto gewinnen.) Kokorin hat auf Anrufe von Sports.ru nicht reagiert, und das kurze Interview mit Rebrow ist in all seiner Schlichtheit ziemlich deutlich:

– Ach, lassen Sie uns darüber nicht diskutieren. Das ist doch ein politischer Moment. Kein Kommentar.

– Haben Sie selbst entschieden, das zu posten, oder hat Sie jemand darum gebeten?

– Ich sagte doch: Da reden wir nicht drüber. Das ist doch nicht die Frage. Mit Sport hat das nichts zu tun, stimmt’s? Und über Politik diskutiere ich nicht.

– Aber Sie sind Sportler.

– Aber über Politik rede ich nicht. Zum Thema Sport beantworte ich alle Fragen.

– Sie wollen also überhaupt nichts dazu sagen? Kokorin hat heute einen ähnlichen Post veröffentlicht.

– Genau, da will ich gar nichts zu sagen.

Was Sports.ru noch über die mögliche Kampagne herausgefunden hat, steht hier.

⚽ Schon seit einigen Wochen protestieren Studierende an Moskaus wichtigster Uni gegen Pläne der FIFA, bei ihnen rund ums Gebäude eine Fan-Zone einzurichten. Die Studentinnen und Studenten der Lomonossow-Universität haben Angst, das 40.000 feiernde Fußballfans den Unibetrieb durcheinanderbringen können – das sorgt nicht nur diejenigen, bei denen im Sommer Prüfungen anstehen.

Nachdem von der FIFA niemand auf die Proteste reagiert hat, hoffen sie nun auf Unterstützung von Wissenschaftlern und Studenten aus aller Welt, um endlich Gehör zu finden. Warum sich die FIFA nicht bewegt, dazu haben sie jedenfalls eine simple These: “Vielleicht ignoriert sie das Problem aufgrund ihrer Sponsoren, die ja gute Bilder für ihre Fernsehberichterstattung brauchen.“ Das Unigebäude ist ein Prunkstück der Moskauer Architektur, eignet sich also in der Tat gut als TV-tauglicher Hintergrund für Bilder feiernder Menschen.

⚽ Der Fall Sergei Skripal geht in die zweite Woche, und nein, ich hätte nicht gedacht, dass sich da ein fußballerischer Aspekt dran finden lässt. Aber das Team der BBC-Nachrichtensatireshow „Have I got News For You“ hat sich Mühe gegeben und dann doch einen entdeckt: „England stellt neues Auswärtstrikot für WM in Russland vor“.

⚽ So sehr es sich manchmal anfühlt, als laufe im Fußball im Moment alles nur auf die Weltmeisterschaft hin: Es gibt ein Leben nach der WM, sogar ein fußballerisches. Ja, stimmt, erst mal reist die deutsche Nationalmannschaft im Sommer nach Russland, aus bekannten Gründen. Aber Mitte November gibt es dann einen Gegenbesuch: Russland schickt seine Elf zum Länderspiel nach Deutschland, genau genommen nach Leipzig. Könnt ihr euch ja schon mal in den Kalender eintragen.

⚽ Und dann noch eine Kleinigkeit, die nur indirekt mit Fußball zu tun hat: Seit kurzem bin ich Besitzerin eines Stapels alter Fußballbücher. Design aus der Sowjetzeit, seien es Werbeplakate, Alltagsgegenstände oder Schnittmuster, ist ein Faible von mir.
In dem Bücherstapel ist auch sicher einiges an künftigem Blogmaterial enthalten, aber im Moment bin ich noch perplex und begeistert von drei Fundstücken, die zwischen den Seiten lagen: Olympia-Andenken aus dem Jahr 1980.

⚽⚽⚽

So. Russball ist fertig, bloß der doofe Wartebalken hat es noch nicht mal bis zur Hälfte des Bildschirms geschafft. Vier Stunden lang regelmäßiges Gucken auf diese Info, einschließlich Tippfehler.

kscheib fifa wartebildschirm

Vier Stunden das Gefühl, dass „more than an hour“ mindestens Schönfärberei ist, vielleicht auch einfach Spott. Mal sehen, ob sich in den nächsten vier Stunden was tut, aber so lange müsst ihr ja nicht warten – wir sprechen uns in einer Woche wieder. Bis dann!



 

Weiterlesen

Russball, Folge 37: Bier, das Getränk zivilisierter Fans

Russball kscheib Suus Agnes 2 signed

Eins gleich vorneweg: Wir halten uns diese Woche nicht auf mit Stanislaw Manajew. Ja, der Mann aus dem Kader des FK Tosno hat sich tatsächlich mit einem 5000-Rubel-Schein die Nase geputzt. Ja, das ist komplett geschmacklos, wenn man bedenkt, dass jemand, der in Russland den gesetzlichen Mindestlohn verdient, im Monat gerade mal zwei solcher Scheine zur Verfügung hat. Mehr gibt es dazu nicht sagen, höchstens noch: Wer auf dem Platz nicht von sich reden macht, muss eben andere Wege wählen.

⚽⚽⚽

⚽ Der Besitzer der russischen Supermarktkette „Magnit“, Sergei Galizki, ist gerade aus dem Unternehmen ausgestiegen und hat seine Anteile an die Staatsbank VTB verkauft. Warum diese Info in einen Newsletter zum Fußball in Russland gehört? Wegen der Antwort, die Galizki auf die Frage gab, was denn nun für ihn kommt: „Ich werde in Krasnodar leben und mich wohl dort um den Kinder- und Jugendfußball kümmern. Das ist alles, denke ich.“

Der FK Krasnodar gehört zu den Top-Vereinen der Premjer-Liga, Galizki selbst hat ihn vor zehn Jahren gegründet und ist noch heute sein Präsident. Und der Verein ist bemerkenswert, weil er sehr viel mehr Wert auf Nachwuchsförderung legt als seine Mitbewerber (mehr dazu hier). Darum ist der Ausstieg eines Supermarkt-Magnaten aus seinem Unternehmen eben auch ein Thema für Russlands Sportjournalisten: „Das Leben der Nachwuchsspieler des FK Krasnodar wird noch besser“, heißt einer der Kommentare.

⚽ Nicht nur fußballerisch ist die Zeit zwischen dem Confed-Cup im vergangenen Sommer und der WM in diesem Jahr eine Durststrecke, sondern auch ganz wortwörtlich: Abseits solcher großen Turniere darf in Russland kein Alkohol im Stadion verkauft werden, was die Fans naturgemäßig wenig begeistert. Sergej Prjadkin, Chef der obersten russischen Liga, hat darum jetzt mal einen Testballon steigen lassen.

Budweiser oder Klinskoje? In solchen Bechern wurde beim Confed-Cup Bier in den russischen Stadien verkauft.
Budweiser oder Klinskoje? In solchen Bechern wurde beim Confed-Cup Bier in den russischen Stadien verkauft.

Ja, der Kampf gegen den Alkoholismus sei weiter wichtig, so Prjadkin – aber Bierhersteller seien eben auch eine mögliche neue Einnahmequelle für die Fußballvereine. Die Premjer-Liga arbeite deshalb daran, dass Bier im Stadion und Biermarken als Sponsoren bald erlaubt sind. Schließlich, so Prjadkin, ist Bier „ein normales Getränk zivilisierter Fans“. Und die Fußballseite „Bombardir“ weist darauf hin, dass in Deutschland das Stadionbier eine lange Tradition hat. Randale, heißt es dort, werde mit Überwachungskameras verhindert.

⚽ Wo wir gerade beim Alkohol sind: Пробка, gesprochen [PROBka], hieß mal eine Fußballkneipe bei uns um die Ecke. Fußballfans trinken gerne, пробка bedeutet Korken, die Logik war halbwegs einleuchtend. Im übertragenen Sinne ist eine пробка aber auch ein Stau – der Korken also, der verhindert, dass der Verkehr fließt.

An das Themenfeld zwischen Korken knallen lassen und im Stau stehen musste ich bei dieser Meldung hier denken: Damit trotz Moskaus legendär verstopfter Straßen alle WM-Spiele pünktlich anfangen, dürfen die Mannnschaftsbusse auf den Spezialspuren fahren, die auch der ÖPNV in Moskau nutzt. Auch offizielle Delegationen und Journalisten bekommen dieses Privileg – vorausgesetzt, sie sind in Shuttlebussen unterwegs. (Die Regelung gilt auch in den anderen Gastgeberstädten, Details hier.)

⚽ Als Rheinländerin in Russland ist mir das Prinzip, dass vor der Fastenzeit eine Figur verbrannt wird, vertraut. In Köln stirbt für unsere Sünden der Nubbel in den Flammen. In Russland ist – nach den „Masleniza“-Tagen, in denen man so viele Pfannkuchen wie möglich isst – eine große Strohfigur fällig. Traditionell ist das meist eine Frauenfigur in traditioneller Tracht, die als „Frau Masleniza“ für den hoffentlich bald beendeten Winter steht.

In der Stadt Perm haben sich einige Menschen in diesem Jahr auf ein populäres Feindbild geeinigt: Sie zündeten eine Strohpuppe an, der sie das Gesicht von Grigori Rodschenkow angesteckt hatten, dem Doping-Whistleblower. Damit keine Missverständnisse aufkommen, hat der Puppe auch noch jemand ein „WADA“-Schild ans Hemd geheftet.

kscheib russball perm maslenitsa

Einen lebenden Menschen symbolisch verbrennen und dann um die brennende Figur tanzen. Wo ist das Facepalm-Emoji, wenn man es braucht?

⚽ Welcher russische Verein erreicht in der Europa League die nächste Runde? Sergei Andrejew, sowjetischer Nationalspieler und heute Trainer, macht sich wenig Illusionen: Spartak, Zenit und ZSKA sind nach seiner Einschätzung alle chancenlos, bloß Lokomotive Moskau kommt weiter. So weit, so offensichtlich – Loko ist der einzige Verein, der sein Hinrundenspiel gewonnen hat.

Als ich mir zu Andrejew ein wenig Hintergrund anlesen wollte, bin ich auf ein interessantes Detail gestoßen: Der Mann ist einer von knapp 75 russischen Fußballern im Grigori-Fedotow-Klub. Nun ist das nicht die Sorte Verein, deren Mitglieder sich einmal im Jahr treffen und bei Mineralwasser die Tagesordnung abnicken und den Vorstand endlasten.

Der Fedotow-Klub ist eher eine Liste, eine Art Hall of Fame. Alle russischen Spieler, die in ihrer Profikarriere mindestens 100 Tore geschossen haben, gehören dazu. (Wer Spaß an sowas hat, findet im Kleingedruckten viel Unterhaltsames: So zählen zum Beispiel Tore in der Liga, in der Nationalmannschaft und bei Spartakiaden. Für russische Spieler im Ausland gilt: Tore in der ersten Bundesliga zählen, in der zweiten leider nicht.)

⚽ Nicht ausgestrahlt wird die Fußball-WM in der Ukraine, aus politischen Gründen und vielleicht auch als als Reaktion darauf, dass der Eurovision Song Contest in Kiew nicht im russischen Fernsehen gezeigt wurde.

Für ukrainische Fußballfans dürfte das allerdings kein großes Problem sein – und das nicht nur, weil ihre Mannschaft sich nicht qualifiziert hat. Schließlich sind viele russische TV-Sender zwar in der Ukraine geblockt. Aber wie geübt die Menschen darin sind, solche Blockaden zu umgehen, hat gerade erst diese Statistik gezeigt: VK, Odnoklassniki, Yandex – alle offiziell gesperrt und trotzdem weiterhin unter den populärsten Websites in der Ukraine. Heißt für die WM: Was der Fernseher nicht liefert, liefern halt VPN und Livestream.

⚽ Fünf WM-Spiele werden in Rostow am Don stattfinden, nun lässt sich der stellvertretende Gouverneur dort ins Portemonnaie gucken und zählt auf: 38 Milliarden Rubel für den schicken neuen Flughafen, 18 Milliarden fürs Stadion, dazu noch diverse Brücken- und Straßenbauprojekte, Insgesamt hat die Stadt so laut eigenen Angaben mehr als 100 Milliarden Rubel investiert, um sich weltmeisterschaftstauglich zu machen. Umgerechnet sind das rund 1,4 Milliarden Euro.

⚽ Zum Abschluss noch eine kleine Übersicht, mit welchen neuen Gesetzen sich die russische Regierung auf die WM vorbereitet. Zum einen läuft bis Ende Mai ein Pilotversuch zum steuerfreien Einkaufen für Touristen – bei Erfolg soll es im Anschluss direkt auf alle WM-Austragungsorte ausgedehnt werden. Damit bekämt ihr also die Mehrwertsteuer auf eure WM-Handyhüllen und WM-Hoodies und WM-Federmäppchen und WM-Teekannen zurück (ja, das gibt’s alles wirklich).

Der Verkehrsminister möchte unterdessen bitte ein Gesetz bewilligt bekommen, wonach er (vermutlich nicht persönlich) während des Turniers Drohnen abschießen lassen darf, die zum Beispiel ohne Erlaubnis über ein Stadion fliegen. Es ist nicht die einzige Akte mit WM-Vermerk auf dem Schreibtisch des Ministers: Gerade hat er auch ein Bauunternehmen verklagt, das für zwei der Stadien zuständig war. Knackpunkt ist offenbar die Frage, warum die Projekte so viel teurer wurden als geplant: Lag’s, wie die Firma sagt, an der Inflation? Oder ist da doch der ein oder andere Rubel, na, sagen wir mal: versickert?

⚽⚽⚽

Ein Update gibt es noch nachzureichen zur Russball-Folge 34 – das war die mit der Liste russischer Hotels, die versuchen, WM-Reisende mit überhöhten Preisen abzuzocken. Gerade wurde bekannt, dass sie dafür insgesamt rund 88.000 Euro an Bußgeldern zahlen mussten. Guckt man allerdings genauer, verteilt sich diese Strafe auf fast 400 Hotels bzw. Hotelbesitzer. Im Schnitt also vielleicht 250 Euro pro Fall. Ob das irgendeine abschreckende Wirkung hat?



 

Weiterlesen

Russball, Folge 35: So klingen die elf WM-Gastgeberstädte

Russball kscheib Suus Agnes 2 signed

Erinnert ihr euch an die Korobka? Viele russische Kinder haben in dieser Art Käfig, den man oft in russischen Wohngebieten findet, zum ersten Mal Fußball gespielt. Manchmal hängt dort zusätzlich auch noch ein Basketballkorb – Hauptsache, was mit Bällen. Seit letzter Woche weiß ich nun, wozu so eine Korobka im russischen Winter gut ist: Einfach den Boden fluten, gefrieren lassen, und siehe da: ein Eishockeyfeld! Puck statt Ball – hier ein kleiner Schwenk.

⚽⚽⚽

⚽ Wird eine Heuschreckenplage über die Stadien der Fußball-Weltmeisterschaft herfallen? Ja, sagt ein Abteilungsleiter im russischen Landwirtschaftsministerium. Nein, sagt der Leiter des WM-Organisationskomitees. Welche der beiden Meinungen in mehr Medienberichten zitiert wurde, könnt ihr euch selber denken. Aber gut, Dementis machen halt auch Arbeit und sind eher unsexy.

Darum hier schon mal prophylaktisch meine extrem subjektive Einschätzung: Auch in Blut verwandeltes Wasser, Frösche, eine Viehpest, schwarze Blattern, Hagel, Finsternis und den Tod aller Erstgeborenen werden wir diesen Sommer in Russland eher nicht erleben. Nur bei den Punkten „Stechmücken“ und „Stechfliegen“ sind sich die Propheten noch unsicher. Nein! Doch! Oh!

⚽ Guus Hiddink hat fünf verschiedene Nationalmannschaften trainiert, darunter die russische. Eine gute Ausgangslage, um sich zu den Chancen des russischen Teams bei der WM im eigenen Land zu äußern. Nach dem Confed-Cup neigt Hiddink nicht zu übermäßigem Optimismus: Russland habe gute Momente gehabt, aber auch Schwächen gezeigt. Daraus auf das Abschneiden bei der WM zu schließen, sei also schwierig.

Was Hiddink sonst noch zu sagen hat? Das, was jeder, der den russischen Fußball analysiert, als Knackpunkte ausmacht: Zur professionellen Entwicklung sei es möglicherweise gut, wenn russische Spieler sich auch mal bei ausländischen Vereinen bewähren müssten, wo die Konkurrenz größer ist. Und dass der russische Fußball endlich eine anständige Nachwuchsförderung braucht, das hat Hiddink nach eigenen Worten schon 2010 angeregt. (Den ganzen Artikel gibt es auf Seite 8 in diesem PDF.)

⚽ Gleiches Thema, anderer Gesprächspartner: Kevin Kuranyi, der ja einige Jahre bei Dynamo Moskau gespielt hat, hat sich vom russischen Staatssender RT interviewen lassen. Neben ein paar Höflichkeiten (Kuranyi vermisst Borschtsch und den Roten Platz) geht es auch hier um die Chancen der russischen Nationalmannschaft bei der Fußball-Weltmeisterschaft.

Großes Potential sehe er beim Team, so Kuranyi, nach „einigen schweren Fehlern“ in der Vergangenheit werde es Russland deshalb definitiv über die Gruppenphase hinaus schaffen – erst recht im eigenen Land, mit den eigenen Fans im Rücken. Und Kuranyis Zukunft? Er kann sich da durchaus eine Rückkehr nach Russland vorstellen, als Trainer oder in einer ähnlichen Rolle.

⚽ Manchmal fühlt es sich an, als hätte inzwischen jede Webseite, jeder Radiosender, jede Zeitung die elf Austragungsorte der Fußball-WM vorgestellt. Aber nun ist mir etwas begegnet, das mir tatsächlich neu war: Eine Musik-Weltkarte. Für 3000 Orte kann man dort nachsehen, was derzeit das meistgehörte Lied bei YouTube ist. Das ist doch vielleicht ganz nützlich für deutsche Fußballfans, um sich ins Gastgeberland schon mal ein bisschen reinzuhören.

Tatsächlich sind die elf Gastgeberstädte genau aufgeteilt: In Kaliningrad, Saransk, Rostow, Sotschi und Wolgograd hören die Leute am liebsten „Troll“:

In Kasan, Samara, St. Petersburg, Jekaterinburg und Nischni Nowgorod liegt dagegen „Rosowoje Wino“ vorne, was übersetzt „Rosé(wein)“ bedeutet.

Was ist nun besser, komischer, absurder? Das „Troll“-Video, in dem ein Mann am Bananentelefon mit einer Frau am Hummertelefon spricht? Oder doch der „Rosowoje Wino“, wo ein Mann mal mit durchsichtigem Regenschirm und mal mit Ramennudeln und Essstäbchen in der Hand singt und tanzt? Macht es einen Unterschied, dass der erste Clip wahrscheinlich absichtlich lustig ist und der zweite möglicherweise ernst gemeint? Schwer zu sagen, ich fühle mich da wie Moskau, die elfte WM-Stadt. Die liegt auf der Landkarte genau im Grenzgebiet zwischen Troll-Land und Rosé-Land.

⚽ Die Zeitung „Wedomosti“ hat diese Woche einen Text veröffentlicht, der einen guten Einblick in die Weltmeisterschafts-Logistik gibt. Es geht vor allem um die Firma „Match Accommodation“, die für die FIFA – also für Offizielle, für Mannschaften, für Dienstleister – Hotelunterkünfte während des Turniers organisiert. Gut vier Monate vor dem Eröffnungsspiel hat Match Accommodation nun ein Drittel der ursprünglich reservierten Hotelbetten wieder freigegeben, weil inzwischen klarer wird, welche Teams, und damit auch welche Mitarbeiter, sich wann in welcher Stadt aufhalten.

Für Otto Normalfan macht das beim Hotelbuchen keinen großen Unterschied, dazu ist die absolute Zahl der jetzt frei gewordenen Betten zu niedrig. Als detaillierter Einblick in einen Bereich der WM-Vorbereitungen lohnt der ganze Artikel dennoch das Lesen.

⚽ Angenommen, ihr habt Pech. Angenommen, ihr habt Geld. Trifft beides zusammen, dann seid ihr unterm Strich immer noch fein raus, jedenfalls in Sachen WM-Tickets: Wer auf dem regulären Weg nicht an Karten für sein Lieblingsspiel kommt (weil zum Beispiel zu viele andere das Spiel ebenfalls sehen wollen), kann dieses Problem lösen, indem er es mit ordentlich Geld bewirft. Das Zauberwort – okay, die beiden Zauberwörter – heißen: „Hospitality Package“.

Wer gewillt ist, rund 1300 Euro in die Hand zu nehmen, kann beispielsweise jetzt sofort eine Karte für Deutschland – Mexiko am 17. Juni buchen. Dafür kriegt der solvente Gast dann nicht nur einen Sitzplatz, sondern wird an einem separaten Eingang von lächelnden Hostessen persönlich eingewunken, bekommt Getränke und Essen (vermutlich nicht gerade auf Bier-und-Bratwurst-Niveau) und am Schluss noch ein Geschenk zum Mitnehmen. Das mit den 1300 Euro pro Ticket ist übrigens nur die niedrigste „Hospitality“-Stufe. Wer Deutschland beim Spiel gegen Mexiko lieber aus einer privaten Suite zujubeln will, kann das für 43.000 Euro pro Ticket tun.

kscheib russball fifa hospitality

⚽ Wechselnde Bauunternehmen. Verzögerter Baubeginn. Sumpfiger Boden. Schlechtes Baumaterial. Nicht gezahlte Löhne. Streikende Bauarbeiter. Sports.ru schreibt über „Das problematischste Stadion der WM 2018“ und meint damit das in Kaliningrad. Allein schon die Infografik dazu – man scrollt und scrollt, und es wird immer schlimmer. Ein Gebäude, bei dessen Inspektion nicht mal die VIP-Toiletten akzeptabel waren. Mehr dazu hier.

⚽ Es. Ist. Immer. Noch. Winterpause. Wenig zu erzählen also aus dem russischen Ligafußball, höchstens mal ein Transfer oder eine Spielerfrau, die sich daneben benimmt. Aber immerhin, es gibt ja noch Denis Tirin. Als Sportfotograf hat er früher bei Championat.ru gearbeitet, inzwischen ist er bei ZSKA Moskau und darum aktuell mit der Mannschaft im spanischen Trainingslager.

Dort ist eine Fotoreportage entstanden, die neben typischen Trainingssituationen auch ein paar ungewohnte Motive zeigt: Stell dir vor, du liegst auf der Massagebank, und plötzlich krabbelt ein Fotograf unter dir lang. Stell dir vor, du bist ein Vogel und plötzlich sind da diese lauten Sportler auf deinem Rasen. Stell dir vor, du hast so hart trainiert, dass dein ganzes Gesicht nur noch aus Schweißtropfen besteht. (Alle Bilder hier.)

⚽ Und wenn sie dann irgendwann mal vorbei ist, die Winterpause? Dann sollten sich Russlands Fußballfans schon mal auf eine Überraschung einstellen, schreibt Bombardir.ru. Der FK Rostow, aktuell Zehnter in der Tabelle, werde es allen zeigen, heißt es dort. Ende Dezember hat der Club Waleri Karpin als Trainer verpflichtet, der mit kurzer Unterbrechung von 2009 bis 2014 Spartak Moskau trainiert hat. Unterstützung bekommt er vom frisch aus England heimgekehrten Leonid Slutsky – auch keine kleine Nummer.

Dazu noch eine Reihe früherer Spartak-Spieler und die drei Isländer Sverrir Ingason, Ragnar Sigurðsson und Björn Sigurðarson (die letzten beiden frisch eingekauft) – für Bombardir sind das alles Gründe, warum sich Rostow in der Rückrunde besser schlagen wird als bisher. Nur die Leser sehen das anders: Bei der Abstimmung unter dem Artikel geht die Mehrheit von ihnen davon aus, dass der Club auch zum Ende der Saison irgendwo in der Tabellenmitte rumdümpeln wird.

⚽⚽⚽

Zum Schluss noch ein kleiner Dialog. Der Gesprächspartner arbeitet bei einem internationalen Medienkonzern, und wir unterhalten uns darüber, wie verschiedene Redaktionen die WM-Berichterstattung organisieren, wen sie wann wohin schicken und so weiter.

„Weiß du, bei uns gibt es einen Sport-Kollegen, bei dem sich zwei Termine überschneiden. Darum kann er nicht bei der ganzen WM dabei sein, sondern nur die ersten beiden Wochen.“ – „Und jetzt?“ – „Naja, sie haben ihm halt die englische Mannschaft zugeteilt.“

Bis nächste Woche!



 

Weiterlesen