Tag des Flauschverteidigers

Was sich geändert hat in den knapp drei Jahren, seit Russland die Krim annektiert hat: Die Karten zum 23. Februar sind weniger martialisch geworden. Ja, der Feiertag heißt immer noch „Tag des Vaterlandsverteidigers“, es ist schul- und für die meisten auch arbeitsfrei. Betritt ein Mann an diesem Tag ein Café oder ein Geschäft, darf er sich auf Glückwünsche einstellen. Egal, ob er tatsächlich Soldat ist oder doch eher Sachbearbeiter, Hausmann, Lehrer oder Automechaniker: jeder ein Vaterlandsverteidiger, potenziell.

2015 sahen die Grußkarten im Dom Knigi, dem großen Buchladen, noch so aus wie diese hier. Panzer, Nationalfarben, Militarismus. Auch gerne genommen: Kampfflugzeuge, Orden und andere Ehrenzeichen, Georgsbänder und rote Sterne.

2017, derselbe Buchladen. Noch immer hängt über der Information ein gerahmtes Putin-Porträt, an vaterländischem Enthusiasmus scheint es also nicht zu fehlen. Doch die Grußkarten sind diesmal anders. Weiß-rot-blaue Girlanden gibt es noch gelegentlich, für Traditionalisten auch Nelken, hier und da Tarnfleck. Panzer, Raketen oder Kampfjets hingegen finden sich keine, das Design ist durch die Bank weniger martialisch. Ziviler. Flauschiger.

Eine kleine Auswahl, willkürlich zusammengestellt und gekauft – und doch sagt sie viel aus mit ihren Kuschelkatzen, dem durch und durch zivilen Anzug, den betont verspielten Schrifttypen. Selbst vom „Tag des Vaterlandsverteidigers“ ist nur auf einer von ihnen die Rede, die anderen belassen es beim 23. Februar oder paraphraseln was vom „Tag der echten Männer“.

Und auch der Text in den Karten belässt es bei gelegentlichen Anspielungen aufs Soldatenleben: Neben Glück und Gesundheit sollen sich die Empfänger auch über „regelmäßige Siege“ freuen, über eine „Nachhut“, die ihm den Rücken frei hält.

Besonders eloquent ist das in der Katzen-und-Hund-Karte formuliert: „Auch wenn du keine Uniform trägst, können wir stolz auf dich sein. Durchschnittliche Männer gibt es Millionen, aber solche wie dich nur selten: Stark, mutig, zielgerichtet, immer nach Erfolg strebend. Mögen die Frauen stets mit Liebe auf dich blicken, gebannt vor Begeisterung!“

(Wem das alles zu verweichlicht ist: Zur Vorbereitung auf den 9. Mai bietet ein Moskauer Kindergarten Eltern an, ihren Nachwuchs in Uniform und mit Waffen fotografieren zu lassen.)

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Nachtrundfahrt durch Moskau

„Seit ich dich kenne, mag ich es gern, wenn der Winter kommt – dann wird’s früher dunkel.“ Element of Crime müssen an Moskau gedacht haben, denn Winterzeit heißt hier: Endlich muss man nicht mehr bis zum späten Abend warten, um die im Dunkeln angestrahlte Stadt zu bewundern. Wie sagte es neulich erst wieder ein Gast aus Westfalen: „Also beleuchten können se.“ Stimmt.

Zu den Vorbereitungen, wenn sich Gäste anmelden, gehört darum immer auch ein Anruf bei S. Er hat ein Auto – und ein Leben lang Erfahrung mit dem Moskauer Verkehr, ist also der perfekte Fahrer für eine Tour am Abend – vorbei an historischen Gebäuden, moderner Architektur und anderen Fotomotiven. Die Strecke dafür hat sich inzwischen eingespielt:

Wir starten am Kutusowsky-Prospekt, gegenüber vom Hotel Ukraina (1, rot markiert), einer der „Sieben Schwestern“ im Zuckerbäckerstil, die in warmem Licht angestrahlt wird. Vorbei am Weißen Haus (2), dem Regierungssitz, vor dem Jelzin einst auf einen Panzer kletterte, geht es über den Neuen Arbat (3), der im Dunkeln zumindest ein wenig besser zu ertragen ist als tagsüber. Der Buchladen „Dom Knigi“ (4) zur linken ist in den Farben des Regenbogens angestrahlt, einen Ausschnitt sieht man im Headerbild dieses Blogs.

Jetzt knickt die Route rechts ab und windet sich um ein Gebäude des Verteidigungsministeriums (5), kurz darauf hat man zum ersten Mal einen Blick auf den Kreml (6). Auf diesem Stück der Route wechseln sich in schneller Folge die Sehenswürdigkeiten auf beiden Seiten ab: links Staatsbibliothek (7), rechts Manege (8), links die Uni-Fakultät für Journalismus (9). Der Stau, den es hier selbst nach der Rushhour manchmal noch gibt, sorgt dafür, dass man wenigstens in Ruhe gucken kann.

Das Bolschoi bei Nacht, von rechts drängelt sich noch das TSUM ins Bild.
Das Bolschoi bei Nacht, von rechts drängelt sich noch das TSUM ins Bild.

Wie der Neue Arbat gehört auch die Duma (10) zu den architektonischen Punkten Moskaus, die man besser nicht bei Licht betrachtet. Das Bolschoi-Theater (11) und die riesigen Spielfiguren am früheren „Detski Mir“ (12) sind da eine willkommene Aufheiterung, ehe ein Gebäude mit düsterer Geschichte erscheint: In der Geheimdienstzentrale „Lubjanka“ (13) hielt der KGB unzählige Menschen fest und folterte sie, viele wurden in diesem Bau ermordet. Heute hat hier der KGB-Nachfolger FSB seinen Sitz.

Ein kleines Stück Fahrt, vorbei an den Bögen des Gostiny Dwor (14), und auf einer Art Park-Insel in der Mitte der Straße ist Platz für ein paar Autos. Manchmal halten hier abends Stretch-Limousinen. Wir steigen aus und gehen durch eine Unterführung rüber zur Basiliuskathedrale (15) am südlichen Ende vom Roten Platz (16). Leer ist es um diese Zeit hier immer noch nicht, aber zumindest weniger Geschiebe als tagsüber. Kathedrale, Kremlmauer mit Türmen, vielleicht sogar GUM und Leninmausoleum – wie viel Zeit für Fotos bleibt hängt vor allem davon ab, wie legal das Auto geparkt ist.

Der Blick aufs GUM vom Roten Platz
Egal zu welcher Jahreszeit, das beleuchtete GUM am Roten Platz wirkt immer weihnachtlich

Entlang der Moskwa – mit Blick rüber aufs andere Ufer zur früheren Schokoladenfabrik „Roter Oktober“ (17) – geht es zur Christ-Erlöser-Kathedrale (18). Die Route führt an zwei Seiten des Gebäudes vorbei, halten ist hier allerdings schwierig. Für einen kurzen Stopp zum Bestaunen der angestrahlten Riesenkuppel reicht es aber auf jeden Fall. Das Puschkin-Museum (19) liegt einige Meter zurück von der Straße und ist darum hinter den Bäumen nur kurz zu sehen.

Der nächste Abschnitt ist länger, keine großen Sehenswürdigkeiten, einfach ein entspanntes Dahingondeln durch die nächtliche Stadt, über den Fluss und vorbei am Gorki-Park mit seinem riesigen weißen Tor (20). Bis wir oben angekommen sind auf den Sperlingsbergen (21), an der Aussichtsplattform mit dem Universitätsgebäude (22) hinter uns. Wenn nicht gerade Bauarbeiten den Blick versperren, schweift der Blick hier über große Teile Moskaus – einschließlich Fußballstadion und Skisprungschanze.

Der Blick von den Sperlingsbergen, hier mal durch ein Loch im Baustellenzaun.
Der Blick von den Sperlingsbergen, hier mal durch ein Loch im Baustellenzaun.

Zwei Stopps fehlen noch: Der Siegespark (23) mit seiner Achse aus Springbrunnen, die nachts rot strahlen. Am Ende der Achse erinnern eine Säule und ein ewiges Feuer an die Opfer des Zweiten Weltkrieges. Wie an der Kathedrale ist es allerdings auch hier schwierig, das Auto zu parken – S. macht während des kurzen Halts am Straßenrand sicherheitshalber immer direkt die Kofferraumklappe auf, falls Fragen kommen.

Die finalen Schnörkel der Route winden sich schließlich rund um die spektakulären Hochhäuser von Moscow City (24), bis zu einer Haltebucht, die viele für einen Schnappschuss nutzen. Ach guck, und die Stretch-Limo von vorhin ist auch wieder da. Noch ein letzter Blick auf die Skyline, dann geht es zurück zum Ausgangspunkt vor dem Hotel Ukraina.

Wer die Tour nachfahren möchte, kann die Google-Route aus der Karte oben als KML-Datei runterladen und in sein Navi importieren – oder sich direkt von Google Maps selber navigieren lassen. Etwa zwei Stunden sollte man für die 37 Kilometer Rundweg einplanen.

Danke an Dominic für das Foto von den Sperlingsbergen und an Marco für das vom GUM.

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