Mission Fallobst in Kolomenskoje

Kolomenskoje Apfelbaeume Kirche kscheib

Dass der Weg über die Wiese überhaupt erträglich ist, liegt am bedeckten Himmel. Nur, weil der Moskauer Sommer heute eine kleine Pause einlegt, muss ich mir den Park in Kolomenskoje nicht mit tausend Menschen und zehntausend Wespen teilen. An Sonnentagen ist es hier voll, Moskauer und Touristen genießen das Grün, bewundern die alte Holzkirche und den Blick hinab zur Moskwa.

Heute ist das anders: Der Himmel sieht schon seit einer Stunde aus, als ob es in fünf Minuten anfängt zu regnen. Die Menschen, die hier trotzdem herumlaufen, ignorieren die weiße Kirchturmspitze, die zwischen den Ästen hindurchscheint. Wer heute in Kolomenskoje ist, hat eine Mission, und meist auch einen Beutel in der Hand. Die Mission heißt: Fallobst.

Kaum Menschen also, keine Wespen, dafür aber dieser Geruch. Als wate man durch ein Kneippbecken voller Cidre, der kurz davor ist, zu Apfelessig zu kippen. Alle paar Meter zertritt man einen braunen Apfel zu Matsch oder tritt in den Matsch, den ein Vorgänger hinterlassen hat. Aber der Apfel da vorne, der sieht noch gut aus, der wird aufgehoben. Der da auch, und der, und der, wobei – na, das kann man wegschneiden. Ab in den Beutel damit.

Die Apfelbäume von Kolomenskoje in voller Blüte oder als Schattenspender im Sommer, das habe ich beides schon erlebt. Viele Instagrammer sind dann hier unterwegs, es wird posiert und sich an die Bäume drapiert, was das Zeug hält. Jetzt, im Spätsommer, sieht das anders aus. Gebückte Menschen sammeln die verschiedenen Apfelsorten vom Boden auf – die großen, knatschgrünen und die kleinen, ganz zart rotgestreiften. Wobei, da vorne lehnt tatsächlich ein Mann an einem Baum, allerdings nicht für ein Selfie: Als die Gärtnertruppe, die nebenan den Rasen mäht, vorbei ist, greift er mit beiden Händen fest zu und rüttelt an dem Baum. Was ist besser als Fallobst? Mehr Fallobst.

kolomenskoje kleiner apfel kscheib

Äpfel von den Bäumen zu pflücken scheint verpönt oder, wer weiß, sogar verboten zu sein – auch, wenn viele Äste unter ihrem Obstgewicht bis zum Boden hängen. Aber was auf der Erde liegt, das ist Allgemeingut, manchmal sogar als Nest: Mehrfach stoße ich auf sechs, sieben gute Äpfel, weder angefault noch angefressen, die gemeinsam im Gras liegen – vielleicht hat da jemand gemerkt, dass sein Beutel doch zu voll ist zum Tragen, und ein paar Fundstücke für den nächsten zurückgelassen.

Beim Sammeln fällt mir ein Fallobstgedicht aus der Grundschule ein: Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah/die Luft ist still, als atmete man kaum/und dennoch fallen raschelnd, fern und nah/die schönsten Früchte ab von jedem Baum. Schön, passt aber halt nur bedingt: Es ist noch kein Herbst, die Regenwolken haben Wind mitgebracht, und es sind auch nicht die schönsten Äpfel, sondern die leicht ramponierten, die hier runterfallen.

Aber was macht das schon. Das hier ist vielleicht mein letzter Besuch in Kolomenskoje, eh es im Winter zurück nach Deutschland geht. Und diese Äpfel – vier Kilo wird die Küchenwaage später anzeigen – werden zu einem Andenken verkocht. Apfelchutney vielleicht, Apfelmus oder Apfelgelee. Kolomenskojer Ernte.

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Wer gut massiert, macht auch gute Pelmeni

Ein kleines Rätsel zum Start: Wofür könnten diese Dinger hier gedacht sein?

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Buntes Plastik, vielleicht so 30 mal 30 Zentimeter groß, leicht gewölbt, mit Löchern. Das Ding, von dem auf dem Bild gleich drei sind, ist eine Pelmeniza – also ein Gerät, mit dem man Pelmeni macht. Immer noch nicht schlauer? Okay: Pelmeni sind das, was für Italiener Ravioli sind, für Deutsche Maultaschen, für Chinesen Jiaozi: lecker gefüllter Nudelteig. Ein einfaches, traditionelles Essen, mit dem man viele Leute satt kriegt.

Mit „einfach“ ist allerdings nicht die Herstellung gemeint. Wer Pelmeni nicht tiefgekühlt kaufen, sondern sie selber machen will, der nimmt sich für diesen Tag besser nichts anderes vor – die verschiedenen Schritte brauchen ihre Zeit. Über Pelmeni zu reden ist deshalb auch eine der einfachsten Arten, russischen Bekannten Anekdoten zu entlocken. „Letztes Jahr haben meine Mutter und ich über 1000 Stück auf einmal gemacht, dann eingefroren und Monate davon gegessen.“ – „Also wir haben das früher immer auf der Datscha gemacht, einen ganzen Tag lang, wie am Fließband. Jede von uns wusste, was ihre Aufgabe war.“ Ich habe Freundinnen, die verabreden sich zu „Pelmeni-Partys“. Heute bin ich zum ersten Mal zu einer eingeladen.

Alles beginnt mit dem Teig. Die Zutaten sind unspektakulär – Mehl, Wasser, Salz, ein Ei. Die Mengen? „Musst du halt ausprobieren“, sagt Wilena, die heute den Nichtrussen in ihrem Freundeskreis das Pelmenimachen beibringt. 300 Gramm Mehl, schätze ich den Hügel auf dem Tisch. In die Mitte des Hügels das Ei, dann eine Prise Salz und einen Schuss Wasser. Und jetzt: Kneten, kneten, kneten. Dann kneten. Danach kneten. Anschließend kneten. Der Teigklumpen bekommt Handkanten zu spüren, wird durchgewalkt, hochgehoben und wieder auf den Tisch geknallt. „Wenn du gut darin bist, jemanden zu massieren, dann machst du auch gute Pelmeni“, sagt Wilena.

kscheib pelmeni zutaten

Das Ausrollen ist nicht anders als beim Weihnachtsplätzchenbacken. Und auch der nächste Schritt ist überraschend bekannt: Ehe wir das mit der Pelmeniza probieren, entscheidet unsere Koch-Dozentin, sollen wir erst mal ein paar Pelmeni von Hand formen. Also: Mit einem Trinkglas Kreise ausstechen, den Kreis auf die Handinnenfläche legen, einen Klecks Füllung – bei uns Truthahn-Hack mit Zwiebel – draufsetzen. Dann kommt das Gefalte: Erst den Kreis zum Halbkreis, dann den Rand festdrücken, dann die Seiten über die Mitte… Wilenas Pelmeni sehen nach jahrelanger Übung aus, meine wie von einem ungelenken Kind mit Wachsmalstiften gezeichnet.

Dürfen wir jetzt endlich mit dem richtigen Werkzeug hantieren? Moment, erst müssen die fertigen Pelmeni auf einem eingemehlten Tablett eingefroren werden, damit sie gleich beim Kochen nicht aneinanderpappen. Aber dann: Pelmeniza so hinlegen, dass die Wölbung nach oben zeigt. Ausgerollten Teig drüberlegen und leicht festdrücken, so dass das Wabenmuster sichtbar wird. In 25 Waben 25 Kleckse Füllung, dann die zweite Schicht ausgerollten Teig drüber – und nun der Zaubermoment. Mit dem Nudelholz drüberrollen, und voilà: 25 ebenmäßig schöne Pelmeni!

So geht es den restlichen Abend. In 25-er Ladungen wandern Pelmeni vom Tisch in die heiße Gemüsebrühe, mit kurzem Zwischenstopp im Gefrierfach. Neue Ladungen Teig entstehen. Freunde trudeln ein, helfen beim Essen und gelegentlich auch beim Kneten. Wir diskutieren, wie man die Füllung möglichst mittig auf ihrem Stückchen Teig platziert. Vor allem aber essen wir Pelmeni, mit Brühe oder ohne, aber definitiv mit saurer Sahne und frisch gemahlenem Pfeffer. Dazu gibt es Bier, Wein, was auch immer. Passt schon.

Am Ende des Abends haben wir gut 300 Stück gemacht, gekocht und gegessen. Und ich habe verstanden, dass es Wilena mit ihrem Spruch von den Pelmeni und der Massage nicht um die Kraft ging, die nötig ist. Beides braucht seine Zeit, wenn man es richtig macht. Und beides ist den Aufwand nur wert, wenn man jemandem mal was richtig Gutes tun will.

kscheib Pelmeni mit saurer Sahne

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Lecker Siebzigerjahre-Design aus der Sowjetunion

Alles fing damit an, dass eine Freundin neue Schuhe wollte. Oder besser gesagt: alte. Sie hatte sie online entdeckt, in einem kleinen Laden in Kiew, der sich auf Vintage-Mode spezialisiert. Ich plante sowieso eine Reise in die Ukraine, sollte also Schuhbotin spielen. Handlungsreisende. Zeitreisende.

Eine Halskette, eine Handtasche, eine Brosche und eine Tolle-Retro-Emaille-Schüssel-die-mal-als Schublade-zu-einem-sowjetischen-Kühlschrank-gehört-hat später, und der kleine Vintage-Laden nicht weit vom Maidan gehört zu meinem Pflichtprogramm bei jeder Kiew-Reise.

Diesmal ist mir beim Stöbern dort ein Stapel Flyer in die Hände gefallen. A5-Format in etwa, Farbdruck, matt. Vorne Bild, hinten Text. „Säfte“ steht untern den Illustrationen, „Kompott“, „Kwas“ oder, auch schon mal, „Heil-diätetische Konditoreiwaren“. Herausgegeben hat sie im Jahr 1975 das Ministerium für Lebensmittelindustrie der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik (vielen Dank allen, die bis zum Ende dieses Begriffs dabei geblieben sind), und das Design ist so Siebziger, so Sowjetunion, so besonders, dass ich den ganzen Stapel mitnehmen musste.

"Pflanzenöle"
„Pflanzenöle“

Sonnenblumenkerne als Zirkelmuster in der Mitte, 23 Blütenblätter, Knallfarben. Was wie ein altes Grünen-Wahlplakat aussieht, bebildert tatsächlich einen ministeriellen Infotext zu Pflanzenölen. Der Text ist weder kurz noch interessant („bekannt sind unter anderem Nussöl, Senföl, Maisöl, Sonnenblumenöl, Rizinusöl, Hanföl, Leinöl, Olivenöl, Baumwollsamenöl, Sojaöl, Kokosöl und andere…“), und man fragt sich schon, warum es der Sowjetunion – oder zumindest ihrer ukrainischen Teilrepublik – so wichtig war, ihre Bürger derart tiefgehend über dieses Thema aufzuklären.

Bei anderen Flyern erschließt sich mir das schon eher. Wer Beerenweine hochjubelt, will dafür sorgen, dass die Bevölkerung richtigen Wein nicht so vermisst. Wer Margarine lobt (und dieses Paket Margarine dann auch noch so zeichnet, als läge es in seinem ganz eigenen Scheinwerferlicht), hofft auf eine geringere Nachfrage nach Butter.

"Obst- und Beerenweine"
„Obst- und Beerenweine“
"Margarine"
„Margarine“

Die Teewerbung, mit dem Blick durchs geschwungene Fenster direkt auf die Plantage, suggeriert: Exotik im eigenen Lande, Genosse! Und der nächste Flyer, mit blauem Suppentopf und Effizienz versprechender Uhr, wirbt für Fertiggerichte: „Maisriegel (in den Geschmacksrichtungen süß, süß mit Zimt, süß mit Vanille, süß mit Zitrone) werden in der Dnjepropetrowsker Fabrik für Fertiggerichte hergestellt und tragen das staatliche Qualitätssiegel.“

"Tee"
„Tee“
"Lebensmittelkonzentrate"
„Lebensmittelkonzentrate“

Eine Vorliebe für Gelb- und Brauntöne haben die Flyer, wenn man sie alle mal nebeneinander legt – gut, das deckt sich mit den Deko-Gewohnheiten der Siebziger. Besonders angetan hat es mir die Werbung für Kompott – im Hintergrund das frische Obst in helleren Farben, im stilisierten Glas dann alles ein bisschen dunkler, wie eingekochtes Obst eben nachdunkelt und an Farbe verliert.

Auch beim Thema Kaffee (Warum wird der überhaupt beworben? War der in der Sowjetunion nicht Mangelware?) dominieren Gelb und Braun, nur Kanne und Tasse leuchten in Sonntagsnachmittagsweiß. Die Texter des Ministeriums informieren uns dazu so zuverlässig dröge, wie das Bild anheimelnd ist: „Kaffee ist ein Durst löschendes Getränk mit tonisierenden Eigenschaften. Er steigert die Leistungsfähigkeit des Organismus. Das Getränk regt das zentrale Nervensystem an, verstärkt die Herztätigkeit und verbessert den Stoffwechsel.“ Dann vielleicht doch besser ein Glas Kwas.

(Die Bilder lassen sich per Klick vergrößern. Und der Vintage-Laden soll auch nicht unverlinkt bleiben: Nika Chick Vintage Corner.)

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