Etikette und Eichhörnchen

Heute ist wieder Buchclubtreffen. Ich bin da so reingerutscht dank einer Kollegin, in diese englisch-schottisch-russisch-irisch-amerikanische Runde und habe derzeit noch ein kleines Etikette-Problem.

Bücher zum Vergnügen lesen – geht, klar. Bücher für die Uni oder für die Arbeit lesen – auch. Und wenn mir in einem Buch etwas auffällt, sei es dienstlich oder privat, dann google ich hinterher ein bisschen rum und erfahre mehr. Beim Buchclub wäre das kontraproduktiv: Die Diskussion, was welcher Handgriff eines Autors wohl soll, ist ja gerade das Ziel. Es geht um eigene Gedanken, Referieren aus Wikipedia oder der Reclam-Lektürehilfe kann schließlich jeder.

Zu abstrakt? Okay. Diesen Monat lesen wir „Pnin“ von Vladimir Nabokov, was ganz schön gemein ist seiner Hauptfigur gegenüber. Anders als lächerlich darf der aus Russland in die USA emigrierte Professor vor allem zu Beginn selten rüberkommen, dargestellt als ein verpeilter, schrulliger Waschlappen mit mehr Marotten als Verstand. Und dann noch diese Eichhörnchen.

Graubraunes Cover, bunte Markierungen:
Graubraunes Cover, bunte Markierungen: „Pnin“ nach dem Fertiglesen.

Auf Seite 23 sieht der junge Pnin vom Krankenbett aus eines, auf Seite 24 schaut dem erwachsenen Pnin eines bei einer Panikattacke zu. Auf Seite 58 hat er nach einem Besuch seiner Ex-Frau eine Sinnkrise und gibt währenddessen einem Eichhörnchen was zu trinken – spätestens da habe ich angefangen, die Viecher mit Post-its zu markieren.

So eine Eichhorndichte, das muss doch ein Stilmittel sein und nicht bloß Zufall? Das nächste rennt auf Seite 73 durchs Bild, Pnin ist gerade auf dem Weg in die Bücherei. Und da, auf Seite 76, kommt endlich der Satz, der die ganzen Eichhörner rechtfertigt:

„…many good young people considered it a treat and an honor to see Pnin pull out a catalogue drawer from the comprehensive bosom of a card cabinet and take it, like a big nut, to a secluded corner and there make a quiet mental meal of it…“

Okay, kein Zufall also – aber Absicht in welche Richtung? Soll das Pnin weiterhin lächerlich erscheinen lassen oder auch liebenswert? Ist es dann erwähnenswert, dass er sich Anfang des Buchs alle Zähne ziehen lassen hat und nun sehr stolz ist auf seine famosen Dritten, mit denen er alles zerbeißen kann?

Hätte man das als halbwegs belesener Mensch eh vorher wissen müssen, weil Nabokovs Eichhörnchen sowas sind wie Prousts Madeleines? Und schwingt da irgendeine Metapher über das Leben in der Fremde mit, weil die Eichhörnchen in Russland rot sind und in den USA grau, das Emigrantenleben also ähnlich wie zuhause, aber nicht gleich?

Wir müssen reden.

Phoebe I totally get symbolism gif

Russland, China und diese eine Szene aus „Friends“

Vokabelkarte pivotWährend die Kluft zwischen Russland und dem Westen wächst, rücken Russland und China immer enger zusammen. Allein in diesem Monat gab es nicht nur den massiven Gas-Liefervertrag, sondern auch Absprachen für eine engere Zusammenarbeit im Weltraum und für den Bau einer Brücke über den Amur.

Erst gestern Abend haben China und Russland gemeinsam einen Resolutionsentwurf zu Syrien im UN-Sicherheitsrat blockiert, und das gemeinsame Seemanöver soll auch noch in den Mai fallen.

Die Tücke daran ist, dass sich die englischsprachigen Medien auf einen Begriff für diese Hinwendung Russlands nach China geeinigt haben, der sich unsprünglich auf das Verhältnis zwischen Washington und Peking bezog: „Russia makes its own pivot to Asia„, schreibt die FT, für CNN ist „Putin’s China pivot: All tactics, no trust“ und Charles Krauthammer schreibt in der Washington Post: „Who made the pivot to Asia? Putin.

Pivot bei Reuters, pivot bei Bloomberg, pivot hier, hier und dort – und hey, Alliteration: Putin’s Pivot.

Was natürlich dazu führt, dass ich seit Wochen jeden Tag das hier im Hinterkopf habe.