Russball, Folge 32: Anstoßen mit Bier und Doping-Cocktails

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Ein internationales Sportturnier in Russland, im Jahr 2018 – nein, es geht nicht um die Fußball-Weltmeisterschaft, jedenfalls nicht direkt. In diesen Tagen entscheidet sich nämlich in Moskau, wer Europas beste Eiskunstläufer sind.

Diese Woche habe ich also sowohl für sechs Leute Karten für die Eiskunstlauf-EM gekauft (fünf Minuten online, einschließlich einem Anruf direkt beim Veranstalter, weil ich noch eine Frage hatte) und für zwei Leute Interesse an diversen Moskauer WM-Spielen angemeldet (15 Minuten online, einschließlich der Suche nach so Infos wie „welche Passnummer hat Ihre Begleitung“ und einer Extrarunde „Ihre Kreditkarte ist keine Visakarte, und Visa ist doch unser Sponsor, das geht so aber nicht!“). Es könnte alles so einfach sein. Ist es aber nicht.

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⚽ Wo wir schon an der Grenze zwischen Eisfläche und Stadionrasen stehen: Jewgeni Pljuschtschenko hat als Eiskunstläufer mehr als ein Jahrzehnt lang Goldmedaillen bei EM, WM und Olympischen Spielen gesammelt. Jetzt meldet er sich mit einer Idee zum Fußball zu Wort, oder vielmehr: zu den Gehältern russischer Fußballspieler.

Dass in Russland besserer Fußball gespielt würde, wenn mehr Spieler auch mal Erfahrungen bei einem ausländischen Verein sammeln würden, ist unbestritten. Das hohe Gehaltsniveau im russischen Vereinsfußball, wo viele Clubs dem Staat oder reichen Staatskonzernen gehören, verhindert das meist. Pljuschtschenko, selber Fußballfan, fordert jetzt, den russischen Spielern deutlich weniger zu zahlen: „Das Existenzminimum sind derzeit 11.000 Rubel. Man muss die Spielergehälter auf 30.000 Rubel festlegen.“ Damit läge laut dieser Übersicht „Profifußballer“ etwas über „Schaffner“ (22.0000), auf einer Höhe mit „Museumsangestellter“, aber deutlich unter „Weihnachtsmanndarsteller“ (55.000).

⚽ Wie schön, wenn man sich mal fünf Minuten nicht mit der Frage „Ist Donald Trump ein Rassist?“ beschäftigt, sondern mit Fußball. Leider bleibt da dann immer noch die Frage: „Ist der Social-Media-Mensch von Spartak Moskau ein Rassist?“ Anlass ist ein inzwischen gelöschter Tweet, in dem schwarze Spartak-Spieler beim Training als „Schokolade, die in der Sonne schmilzt“ bezeichnet wurden. (Nicht der erste Vorfall dieser Art bei Spartak.) Das gab den verdienten Ärger – von der Anti-Rassismus-Initiative „Kick it Out“, von der FIFA und nicht zuletzt auch von der russischen Fan-Gruppe „CSKA Against Racism“.

Die betroffenen Spieler selber haben inzwischen in einem Statement betont, bei Spartak gebe es keinen Rassismus. Was sollen sie auch sonst tun, schließlich ist der Verein ihr Arbeitgeber. Auch die Leser von Sports.ru meinen mehrheitlich: Das war doch nur ein Witz, alles halb so schlimm. Ich persönlich würde trotzdem beide Fragen – die nach Trump und die nach Spartak – mit einem Ja beantworten.

Wer nicht versteht, warum auch ein positiv besetzter Begriff wie „Schokolade“ eine rassistische Bezeichnung sein kann, der liest am besten mal bei Jezebel nach, was die damalige Chefredakteurin Dodai Stewart 2011 über eine ähnlich gelagerte Werbekampagne geschrieben hat: „Einen schwarzen Menschen mit Schokolade zu vergleichen (…) ist nichts anderes als Objektifizierung.“

⚽ Falls übrigens jemand von euch britische Medien liest und dort Artikel findet, in denen kritisch über Russlands WM-Vorbereitungen, die Sicherheit im Lande oder gewalttätige Hooligans berichtet wird: Für Marija Sacharowa, Pressesprecherin des russischen Außenministeriums, ist das alles Teil einer Kampagne. Sie behauptet, der Staat habe zahlreiche englische Medien angewiesen, vor der WM eine Schmierkampagne gegen Russland zu fahren.

Die Nachrichtenagentur TASS zitiert dazu Waleri Gassajew, der früher die russische Nationalmannschaft trainiert hat. Er sieht das genau so wie die Ministeriumssprecherin. Schmutzige Propaganda. Eine gezielte Kampagne. Alle nur neidisch, die Briten. TASS, das sollte man vielleicht noch kurz erwähnen, gehört übrigens dem russischen Staat.

⚽ Die Zahl der Deutschen in Moskau ist in den letzten Jahren deutlich gesunken. Aber damit ist jetzt Schluss, in diesen Tagen startet ein Gegentrend, und zwar im Rheinland! Konstantin Rausch vom 1. FC Köln steht offenbar vor dem Wechsel zu Dynamo, selbst die Ablösesumme soll schon vereinbart sein: Westi spricht von zwei Millionen Euro. (Dynamo ist im Moment hier auch mit einer anderen Personalie in den Schlagzeilen: Fliegt Stürmer Pawel Pogrebnjak raus, weil er, statt selber auf dem Platz zu stehen, lieber in Italien als Zuschauer im Stadion war? Ganz schön doof, davon dann auch noch Fotos zu posten.)

So oder so: Wahrscheinlich hat sich Rausch, der auch die russische Staatsangehörigkeit hat, überlegt, dass er so seine Chancen steigert, bei der WM zum Kader der russischen Nationalmannschaft zu gehören. Und ich überlege mir schon mal, ob ich den Neuzugang aus Köln unseren Lieblingsnachbarn vorstellen soll. Falls sich die Gelegenheit ergibt, man weiß ja nie.

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⚽ Wie schaffe ich jetzt den Übergang von „Köln“ zu „Bier“? Doof, dass es da so gar keinen Zusammenhang gibt – das finde selbst ich als Altbiertrinkerin schade. Jedenfalls rechnen Experten damit, dass der Bierverbrauch in Russland dieses Jahr zum ersten Mal seit zehn Jahren wieder zunehmen wird. Interessante Faustregel eines der Experten, den Wedomosti zum Thema befragt hat: Findet in einem Land eine Fußball-Weltmeisterschaft statt, dann treibt das den Bierkonsum um rund fünf Prozent in die Höhe.

Ein paar russische Bier-Fakten für den Hinterkopf: Ja, es stimmt tatsächlich, dass Bier hier rechtlich erst seit dem Jahr 2013 als alkoholisches Getränk gilt – vorher lag die Schwelle bei 10 Prozent Alkoholgehalt. Wer seine Einkäufe bei Russlands großem Online-Supermarkt „Utkonos“ macht, findet dort bis heute die Kategorie „Alkoholische Getränke und Bier“. Ja, man kann russisches Bier sehr gut trinken – auch, wenn in Moskau viele Läden eher Stella, Heineken und Budweiser auf der Karte haben. Bei der russischen Bierkonsumprognose sind übrigens Fußballfans aus Deutschland und England explizit als Hoffnungsträger erwähnt – schließlich kommen sie „aus Ländern mit hoch entwickelter Bierkultur“.

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⚽ Noch mal zum Thema Getränke: Der Preis für den besten Einstiegssatz geht diese Woche an James Ellingworth, der sich im Moskauer Büro von Associated Press um die Sportthemen kümmert. „Würden Sie eine Probe aus dem Doping-Labor von Sotschi trinken?“, beginnt seine Reportage, in der er Absonderliches berichtet: In dem Gebäude, das einst im Mittelpunkt des Dopingskandals bei den Winterspielen 2014 stand, ist nun eine Kneipe mit einem ganz besonderen Humorverständnis. Auf ihrer Cocktailkarte finden sich neben den Klassikern auch diverse Drinks, die Doping-Anspielungen im Namen tragen. Möchte vielleicht jemand ein Glas „Meldonium“? Oder eine „B-Probe“?

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⚽ Dass sich Russlands Fußballvereine schwer damit tun, ihre Stadien vollzukriegen, war hier ja schon mal Thema. Nun gibt es dazu neue Zahlen: Während der Zuschauerschnitt in der Bundesliga 2016/17 bei 40.693 Gästen lag, waren es in Russland bloß 11.415.

Wer den ganzen Bericht liest, findet dort aber auch eine positive Prognose: Nachdem Polen (2012) und Frankreich (2016) die Fußball-Europameisterschaft ausgerichtet hatten, sei in beiden Ländern der Zustrom an Fans gewachsen. Solch eine Entwicklung sei auch in Russland möglich. Und wenn das nicht reicht: In Wladikawkas wollen sie ihren Fußballverein wieder zum Leben erwecken, der 1995 Meister war und 2014 insolvent. Spätestens das wird ja dann wohl der nötige Schub in Richtung Fußballbegeisterung sein!

⚽ Russian Football News hat eine Serie gestartet, die nach und nach alle WM-Austragungsorte vorstellen will. Die erste Folge, in der Moskau präsentiert wird, liegt auf der nach oben offenen Trockenheits-Skala leider irgendwo zwischen Brockhaus und Sägespänen. Immerhin, zwei interessante Facetten finden sich in dem Zehntausend-Zeichen-Riemen: Ein Rückblick auf ein dunkles Kapitel in der Geschichte des Moskauer Luschniki-Stadions und der Hinweis, dass es unweit der Metro-Haltestelle Taganskaja ein hausgroßes Bild des russischen Supertorwarts Lew Jaschin gibt.

Die ultimative Lew-Jaschin-Mauer bleibt aber weiterhin dieses Exemplar hier, von dem Ende letzten Jahres Fotos im Netz die Runde machten. Schlichter Slogan: „Onkel Lew ist cooler als (Manuel) Neuer“

⚽ Russlands Parlament will verhindern, dass bei der Fußball-WM im Sommer gefälschte Eintrittskarten kursieren. Ein neues Gesetz sieht vor, dass Fälscher hohe Bußgelder zahlen müssen: Zwischen 50.000 und 70.000 Rubel, also pi mal Daumen 700 bis 1000 Euro, wenn ein einzelner Mensch versucht, mit Fake-Tickets Geld zu machen. Ein bis anderthalb Millionen, wenn ein ganzes Unternehmen Karten fälscht.

Im Gesetzesentwurf sind auch die Strafen festgelegt, die für den Schwarzmarkthandel mit WM-Tickets fällig werden: das 20- bis 25-fache des Ticketpreises, mindestens aber 50.000 Rubel – das ist, siehe oben, für viele Russen ein Monatsgehalt. Also durchaus eine Dimension, in der das mit der Abschreckung funktionieren könnte.

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Zum Schluss noch mal ein Blick auf die Themen vom Anfang, also auf die Disziplinen „Eislaufen“ und „Tickets kaufen“. Zu ersterem könnt ihr euch schon mal einen Termin vormerken: Am 28. Januar kommt um kurz nach 18 Uhr auf Deutschlandfunk Kultur „Künstler auf Kufen – Eiskunstlauf in Russland“. Ein Feature von Gesine Dornblüth, die bis letzem Jahr hier in Moskau Korrespondentin war. Kann also nur gut werden.

Was Fußballfans in Deutschland zum Thema Kartenkauf wissen müssen, hat Markus diese Woche bei Radio Eins erzählt. Und dabei auch direkt ein Thema aufgegriffen, das ich auch schon allerlei Leuten erklären musste: Warum ihr euch nämlich zur WM nicht einfach eine Privatwohnung in Russland mieten könnt, sondern da noch ein bürokratischer Haken dran ist. Wie gesagt: Es könnte alles so einfach sein.



 

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Russball, Folge 2: Draxler, Ronaldo und Jürgen Klopp

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Die zweite Russball-Ausgabe muss mit einem Dank an alle beginnen, die die erste gelesen, bei Twitter und Facebook geteilt oder sonstwie weiterempfohlen haben. Danke euch – das hat großen Spaß gemacht, zu sehen, wen das Thema alles interessiert!

Noch ein Dank: Die Grafik zu meinen Russball-Blogposts kommt von der Illustratorin Suus Agnes. Im Moment lebt sie in Sankt Petersburg und arbeitet an einer Graphic Novel, für die sie in abgelegenen Regionen Russlands Menschen zu den Umweltproblemen vor ihrer Haustür befragt. Ihre Arbeit an dem Projekt könnt ihr hier verfolgen, ich bin gespannt auf das Resultat.

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⚽ Inzwischen läuft der Confed-Cup – die Welt zu Gast bei Russen. Da werden Sportreporter zu Lyrikern, unterbeschäftigte Volunteers stehen vor dem Bolschoi-Theater in Moskau rum und hoffen, dass sie endlich mal wer was fragt, und ich merke, wie lange ich schon im Instagrammwunderland Russland lebe. Denn mein erster Gedanke bei diesem Trainings-Foto hier oben links war: „Ach guck, Benjamin Henrichs macht ein Selfie.“ (Sieht man besser, wenn man es anklickt)

Okay, ehrlich gesagt war der Gedanke eher „Ach guck, der macht ein Selfie, wer ist denn das noch mal?“ Schließlich hat Henrichs vor dem Confed-Cup erst ein Spiel für die deutsche Nationalmannschaft absolviert. Immerhin geht es ihm aber nicht wie seinen Mitspielern Marvin Plattenhardt, Kerem Demirbay, Lars Stindl, Amin Younes und Sandro Wagner: Von denen haben sie beim DFB kein einziges passendes Foto für diese schicke Ganzkörpergrafik hier gefunden.

(*Update: Der DFB hat inzwischen nachgelegt und den Spielern ein Gesicht bzw einen ganzen Körper gegeben. Vorher sah es dort nämlich so aus:)

⚽ „Er wird geschätzt für sein brillantes Dribbling und seine Fähigkeit, hohe Ablösesummen zu erzielen.“ Mit dieser Bildunterschrift stellt die Rossijskaja Gaseta ihren Lesern Julian Draxler vor, den Kapitän des deutschen Confed-Cup-Kaders.
kscheib Russball Draxler

Es folgt ein Abriss von Draxlers Karriere (jüngster Kapitän der deutschen Nationalmannschaft!), und selbst Lothar Matthäus darf sich hier noch mal äußern. Das „Königsblau“ von Draxlers erstem Club Schalke 04 übersetzt die Rossijskaja Gaseta übrigens sehr hübsch mit „Kobaltblau“. Also, liebe Mit-Schalker: Auf Russisch sind wir die „Кобальтовые“ (Kobaltowieje).

Leonid Sluzki, früherer Trainer der russischen Nationalmannschaft, trainiert in Zukunft das Team von Hull City. Die New York Times nimmt das zum Anlass für eine Analyse: Warum gibt es eigentlich so wenige Russen, die im Ausland spielen? Liegt’s am Geld, an der Konkurrenz? „Russland ist seine eigene Welt, ein Ort, wo Spieler und Trainer hingehen, aber selten herkommen.“ (Hübscher Nebenaspekt: Slutsky erzählt von seinem Vorsatz, in Sachen Englischkenntnisse möglichst bald Jürgen Klopp einzuholen.)

⚽ Letzte Woche ging es hier ja schon mal um die Behauptung, in der russischen Liga habe es vergangene Saison keinerlei rassistische Vorfälle mehr gegeben. Etwas realitätsnäher sind wohl die Zahlen, die Football Against Racism in Europe gesammelt und nun veröffentlicht hat: Ein leichter Rückgang im Vergleich zur Vorsaison, aber unterm Strich immer noch 89 Fälle von Rassismuss und Rechtsextremismus. Dazu gehörten auch antisemitische Aktionen gegen jüdische Trainer oder Vereinsoffizielle.

⚽ Das Fischt-Stadion in Sotschi ist architektonisch ein echter Hingucker. Am Montagabend war es trotzdem eher zum Weggucken: leere Plätze überall, obwohl Australien gegen Deutschland spielte. Es gibt zwar für jedes Spiel einige Billigtickets nur für russische Staatsangehörige, die anderen Kategorien sind aber deutlich teurer. Wenn ich Durchschnittsrussin wäre und im Monat umgerechnet 499 Euro verdienen würde – ich glaube nicht, dass ich davon 72, 87 oder gar 138 Euro für 90 Minuten Fußball ausgeben würde. In Sotschi sollen darum jetzt Freikarten an Schulkinder verteilt werden, damit nicht so viele Plätze frei bleiben.

⚽ Kasan hat ein neues Graffiti: ein bunter, flächiger Christiano Ronaldo. Der, nebenbei bemerkt, auf Russisch „Криштиану Роналду“ (Krischtianu Ronaldu) heißt und damit deutlich näher an der portugiesischen Originalaussprache ist als das, was wir so in Deutschland aus dem Namen machen.

Ruptly, der Bildagentur-Ableger von RT, hat mit einem der Sprayer gesprochen, der sich weder für Fußball noch für Ronaldo groß interessiert: Die Idee für das Kunstwerk habe der Bürgermeister von Kasan gehabt, „ich selber bin kein Fußballfan, aber ich weiß, dass (Ronaldo) eine sehr berühmte Person ist. Ich habe neulich noch in den Nachrichten von ihm gehört.“ Laut AP kann das Graffiti übrigens nur sehen, wer im portugiesischen Mannschaftshotel wohnt oder arbeitet.

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Das war’s für diese Russball-Folge. Und nachdem ihr letzte Woche so freundlich dafür abgestimmt habt, hier zum Schluss noch ein kleines Formular – falls ihr Russball gerne direkt zugemailt bekommen wollt. So oder so gibt es die nächste Folge am kommenden Mittwoch – bis dann!



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Putin der Woche (XLII)

Putin der Woche Bloodymir

Gesehen: Von Freunden in Hamburg.

Begleitung: Zwei gar nicht mal so kleine Flügel.

Text: Bloodymir Putin.

Subtext: Wird das B bei euch Russen nicht eh als W gesprochen? Na also, dann ist es von Wladimir zu Bloodymir doch nur ein kleiner Schritt. Und wenn jetzt noch jemand erklären könnte, warum Hamburg bei euch „Gamburg“ heißt, aber Heilbronn „Cheilbronn“?

Oben-Ohne-Punkte: 0/10 – aber volle Punktzahl für unten ohne.

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An der schönen blauen Moskwa

Katjuscha Graffiti Strogino
Chor-Picknick in einem Birkenwäldchen am Moskwa-Ufer in Strogino. Da, am Moskauer Stadtrand, erkennt man den Fluss kaum wieder: sandiges Ufer, Entenküken paddeln hinter der Mutter her, manchmal zieht ein Boot einen Wasserski-Fahrer durchs Bild.

Es riecht, natürlich, mal wieder nach Schaschlik – Dirigent am Grill – und wir versuchen rauszufinden, wie viele Sprachen der Moscow International Choir wohl beherrscht. Russisch und Englisch, klar, Italienisch, Französisch, Rumänisch und Deutsch. Holländischbrocken. Zählt Latein? Eine Russin, deren Deutsch nach Tirol klingt, hat neulich erzählt, dass sie als nächstes Kölsch lernen will.

Tütenweise frische Kirschen stehen auf dem Tisch, Brot, Salate, Pistazien, Chips und etwas, was nach Tofu-Quadern aussieht, aber wie Apfel-Mäusespeck schmeckt: Pastila. Wieder was gelernt. Dazu Weihnachtskonzert-Pläne (es ist nie zu früh, sowas kommt ja immer total unverhofft), es wird wohl was von dem Mann werden, der hier „Joseph Gaydn“ ausgesprochen wird. Und weil das hier Russland ist, trinken wir unseren Saft und Wein nicht einfach, sondern stoßen immer wieder an, gern auch mit Trinkspruch. „Auf die Schönheit, und dass wir alle schön sind“, legt ein Sopran vor. Völlig übliches Kaliber, das lernt man als Nichtrusse hier schnell.

Ein paar Schritte weiter hat jemand „Katjuscha“ an einen ollen Schuppen gesprüht, die russische Koseform von „Katrin“. Auf das Foto drängeln sich noch ein paar Klischeebirken mit drauf. „Graffiti nennst Du das? Ich nenn das Vandalismus“, sagt eine Mitsängerin. Für mich fühlt sich Moskau gerade sehr nach zuhause an. Ist noch Schaschlik da?

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