Fliegen zwei Wellensittiche von Moskau nach München

Wellensittiche handgepäck

Wie schnell er wohl so fliegt, der gemeine Wellensittich? Bis zu 120 Kilometer pro Stunde, behaupten Wellensittichbesitzer in einschlägigen Wellensittichforen. Und was er wohl so macht vor dem Abflug? Ein paar Jod-S11-Körnchen snacken, aufplustern, noch mal zum Klo?

„Seit Tagen sammle ich jetzt jeden Morgen Vogelkot“, sagt K., „wär schon schön, wenn sich die Tierärztin endlich mal zurückmelden würde.“ (Sie sagt nicht wirklich Kot, aber dafür, dass ich diese Geschichte hier erzählen darf, bin ich mal höflich und schreibe: Kot.) Es ist nämlich so, dass K. und ihr Mann doppelte Vogelbesitzer sind und dass alle vier – zwei Menschen, zwei Wellensittiche – demnächst Moskau verlassen werden. Das Menschenpaar in ein paar Wochen, die Vögel gerne schon eher, jedenfalls wenn es nach ihren Erziehungsberechtigten geht. Die wollen ihre Haustiere bei einem Besuch in der Heimat schon mal mit nach Deutschland nehmen, um sicherzugehen, dass es auch alles klappt, mit den Papieren und dem Kot.

Drei Kotproben in Folge braucht die Tierärztin, um zu prüfen, ob die Wellensittiche auch gesund sind, um aus Russland raus und nach Deutschland reingelassen zu werden. Nur, dass es deutlich mehr als nur drei Tage her ist, seit sich die Ärztin zum letzten Mal gemeldet hat. K.s Tag beginnt also nicht bloß damit, dass sie mit gezücktem Löffel an den Käfig ranschleicht, beruhigende Worte spricht, während sie Vogelschiss aufsammelt, abfüllt und etikettiert. Sie hat dann auch noch das Vergnügen, nun den jeweils vier Tage alten Kot wegzuwerfen. Denn die Ärztin, wann immer sie kommt, braucht ja nur die drei jüngsten Objekte in der Kollektion.

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Ein paar Tage später sitzen wir gemeinsam im Taxi zum Flughafen. K. als Vogelbesitzerin mit Reisekäfig auf dem Schoß, ich als Backup: Wenn das seitenlange Dokument, das die irgendwann erschienene Tierärztin aufgrund der Kotproben ausgefüllt hat, beim Amtstierarzt am Flughafen in Scheremetjewo trotzdem nicht verfängt, dann werden die beiden Wellensittiche und ich wieder zurück in die Stadt fahren, während ihr Frauchen nach München reist.

Die erste Hürde ist schon die Sicherheitsschleuse beim Betreten des Flughafengebäudes: Der Durchleuchtekasten, wo die Koffer durchfahren, würde die Wellensittiche sicherlich nachhaltig traumatisieren, undurchleuchtet darf ihr Käfig aber auch nicht ins Gebäude. Der Sicherheitsmann bespricht sich mit der Sicherheitsfrau, dann telefonieren sie einen Sicherheitskollegen mit Handscanner herbei.

Keine fünf Minuten dauert das, bis zum Büro vom Flughafentierarzt sind es nur ein paar Schritte, dann vielleicht noch mal fünf Minuten Gewarte. Die Vögel lassen, nur sicherheitshalber, noch ein par Kotproben fallen. Ein Aushang vor der Tür informiert darüber, dass inzwischen so viele Menschen ihre Hunde und Katzen auf Reisen mitnehmen wollen, dass in Moskau und im Moskauer Umland die Regeln dafür vereinfacht worden sind. Der Aushang und seine Unteraushänge haben acht Seiten.

Drinnen dann ein Raum mit drei Tischen, nur zwei haben einen Computer und nur einer einen Menschen. Der Arzt, dessen Uniformjacke über dem Stuhl hängt, spricht leise. So recht weiß er wohl auch nicht, ob er gerade ein Amt ist oder nur still lächeln will über diese Frau, die da vor ihm sitzt, Vogelkäfig auf dem Schoß, und diese andere Frau in der Ecke, deren Rolle nicht so ganz klar ist. Für die deutschen Behörden musste die russische Tierärztin ein deutschsprachiges Protokoll ausfüllen, das nun dieser russische Arzt sich wieder zurückerschließt und die entscheidenden Passagen in seinen Computer tippt.

– „Und das sind also…?“
– „Wellensittiche.“
– „Und Sie reisen nach…?
– „München.“
– „Die Farben hier, wie heißen die auf Russisch?“
– „Blau und… (kurzes Suchen nach dem russischen Wort für türkis, das so ähnlich, aber eben nicht ganz wie das Wort klingt für etwas, das aus Birkenholz ist. Schön, dass man dieses Fachwissen endlich mal braucht.)
– „Und wie alt sind die?“
– „Der eine ein Jahr, der andere zwei.“
– „Und die heißen wirklich… Willi und Helge?“
– „Ja, genau. Wissen Sie, das sind traditionelle deutsche Namen.“

Der Amtstierarzt tippt, der Drucker druckt: eines dieser wunderschönen offiziellen Dokumente, wie sie in Russland nun mal auszusehen haben. Mit breiter, schnörkeliger Bordüre, einem blassen Wappen im Hintergrund und oben rechts sogar einem Hologramm. Vier Seiten, eine amtlicher als die andere.

Wellensittiche urkunde

Scheint ja alles geklappt zu haben, also schnell noch ein bisschen höfliche Überbrückungskonversation, bis er’s auch unterschrieben hat: „Ist das oft oder selten, dass Menschen mit Vögeln hier ausreisen?“. Der Tierarzt blickt hoch, sein Lächeln gewinnt nun endgültig gegen sein Amt. „Ich hab das bisher nur zweimal erlebt,“ sagt er, „und ich arbeite hier jetzt schon seit drei Jahren.“

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Im Café vor dem Check-In bewundern wir noch ein wenig unser schönes Dokument. In der Spalte „Tierart“ weist ein Sternchen darauf hin, bei Bienen sei doch bitte zu unterscheiden zwischen ganzen Bienenvölkern, Bienenlarven oder allein reisenden Bienenköniginnen.

„Villy“ und „Helge“ steht schließlich auf der Seite, die mit ihrem offiziellen Rahmen ein bisschen aussieht wie eine Urkunde, von den Bundesjugendspielen oder so. Der gemeine Wellensittich mag mit seinen 120 km/h vielleicht 16 Stunden brauchen von Moskau nach München. Willi und Helge schaffen die Strecke heute in nur 3.

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Russball, Folge 17: Wohin mit den Fans, wenn das WM-Stadion zu klein ist?

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Es war so ein guter Plan gewesen: ein Sonntag auf der Datsche, draußen Herbst, drinnen Tee und ein Laptop, um an diesem Blogpost zu schreiben. So hatte ich mir das vorgestellt, bis der Link zum „Virtuellen Museum“ von Zenit St. Petersburg dazwischen kam. Alte Fußballregelbücher, Plakate, Trophäen, Schuhe… eventuell habe ich mich da ein klein wenig festgelesen.

Immerhin, ein bisschen was habt ihr auch davon, denn sonst könnte ich nicht zu dieser Adidas-Sporttasche aus den Siebzigern verlinken. In den Jahrzehnten davor war die Ausrüstung sowjetischer Fußballer immer in der Sowjetunion hergestellt worden, dann folgte, so die Museumsmacher, eine vorsichtige Öffnung: Es gab die ersten importierten Trainingsklamotten aus Finnland. Die Tasche bekam ein Zenit-Spieler schließlich bei einem Freundschaftsspiel in Westdeutschland geschenkt – „einer der ersten Markenartikel, den unsere Mannschaft je erhalten hat.“

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⚽ „Russlands Fußball-Nationalmannschaft bekommt einen weiteren Legionär“, titelt Lenta.ru. Es geht um den Kölner Abwehrspieler Konstantin Rausch, der ja neulich schon mal bei einem Freundschaftsspiel Russland – Dynamo Moskau ran durfte. Nun hat die FIFA also abgenickt, dass Rausch auch bei offiziellen Länderspielen für Russland antreten darf.

Gemeinsam mit Roman Neustädter wird er zum Kader gehören, wenn Russland am Samstag gegen Südkorea und am Dienstag gegen den Iran spielt. Für die Leser, denen Rausch noch kein Begriff ist, reicht Lenta noch eine kurze Info nach: In der aktuellen Saison habe Rausch bisher fünfmal für Köln gespielt und sei dabei „nicht durch erfolgreiche Aktionen aufgefallen.“

⚽  Damit bei der Fußball-Weltmeisterschaft genügend Fans ins Stadion von Jekaterinburg passen, mussten die Architekten improvisieren. Die Lösung, die in diesen Tagen dort entsteht, erinnert an einen Klapptisch: Eine der Tribünen wird derzeit so weit nach oben verlängert, dass die Zuschauer de facto außerhalb des Stadions sitzen und hinein blicken in Richtung Spielfeld.

Man kann das „unglaublich“ finden wie The Sun oder Facepalm-würdig wie manche Sportjournalisten. Oder man nimmt es einfach philosophisch: „Wenn du dich einsam fühlst, dann denk einfach an die Tribüne in Jekaterinburg, die ganz alleine außerhalb des Stadions steht.“

⚽ Kleiner Service für Fans von Borussia Dortmund: Bei ESPN gibt es ein ausführliches Spielerporträt von Alexander Golowin, an dem seit dem Sommer offenbar sowohl der BVB als auch Arsenal interessiert sind. Der Mann ist 21, spielt bei ZSKA Moskau und gilt als einer der besten jungen Spieler, die Russland derzeit zu bieten hat. Drahtig und wendig ist der Mittelfeldspieler, der seit zwei Jahren auch zum Kader der Nationalmannschaft gehört. Für die WM im kommenden Jahr gilt er als gesetzt.

⚽ Allmählich läuft das hier auch an mit dem Weltmeisterschafts-Merchandising: Neulich war ich abends noch im Buchladen Dom Knigi, nach einem Geburtstagsgeschenk für den großen Bruder von Patenkind 3 suchen. Und da, zwischen den ganzen anderen Schulutensilien, lagen diese Hefte mit Zabivaka, dem WM-Maskottchen in allerlei Posen. Für 20 Rubel das Stück (30 Cent), also hab ich mal den ganzen Fünfer-Satz mitgenommen. Vielleicht ja ein Thema für einen eigenen Blogpost, wenn mir in den nächsten Tagen noch mehr Merchandising begegnet.

kscheib Russball Fußball-WM Zabivaka Maskottchen

⚽ Für einen Euro hat der Russe Alexander Grinberg 2013 den FC Marbella gekauft, der spanische Klub steckte damals tief in den roten Zahlen. Seitdem müssen dort allerdings deutlich höhere Summen geflossen sein, nicht nur in saubere Geschäfte. Denn nun hat die spanische Polizei nicht nur Vereinspräsident Grinberg, sondern gleich ein ganzes Dutzend Menschen aus seinem Umfeld festgenommen. Der Vorwurf: Geldwäsche und Zugehörigkeit zur russischen Mafia.

⚽ Gerade erst haben die Fans von Spartak Moskau ihrem Verein ein Auswärtsspiel vor leerem Gästeblock in Sevilla eingebrockt, da droht dem Verein schon neuer Ärger. Beim Spiel gegen den FC Liverpool in der vergangenen Woche gab es mehrere Vorfälle, die nun von der UEFA untersucht werden, auch Rassismusvorwürfe stehen im Raum. Letzteres gilt übrigens nicht nur für das eigentliche Champions-League-Spiel der beiden Vereine, sondern auch für die Begegnung ihrer Nachwuchsmannschaften in der Uefa Youth League.

⚽ Zugunsten von Menschen mit Kinderlähmung gab es am vergangenen Freitag ein Benefiz-Fußballspiel in der Sapsan-Arena, dem kleinen Stadion, in dem die Jugendmannschaft von Lokomotive Moskau ihre Spiele austrägt. Russlands Sportminister Pawel Kolobkow hat mitgespielt, NOK-Chef Alexander Schukow, diverse Wirtschaftsbosse. Vor allem aber war ein Mann auf dem Platz, an den sich Schalke-Fans noch gut erinnern. Und siehe da: Marcelo Bordon sieht noch haargenau so aus wie damals:

⚽ Nachdem der Ticketverkauf für die Fußball-Weltmeisterschaft im kommenden Sommer angelaufen ist, bekommen allmählich auch die Flughafenbetreiber eine genauere Vorstellung davon, was da so auf sie zukommt. In St. Petersburg zum Beispiel hat die Leitung des Flughafens Pulkowo mal durchgerechnet und erwartet nun für 2018 ein Plus von zehn Prozent bei den Reisenden.

An Domodedowo, Moskaus größtem Flughafen, soll unterdessen die Ladenfläche fast vervierfacht werden, damit Fußballfans möglichst viel Geld in den Geschäften lassen und der Flughafenbetreiber seine Mieteinnahmen steigern kann. Aus Deutschland gibt es Flugverbindungen von Berlin, Düsseldorf, Frankfurt, Leipzig und München nach Domodedowo.

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Als Rausschmeißer noch ein Stück aus dem Guardian, das nur am Rande mit Russland zu tun hat: „Terrace diplomacy: when football fans get political“ gibt einen guten Überblick, welche Fans sich in letzter Zeit mit Bannern politisch positioniert haben. Spartak-Fans hatten zum Beispiel Anfang des Jahres gegen eine Hooligan-Doku der BBC protestiert, andere Banner forderten Beispielsweise die Rückgabe der Elgin Marbles an Griechenland oder kritisierten die UEFA.

Nächste Wochen schauen wir dann mal, wie sich Russland in seinen beiden Länderspielen geschlagen hat. Wem das zu lange dauert: Alle alten Russball-Folgen könnt ihr hier nachlesen.



 

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