Wedding Crashers in Machatschkala

Freitag Ausstellung, Samstag Theater, Sonntag Ballett. Das vergangene Wochenende war so bildungsbürgerlich, das glaubt einem wieder keiner. Eine empirische Anomalie, drei ganz unterschiedliche Abende. Beim Balet Moskva gab es „Equus“, ein Stück, das damit spielt, was eigentlich so einen geschundenen Tänzerkörper von dem eines Arbeitstieres wie dem Pferd unterscheidet. Die Grenzen zwischen Keuchen und Schnauben sind da ebenso fließend wie die zwischen Kostüm und orthopädischer Bandage. Und dazu auch noch Livemusik von drei Streichern und einem Pianisten – runde Sache.

Das Theater am Samstag war – mal wieder – eine Empfehlung der besten aller möglichen Russischlehrerinnen, genau genommen von ihr und ihrer Enkelin: Puschkins Erzählungen am Theater der Nationen, inszeniert von Robert Wilson, mit Musik von Cocorosie.

Prall, lebhaft, verspielt, mit viel musikalischem Schmackes und einem Schuss Pekingoper. Und obendrauf noch der Stolz, erstmals eine Theateraufführung komplett auf Russisch zu sehen, ohne Obertitel, ohne andere Hilfsmittel, und der ganzen Handlung folgen zu können. Jetzt verstehe ich, warum es so schwer ist, dafür Karten zu bekommen.

Eigentlich wollte ich aber – hallo, Überschrift – von der Ausstellung am Freitag erzählen. Die Surab-Zereteli-Galerie hier in Moskau steht und hängt voll mit Dingen, bei denen ich im Hinterkopf meinen Vater höre: „Kunst kommt von Können. Das hier ist Wunst.“ Überlebensgroße Ganzkörperporträts von Charlie Chaplin. Sich von der Wand runterbeulende Keramikblumensträuße. Entwürfe für Skulpturen wie das „Ist-es-nun-Peter-der-Große-oder-doch-Kolumbus“-Denkmal.

Gottseidank hat das Goetheinstitut hier zwei Säle leerräumen lassen und eine eigene Ausstellung veranstaltet, „Die Grenze“. Es geht grob darum, wo Europa endet und wo Asien beginnt, zu diesem Thema haben Künstler Videos, Installationen und Skulpturen beigetragen.

Taus Makhacheva hat von ihren Fotos gleich stapelweise Abzüge machen lassen, die Besucher dürfen sich bedienen. „19 a day“ heißt die Serie, denn im September 2014 hat Taus sich schick gemacht und den ganzen Tag damit verbracht, in der Stadt Machatschkala in Dagestan auf möglichst vielen Hochzeiten zu tanzen. Oder zu essen. Oder mit dem Brautpaar zu posieren. Oder einfach nett mit den anderen Gästen zu plaudern, auch wenn sie sie keinen von ihnen kannte – Taus war auf keiner der Hochzeiten eingeladen.

Dutzende prunkvolle Hochzeitssäle gibt es in Machatschkala; viel Gold, viel Glanz, und im September sind sie quasi durchgängig ausgebucht. Bräute mit Kopftuch, Bräute mit Krönchen, Bräute mit Schleier. Das mag sich nach Asien anfühlen oder nach Europa, der ungeladene Gast auf 19 Hochzeiten zu sein, spielt jedenfalls noch auf einer ganz anderen Ebene mit dem Thema Grenze und Grenzüberschreitung.

19 a Day

Allein schon dieses Motiv hier drüber: Die Brautleute, die wahrscheinlich gerade beide denken „Also von meiner Seite ist die nicht!“. Der Mann links, betont ernsthaft. Die Frau rechts, betont abgelenkt. Und über allem die Künstlerin, die in einer halben Stunde schon wieder mit einem anderen Paar posieren wird. Und keiner hat’s gemerkt.

Freitag Ausstellung, Samstag Theater, Sonntag Ballett. Ein abwechslunsgreiches, unterhaltsames Wochenende mit vielen Denkanstößen.

Nächsten Samstag gehen wir mal wieder zum Fußball.

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