Darth Lenin in Odessa

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„Ehre sei Jesus Christus“ steht an der Wand, aber darum sind wir nicht hier. Huldigen wollen wir auch, aber auf der anderen Straßenseite. Schließlich sind wir extra mit dem Bus hier herausgegondelt, an den Stadtrand von Odessa, um ihn zu besuchen: Den Mann mit dem schwarzen Helm und dem schwarzen Cape, der angeblich irgendwo hier auf einem Innenhof rumsteht. Wir haben ein Date mit Darth Vader.

„Da müssen sie da rüber, durch die Glastür“, sagt der erste Securitymann, und das ist immer noch mehr als der zweite rausbringt. Ob wir mal zu Darth Vader dürfen? Keine Antwort, nicht einmal ein heiseres Röcheln, nur eine Geste zum Drehkreuz. Schon stehen wir im Hof, und blicken auf zu ihm. Darth Vader, oder besser: Darth Lenin, denn diese Statue hat eine doppelte Persönlichkeit. Lange war sie ein Lenin-Denkmal, bis Lenin-Denkmäler in der Ukraine nicht mehr erwünscht waren und abgerissen wurden. Nur bei diesem Exemplar setzte sich ein Künstler durch mit seinem Vorschlag: Ach komm, wir lassen den Lenin stehen – aber wir verkleiden ihn als Darth Vader. Dauerhaft.

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Helm auf, Cape um, Laserschwertgriff in die Hand – viel musste nicht geschehen, um Wladimir Uljanow in Anakin Skywalker zu verwandeln. Zwei Männer mit einem Faible für Pseudonyme, und nun steht der eine hier und birgt den anderen in sich. Der Lenin im Darthpelz. Mit einer Inschrift auf dem Sockel, verfasst im besten Sowjetduktus: „Dem Vater der Nation, von seinen dankbaren Kindern und Stiefkindern“. Auf einer Bank nebenan macht gerade ein Bauarbeiter Kaffeepause.

Wirklich absurd wird es, wenn man sich auf dem Gelände weiterbewegt, das sehr viel größer ist als ein bloßer Innenhof. Eine überwucherte Industriebrache mit bröckelnden Gebäuden ist das heute, aber bald, sehr bald soll hier der „Grand Empire Business Park“ entstehen, gebaut von einer Firma, deren Website im Bereich „Neuigkeiten“ seit Anfang 2017 eine echte und eine Dummy-Meldung veröffentlicht hat.

Vorläufig wurde schon mal eine bunte Wand aufgestellt – links das Logo, rechts der Lageplan, dazwischen vier Gesichter: Erst Davy Jones aus „Fluch der Karibik“, dann der eben schon erwähnte Darth Vader, schließlich Steve Jobs und Kim Jong-un. „Odessa ist stolz auf sie“ ist die Sammlung untertitelt, und man fragt sich. Man fragt sich wirklich sehr.

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Zumal die vier alle zusammen mit absoluten Nonsense-Zitaten abgebildet sind, irgendwo zwischen Büttenrede und Managergeschwafel. Davy Jones, der Pirat mit dem Oktopuskinn, sagt zum Beispiel: „Wenn es hoffnungslose Idioten gibt, bedeutet das, dass es irgendwo auch welche gibt, für die noch Hoffnung besteht.“ Und Darth so: „Mein Charakter ist super, aber ich hab halt so schwache Nerven.“ Und Steve: „Es gibt keine unerreichbaren Ziele, es gibt nur einen hohen Koeffizienten an Faulheit, Ideenmangel und Ausreden.“

Und Kim? „Wenn du versuchst, einen gesunden Lebensstil zu haben, hast du weder Leben noch Stil.“ Was ist das für ein Humor – denn Humor muss das doch wohl bitte sein. Oder ein Kunstprojekt? Oder hat da ein frustrierter PR-Mensch, der den Grand Empire Business Park bewerben sollte, lieber den Auftraggeber getrollt? Oder ist der ganze Businesspark nur ein Pseudodings – Empire, Darth Vader, knick knack, ihr versteht schon – und in Wirklichkeit ein riesiges soziales Experiment? So viele Fragen, und keine Antwort in Sicht.

Apropos: Die Darth-Vader-Statue hat von Lenin auch dessen Körperhaltung geerbt, den permanenten, visionären Blick in die bessere Zukunft. Keine Ahnung, ob man die unter dem schwarzen Helm so richtig erkennen kann. Aber zumindest eines klärt sich dann zum Schluss doch noch. Die Frage nämlich, ob in diesem Helm tatsächlich ein Router steckt, der Darths Besucher mit kostenlosem WLAN versorgt.

Mag sein, dass das bei der Enthüllung der Skulptur so gewesen ist, heute gibt es diesen Hotspot jedenfalls nicht mehr. Dafür ist Darth Lenin heute ein Pokéstop, was ja auch passt: Schließlich geht es bei dem Spiel darum, Figuren zu anderen Figuren weiterzuentwickeln. Mal sehen, was nach Lenin und Darth Vader die nächste Evolutionsstufe dieses Denkmals ist.

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Pokémon und Kokain – zu Besuch in Irkutsk

Irkutsk also. Die Stadt, bei der der es sich auszahlt, neulich im Russischunterricht die Steigerung von Adjektiven durchgenommen zu haben, um nun sagen zu können: Это самый скучный город в России – es ist die langweiligste Stadt Russlands. Eine Handvoll Sehenswürdigkeiten, die in rascher Folge abfallen von Kirchen und Dekabristenhäusern zu einem Denkmal für die japanisch-russische Freundschaft, bei dem aus irgendeinem Grund ein steinernes Ei auf dem Boden liegt. Cafés, davon zwei oder drei gemütlich. Gelegentlicher Waldbrandgeruch und bei Regen knöchelhoch geflutete Straßen.

Gut, wir wussten das vorher. Der Plan war ohnehin, Irkutsk als bloßen Ausgangspunkt zu benutzen für einen Urlaub am Baikalsee – und die paar Tage in der Stadt zu verlesen, zu verschlafen und in Cafés zu vergammeln. Geklappt hat das allerdings dann doch nur fast. Weil es uns partout nicht gelang, in Irkutsk gar nichts zu erleben.

Alkohol und Kokain

Regen, Regen, Regen. Logistische Überlegungen drehen sich darum, welche Schuhe wohl wie schnell trocknen. Feuchte Socken hängen über der Duschstange. Und doch ist das Pflichtgefühl, irgendwie mal da raus zu gehen, so stark, dass wir plötzlich im Museum für Stadtgeschichte stehen – und dem Phänomen gegenüber, das greift, wann immer man Moskau verlässt: Boah, sind die nett hier! Blickkontakt! Lächeln!

In langsamen russischen Hauptsätzen erklärt eine Mitarbeiterin Mammutzähne, burjatische Alltagsgegenstände und Stadtmodelle in Vitrinen. Ihre Kollegin, ähnlich bemüht, möchte wissen, ob die beiden Besucher nicht vielleicht Französisch sprechen? Tun sie? Ach, schön – also, hier bitte den escalier herab, und dann geht es unten weiter mit salle numéro cinq. Ich versuche mich zu erinnern, wann in einem Moskauer Museum zuletzt jemand etwas anderes mit mir gesprochen hat als Russisch oder, mit zunehmender Ungeduld, extralautes Russisch.

Zwei Exponate bleiben in Erinnerung: ein Satz medizinische Broschüren über die Behandlung von Alkoholismus, Husten und Trägheit. Und ein Schmuckstück zum Öffnen, dessen Beschreibung ich zweimal lese, im Wörterbuch nicht finde, google und mir später noch von unserer Russischlehrerin bestätigen lasse: Ja, sowas trugen im 19. Jahrhundert feine Damen, damit sie im Theater die Droge ihrer Wahl konsumieren konnten. Daher auch der Name: „Kokainnitza“.

 

Irkutsk Kokainnitza

Pokémon bei Gericht

Wenn die Stadt und ihre Sehenswürdigkeiten nicht allzu aufregend sind, legt man halt eine Schicht aus Fantasiemonstern und deren Infrastruktur darüber. Direkt vor unserem Hotelfenster steht ein Gerichtsgebäude, aber in der Pokémonwelt ist das eine Arena, wo Spieler ihre Pokémon aufeinander loslassen können, auf dass der Stärkere gewinne.

Nach und nach fällt mir auf, wie hart umkämpft dieser Ort ist – vor dem Frühstück gehört er Team Rot, beim Zähneputzen danach schon wieder Team Blau, dann schaltet sich auch Team Gelb ein. Das wäre alles nur leidlich spannend, müsste man nicht, um in dieser Arena zu kämpfen, sich dort auch aufhalten – schon im Hotelzimmer gegenüber bin ich zu weit weg, als dass meine Pokémon sich mitkloppen könnten.

Der Knackpunkt ist: Vor dem Gebäude steht so gut wie nie jemand. Ganz gelegentlich tippt ein Mann in einer Lederjacke auf seinem Handyscreen rum, aber die meisten Kämpfe toben, ohne dass rund ums Gericht auch nur ein Mensch zu sehen wäre. Das heißt: Es müssen die Leute im Gebäude sein, die für die ganze Pokémon-Action sorgen. Richter, Anwälte, Kläger, Beklagte, Zeugen. Sogar am Wochenende tobt der Kampf um die Arena. Putzfrauen? Wachmänner? In dieser Parallelwelt jedenfalls ist in Irkutsk ordentlich was los.

 

Irkutsk Pokemon

Isba-Idylle

Eine Art Blockhaus mit Zierleisten und Fensterläden nennt man in Russland auch Isba. Viel Handwerkergeschick ist nötig, damit Holz so filigran aussieht wie bei ihren Verzierungen. In Irkutsk gibt es noch so viele dieser traditionellen Unterkünfte, dass man sie nicht mal suchen muss. Sie stehen gleichberechtigt neben modernen Bürogebäuden und Mehrfamilienhäusern.

Idyllisch sind diese alten Holzkonstruktionen übrigens nur für Touristen, die ein paar Fotos machen und dann weitergehen. Für die Menschen, die in ihnen wohnen, sind Isbas nicht besonders attraktiv: Viele von ihnen sind schlecht in Schuss und haben kein fließendes Wasser, bloß eine Pumpe am Straßenrand.

Irkutsk Isba 2

Ein Klavier, ein Klavier!

Im Haus der Familie Wolkonski wird die Geschichte der Dekabristen erzählt – einer Gruppe von Offizieren, die sich gegen den Zaren auflehnten, für ein liberaleres Russland eintraten und dafür mit dem Leben bezahlten oder, wie Sergei Wolkonski, nach Sibirien verbannt wurden. Viele Dekabristen waren gebildet, weit gereist, an Kunst interessiert – für Irkutsk und die Umgebung bedeutete ihre Ankunft einen Schub für Bildung und Kultur.

Irkutsk Wolkonski Pyramidenklavier

Heute steht an einer Wand im Wolkonski-Haus ein Pyramidenklavier, die Saiten laufen also senk- statt waagerecht, und eine nette Museumsmitarbeiterin schlägt sogar ein paar Töne an und erzählt, dass es nur noch fünf solche Instrumente auf der ganzen Welt gibt.

Hinter einer geschlossenen Tür im Erdgeschoss singen ein Tenor und ein Sopran Duette. Die Rampe zum Eingang ist eine an die Treppenstufen gelehnte Schranktür – zu schmal für einen Rollstuhl, aber hey, die Geste zählt. Im Wintergarten ist hier schon mal eine Ananas gewachsen, und der echte Garten liegt in der Sonne und will nichts von einem, als dass man sich mit einem Buch reinsetzt und die Ruhe genießt. Davon hat Irkutsk ohnehin reichlich. 

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