Russball, Folge 2: Draxler, Ronaldo und Jürgen Klopp

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Die zweite Russball-Ausgabe muss mit einem Dank an alle beginnen, die die erste gelesen, bei Twitter und Facebook geteilt oder sonstwie weiterempfohlen haben. Danke euch – das hat großen Spaß gemacht, zu sehen, wen das Thema alles interessiert!

Noch ein Dank: Die Grafik zu meinen Russball-Blogposts kommt von der Illustratorin Suus Agnes. Im Moment lebt sie in Sankt Petersburg und arbeitet an einer Graphic Novel, für die sie in abgelegenen Regionen Russlands Menschen zu den Umweltproblemen vor ihrer Haustür befragt. Ihre Arbeit an dem Projekt könnt ihr hier verfolgen, ich bin gespannt auf das Resultat.

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⚽ Inzwischen läuft der Confed-Cup – die Welt zu Gast bei Russen. Da werden Sportreporter zu Lyrikern, unterbeschäftigte Volunteers stehen vor dem Bolschoi-Theater in Moskau rum und hoffen, dass sie endlich mal wer was fragt, und ich merke, wie lange ich schon im Instagrammwunderland Russland lebe. Denn mein erster Gedanke bei diesem Trainings-Foto hier oben links war: „Ach guck, Benjamin Henrichs macht ein Selfie.“ (Sieht man besser, wenn man es anklickt)

Okay, ehrlich gesagt war der Gedanke eher „Ach guck, der macht ein Selfie, wer ist denn das noch mal?“ Schließlich hat Henrichs vor dem Confed-Cup erst ein Spiel für die deutsche Nationalmannschaft absolviert. Immerhin geht es ihm aber nicht wie seinen Mitspielern Marvin Plattenhardt, Kerem Demirbay, Lars Stindl, Amin Younes und Sandro Wagner: Von denen haben sie beim DFB kein einziges passendes Foto für diese schicke Ganzkörpergrafik hier gefunden.

(*Update: Der DFB hat inzwischen nachgelegt und den Spielern ein Gesicht bzw einen ganzen Körper gegeben. Vorher sah es dort nämlich so aus:)

⚽ „Er wird geschätzt für sein brillantes Dribbling und seine Fähigkeit, hohe Ablösesummen zu erzielen.“ Mit dieser Bildunterschrift stellt die Rossijskaja Gaseta ihren Lesern Julian Draxler vor, den Kapitän des deutschen Confed-Cup-Kaders.
kscheib Russball Draxler

Es folgt ein Abriss von Draxlers Karriere (jüngster Kapitän der deutschen Nationalmannschaft!), und selbst Lothar Matthäus darf sich hier noch mal äußern. Das „Königsblau“ von Draxlers erstem Club Schalke 04 übersetzt die Rossijskaja Gaseta übrigens sehr hübsch mit „Kobaltblau“. Also, liebe Mit-Schalker: Auf Russisch sind wir die „Кобальтовые“ (Kobaltowieje).

Leonid Sluzki, früherer Trainer der russischen Nationalmannschaft, trainiert in Zukunft das Team von Hull City. Die New York Times nimmt das zum Anlass für eine Analyse: Warum gibt es eigentlich so wenige Russen, die im Ausland spielen? Liegt’s am Geld, an der Konkurrenz? „Russland ist seine eigene Welt, ein Ort, wo Spieler und Trainer hingehen, aber selten herkommen.“ (Hübscher Nebenaspekt: Slutsky erzählt von seinem Vorsatz, in Sachen Englischkenntnisse möglichst bald Jürgen Klopp einzuholen.)

⚽ Letzte Woche ging es hier ja schon mal um die Behauptung, in der russischen Liga habe es vergangene Saison keinerlei rassistische Vorfälle mehr gegeben. Etwas realitätsnäher sind wohl die Zahlen, die Football Against Racism in Europe gesammelt und nun veröffentlicht hat: Ein leichter Rückgang im Vergleich zur Vorsaison, aber unterm Strich immer noch 89 Fälle von Rassismuss und Rechtsextremismus. Dazu gehörten auch antisemitische Aktionen gegen jüdische Trainer oder Vereinsoffizielle.

⚽ Das Fischt-Stadion in Sotschi ist architektonisch ein echter Hingucker. Am Montagabend war es trotzdem eher zum Weggucken: leere Plätze überall, obwohl Australien gegen Deutschland spielte. Es gibt zwar für jedes Spiel einige Billigtickets nur für russische Staatsangehörige, die anderen Kategorien sind aber deutlich teurer. Wenn ich Durchschnittsrussin wäre und im Monat umgerechnet 499 Euro verdienen würde – ich glaube nicht, dass ich davon 72, 87 oder gar 138 Euro für 90 Minuten Fußball ausgeben würde. In Sotschi sollen darum jetzt Freikarten an Schulkinder verteilt werden, damit nicht so viele Plätze frei bleiben.

⚽ Kasan hat ein neues Graffiti: ein bunter, flächiger Christiano Ronaldo. Der, nebenbei bemerkt, auf Russisch „Криштиану Роналду“ (Krischtianu Ronaldu) heißt und damit deutlich näher an der portugiesischen Originalaussprache ist als das, was wir so in Deutschland aus dem Namen machen.

У нас свой Роналду😄 @cristiano welcome☺️ #криштиануроналду

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Ruptly, der Bildagentur-Ableger von RT, hat mit einem der Sprayer gesprochen, der sich weder für Fußball noch für Ronaldo groß interessiert: Die Idee für das Kunstwerk habe der Bürgermeister von Kasan gehabt, „ich selber bin kein Fußballfan, aber ich weiß, dass (Ronaldo) eine sehr berühmte Person ist. Ich habe neulich noch in den Nachrichten von ihm gehört.“ Laut AP kann das Graffiti übrigens nur sehen, wer im portugiesischen Mannschaftshotel wohnt oder arbeitet.

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Das war’s für diese Russball-Folge. Und nachdem ihr letzte Woche so freundlich dafür abgestimmt habt, hier zum Schluss noch ein kleines Formular – falls ihr Russball gerne direkt zugemailt bekommen wollt. So oder so gibt es die nächste Folge am kommenden Mittwoch – bis dann!



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Russball, Folge 1: Noch ein Jahr bis zur Fußball-WM

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Im Zentrum von Moskau, nicht weit entfernt vom Roten Platz, steht eine rot-goldene Skulptur mit einem Display, das heute die Zahl 365 zeigt. Es ist ein Countdown bis zur Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland, gut sichtbar im Herzen der Stadt. Heute in einem Jahr wird das Eröffnungsspiel angepfiffen.

Ein Jahr noch, um die Stadien fertigzubauen. Ein Jahr, um Hooligans und Rassismus in den Griff zu bekommen. Ein Jahr, um das mit den Tickets anständig zu organisieren. Und für mich: ein Jahr für ein neues Blogprojekt.

Einmal pro Woche will ich hier interessante Links sammeln über Fußball, Russland und den Fußball in Russland. Artikel, Social-Media-Posts, Videos. Aus internationalen Quellen und eben aus Russland selbst. Eine kleine Dienstleistung für die, denen die Zeit oder die Sprachkenntnisse fehlen, hier selbst den Überblick zu behalten.

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⚽ Sieben Stadionbaustellen in Russland haben die Mitarbeiter der Menschenrechtsgruppe Human Rights Watch besucht. Was sie dort fanden, war erschreckend: Arbeiter werden spät oder gar nicht bezahlt, müssen auch bei extremer Kälte draußen arbeiten, werden drangsaliert und eingeschüchtert. Viele bekommen keinen Arbeitsvertrag und haben damit auch keine Rechte. Wer sich beschwert oder streikt, verliert seinen Job. Es sind oft Gastarbeiter aus Zentralasien, die an den Stadien für die Fußball-WM bauen, nach einem Bericht des Guardian aber auch Nordkoreaner. Sie würden „wie Kriegsgefangene“ auf der Petersburger Baustelle gehalten und geschunden, sagte ein Subunternehmer der Zeitung. Den ganzen Bericht von Human Rights Watch gibt es hier.

⚽ Als Probelauf für die Fußball-WM beginnt hier in wenigen Tagen der Confed-Cup. Der Ticketverkauf schleppt noch, ist halt nur ein Mini-Turnier mit acht Mannschaften, von denen manche ihre Stars lieber zuhause lassen. Wie gering das Interesse am Confed-Cup wirklich ist, veranschaulicht am besten ein Zitat von Dmitri Tarasov: „Wenn ich ehrlich bin, habe ich erst vor kurzem erfahren, dass es dieses Turnier gibt. Darum kann ich nicht sagen, ob es wichtig ist oder nicht.“ Tarasov ist Profifußballer. Er spielt bei Lokomotive Moskau – und gehört zum Kader der russischen Nationalmannschaft für den Confed-Cup.

⚽ Das Zuhause der deutschen Nationalmannschaft während des Confed Cups ist Sotschi, genauer gesagt das Luxushotel Radisson Blu. Allerlei Formel-1-Größen haben hier schon gewohnt, wirklich beeindruckend am Haus sind aber die Mitarbeiter. Die Fachkraft zum Beispiel, die sich bei der Suche nach einem Namen für den hauseigenen Wellnessbereich für den maximalen Russlandkalauer entschieden und das Spa „Sibo“ getauft hat. Spa Sibo, verstehste? Na? Na? Respekt auch dem Hotelfotografen, der regelmäßig auf irgendwelche Treppen oder Mäuerchen steigen muss, um den Instagram-Account des Hotels mit Dekolletés aus der Vogelperspektive zu füllen, etwa hier, hier, hier gleich mehrfach, hier oder auch hier:

Insgesamt haben Sotschis Hotels während des Turniers Platz für 200.000 Fans. Ins örtliche Stadion passen etwa 45.000 Zuschauer.

⚽ Glückwunsch an den russischen Ligafußball – eine komplette Saison ohne auch nur einen rassistischen Vorfall soll es gewesen sein. Sagt jedenfalls ein Verbandssprecher, der darin auch gleich ein gutes Zeichen für Confed-Cup und WM sieht. Wie wahrscheinlich es ist, dass diese Statistik auch die Realität abbildet? Nun ja. Hulk, Emmanuel Frimpong und andere Legionäre haben den russischen Liga-Alltag ganz anders erlebt: Affengeräusche, Bananenwürfe, so ist der Alltag für Spieler, deren Haut den Rassisten unter den Fans nicht weiß genug ist. Was, wie bei Frimpong, die Offiziellen gerne ignorieren.

⚽ Apropos Bananen: Es gibt tatsächlich Leute, die es Ende Mai bei einer Confed-Cup-Vorfreude-Parade in Sotschi für angemessen hielten, ihre Gesichter schwarz anzumalen und sich mit Bananen zu kostümieren um, na klar, das Teilnehmerland Kamerun zu symbolisieren. Es hat gedauert, bis der Bürgermeister sich entschuldigte, und die Nachrichtenagentur TASS formulierte ihre Meldung, wie es ein russisches Staatsmedium halt so tut: Solche Vorfälle würden „von dunkelhäutigen Fans und Spielern oft als beleidigend wahrgenommen.“ Subtext: Wenn ihr Schwarzen da unbedingt ein Problem draus machen müsst…

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Zum Schluss noch ein Dank an alle Mit-Brainstormer bei der Suche nach einem Namen für dieses Projekt. Da oben in der Überschrift könnte statt „Russball“ auch „Entscheidend ist auf’m Roten Platz“, „Bend it like Putin“, „Der Russe steht vorm Tor“ oder auch „Katrins корнер“ stehen. Und das kann nun wirklich keiner wollen.

Und was wollt ihr? Bloggen werde ich Russball definitiv jede Woche. Aber vielleicht wäre das ja auch als Newsletter nicht schlecht, der zu euch kommt, statt dass ihr hier im Blog nach neuen Folgen suchen müsst? Ich freu mich, wenn ihr mit abstimmt!

Russball auch als Newsletter, wäre das was?

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