Russball, Folge 50: Lass die Finger von der Vuvuzela

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***Update: Beim Schreiben dieser Folge bin ich mit den Moskauer Vereinen durcheinandergekommen. Natürlich geht es in dem Text von Witali Leonow um ZSKA Moskau, nicht um Spartak. Sorry an Witali und alle Leser! Ich hab’s korrigiert und weise in der nächsten Folge auch noch mal darauf hin.***

Das geht jetzt auf der Zielgeraden Richtung Weltmeisterschaft doch ziemlich schnell: Ich hab mal wieder mit Max vom Rasenfunk über Fußball und WM-Vorbereitungen hier in Russland gesprochen, und uns beiden fiel auf: Das ist vermutlich unser letztes Gespräch vor Turnierbeginn! Also haben wir schnell noch ein bisschen übers Warmduschen, Bierbannmeilen und gute Journalisten in Russland, denen man bei Twitter folgen sollte, gesprochen. Hier könnt ihr das Gespräch anhören.

Dass die WM näher rückt, heißt auch: Der Countdown, den ich für n-tv.de schreibe, neigt sich dem Ende zu. Ich glaube, der wird mir ziemlich fehlen – immer, wenn ich denke: Okay, das Thema ist jetzt definitiv zu abwegig, die Herangehensweise zu bekloppt, kommt als Antwort: Super, bitte genau so lassen, ist gekauft! Selbst, wenn man sich anmaßt, russische Kunstwerke so umzudeuten, dass sie plötzlich alle mit Fußball zu tun haben. Ein großer Spaß!

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⚽  So viele Zahlen, die sich seit der letzten Russball-Folge angesammelt haben und nun drüben bei Pocket rumquengeln, dass sie hier verbloggt werden wollen. Okay, dann machen wir das direkt als erstes: Während der WM wird es in Moskau 72 geführte Touren in der Metro geben, gleichzeitig werden dort gut 800 englischsprachige Mitarbeiter eingesetzt – das sind über den Daumen vier pro Station. In Jekaterinburg haben mehrere Restaurants gemeinsam eine Tonne Jalapenos gekauft, um WM-Gäste aus Lateinamerika angemessen bekochen zu können.

Drei Milliarden Fernsehzuschauer werden sich voraussichtlich die Fußball-Weltmeisterschaft ansehen, 196 Sender in 212 Ländern zeigen die Spiele. Zehn Prozent Rabatt bekommen alle, die eine Fan-ID haben, für Kaffee, Kuchen und andere Snacks in einigen Moskauer Parks – Gorki, Museon und Sarjadje, alle liegen in der Nähe des Luschniki-Stadions. Neun Millionen Rubel Bußgelder (124.000 Euro) sind insgesamt gegen Hotels verhängt worden, die ihre Zimmerpreise für den Zeitraum der WM extrem erhöht haben. Ein Stück Landeskunde zum Abschluss: Jeden Tag essen die Moskauer rund 200 Tonnen Eiscreme. Ein gutes Indiz, dass sich das Probieren auch für Gäste in der Stadt lohnt.

⚽  Ach so, noch ein Zahl: 51 Rubel, das sind so um die 70 Cent, habe ich für eine neue ÖPNV-Karte in Moskau bezahlt. Sie funktioniert in der Metro, im Bus, in der Straßenbahn, vor allem aber sieht sie so aus, dass man sie nach dem Aufladen und Leerfahren gut als Andenken aufbewahren kann. Und wir merken uns auch: Nicht alles, was hier so zur WM auf den Markt gebracht wird, muss zwingend das von der FIFA vorgegebene Corporate Design haben.

kscheib russball troika⚽  Die meisten Fußball-Texte, die derzeit in Russland veröffentlicht werden, haben mit der Weltmeisterschaft zu tun – welcher Trainer beruft wen in seinen Kader, was gibt es an Begleitprogramm, auf welche Straßensperrungen müssen sich die Anwohner einstellen. Da hat es mich gefreut, immerhin einen interessanten Text zum russischen Ligafußball zu lesen: Witali Leonow analysiert, was ZSKA Moskau tun kann, um trotz leerer Kassen auch in der nächsten Liga-Saison oben mitzuspielen.Dazu erläutert er zunächst, warum ZSKA im Vergleich zur Konkurrenz sehr viel größere Geldsorgen hat: kein großes Staatsunternehmen als Sponsor, auch kein Mensch, der weit oben auf der Forbes-Liste steht. Dazu ein neues Stadion, das noch nicht abbezahlt ist, und die Lage der russischen Wirtschaft an sich. Leonows Fazit: „Wenn nicht ein Wunder geschieht und Geld vom Himmel fällt, muss sich der Club auf den Nachwuchs, ausgeliehene Spieler und free agents verlassen, um seine Mannschaft zu verstärken.“

⚽  Hier kommt dann aber auch schon wieder die Brücke vom Liga- zum WM-Fußball: eine Liste ausländischer Spieler, die bei russischen Vereinen unter Vertrag sind und bei der WM für ihr Heimatland antreten. Mit anderen Worten: Die, die sich im Gastgeberland gut auskennen und – wären da nicht diese ganzen Trainingslager – eine kürzere WM-Anreise hätten als ihre Teamkameraden. Der Pole Maciej Rybus zum Beispiel (Lokomotive Moskau), Schwedens Andreas Granqvist (FK Krasnodar) oder Milad Mohammadi aus dem Iran (Achmat Grosny).

Eine spezielle Situation findet sich beim FK Rostov. Der Club, dessen Heimatstadt ja zu den WM-Austragungsorten gehört, hat in seinen Reihen ein ganzes Nest an isländischen Nationalspielern – Ragnar Sigurðsson, Sverrir Ingi Ingason und Björn Bergmann Sigurðarson. Insgesamt kommt die Nachrichtenagentur TASS auf 15 Legionäre in der russischen Liga, die bei der Weltmeisterschaft dabei sein dürfen.

⚽  Neues Wort gelernt: Footbonaut. Das ist so eine Art Käfig, in der Mitte steht ein Fußballspieler und bekommt nun aus allen möglichen Richtungen Bälle zugespielt und muss sie weiterpassen. Begegnet ist mir der Begriff bei Twitter, offenbar hat der FK Krasnodar – immerhin Russlands Tabellenvierter der gerade abgeschlossenen Saison – jetzt so ein Ding bei sich stehen.

Wie so ein Ding in Aktion aussieht, kann man sich in diesem Video von Borussia Dortmund ansehen. Und der DFB hat dann noch eine Anregung, wie man sich selbst eine Billigvariante baut, mit Menschen- statt Maschinenkraft.

⚽ Vor ein paar Wochen habe ich mich recht laut aufgeregt über den dumm-gefährlichen WM-Slogan der deutschen Nationalmannschaft. Auch andere Leute haben „Best never rest“ kritisiert, sei es nun wegen der Sportwissenschaft oder aus ganz grundsätzlichen Gesundheitsgründen.

Womit wir beim Thema sind: Russlands Nationalmannschaft hat mit einem WM-Sponsor zusammen ein neues Motto für auf den Mannschaftsbus gesucht und gefunden: „Spiel mit offenem Herzen“. Das klingt, jedenfalls unter den Gesundheitsaspekt, noch sehr viel riskanter als der deutsche Spruch. Und es wirft die Frage auf, warum man sich nicht für eine der vielen Alternativen entschieden hat, die russische Fans fleißig bei Twitter gesammelt haben. Die waren wohl zu böse.⚽ „Russlands seltsamster Trainer“ titelt Bombardir und meint damit Wadim Skriptschenko. Der Mann ist Weißrusse, seit 2013 trainiert er russische Vereine, wobei er sich bisher bei keinem besonders lange gehalten hat: Ob Kuban, Ural oder Anschi, seine Trainerbiografie liest sich wie eine Sammlung von Pechsträhnen, garniert mit einem Abgang im Streit hier und Gerüchten über ein absichtlich verlorenes Spiel dort. Beißendes Fazit des Artikels: „Wenn Sie wollen, dass bei Ihren Mannschaft in den ersten fünf bis sieben Spielen alles schief geht, dann ist Skriptschenko eine gute Wahl.“

⚽ Die Ankündigung dazu hatte ich vor ein paar Wochen gelesen, konnte mir aber nicht so recht vorstellen, dass sie ernst gemeint war. Nun stellt sich raus: Dochdoch, alles echt – im Sokolniki-Park in Moskau steht zur WM eine riesige Vuvuzela. Der Stoff, aus dem Hörschäden und lange, laute Alpträume sind. Das Ding ist neun Meter lang und soll, wenn Russland spielt, die Radioübertragung des Matches in die Welt rauströten. Kannste dir nicht ausdenken.

⚽ Was erhofft sich Tschetschenien davon, dass Grosny diesen Sommer WM-Standort der ägyptischen Nationalmannschaft ist? Amie Ferris-Rotman dröselt das in der Washington Post sehr anschaulich auf: Herrscher Ramsan Kadyrow wolle seine Position in der islamischen Welt festigen, schließt sie, gleichzeitig habe er in den letzten Jahren seine Rolle als Anführer und Fürsprecher der russischen Muslime gefestigt. Den ganzen Text gibt es hier.⚽ Neulich hab ich drüben bei n-v.de noch empfohlen, meiner früheren Moscow-Times-Kollegin Gabrielle Tétrault-Faber bei Twitter zu folgen, jetzt haut sie diesen Scoop hier raus: Eine ganze Reihe von Fußballfans, die auf Russlands schwarzer Liste stehen, haben es dennoch immer wieder in russische Stadien geschafft. Einen von ihnen hat Reuters im Video-Interview, er hat, obwohl er offiziell gesperrt ist, sogar eine Fan-ID für die Weltmeisterschaft bekommen.

Das ist nicht nur in sich ein großes, wichtiges Thema, erst recht so kurz vor der WM. Die Tatsache, dass Pawel Tscherkas‘ Fan-ID erst eingezogen wurde, nachdem Reuters beim russischen Außenministerium nachgehört hatte, zeigt, was für einige Rolle diese Nachrichtenagentur mit ihrem investigativen, hartnäckigen Journalismus hier in Russland inzwischen spielt: Bei den Wahlen ist es hier zum Beispiel inzwischen üblich, dass Reuters-Leute als Quasi-Wahlbeobachter unterwegs sind, jedes Mal decken sie dabei Betrugsversuche auf. Ob Fan-ID oder Stimmzettel: Wo Russlands Behörden versagen, füllt Journalismus die Lücke. Respekt, Kollegen!

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Zum Schluss noch ein GIF. Scott Rose hat es gemacht, dem könnt ihr eh mal folgen – der Mann ist für Bloomberg in Moskau, kennt Russland intensiv, entsprechend interessant sind seine Tweets. Der hier allerdings ist einfach nur herrlich absurd. Es zeigt den Tag, an den sich ein Reporter des Fernsehsenders Rossija 1 möglicherweise fragte, ob der Zeitpunkt für einen Berufswechsel gekommen ist. Oder es ist eine Metapher dafür, wie sich das Journalistenleben diesen Sommer in Russland anfühlen wird.

Die nächste Russball-Folge gibt es am 6. Juni- acht Tage vor dem Eröffnungsspiel. Bis dahin, macht’s gut!



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Drei Jahre Moscow Times – sowas wie ein Fazit

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Dass es hier in den letzten Wochen ruhig war, lag daran, dass ich ein bisschen was sortieren musste – erst im Kopf, dann im echten Leben. Fünf Jahre Moskau heißt der Plan, die bisherigen drei habe ich bei der Moscow Times gearbeitet. So einen Abschnitt beendet man nicht ohne Nachdenken. Aber irgendwo zwischen „gehen, wenn’s am schönsten ist“ und „gehen, solange es noch schön ist“ ist der Zeitpunkt jetzt dann doch gekommen: Ende Januar höre ich auf.

Als ich bei der Moscow Times anfing, hatte Russland gerade die Krim annektiert, Boris Nemtsow lebte noch und der Krieg in Syrien war, von Russland aus gesehen, ganz weit weg. Was habe ich seitdem nicht alles gelernt in dieser kleinen, durch und durch unwahrscheinlichen Redaktion. Allem voran, wie man (komplett ohne Budget) einen Social-Media-Auftritt aufbaut, der rund um die Welt und rund um die Uhr funktioniert. Welche Posts für die russischen, für die amerikanischen, für die indischen Leser? Welcher Dreh, welche Uhrzeit? Anfang 2014 hatte die MT keine 50.000 Facebook-Fans, nach einem Jahr waren es schon 500.000. Steiles Wachstum, hohe Motivation.

Überhaupt, die Reichweite, die man mit englischsprachigen Inhalten so erreicht. Das Interesse an Russland wächst und wächst; wer kein Russisch kann und nicht auf Staatsmedien angewiesen sein will, der liest nun einmal die Moscow Times. Solch eine internationale, politisch interessierte Leserschaft zu haben, das ist meistens faszinierend. Nur ganz gelegentlich lässt es einen in Sekundenbruchteilen erblassen. Wie an dem einen Morgen, als dem Artikel über eine Massenschlägerei in einem Krankenhaus versehentlich das „M“ am Anfang der Überschrift fehlte. Ach guck, wie nett, da twittert ein Leser, ob wir uns die Zeile mit dem „Ass Brawl“ nicht noch mal ansehen wollen. Ach guck, es ist der Präsident von Estland.

Ich habe gelernt, woran man Kreml-Trolle bei Facebook erkennt (und wie viel Arbeit es ist, das dann auch zu überprüfen und sie zu blocken). Ich habe von den Englisch-Muttersprachlern im Team so zauberhafte Wendungen gelernt wie „He’s as useful as a chocolate hairdryer“ und, in harten Zeiten, den extrem einleuchtenden Begriff des „seagull management“. Ich habe den Unterschied gelernt zwischen dem, was in der russischen Verfassung drinsteht, und dem, was sie im Alltag auch tatsächlich gewährleistet.

Ich habe gelernt, nicht öfter als dreimal pro Woche zu fragen, ob wir an dem Bild, das wir da gerade verwenden, denn wohl auch die Rechte haben. Ich habe so, so viel über die russische Sprache gelernt. Ich habe gelernt, dass der große Mailverteiler (alle Kollegen nicht nur bei der Moscow Times, sondern im ganzen Gebäude, mit Vedomosti, Cosmopolitan usw.) dazu da ist, darüber informiert zu werden, wenn es besonders günstigen Honig oder besonders günstigen Kaviar zu kaufen gibt („Hast du den Preis für Kaviar gesehen? Bei Reuters kriegen sie ihn deutlich billiger, hat X erzählt.“)

Ich habe gelernt, Rosselkhoznadzor, Roskomnadzor und Rostechnadzor auseinander zu halten. Ich habe gelernt, dass die Standard-Anrede im Newsroom „Dude“ ist und „Katrin“ von all den anderen Dudes konsequent auf der zweiten Silbe betont wird. Ich habe gelernt, wie wichtig in einem autoritären Staat mit permanentem Druck auf die wenigen unabhängigen Medien ein Chefredakteur mit Rückgrat ist – einer, der nicht sagt „das können wir nicht schreiben“, sondern nur: „Wenn du das nächste Mal sowas schreibst, sag mir vorher Bescheid, dann bin ich vorbereitet.“ Ich habe gelernt, dass man jedes Live-Blog eines Putin-Auftritts mit viel Luft planen muss. Beginn: definitiv verspätet. Ende: komplett unplanbar.

Die Moscow Times ist ein Durchlauferhitzer. Die Mehrheit meiner Kollegen ist deutlich jünger, für sie ist es einer der ersten Jobs nach der Uni, manchmal der erste überhaupt. Mit, zwei, drei Jahren MT im Lebenslauf stehen einem dann viele Türen offen: Neulich habe ich eine Twitterliste gebastelt mit Ex-MT-Leuten, und wenn man sieht, wo die inzwischen überall sind, von New York Times bis Buzz Feed, von AFP bis Washington Post, dann ist das schon ziemlich beeindruckend – und ich bin stolz, mich da einreihen zu dürfen.

Welches neue Medium in dieser Twitterliste bald hinter meinem Namen steht, muss sich finden. Ich habe nach drei Jahren mit drei Chefredakteuren erst mal nur ganz grundsätzlich beschlossen, dass es Zeit für etwas Neues ist. Neue Kollegen, so großartig die aktuellen auch sind. Neue Projekte, die aber hoffentlich weiterhin mit Journalismus und Russland zu tun haben. Ein bisschen weiß ich schon, in welche Richtung es gehen soll, anderes muss sich finden. Zwei Jahre in Moskau bleiben noch.

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