Russball, Folge 67: Fußballspielen auf alten Bierbechern

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„Guck mal, der Nachtkönig sitzt auf dem Thron und guckt Fußball“, schreibt eine Moskauer Bekannte. Sie war gerade Lokomotive beim Spiel gegen den FK Jenissei anfeuern – erfolgreich, Loko hat 2:1 gewonnen. Und das Foto, das sie da schickt – joah, ganz nett. Haben die halt so nen Typen aus Game of Thrones auf der Leinwand gezeigt, mit einem rot-grünen Fanschal.

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„Es gibt noch mehr Bilder“, schreibt sie weiter, ich soll dringend mal bei Lokomotive auf Instagram gucken. Da sieht das Ganze dann doch etwas beeindruckender aus: Der Typ war nicht nur eingeblendet, sondern wirklich dort. Sie haben ihm ein Stück Tribüne freigeräumt, schön schneeweiß abgedeckt, so einen Thron hingestellt und von da hat er dann das Spiel verfolgt. Alles ein subtiler kleiner Hinweis, dass man demnächst das Finale von Game of Thrones im Stadion gucken kann. Und vielleicht auch, um die Jungs von Jenissei ein bisschen aus dem Konzept zu bringen.

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⚽ Tom Tomsk klingt wie ein Mensch, als hieße da jemand Peter Petersson. Tatsächlich aber ist es ein Fußballclub, der nach einem Fluss und der daran gelegenen Stadt heißt – als spiele da Düssel Düsseldorf oder Donau Donaueschingen. Aber der Name steht nicht nur für Fluss und Stadt, sondern auch für ein Problem, das in Russlands Ligafußball weit verbreitet ist: die Angst vor dem Aufstieg, aus Geldgründen. Im Detail ist hier bei Futbolgrad gut erklärt, warum der aktuelle Zweite der zweithöchsten Liga nicht in die höchste Liga aufsteigen will.

Kurz lässt sich die Lage so zusammenfassen: Viele Vereine, die in der Ersten Division spielen (der Name ist etwas irreführend, es handelt sich um Russlands zweite Liga), kämpfen schon genug damit, ihren Alltag finanziert zu kriegen. Aufzusteigen und mit den Teams der Premjer-Liga mitzuhalten, würde noch teurer. Oft haben Clubs, die auf Zweitliganiveau spielen, auch keine reichen Sponsoren, sondern gehören der Stadt, der Region, irgendeinem Teil des Staates. Keine Grundlage für große Sprünge, erst recht nicht rauf in die Premjer-Liga. Championat hat sich unter den Vereinen der Ersten Division umgehört, wer überhaupt an einem Aufstieg interessiert wäre, und kommt zu dem Schluss: Kann sein, dass sich da demnächst in den Playoffs zwei Mannschaften gegenüberstehen, von denen keine gewinnen will.

⚽  Budweiser und Umweltschutz, das gehört bekanntlich zusammen wie Russland und Mülltrennung: Eigentlich gar nicht, aber für die Öffentlichkeitswirkung stellt man dann doch mal ein paar Eimer in unterschiedlichen Farben auf. Oder schreddert eben 50.000 Plastikbecher, die bei der WM im Stadion liegengeblieben sind, und macht daraus einen kompletten neuen Fußballplatz.

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Wie fühlt es sich an, auf sowas zu stehen oder gar zu spielen? Marco Materazzi hat es ausprobiert und zwei Dinge gesagt: Erstens „Das ist ein ausgezeichneter Platz, auch wenn er ungewöhnlich ist,“ und zweitens, was die Sache vielleicht ein wenig relativiert, „Fußball kann man überall spielen, sogar auf Asphalt.“ Budweiser gibt unterdessen eine Pressemitteilung raus, in der fünfmal Varianten von „Recycling“ vorkommen und nennt das Plastikbecherfeld die „ReCup Arena“. Ich verkneife mir derzeit, auszurechnen, wieviel Prozent (oder Promille?) der bei der WM verwendeten Plastikbecher diese 50.000 Stück wohl ausmachen.

⚽ Entstanden ist das Plastikbecherfeld nicht weit vom Fischt-Stadion in Sotschi, also reden wir doch kurz mal darüber, was für ein Verein dort seine Heimspiele austrägt: Klar, der PFC Sotschi, soweit einleuchtend. Der allerdings wurde erst im Juni 2018 gegründet, oder vielmehr: umgewidmet. Das ganze war ein halbwegs komplexer Prozess, bei dem der Traditionsverein Dynamo St. Petersburg in FK Sotschi umbenannt wurde und von der Ostsee ans Schwarze Meer umzog. Alte Spieler, neues Trikot, fertig. Ergebnis: Es spielt jetzt immerhin ein Zweitligaclub in dem schicken WM-Stadion. Soweit Teil eins der Geschichte, das war vor knapp einem Jahr.

Teil zwei spielt sich derzeit ab. Der PFC Sotschi spielt ganz gut und hat sogar Aufstiegschancen, obwohl zu den Spielen kaum jemand kommt. Aber nach dem Manöver „Bestehender Club wird umgetauft und zieht in eine 2000 Kilometer entfernte Stadt“ war ja nun ein Vereinsname mit viel Tradition vakant. Das kann so nicht bleiben, weshalb das bisschen, was in Petersburg noch von Dynamo übrig war (die Jugendmannschaft?) nun mit dem FK LAS Luga zusammengeht. Luga liegt im Petersburger Umland, das bisherige Highlight in der Vereinsgeschichte war laut VKontakte-Seite der dritte Platz unter allen Männerteams im Bezirk Leningrad im Jahr 2015. Mal sehen, ob der neue, alte Name noch höhere Höhenflüge möglich macht.

⚽ Wir müssen mal über Saransk reden. Ihr erinnert euch: Die eher kleine Stadt, bei der man nicht so genau wusste, warum sie zu den WM-Gastgebern gehören durfte. Seitdem spielt dort der FK Mordowija, derzeit im Mittelfeld der Ersten Division, in einem schicken WM-Stadion. Kleiner Haken: Mordowija hatte in der Spielzeit 2017/18 im Schnitt nicht mal ein Prozent der Zuschauer, die in das Stadion passen. Zu Beginn der aktuellen Saison sah das besser aus, statt wie zuvor ein paar tausend kamen nach Vereinsangaben um die 20.000.

Dann kamen der Herbst, der Winter, immer weniger Leute. Und nun, im Frühling, war ein Reporter von Championat dort und fand beim Spiel gegen Wladiwostok ein nahezu leeres Stadion vor. Hier, wie war das mit 20.000 Zuschauern? Naja, sagt der Mann an der Ticketkasse, damals haben sie halt die Eintrittskarten kostenlos verteilt. „Der Klub stellt Zuschauerrekorde auf, indem er nicht nur Arbeiter, sondern auch Studenten und Schüler hierherbringen lässt“, hatte es ein Saransker schon im Oktober auf den Punkt gebracht. Klar, dass es andere Vereine ärgert, wenn dann Besucherrekorde verkündet werden. Aber damit scheint, zumindest in Saransk, ja nun Schluss zu sein – jedenfalls, wenn man sich das fast menschenleere Stadion ansieht, in dem vor einem Jahr noch Cristiano Ronaldo einen Elfmeter verschoss.

⚽  Ihr erinnert euch an Alexander Kokorin und Pawel Mamajew? Die beiden Fußballer sitzen in Untersuchungshaft, seit sie sich an einem Abend im Oktober mit mehreren Leuten geprügelt haben sollen. Keiner von beiden streitet das ab, es gab öffentliche Entschuldigungen, inzwischen läuft der Prozess. Kokorin hat bei seiner Aussage eingeräumt, einen Mann namens Denis Pak mit einem Stuhl geschlagen zu haben, Mamajew gab zu, einen anderen Mann leicht verletzt zu haben. Soweit dieser Fall. Und dann gab es den hier:

Noch ein Verletzter, noch ein prügelnder Profifußballer, diesmal Ajas Gulijew von Spartak. Die Boulevardzeitung Moskowski Komsomolez textet launing und kaum verholen schadenfroh, da habe ein Amerikaner das Unglück gehabt, zu erfahren, wie rau Moskauer Autofahrer sein können. Nun ja. Opfer und Täter einigten sich später, Gulijew entschuldigte sich und spendete Geld an einen guten Zweck. Glimpflich gelaufen – aber warum nur für ihn und nicht für Kokorin und Mamajew? Vielleicht, weil unter deren Opfern eben Denis Pak ist, ein nicht ganz unwichtiger Mitarbeiter des Industrie- und Handelsministeriums. Oder weil es immer gut ist, wenn man den Leuten was anderes gibt zum Empören als politische Themen, die ihre Empörung wert wären.

⚽  Das Porträt-aller-Porträts von Kokorin hat übrigens Neil Salata drüben bei Russian Football News geschrieben. Ausgedruckt auf Papier wäre es vermutlich länger als Kokorin groß ist. „Despite the growth in his wages since 2012-2013, arguably, the only other visible consistent growth for much of the time was his scandals“, heißt es da unter anderem sehr treffend. Dass er bei seiner ersten Chance, für einen Proficlub zu spielen, alles vor Wut noch vor dem Start wieder hingeschmissen hat, passt auch ins Bild. Das war’s dann aber jetzt auch mal mit Kokorin, jedenfalls für diesen Monat.

⚽ Ach, ich mag ja die Bilder, die bei Twitter unter @RUSNLF gepostet werden, hab ich vielleicht schon mal erwähnt. Die Abkürzung steht für „Russian Non-League Football“ – ein guter Einblick, wie es aussieht, wenn Fußball Breitensport wird, mit weniger prominenten Clubs, aber genau so begeisterten Fans. Und eben mit Plätzen wie diesem hier:

Womit man nicht rechnet: Dass bei solch unterklassigen Spielen ein früherer Nationalspieler antritt. Roman Pawljutschenko hat das dennoch getan. Er war bei Spartak, Lokomotive und sogar ein paar Jahre in England unter Vertrag. Dmitriy Podrubniy hat aufgeschrieben, wie es war, als Pawljutschenko letzten Herbst plötzlich für den FK Snamja spielte, in einem Stadion mit dem traditionell sowjetischen Namen „Awtomobilist“. Eine lesenswerter Ausflug in die Provinz.

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Zum Schluss noch etwas, das zwar nichts mit Fußball, aber doch mit Sport in Russland zu tun hat. Es geht um dieses Wesen hier, eine Mischung aus Bär, Matrjoschka und Stehaufmännchen.

Er ist eines von zwei neuen Maskottchen der russischen Olympiamannschaft, entworfen natürlich vom Studio Art.Lebedev, das alles erledigt, was gerade mal wegdesignt werden muss – in Moskau etwa die Gullydeckel, den Metroplan oder das überraschend interessante Muster für die Sitze im Bus. Als die Premjer-Liga letztes Jahr ein neues Logo wollte, hat das Studio auch ihnen einen Bärendesigndienst erwiesen.

Dass dieser Olympia-Stehaufbär besonders ist, liegt an den Worten, die in dem kleinen Video an ihm vorbeisausen. „Doping“ steht da, „Sanktionen“ und „Skandale“. Ist dem Bären alles egal, er steht wieder auf. Viel deutlicher kann man nicht signalisieren: Eure Vorschriften sind uns egal, oder bestenfalls Futter für einen Bärenwitz. Nicht nur ich hab mich gefragt, ob das wohl ernstgemeint ist, aber die neuen Maskottchen wurden Mitte des Monats vorgestellt, seitdem gab es weder ein Dementi noch eine total meta-mäßige „Da haben wir’s euch aber gezeigt“-Erklärung. Der Doping-ist-kein-Problem-Bär ist also ebenso echt wie sein Co-Maskottchen, eine Katze, die an eine russische Fellmütze mit Ohrenklappen erinnert. Doch, wirklich.



 

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Russball, Folge 46: Dieser Bär steht jetzt für den russischen Fußball

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Fasst man’s denn? Das WM-Stadion in Samara ist nach unendlich vielen Verzögerungen eröffnet worden, nur sechs Wochen vor Turnierbeginn. Ab sofort rechne ich also täglich mit der Fertigstellung des Flughafens in Berlin! Ansonsten habe ich neulich den möglicherweise absurdesten Text meiner jüngeren journalistischen Karriere verfasst, über ein Festival, das hier in Russland parallel zur Weltmeisterschaft stattfindet und bei dem der gemeinen Gurke in all ihren Inkarnationen gehuldigt wird. Was sonst noch los war:

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⚽ Zeit, mit der Hand durch die Sofaritze zu fahren und zu gucken, ob man noch ein bisschen Kleingeld findet. Mal zählen…ach guck, das sind ja genau 1656 Euro und 6 Cent. Wie praktisch, denn dafür kann man rund um die Spielübertragungen der Fußball-Weltmeisterschaft eine Werbesekunde im russischen Fernsehen kaufen. Gemeint sind damit natürlich nur Werbeplätze bei den Sendern Perwy Kanal, Rossija 1 und Match, die die Spiele übertragen. Die Sekunde für rund 1700 Euro, das entspricht einem Minutenpreis von 7,5 Millionen Rubel.

Ist das nun viel oder wenig? Die Redaktion von RBK zählt auf: Im Vergleich zur WM vor vier Jahren in Brasilien ist der Werbepreis konstant, damals verlangten die russischen Sender mit den Übertragungsrechten 7,538 Millionen pro Minute. Womit ich nicht gerechnet hätte, ist, dass dagegen bei der Europameisterschaft 2012 die Werbepreise der russischen Sender deutlich höher lagen. Warum, erklärt ebenfalls RBK: Damals „galt Russland als der Favorit in seiner Gruppe, die Zuschauer (…) erwarteten mindestens ein Überstehen der Gruppenphase, doch dazu kam es nicht.“

⚽ Wie sagte der zehnjährige Besuch aus dem Rheinland diese Woche: „Ihr habt hier echt überall Springbrunnen!“ Und ja, der Anlass war einer mitten im Einkaufszentrum, direkt neben dem Starbucks, aber die Beobachtung stimmt auch für Freiluftmoskau. Sachen abends schön beleuchten und im Sommer Springbrunnen sprudeln lassen, das sind zwei große Stärken der Stadtplaner hier.

Im vergangenen Sommer waren es 594 Brunnen in Moskau, diesmal kommt mindestens noch einer hinzu: Auf dem Gelände rund ums Luschniki-Stadion soll ein sogenannter „trockener Brunnen“ entstehen, also einer, zu dem kein mit Wasser gefülltes Becken gehört. Nur Wasser, das aus dem Boden schießt, in vielen kleinen Strahlen. Hinter der neuen Tretjakowgalerie gibt es sowas hier schon, und wenn im Sommer 30 Grad und mehr sind, ist das einer der kühlsten, angenehmsten Plätze in der Stadt: Einfach ein paar Schritte durch den Brunnen gehen, von den Fontänen links und rechts nassgemacht werden und sich dann zum Trocknen schön in die Sonne setzen. Das können Fußballfans demnächst also auch tun, wenn sie sich vor dem Stadionbesuch ein wenig abkühlen wollen – oder danach ihre Tränen verbergen. Was, ich, am heulen? Alter, das ist bloß Springbrunnenwasser!

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⚽ Interessante Reihe, da bei Sports.ru: Im Blog „Futbol auf Deutsch“ porträtiert Konstantin Andrejew seit einem guten Jahr Nachwuchsfußballer, die außerhalb Russlands leben, aber russischer Abstammung sind und somit möglicherweise mal für die russische Nationalmannschaft spielen könnten. (Der Subtext wird ironisch angedeutet: Wir sind doch hier so großzügig mit russischen Pässen, wenn wir einen ausländischen Spieler sehen, der den Fußball bei uns im Land voranbringen könnte. Und jetzt schaut mal, bei dem Jung hier wäre es so einfach!)

Das sind keine Namen, die ich jemals zuvor gehört hatte, aber die Porträts lesen sich interessant. Maximilan Lebedev zum Beispiel aus dem U17-Kader von Bayern München. Die Brüder Konstantin und Andreas Schiler, die aktuell für den SV Sandhausen in der U19 spielen. Und ganz abgesehen davon, ob es nun für eine Profikarriere reicht, ob die bis zur Nationalelf führt und welche Nationalelf es dann ist – interessant sind auch die Fragen zum Alltag der jungen Männer, von Russisch-Sprachkenntnissen über Familie bis hin zum Lieblingsessen. Lesen lohnt sich!

⚽ Das ist mir letzte Woche komplett durchgegangen: Russlands Premjer-Liga hat ein neues Logo – ein Bärenkopf in den Russlandfarben, mit Augen, die entfernt an den Terminator erinnern. Entworfen vom Studio Art.Lebedev, das hier in Russland schon so einige Großaufträge wegdesignt hat: Der aktuelle Metroplan ist dort entstanden, die Sitzpolster im Bus, selbst Moskaus Gullydeckel. Wer bei der Fußball-WM im Sommer auf dem alten Moskauer Olympiagelände unterwegs ist, orientiert sich an Schildern von Art.Lebedev. Und nun also dieses Logo.

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Wie kommt es an? So mittel. Natürlich kursieren allerlei Photoshop-Witzchen – mit der russischen Version von „Pu der Bär“, mit Elch, mit Mutko. Manchen Leuten ist der Bär zu nah am Russlandklischee, sie frotzeln, da fehlten doch noch Balalaika und Wodkaflasche. Nationalspieler Denis Gluschakow wurde nach seiner Meinung gefragt und rettete sich in ein höfliches „interessant“. Und dann war da noch ein Hinweis auf einen hippen Barbershop in Moskau, und ja: Dessen Logo sieht tatsächlich aus, als könnte es das Vorbild fürs Ligalogo gewesen sein. Trotzdem verstehe ich den Backlash nicht so richtig. Im Vergleich zu dem kleinteiligen, unaufgeräumten bisherigen Logo ist der Bär mit den roten Laseraugen ein echter Fortschritt:

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⚽  „Westi“, die Nachrichtensendung des russischen Staatssenders „Rossija 1“, hat durchgerechnet, was russische Fußballfans so investieren müssen, wenn sie alle drei Vorrundenspiele ihrer Mannschaft sehen wollen, also in Moskau, St. Petersburg und Samara. Das Ganze ist nicht immer akkurat gerechnet und ein wenig schief konzipiert (einerseits fehlen die Kosten für die Anreise nach Moskau, als lebe der typische Fan dort, andererseits werden aber auch in Moskau Hotelkosten mit eingepreist), dennoch ist die Liste im Kern ganz anschaulich: Wenn man davon ausgeht, dass Iwan Musterfan jeweils die billigste Ticketkategorie nimmt, dann kommt er für einen WM-Aufenthalt in Moskau auf 29.000 Rubel, in Petersburg auf auf 19.000 und in Samara auf 17.000 Rubel, dazu kommen noch Fahrtkosten.

Zusammen sind das mehr als zwei Durchschnittsgehälter, und man könnte an dieser Stelle des Berichts einen Schlussstrich ziehen. Aber als Staatsmedium ist man nun mal in der Pflicht, man hat für WM-Begeisterung und Hurrapatriotismus zu sorgen. Weshalb der Bericht von „Westi“ nicht mit dem Fazit endet, das sei ja nun recht viel Geld, selbst wenn man sparsam lebe. Nein, hinten wurden schön noch zwei Sätze drangedengelt: „Aber wenn unsere Mannschaft sich gegen alle Gegener gut schlägt und es über die Gruppenphase hinaus schafft, werden unsere positiven Emotionen diese Kosten ganz klar ausgleichen. Wir sind für unser Team!“

⚽  Über den Jahreswechsel 2017/2018 waren wir oben in Murmansk, es war knackig kalt und eine ganz großartige Reise. Nordlicht gesehen, den Eisbrecher Lenin besichtig, Markus hat für den Weltspiegel einen kleinen Film drüber gemacht. Daran musste ich diese Woche wieder denken, als Zenit St. Petersburg diese Bilder twitterte: Die Arbeiter, die gerade an einem neuen Eisbrecher für die russische Flotte bauen, scheinen allesamt Zenit-Fans zu sein:

⚽  Angeklickt und erst mal enttäuscht gewesen: „Das Tschertschessow-Kreuzworträtsel“ hieß es in der Überschrift und ich freute mich schon, allerlei Fragen zu Russlands Nationaltrainer zu beantworten: „Sieben Buchstaben, beginnt mit D: deutsche Stadt, in der Tschertschessow von 1993 bis 1995 als Spieler aktiv war.“ Aber nein, leider kein Rätsel, aber doch ein langes, tiefgehendes Porträt des Glatzenmanns, der die Russen so aufstellen soll, dass sie es vor heimischem Publikum über die Gruppenphase hinaus schaffen.

Ein bisschen sehr chronologisch ist der Artikel, das bremst ihn manchmal. Aber sonst liest er sich gut und anekdotenreich – einschließlich der Begebenheit, wie Tschertschessow 2001 Torwart beim FC Tirol Insbruck war und der Verein einen neuen Trainer bekam, der den gesundheitlich angeschlagenen Tschertschessow erst mal für ein paar Spiele auf die Bank setzte, bis er auskuriert war und sich vor dem Neuen beweisen konnte. Der hieß übrigens Joachim Löw.

⚽ Kennt ihr eigentlich den „Soviet Art Bot“ bei Twitter? Nein? Solltet ihr aber – nicht nur für Fußballbilder wie dieses hier:

⚽ Das ist mal ne Ansage: „Ohne die Fußball-Weltmeisterschaft gäbe es in Russland derzeit kein Wirtschaftswachstum.“ Gesagt hat das Arkadi Dworkowitsch, und der muss es wissen: Dworkowitsch ist Wirtschaftswissenschaftler und seit 2012 einer von Russlands stellvertretenden Premierministern. Mehr zu seiner außergewöhnlichen Rechnung hier.

⚽ Ein paar Woche ist es her, dass ich mich mit Mascha getroffen habe. Sie schreibt gerade an ihrer Doktorarbeit, liebt das Rumstöbern in Archiven und kann sich für alte Dokumente begeistern. Wir sind rund um die Lomonossow-Universität spazierengegangen und sie hat mir gezeigt: Hier in dem Turm ist mein Wohnheimzimmer, da vorne ist der Haupteingang zum Unigebäude – und da, nicht weit weg, soll die Fanzone gebaut werden. Der zentrale Ort, wo in Moskau all die Fußballfans zusammen feiern können, die keine Karten fürs Stadion bekommen haben.

Mascha und ihre Kommilitonen haben Angst, nicht vor den Fans, sondern vor dem Krach bis spät in die Nacht, mitten in der Prüfungszeit. Wie sie ihren Protest dagegen sichtbar machen, und wie die FIFA, der Uni-Rektor und die Stadt Moskau mit diesem Protest umgehen, habe ich für die Berliner Zeitung aufgeschrieben. Am Tag, nachdem der Artikel im Blatt war, war ich abends mit dem Moskau-Besuch noch mal oben in den Sperlingsbergen, und siehe da: Baustellenlärm, Kipplaster, Bagger, Staubschwaden wehen hoch und verschleiern den Blick aufs Unigebäude. Es sieht nicht gut aus mit den Erfolgschancen für den Studentenprotest.

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⚽ Dass Niko Kovac neuer Bayern-Trainer wird, inspiriert nicht nur deutsche Dichter, es beschäftigt auch die russische Fachpresse. Sowetski Sport kritisiert zum Beispiel, Kovac habe keine Champions-League-Erfahrungen und als Trainer noch keinen einzigen Titel geholt, was er wohl auch im DFB-Pokalfinale am 19. Mai nicht schaffen werde.

Bei Sports.ru gbt es sogar eine umfangreiche Analyse all der Gründe, warum der neue Trainer scheitern muss, unter der Überschrift: „Niko Kovac wird neuer Bayern-Trainer – es scheint, als ob das nicht die beste Idee ist.“ Begründung hier: Kovac sei es gewohnt, seinen Kopf duchsetzen zu können – das werde ihm bei Hoeneß und Rumenigge nicht gelingen. Seine Lieblingsaufstellung bei der Eintracht lasse sich nicht auf die Bayern übertragen, und überhaupt habe Kovac den Job ja nur bekommen, weil Tuchel ihn nicht wollte.

⚽ Die tunesische Nationalmannschaft wird während der WM im Moskauer Vorort Seljatino untergebracht, gerade war der Moskauer Sportminister auf Inspektionstour dort. Ein Reporter von Championat.com ist mitgelaufen und berichtet: ein paar schiefe Kacheln und seltsam verlegte Rohre, Rasen im schlechten Zustand, an der Hotelrezeption gibt’s noch keine tunesische Fahne. Alles Sachen, die sich bis Turnierbeginn noch regeln lassen. Besonders hübsch fand ich die Bemerkung des Reporters, eine „Motivation nach deutscher Art“ sei für die Tunesier leider nicht möglich: Die örtliche Bierbar ist derzeit leider geschlossen.

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Zum Abschluss noch ein Text, der nichts mit Russland zu tun hat, dafür aber mit Fußball, mit Familie, mit einem Fan – und einem der noch sucht, ob es eine Mannschaft gibt, deren Fan er sein möchte. Auf die Gefahr hin, dass euch in den letzten Tagen auch andere Leute diesen Text nahegelegt haben – er verdient es auch, mehrfach empfohlen zu werden: „Papsi, ich bin doch gar kein Fan“. Bis nächste Woche!



 

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