Russball, Folge 56: Das Gute am frühen WM-Aus für Deutschland

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Das ist ja nun schon ein bisschen her, dass Deutschland bei der WM rausgeflogen ist. Aber erst in den letzten Tagen ist mir aufgefallen, was daran der eine, große Vorteil ist: Man hat Zeit, Lust und Energie, alle möglichen anderen Teams anzufeuern – ganz ohne nervige strategische Hintergedanken wie „Oh Mann, die spielen echt gut, hoffentlich werfen die dann nicht in der nächsten Runde meine Mannschaft raus.“

Mit einer englischen Freundin in einer Fußballkneipe für England jubeln gegen Kolumbien. In einer Bar immer wieder auf die Stelle im Fenster gucken, wo sich der Fernseher um die Ecke spiegelt, während Belgien Brasilien rauswirft. Auf der Abschiedsfeier eines Freundes, der Moskau verlassen wird, um den Fernseher rumsitzen, den der Vermieter netterweise partytauglich an der Küchenwand angebracht hat, und den einen russischen Partygast herbeibrüllen, weil der genau in dem Moment eine rauchen ist, als Russland sein erstes Tor schießt. Ich find’s ganz schön, das alles tun zu können, ohne mich zu fragen: Könnte die deutsche Mannschaft denn auch gegen den Sieger bestehen? Diesmal ist von vorne herein klar: Nein, könnte sie nicht. Da guckt man gleich viel entspannter.

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⚽ Oh Mann, Russland! Wie schade, dass das jetzt alles vorbei ist – dieser Jubel, bei dem du am Anfang auch noch nicht so richtig wusstest, wie das eigentlich geht und ob das alles erlaubt ist, und dem du dich dann innerhalb weniger Tage so richtig hingegeben hast, einschließlich alberner Outfits und Schminke.

Als Rheinländerin muss ich voller Respekt sagen: Da waren Kostüme und großflächig aufgetragene Schminke zu sehen, mit denen man sich auch im Kölner Karneval nicht hätte schämen müssen. Und dann diese Lautstärke! Ich wollte Jubelfotos aus dem Fenster machen nach dem Spiel gegen Kroatien, stattdessen waren die Straßen leer. Auf dem Heimweg saßen zwei Frauen, in Flaggen gewickelt, vor einem Supermarkt und trösteten einander. Und ich dachte: Das kann ja wohl nicht alles sein.

War’s ja dann auch nicht, am Tag drauf, nachdem Russlands Medien schon Bilanz gezogen hatten, hat sich die Nationalmannschaft auf dem Fan-Fest bejubeln lassen. Es muss, wenn man dieses Video hier guckt, ein ziemlich beeindruckender Moment gewesen sein. Der Auftritt in den Sperlingsbergen wurde schnell zum Trending Topic bei Twitter, den Spielern auf der Bühne sieht man an, wie sehr sie am Tag nach der Niederlage diesen Zuspruch genießen. Vielleicht am besten gefallen hat mir aber dieses Geschenk eines Fans an den russischen Kapitän, Igor Akinfejew: statt der goldenen Ananas gab es einen Blumenstrauß aus Tomaten.

Klugerweise setzt das Kommunikationsteam der russischen Nationalmannschaft aber nicht nur auf Jubelbilder. Bei Twitter wurde ein Foto veröffentlicht, das den Fuß von Spieler Ilja Kutepow zeigt – als „weiterer Beweis, dass die Mannschaft alles getan hat, was möglich war, und noch mehr. Die Verletzung stammt aus der ersten Halbzeit, da lagen noch 100 Minuten vor uns…“

⚽ Was das russische WM-Aus auch bedeutet: Keine Ablenkung mehr, während der man die geplante Rentenreform durchdrücken könnte. Na, immerhin gilt weiterhin das Demonstrationsverbot in allen Gastgeberstädten, der Protest ist also weniger sichtbar als sonst.

⚽ Wir müssen dann auch noch über Artjom Dsjuba sprechen. Nicht so sehr wegen seiner wirklich schönen Instagram-Aktion, bei der er nach dem Ausscheiden Doppel-Selfies mit jedem einzelnen seiner Mannschaftskollegen gepostet hat mit der Bildunterschrift „Meine Kämpfer! Mein Stolz!“. Auch nicht wegen der Sache mit dem Salutieren. Der Grund, weshalb wir über Dsjuba reden müssen, ist das Einstichloch in seiner Ellenbeuge.

artjom dsjuba instagram

Die Süddeutsche Zeitung hat sehr sorgfältig aufgedröselt, was dieser Einstich an dieser Stelle bedeuten kann und was eher nicht – das russische Argument, es sei Venenblut abgezapft worden zwecks Gesundheitskontrolle, ist demnach wohl wenig glaubwürdig. Und die ganze Nummer mit der Ammoniakschnüffelei, von der man ja rund um die russische Mannschaft mehrfach gehört hat, ist dort auch erklärt. Tatsächlich ist Ammoniak – viele kennen vielleicht eher den Begriff Riechsalz – hier in Russland recht weit verbreitet. Einer Freundin, die hier beim Arzt nach einer Spritze umgekippt ist, hat man auch so ein Stinkefläschchen unter die Nase gehalten, damit sie wieder zu sich kommt. Wozu die Anwendung im Sport gut sein soll, ist hier erklärt.

⚽ Diese Boulevardgeschichte aus Nischni Nowgorod hatte einfach alles: Eine Apothekerin, die das Wort „Austragungsort“ wohl zu wörtlich genommen hatte und Kondome verkauft, in die sie Löcher gepiekst hatte. Zitate der Apothekerin, in denen sie ihr Tun damit rechtfertigte, den russischen Genpool durch ein paar, sagen wir mal… Beiträge ausländischer Fans bereichern zu wollen: „Haben Sie gesehen, was da für Jungs zu uns gekommen sind? Einer schöner als der andere, schlank, klug, sportlich.“ Sogar ein Foto der Frau hatte Bloknot.ru veröffentlicht.

Nur echt scheint die Geschichte halt nicht gewesen zu sein. Inzwischen ist sie von der Website verschwunden, nur an der URL erkennt man noch die Überschrift des früheren Artikels. Da bin ich ja regelrecht froh, vorher noch einen Screenshot gemacht zu haben von der Umfrage, die sich irgendein Redakteur dazu passend ausgedacht hatte: „Muss der russische Genpool verbessert werden?“: Eine leichte Mehrheit der Leser hat das mit „ja“. beantwortet.

bloknot.ru nischni nowgorod apothekerin ente

⚽ Für Themen rund um Sprache und Fremdsprachen bin ich bekanntlich ja immer zu haben (hier, hier oder hier zum Beispiel). Entsprechend angetan war ich von einem Artikel der BBC, der mir neulich in die Hände fiel. Er erklärt, wie sich die belgischen Spieler auf dem Platz verständigen – schließlich haben sie ja keine einheitliche Muttersprache. Mehr will ich hier gar nicht vorweg nehmen, sondern scheibe einfach in bester Buzzfeed-Manier: Die Antwort wird euch überraschen. Oder so.

⚽  Wie großartig ist denn bitte „8 Bit Football“? Und warum begegnet mit dieser Account erst jetzt, wo die WM auf der Zielgeraden ist?

⚽ Was für eine schöne, traurige Idee für eine Reportage: AFP hat eine Reporterin in den Donbass geschickt, also in die Ostukraine. Kriegsgebiet. Das Fußballstadion von Donezk wird nicht mehr als solches gebraucht, aber ein Café im Gebäude zeigt die WM-Spiele. Die Einwohner der Stadt, für die sonst eine abendliche Ausgangssperre gilt, dürfen an den Spieltagen länger nach draußen. Über dem Eingang des Cafés hängt ein Schild, „Zutritt nur ohne Waffen“. Eine Geschichte über die Liebe zum Fußball an einem Ort, wo für Liebe derzeit wenig Raum ist. (Foto hier.)

⚽ Viele haben sich gewundert, damals, als über die russischen WM-Austragungsorte entschieden wurde und Krasnodar nicht dabei war. Saransk, wirklich? Dieses Kaff mit kaum 300.000 Einwohnern? Und dann hat Krasnodar ja auch noch dieses unfassbare Stadion mit der riesigen Videowand! Wie es sich anfühlt in diesen Tagen, Fußballfan in Krasnodar zu sein und die WM-Spiele nur im TV sehen zu können? Ivan Nechepurenko hat sich mit vor den Fernseher gesetzt.

⚽ Ich bin ja aus Nordrhein-Westfalen und habe, als ich da noch gelebt habe, keine allzu guten Erfahrungen mit CDU-Ministerpräsidenten gemacht. Jürgen Rüttgers, Kinder statt Inder, unzuverlässige Rumänen, ihr erinnert euch. Das nur vorneweg, weil ich dennoch hier einen Tweet vom aktuellen NRW-Ministerpräsidenten einbetten will. Denn dazu war ich nun auch lange genug Journalistin in NRW, um Armin Laschet abzunehmen, dass ihm Integration und der Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit ein Anliegen sind.

Dass Mesut Özil sich mit Erdogan fotografieren lassen hat, empfinde ich weiterhin als Zeichen von – mindestens – fehlendem Urteilsvermögen und politischer Naivität. Aber dieser PR-Spin, wonach das nun also ein entscheidender Faktor beim deutschen WM-Aus gewesen sein soll, und wobei Forderungen nach einem Statement von Özil als Ablenkung von anderen Kritikpunkten herhalten müssen – da nehmen Menschen sehr bewusst in Kauf, Nazis Argumentationsmaterial zu liefern. Wenn also nun der DFB im Allgemeinen und Oliver Bierhoff im Besonderen zeigen, zu wie viel Opportunismus sie in der Lage sind, wenn sie unter Druck geraten, ist es wichtig, so deutlich dagegenzuhalten, wie Laschet das hier tut.

⚽ Noch ein politisches Thema, es ist ein bisschen kompliziert, darum hier ganz chronologisch: 1. haben nach dem Sieg Kroatiens über Russland ein kroatischer Spieler und einer aus dem Trainerstab ein Video gepostet, in dem sie „Slawa Ukraini“ rufen, Ehre der Ukraine. Dafür ist 2. Domagoj Vida, der Spieler, von der FIFA verwarnt worden und 3. Ognjen Vukojevic aus dem kroatischen Trainerstab rausgeworfen worden. („Slawa Ukraini“ war hier in Russland tagelang trendig topic bei Twitter.)

Damit ist die Geschichte noch nicht vorbei. Manche Russen finden 4., dass das eine zu milde Strafe ist, wogegen 5. manche Ukrainer finden, es hätte überhaupt nicht bestraft werden sollen. Was sie, 6., auf der FIFA-Facebookseite mit lauter Ein-Stern-Bewertungen unterstreichen. Außerdem hat nun der ukrainische Fußballverband angeboten, Vidas Strafe zu zahlen – eine Ankündigung, zu der sich der Verbandschef extra ein kroatisches Leibchen angezogen hat. Ich habe keine Zweifel, dass es in den nächsten Tagen weitere Drehs zu dem Thema geben wird.

⚽  „In Deutschland hat eine Frau die WM kommentiert. Jetzt wird sie gehasst.“Unter dieser Überschrift versucht Sports.ru, seinen Lesern zu erklären, was Claudia Neumann in den letzten Tagen für einen Dreck abbekommen hat und warum: „Die deutschen Zuschauer waren dafür (also für eine kommentierende Frau) nicht bereit“, heißt es in dem Text als Erklärungsversuch – und das, obwohl doch die Mehrheit der Deutschen es Umfragen zufolge gut finde, wenn Frauen als Kommentatorinnen arbeiten.

⚽ Zum Schluss noch eine Transfermeldung. Nein, kein Ronaldo – der ist ja, hüstel, schon recht früh hier aus Russland abgereist und passt darum in diesen Newsletter nicht hinein. Stattdessen geht es um Bryan Idowu. Von ihm war hier vor ein paar Wochen schon mal die Rede: nigerianischer Nationalspieler, aufgewachsen in Russland, schwarz. Was das für seinen Alltag bedeutet und wie oft oder wie selten ihm Rassismus begegnet, hat er schon mal in einem Interview erzählt. Nun hat sich der amtierende russische Meister Idowu geschnappt: In der neuen Saison wird er für Lokomotive Moskau spielen.

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So, wenn ihr bis hierhin gelesen habt, ist es ja auch nicht mehr lange bis zum zweiten Halbfinale, #itscominghome und so. Diese beiden Russen hier sind jedenfalls ganz klar für England – egal, wie die politischen Beziehungen zwischen ihren Ländern sind:

Bis nächste Woche – das ist dann schon die erste Russball-Ausgabe nach der WM, Mannmannmann. Aber erst mal euch allen viel Spaß mit den restlichen drei Spielen!



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Russball, Folge 52: Jetzt geht’s los, jetzt geht’s los

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„Wollen Sie jetzt mit Ihrem normalen Visum einreisen oder mit der Fan-ID“, fragt die Frau an der Passkontrolle. Zuvor hab ich schon zwei Volunteers, die garantiert ein Lächeltraining durchlaufen hatten, erklären müssen, dass ich mich in der Schlange für FIFA-akkreditierte Journalisten anstellen darf. Sehr lustig, weil natürlich mal wieder russische Anarchie herrscht und sich das Ömchen vor mir, deutlich im Rentenalter und erkennbar keine ausländische Journalistin, stillschweigend in genau diese Schlange gestellt hat und nun „ich geh hier nicht weg, da müsst ihr mich schon tragen“ ausstrahlt. Es ist also alles wie immer, nur halt anders.

In der Halle neben dem Gepäckband steht ein eigener WM-Desk mit, theoretisch, vier Schaltern. Keiner von ihnen ist besetzt, stattdessen können die neu Gelandeten einen wichtigen russischen Begriff lernen: „technitscheski pererif“, technische Pause. Klingt wichtig und deckt alle Gründe ab, warum da gerade niemand sitzt. An der Straße ins Zentrum sind großflächig Werbeflächen mit allerlei FIFA-Kram belegt, auf den Brücken im Zentrum wehen Fahnen und ja, im Supermarkt bei uns in der Nähe wurden auf der Zielgeraden noch ein paar Fan-Artikel ins Sortiment genommen.

Wer immer in diesen Tagen behauptet, hier in Moskau herrsche nun endlich „WM-Fieber“, der ist wahrscheinlich Hypochonder. Schön lakonisch haben das die Kollegen von der Moscow Times in einem Facebook-Post festgehalten. Immerhin: Die ausländischen Fans sorgen hier und da für Stimmung auf der Straße, gestern saß ich in einem Café und vor der Tür lieferten sich Anhänger von Peru und Kolumbien einen Sprechchor-Wettbewerb. Sehr schön, das darf gern so bleiben.

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⚽ Schon klar, ihr wollt hier jetzt alle was über die WM lesen. Und ja, da kommen wir auch gleich noch zu, keine Bange. Aber zum Hintergrund gehört ja auch die Frage, wie es dem Fußball in Russland geht. Die Antwort ist einfach, sie hat mal wieder mit Geldmangel zu tun, und Sports.ru bringt es mit größtmöglichem Sarkasmus auf den Punkt. „Der russische Fußballsommer in einem Bild“ heißt die Überschrift, darunter drei Vereinslogos:

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„Tosno – hat dicht gemacht. Kuban – wird dicht machen. Amkar – wird dicht machen.“ Drei russische Fußballvereine, die es in der nächsten Saison nicht mehr geben wird, und ehe einer fragt: Nein, das sind nicht irgendwelche Clubs. Tosno ist der diesjährige Pokalsieger, dürfte eigentlich demnächst international spielen, aber nein: Der Verein hat sich aufgelöst, weil das Geld fehlt. Bei Amkar Perm sieht es ähnlich düster aus, Kuban schließlich soll allen Berichten nach durch einen neuen Verein namens „Uroschai“ ersetzt werden, weil der alte Club keine Lizenz mehr bekommen hat. Und mit all dem Frust, den ein Fußballfan fühlt, wenn es seine Mannschaft plötzlich nicht mehr existiert, bildet die Redaktion dazu ein Feuerwerk über der Basiliuskathedrale ab und schreibt: „Am 14. Juni beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland.“

⚽ Gute Nachrichten für Dmitry Petelin: Der Student, der wie viele seiner Komilitonen gegen die Fan-Zone unmittelbar neben dem Universitätsgebäude in den Sperlingsbergen protestiert hat, muss kein Verfahren wegen Vandalismus mehr fürchten. Petelin soll auf eine Hinweistafel zur WM die Worte „Keine Fanzone“ gesprayt haben und war daraufhin festgenommen worden, ihm drohten 65.000 Rubel Geldstrafe oder gar Haft.

Nach einer Unterschriftenaktion und nachdem sich sowohl der Uni-Rektor als auch der Menschenrechtsrat der russischen Regierung für ihn eingesetzt hatten, wurde das Verfahren nun eingestellt. Dass eine Verurteilung wegen einer solchen Bagatelle kurz vor der WM denkbar schlechte PR gewesen wäre, hat sicher auch zu dieser Entscheidung beigetragen.

Klappt allerdings auch nicht immer: Selbst alleine ein Schild hochzuhalten ist nach russischem Recht eine unangemeldete Demonstration. Ein Mann, der das zur Unterstützung Petelins getan hat, muss dafür nun 20.000 Rubel Strafe zahlen, das sind rund 280 Euro – mit dem Verweis auf einen Erlass aus dem Jahr 2017, durch den die Versammlungsfreiheit während der WM noch weiter eingeschränkt wurde, als sie es hier ohnehin schon ist.

⚽  Was man nicht so alles lernt, wenn man Berichte ausländischer Medien liest. War mir zum Beispiel neu, dass Joachim Löw mal im Nebenjob Krawatten verkauft hat. Eines von vielen Details in einem Porträt des Trainers bei Wedomosti: dass er „Adrenalin im Blut liebt und deshalb den Kilimandscharo besteigt, Fallschirm springt oder ins Casino geht.“

Dass sein Vater in sowjetischer Kriegsgefangenschaft war und zurückkam mit der Überzeugung, Russen könnten alles schaffen, wegen ihrer großen Leidensfähigkeit. Und dann, natürlich, die Anekdote, dass Löw ja mal Trainer und somit Chef von Stanislaw Tschertschessow war, Russlands heutigem Nationaltrainer. Wie oft wir diese Tatsache bis Mitte Juli wohl noch erzählt bekommen?

⚽  Ach schön, Moskaus Bürgermeister meldet sich zu Wort, von dem hört man ja sonst total selten. Hüstel. Jedefalls wendet sich Sergej Sobjanin via VKontakte an die Moskauer, oder noch genauer: an die Chefs der Moskauer.

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Erst ein paar warme Worte über die Ehre, Gastgeber sein zu dürfen, dann der Hinweis auf die vielen Staatsoberhäupter, die zur Eröffnung kommen, und dass das natürlich Straßensperrungen bedeutet. (Wie gefühlt jede Woche hier in Moskau.) Dann die Pointe: „Deshalb bitte ich die Leiter von Unternehmen und Organisationen, in diesen Tagen ihre Mitarbeiter mit maximaler Großzügigkeit zu behandeln und ihnen, wenn möglich, einen freien Tag zu geben.“ Mit der Tatsache, dass der Mann nächstes Jahr wieder zur Wahl steht, hat das natürlich nichts zu tun.

⚽ Eh das Turnier auch nur begonnen hat, wird schon mal die Schuldfrage geklärt fürs mutmaßlich schlechte Abschneiden der russischen Nationalelf. „Die russische Mannschaft ist sehr schwach, wer ist schuld?“, fragt Sports.ru und bietetzur Auswahl die Spieler, den Trainer und die staatliche Führung an. Die meisten Leser entscheiden sich aber für Option vier, „alle zusammen“, was die Macher der Website sehr schlicht mit einer russischen Fahne illustrieren. Wenn Russland schlecht Fußball spielt, ist daran Russland schuld. Haben wir das auch geklärt.

⚽  Was ist das eigentlich zwischen Ronaldo und Messi? Eine Rivalität? Eine Freundschaft? Irgendwas dazwischen? Oder sind sie einander einfach herzlich egal? Man kann dazu ja allerlei lesen, Spekulationen oder auch mal einen Interviewfetzen. Aber nun hat eine russische Twitternutzerin die Frage beantwortet: Das zwischen Messi und Ronaldo (die Russen sagen Ronaldu) ist Freundschaft.

„Druschba“, Freundschaft, heißt nämlich der Ort, durch den man kommt, wenn man vom Trainingslager der Argentinier zu dem der Portugiesen fährt oder andersrum. Respekt, das muss einem erst mal auffallen! (Übrigens haben die Argentinier drei Tonnen Essen mitgebracht zur WM. Da kann Messi seinen Freund Ronaldo ja mal zum Steak einladen.)

⚽ Darüber hatte ich bisher noch gar nicht nachgedacht: Stimmt, alle Teams, die sich ihr Mannschaftsquartier rund um St. Petersburg gesucht haben, geraten da ja voll in die Weißen Nächte. Die Zeit im Sommer also, wenn es in Russlands „nördlicher Hauptstadt“ nachts nicht mehr dunkel wird. Den Effekt kenne ich hier aus Moskau, auch wenn wir im Hochsommer immerhin noch ein paar dunkle Stunden haben. Trotzdem sitzt du manchmal aufrecht im Bett, es ist taghell – Mist, verschlafen! Du stehtst auf, schlurfst ins Bad – und stellst dort auf der Uhr fest, dass es kurz vor 3 Uhr morgens ist.

Was macht das mit Hochleistungsfußballern, die fit und ausgeschlafen sein müssen für ihr nächstes Spiel? Tragen die jetzt alle Schlafmasken? Warum hab ich das noch nirgends gelesen, das bewegt doch die Welt! Ah, schau, eine Stellungnahme aus der kroatischen Mannschaft, die im Kurhotel „Waldrhapsodie“ untergebracht ist, eine halbe Stunde außerhalb von Petersburg: „Wir haben gute Vorhänge. Das wird kein Problem sein.“ Na gut – aber wenn ihr nun nicht Weltmeister werdet, liebe Kroaten, dann sagt nicht, euch habe keiner gewarnt.

⚽ Wo eine Großveranstaltung stattfindet, gibt es immer auch Abzocker. Bei Airbnb ist mir da neulich Nikolai aufgefallen, und ich muss schon sagen: Es gibt dreist, und es gibt Nikolai-dreist. Oder wollt ihr gerne mehr als 300 Euro pro Nacht ausgeben, um in einem zugemüllten Schuppen auf einem Garagendach zu wohnen? Nein? Seltsam.

⚽ Ach, schön, eine Runde Journalistenbashing. Artjom Dsjuba, russsischer Nationalspieler, hat sich bei den Journalisten von Gasjeta.ru beschwert, sie seien immer so kritisch, mal solle doch erst mal die Mannschaft ihr Turnier abschließen lassen, sie unterstützen und sich dann eine Meinung bilden. Eventuell hat der Mann kein allzu gutes Verständnis, wie das mit der Fußball-Berichterstattung bei großen Turnieren funktioniert, und dass die Hauptaufgabe von Journalisten nicht das Anfeuern ist. Andererseits, die russische Nationalmannschaft steht so tief im FIFA-Ranking wie noch nie, da kann man schon mal nervös werden.

⚽ Große Teile meines Montagabends habe ich auf einer Moskauer Polizeiwache verbracht, zusammen mit einem jungen Ägpter, der hier in Russland studiert. Es war einer der absurdesten Abende, die ich in Russland erlebt habe. Und wir haben so viel Smalltalk über Mo Salah gemacht, dass selbst mich jetzt Tweets wie dieser hier interessieren und ich nickend vor dem Rechner sitze:

Die Fotos von Salah mit Ramsan Kadyrow allerdings, dem tschetschenischen Machthaber, unter dem dort Schwule verfolgt und Menschenrechte komplett ignoriert werden – da kann ich nur den Kopf schütteln. Mehrfach.

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Was bleibt noch, eh sie beginnt, diese Weltmeisterschaft? Ein Dank an alle, die seit einem Jahr hier mitlesen über Russlands WM-Vorbereitungen und den Fußball hier im Lande. An die, die von Anfang an dabei sind und an die, die nach und nach dazugekommen sind. Und nein, das ist kein Abschied, natürlich gibt es auch während der WM jede Woche eine Russball-Folge. Aber eh es morgen trubelig wird, wollte ich halt einmal danke sagen. Ich hab mich in diesem Jahr über jeden Leser und jeden Kommentar gefreut.

Und jetzt wären wir dann soweit, wertes DFB-Team. Here’s looking at you. Kann losgehen!



 

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