Eine Stimme für Jewgenia

Links das Mikrofon, rechts die Teetasse, in der Mitte der Bildschirm. Es ist lange her, dass ich in einer Sprecherkabine stand – damals™, als noch Radioschichten die Miete bezahlt haben. Das hier ist aber dann doch anders, Fernsehen halt – und ehe ich etwas sagen darf, muss immer erst Jewgenia, die Tattoo-Künstlerin auf dem Bildschirm, anfangen zu reden.

Ein, zwei Wörter von ihr auf Russisch, dann der Einsatz für den deutschen Text. Voice-over für eine Doku über Frauen in Russland, gedreht von Golineh Atai. Sie hat Jewgenia begleitet bei ihrem Engagement für Frauen in Russland, die von ihren Männern misshandelt wurden. Sie erzählen von Messerstichen, Schlägen, Drohungen. Jewgenia hört zu und tätowiert währenddessen über die Narben der Frauen hinweg. Nicht mehr die Gewalt des Partners soll ihre Spuren hinterlassen, sondern die Nadel der Tätowiererin – nach den Motivwünschen der Frauen.

Zwischendurch spricht Jewgenia auch über eine Gesetzesänderung, die Anfang des Jahres in Russland verabschiedet worden ist. Seitdem ist häusliche Gewalt nicht mehr unbedingt strafbar: Wer es schafft, seine Frau so zu schlagen, dass es zwar schmerzt, aber keine unmittelbare Bedrohung ihrer Gesundheit bedeutet, begeht damit nun keine Straftat mehr, sondern nur noch eine Ordnungswidrigkeit, wie Falschparken. Keine Gefängnisstrafe mehr für die Täter, sondern eine Geldbuße oder, maximal, 15 Tage Arrest. Jewgenia kann es auch Monate später kaum fassen.

Kein leichter Stoff, trotzdem hat dieser Einsatz als Sprecherin Spaß gemacht. Vielleicht, weil man in so einer Kabinensituation noch genauer zuhört, oder weil man sich zwangsläufig mit der Frau identifiziert, der man da seine Stimme leiht. Sicher auch wegen der alten Radioliebe und der Herausforderung, dass da jemand was anderes von deiner Stimme will als „hier, sing mal das da“.

Jewgenia ist nicht die einzige Protagonistin dieser Doku. Parallel tritt auch Swetlana auf, die gegen die berufliche Diskriminierung russischer Frauen vor Gericht zieht. Die Doku über Jewgenia und Swetlana – „Russlands Frauen: Versteckte Narben“ – läuft diesen Samstag um 16.30 Uhr im Ersten.

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Doku-Tipp: Transmoskva

Transmoskva Coda Vika

Eine kurze Phase von Tauwetter und Toleranz, dann zurück zu Diskriminierung und Verfolgung – so stellen sich die letzten Jahrzehnte in Russland für Menschen dar, die schwul, lesbisch, bisexuell oder transgender sind.

Wenn ein Gesetz das „Werben für nicht-traditionelle sexuelle Beziehungen“ verbietet und die Regierung den Schulterschluss mit der nicht als liberal bekannten Orthodoxen Kirche übt, entsteht ein erschreckendes Klima: Laut einer Umfrage aus dem Herbst wollen 37 Prozent der Befragten, dass Menschen, die nicht den im Russland tief gefestigten sexuellen Rollenbildern entsprechen, aus der Gesellschaft ausgegrenzt werden. 21 Prozent fordern gar deren „Liquidierung“. Der Hass ist mehrheitsfähig.

Wie viel Mut es bedeutet, in solch einem Klima als Transfrau in Russland zu leben, zeigt Vika, die zu Beginn dieser Doku-Reihe als Fahrerin in Moskau arbeitet und gerade das Geld zusammen hat für eine OP, nach der ihr Gesicht femininer aussehen soll. Pascal Dumont hat sie begleitet und daraus die vierteilige Web-Dokumentation „Transmoskva“ gedreht. 

Vier kurze, eindringliche Folgen erscheinen derzeit im Wochentakt bei Coda, einem englischsprachigen Projekt, das hintergründigen, themenzentrierten Journalismus macht. #LGBTcrisis hat das Team seinen ersten Schwerpunkt betitelt, zu dem ein Bericht über die  Hilfsorganisation „Deti 404“ und eine Analyse des russischen Propagandabegriffs „Gayropa“ gehören. Und eben „Transmoskva“, dessen zweite Folge gerade veröffentlicht wurde. Knapp sechs Minuten ist sie lang – und lohnt sich.

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