Blogstatistik 2015 – ihr sucht was?

kscheib blogstatistik 2015

Wer mit WordPress bloggt, bekommt in diesen Tagen eine Statistik gemailt: Soundsoviele Leser im vergangenen Jahr, das ist soundsooft das ausverkaufte Sydney Opera House! Schau mal, das war Dein bester Post! Und Donnerstage sind Deine Freunde! Das soll zur Motivation gereichen.

Viel Motivierender finde ich ja, zu gucken, wen dieses Blog im vergangenen Jahr alles angezogen hat. Menschen mit obskuren Suchanliegen haben hier ein Zuhause gefunden – jedenfalls für den kurzen Moment, bis sie gemerkt haben, dass der Link, den ihnen Google da vorgeschlagen hat, leider auch keine vertiefenden Informationen bietet zu „punkt vor strich klammer comic art“, zu „ceci nest pas schriftart“ oder zu „sherlock molly sex“ (echt jetzt?).

Es steckt Poesie in diesen einsamen Anfragen – jede von ihnen hat nur einen einzigen Menschen hierher geführt. Und weil wir in Russland Weihnachten noch vor uns haben und das Gefühl des guten Willens stark ist, folgt nun der Versuch, einigen dieser Suchenden etwas verspätet doch noch den Weg zu weisen.

„umgucken“ – Hier im Blog? Gerne, fühl Dich wie zuhause. Oder draußen? Auch jederzeit.
„ohne hemde“ – Soll das „ohne Hände“ heißen? Dann Vorsicht beim Radfahren.
„metapher eichhörnchen“ – „mühsam ernährt sich“. Gerngeschehen.
„russische milf“ – Nun ja. Hier entlang, vielleicht?
„notenblatt leer männerchor“ – Ich rate zum Kanon. Vielstimmig und geht auswendig.
„mal was anderes googeln“ – Glückwunsch, erfolgreich erledigt. Du kleiner Rebell, Du!
„sowjetischer dokufilm lenin mit mütze“ – kenn ich keinen, aber das hier ist interessant.
„schweinefüße chinesisch“Nina Trentmann weiß mehr.
„wie viel geld kostet 1 gramm äpfel“ – Ein Kilo kaufen, Preis durch 1000 teilen. #profitipp
„was ist sehnsucht“ – Hunger, nur im Herz statt im Bauch.
„playmobil russe“ – Hm. Sowas hier?
„gulag witze“ – Witze hier, als Hintergrundlektüre lohnt sich „Hammer and Tickle“
„kann man das leitungswasser in transsilvanien trinken?“ – Wasser, Blut – ich wäre da vorsichtig.

War das jetzt seltsamer als oder genau so abwegig wie in den vergangenen Jahren? Ich bin mir unschlüssig:

Blogstatistik 2014 – ihr sucht was?
Blogstatistik 2013 – ihr sucht was?

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Etikette und Eichhörnchen

Heute ist wieder Buchclubtreffen. Ich bin da so reingerutscht dank einer Kollegin, in diese englisch-schottisch-russisch-irisch-amerikanische Runde und habe derzeit noch ein kleines Etikette-Problem.

Bücher zum Vergnügen lesen – geht, klar. Bücher für die Uni oder für die Arbeit lesen – auch. Und wenn mir in einem Buch etwas auffällt, sei es dienstlich oder privat, dann google ich hinterher ein bisschen rum und erfahre mehr. Beim Buchclub wäre das kontraproduktiv: Die Diskussion, was welcher Handgriff eines Autors wohl soll, ist ja gerade das Ziel. Es geht um eigene Gedanken, Referieren aus Wikipedia oder der Reclam-Lektürehilfe kann schließlich jeder.

Zu abstrakt? Okay. Diesen Monat lesen wir „Pnin“ von Vladimir Nabokov, was ganz schön gemein ist seiner Hauptfigur gegenüber. Anders als lächerlich darf der aus Russland in die USA emigrierte Professor vor allem zu Beginn selten rüberkommen, dargestellt als ein verpeilter, schrulliger Waschlappen mit mehr Marotten als Verstand. Und dann noch diese Eichhörnchen.

Graubraunes Cover, bunte Markierungen:
Graubraunes Cover, bunte Markierungen: „Pnin“ nach dem Fertiglesen.

Auf Seite 23 sieht der junge Pnin vom Krankenbett aus eines, auf Seite 24 schaut dem erwachsenen Pnin eines bei einer Panikattacke zu. Auf Seite 58 hat er nach einem Besuch seiner Ex-Frau eine Sinnkrise und gibt währenddessen einem Eichhörnchen was zu trinken – spätestens da habe ich angefangen, die Viecher mit Post-its zu markieren.

So eine Eichhorndichte, das muss doch ein Stilmittel sein und nicht bloß Zufall? Das nächste rennt auf Seite 73 durchs Bild, Pnin ist gerade auf dem Weg in die Bücherei. Und da, auf Seite 76, kommt endlich der Satz, der die ganzen Eichhörner rechtfertigt:

„…many good young people considered it a treat and an honor to see Pnin pull out a catalogue drawer from the comprehensive bosom of a card cabinet and take it, like a big nut, to a secluded corner and there make a quiet mental meal of it…“

Okay, kein Zufall also – aber Absicht in welche Richtung? Soll das Pnin weiterhin lächerlich erscheinen lassen oder auch liebenswert? Ist es dann erwähnenswert, dass er sich Anfang des Buchs alle Zähne ziehen lassen hat und nun sehr stolz ist auf seine famosen Dritten, mit denen er alles zerbeißen kann?

Hätte man das als halbwegs belesener Mensch eh vorher wissen müssen, weil Nabokovs Eichhörnchen sowas sind wie Prousts Madeleines? Und schwingt da irgendeine Metapher über das Leben in der Fremde mit, weil die Eichhörnchen in Russland rot sind und in den USA grau, das Emigrantenleben also ähnlich wie zuhause, aber nicht gleich?

Wir müssen reden.

Phoebe I totally get symbolism gif

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