Russball, Folge 43: Eine Reise mit Herz (und mit Sluzki)

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Oft geht es bei Russball ja um die kleinen Begebenheiten am Rande, um Anekdoten, einzelne Nachrichten, Tweets oder Instagram-Posts. Diese Woche ist das etwas anders: Mir sind beim Sichten gleich zwei richtig gute, tiefgehende Longreads zu Fußballthemen begegnet, einer von einem deutschen Autor und einer von einem Russen. Beide findet ihr weiter unten verlinkt, und ich verspreche: Wenn ihr euch im Laufe der nächsten Tage oder spätestens am Wochenende die Zeit nehmt, diese Texte zu lesen, geht ihr klüger aus dieser Woche raus, als ihr reingekommen seid.

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⚽ Vor ein paar Tagen saß ich in einem Moskauer Café mit zwei russischen Fußballfans zusammen, die sich sowohl mit dem deutschen als auch mit dem russischen Fußball gut auskennen. Wir unterhielten uns ein wenig darüber, ob und wie die politische Krise nach dem Giftanschlag auf Sergej Skripal die Fußball-WM beeinflussen wird. Beiden waren sich sicher, dass deutsche Fans ohne Sorge vor Aggression oder Schikanen nach Russland kommen können, schließlich wolle Russland der Welt seine Gastfreundschaft zeigen.

Über einen anderen Aspekt desselben Themas hat die Nachrichtenagentur AP mit Alexei Sorokin gesprochen, dem Chef des WM-Organisationskomitees: Es ging um die Zusammenarbeit von Polizei und Sicherheitsbehörden in Russland und im Ausland bei der Weltmeisterschaft. Bisher, so Sorokin, habe er bei dieser Kooperation keine Auswirkungen der aktuellen politischen Lage bemerkt. Wie geplant würden die verschiedenen Länder Informationen über mögliche Gefahren austauschen, außerdem geplant sei „ein eigenes Hauptquartier, in dem Polizeikräfte aus unterschiedlichen Ländern zusammenarbeiten, um mögliche Unruhestifter zu identifizieren.“

⚽ Schon ein normaler April ist in Moskau kein besonders schöner Monat: Die Schneehügel, die zusammengeschoben noch auf den Grünstreifen liegen, sind außen inzwischen fast komplett schwarz. Dann steigen die Temperaturen, der Schnee schmilzt innerhalb weniger Tage weg, die Kanalisation ist überfordert, auf allen Fußwegen steht das Wasser. Und schließlich ist auch der Boden so weit aufgetaut, dass die städtischen Bautrupps endlich mit dem anfangen können, was sie am besten können: Remont.

„Remont“ ist das russische Wort für Renovierung, Umbau, Sanierung. Wenn ich zum Beispiel meinen normalen Weg zu meiner normalen Metrohaltestelle gehe, muss ich um Bauzäune herumgehen und über dicke Rohre klettern. Jeder Moskauer weiß: Remont, das ist ein böses Wort. Bleibt nur eine Sorge: Dass wir angesichts der nahenden WM und des Wunsches, die Stadt in einem möglichst guten Licht zu präsentieren, in den kommenden Wochen etwas noch Schlimmeres erleben als einen bloßen Remont. Massive Bauarbeiten, den großen Umbau, die Mutter aller Sanierungen. Kapitalnij Remont oder, kurz und bedrohlich: Kapremont.

⚽ Im Februar ging es hier schon mal um ein Pilotprojekt zum steuerfreien Einkaufen: Wer in Russland einkauft (und nicht in einem Land der Eurasischen Wirtschaftsunion lebt), sollte sich demnach die Mehrwertsteuer auf seine Einkäufe zurückerstatten lassen können.

Gerade hat der russische Handelsminister noch mal bestätigt, dass ab dem 10. April in mehreren WM-Städten Tax-Free-Shopping möglich sein soll. Bis das Turnier im Juni beginnt, soll man dann zumindest an den Flughäfen aller Austragungsorte steuerfrei einkaufen können. Immer vorausgesetzt, man nimmt das Eingekaufte dann auch mit aus dem Land.

⚽ Noch eine Meldung rund ums Thema Geld und WM: Die Redaktion von RBK hat Experten gefragt, was das Turnier mit seinen hungrigen Besuchern aus aller Welt der russischen Gastronomiebrache an Einnahmen bescheren wird. Ergebnis: ein knappes Prozent mehr Umsatz, 184 Millionen Euro an Einnahmen. Das kann die Branche, die seit der Wirtschaftskrise 2014 harte Zeiten erlebt hat, auch dringend brauchen.

⚽ Vor ein paar Wochen war ich im Rasenfunk-Podcast zu Gast, wir haben über Russland vor der WM gesprochen, und irgendwann stand die Frage im Raum, ob man als schwuler oder lesbischer Fußballfan ohne Bedenken hierher reisen kann. Die Frage hat mich beschäftigt, auch als wir mit der Aufzeichnung schon fertig waren. Denn einerseits traue ich mir dazu durchaus eine Antwort zu, kenne hier in Moskau viele schwule und auch ein paar lesbische Leute und unterhalte mich mit ihnen natürlich auch über ihre Erfahrungen.

Andererseits: Warum soll ich es bei meiner Antwort als halbwegs gut informierte, heterosexuelle Frau belassen, wenn es doch genug Menschen gibt, die da sehr viel mehr zu sagen können, weil sie es unmittelbar erleben, Tag für Tag? Also habe ich angefangen, Freunde anzusprechen, die schwul oder lesbisch sind. Manche haben selber geantwortet, manche Kontakte zu wieder anderen Freunden hergestellt, ihnen allen bin ich dafür dankbar. Das Ergebnis ist kein klares „Ja“ oder „Nein“, so einfach ist das nicht. Aber ich hoffe, aus den sechs verschiedenen Einschätzungen entsteht ein gutes Bild davon, was schwule oder lesbische Fans in Russland erwartet.

⚽ Die russische Zeitung Vedomosti hat in den Infrastrukturplan für die Fußball-Weltmeisterschaft geguckt und berichtet, dass darin sowohl für den Moskauer Flughafen Scheremetjewo als auch für den in Domodjedowo je eine neue Landebahn veranschlagt ist. Das Bauprojekt in Scheremetjewo soll sogar der teuerste Posten auf der ganzen Projektliste sein. Dumm nur, dass offenbar keine der beiden Landebahnen rechtzeitig zum Turnier fertig wird. Nach Informationen der Zeitung ist nun frühestens im September damit zu rechnen, dass auf Scheremetjewos dritter Bahn Flugzeuge landen können.

⚽ Erinnert sich noch jemand an „Helden der Kreisklasse“? Damals dokumentierte Kabel eins die Arbeit des SSV Hacheney. Ein gutes Jahrzehnt später, und die Vereinsspitze des FC Veles Moskau hat sich gedacht: Fernsehsender braucht doch keiner, wir machen das via Social Media.

Und so läuft seit dem 9. April auf der VKontakte-Seite des Clubs eine zehnteilige Doku, in der in Reality-TV-Manier gezeigt wird, wie Veles um den Sieg in seiner Drittliga-Gruppe kämpft. Das würde den Aufstieg bedeuten. Drama, Baby!

⚽ Was hat Russlands vom Staat drangsalierte Zivilgesellschaft mit der Fußball-Weltmeisterschaft zu tun? Ronny Blaschke gibt in einem Longread einen guten Überblick. Er erzählt von einem lesbischen Fußballteam, das notgedrungen als „Gruppe alter Schulfreundinnen“ auftritt, wenn es einen Platz zum Spielen bucht. Von Rassismus und Nazi-Flaggen im Stadion. Davon, welche Rollenbilder hier Männern und Frauen nahegelegt werden, wie der Raum für freie Meinungsäußerung kleiner und kleiner wird, und wie wenige Menschen in Russland das interessiert – oft, weil sie viel dringlichere, existenziellere Probleme haben als den Wunsch nach gesellschaftlichem Wandel.

Interessant fand ich in dem Zusammenhang auch Blaschkes Einschätzung, wie deutlich oder wie dezent deutsche Außenpolitiker oder der DFB vorgehen können, wenn sie die russische Zivilgesellschaft unterstützen wollen. Wann helfen öffentliche Statements, wann eher die Zusammenarbeit im kleinen Rahmen, hinter den Kulissen? Wer jetzt gerade keine Zeit hat für einen etwas längeren, tiefergehenden Text, der sollte ihn sich bookmarken. Es lohnt sich.

⚽ Das ist tatsächlich ziemlich herzerwärmend: Als sich die Mannschaft von ZSKA Moskau letzte Woche auf den Weg nach London machte, um dort gegen Arsenal zu spielen, war auch Leonid Sluzki mit dabei. Egal, dass der Mann seit 2016 nicht mehr Trainer des Vereins ist, egal, dass er inzwischen einen holländischen Club coacht. Es ist ein wichtiges Spiel, und da muss Sluzki mit. In den Worten des offiziellen ZSKA-Accounts: „Wir fliegen mit Aeroflot nach London zum Spiel #ArsenalZSKA. Mit uns unterwegs ist ein großer Freund des Vereins :)“

⚽ Gern gelesen habe ich in den vergangenen Tagen auch einen Text über den unterklassigen Fußball in Russland. Ich wollte erst „eine Analyse“ schreiben, und das stimmt auch, der Text ist durchaus analytisch. Aber genau so sehr ist er eine Liebeserklärung an den Fußball abseits von Topgehältern und Business-Class-Flügen. „Die unteren Ligen, das ist die wahre Romantik des Fußballs„, schreibt Wadim Anisimow und stellt viele Fragen:

Wie kann es sein, dass in der fünften englischen Liga mehr Fans zu den Spielen kommen als in der dritten russischen? Warum sterben so viele kleine Clubs, so dass die Zahl der Vereine in der PFL von 1998 bis heute von 119 auf 64 geschrumpft ist? Noch ein gelungener Longread, wenn auch leider nur auf Russisch.

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Nächste Woche probiere ich übrigens was Neues: Weil ich ein paar Tage nicht in Russland und tendenziell auch eher offline sein werde, gibt es hier dann keine akuellen Fußball-Infos. Stattdessen bekommt ihr einen Reiseführer der besonderen Art zu den elf russischen WM-Austragungsorten. Bis dann!



 

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Russball, Folge 28: Homophobie unter russischen Fußballfans

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Willkommen zu Russball, wo euch versprochenerweise diese Woche niemand frohe Weihnachten wünschen wird – schließlich ist das kommende Wochenende hier in Russland ein ganz normales und Weihnachten erst im Januar. Stattdessen eine Quizfrage: Was dauert in Spanien zehn Tage, in Frankreich 14, in Italien 16, in Deutschland 22 und in Russland 80 Tage? Könnt ihr ja beim Lesen mal im Hinterkopf draufrumdenken.

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⚽ Watutinki – ein Name, den man sich merken muss, und dessen Herkunft die Süddeutsche hier erklärt. In Watutinki also wird die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ihr WM-Quartier haben. Kein Strandleben in Sotschi, leiderleider, stattdessen ein Hotelkomplex in einem Moskauer Vorort mit rund zehntausend Einwohnern. Rund zwei Monate vor WM-Anpfiff soll dort ein neuer Gebäudetrakt fertig werden und, wenn man sich die DFB-Bilder anschaut, ziemlich schick aussehen.

Aktuell hat der „Watutinki Hotel Spa Complex“ noch einen, sagen wir mal, eher traditionellen Charme: dunkles Holz, Blumenmuster, bodenlange Gardinen, hier und da glänzt mal ein Kofferständer oder eine Stehlampe aus Metall. Gelsenkirchener Barock trifft Neunzigerjahre-Jugendzimmer.

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Die Fifa zeigt in ihrer Übersicht auch noch diesen weitgehend tageslichtfreien Besprechungsraum. Aber wie gesagt, das ist der Ist-Zustand – nicht die Hotelvision, die da ab April hoffentlich wahr wird. Ob im neuen Flügel dann wohl dieselben Preise gelten wie im alten? Dann können sich die Fußballspieler schon mal auf taschengeldtaugliche Behandlungen freuen: Laut Hotelpreisliste gibt es im Spa- und Therapiebereich ein EKG schon für 500 Rubel (7 Euro), zehn Minuten Whirlpoolbad für die Beine kosten sogar nur 250 Rubel, und wer sich mal richtig was gönnt, bekommt für 1000 Rubel eine halbe Stunde den Rücken massiert, „vom siebten Halswirbel bis zum Steißbein“. Ist das auch geklärt.

⚽  Apropos DFB und Hotels: Letzte Woche hatte ich ja hier erwähnt, dass die Werbung für das Fan-Camp am Nordrand von Moskau mit einer sehr viel besseren ÖPNV-Anbindung lockt, als tatsächlich existiert. Das scheint allerdings die Fans nicht vom Buchen abzuhalten: Eines von vier möglichen Paketen ist bereits komplett ausverkauft.

⚽  Und wenn hier eh gerade so eine Art DFB-Themenschwerpunkt entsteht, dann noch eine Information, die zwar nichts mit Russland zu tun hat, mir aber am Herzen liegt: Nachdem ein Unterstützer der Initiative „Sleeping Giants“ bei Twitter darauf hingewiesen hat, wirbt der DFB seit ein paar Tagen nicht mehr auf der Hetzseite Breitbart. Eine höfliche Beschwerde, und schon wieder ein Werbekunde weniger für Rassisten. Es geht voran.

⚽ Die Fußball-App „Forza Football“ hat sich mit Stonewall UK zusammengetan, um Fußballfans zu ihrer Haltung zu Schwulen und Bisexuellen zu befragen. „Would you feel comfortable if a player in your national team came out as gay or bisexual?“, heißt die Hauptfrage, auf die weltweit 76 Prozent aller Befragten mit „ja“ geantwortet haben. Für Russland liegt die Zahl der Umfrage zufolge bei 47 Prozent, das sei eine deutlich höhere Akzeptanz als noch vor drei Jahren (21 Prozent).

Klingt gut, aber hält es dem Realitätstest stand? Gerne hätte ich mal einen Blick auf die Methodik der Homophobie-Umfrage geworfen – wie viele der insgesamt „mehr als 50.000 Befragten auf fünf Kontinenten“ kamen denn aus Russland? Leider stand niemand für eine Stellungnahme zur Verfügung.

Aus dem Bauch heraus kommt mir so viel Akzeptanz unter russischen Fußballfans eher unwahrscheinlich vor, und siehe da: Sports.ru hat seinen Lesern dieselbe Frage gestellt. Ergebnis bei knapp 45.000 Stimmabgaben russischer Leser: Rund 70 Prozent würden negativ auf das Coming-Out eines schwulen oder bisexuellen Spielers in der russischen Nationalmannschaft reagieren.

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⚽ Rechtlich gehört die Krim zur Ukraine, faktisch hat Russland sie annektiert. Nun berichtet ein Newsportal mit Sitz auf der Krim, dass man von dort aus keine Karten für die Fußball-Weltmeisterschaft im Internet kaufen könne – egal, ob man angibt, in Russland oder in der Ukraine zu leben.

Die FIFA erklärt,sie habe keine geographischen Beschränkungen einbauen lassen, wollen nun aber schnell dafür sorgen, dass das Problem gelöst wird. Menschen auf der Krim, die dennoch Probleme beim Buchen haben, können unterdessen tricksen: Wer mobil und mit russischer SIM-Karte auf die Seite geht, kann ganz normal seine Karten aussuchen.

⚽ Moskau macht seinen Taxiunternehmen Auflagen, wenn sie eine Lizenz für die Dauer der WM bekommen wollen. Dazu gehört nicht nur, dass die Fahrer keine ausstehenden Knöllchen haben dürfen. Sie bekommen auch alle eine Broschüre ausgehändigt, um ihr Englisch zu verbessern.

Maxim Lixutow, Moskaus stellvertretender Bürgermeister und Transportchef, zählt auf: „Sie sollten zum Beispiel ausländischen Touristen die Tarife erklären können, (….) die Fahrtdauer oder die beste Route zum Ziel benennen.“ Das Wichtigste sei, dass niemand vom Taxifahrer übers Ohr gehauen werde (im Gegensatz zu damals beim Confed-Cup.

⚽ In der großen Tradition von Paul dem Oktopus wirft die BBC einen Blick auf die russischen WM-Orakeltiere. Was soll ich sagen, es ist ein Erdmännchen dabei, und das ist exakt so niedlich, wie ihr es euch gerade vorstellt. Hier geht’s zum Video.

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⚽ Was man halt so an Ideen hat, wenn ein neues Jahr vor der Türe steht: Leonid Fedun möchte den russischen Fußball revolutionieren. Der Mann hat durchaus ein eigenes Interesse an Russlands Fußballzukunft, immerhin gehört ihm Spartak Moskau. Nun schlägt er beispielsweise vor, die Begegnungen in der Liga nicht mehr komplett auszulosen. Stattdessen sollen einige Vereine gesetzt werden, so dass die Spiele im November und März in den milderen Regionen des Landes ausgetragen werden statt im Schneegestöber.

Auch zur Zahl der Teams in Russlands höchster Liga hat Fedun eine klare Vorstellung: In der RFPL sollen künftiger nur noch Mannschaften spielen, die mindestens 15.000 Fans ins Stadion locken, alles andere rechne sich einfach nicht. (Interessanter Nebenaspekt: Spartak nimmt Fedun zufolge pro Spiel zwischen 50 und 60 Millionen Rubel ein, also unter einer Million Euro.) Nach dieser Regel gäbe es also weniger Klubs als bisher in der Liga, sie sollten dafür aber öfter spielen, um eben mehr Geld reinzuholen. Feduns ganzen Revolutionsplan, auch zum russischen Pokal und zum Umgang mit Nachwuchsspielern, dokumentiert Sport Express.

⚽ Zwei Monate ist es her, dass Lokomotive Moskau einen englischsprachigen Twitteraccount gestartet hat. Alles mit Hilfe von Google Translate, witzelte der Verein in seinem ersten Tweet. Knapp 300 Tweets später, und was als Witz gedacht war, scheint wie eine plausible Alternative zu dem Sprachmurks, der da regelmäßig rausgehauen wird.

Was lernen wir daraus? Erstens: Muttersprachler engagieren lohnt sich. Und zweitens: Solange das so wenige Russen glauben, wird es bei der Fußball-WM garantiert genau so viele unterhaltsame Fehlübersetzungen geben wie 2014 bei den Winterspielen in Sotschi.

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Zum Schluss noch ein kleiner Servicehinweis für alle, die erwägen, sich während der WM in Russland mit dem Zug fortzubewegen. РЖД, Russlands Eisenbahn-Staatskonzern, hat eine Frage beantwortet, die regelmäßig für Streit zwischen Passagieren führt: Wer im Langstrecken-Liegewagen die obere Liege gebucht hat, darf nicht einfach auf die untere umziehen. Auch der Stauraum unter der unteren Liege und das Tischchen, an das man sich zum Essen setzen kann, gehören dem Passagier, der die untere Liege gebucht hat. Also, ihr seid gewarnt.

Ach so, und das mit den 22 Tagen in Deutschland und 80 in Russland? Ist natürlich die Winterpause der obersten Fußball-Liga. Macht’s gut, bis nächste Woche – und keine frohe Weihnachten!



 

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Russball, Folge 21: Was ihr bei der Fußball-WM um den Hals hängen habt

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Diese Russball-Folge muss am Anfang kurz mal Dänball sein. Wir waren eine wunderbare Woche lang auf Fanø, vier Große, zwei Kleine – oder anders gesagt, zwei Schalker und vier mehr oder weniger langjährige BVB-Fans. Was tut man nicht alles, um dem Patenkind und seinem Bruder vorzuleben, dass es noch andere Optionen gibt: „Stimmt, das ist cool, dass da jemand einen Drachen steigen lässt, der aussieht wie die BVB-Biene. Aber hast du dir mal den restlichen Himmel angeguckt? Alles blau und weiß!“

Auf der Insel gibt es auch eine Schule, flankiert von einer Bücherei, allerlei Kletter- und Hüpfmöglichkeiten und einer Sportanlage. Nicht nur für Schüler, sondern offen für alle. Beeindruckt hat mich dort der Aushang am Fußballfeld, der vor allem im Herbst und Winter nützlich ist: Schicke eine SMS an diese Nummer, und die Beleuchtung wird für eine Stunde eingeschaltet.

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Sehr einfach, sehr schlau – jetzt wüsste ich nur noch gerne, ob das automatisiert ist oder am anderen Ende ein Mensch sitzt, der einen Lichtschalter drücken muss. So oder so: Falls ihr Fußball spielenden Kindern eine Stunde Strom organisieren oder einfach als Kunstprojekt mitten in der Nacht einen dänischen Bolzplatz beleuchten wollt: Die Ländervorwahl ist +45, der Rest steht auf dem Zettel.

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⚽ Sports Illustrated hat einen Auszug aus dem Buch „Under the Lights and In the Dark: Untold Stories of Women’s Soccer“ veröffentlicht. Es geht um die junge amerikanische Fußballerin Danielle Foxhoven, die 2012 für Energija Woronesch gespielt hat – eine gruselige Erfahrung. Kurzentschlossen hatte sie dem Club zugesagt, nachdem ihr Job bei einem US-Verein weggebrochen war. Der Artikel beginnt mit einer krassen Szene, in der ihr russischer Trainer sie ins Gesicht schlägt, weil sie sich auf den kalten Boden gesetzt hat. Es folgen Sexismus, Beschimpfungen, als Vitamine getarntes Doping.

Man kann das kaum lesen, ohne sich zu fragen, wie leidensfähig man als Profisportlerin eigentlich sein muss – und wie naiv man sein kann: Tabletten einfach schlucken, unerklärte Spritzen einfach akzeptieren. Wer über den Buchauszug hinaus weiterlesen will: Danielle Foxhoven hat über ihre Zeit in Russland gebloggt. Hier etwa über den traurigen Entschluss, mit dem Russischlernen aufzuhören: Sonst, so die Logik, würde sie noch mehr von den Seitenhieben ihrer Mitspielerinnen verstehen.

⚽ Dass Moskaus renoviertes Luschniki-Stadion mit einem Freundschaftsspiel gegen Argentinien wiedereröffnet werden soll, ist ja schon ein paar Tage bekannt. Neu sind aber die Infos, die RBK zu den Kosten für dieses Spiel recherchiert hat. Demnach zahlt Russland rund eine Million Dollar, damit die Argentinier dem Eröffnungsspiel den nötigen fußballerischen Glanz verleihen.

Bemerkenswert sind an dem RBK-Bericht zwei Details. Zum einen zitiert er einen Experten mit den Worten, Argentinien verlange normalerweise eher zwei Millionen pro Spiel. Der Russland-Rabatt entstehe dadurch, dass aktuell „alle Nationalmannschaften froh darüber sind, im Land der nächsten Weltmeisterschaft zu trainieren.“ Derselbe Experte veranschlagt dann auch noch schnell, welcher Anteil der Millionensumme dafür fällig wird, dass Lionel Messi mit anreist: zwischen 35 und 50 Prozent. So fühlt es sich also an, argentinischer Nationalspieler, aber nicht Messi zu sein: Schau mal, der da drüben ist genau so viel wert wie wir restlichen alle zusammen.

⚽ Neuer Tabellenführer in der Premjer Liga: Lokomotive Moskau hat den bisherigen Spitzenreiter Zenit St. Petersburg sowas von geschlagen – 3:0, und das auswärts. Zwei der Tore hat Jefferson Farfán geschossen, das dritte für Alexei Mirantschuk vorbereitet, das sah dann so aus:

Was heißt das nun für die restliche Saison? Einerseits ist der Verlust der Tabellenspitze noch keine Krise. Zenit war im vergangenen Jahrzehnt viermal russischer Meister, Lokomotives letzte Meisterschaft war 2004. Andererseits, das fasst der Chefredakteur von Russian Football News hier gut zusammen, haben die Moskauer eine deutlich leichtere Rückrunde vor sich. Bei Lokomotive jedenfalls ist der Jubel groß – schließlich bedeutet der Spitzenplatz auch, dass man vor den drei Lokalrivalen ZSKA, Spartak und Dynamo liegt.

⚽ Noch 225 Tage bis zur Fußball-WM, dazu machen hier gerade zwei Zahlen die Runde. Zum einen werden die Kosten für das Turnier höher liegen als bisher geplant: 678 Milliarden Rubel statt 643,5 Milliarden – umgerechnet ist das ein Anstieg von rund 500 Millionen Euro. Warum? Die offizielle Verlautbarung nennt keine Gründe. Aber solche Preissteigerungen sind bei Großereignissen nicht unüblich – und in Russland, wir erinnern uns an den Stadionbau in St. Petersburg, erst recht nicht.

Auch Zahl Nummer zwei liegt höher als bisher erwartet, das dürfte allerdings die meisten WM-Teilnehmer freuen. Die FIFA erhöht das Preisgeld, um das die Mannschaften bei der Weltmeisterschaft konkurrieren. 344 Millionen Euro oder, schön rund, 400 Millionen Dollar sind nun im Topf. Wer schon in der Gruppenphase ausscheidet, nimmt 8 Millionen mit heim, dem Weltmeister winken 38 Millionen. Alle Stufen dazwischen hier zum Nachlesen.

⚽ Falls ihr zur Weltmeisterschaft nach Russland kommen wollt, werdet ihr übrigens das hier um den Hals hängen haben – das neue Design wurde gerade vorgestellt:

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Die Fan-ID ist, wie schon beim Confed-Cup diesen Sommer, der Ausweis, ohne den nichts geht. Nur wer ihn vorzeigen kann, darf ins Stadion – die Eintrittskarte allein reicht da nicht. Auch wer ohne Visum einreisen oder einfach nur kostenlos mit der Metro zum Stadion fahren will, braucht die Fan-ID.

Was mich übrigens interessieren würde: Warum ist die ID das einzige, was zwar zur WM gehört, aber nicht im WM-Design gestaltet ist? Dieses Planschbecken-Stadion, aus dem da der Ball raushüpft, hat nichts mit dem Look des Turniers zu tun. Nicht mal die Schrifttype stimmt, das müsste Duscha (Душа) sein. Beim Confed-Cup war das auch schon so – was es nicht leichter macht, wenn man versucht, den Ort zu finden, wo man seinen Ausweis abholt.

⚽ Maslow, Maslow, warum kommt mir der Name noch mal bekannt vor? Ach ja, die Bedürfnispyramide, damals im SoWi-Unterricht. Erfunden hat sie Abraham Maslow, dessen Namensvetter Denis heute Geschäftsführer beim FK Amkar Perm ist. Und es wäre mir ein akutes Bedürfnis, dass der Mann seine schwulenfeindlichen Statements künftig für sich behält – oder ihm zumindest ordentlich Kritik entgegenschlägt, wenn er sowas hier sagt:

„Schwule im russischen Fußball? Gottseidank bin ich noch keinem begegnet und ich hoffe, das bleibt auch so. (…) In der Bibel steht, dass Gott Adam und Eva schuf, nicht Adam und Adam.“ Bei den Spieler von Perm sei er sich jedenfalls sicher, dass alle „eine traditionelle Orientierung“ haben, behauptet Maslow weiter: „Alle Jungs sind entweder verheiratet oder leben mit ihrer Freundin.“ (Was, die leben unverheiratet zusammen? Was sagt denn da die Bibel?)

Lenta.ru protokolliert Maslows Äußerungen und weist zur darauf hin, dass es in Europa durchaus offen schwule Männer im Fußball gibt: Thomas Hitzlsperger als Profifußballer, den Briten Ryan Atkin als Schiedsrichter. Und ich frage mich, ob man da unten auf die Fan-ID vielleicht nicht nur „Say no to racism“ drucken könnte, sondern auch „Say no to homophobia“. Oder, ganz schlicht, „Don’t be an idiot.“

⚽ Zum Runterkommen eine kleine Nachricht von der Rheinland-Russland-Schiene. Normalerweise ist Konstantin Rausch ja immer der FC-Köln-Spieler, der auch zur russischen Nationalmannschaft gehört. Heute also mal andersrum: Der russische Nationalspieler Konstantin Rausch hat seinen Vertrag beim 1. FC Köln verlängert und bleibt nun bis 2021. Soundtrack zur Entscheidung: Wat och passeet, dat Eine es doch klor: Mer blieven, wo mer sin, schon all die lange Johr.

⚽ Begonnen hat diese Russball-Ausgabe mit einer leidensfähigen Fußballerin, enden soll sie also mit zwei nicht minder unerschütterlichen Nachwuchsmannschaften. Am Samstag sollten die Jugendteams des FK Amkar Perm und des FK Ural gegeneinander antreten – in Perm, also fast schon im asiatischen Teil Russlands. Anfangs war das auch ein ganz normales Spiel. Bis zur 35. Minute.

Nein, das ist kein Nebel. Das ist Schnee.

Viel Schnee.

Verdammt viel Schnee.

Wie sagt man noch mal „Abbrechen wegen Unbespielbarkeit“ auf Russisch? Keine Ahnung, und auch egal. Die 90 Minuten wurden ganz normal runtergespielt, nur der schwarzweiße Ball gegen einen bunten ausgetauscht. Am Ende stand es 5:1 für die Gastgeber; die dann vor lauter Glück noch eine endlose Fotostrecke des Schneematches veröffentlicht haben.

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Während ihr das hier gelesen habt, bin ich auf dem Weg nach Tiflis – das Team von Coda Story, zu dem ich als Social Media Editor gehöre, trifft sich dort zur Redaktionsklausur. Mal sehen, vielleicht erzählt ja jemand am Rande eine interessante Geschichte vom georgischen Fußball. Die lest ihr dann nächsten Mittwoch hier – bis dahin, macht’s gut!



 

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