Russball, Folge 22: Wir basteln uns einen Stadion-Rasen

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Echt, drei Tage in Tiflis, und du bist für Moskau komplett verdorben. Die freundlichen Menschen! Das grandiose Essen! Die fußgängertauglichen Straßen! Besonders cool an Fabrika, dem Ort, wo wir mit dem Team von Coda Story getagt haben, waren die viele Graffiti – mal schauen, vielleicht wird das noch mal ein separater Blogpost.

Eh das hier jetzt aber komplett in Richtung Georgien-Verklärung kippt, reden wir besser mal über Guram Kashia. Er spielt nicht nur für die georgische Fußball-Nationalmannschaft, sondern auch für den niederländischen Verein Vitesse Arnheim. Als sich unlängst alle Clubs der Eredivisie – also der obersten Liga in den Niederlanden – zusammentaten und ihre Kapitäne mit Regenbogen-Armbinde auflaufen ließen, sollte das ein Zeichen gegen Homophobie sein.

Für Kashia war es der Beginn massiver Anfeindungen. Georgische Fußballfans und Journalisten fordern seitdem, dass er nicht mehr für die georgische Nationalmannschaft spielen darf. Mehr zum Thema gibt es bei der Washington Post.

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⚽ Angriff ist die beste Verteidigung, das gilt auch, wenn sich die Fans daneben benehmen: Beim Europa-League-Spiel gegen Rosenborg Trondheim haben Anhänger von Zenit St. Petersburg den Gästeblock auseinandergenommen. 700 Zenit-Fans waren zu dem Spiel nach Norwegen gereist, 80 Sitze waren hinterher kaputt. Nachdem Trondheim sich bei der UEFA über den Vandalismus der russischen Gäste beschwert hatten, ging Zenit in die Offensive: 80 kaputte Sitze? Jahaaaa, aber der Gästeblock war ja auch gar nicht richtig ausgerüstet für eine Match dieser Klasse.

Da, heißt es weiter, seien schließlich spezielle, vandalismusfeste Sitze üblich. „Zenit will sich nicht der Verantwortung für von unseren Fans verursachte Schäden entziehen“, zitiert TASS aus einem Statement des Vereins. Von böser Absicht könne aber keine Rede sein: „Solche Dinge passieren, wenn die Gasttribüne nicht richtig vorbereitet ist.“ Anders gesagt: Unsere Fans sind keine Vandalen! Sie machen bloß Sitze kaputt, wenn die nicht vandalismusfest sind. (Die UEFA interessiert das übrigens nicht, sie ermittelt trotzdem.)

⚽ „Russische Nationalmannschaft wird Weltmeister im 7-gegen-7-Fußball“, schreibt Argumenty i Fakty – und ich muss erst mal recherchieren, was das ist. Das Ergebnis ist interessant und, mit Blick auf Russland, ermutigend: Bei dieser Fußball-Variante, die auf Deutsch „CP-Fußball“ heißt, treten Sportler gegeneinander an, die nach einer Hirnschädigung im Kindesalter oder nach einem Schlaganfall Probleme haben, ihre Bewegungsabläufe zu kontrollieren. Um Weltmeister zu werden, hat Russland die Nationalmannschaft von Guatemala 4:2 geschlagen.

Ein großer Fortschritt im Vergleich zu noch vor wenigen Jahrzehnten: Als Moskau 1980 die Olympischen Sommerspiele ausrichtete, weigerten sich die sowjetischen Offiziellen, auch die Paralympics zu veranstalten. Offizielle Begründung: Bei uns gibt es keine Behinderten! Auch heute ist das Thema Behinderung hier kein einfaches, aber immerhin: 2014 hat Russland in Sotschi sowohl die Olympischen als auch die Paralympischen Winterspiele ausgerichtet.

⚽ Im Märzen der Bauer die Rösslein einspannt. Er setzt seine Felder und den Rasen von Dynamo Moskau instand. Ja, man kann schon mal lyrische Anwandlungen bekommen bei den Motiven, die der Telegramm-Kanal „Historical Football“ so verbreitet. Dieses Motiv aus dem Frühjahr 1935 ist aber auch einfach zu schön, das muss hier einen Ehrenplatz bekommen.

Frühjahrsaussaat: Das Spielfeld im Dynamo-Stadion wird im nach dem Umbau für die Saison vorbereitet“, heißt die Bildunterschrift in der Sammlung historischer Aufnahmen auf der Internetseite des Vereins. Die lohnt ohnehin das Stöbern – auch wegen dieser Aufnahme der allerersten Dynamo-Mannschaft aus dem Jahr 1924.

⚽ Zur Halbzeit in der Premjer-Liga versucht sich Russian Football News an einer Zwischenbilanz. Leider ist das Ergebnis eher gut gemeint als gut gemacht – es sei denn, man steht auf stream of consciousness und atemlose Endlossätze. Aber gut, für den Fall, dass hier ein Hardcore-Fan von Achmat Grosny, Amkar Perm, Anschi Machatschkala oder Arsenal Tula mitliest: Hier findet ihr Teil 1 der Halbzeitbilanz.

⚽ Ein Update ist nötig, vielleicht sogar eine Korrektur zur Russball-Folge der vergangenen Woche. Dort hatte ich einen Bericht von RBK zitiert, wonach Russland rund eine Million US-Dollar bezahlt, damit Argentinien seine Nationalmannschaft zu einem Freundschaftsspiel nach Moskau schickt. Nun allerdings hat sich Witali Mutko zu Wort gemeldet, Russlands oberster Fußballfunktionär.

Russlands Fußballverband habe nichts für diese Begegnung gezahlt, zitiert ihn die staatliche Nachrichtenagentur TASS, und hätte Mutko an dieser Stelle aufgehört, es wäre ein hartes Dementi. Doch es folgt ausführliches Lavieren über Kosten für Unterkunft, Flüge, Trainingseinrichtungen, Transfers der Gäste, es ist die Rede von „einem gewissen System an Interaktionen zwischen den Nationalmannschaften“. Will sagen: Russland hat vielleicht (noch?) nichts bezahlt für das Freundschaftsspiel. Aber wenn so eine Aufwandsentschädigung für die Anreise, Unterkunft etc. sich nun auf eine Million Dollar summiert, na dann…

Die Argentinier, das steht jedenfalls fest, sind schon mal in Moskau eingetrudelt. Und dieses Twitter-Video, bei dem sie aus einem Minibus steigen, hat bei fußballinteressierten Russen schon viel Spaß ausgelöst. Schließlich gehört das Fahren mit solchen „Marschrutkas“ zum Alltag all jener Moskauer, die nicht im unmittelbaren Zentrum der Stadt unterwegs sind.

⚽ Nur noch 217 mal schlafen, dann ist auch schon Fußball-Weltmeisterschaft. Moskaus Stadtverwaltung hat direkt mal durchgezählt, wer denn da wohl alles anreist und woher. Ergebnis: Mehr als die Hälfte aller Hotelreservierungen in Moskau während der WM kommt von Menschen aus nur drei Ländern: den USA (22 Prozent), China (16) und Mexiko (15). Insgesamt sind rund 60 Prozent der verfügbaren Hotelzimmer in Moskau bereits belegt.

Heißt das also, dass die größten Fangruppen bei der WM aus diesen drei Ländern kommen werden? Nicht zwingend. Gerade in diesen letzten Wochen des Jahres, wo wir den Resturlaub verbraten, ist uns doch allen präsent, wie leicht sich ein reserviertes Zimmer auch wieder stornieren lässt – online oft sogar bis einen Tag vor der Ankunft. Auf solche Stornierungen müssen sich Moskaus Hoteliers sicherlich einstellen. Denn auch, wenn die Fans optimistisch geplant haben – weder die USA noch China haben sich für die Weltmeisterschaft qualifiziert.

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Falls ihr übrigens auch mit der Idee spielt, zur WM im nächsten Jahr nach Russland zu kommen: Es gibt neuen Infos zu den Zügen, in denen Fans kostenlos vom einen Austragungsort zum anderen fahren dürfen. Keine ideale Lösung, wenn man nach Jekaterinburg will, aber für kurze Strecken wie Moskau – St. Petersburg durchaus machbar; erst recht, wenn man mehr Zeit als Geld hat.

Besonders empfehlen kann ich nach meinen Zugerfahrungen hier in Russland die „Lastotschka“, übersetzt „Schwalbe“ – ein Schnellzug, neu, schick und oft sogar mit WLAN. Alles weitere hier – macht’s gut und bis nächste Woche!



 

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Russball, Folge 16: Liverpool, Spartak und sowjetische Kunst

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Diese Russball-Folge beginnt mit einem „herzlich willkommen“ an alle neuen Leser. Falls ihr wegen des Facebook-Posts von Franziska Bluhm hier seid, freut mich das sehr – ein Lob für ein Digitalprojekt ausgerechnet von Franzi, da geht man schon etwas aufrechter. Wenn da nur nicht dieser Druck wäre, dass diese Ausgabe dann natürlich besonders gut werden muss… Besser nicht weiter drüber nachdenken, sondern loslegen.

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⚽  Sehr schöne Aktion, die sich der FC Liverpool vor seiner Abreise nach Moskau hat einfallen lassen: Unter dem Hashtag #MyLFCMatchdayImage konnten Fans ihre Bilder zum Champions-League-Spiel gegen Spartak Moskau twittern, aus den vier besten wählten die Twitter-Follower dann ihren Favoriten aus. Gleich mehrere Motive bedienen sich bei sowjetischer Plakatkunst, das hier ist mein Lieblingsbild (und was für einen großartigen Namen hat sich denn bitte der Fan hinter diesem Bild ausgedacht: „Jürgeneedabiggerboat“ – das musste ich, Klopp hin oder her, mir auch erst mal laut vorsprechen):

Das eigentliche Spiel war dann eher mittelinteressant, will sagen: Es hat nicht nennenswert dabei gestört, sich mit den anderen Mitguckern zu unterhalten. Immerhin, 1:1, das freut natürlich Spartak mehr als Liverpool. Außerdem habe ich zwei Dinge zum ersten Mal gesehen: 8 (in Worten: acht) Minuten Nachspielzeit und eine Art Golfwägelchen, in dem die verletzten Spieler vom Rasen runter chauffiert werden. Für diesen Zuschauer eine klare Sache: „Ein neuer Service von Uber.“

⚽  Eine Runde Moskauer Stadtnachrichten: Zum einen hat Tatjana Potjajewa, die städtische Ombudsfrau für Menschenrechte, erheben lassen, wie viele rassistische Vorfälle es rund um die Moskauer Fußballstadien seit 2014 gegeben hat: knapp 100, beteiligt waren sowohl Fans als auch Spieler. Nun hat die Ombudsfrau vorgeschlagen, dass bei Fußballspielen in Zukunft spezielle Beobachter eingesetzt werden, die bei Fällen von Rassismus oder anderer Diskriminierung den Schiedsrichter informieren.

Die andere Stadtnachricht ist eine Prognose: Moskaus Tourismusbehörde hat mal durchgerechnet, wie viele Fußballfans im kommenden Jahr wohl zur WM anreisen, und da kommen schon ziemlich stolze Zahlen zusammen: Eine Million Fans erwartet Alexey Tichnenko, der die Behörde leitet – im Schnitt wahrscheinlich für einen Aufenthalt von drei Tagen. Dass die Zahl so hoch ist, liegt auch daran, dass Moskau aufgrund seiner Lage und der guten Flugverbindungen für viele Fans der erste Anlaufpunkt in Russland sein wird, von dem sie dann zum eigentlichen Spielort ihrer Mannschaft weiterreisen.

⚽  Wenn in Russland um den Pokal gespielt wird, machen das in den frühen Runden zunächst einmal die Teams der unteren Ligen untereinander aus. Im September steigen dann auch die Vereine der russischen Premjer Liga ein, und für eine ganze Reihe von ihnen ist die Sache nach nur einem Spiel auch schon wieder durch: Allein von den Top Vier der aktuellen Tabelle – Zenit St. Petersburg, Lokomotive Moskau, dem FK Krasnodar und ZSKA Moskau – hat es kein Verein in die nächste Pokalrunde geschafft, insgesamt flogen mehr Premjer-Liga-Klubs raus als weiterkamen.

Bemerkenswert ist, was Moskowski Komsomolez dazu schreibt. Offenbar hat der Pokal in Russland einen so niedrigen Stellenwert, dass viele Spitzenteams nicht allzu traurig sind, wenn sie früh wieder ausscheiden: „Von Jahr zu Jahr versuchen wir in dieser Turnierphase, die Vereine zu erwischen, die das Turnier sabotieren“, heißt es da. „Wir versuchen zu erkennen, wer gezielt nicht kämpft, nur mit einer Reservemannschaft aufläuft oder absichtlich den Sieg wegschenkt.“ Nach einer ausgiebigen Analyse kommt MK aber zum Ergebnis: Dieses Jahr haben die meisten Spitzenklubs tatsächlich aus Unvermögen verloren, nicht aus Absicht. Muss man vielleicht zweimal lesen, geht aber tatsächlich als gute Nachricht durch.

⚽  Die Kollegen von Championat.ru haben im Kalender geblättert und festgestellt, dass die aktuelle Liga-Saison zu genau einem Drittel vorbei ist. Darum haben sie eine kleine Rangliste der besten Spieler aufgestellt, sortiert nach Position. Gerankt werden allerdings nur diejenigen, die bei mindestens der Hälfte der bisherigen Begegnungen auch im Einsatz waren. Bei den Torhütern hat Alexander Dowbnja es auf Platz eins geschafft, nicht zuletzt wegen der Leistung im Spiel seines SKA-Energija Chabarowsk gegen Spartak vor ein paar Wochen:

⚽  Witali Mutko ist ein vielbeschäftigter Mann: Sein Amt als russischer Sportminister hat er im vergangenen Jahr zwar abgegeben, aber stellvertretender Ministerpräsident und Vorsitzender des russischen Fußballverbandes, das sind immer noch zwei Vollzeit-Jobs auf einmal. Immerhin, seit diesem Frühjahr ist es nur noch eine Doppel- statt einer Dreifachbelastung. Da hatte die FIFA nämlich entschieden, dass Mutko nicht mehr im FIFA-Rat sitzen darf, weil das dann doch eine zu große Verquickung seiner verschiedenen Jobs gewesen wäre. (Wir lernen: Wenn der Filz sich erkennbar in einer einzelnen Person manifestiert, wird es irgendwann selbst der FIFA zu viel.)

Seit der vergangenen Woche nun ist die von Mutko hinterlassene Lücke wieder gefüllt: Nach einigen Monaten ohne russischen Vertreter ist Alexej Sorokin in den FIFA-Rat nachgerückt. Wer nun glaubt, diesen Namen auch schon in Verbindung mit diversen Jobs gehört zu haben, liegt nicht ganz falsch: Modeschöpfer Alexej Sorokin und Admiral Alexej Sorokin sind allerdings dann doch andere Leute – dieser Alexej Sorokin, der nun am großen FIFA-Tisch sitzt, ist „nur“ der Leiter des Organisationskomitees für Russlands Fußball-WM im kommenden Jahr.

⚽ Wenn wir heute schon mit Kunst angefangen haben, dann hören wir jetzt auch mit Kunst auf: Das hier ist eines meiner Lieblingsbilder in der Neuen Tretjakowgalerie, wo in Moskau Gemälde aus der Epoche des Sozialistischen Realismus ausgestellt werden:

#goalkeeper #дейнека #russiaisreadyforworldsoccercup #germangoalkeeper

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Alexander Deineka hat diesen Torwart in den Vierzigern gemalt, der Mann (also Deineka) war den Sowjetmächten genehm, lieferte brav Erbaulich-Patriotisches und wurde dafür oft ausgezeichnet. Sein Torhüter im Hechtsprung, der den Ball links aus dem Bild rausschiebt, ist auch der Ausgangspunkt für einen Artikel der Kulturjournalistin Milena Orlowa über Fußball in der russischen Kunst.

Veröffentlicht wurde der Überblick auf dem offiziellen WM-Portal, leider nur auf Russisch, aber keine Bange: Schon das Durchscrollen liefert einen guten Überblick, wie der Fußball russische Künstler beeinflusst hat. Zückerchen für Berliner: die Erinnerung an Johannes „Hanne“ Sobek auf dem Gemälde „Hertha greift an, Hanne am Ball“ von Nikolaus Sagrekow.

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Das war’s dann auch schon mit dieser Russball-Folge. Es sei denn, es interessiert sich noch jemand für eine wahrhaft schwerwiegende Folge der Fußball-WM: Die Arbeitsgemeinschaft Durlacher Altstadtfest hat sich entschieden, ebendieses Durlacher Altstadtfest zu verschieben, damit es nicht mit der Weltmeisterschaft… das ist euch egal? Ihr wisst nicht mal, wo Durlach liegt? Banausen, allesamt. Bis nächste Woche!



 

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