Russball, Folge 23: Ein Rückschlag für die WM-Vorbereitung

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Mitte November und die Temperatur hier in Moskau hält sich so gerade noch im positiven Bereich: ein Grad über null. Während ich das hier tippe, sammelt sich der Schneeregen vorm Fenster in großen Pfützen. Am Wochenende soll es die ersten Minusgrade geben. Russland halt.

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⚽ Novemberfrost in Russland ist in etwa so überraschend wie die These, die Zenit-Trainer Roberto Mancini gerade in einem Interview aufgestellt hat: „Wir werden den Meistertitel holen“, sagt er mit der Selbstverständlichkeit eines Mannes, dessen Team die bisherige Saison so dominiert hat, dass es fast schon langweilig wurde. Dass aktuell Lokomotive Moskau knapp an der Tabellenspitze steht und Zenit nur auf Platz zwei, ist da schon eine willkommene Abwechslung.

Genervt von der aktuellen Saison in Russlands oberster Liga ist auch Alan Dsagojew, der für ZSKA Moskau spielt. Ein wirkliches Fußballspiel komme nur gegen Zenit, Spartak und Krasnodar zustande, gegen alle anderen sei es der reine Kampf, ließ er in einem Interview wissen. Nach längerem Nachdenken sei er daher zu dem Schluss gekommen: „Das hier ist die schlechteste Meisterschaft in den letzten zehn Jahren.“

⚽  Manche Leute halten ja „Never read the comments“ für die wichtigste Regel, um online nicht völlig zu verzweifeln. Beim folgenden Tweet, in dem Russlands Nationalmannschaft ihr neues Heimtrikot vorstellt, trifft das auf jeden Fall zu. Mir gefällt das Outfit eigentlich ganz gut, die Kommentare der russischen Fans dagegen rangieren von unzufrieden über frustriert bis gemein.

„Ein schlimmeres Trikot habe ich noch nie gesehen“, schreibt ein Fan, ein anderer ergänzt: „Wie das Spiel der Mannschaft, so auch das Trikot“ und fügt, um auf keinen Fall missverstanden zu werden, ein kotzendes Emoji hinzu.

Zu schlicht, zu retro, zu langweilig, das sind so die Hauptkritikpunkte – „da hatte Adidas wohl noch ein paar Stoffreste aus Sowjetzeiten rumliegen.“ Und während ein Fan mit einem Hilferuf an Adidas-Konkurrent Nike reagiert, herrscht bei anderen schon völliger Fatalismus: „Was macht es schon für einen Unterschied, in welchem Trikot man verliert?“

⚽ Wer bei der Wiedereröffnung von Moskaus Luschniki-Stadion eine Blamage für Russlands Nationalmannschaft befürchtet hatte, darf aufatmen: Kein öffentliches Abwatschen, die Gäste aus Argentinien gewannen das Freundschaftsspiel bloß mit 1:0. Blamabel war allerdings, was sich nach dem Abpfiff tat: Lange Wartezeiten, um aus dem Stadion herausgelassen zu werden. „Es ist furchtbar kalt! Weinende Kinder! Mütter und Väter ziehen ihre Kleidung den Kindern über, um sie zu wärmen,“ postete ein wartender Fan aus dem Stadion. Ein anderer Stadionbesucher kritisierte die „schreckliche Organisation am Luschniki-Ausgang: 80.000 Menschen und nur ein schmaler Durchgang. Wenn das bei der WM auch so wird, ist es eine Schande.“

Wer einmal draußen war, brauchte bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt bis zu zwei Stunden, um es in die warme Metro zu schaffen. Offenbar hatte die Polizei einige Straßen und Metro-Eingänge gesperrt, außerdem standen nicht genug Züge bereit, um die Fans abzutransportieren. Ärgerlich für die Fans, peinlich für die Organisatoren. Denn bei der WM sollen im frisch renovierten Luschniki-Stadion sowohl das Eröffnungsspiel als auch das Finale stattfinden.

⚽ Noch eine Geschichte dreht sich diese Woche um ein russisches Fußballstadion, diesmal in St. Petersburg. Die Liste der Skandale rund um das Krestowski-Stadion in Russlands „zweiter Hauptstadt“ ist lang: Verzögerungen, Kostenexplosion und Korruption schon in der Bauphase. Später dann immer wieder Lecks im Dach, durch die es reinregnete – an denen sollten, wir erinnern uns, spitze Vogelschnäbel schuld sein. Lustige These, stimmte aber dann doch eher nicht.

Ein tatsächlicher Schuldiger fand sich dagegen jetzt vor Gericht wieder. In diesem Fall ging es nicht um das undichte Dach, sondern um Korruption. Marat Oganessjan hat gestanden, als Vize-Gouverneur den Auftrag für eine Videowand im Stadion einem befreundeten Unternehmer zugeschustert zu haben – wohl wissend, dass der das Geld einstreichen würde, ohne dafür die bestellte Wand zu liefern. Aufgrund von Oganessjans Aussage sollen nun weitere Beteiligte an illegalen Deals beim Stadionbau verfolgt werden.

⚽ Nicht nur Luschniki ist renoviert worden, auch am Stadion von Dynamo Moskau wird gebaut. Eine Gruppe Sportmanagement-Studenten durfte jetzt die Baustelle besuchen, ein Reporter von Sport Express hat sich ihnen angeschlossen. Gemeinsam waren sie sowohl im Stadion als auch in den Katakomben unterwegs.

Genau genommen entsteht hier ein ganzer Sportkomplex, auch Eishockey- und Basketballspiele sollen auf dem Gelände ausgetragen werden. Dass die Besuchergruppe abends im Dunkeln unterwegs war, lässt die Bilder, die Sport Express zu der Reportage veröffentlicht hat, besonders eindrucksvoll wirken.

⚽ Ach komm, eins noch! Das ist dann aber auch das letzte Stadion in dieser Russball-Ausgabe: In Jekaterinburg haben sie ja, um Platz zu schaffen, eine Tribüne so weit verlängert, dass sie jetzt aus dem Stadion herausragt. Kommste raus, kannste reingucken. Dazu noch das aktuelle Winterwetter, und ein Hauch von Eiger-Nordwand umweht das Gebäude, in etwa so:

⚽  Schlaf schneller, Genosse, auf dein Bett wartet schon ein anderer: Studenten in mehreren russischen Städten sollen während der Sommersemesterferien aus dem Wohnheim ausziehen, damit dort Sicherheitskräfte für die Fußball-Weltmeisterschaft wohnen können. In Nischni Nowgorod, Samara, Saransk und Jekaterinburg – alles WM-Austragungsorte – haben die Unis laut Moscow Times auf Anweisung des russischen Bildungsministeriums bereits so umgeplant, dass das Semester früher endet.

Am 14. Mai sollen dann Mitglieder der Nationalgarde in die Studentenwohnheime ziehen. Russlands Studentenorganisation hat sich allerdings bereits mit einem Protestbrief an Regierungsschef Medwedjew gewandt. Schließlich bräuchten viele Studenten ihre Wohnheimzimmer, weil sie während der Semesterferien Praktika machen. Ein Zimmer auf dem freien Markt wäre für viele von ihnen zu teuer – erst recht, wenn die WM die Preise in die Höhe treibt. (Servicehinweis am Rande: Das Internationale Moskauer Filmfestival wird übrigens ebenfalls wegen der WM verlegt.)

⚽  Das war ein komisches Gefühl neulich im Russischunterricht: Sie habe ja nun „Joseph und seine Brüder“ von Thomas Mann endlich durch, sagte meine Lehrerin, wie ich das denn fände? Hüstel, nuschel, leider nie gelesen. Es folgte eine kurze Analyse, warum sich das dringend ändern muss, wie das Werk sich zur Josephsgeschichte der Bibel verhält und wie zu Manns Gesamtwerk. Der klassische Literaturkanon ist hier in Russland immer noch sehr wichtig, wichtiger als anderswo.

Dazu passt eine Umfrage, die Bombardir.ru neulich gemacht hat: „Was lesen russische Fußballspieler“, wollte die Website wissen. Ergebnis: Sergei Ryschikow von Rubin Kasan liebt Hemingway, Rostows Wladimir Djadjun gibt „Der Letzte Mohikaner“ als Lieblingsbuch an. Auch deutschsprachige Literatur ist gut vertreten: Jewgeni Baschkirow von Krylja Sowetow Samara nennt „Mein Name sei Gantenbein“, sein Kollege Nikita Baschenow vom FSK Dolgoprudny schwört auf den „Steppenwolf“. Je länger man durch die Liste scrollt, desto ungebildeter fühlt man sich – bis man zu Sergei Parschiwljuk kommt. Der Mann ist immerhin russischer Nationalspieler, und was hat er als Lieblingsbuch angegeben? „Der Teufel trägt Prada“. Danke!

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Zum Schluss noch eine Runde Schadenfreude? Ach kommt, ihr wollt es doch auch! „Sitz gerade“, „Nimm die Füße da runter“, „Nicht kippeln“ – na, auch gerade eure Eltern im Ohr gehabt? Die von Wasiliy Utkin haben bestimmt auch versucht, ihm das alles abzugewöhnen. Alles ohne Erfolg – der Fußballkommentator von Sport FM hat sich trotzdem bei der Arbeit so richtig schön hingefläzt, gut sichtbar im Livestream. Das konnte auf Dauer nicht gutgehen – und das tat es auch nicht, wie dieses Video zeigt.

Beeindruckend, wie Utkins Kollege erst noch versucht, weiter zu moderieren. Utkin selbst nahm die Sache mit einer großen Portion Selbstironie. Er twitterte den Clip, bei dem seine Adidas-Schuhe plötzlich ins Zentrum des Geschehens rücken, mit dem schlichten Kommentar: „Schuhwerbung. Teuer. #adidas“



 

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Russball, Folge 21: Was ihr bei der Fußball-WM um den Hals hängen habt

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Diese Russball-Folge muss am Anfang kurz mal Dänball sein. Wir waren eine wunderbare Woche lang auf Fanø, vier Große, zwei Kleine – oder anders gesagt, zwei Schalker und vier mehr oder weniger langjährige BVB-Fans. Was tut man nicht alles, um dem Patenkind und seinem Bruder vorzuleben, dass es noch andere Optionen gibt: „Stimmt, das ist cool, dass da jemand einen Drachen steigen lässt, der aussieht wie die BVB-Biene. Aber hast du dir mal den restlichen Himmel angeguckt? Alles blau und weiß!“

Auf der Insel gibt es auch eine Schule, flankiert von einer Bücherei, allerlei Kletter- und Hüpfmöglichkeiten und einer Sportanlage. Nicht nur für Schüler, sondern offen für alle. Beeindruckt hat mich dort der Aushang am Fußballfeld, der vor allem im Herbst und Winter nützlich ist: Schicke eine SMS an diese Nummer, und die Beleuchtung wird für eine Stunde eingeschaltet.

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Sehr einfach, sehr schlau – jetzt wüsste ich nur noch gerne, ob das automatisiert ist oder am anderen Ende ein Mensch sitzt, der einen Lichtschalter drücken muss. So oder so: Falls ihr Fußball spielenden Kindern eine Stunde Strom organisieren oder einfach als Kunstprojekt mitten in der Nacht einen dänischen Bolzplatz beleuchten wollt: Die Ländervorwahl ist +45, der Rest steht auf dem Zettel.

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⚽ Sports Illustrated hat einen Auszug aus dem Buch „Under the Lights and In the Dark: Untold Stories of Women’s Soccer“ veröffentlicht. Es geht um die junge amerikanische Fußballerin Danielle Foxhoven, die 2012 für Energija Woronesch gespielt hat – eine gruselige Erfahrung. Kurzentschlossen hatte sie dem Club zugesagt, nachdem ihr Job bei einem US-Verein weggebrochen war. Der Artikel beginnt mit einer krassen Szene, in der ihr russischer Trainer sie ins Gesicht schlägt, weil sie sich auf den kalten Boden gesetzt hat. Es folgen Sexismus, Beschimpfungen, als Vitamine getarntes Doping.

Man kann das kaum lesen, ohne sich zu fragen, wie leidensfähig man als Profisportlerin eigentlich sein muss – und wie naiv man sein kann: Tabletten einfach schlucken, unerklärte Spritzen einfach akzeptieren. Wer über den Buchauszug hinaus weiterlesen will: Danielle Foxhoven hat über ihre Zeit in Russland gebloggt. Hier etwa über den traurigen Entschluss, mit dem Russischlernen aufzuhören: Sonst, so die Logik, würde sie noch mehr von den Seitenhieben ihrer Mitspielerinnen verstehen.

⚽ Dass Moskaus renoviertes Luschniki-Stadion mit einem Freundschaftsspiel gegen Argentinien wiedereröffnet werden soll, ist ja schon ein paar Tage bekannt. Neu sind aber die Infos, die RBK zu den Kosten für dieses Spiel recherchiert hat. Demnach zahlt Russland rund eine Million Dollar, damit die Argentinier dem Eröffnungsspiel den nötigen fußballerischen Glanz verleihen.

Bemerkenswert sind an dem RBK-Bericht zwei Details. Zum einen zitiert er einen Experten mit den Worten, Argentinien verlange normalerweise eher zwei Millionen pro Spiel. Der Russland-Rabatt entstehe dadurch, dass aktuell „alle Nationalmannschaften froh darüber sind, im Land der nächsten Weltmeisterschaft zu trainieren.“ Derselbe Experte veranschlagt dann auch noch schnell, welcher Anteil der Millionensumme dafür fällig wird, dass Lionel Messi mit anreist: zwischen 35 und 50 Prozent. So fühlt es sich also an, argentinischer Nationalspieler, aber nicht Messi zu sein: Schau mal, der da drüben ist genau so viel wert wie wir restlichen alle zusammen.

⚽ Neuer Tabellenführer in der Premjer Liga: Lokomotive Moskau hat den bisherigen Spitzenreiter Zenit St. Petersburg sowas von geschlagen – 3:0, und das auswärts. Zwei der Tore hat Jefferson Farfán geschossen, das dritte für Alexei Mirantschuk vorbereitet, das sah dann so aus:

Was heißt das nun für die restliche Saison? Einerseits ist der Verlust der Tabellenspitze noch keine Krise. Zenit war im vergangenen Jahrzehnt viermal russischer Meister, Lokomotives letzte Meisterschaft war 2004. Andererseits, das fasst der Chefredakteur von Russian Football News hier gut zusammen, haben die Moskauer eine deutlich leichtere Rückrunde vor sich. Bei Lokomotive jedenfalls ist der Jubel groß – schließlich bedeutet der Spitzenplatz auch, dass man vor den drei Lokalrivalen ZSKA, Spartak und Dynamo liegt.

⚽ Noch 225 Tage bis zur Fußball-WM, dazu machen hier gerade zwei Zahlen die Runde. Zum einen werden die Kosten für das Turnier höher liegen als bisher geplant: 678 Milliarden Rubel statt 643,5 Milliarden – umgerechnet ist das ein Anstieg von rund 500 Millionen Euro. Warum? Die offizielle Verlautbarung nennt keine Gründe. Aber solche Preissteigerungen sind bei Großereignissen nicht unüblich – und in Russland, wir erinnern uns an den Stadionbau in St. Petersburg, erst recht nicht.

Auch Zahl Nummer zwei liegt höher als bisher erwartet, das dürfte allerdings die meisten WM-Teilnehmer freuen. Die FIFA erhöht das Preisgeld, um das die Mannschaften bei der Weltmeisterschaft konkurrieren. 344 Millionen Euro oder, schön rund, 400 Millionen Dollar sind nun im Topf. Wer schon in der Gruppenphase ausscheidet, nimmt 8 Millionen mit heim, dem Weltmeister winken 38 Millionen. Alle Stufen dazwischen hier zum Nachlesen.

⚽ Falls ihr zur Weltmeisterschaft nach Russland kommen wollt, werdet ihr übrigens das hier um den Hals hängen haben – das neue Design wurde gerade vorgestellt:

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Die Fan-ID ist, wie schon beim Confed-Cup diesen Sommer, der Ausweis, ohne den nichts geht. Nur wer ihn vorzeigen kann, darf ins Stadion – die Eintrittskarte allein reicht da nicht. Auch wer ohne Visum einreisen oder einfach nur kostenlos mit der Metro zum Stadion fahren will, braucht die Fan-ID.

Was mich übrigens interessieren würde: Warum ist die ID das einzige, was zwar zur WM gehört, aber nicht im WM-Design gestaltet ist? Dieses Planschbecken-Stadion, aus dem da der Ball raushüpft, hat nichts mit dem Look des Turniers zu tun. Nicht mal die Schrifttype stimmt, das müsste Duscha (Душа) sein. Beim Confed-Cup war das auch schon so – was es nicht leichter macht, wenn man versucht, den Ort zu finden, wo man seinen Ausweis abholt.

⚽ Maslow, Maslow, warum kommt mir der Name noch mal bekannt vor? Ach ja, die Bedürfnispyramide, damals im SoWi-Unterricht. Erfunden hat sie Abraham Maslow, dessen Namensvetter Denis heute Geschäftsführer beim FK Amkar Perm ist. Und es wäre mir ein akutes Bedürfnis, dass der Mann seine schwulenfeindlichen Statements künftig für sich behält – oder ihm zumindest ordentlich Kritik entgegenschlägt, wenn er sowas hier sagt:

„Schwule im russischen Fußball? Gottseidank bin ich noch keinem begegnet und ich hoffe, das bleibt auch so. (…) In der Bibel steht, dass Gott Adam und Eva schuf, nicht Adam und Adam.“ Bei den Spieler von Perm sei er sich jedenfalls sicher, dass alle „eine traditionelle Orientierung“ haben, behauptet Maslow weiter: „Alle Jungs sind entweder verheiratet oder leben mit ihrer Freundin.“ (Was, die leben unverheiratet zusammen? Was sagt denn da die Bibel?)

Lenta.ru protokolliert Maslows Äußerungen und weist zur darauf hin, dass es in Europa durchaus offen schwule Männer im Fußball gibt: Thomas Hitzlsperger als Profifußballer, den Briten Ryan Atkin als Schiedsrichter. Und ich frage mich, ob man da unten auf die Fan-ID vielleicht nicht nur „Say no to racism“ drucken könnte, sondern auch „Say no to homophobia“. Oder, ganz schlicht, „Don’t be an idiot.“

⚽ Zum Runterkommen eine kleine Nachricht von der Rheinland-Russland-Schiene. Normalerweise ist Konstantin Rausch ja immer der FC-Köln-Spieler, der auch zur russischen Nationalmannschaft gehört. Heute also mal andersrum: Der russische Nationalspieler Konstantin Rausch hat seinen Vertrag beim 1. FC Köln verlängert und bleibt nun bis 2021. Soundtrack zur Entscheidung: Wat och passeet, dat Eine es doch klor: Mer blieven, wo mer sin, schon all die lange Johr.

⚽ Begonnen hat diese Russball-Ausgabe mit einer leidensfähigen Fußballerin, enden soll sie also mit zwei nicht minder unerschütterlichen Nachwuchsmannschaften. Am Samstag sollten die Jugendteams des FK Amkar Perm und des FK Ural gegeneinander antreten – in Perm, also fast schon im asiatischen Teil Russlands. Anfangs war das auch ein ganz normales Spiel. Bis zur 35. Minute.

Nein, das ist kein Nebel. Das ist Schnee.

Viel Schnee.

Verdammt viel Schnee.

Wie sagt man noch mal „Abbrechen wegen Unbespielbarkeit“ auf Russisch? Keine Ahnung, und auch egal. Die 90 Minuten wurden ganz normal runtergespielt, nur der schwarzweiße Ball gegen einen bunten ausgetauscht. Am Ende stand es 5:1 für die Gastgeber; die dann vor lauter Glück noch eine endlose Fotostrecke des Schneematches veröffentlicht haben.

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Während ihr das hier gelesen habt, bin ich auf dem Weg nach Tiflis – das Team von Coda Story, zu dem ich als Social Media Editor gehöre, trifft sich dort zur Redaktionsklausur. Mal sehen, vielleicht erzählt ja jemand am Rande eine interessante Geschichte vom georgischen Fußball. Die lest ihr dann nächsten Mittwoch hier – bis dahin, macht’s gut!



 

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Russische Briefmarken zur Fußball-WM: vier Stadien und ein Riesenpokal

Na, so ganz alleine hier? Soll ich euch vielleicht mal meine Briefmarkensammlung zeigen? Sie ist noch nicht so besonders umfangreich, aber dafür sind die Marken durch die Bank richtig schön gestaltet. Und alle haben sie mit der Fußball-Weltmeisterschaft im kommenden Jahr zu tun.

Eigentlich hatte ich nur davon gehört, dass die Russische Post Briefmarken rausgebracht hat, auf denen eine Auswahl der WM-Stadien zu sehen sein sollen. Aber dann bekam die Frau in der Postfiliale bei uns ums Eck so einen entschlossenen Blick und ließ sich mein Anliegen ein zweites Mal erklären. Briefmarken? – Ja. – Zur Weltmeisterschaft? – Ja. – Mit Stadien drauf? – Ja. Und weg war sie, vom Kundenkontakt am Schalter zum Kollegengespräch im Büro.

Es folgte eine Wartezeit, in der gelegentlich Wortfetzen rüberwehten. Briefmarken. Weltmeisterschaft. Stadien. Ich war eher spontan in die Filiale gegangen, aber nun gab es erkennbar einen amtlichen Vorgang zu meinem Anliegen, und der wurde aber sowas von bearbeitet. Okay, es war kein anderer Kunde zu sehen, und bis ich sie angesprochen hatte, war die Schalterfrau damit beschäftigt gewesen, stapelweise Briefe zu sortieren. Trotzdem: Das Engagement war beeindruckend, und das Resultat dann auch: „Sie haben Glück, das sind unsere letzten“, sagte die freundliche Postfrau und nickte in Richtung des Papiers, das da nun zwischen uns auf dem Tresen lag. Vier Stadien, in denen bei der Fußball-Weltmeisterschaft Spiele stattfinden werden.

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Moskau ist, ganz Hauptstadt, gleich zweimal vertreten: mit dem Luschniki-Stadion oben links, in dem am 15. Juli das Finale stattfindet, und dem Spartak-Stadion, besser bekannt als Otkritije-Arena, mit seinen rot-weißen Rauten. Oben rechts außerdem das Fischt-Stadion in Sotschi, das nicht nur wegen seiner Lage mit Blick aufs Schwarze Meer wirklich ausnehmend schön ist, und die Arena in Kasan. Vier farbenfrohe kleine Stücke Fußball-Landeskunde.

Die Stadionmarken waren aber nicht die einzigen, die die Postfrau aus dem Hinterzimmer mitgebracht hatte. Beim nächsten Satz – sechs Marken auf cremefarbenem Untergrund – musste ich ein bisschen gucken, bis ich begriffen habe, was sie zeigen: Jedes der Quadrate erinnert an eines der Jahre, in dem die Sowjetunion bisher an der Fußball-Weltmeisterschaft teilgenommen hat (Russland ist es bisher noch nie gelungen, sich zu qualifizieren.)

Wer sich die Melodie der Sportfreunde Stiller denkt, kann darauf zumindest die ersten Jahreszahlen singen: „Achtundfünfzig, zweiundsechzig…“, kommt dann aber bei „sechsundsechzig, siebzig, zweiundachtzig, sechsundachzig“ doch aus dem Rhythmus. Egal, ist ja auch was zum Gucken, nicht zum Hören. Und als Hingucker funktionieren diese neuen Marken, in die die historischen Gedenkmarken eingeklinkt sind, wirklich richtig gut. Schöne Idee, das hatte ich so noch nie gesehen.

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Ihr drittes Fundstück hat sich die Postmitarbeiterin für den Schluss aufbewahrt. „Davon haben wir noch zwei, die können Sie beide haben“, sagt sie mit kleinem Tusch in der Stimme und präsentierte einen Oschi von einer Marke. Bauarbeiterprankengroß, dunkelbraun mit goldener Schrift und goldenen Bildern: auf der Marke selbst der WM-Pokal, von zwei Händen in die Luft gehoben. Auf dem Bogen drumherum blickt man durch einen gläsernen Fußball von oben in ein Stadion, in dem schon das Flutlicht auf den Rasen scheint – gleich müssen die Spieler kommen.

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Ich bin ziemlich zufrieden nach Hause gegangen von diesem Besuch bei der Post. Nicht nur wegen der hilfsbereiten Mitarbeiterin oder den wirklich durch die Bank schönen Marken. (Die ich, das ist klar, in zehn Jahren für Unsummen bei Ebay verticken werde.) Sondern auch, weil ich vom letzten Modell zwei habe, also eine mehr, als man braucht. Deshalb: Wenn jemand von euch gerne die andere Pokal-Marke haben möchte, mit Stempel oder ohne, dann sagt gerne unten in den Kommentaren Bescheid. Ich pack sie dann in einen Umschlag mit eurer Adresse – oder klebe sie direkt drauf. Die russische Post ist zwar nicht die schnellste, aber bis zur WM ist der Brief garantiert da.

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Russball, Folge 12: Russlands Oligarchen als Fußball-Investoren

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Wir müssen Abbitte tun bei einem Tier. Nein, nicht bei dem Hammel, den die Mannschaft von Amkar Perm gemeinsam geschlachtet hat, um ihre Pechsträhne zu beenden. Dem ist nicht mehr zu helfen. Eine reumütige Entschuldigung gebührt vielmehr dem Kormoran. Letzte Woche waren hier Vorwürfe des Petersburger Vize-Gouverneurs zu lesen, es regne deshalb ins neue Stadion rein, weil ebendieser gemeine Kormoran mit seinem Schnabel Löcher in den Schutzfilm auf dem Dach hacke.

Seitdem haben russische Sportmedien Ornithologen zu Wort kommen lassen, mit zwei Ergebnissen. Erstens: „In Sankt Petersburg gibt es keine Vögel, die in der Lage wären, das Stadiondach zu beschädigen.“ Und zweitens, eh einer fragt: „Vögel bedrohen nicht die Integrität des Daches des Stadions von Nischni Nowgorod.“ Ist das auch geklärt.

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⚽ Wo wir gerade von Vögeln sprechen: Dieser Absatz hier endet mit einem schmutzigen Witz. Wer sich die Reinheit seiner Seele bewahren will, scrollt am besten weiter.

Keiner? War ja klar! Also, seit Spartak Moskau neulich 3:4 gegen Lokomotive Moskau verloren hat, kursieren in den sozialen Netzwerken allerlei Witze auf Spartaks Kosten. „Was haben Spartak und ein Taxi gemeinsam? Bei beiden kriegst du vier rein“, heißt es da zum Beispiel bei Twitter. Bombardir.ru hat eine ganze Kollektion dieser Witze veröffentlicht.

Einer davon fühlt sich von den ganzen Schüssen, die es ins Tor von Spartak schaffen, sogar an eine Art Orgie erinnert: „Wenn Spartak diese Saison keinen Vertrag abgeschlossen hat, dass seine Spiele live bei Pornhub gestreamt werden, dann weiß ich auch nicht, was das hier soll.“ (Pornhub ist in Russland weithin bekannt – dafür hat die Internetaufsichtsbehörde gesorgt, als sie die Seite 2016 öffentlichkeitswirksam sperrte. Inzwischen ist die Seite wieder erreichbar.)

⚽ Keine Scherzfrage, sondern eine ernste: Was verbindet die drei Moskauer Vereine ZSKA, Spartak und Lokomotive? Sie alle beißen sich heute wahrscheinlich vor Wut in den Hintern, wenn man einem Bericht von Sport Express Glauben schenkt. Denn sie alle hatten demnach Anfang der Zweitausender Jahre die Gelegenheit, Henrikh Mkhitaryan zu verpflichten.

Der 18-Jährige war damals ein vielversprechender Spieler des FC Jerewan, doch alle drei Clubs entschieden sich dem Bericht zufolge gegen ihn. Den Rest der Geschichte kennen nicht nur BVB-Fans: 2013 gelang Mkhitaryan der internationale Durchbruch, heute spielt er eben nicht in Russland, sondern bei Manchester United.

⚽ Damit sind wir dann auch direkt beim Thema Champions League, genauer gesagt: bei den nächsten Spielen der Moskauer Teams. Denn die Auslosung sorgt dafür, dass Moskaus Polizisten schon mal das Überstundenformular parat legen: Ende September werden gleichzeitig Fans des FC Liverpool und eben von Manchester United in der Stadt erwartet, für ihre Spiele am 26. bzw. 27. Eine Konstellation, bei der das Sicherheitskonzept garantiert besonders gründlich entwickelt wird.

⚽ Seit ich acht Jahre alt war, singe ich im Chor. Entsprechend viele andere Chöre habe ich seitdem singen gehört, von großartig musikalisch bis spektakulär falsch. Dass aber ein Chorauftritt eine Geldstrafe für einen Fußballverein nach sich ziehen kann, das habe ich diese Woche auch zum ersten Mal gehört. Der Verein ist der FK Torpedo Wladimir, der Chor sind die „Lerchen von Wladimir“, die leider zu Beginn der zweiten Halbzeit noch nicht ausgelercht hatten.

Stattdessen sangen die vier Männer und fünf Frauen munter weiter, während hinter ihnen schon wieder gespielt wurde. Ergebnis: Der Club muss sich auf mindestens 20.000 Rubel (286 Euro) Strafe einstellen, weil er es versäumt hat, während des Spiels für Ruhe zu sorgen. Torpedo-Trainer Alexander Akimow scheint der Vorfall aber ganz gut gepasst zu haben: „Wir setzen eben alle verfügbaren Mittel ein, um den Gegner platt zu machen.“

⚽ Die staatliche Nachrichtenagentur TASS hat ein langes, sehr langes, episch langes Sommerlochfüllinterview mit Russlands Sportminister Pawel Kolobkow geführt. Es geht, grob gesagt, um alles – Synchronschwimmen, die Olympischen Winterspiele, Döneken aus Ministers Schulzeit, Eishockey, Fechten, Doping, Adidas… und zweimal auch um die Fußball-WM.

Zum einen betont Kolobkow, dass er damit rechnet, dass die WM im kommenden Jahr trotz Dopingvorwürfen in Russland stattfindet. Zum anderen deutet er zumindest an, was nach dem Turnier mit den ganzen großen Stadien geschehen soll – wo Russlands Fußballclubs doch eh schon Probleme haben, das Haus vollzukriegen. Wer mehr wissen will oder sich einfach für ein Jugendfoto des Ministers in voller Fechtmontur interessiert: bitte hier entlang.

⚽ Ein bisschen was für den Terminkalender: Am Tag der WM-Auslosung, also am 1. Dezember, soll laut TASS im neuen Stadion von Kaliningrad ein besonderes Fußballspiel stattfinden. Es spielen zwar wie immer elf gegen elf Leute, allerdings dürfte ein bisschen häufiger ausgewechselt werden als sonst, denn das Spiel soll 24 Stunden dauern. Bisher haben sich rund 300 Spielwillige gemeldet.

Schon deutlich früher, nämlich Anfang Oktober, will die WM-Gastgeberstadt Nischni Nowgorod ihr neues Stadion fertig haben. Die Idee fürs Eröffnungsspiel dort ist ziemlich klasse: Eine Mannschaft aus Mitarbeitern der Regionalregierung tritt gegen ein Team aus Bauarbeitern an, die die neue Arena hochgezogen haben. Ich hab so eine Vermutung, wer da körperlich fitter ist. In der Hauptstadt dagegen muss alles ein bisschen seriöser sein. Wenn das Olympiastadion Luschniki mit seiner Rundumerneuerung durch ist, spielt zur Wiedereröffnung Russland gegen Argentinien.

⚽ Ihr erinnert euch an den Kollegen James Ellingworth, der gerade alle WM-Austragungsorte abklappert? Aus Wolgograd, das einst Stalingrad hieß, hat er einen ziemlich beeindruckenden Text geschrieben, den ich nur empfehlen kann. Ein Bericht über ein Stadionbauprojekt, bei dem die Arbeiter mehr als 200 Granaten und die sterblichen Überreste zweier sowjetischer Soldaten gefunden haben.

⚽ Von Chelsea-Besitzer Roman Abramowitsch hat jeder schon mal gehört, vielleicht auch noch von Alischer Usmanow, dem knapp ein Drittel von Arsenal gehört. Aber Margarita Louis-Dreyfus? Dmitri Rybolowlew? Sergei Galizki? Forbes Russia gibt einen Überblick, welche reichen Russen alle so in Fußballvereine investiert haben, sei es im In- oder im Ausland.

Als Nebenfigur darf auch kurz Dietrich Mateschitz von Red Bull auftreten, und zum Schluss wird die Frage geklärt: Lohnt sich das denn überhaupt, Geld in Fußball zu stecken? Wäre Football oder Baseball nicht lukrativer?

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Am Schluss ein Dank an Benedikt für diverse Übersetzungshilfen bei dieser Ausgabe – und ein Hinweis für alle, die diese Russball-Folge am Tag ihrer Veröffentlichung, also am Mittwoch lesen: Heute Abend schließt sich Schlag Mitternacht das Transferfenster für Russlands Fußballvereine.

Was bis dahin noch an ungelegten Eiern zu begackern ist, hat Sport Express hier zusammengefasst, aber ganz ehrlich: Das ist selbst mir zu detailliert. Dann reden wir lieber nächste Woche über die Wechsel, die dann auch tatsächlich zustande gekommen sind. Bis dann!



 

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