Was tut die Sowjetfrau, wenn Mode sie überfordert?

Hier sollte eigentlich ein Blogpost stehen über ein Heft mit Schnittmustern, das 1970 in der Sowjetunion veröffentlicht wurde. Gefunden hatte ich das schon vor Monaten, immer mal wieder versucht, darüber zu schreiben, und war immer unzufrieden. Bis mir auffiel: Ich bin hier eigentlich überflüssig.

Die Illustrationen sind so wundervoll typisch für die Siebziger – die Frisuren, die Wimpern, die Brillen, die Stoffe! Und auch den Begleittext, den die schneidernde Sowjetfrau da an die Hand bekommt, kann man in seinem professionellen „Komm, Mädchen, ich erklär dir die Welt“-Ton auch nicht toppen. Also: Hier eine kleine Collage.

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„Immer noch verirren wir uns recht oft in der Vielfalt neuer Modelle in Illustrierten, zeitweise ohne für uns selbst etwas Neues zu finden. Sich einfach für Mode zu interessieren und dabei nichts für sich zu finden ist wirklich zu wenig. Wir möchten, dass die Mode uns dient, und wir können es erreichen. Aber wie?“

kscheib sowjetmode brille

„In diesem Heft bieten für uns die Künstler nicht nur einzelne, selbständige Modelle an, sondern zeigen uns, wie man mit Hilfe von Einzelteilen und Ergänzungen ein ,einsames‘ Kleid, einen Anzug, einen Kleiderrock so umwandeln oder variieren kann, dass man im Laufe der Woche jeden Tag anders aussieht.“

kscheib sowjetmode mäntel

„Ein Pullover, den man heutzutage mit einem Rock trägt, wirkt sehr originell, wenn Sie dazu ihren Lieblingsschmuck anlegen.“

kscheib sowjetmode rot

„Wenn eine junge Frau 20 Jahre alt und eine Studentin ist, so denkt sie wahrscheinlich daran, wie man aus ein paar Sachen solche Bekleidungsmöglichkeiten erstellt, die ihr Aussehen siebenmal pro Woche verändern könnten.“

kscheib sowjetmode kleid

„Dafür muss man nur zwei Kleidungssätze besitzen: erstens – einen schrägkarierten Rock und eine Weste, und zweitens – einen weißen Faltenrock und eine ärmellose Tunika, sowie als Ergänzung dazu einen feinen, z. B. schwarzen, blauen oder braunen Pullover, zwei Blusen, kariert und einfarbig, am besten in Weiß, einen langen Seidenschal, ein gemustertes Tuch (als Halstuch) und einen einfarbigen Wollschal für die Herbsttage.“

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„Es wäre gut, dazu noch zwei Gürtel zu besitzen: einen breiten Ledergürtel und einen aus Metallringen.“

kscheib sowjetmode tailliert

„Anziehungskraft und Weiblichkeit liegen in Ihren Händen. Der Schlüssel dazu – Vielfältigkeit und Wandelbarkeit der Bekleidung.“

kscheib Sowjetmode karo

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Fertig – damit stellt sich endlich nie wieder die Frage, welches meiner karierten Kleiderstücke ich morgen anziehen soll! Wer jetzt noch lesen will, was eine geübte Selbstnäherin aus diesen Schnittmustern alles herauslesen kann, findet die Antwort bei Kakakiri im Blog.

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Putin der Woche (XLV)

kscheib putin der woche badeanzug

Gesehen: In einem Moskauer Einkaufszentrum.

Begleitung: Ein Quietscheentchen.

Text: „Uti-Putin – Empire of Summer“.

Subtext: „Uti-Puti“ sagen wir Russen, wenn wir etwas besonders süß finden – ein bisschen wie „dutzidutzi“ bei euch Deutschen. Und wisst ihr was: Ich fand das richtig angenehm, hier mal nicht den knallharten Testosteronmacker mit freiem Oberkörper geben zu müssen. Ihr würdet doch auch lieber einen Badeanzug tragen, auf dem was Niedliches abgebildet ist, oder? Also, alle zusammen: „Quietscheentchen, nur mit dir…“

Oben-Ohne-Punkte: 0/10

(Mit Dank an Ute für das Fundstück.)

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Lecker Siebzigerjahre-Design aus der Sowjetunion

Alles fing damit an, dass eine Freundin neue Schuhe wollte. Oder besser gesagt: alte. Sie hatte sie online entdeckt, in einem kleinen Laden in Kiew, der sich auf Vintage-Mode spezialisiert. Ich plante sowieso eine Reise in die Ukraine, sollte also Schuhbotin spielen. Handlungsreisende. Zeitreisende.

Eine Halskette, eine Handtasche, eine Brosche und eine Tolle-Retro-Emaille-Schüssel-die-mal-als Schublade-zu-einem-sowjetischen-Kühlschrank-gehört-hat später, und der kleine Vintage-Laden nicht weit vom Maidan gehört zu meinem Pflichtprogramm bei jeder Kiew-Reise.

Diesmal ist mir beim Stöbern dort ein Stapel Flyer in die Hände gefallen. A5-Format in etwa, Farbdruck, matt. Vorne Bild, hinten Text. „Säfte“ steht untern den Illustrationen, „Kompott“, „Kwas“ oder, auch schon mal, „Heil-diätetische Konditoreiwaren“. Herausgegeben hat sie im Jahr 1975 das Ministerium für Lebensmittelindustrie der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik (vielen Dank allen, die bis zum Ende dieses Begriffs dabei geblieben sind), und das Design ist so Siebziger, so Sowjetunion, so besonders, dass ich den ganzen Stapel mitnehmen musste.

"Pflanzenöle"
„Pflanzenöle“

Sonnenblumenkerne als Zirkelmuster in der Mitte, 23 Blütenblätter, Knallfarben. Was wie ein altes Grünen-Wahlplakat aussieht, bebildert tatsächlich einen ministeriellen Infotext zu Pflanzenölen. Der Text ist weder kurz noch interessant („bekannt sind unter anderem Nussöl, Senföl, Maisöl, Sonnenblumenöl, Rizinusöl, Hanföl, Leinöl, Olivenöl, Baumwollsamenöl, Sojaöl, Kokosöl und andere…“), und man fragt sich schon, warum es der Sowjetunion – oder zumindest ihrer ukrainischen Teilrepublik – so wichtig war, ihre Bürger derart tiefgehend über dieses Thema aufzuklären.

Bei anderen Flyern erschließt sich mir das schon eher. Wer Beerenweine hochjubelt, will dafür sorgen, dass die Bevölkerung richtigen Wein nicht so vermisst. Wer Margarine lobt (und dieses Paket Margarine dann auch noch so zeichnet, als läge es in seinem ganz eigenen Scheinwerferlicht), hofft auf eine geringere Nachfrage nach Butter.

"Obst- und Beerenweine"
„Obst- und Beerenweine“
"Margarine"
„Margarine“

Die Teewerbung, mit dem Blick durchs geschwungene Fenster direkt auf die Plantage, suggeriert: Exotik im eigenen Lande, Genosse! Und der nächste Flyer, mit blauem Suppentopf und Effizienz versprechender Uhr, wirbt für Fertiggerichte: „Maisriegel (in den Geschmacksrichtungen süß, süß mit Zimt, süß mit Vanille, süß mit Zitrone) werden in der Dnjepropetrowsker Fabrik für Fertiggerichte hergestellt und tragen das staatliche Qualitätssiegel.“

"Tee"
„Tee“
"Lebensmittelkonzentrate"
„Lebensmittelkonzentrate“

Eine Vorliebe für Gelb- und Brauntöne haben die Flyer, wenn man sie alle mal nebeneinander legt – gut, das deckt sich mit den Deko-Gewohnheiten der Siebziger. Besonders angetan hat es mir die Werbung für Kompott – im Hintergrund das frische Obst in helleren Farben, im stilisierten Glas dann alles ein bisschen dunkler, wie eingekochtes Obst eben nachdunkelt und an Farbe verliert.

Auch beim Thema Kaffee (Warum wird der überhaupt beworben? War der in der Sowjetunion nicht Mangelware?) dominieren Gelb und Braun, nur Kanne und Tasse leuchten in Sonntagsnachmittagsweiß. Die Texter des Ministeriums informieren uns dazu so zuverlässig dröge, wie das Bild anheimelnd ist: „Kaffee ist ein Durst löschendes Getränk mit tonisierenden Eigenschaften. Er steigert die Leistungsfähigkeit des Organismus. Das Getränk regt das zentrale Nervensystem an, verstärkt die Herztätigkeit und verbessert den Stoffwechsel.“ Dann vielleicht doch besser ein Glas Kwas.

(Die Bilder lassen sich per Klick vergrößern. Und der Vintage-Laden soll auch nicht unverlinkt bleiben: Nika Chick Vintage Corner.)

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Donnerstags bis 21 Uhr geöffnet

Moskau Museum Oldtimer kscheib

19.50 Uhr. Kasse des Museums der Stadt Moskau.

– Guten Tag, eine Eintrittskarte für „Kleider und Autos“, bitte.
– Auf 1000 Rubel kann ich nicht rausgeben.
– Okay, dann kauf ich die Karten für meine Freunde gleich mit – drei Stück, dann müssen Sie nur 400 rausgeben.
– Ich kann überhaupt nichts rausgeben. Das Geld ist schon gezählt und weggepackt. (geht ab)

20.04 Uhr.
– Hi, da bist Du ja. Ich sag Dir gleich, das wird nichts, die wollte mir eben kein Ticket verkaufen und jetzt ist sie weg.
– Vielleicht weiß die andere ja was? Hallo, wir möchten gerne Karten für „Kleider und Autos.“
– Das ist zu spät.
– Aber das Museum hat doch heute bis neun auf!
– Schon, aber Karten gibt es nur bis acht.
– Ist da nicht noch ein bisschen Spielraum?
– Weiß ich nicht, ich mach hier nur die Garderobe. Aber versuchen Sie’s mal in Gebäude 3.

20.08 Uhr. Gebäude 3. Hinter der Theke ziehen sich zwei ältere Damen gerade ihre Jacken an, eine junge Frau im Jeanskleid mustert uns und nimmt das Gespräch sofort auf Englisch auf.
– Guten Abend, wir möchten die Ausstellung „Kleider und Autos“ sehen, aber die Kasse war nicht mehr besetzt.
(Sie spricht mit ihren Kolleginnen.) Tut uns leid, aber es ist schon nach acht, Karten gibt es nur bis acht.
– Ich hab es um zehn vor schon versucht, da war die Kasse auch schon zu.
– Hm, ich frag meine Kollegin noch mal. (…) Nein, es tut mir so leid, aber sie sagt, sie kann Ihnen keine Tickets mehr verkaufen.
(Die beiden älteren Damen ziehen Mützen und Handschuhe an und gehen.)
– Das ist aber schade, wir hatten uns so auf die Ausstellung gefreut!
– Warten Sie mal. (Die Frau im Jeanskleid spricht mit dem Wachmann. Die Frau im Jeanskleid spricht mit den beiden Wärterinnen. Die Frau im Jeanskleid kommt zurück.) So. Sie können die Ausstellung sehen, und Sie brauchen auch keine Tickets zu kaufen. Bitte, seien Sie unsere Gäste, wir laden sie ein!
– Wow, herzlichen Dank! Wir haben aber ja auch das Geld, wir können das bei Ihnen lassen und Sie tun es morgen früh in die Kasse.
– Das ist nett, aber das wird zu kompliziert, morgen arbeite ich auch nicht. Schauen Sie sich einfach um. Wir schließen um 20.50 Uhr.

(„Kleider und Autos“, noch bis Sonntag, 20. März. Eintritt 200 Rubel, ermäßigt 100, Öffnungszeiten – nun ja.)

Moskau Museum Mode

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