Die besten Threads aus dem Oktober

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Eine kleine Umfrage unter Wissenschaftlern hat mich diesen Monat beschäftigt. Die Journalistin Anna-Lena Scholz hat diejenigen Forscher, die Twitter nicht nutzen, nach ihren Gründen dafür gefragt. Der Thread mit den Antworten liest sich für mich vor allem deshalb frustrierend: Weil immer wieder das Argument auftaucht, Twitter tauge nicht dafür, in die Tiefe zu gehen.

Mal ganz abgesehen davon, dass viele der Befragten immer noch von 140 Zeichen sprechen – sich also offensichtlich seit längerem nicht mehr mit Twitter befasst haben – fuchst mich vor allem, dass sie ganz offensichtlich die Arbeit ihrer vielen twitternden Kollegen nicht wahrnehmen oder nicht würdigen. Sonst wüssten sie, wie viele Astrophysiker, Historiker und Zoologen, wie viele Radarfachleute und Experten für Gravitationswellen und Menschen, die wissen, wie unser Hirn uns etwas vorlügt man bei Twitter finden und so schlauer werden kann. Also: Wer mit seiner Antwort in dem Umfrage-Thread vorkommt, sollte vielleicht mal ein paar der folgenden Threads lesen.

Ansonsten gilt wie immer auch in diesem Monat die Gebrauchsanweisung: ein Klick auf den hier eingebundenen Tweet öffnet den ganzen Thread.

1. Ein römisches Boot in einem winzigen See

Caligulas Vergnügungsboot. So groß wie ein Airbus A380. Bebaut mit Palästen aus Marmor. Jahrhundertelang auf dem Boden eines winzigen Sees liegend, bis Mussolini ihn trockenlegen ließ, um das Boot zu heben. Die Geschichte, die Paul Cooper hier erzählt, klingt mit jedem Tweet mehr nach Seemannsgarn, ist aber wahr.

2. Kaum Wikipedia-Beiträge von Frauen

Nur so wenige Frauen, die an Wikipedia mitarbeiten? Na, da müssen sich die Frauen wohl mehr anstrengen! Warum diese Argumentation arg schlicht ist, hat Leonhard Dobusch hier detailliert erklärt. Danke dafür.

3. Ein Versandhauskatalog mit politischer Wirkung

Den Willis Tower, zweithöchster Wolkenkratzer der USA, habe ich dank Schulaustausch noch als Sears Tower kennengelernt – Sears wie die großen Kaufhäuser. Dass das Unternehmen mal als eine Art amerikanischer Otto-Katalog begonnen hat, und warum der für schwarze Amerikaner wichtig und vielen weißen ein Dorn im Auge war, erklärt Louis Hyman.

4. Seehofer auf Trumps Spuren

Wohin es führt, wenn ein prominenter Politiker die Medien zu Volksfeinden erklärt, erleben wir gerade in den USA. Insofern bin ich – trotz Tippfehler an entscheidender Stelle – froh über diesen Thread. Was immer Seehofer sich da zusammenfabuliert, Bastian Obermayer lässt es ihm nicht durchgehen:

5. Inktober trifft Geologie

#Inktober ist, wenn Menschen einen Monat lang täglich etwas mit Tinte zeichnen und das Ergebnis posten. Mika McKinnon ist Geophysikerin und hat sich für ihren Inktober allerlei Wissenschaftsthemen vorgenommen. Mein Lieblingsbild ist das vom 21. Oktober – vor allem wegen des Zusammenhangs zwischen Geologie und Käsekuchen.

6. Zombiepräventionsbestattung

„Und was machen wir jetzt, damit der nicht von den Toten wieder aufersteht und als Zombie zurückkehrt?“ – „Na, wir bestatten ihn mit einer Sichel um den Hals/einem Ziegelstein im Mund/einem Pfahl durch die Genitalien/ohne seine Zunge.“ Alles so passiert:

7. Grünen-Bias bei Journalisten?

Ein Diagramm, das immer mal wieder die Runde macht. Allerdings sind die Zahlen dahinter nicht nur veraltet, die Grafik lässt auch einen ganz entscheidenden Balken weg – den größten sogar. Mehr hier:

7. Aus dem Matheheft eines Dreizehnjährigen

Kommt mir das nur so vor, oder sind es vor allem Museen im englischen Sprachraum, denen die Öffentlichkeitsarbeit per Twitter leicht von der Hand geht? Hier zum Beispiel geht es um einen Archivfund des Museums für ländliches Leben in England. Wir sehen das Heft, in dem Ende des 18. Jahrhunderts ein Schüler namens Richard seine Matheaufgaben erledigte – und vor Langeweile zusätzlich alles Mögliche an den Rand malte: seinen Hund, Schiffe, und dann dieses Huhn…

8. Rechteckige Kühe

Dass man sie besser stapeln wollte wie Melonen kann man wohl ausschließen. Was sonst war also der Grund für eine Epoche, in der Kühe (und Schafe!) in England offenbar rechteckig bzw. quaderförmig waren? Oder zumindest so gemalt wurden? Was will uns der Künstler sagen? So viele Fragen:

9. So. Sahen. Damals. Keine Zeitungen. Aus.

Wirklich nicht. Auch wenn ihr das für euren Historienfilm gern so hättet.

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Wochenende in Moskau: Einfach mal machen

Nach einer Woche, die beruflich unnötig ärgerlich war und vor einer Woche, die den ersten Schnee bringen soll, hilft es, wenn das Wochenende es einem mal so richtig zeigt. Was es heißen kann, in dieser Stadt zu leben und Wurzeln geschlagen zu haben. Wie es ist, wenn man Leute gefunden hat, für die „warum nicht“ Grund genug ist, etwas auszuprobieren. Wo man sich plötzlich wiederfindet, wenn man sich Moskau einfach mal ausliefert – und am Montagmorgen immer noch davon zehrt.

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Samstag, früher Nachmittag. Wenn man das Puschkinmuseum, die alte und die neue Tretjakowgalerie, das Garage-Museum für moderne Kunst, das Multimedia Art Museum, das Moscow Museum of Modern Art, das jüdische Museum, das Museum für sowjetische Spielautomaten, das Kosmonautenmuseum, das Darwinmuseum, das Museum des Russischen Impressionismus, das Zentralmuseum des Großen Vaterländischen Krieges, das Zentralmuseum der russischen Streitkräfte, das Oldtimermuseum, das Borodino-Museum, das Museum für Orientalische Kunst, das Zoologische Museum, das Geologische Museum und das Architekturmuseum durch hat – dann, ja dann findet man sich plötzlich im Moskauer Museum für Straßenbeleuchtung wieder.

Also stehen G. und ich nun in einem von vier Kellerräumen und bekommen erzählt, dass damals zur Krönung von Alexander II. in Moskaus Straßen eine Festbeleuchtung aus 27.000 Öllampen in grünen Glaszylindern strahlte. Wie nach Öl und Kerosin erst Gas und dann Elektizität kamen (mit Osram-Glühbirnen aus Deutschland, das Museum zeigt dazu einen Werbespot aus dem Sechzigerjahre-Deutschland, in dem Osram-Glühbirnen Verkehrsunfälle und Raubüberfälle verhinden).

Wir sehen Verdunkelungsschilder aus dem Zweiten Weltkrieg („Licht im Fenster hilft dem Feind“), Stehlampen, Hängelampen und eine der 5000-Watt-Leuchten, die in den roten Sternen auf den Spitzen der Kremltürme stecken. Das Museum ist, soviel merkt man sofort, seinen Machern eine Herzensangelegenheit.

Sie erklären die Pulte, von denen aus einst Stadtteil für Stadtteil Moskaus Lichter angeknipst wurden, und zeigen eine Vitrine mit Birnen, in denen statt Drähten kleine Kunstwerke glühen: Blumen, Tiere, ein Schneemann. „Woher haben Sie denn von unserem Museum erfahren?“, fragt die Kassenfrau leicht perplex uns zwei erkennbare Ausländerinnen. Und überhaupt, wenn uns Straßenbeleuchtung interessiert: Im Sommer bietet das Museum auch Stadtrundgänge zum Thema an.

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Um den Tisch sitzen acht Leute aus fünf Ländern und reden Englisch, jedenfalls meistens. Nicht alle kennen sich, aber alle kämpfen mit derselben Speisekarte auf Koreanisch und Russisch, wechseln durch ihre jeweiligen Sprachen und die dazugehörigen Übersetzungs-Apps: Okay, Reis, Möhren, Zucchini – und was ist da noch drin? Kennst du das Wort? Sag’s noch mal langsam in deiner Sprache, vielleicht erkenn ich’s ja wieder? Wir entschlüsseln Fleisch- und Gemüsesorten, ehe wir irgendwo zwischen „Alge“ und „Farn“ kapitulieren. Passt schon. Mal sehen, was kommt.

Der Ort ist unterirdisch und es ist schwer, darin keine Metapher zu sehen, denn wir sind in Moskaus einzigem nordkoreanischen Restaurant. Es geht das Gerücht, dass es zur Botschaft gehört und dazu dient, mit Einnahmen in ausländischen Währungen das System zu stabilisieren. Ob der Rubel dabei eine große Hilfe ist? Alle Kellnerinnen sehen gleich aus – gleichgroß, gleichjung, gleichschön, gleichlange Haare, gleiche Frisur, gleiche Kleidung, gleiche Plateausohlen. Auf einem Fernseher läuft in Dauerschleife ein Konzert der Band Moranbong, im Publikum synchron applaudierende Militärs.

Dass das Essen auf keinen Fall in der Reihenfolge eintrifft, in der man es bestellt – wer würde es in Russland anders erwarten. So essen sechs von uns also in Etappen ihr scharfes Bibimbab (oder, wie die Speisekarte es erklärt, „Plow nach Pjönjanger Art“), danach kommen die Vorspeisen, darunter eine Art Pfannkuchen aus Maiskörnern, zusammengehalten von irgendwas zwischen Aspik und Fugensilikon. Und zum Schluss die Nudelsuppe für die zwei verbleibenden Hungrigen, am Tisch angerichtet. Die Kellnerin gibt gekochte Nudeln in zwei große Metallschalen, dann Fleisch und Gemüse, dann Wasser aus einem silbernen Teekessel mit schmaler Tülle. Die Kellnerin verschwindet, die beiden Nudelsuppenbesteller fangen an zu essen: Die Suppe ist kalt. Nicht abgekühlt, sondern nie warm gewesen. Gehört wohl so. Kurz darauf trifft eine weitere Vorspeise ein.

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Sonntag Nachmittag und ich weiß nichts, außer dass M. mich heute zum Segeln mitnimmt. Fünf Jahre lang hat er in einem anderen Land „reichen weißen Kindern“ das Segeln beigebracht. Meine Segelerfahrung beschränkt sich auf die kälteste Woche meines Lebens, damals, kurz vor Ostern, auf einem Schiff auf dem Ijsselmeer. Nach Anweisung von M. bin ich heute 1. extrem warm angezogen und 2. pünktlich an unserem Treffpunkt, einer Hofeinfahrt im Moskauer Zentrum, in der ein knatschblauer alter UAZ-Geländewagen steht. „Wir haben beschlossen, dass du vorne sitzt – da gibt es einen Sicherheitsgurt“, sagt der Fahrer und Mitsegler, der mir kurz nach dem Start erklären wird, warum er trotz allem weiterhin Trump wählt.

Das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken bedeutet, dass ich in der nächsten Stunde sehr viel über den UAZ erfahre. Dass man mit dem Hebel da zwischen Zweirad- und Allradantrieb wechseln kann. Dass es viel Kraft kostet, zu schalten und zu lenken. Dass außerhalb der Stadt plötzlich andere Fahrer winken und lichthupen, wenn man in so einem alten Schätzchen unterwegs ist. Dass das Auto zwar viel ächzt und andere Geräusche macht, die aber alle nichts bedeuten. Auf dem Rücksitz spielt K, eine junge Russin und Nummer vier unserer heutigen Segelei, mit ihrem Handy.

Als wir am Ziel nördlich von Moskau ankommen, noch weiter außerhalb der Stadt als Ikea und Obi, muss es flott gehen. Die Sonne steht schon tief, der Wind ist so stark, dass er uns immer wieder zurück Richtung Anlegestelle drückt und uns schließlich ein kleines Motorboot rausschleppt. Skipper M. geht das erkennbar an die Ehre, weshalb wir danach erst mal betont souverän in den Sonnenuntergang schippern. Es ist, das sagen auch die Mitsegler, schon verdammt windig heute – viele Kommandos, schnelles Wechseln von einer Seite des Boots zur anderen und zurück. Ich denke mir: Solange K. noch Handyfotos auf Instagram postet, wird es schon so ernst nicht sein. Und es mangelt ja auch nicht an Motiven: Das Wasser, in dem sich die Sonne spiegelt. Der Himmel, ganz frei vom Moskauer Herbstsmog. Die Birken am Ufer, in Gelb und Orange.

Auf dem Rückweg Richtung Ufer wird es dann noch mal ein wenig unentspannt. K. hat das Handy weggepackt und sieht käsig aus, M. holt sich bei einem Manöver nasse Füße, und wir alle lehnen uns zur selben Seite raus, so weit wir nur können. Dafür ist das Anlegemanöver dann perfekt, Ehre wiederhergestellt. In der Abenddämmerung fährt der UAZ zurück Richtung Zentrum, aus dem Bluetooth-Lautsprecher kommen abwechselnd Abba und amerikanische Powerballaden. Waterloo. Carry on My Wayward Son. Does Your Mother Know. K. sitzt jetzt vorne, M. und ich haben auf der Rückbank russische Militärhelme aufgesetzt. Safety first. Durch die Dachplane zieht Kälte ins Auto, aber immer noch wärmer als auf dem Wasser vorhin. „Nächstes Wochenende gehen wir auf den Schießstand,“ sagt K. „Komm doch mit.“

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Museums-Marathon in Moskau – diese Woche kostenlos

Über den Jahreswechsel ist Moskau diesmal doppelt eingefroren: Fast 20 Grad unter null, und dazu der Winterschlaf, der jedes Jahr um diese Zeit die Restaurants, Cafés, Theater und Bibliotheken der Stadt ergreift. Nur einige Museen verfolgen eine entgegengesetzte Strategie: Mit kostenlosem Eintritt locken sie die Moskauer aus dem warmen Wohnzimmer zum Kollektivbibbern in der Schlange am Eingang. Weil sich bei mir in der Redaktion nicht viel tut, heißt der Plan für die ersten Tage des neuen Jahres also:

kscheib Moscow Museums

Natürlich haben wir eine Liste mit angepeilten Museen. Natürlich haben wir eine Route, an der sie liegen. Aber dann mischt sich der Busfahrer ein, mit einer Durchsage. Nächster Halt:

 

„Museum für Orientalische Kunst“

Kein freier Eintritt, ganz im Gegenteil: Das ist tatsächlich noch eines dieser Häuser mit höheren Eintrittspreisen für Nichtrussen, was ich je nach Tagesform dreist oder zumindest unklug finde.

Neben Kunsthandwerk aus dem asiatischen Teil Russlands, Kacheln aus dem Iran, Masken aus Indonesien, Porzellan aus Japan gibt es hier auch ein kleines Zimmer mit Exponaten aus Afghanistan. An der Wand hängt, ohne weitere Erklärung oder Jahresangabe, dieser Teppich. Sein Muster kombiniert Helikopter, Makarow-Pistolen und reaktive Panzerbüchsen. Gewebte Geschichte.

afghanischer teppich museum moskau

 

„Moscow Museum of Modern Art“

In seiner Niederlassung an der Petrowka befasst sich das Museum gerade mit Schreibmaschinen in der Kunst. Ein Raum voller Remingtons, Olympias, Erikas. Ein Raum, in dem sich gerade ein kleiner Junge von seinen Eltern erklären lässt, was Durchschlagpapier ist und wozu das mal gut war. Ein Raum mit Schreibmaschinenmusik.

Und einer, in dem nur ein großer Tisch steht, mit getippten A4-Seiten unter Glas. Es ist Wassili Grossmans „Leben und Schicksal“, von dessen wenigen Manuskripten der KGB fast alle beschlagnahmte. Dieses Exemplar bewahrten Freunde für den Autor auf, als KGB-Leute ihre Wohnung durchsuchten, hängten sie es aus dem Fenster. Nun ist es, Jahrzehnte nach Stalins Diktatur, hier zu sehen.

200 Keystrokes Grossman Manuscript

Eine Etage höher haben verschiedene Künstler je einen Raum gestaltet, in dem von Rostan Tavasiev wohnen ein paar flauschige Wesen. Ein grünes sieht so traurig aus, dass eine Besucherin es spontan umarmt, während dieses hier von der Decke baumelt.

Rostan Tavasiev It's Complicated

„Rate mal, wie das hier heißt“, schreibe ich einer Freundin in Köln und schicke ihr das Bild. „Das ist bestimmt eine Allegorie auf die Erderwärmung,“ kommt als Antwort. „Oben ein ehemaliger Eisberg, der sich in Wasser aufgelöst hat. Unten die Menschheit bzw. deren Industrie. Ich würde also sagen ‚I scream (blue)‘ oder so.“ Respekt, das überzeugt mich sehr viel mehr als der offizielle Titel: „It’s complicated.“

 

„Darwinmuseum“

Eine lange, langsame Schlange für alle, die gratis reinwollen. Eine kurze, schnelle, für die, die doch 100 Rubel zahlen. Ist das jetzt Sozialdarwinismus? Drinnen sind jedenfalls so viele Familien unterwegs, dass die Luft nach Turnhallenumkleide riecht, und zwar am Ende eines Unterrichtstages.

Das Haus ist riesig, für Erwachsene fast komplett uninteressant und auch mit Kindern wäre es nicht mein erster Anlaufpunkt. Okay, das Walross da in der Vitrine ist echt verdammt groß, an ein paar Stellen kann man auch mal was ausprobieren oder anfassen, und für Extrageld gibt es auch was Multimediales. Aber insgesamt ist das hier noch sehr die Schule „Wir stellen ein paar Bücher über Pilze in einen Glaskasten und nennen es ‚Das Königreich der Pilze‘.“

Auf einem Treppenabsatz hat jemand mit viel Alufolie und Krepppapier in Projektwochenästhetik eine Ausstellung zum Thema „Tiere und Süßigkeiten“ gestaltet. Diese Illustration, mit der eine Konfektfirma Kindern Verkleidungstipps gab, war zumindest leidlich lustig:

darwinmuseum moskau

 

„Haus an der Uferstraße“

Anfang der Dreißigerjahre war das Gebäude die Wohnadresse für Regierungsmitglieder und Parteigranden. 24 Stunden lang fließend warmes und kaltes Wasser, hohe Decken, Seidentapeten, Aufzüge (damals eine Attraktion an sich). Die in der hauseigenen Schreinerei entstandenen Möbel gehörten interessanterweise der Hausverwaltung und wurden von den Bewohnern bloß gemietet.

Dann kam die Zeit der „Säuberungen“, und viele der Bewohner wurden verschleppt, gefoltert, ermordet. An sie erinnert heute ein kleines Museum, das sowohl den Alltag in diesen Wohnungen dokumentiert als auch, soweit man es denn kennt, das Schicksal der Opfer von Stalins Terror und ihrer Familien.

haus am ufer moskau museum

 

Ilja-Glasunow-Galerie

Von Ilja Glasunow hatte ich noch nie gehört, und nach dem Besuch in diesem Museum hätte das auch gern so bleiben können. Er malt viel, in allen möglichen Stilen, und ich bin mir sicher, es gibt einen Markt dafür: Komm, noch ein Puschkin vor Stadtkulisse, noch ein Dostojewski, noch ein Birkenwäldchen, noch ein armes russisches Mütterchen im Schnee. Noch ein großformatiger Heiliger, noch ein größtformatiger Jesus.

All das hängt hier an den Wänden, wo man es doch genau so gut und im selben Stil einfach irgendwo auf eine Motorhaube airbrushen könnte. Stereotyper Brachialkitsch, gerne in Petersburger Hängung, damit es einen auch garantiert erschlägt. Man kann hier herkommen, wenn man schon immer mal wissen wollte, wie dieses leuchtend türkise Gebäude gegenüber dem Puschkinmuseum von innen aussieht. Man kann es aber auch einfach lassen.

Ilja Glasunow Galerie Moskau

 

Manege

„Vom Traum zum Start“ heißt die Ausstellung zum sowjetischen/russischen Raumfahrtprogramm, das ist aber auch schon das einzige bisschen Poesie, das die Manege sich hier gönnt. Willkommen in der Schautafelhölle, mit den Unterabteilungen „Kinder basteln Panzer und Kampfflugzeuge“, „Wie viele Fotos bekommen wir auf dieser Stellwand unter?“ und „Ich hab hier mal was mit Weltraum gemalt, wollte es mir aber nicht selbst ins Wohnzimmer hängen.“

Moskau Manege От мечты до старта

Das eine gut ausgeleuchtete Objekt in der Ecke, um das sich tatsächlich Menschen versammelt haben, staunen und lachen, ist ein Automat, der Astronautennahrung verkauft: Kohlsuppe, Püree mit Fleisch, Quark mit Obst. 300 Rubel kostet die Tube.

 

„Moscow Museum of Modern Art“

Noch mal MMOMA, diesmal aber das Gebäude am Gogoljewski-Boulevard. Auch wenn man nicht viel weiß über Welimir Chlebnikow, kann man gut eine Runde drehen durch diese Ausstellung, die auf seinen Werken basiert.

moscow museum of modern art

So verspielt und verrätselt wie seine Gedichte wirken auch einige der Illustrationen und Installationen auf den zwei Etagen. Viele Vogelmotive, aber auch Installationen wie diese, die an mit Brausepulver gefüllten Strohhalme erinnert.

Noch bis Ende dieser Woche gilt der freie Eintritt in vielen Moskauer Museen. Eine Auswahl gibt es hier, eine ausführliche Aufstellung hier. Im Zweifel aber besser noch mal auf der Museums-Website nachsehen oder kurz anrufen.

(Danke an Matt für die Hilfe beim Identifizieren der Waffen auf dem afghanischen Teppich, und großen Respekt an Anja für die Ausdeutung der blauen Flauschkunst.)

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Eine Runde Rumdaddeln auf sowjetischen Spielautomaten

Der Bildschirm grau in grau, der Joystick klappert - aber die Jagd auf feindliche Flugzeuge funktioniert einwandfrei.
Der Bildschirm grau in grau, der Joystick klappert – aber die Jagd auf feindliche Flugzeuge funktioniert einwandfrei.

Tankodrom! Scharfschütze! Seekampf! Jagd auf Enten, Hasen und Flugzeuge! Es ist nicht gerade die große Pazifismus-Kollektion, die in diesem hellen Raum in der Nähe der Moskauer Haltestelle „Baumanskaja“ ausgestellt wird.

Baumann war ein russischer Ur-Revolutionär; es kursiert die Geschichte, dass er mit seinem grausamen Humor sogar eine Frau in den Tod getrieben hat. Insofern passt es, dass gerade an seiner Haltestelle diese Ausstellung Tod und Spiele bunt blinkend zusammenbringt.

Das Museum für sowjetische Spielautomaten ist allerdings nicht nur Abknallerei. Das Militaristische nimmt zwar einiges an Platz ein, aber dazwischen wuselt die Schneekönigin pixelig über einen frühen Farbbildschirm, grinst ein Clown am Flipper, müssen Spieler Verkehrsschilder ihrer Beschreibung zuordnen.

Basketball, Elfmeterschießen, Pferderennen, sogar eine Art Pong – wohin zuerst mit den alten Kopekenmünzen, die es zur Eintrittskarte gibt? Denn die meisten Geräte funktionieren tatsächlich noch, auch wenn die Joysticks ein wenig ausgeleiert oder die Plastikknöpfe verschrammt sind.

Dass das hier ein Liebhaberprojekt ist, merkt man auch an den anderen Geräten, die sich unter die Spielautomaten mischen: ein altes Wählscheibentelefon hängt an der Wand, am Eingang können Besucher aus beige-grauen Getränkeautomaten für 50 Rubel einen Becher zapfen – Mineralwasser, Orangenlimonade, Kwas oder Tarhun, eine knatschgrüne Estragonlimonade aus Georgien.

350 Rubel kostet der Eintritt, dafür kann man hier gut mal nach Feierabend ein paar Kopeken auf den Kopp hauen. Und wer anderswo lebt als in Moskau: Die Seeschlacht gibt es auf der Museumsseite auch online zum Ausprobieren – ohne den altmodischen Charme, aber mit genau so vielen Torpedos und Explosionen.

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