Russball, Folge 70: Angriff auf den Thron

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Wir können nicht über Russland reden, ohne die Gewalt zu erwähnen, mit der dort im Moment gegen Menschen vorgegangen wird, die für mehr Demokratie auf die Straße gehen. Dieser Mann zum Beispiel wurde von Sicherheitskräften zu Boden geworfen und abgeführt, nachdem er Spartak-Fangesänge gesungen hatte. Diesen Demonstranten halten mehrere Polizisten fest, während einer von ihnen auf ihn einprügelt. Journalistenkollegen, denen ich seit gemeinsamen Moskauer Zeiten bei Twitter folge, posten dort plötzlich (hier und hier), dass sie bei der Arbeit trotz Akkreditierung festgenommen werden.

Beeindruckt hat mich ein Text des Geschichtsprofessors Sergej Radschenko, indem er erklärt, warum er trotz der drohenden Polizeigewalt an den Protesten teilnimmt: „Wir – Russland, Europa, die Welt – waren schon einmal an diesem Punkt. Wir dürfen nicht zulassen, dass die Unterdrückung zurückkehrt.“

Und jetzt reden wir über Fußball.

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Mitte Juli waren wir zum ersten Mal in Moskau, seit wir Anfang des Jahres dort weggezogen sind – ich hab damit gerechnet, gelegentlich sentimental zu werden und zu schwelgen. Aber dass sich einem die Stadt schon aus der Ferne an den Hals wirft, war dann doch eine Überraschung: Wir sitzen in Schönefeld, dieser Flughafen-Parodie, als auf dem Handy aufplöppt: Ihr Boardingpass hat sich geändert – ein Upgrade in die Business Class. Sekt, ausgestreckte Beine und vom Zeitungswägelchen eine Sport Express, Flugcharme rundum.

Auf Seite 1 haben die Blattmacher eine Ladung Dramatik geschaufelt: „Die neue Saison der Premjer-Liga, Episode: ANGRIFF AUF DEN THRON„. Wir haben Großbuchstaben! Wir haben Spieler von Krasnodar, Lokomotive, Spartak und ZSKA, die um den Game-of-Thrones-Thron rumstehen! Aber darauf sitzen darf nur Artjom Dsjuba von Zenit, dem amtierenden Meister!

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Nach der Landung, auf dem Weg ins Zentrum, sage ich zu Markus: Dir ist natürlich klar, dass ich diese Stadt betrete mit der Erwartung, zufällig auf der Straße jemanden zu treffen, den ich kenne. Er macht angesichts von zwölf Millionen Einwohnern ein paar Geräusche. Ich glaube, einen halblustigen Witz gemacht zu haben darüber, wie sehr sich diese Stadt immer noch wie zuhause anfühlt. Soweit alles normal, nur dass wir am nächsten Tag auf dem Roten Platz stehen (wir sind jetzt Touristen, wir machen Touristendinge) und das hier geschieht:

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Eine Nachricht von Jura – wir waren mal zusammen im Stadion, als Schalke nach Moskau gekommen ist, um dort in der Champions League gegen Lokomotive anzutreten. Als Chef der Russischen Knappen, Russlands Schalke-Fanclub, hatte Jura damals die Karten organisiert und uns im strömenden Regen vorm Stadion getroffen, damit wir die anderen Schalke-Fans auch finden. Also, schnell einmal treffen neben dem Leninmausoleum, ein gemeinsames Foto, gemacht von Juras Vater, die beiden wollen später zum Spiel Sotschi – Spartak gehen. Ach so, Jura ist übrigens keineswegs aus Moskau, sondern aus Krasnodar, mehr als 1000 Kilometer entfernt. Was dieses Treffen hier auf dem Roten Platz noch unwahrscheinlicher macht.

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⚽ Sotschi, das gegen Spartak dann übrigens 0:1 verloren hat, ist ein Neuzugang in der Premier-Liga. Die hat ihre Saison 2019/20 zwar mit einem Zuschauerrekord begonnen, dafür hat es mit einer großen Neuerung nicht hingehauen: Der Videobeweis, für den die Russen die englische Abkürzung VAR übernommen haben, war nicht rechtzeitig zum Saisonbeginn am Start. Dabei war die Fußball-WM 2018 doch das große VAR-Vorzeigeturnier gewesen.

Woran’s lag? Zu viele Beteiligte, die sich bei der Umsetzung nicht einig geworden sind. So hat es jedenfalls zum Saisonbeginn Alexander Djukow erklärt, der Präsident des russischen Fußballverbands. Zum zweiten Spieltag sollte es klappen, meinte er da noch, letztlich wurde es der dritte. Ärgerlich ist das für Sotschi, denn das Siegtor für Spartak war alles andere als regelkonform: Fernsehbilder zeigen deutlich, wie sich Spartaks Samuel Gigot bei seinem Kopfballtreffer auf einen Spieler von Sotschi aufstützt. Sport Express titelt dazu: „VAR hätte so einen Sieg nicht zugelassen“.

⚽ Noch mal Spartak: Die haben da jetzt ja diesen frisch ausgeliehenen neuen Spieler im Kader, dessen Ü im Nachnamen im Russischen als ю, also [ju] wiedergegeben wird. „Andre Schjurrle“ also hat nach seinem ersten Spartak-Spiel (0:0 gegen Dynamo) Sowjetski Sport ein Interview gegeben, das meiste waren höfliche Floskeln, die Fans von BVB und Spartak seien sich sehr ähnlich, sowas. Eine Passage fand ich aber doch ganz lustig: Offenbar ist in der Umkleide einer der jungen Spartak-Spieler auf Schürrle zugekommen und hat sinngemäß gesagt: „Hey, ich hab beim FIFA-Zocken immer als du gespielt!“ Fühlt man sich da geehrt? Alt? Schürrle jedenfalls hat im Interview von seinen eigenen FIFA-Spielzeiten erzählt: Er war am liebsten Lampard oder Ballack.

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Auf die Liste der zehn wichtigsten Sommertransfers im russischen Fußball hat es Schürrle nicht geschafft – die war schon veröffentlicht, als er bei Spartak anfing. Dafür punktet er mit Sprachkompetenzdialektik: Auf die Interviewfrage, ob ihm seine aus Kasachstan stammende Frau denn schon Russisch beigebracht habe, hat er mit „Ich spreche kein Russisch“ geantwortet. Auf Russisch.

⚽ Noch mal Spartak, dann ist aber echt Schluss: Leonid Fedun, Besitzer des Vereins, bekommt bei Gol.ru eine, tja… Würdigung? Anklage? Jedenfalls ein ungewöhnliches Artikelformat. Aufgehängt an Feduns Versprechen aus dem Januar, Zé Luís und Luiz Adriano würden noch jahrelang für Spartak spielen (heute ist der eine beim FC Porto unter Vertrag und der andere bei Palmeiras São Paulo) hat die Redaktion eine Liste veröffentlicht: „14 Beispiele, in denen Fedun das eine sagt und das andere tut“. Besonders hübsch, im April 2011: „Den neuen Trainer verkünden wir wahrscheinlich am Donnerstag.“ Tatsächlich hat es noch mehr als ein Jahr gedauert.

⚽ Es gibt ja so journalistische Projekte, die man gerne verfolgt, bei denen man aber schon auch arg froh ist, sie nicht selber umsetzen zu müssen. Andrew Flint hat sich so eins ausgedacht. Er lebt seit Jahren in Tjumen in Sibirien, und in dieser Saison will er alle Spiele des Drittliga-Vereins FK Tjumen besuchen. Diese Liga ist aufgeteilt in Regionen, Tjumen tritt im Bereich Ural-Wolga an gegen Vereine, die wie Autos heißen – Kamaz, Wolga, dazu der doppelte Lada aus Lada Dimitrowgrad und Lada Togliatti. Dass zwei Wochen vor Saisonbeginn noch nicht bekannt war, welcher dieser Clubs wann gegen wen spielen würde ist nur eine der vielen Randbeobachtungen, über die Flint bei Futbolgrad berichtet.

Über Tjumen wusste ich bisher nur, wo es grob liegt und dass man es auf der zweiten Silbe betont. Ein Blick in die Vereinschronik zeigt, dass das einer dieser Sowjetclubs war, die alle paar Jahre einen neuen Namen bekamen. So stand der Verein immer wieder für andere Berufsgruppen und hieß: Geologe Tjumen, Ölarbeiter Tjumen, Bauarbeiter Tjumen, später dann wieder Geologe. Wenn Andrew Flint sein Saisonprojekt wirklich durchzieht – wer weiß, was da noch alles an Nischenwissen über den sibirischen Fußball rauskommt.

⚽ Rammstein sind gerade auf Tour durch Russland, am Freitagabend sind sie im Stadion von Krasnodar aufgetreten. Ja genau, Rammstein, die mit den spektakulären Bühnenshows. Ja genau, das Stadion, wo am Samstag ein Spiel der Premjer-Liga anstand, Krasnodar gegen Zenit. Sportreporter Goscha Tschernow war bei dem Konzert und hat gefilmt, wie viele Menschen da zehn Minuten nach dem letzten Lied schon mit dem Abbau beschäftigt waren:

Tatsächlich hat es geklappt, kurz nach Samstagmittag waren Bühne, Lautsprecher und andere Aufbauten weg und der Rasen wieder freigelegt. „Ein Rekord“, schrieb der Konzertveranstalter bei Instagram und dankte allen Mitarbeitern für die „heiße Nacht“, nach der das Stadion wieder anpfifftauglich aussah:

⚽ Was macht eigentlich Andrei Arschawin? Vergangenes Jahr hat er seine Spielerkarriere beendet, seitdem hört man von Arschawin, wenn er zum Beispiel aus einem Petersburger Strip-Club rauskommt und auf einem Pferd davonreitet. Aber immerhin, wenn ihn ein Fernsehsender als Fußballexperten bucht, scheint er das ja ernst zu nehmen und sich anständig vorzubereiten. Oder so.

⚽ Die Älteren werden sich erinnern: Franz Beckenbauer war einst nicht Bundestrainer der westdeutschen-Fußball-Nationalmannschaft, er war ihr Teamchef – für alles andere fehlte ihm die Lizenz. Also wurde nominell jemand anderes Bundestrainer, Beckenbauer als Teamchef dessen Vorgesetzter. Das Modell hatte über Jahre Bestand und endete mit einem Weltmeistertitel für die DFB-Mannschaft.

Beim FK Krasnodar haben sie das ganz ähnlich versucht: Murad Mussajew trainiert den Verein seit einem guten Jahr, allerdings fehlt die Lizenz. Offizieller Cheftrainer war also jemand anderes, Mussajew als Obertrainer dessen Vorgesetzter. Ergebnis: Krasnodar qualifizierte sich zum ersten Mal für die Champions League, muss aber wegen der Nummer mit dem Trainer, der eigentlich gar keiner sein darf, 50.000 Euro Strafe zahlen. Außerdem hat die Uefa entschieden: Die Lizenz, die Mussajew braucht, um offiziell den FK Krasnodar trainieren zu dürfen, kann er frühestens in einem Jahr machen.

⚽  Möglicherweise verfolge ich nicht mit der notwendigen Aufmerksamkeit, wie die Begegnungen der einzelnen Champions-League-Runden ausgelost werden. Jedenfalls habe ich erst nachträglich mitbekommen, was da am 22. Juli geschehen ist: Das Los wollte es so, dass da demnächst eine russische und eine ukrainische Mannschaft gegeneinander antreten. Das aber will die UEFA nicht, mit gutem Grund, weshalb eine Sonderregel gegriffen hat:

Ein wenig Nachlesen ergab: Diese Regel gilt bereits seit 2014, dem Jahr, in dem Russland die Krim annektiert hat. Die Fußballverbände der beiden Länder hatten ebenso Sicherheitsbedenken wie die Uefa selber. Nach denselben UEFA-Regeln werden Vereinen aus Armenien keine Gegner aus Aserbaidschan zugelost, Teams aus Spanien müssen nicht gegen Teams aus Gibraltar antreten.

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Der Rausschmeißertext kommt diesmal aus Großbritannien. Über spektakuläre Transfers reden alle, über mittelwichtige Spieler, die sich ein Fußballteam vom anderen ausleiht, eher nicht. Deshalb fand ich so interessant, was die New York Times berichtet: wie sich Vertreter vor allem europäischer Clubs an einem Nachmittag in London zu einer Art Speed-Dating treffen, um dort in Begegnungen à 15 Minuten zu klären: Wen kann ich bei euch leihen? Wen könnt ihr von uns brauchen?

„To be sure, this is not the place where Cristiano Ronaldo or Lionel Messi will move from one club to another, but rather where useful, reasonably priced players change teams“, heißt es taktvoll in dem Artikel. „Reasonably priced“ bedeutet demnach: 20, maximal 25 Millionen Pfund.



 

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Russball, Folge 67: Fußballspielen auf alten Bierbechern

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„Guck mal, der Nachtkönig sitzt auf dem Thron und guckt Fußball“, schreibt eine Moskauer Bekannte. Sie war gerade Lokomotive beim Spiel gegen den FK Jenissei anfeuern – erfolgreich, Loko hat 2:1 gewonnen. Und das Foto, das sie da schickt – joah, ganz nett. Haben die halt so nen Typen aus Game of Thrones auf der Leinwand gezeigt, mit einem rot-grünen Fanschal.

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„Es gibt noch mehr Bilder“, schreibt sie weiter, ich soll dringend mal bei Lokomotive auf Instagram gucken. Da sieht das Ganze dann doch etwas beeindruckender aus: Der Typ war nicht nur eingeblendet, sondern wirklich dort. Sie haben ihm ein Stück Tribüne freigeräumt, schön schneeweiß abgedeckt, so einen Thron hingestellt und von da hat er dann das Spiel verfolgt. Alles ein subtiler kleiner Hinweis, dass man demnächst das Finale von Game of Thrones im Stadion gucken kann. Und vielleicht auch, um die Jungs von Jenissei ein bisschen aus dem Konzept zu bringen.

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⚽ Tom Tomsk klingt wie ein Mensch, als hieße da jemand Peter Petersson. Tatsächlich aber ist es ein Fußballclub, der nach einem Fluss und der daran gelegenen Stadt heißt – als spiele da Düssel Düsseldorf oder Donau Donaueschingen. Aber der Name steht nicht nur für Fluss und Stadt, sondern auch für ein Problem, das in Russlands Ligafußball weit verbreitet ist: die Angst vor dem Aufstieg, aus Geldgründen. Im Detail ist hier bei Futbolgrad gut erklärt, warum der aktuelle Zweite der zweithöchsten Liga nicht in die höchste Liga aufsteigen will.

Kurz lässt sich die Lage so zusammenfassen: Viele Vereine, die in der Ersten Division spielen (der Name ist etwas irreführend, es handelt sich um Russlands zweite Liga), kämpfen schon genug damit, ihren Alltag finanziert zu kriegen. Aufzusteigen und mit den Teams der Premjer-Liga mitzuhalten, würde noch teurer. Oft haben Clubs, die auf Zweitliganiveau spielen, auch keine reichen Sponsoren, sondern gehören der Stadt, der Region, irgendeinem Teil des Staates. Keine Grundlage für große Sprünge, erst recht nicht rauf in die Premjer-Liga. Championat hat sich unter den Vereinen der Ersten Division umgehört, wer überhaupt an einem Aufstieg interessiert wäre, und kommt zu dem Schluss: Kann sein, dass sich da demnächst in den Playoffs zwei Mannschaften gegenüberstehen, von denen keine gewinnen will.

⚽  Budweiser und Umweltschutz, das gehört bekanntlich zusammen wie Russland und Mülltrennung: Eigentlich gar nicht, aber für die Öffentlichkeitswirkung stellt man dann doch mal ein paar Eimer in unterschiedlichen Farben auf. Oder schreddert eben 50.000 Plastikbecher, die bei der WM im Stadion liegengeblieben sind, und macht daraus einen kompletten neuen Fußballplatz.

Budweiser-ReCup-Arena-3

Wie fühlt es sich an, auf sowas zu stehen oder gar zu spielen? Marco Materazzi hat es ausprobiert und zwei Dinge gesagt: Erstens „Das ist ein ausgezeichneter Platz, auch wenn er ungewöhnlich ist,“ und zweitens, was die Sache vielleicht ein wenig relativiert, „Fußball kann man überall spielen, sogar auf Asphalt.“ Budweiser gibt unterdessen eine Pressemitteilung raus, in der fünfmal Varianten von „Recycling“ vorkommen und nennt das Plastikbecherfeld die „ReCup Arena“. Ich verkneife mir derzeit, auszurechnen, wieviel Prozent (oder Promille?) der bei der WM verwendeten Plastikbecher diese 50.000 Stück wohl ausmachen.

⚽ Entstanden ist das Plastikbecherfeld nicht weit vom Fischt-Stadion in Sotschi, also reden wir doch kurz mal darüber, was für ein Verein dort seine Heimspiele austrägt: Klar, der PFC Sotschi, soweit einleuchtend. Der allerdings wurde erst im Juni 2018 gegründet, oder vielmehr: umgewidmet. Das ganze war ein halbwegs komplexer Prozess, bei dem der Traditionsverein Dynamo St. Petersburg in FK Sotschi umbenannt wurde und von der Ostsee ans Schwarze Meer umzog. Alte Spieler, neues Trikot, fertig. Ergebnis: Es spielt jetzt immerhin ein Zweitligaclub in dem schicken WM-Stadion. Soweit Teil eins der Geschichte, das war vor knapp einem Jahr.

Teil zwei spielt sich derzeit ab. Der PFC Sotschi spielt ganz gut und hat sogar Aufstiegschancen, obwohl zu den Spielen kaum jemand kommt. Aber nach dem Manöver „Bestehender Club wird umgetauft und zieht in eine 2000 Kilometer entfernte Stadt“ war ja nun ein Vereinsname mit viel Tradition vakant. Das kann so nicht bleiben, weshalb das bisschen, was in Petersburg noch von Dynamo übrig war (die Jugendmannschaft?) nun mit dem FK LAS Luga zusammengeht. Luga liegt im Petersburger Umland, das bisherige Highlight in der Vereinsgeschichte war laut VKontakte-Seite der dritte Platz unter allen Männerteams im Bezirk Leningrad im Jahr 2015. Mal sehen, ob der neue, alte Name noch höhere Höhenflüge möglich macht.

⚽ Wir müssen mal über Saransk reden. Ihr erinnert euch: Die eher kleine Stadt, bei der man nicht so genau wusste, warum sie zu den WM-Gastgebern gehören durfte. Seitdem spielt dort der FK Mordowija, derzeit im Mittelfeld der Ersten Division, in einem schicken WM-Stadion. Kleiner Haken: Mordowija hatte in der Spielzeit 2017/18 im Schnitt nicht mal ein Prozent der Zuschauer, die in das Stadion passen. Zu Beginn der aktuellen Saison sah das besser aus, statt wie zuvor ein paar tausend kamen nach Vereinsangaben um die 20.000.

Dann kamen der Herbst, der Winter, immer weniger Leute. Und nun, im Frühling, war ein Reporter von Championat dort und fand beim Spiel gegen Wladiwostok ein nahezu leeres Stadion vor. Hier, wie war das mit 20.000 Zuschauern? Naja, sagt der Mann an der Ticketkasse, damals haben sie halt die Eintrittskarten kostenlos verteilt. „Der Klub stellt Zuschauerrekorde auf, indem er nicht nur Arbeiter, sondern auch Studenten und Schüler hierherbringen lässt“, hatte es ein Saransker schon im Oktober auf den Punkt gebracht. Klar, dass es andere Vereine ärgert, wenn dann Besucherrekorde verkündet werden. Aber damit scheint, zumindest in Saransk, ja nun Schluss zu sein – jedenfalls, wenn man sich das fast menschenleere Stadion ansieht, in dem vor einem Jahr noch Cristiano Ronaldo einen Elfmeter verschoss.

⚽  Ihr erinnert euch an Alexander Kokorin und Pawel Mamajew? Die beiden Fußballer sitzen in Untersuchungshaft, seit sie sich an einem Abend im Oktober mit mehreren Leuten geprügelt haben sollen. Keiner von beiden streitet das ab, es gab öffentliche Entschuldigungen, inzwischen läuft der Prozess. Kokorin hat bei seiner Aussage eingeräumt, einen Mann namens Denis Pak mit einem Stuhl geschlagen zu haben, Mamajew gab zu, einen anderen Mann leicht verletzt zu haben. Soweit dieser Fall. Und dann gab es den hier:

Noch ein Verletzter, noch ein prügelnder Profifußballer, diesmal Ajas Gulijew von Spartak. Die Boulevardzeitung Moskowski Komsomolez textet launing und kaum verholen schadenfroh, da habe ein Amerikaner das Unglück gehabt, zu erfahren, wie rau Moskauer Autofahrer sein können. Nun ja. Opfer und Täter einigten sich später, Gulijew entschuldigte sich und spendete Geld an einen guten Zweck. Glimpflich gelaufen – aber warum nur für ihn und nicht für Kokorin und Mamajew? Vielleicht, weil unter deren Opfern eben Denis Pak ist, ein nicht ganz unwichtiger Mitarbeiter des Industrie- und Handelsministeriums. Oder weil es immer gut ist, wenn man den Leuten was anderes gibt zum Empören als politische Themen, die ihre Empörung wert wären.

⚽  Das Porträt-aller-Porträts von Kokorin hat übrigens Neil Salata drüben bei Russian Football News geschrieben. Ausgedruckt auf Papier wäre es vermutlich länger als Kokorin groß ist. „Despite the growth in his wages since 2012-2013, arguably, the only other visible consistent growth for much of the time was his scandals“, heißt es da unter anderem sehr treffend. Dass er bei seiner ersten Chance, für einen Proficlub zu spielen, alles vor Wut noch vor dem Start wieder hingeschmissen hat, passt auch ins Bild. Das war’s dann aber jetzt auch mal mit Kokorin, jedenfalls für diesen Monat.

⚽ Ach, ich mag ja die Bilder, die bei Twitter unter @RUSNLF gepostet werden, hab ich vielleicht schon mal erwähnt. Die Abkürzung steht für „Russian Non-League Football“ – ein guter Einblick, wie es aussieht, wenn Fußball Breitensport wird, mit weniger prominenten Clubs, aber genau so begeisterten Fans. Und eben mit Plätzen wie diesem hier:

Womit man nicht rechnet: Dass bei solch unterklassigen Spielen ein früherer Nationalspieler antritt. Roman Pawljutschenko hat das dennoch getan. Er war bei Spartak, Lokomotive und sogar ein paar Jahre in England unter Vertrag. Dmitriy Podrubniy hat aufgeschrieben, wie es war, als Pawljutschenko letzten Herbst plötzlich für den FK Snamja spielte, in einem Stadion mit dem traditionell sowjetischen Namen „Awtomobilist“. Eine lesenswerter Ausflug in die Provinz.

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Zum Schluss noch etwas, das zwar nichts mit Fußball, aber doch mit Sport in Russland zu tun hat. Es geht um dieses Wesen hier, eine Mischung aus Bär, Matrjoschka und Stehaufmännchen.

Er ist eines von zwei neuen Maskottchen der russischen Olympiamannschaft, entworfen natürlich vom Studio Art.Lebedev, das alles erledigt, was gerade mal wegdesignt werden muss – in Moskau etwa die Gullydeckel, den Metroplan oder das überraschend interessante Muster für die Sitze im Bus. Als die Premjer-Liga letztes Jahr ein neues Logo wollte, hat das Studio auch ihnen einen Bärendesigndienst erwiesen.

Dass dieser Olympia-Stehaufbär besonders ist, liegt an den Worten, die in dem kleinen Video an ihm vorbeisausen. „Doping“ steht da, „Sanktionen“ und „Skandale“. Ist dem Bären alles egal, er steht wieder auf. Viel deutlicher kann man nicht signalisieren: Eure Vorschriften sind uns egal, oder bestenfalls Futter für einen Bärenwitz. Nicht nur ich hab mich gefragt, ob das wohl ernstgemeint ist, aber die neuen Maskottchen wurden Mitte des Monats vorgestellt, seitdem gab es weder ein Dementi noch eine total meta-mäßige „Da haben wir’s euch aber gezeigt“-Erklärung. Der Doping-ist-kein-Problem-Bär ist also ebenso echt wie sein Co-Maskottchen, eine Katze, die an eine russische Fellmütze mit Ohrenklappen erinnert. Doch, wirklich.



 

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