Singt mehr Scratch!

Nach dem Wochenende bei den Scratch Muziekdagen Leiden kann ich noch weniger als eh schon fassen, warum es in Deutschland so wenige Scratch-Musikprojekte gibt. Dabei erschließt sich der Charme des Unfertigen, des Halbimprovisierten, sofort: Wenn sich 800 Leute freiwillig in eine Kirche auf „Klapstoeltjes“ hocken, mit weniger Beinfreiheit als in der Economy Class.

Wenn Menschen im Pausengespräch Dinge sagen wie: „Ach, wir wohnen nur drei Städte weiter, das radeln wir heute Nacht schnell zurück“. Wenn die frisch restaurierte Thomas-Hill-Orgel ihren ersten Einsatz hat, der Dirigent Dönekes über Mozart und Händel erzählt und zwischendurch noch ein Sänger einer Cellistin vom Dirigentenpult aus einen Heiratsantrag macht – dann ist das schon ein ziemlich besonderer Tag und das Konzert hat noch nicht mal angefangen.

Die Holländer haben sich in ihrem Scratch-Eifer an den Briten orientiert, das Festival in Leiden gibt es seit 25 Jahren. Eine Handvoll ausländischer Gäste waren wir diesmal, aus Deutschland und aus Belgien. Für viele, die in kleineren Chören singen, ist so ein Scratchprojekt die Chance, mal eines der großen Chorwerke aufzuführen.

Wer jetzt Lust bekommen hat: Hier ein paar Scratch-Projekte in den kommenden Monaten. Ist sogar eins in NRW bei.

13. April: Scratch in Rotterdam. „Ein deutsches Requiem“ von Brahms, aufgeführt in der Laurenskerk.

13. April: Mitsing-Aida (die Oper) in Amsterdam.

20. Mai: Hoofdstadt Scratch in Amsterdam. Verdi-Requiem im Concertgebouw.

24. Mai: Scratch 2013 in Hagen. Ein Musicalprogramm unter dem leicht staubigen Namen „Chartstürmer„.

8. Juni: Musical Sing Along in Den Haag. Rent, Haispray, Aida (das Musical) und Les Misérables, das haben ja im Moment viele im Ohr.

22. Juni: Scratch Kampen. Unter anderem mit dem Gloria von Vivaldi und der Krönungsmesse von Mozart. Geleitet von Aart Mateboer, der Sonntag in Leiden die Tenor-Solopartie gesungen hat.

21. September: Haydn-Schöpfung-Scratch in Gouda. Programm: Wie der Name schon sagt.

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Bach, Orff, Händel

Ein musikalischer Monat, dieser Februar. Donnerstags und manchmal auch am Wochenende: Proben mit dem Sinfonischen Chor für die Johannespassion am Karfreitag. Ein Brocken von einem Werk, gefühlt ist jede zweite Nummer ein Chorstück. Und immer wieder dasselbe: Ah, das Motiv kenn ich. Das kann ich doch schon, hier, pass auf… Mist. Hat er’s wieder variiert.

Dann, seit Dienstag, noch bis Freitag: Jeden Abend Carmina Burana mit dem Philharmonischen Chor Bochum und den BoSys. Verstärker heißt das, wenn für große Werke Externe hinzugeholt werden. Und weil die Carmina Wucht braucht und wir das Stück 2012 gemacht haben (einschließlich Flashmöbbchen), sind einige von uns jetzt solche Verstärker.

Geleitet wird das Konzert am Freitag von Michael Bojesen, der nicht nur ein paar frickelige Einsingübungen mitgebracht hat, sondern auch Stücke wie dieses „Nirvana“ schreibt, das hier aus irgendwelchen Gründen beim Yoga inszeniert wurde:

Freitag Abend also Carmina-Aufführung im Bochumer Audimax, und am Tag drauf: Leiden. Seit 25 Jahren treffen sich da Sänger zu einem Scratch-Festival. Also: Stück selbständig einstudieren, Noten mitbringen. Morgens treffen, den ganzen Tag proben und abends dann ein Konzert. Was an Perfektion fehlt, wird mit Adrenalin wieder ausgeglichen.

Der Messias sitzt noch vom Dezember; Proben auf Holländisch hat Charme. Letztes Mal mussten wir uns auf „Boterbloemen plukken“ und „Binnenbanden plakken“ einsingen, „Butterblumen pflücken“ und „Fahrradschläuche flicken“. Und der Ort für das Scratch-Festival ist grandios: die Pieterskerk, um die sich damals die Pilgerväter gesammelt haben, ehe sie in die USA aufbrachen.

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