Russball, Folge 49: Diese Restaurants sollte man bei der WM nicht besuchen

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Neue Woche, neuer Russball, und wir beginnen mit einer Frage: Sind Star-Trek-Fans anwesend? Wenn ja, erinnert sich jemand an die Folge, in der eine Art Parasitenwesen nach und nach Crewmitglieder der Enterprise befällt? Man merkt das daran, dass ihnen ein kleiner Stöpsel hinten aus dem Hals rausguckt – und daran, dass sie mit Hingabe lebende Würmer oder Maden essen, wie Commander Riker hier:

An diese Szene muste ich denken, als ich auf dem offiziellen FIFA-Vorfreude-Twitteraccount für die Fußball-WM las, dass für Fußballfans in Kasan ein 1300 Kilo schwerer Tschaktschak gebacken werden soll. Das ist eine tatarische Süßigkeit aus frittierten Teigröllchen, die mit Honig zu einem Klotz zusammengeklebt werden. Wenn man Glück hat, entsteht so eine süße Knabberei, wenn man Pech hat, eine Art klebriger Dämmstoff. Das wirkliche Problem aber ist, dass Tschaktschak eben aussieht wie das, was sich bei Riker in der Essensschale windet. Also: Wer während der WM nach Kasan kommt und dort den Megatschaktschak probieren will, sollte vielleicht in den Tagen davor keine alten Star-Trek-Folgen gucken.

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⚽ Viele russische Fußballspielerinnen hoffen, dass die Weltmeisterschaft dem Frauenfußball in ihrem Land einen Schub geben wird. Das hat Dmitry Zaks erfahren, als er sich beim Training der Frauenmannschaft des SchK Tschertanowo Moskwa umgehört hat. Frauenfußball hat es in Russland schwer, Vorurteile, dass Fußball nichts für Frauen sei, halten sich beharrlich.

Interessant fand ich vor allem die Frage, warum sich in der eigentlich doch so betont egalitären Sowjetunion der Frauenfußball nicht durchgesetzt hat, ganz im Gegensatz zum männlichen Gegenstück. Eine These aus Zaks‘ Artikel ist, dass Fußball zu Sowjetzeiten sehr oft mit Patriotismus und Militär in Verbindung gebracht wurde – da passten Frauen nicht ins Bild. Andererseits frage ich mich dann: Es gab doch nach dem Zweiten Weltkrieg durchaus auch gefeierte Soldatinnen, vor allem Scharfschützinnen. Wie passt das dann ins Bild? So oder so: lesenswerter Text.

⚽ Souvenirs rund um die Weltmeisterschaft rausbringen kann jeder, aber WM-Banknoten, das kann hier in Russland dann doch nur eine: die Zentralbank. 20 Millionen Stück werden in Umlauf gebracht, zu einem Wert von je 100 Rubel, also etwa 1,40 Euro. Anders gesagt: Der Wert ist so niedrig, dass es sich jeder leisten kann, den Schein als Souvenir aufzubewahren, statt ihn wieder auszugeben.

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Auf der Vorderseite des Geldscheins sieht man einen kleinen Jungen mit Ball unterm Arm, der bewundernd der sowjetischen Torwart-Legende Lew Jaschin zusieht. Auf der Rückseite bildet die Silhouette einer Gruppe jubelnder Fans die russische Fahne, außerdem sieht man die Namen der Gastgeberstädte. Ansonsten kann man auf der Seite der Zentralbank in verdammt großer Detailtiefe nachlesen, was diese Gedenkbanknote alles an Sicherheitsmerkmalen hat. Oder ihr schaut einfach mal hier: Unter Infrarotlicht verschwindet Jaschin und man sieht nur noch den Nachwuchsfußballer, unter UV-Licht werden plötzlich in Knallfarben Schriftzug und Logo des Turniers sichtbar. So viel Spaß für wenig Geld! Und noch ein Souvenir, das nicht jeder herausgeben kann, aber jeder sich leisten: In der Moskauer Metro soll es Fahrkarten im WM-Design geben.

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⚽ Die Allgemeine Hotel- und Gastronomiezeitung (Wie, ihr lest die nicht regelmäßig? Na, dann ist ja gut, dass ich für euch sichte 😀) hat Tipps gesammelt, wie Kneipen und Restaurants während der WM möglichst viel Geld verdienen können. Manches leuchtet sofort ein (gerade Beträge bei den Preisen, damit man bei großem Andrang keine Zeit mit Wechselgeld verschwendet), anderes ist eher dröge, weil halt für Fachpublikum gedacht („mobiles Funkbonieren“, soso).

Für die brachiale Variante haben sich offenbar einige Wirte in Russland entschieden. Eine Agentur hat dort gefälschte Bewertungen bei Tripadvisor angeboten, in allerlei Sprachen und natürlich immer nur positiv. 480 Euro sollte das die Restaurants kosten, Verkaufsargument aus der Agenturbroschüre: “Was tun, wenn noch nie ein Serbe oder ein Schwede bei Ihnen war und eine Bewertung hinterlassen hat? Sie schreiben sie selbst!“ Na, das hat ja super geklappt: Reuters hat die Geschichte recherchiert und ist dabei auf einige Restaurants gestoßen, die diesen Service offenbar genutzt haben. Die Pizzeria „Peperonchino“ in Kaliningrad zum Beispiel soll plötzlich auf einen Schlag 45 neue Bewertungen bekommen haben, zuvor war es eine pro Woche.

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Das Management versichert, die Bewertungen seien auf legalem Weg zustande gekommen – man habe eine App mit Prämien für Kunden, das zahle sich aus. Tripadvisor scheint das anders zu sehen: Aktuell findet, wer den Eintrag zu Peperonchino aufruft, nur noch eine Handvoll Bewertungen, da wurde wohl großflächig ausgemistet. Einfache Faustregel also für WM-Reisende: Besser nicht in Restaurants gehen, die in den Monaten vor der WM ungewöhnlich viele Bewertungen bekommen haben. Oder man guckt einfach nur auf das Feedback aus dem Jahr 2017 und entscheidet danach.

⚽ Was verdient Russlands Fußball-Liga an den Fernsehübertragungsrechten für ihre Spiele? Die Summe ist im europäischen Vergleich nicht allzu groß, hat Sports.ru ausgerechnet, „selbst Dänemark und Griechenland bekommen mehr als Russland“. Aufhänger für die Geschichte sind die laufenden Verhandlungen zwischen der Premjer-Liga und dem russischen Fernsehsender Match TV über die Rechte für die kommende Saison. Die Grafik zum Artikel sieht Russlands Liga gerade mal auf Platz zwölf, die Bundesliga dagegen landet auf Platz vier und muss damit nur England, Italien und Spanien den Vortritt lassen.

⚽ Noch ein Ranking, diesmal ein offizielles: Dass Russland auf der FIFA-Liste nicht allzu gut dasteht, war hier ja schon öfter Thema – aktuell muss man runterscrollen bis Platz 66, um Russland zu finden. So ganz fair sind die Regeln nicht – als WM-Gastgeberland muss Russland sich zum Beispiel nicht für das Turnier qualifizieren, verpasst damit also eine ganze Reihe von potentiell Punkte bringenden Länderspielen. Nochmals Sports.ru: „unser Team stünde statt auf Platz 66 dann auf 32, zwischen Irland und Rumänien.“ Lösungsvorschläge hier.

⚽ Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, jaja, blabla. Aber noch schöner ist es doch, wenn sich jemand die Mühe macht und zu einem Bild eine möglicht kreative Unterzeile erfindet. So wie Fußballkommentator Wassili Utkin, der zu diesem Bild hier textete: „Stanislaw Tschertschessow erklärt Witali Mutko, wie Brustschwimmen funktioniert.“ Sehr hübsch!

⚽ Spiegel Online hat einen guten Zusammenschrieb dazu, wie deutsche Firmen an der WM beteiligt sind. Als Zulieferer von Rollrasen zum Beispiel, rangekarrt im Kühllaster. Oder, anderer Temperaturbereich: mit Rasenheizungen. Gerade der Absatz, in dem es um die Bürokratie geht, die in Russland ja schon um einiges anders funktioniert als in Deutschland, kam mir sehr bekannt vor.

⚽ Dann macht die Moscow Times gerade eine Serie, in der sie allerlei Alltagsfragen für WM-Reisende beantwortet. „Darf ich in Russland auf der Straße rauchen“ zum Beispiel, „Wie funktioniert das mit den öffentlichen Verkehrsmitteln“ oder „Registrierung? Was für eine Registrierung?“. Alle Fragen und Antworten findet man am einfachsten auf dem speziellen WM-Account, @TMTWorldcup.

⚽ Konstantin Krinsky ist da was aufgefallen. Er war in der WM-Gastgeberstadt Wolgograd, um von dort über die Vorbereitungen zu berichten. Und wie das halt so ist, man verbringt viel Zeit am Flughafen mit Warten. Im neuen Terminal, das extra zur WM eröffnet wurde, sah Krinsky dann diese Landkarte hier. Sie soll zeigen, wohin man von Wolgograd aus alles fliegen kann.

Nun muss nicht jeder aus dem Stand wissen, wo Heraklion, Simferopol oder Tscheljabinsk ganz genau liegen. Wer aber solch eine Riesenkarte anfertigen lässt, um sie dann gut sichtbar aufzuhängen, könnte vielleicht jemanden fragen, der sich mit sowas auskennt. Jemanden, der weiß, dass Heraklion nicht in Bulgarien liegt, Simferopol nicht in der Republik Moldau und Tscheljabinsk auch eher nicht in Kasachstan.

Besonders ärgerlich ist die Karte für Sotschi und Samara. Eigentlich waren sie ebenfalls als WM-Austragungsorte vorgesehen. Nun liegt Sotschi in der Türkei, Samara in Kasachstan – das wird dann wohl nichts, schadeschade. Wir merken uns: Ja, man kann vom Flughafen Wolgograd an sehr viele Orte fliegen. Die liegen dann nur nicht unbedingt dort, wo man sie erwartet.

⚽  Wo wir gerade in Sotschi sind: Das kann auch ganz schön lästig sein, wenn man in einer WM-Gastgeberstadt lebt und es allmählich ernst wird mit dem Turnier. Baustellen, Straßensperren, Umleitungen – und jetzt auch noch das: In Sotschi kann man im Moment zwischen 9 Uhr morgens und 18 Uhr abends nicht fernsehen. Da wird nämlich am örtlichen Fernsehturm gewerkelt; er wird von außen mit LEDs bestückt.

Wenn alles klappt, wird so der Turm durch die vielen kleinen Lämpchen während der Weltmeisterschaft selber zum Bildschirm, weil auf seiner Fassade Spiele gezeigt werden. Muss halt nur noch genehmigt werden, sagt der Verantwortliche. Aber gut, Hauptsache, erst mal den Leuten den Empfang abdrehen und loslegen, ohne zu wissen, wozu es nutzt. Gut, dass es Streamingdienste gibt. Sotschi – aktuelle Hauptstadt von „Netflix and chill“?

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Ein kleiner Rausschmeißer noch, der gut zu der ganzen Kadernominiererei in diesen Tagen passt. Okay, der Artikel ist schon ein bisschen älter – eine irische Satireseite hat ihn vor der WM in Brasilien veröffentlicht. Aber die Zeile, und alles, was sie über Englands Abschneiden bei internationalen Fußballturnieren aussagt, ist einfach zeitlos schön: England Name 23 Men To Blame For World Cup Failure. Bis nächste Woche!



 

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Russball, Folge 19: Würdet ihr mit dieser Frau eine WM-Unterkunft teilen?

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Wenn keiner deiner Freunde dich mehr in Moskau besuchen kommen will, dann weißt du: Es ist Herbst. Zeit, all die Restfahrten auf den zurückgebliebenen Metrotickets aufzubrauchen und statt zweimal nur noch einmal die Woche ins georgische Restaurant zu gehen. Nachsaison.

Was im Privatleben stimmt, sieht im offiziellen russischen Terminkalender allerdings ganz anders aus. Mitte November kommt die spanische Nationalmannschaft zu einem Freundschaftsspiel ins St. Petersburger Stadion – ja, genau, das mit dem Dachschaden. Und für einen noch unklaren Termin vor Jahresende hat sich auch der britische Außenminister Boris Johnson angesagt – ja, genau, der mit dem Dachschaden. Ich weiß jedenfalls, bei welchem Besuch ich lieber dabei wäre.

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⚽ Diese Fußball-Woche hat mit einer ziemlich steilen Lernkurve für mich angefangen. Aus russischen Medien war zu erfahren, dass es eine isländische Website namens „The Reykyavik Grapevine“ gibt, und dass diese wiederum weiß, wo die frisch qualifizierten Isländer während der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland wohnen wollen: Gelendschik soll Islands Fußballverband (Knattspyrnusamband Íslands. Nein, ich denk mir das nicht aus.) sich auserkoren haben, einen Ort nicht weit von Sotschi. Da war ja beim Confed-Cup die deutsche Nationalmannschaft untergebracht und liebäugelt mit der Idee, dort auch nächstes Jahr wieder zu wohnen.

Nicht nur stößt man beim Rumlesen auf „The Reykyavik Grapevine“ auf schwarzhumorige Überschriften wie „Verunglückte Schweine durften sich erst mal ausruhen, ehe sie geschlachtet wurden“. Man erfährt auch, dass das WM-Hotel zwar „nicht ganz wie Walhalla“ ist, aber immerhin von der FIFA empfohlen wird. Auf deren Seite ist das Hotel „Nadeschda“ bereits als komplett ausgebucht markiert. Schnell noch ein Blick auf den Instagram-Account des Hotels: Sowjetsoldaten. Sideboob. Die Frau mit dem blauen Haarnetz. Ich habe so viele Fragen.

⚽ Einem russischen TV-Bericht zufolge sollen neben Island und England (siehe Russball-Folge 18) noch einige weitere Teams bereits wissen, wo sie ihr WM-Quartier einrichten wollen. Russland behält selbstverständlich seinen Standort in Nowogorsk, nordwestlich von Moskau. Der Iran hat sich Kaluga, 200 Kilometer weiter südlich, ausgesucht, während Brasilien und Spanien sich wie die Isländer für die Region Krasnodar, also das Gebiet rund um Sotschi, entschieden haben sollen.

Wäret ihr ein Fußballverband und auf der Suche nach einem Quartier für euer Team, wäre übrigens das hier die Website eurer Wahl: http://tbc-russia2018.com/ – „tbc“ steht für „Team Base Camp“. Dort könnt ihr mehr als 60 mögliche Standorte anschauen, nach Regionen sortieren, nach Sonderwünschen filtern und untereinander vergleichen: Wie viele Zimmer, wie viele Sterne, wie weit vom Flughafen? Aber auch: Wie weit zum Trainingsplatz, und können Paparazzi oder neugierige Fans ihn einsehen? AirBnB für Nationalmannschaften.

⚽  Alisa ist keine Spielerfrau, hat aber trotzdem mit Fußball zu tun. Was Siri für Apple ist und Alexa für Amazon, das soll Alisa für Yandex sein, Russlands großen Technologiekonzern. Man kann die App also zum Beispiel fragen: „Alisa, wie viele Menschen leben in Moskau?“, und Alisa sagt dann „In Moskau leben 12 380 664 Menschen.“ Alles ganz einfach?

Nicht so ganz. Denn bei Fußballfragen bekommt Alisa Loyalitätsprobleme, das ist gleich mehreren Nutzern aufgefallen. „Magst du ZSKA?“, hat jemand sie gefragt – „Ich liebe ZSKA“ – „Und wer wird russischer Fußballmeister?“ – „Zenit.“ Auch auf Fragen nach Spartak antwortet Alisa mit Zenit-Parolen – Details dazu hier. Probehalber habe ich sie dann noch gefragt, ob Russland denn wohl nächstes Jahr Fußball-Weltmeister wird. Diplomatische Antwort: „Das sehen wir ja dann.“

⚽ Wie sehr Zenit St. Petersburg die Premjer-Liga dominiert, davon war hier ja schon das ein oder andere Mal die Rede. Ein Ergebnis vom vergangenen Spieltag verdeutlicht das nun noch mal ganz besonders, obwohl es auf den ersten Blick gar nicht für eine starke Zenit-Leistung spricht: Es war ein 0:1 gegen Arsenal Tula. Das ist ein Verein, den man (ganz im Gegensatz zu Zenit) eher im Mittelfeld der Tabelle findet.

Warum das Resultat trotzdem ein Beleg dafür ist, wie viel stärker Zenit im Vergleich zur Konkurrenz ist? Weil es die erste Niederlage des Vereins in der aktuellen Saison war. Zwölf Spieltage lang nur Siege oder mal ein Unentschieden, erst am 13. musste die Mannschaft sich wieder mit dem Gefühl auseinandersetzen, als Verlierer vom Platz zu gehen.

⚽  Vom Tabellenersten Zenit zum aktuellen Schlusslicht. Bloß neun Punkte hat Anschi Machatschkala in 13 Spielen gesammelt, als einzige in der Liga hat die Mannschaft aus Dagestan damit eine zweistellig negative Tordifferenz, nämlich -17. Russian Football News hat Gründe dafür gesammelt, vom abrupten Trainerwechsel nach nur sechs Spielen über weggekaufte Spieler bis hin zu Problemen bei der Chancenverwertung. Die ganze Analyse, mit allerlei bunten Diagrammen, gibt es hier. Und wer sich beim Blick auf die Überschrift „Anzhi, are you OK?“ fragt, woran die noch mal erinnert: Bitte hier ab 1:40 beim Refrain mal gut zuhören.

⚽  Zur Fußball-Weltmeisterschaft wird in Moskau das Angebot an kostenlosem WLAN weiter ausgebaut. In der Metro, im Bus, in Cafés und Restaurants gehört das schon jetzt zum Standard, nun sollen drei weitere Bereiche mit Gratis-WIFI versorgt werden: Moskaus Straßen, Kultureinrichtungen, und öffentliche Anlagen wie Universitäten und Parks.

Laut Wedomosti sind Ausschreibung und Vergabe soweit erledigt (drei separate Betreiber für die drei Bereiche, das kann noch lustig werden). Interessant ist aber vor allem die Frage, für wen und für wie lange diese Infrastruktur überhaupt sinnvoll ist. Mit den vielen WM-Gästen steige die Belastung der Mobilfunknetze, schreibt das Blatt, das Gratis-WLAN solle sie entlasten und den Fans hohe Roamingkosten ersparen. Andererseits werde nach der Weltmeisterschaft das Interesse wohl stark nachlassen, zitiert Wedomosti einen Experten: Vor allem in der Moskauer Innenstadt ist die LTE-Abdeckung gut, und mobiles Internet ist hier ohnehin billig.

⚽  Statistiken gehören zum Fußball dazu – Ballbesitz, Schüsse aufs Tor, gelbe Karten, rote Karten. Bombardir.ru hat allerdings eine kleine Kollektion eher ungewöhnlicher Daten zu Russlands oberster Fußball-Liga gesammelt. Und so halten wir hier einmal kurz inne und schicken warme Gedanken voller Mitgefühl an Eric Bicfalvi. Der Rumäne von Ural Oblast Swerdlowsk ist aktuell der meistgefoulte Spieler im russischen Premjer-Liga-Fußball. 4,1 mal pro Match muss er sich wieder aufrappeln, nachdem ihn ein Gegner umgenietet hat. In der bisherigen Spielzeit sind so schon 45 Fouls an Bicfalvi zusammengekommen.

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Zum Schluss noch eine Runde nutzloses Wissen, präsentiert von der Taschenrechner-App auf meinem Handy: Selbst wenn alle 334.252 Isländer nächsten Sommer kollektiv zur Weltmeisterschaft nach Russland reisen, dann kriegen sie gerade mal die Hälfte aller WM-Stadien voll. Wenn ihr diesen Fakt demnächst beim Fußball-Fachsimpeln mit Freunden erwähnt, dann weist sie doch gerne auch direkt auf dieses Blog und den Russball-Newsletter hin. Danke!



 

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Russball, Folge 18: Wo Englands Elf bei der Fußball-WM wohnen wird

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Die 18. Russball-Folge schon, endlich volljährig! Okay, andere haben noch sehr viel wichtigere Zahlen zu feiern. Russlands Präsident Putin zum Beispiel ist am Wochenende 65 geworden – auf dem Gabentisch lag unter anderem italienische Bettwäsche. Neid!

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⚽  Keine 250 Tage mehr bis zum Anpfiff der Fußball-Weltmeisterschaft hier in Russland. Nach und nach wird klarer, welche Mannschaften teilnehmen dürfen – auch Deutschland hat sich qualifiziert, ihr habt das eventuell mitbekommen. „Fast im Trainingsmodus erspielten sich die Deutschen den ersten (Gruppen)Platz“, schreibt Championat. „Erinnern sie sich, wie Deutschland 2014 die WM gewann?“, fragt Futbol und ergänzt: Seitdem habe „das deutsche Fließband die nächste Ladung Spitzenspieler geliefert, die für fünf Nationalmannschaften ausreichen würden.“

Sport Express sieht deshalb ein Luxusproblem auf den Bundestrainer zukommen: „Im Frühjahr 2018 wird Löw ein großes Problem haben: Wie wählt man aus all den besten Spielern Deutschlands die 23 für den WM-Kader aus?“ Einer wird garantiert dabei sein, da sind sich Russlands Sportjournalisten sicher: Joshua Kimmich, der „neue Lahm“. Kimmich, der 2017 als einziger bei allen Länderspielen eingesetzt wurde. Kimmich, „der neue Star des ‚Bundesteams‘.“

⚽ Auch England ist dabei bei der WM, und im Gegensatz zu Deutschland ist auch schon klar, wo die Mannschaft wohnen wird:

Nein, okay, nicht in diesem kleinen Erdloch, aber quasi nebenan. ForRestMix heißt das Hotel in Repino bei St. Petersburg, eher nett und adrett als eine Luxusabsteige. Blümchenlampenschirme. Zierkissen. Beigetöne. „Ein Kontrast zu den opulenten Unterkünften der Vergangenheit“, formuliert der Guardian diplomatisch.

Bei Tripadvisor kommen zwar im Schnitt 4,5 Punkte zusammen, einige Gäste teilen diese Einschätzung jedoch nicht: „furchtbar stickig“ – „überteuert“ – „riecht immer noch wie ein Sanatorium aus Sowjetzeiten“. Die Journalistin Amie Ferris-Rotman, von der auch der Tweet oben ist, hat sich bei den Anwohnern umgehört und festgestellt: Besonders scharf auf das englische Team sind die auch nicht. Immerhin, es gibt einen Nachtclub, sogar mit Themenabend. „Schuluniform-Party“, anyone?

⚽ Wer sich nicht qualifiziert hat, ist die Ukraine. Da hatte es vor dem entscheidenden Spiel gegen Kroatien in russischen Medien durchaus Spekulationen gegeben: „Wird die Ukraine verlieren, um nicht nach Russland zu müssen“, hatte beispielsweise Argumenty i Fakty gefragt. Die Annexion der Krim, der Konflikt in der Ostukraine – das alles ist im Alltag präsent und hat natürlich auch Auswirkungen auf Großveranstaltungen, wie zuletzt beim Eurovision Song Contest.

Selbst die Flugverbindungen von Kiew nach Moskau sind seit Jahren eingestellt. Meldungen, welche ukrainischen Fans, Funktionäre, vielleicht gar Spieler bei der Einreise Probleme hatten, wird es rund um dieses Turnier nun also nicht geben. Die Ukraine wiederum muss nicht entscheiden, ob sie eine WM auf russischem Boden boykottiert – was Konsequenzen von Seiten der FIFA hätte haben können.

⚽ Zenit St. Petersburg trauert um seinen Sportdirektor: Konstantin Sarsania galt als der Mann hinter dem Erfolg des Clubs in den vergangenen Jahren. Am vergangenen Freitag fühlte er sich unwohl und wurde ins Krankenhaus gebracht, wo er am Tag darauf starb, offenbar an einer Thrombose. Wie sehr er Zenit geprägt hat, kann man bei Russian Football News im Detail nachlesen. Sarsania wurde 49 Jahre alt.

⚽ Am Montag war ich morgens im Hotel Baltschug-Kempinsky, was exakt so nobel ist, wie es klingt. Die Moscow Times, mein früherer Arbeitgeber, hat ihre Jubiläumsausgabe vorgestellt. Gegründet hat die Zeitung vor 25 Jahren ein Holländer, Derk Sauer, der seit kurzem auch wieder der Besitzer ist. Die Botschafterin der Niederlande war also da, sprach am Rande auch über Fußball und die theoretisch ja noch total vorhandene Chance, dass ihr Team sich noch qualifiziert – wir waren alle zu taktvoll, um zu widersprechen.

Interessant war auch noch eine Info am Rande: Eigentlich gibt es die Moscow Times inzwischen nur noch online, wenn nicht gerade Jubiläum ist. Während der Fußball-Weltmeisterschaft nächsten Sommer, bei der Moskau ja einer der Austragungsorte ist, wird es sie allerdings kurzfristig wieder als Tageszeitung geben. Nützlich für diejenigen Fans, die kein Russisch können, aber doch zumindest Englisch – also schon mal merken.

⚽ Eine neue Folge unserer beliebten Serie „Ronaldinho hat keine Prinzipien, dafür aber Grund zum Lächeln, wenn er am Kontoauszugdrucker steht“: Zu Putins oben schon erwähntem Geburtstag gab es in Grosny ein Fußballspiel, angeleiert vom dortigen Gewaltherrscher, Ramsan Kadyrow. Ex-Fußballprofis aus Russland und Italien sollten bei dem tschetschenischen Match gegeneinander antreten, Ronaldinho wurde also als Teilzeitrusse durchgewunken. Auch Kadyrow hatte sich aufgestellt und alle, die wussten, was gut für sie ist, bildeten brav eine Rettungsgasse von ihm bis zum Tor.

Dass Ronaldinho sich gerne mal vor Kadyrows Karren spannen lässt, ist ja nichts Neues – siehe Russball-Folge 6. Neu auf der „Sind vor nix fies“-Liste begrüßen wir außerdem: Salvatore Schillaci, Fabrizio Ravanelli und Marco Delvecchio.

⚽ Erinnert ihr euch an diesen Fußballkommentator, der ewig bei 1Live in den O-Ton-Charts lief? „Der steht nicht im Abseits! Du blinder Linienrichter! Du Blindmann, verdammt noch mal! Das geht doch auf keine grüne Kuhhaut…“ Boris Rupert war das damals, 2001 bei Borussia Dortmund (danke an Birthe fürs schnelle Finden!), und endlich, endlich gibt es nun ein würdiges russisches Gegenstück.

Ein nicht gegebener Elfmeter, ein nicht gepfiffenes Handspiel, und der Livestream-Kommentator und Pressesprecher von Torpedo Wladimir war nicht mehr zu halten: „Elfmeter! Was machst du denn? Das ist ein Elfmeter! Eine Schande für den russischen Schiedsrichterverband – da könnt ihr mich ruhig für bestrafen! Hand! (…) Eine Schande für den russischen Fußball!“ Und dann, der wütende Abgang: „Schauen Sie Fußball ohne Kommentator! Auf Wiedersehen!“. Der Rest ist Schweigen. Zum Nachhören gibt es den Rant hier.

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Während dieser Blogpost entstanden ist, hat Russland 1:1 gegen den Iran gespielt und Katalonien sich wider Erwarten nicht für unabhängig erklärt. Damit liegt dann auch die clevere Idee, dem FC Barcelona ein neues Zuhause in der russischen Liga zu finden, erst mal auf Eis. Dabei hatte der FK Jenissei Krasnojarsk sich das doch alles schon so schön überlegt. Wenn’s doch noch was wird, erfahrt ihr das nächste Woche hier – bis dann!



 

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