From Russia with Seufz

Jeder hat ja so seine Dinge, die ihn besonders schnell nerven. Nicht die ernsthaft furchtbaren, weltbewegenden Probleme, sondern die Kleinigkeiten, die am Geduldsfaden zuppeln: Hallo? Na? Noch elastisch? Bei mir sind das – Berufskrankheit – vor allem Sprachnachlässigkeiten. Wenn im Radio einer die indirekte Rede nicht richtig kann. Wenn in einem Artikel „scheinbar“ steht, wo „anscheinend“ stehen müsste.

Ausgelutschte, floskelige Formulierungen, vor allem in Überschriften, sind auch so eine Baustelle. Und da muss man hier in Moskau, wenn man sich viel aus englischsprachigen Medien informiert, vor allem eines ertragen: endlose Spielchen mit dem Originaltitel des James-Bond-Films, den wir auf Deutsch als „Liebesgrüße aus Moskau“ kennen.

Auf Englisch heißt er „From Russia with Love“, und es vergeht keine Woche, ohne dass irgendjemand glaubt, nun aber wirklich die eine Wortspielüberschrift gefunden zu haben, die der Welt noch gefehlt hat. Das klingt dann so:

From Russia, with 30 – Love (es geht um Tennis) 

From Russia with Bullets (Afghanistan)

From Russia with Mutts (Hunde)

From Russia with Love… and also adoptions (Donald Trump Jr.) 

From Russia with ‚I love it‘ (Donald Trump Jr.)

From Russia with Dirt (Donald Trump Jr.)

From Russia with Snow (Wetter)

From Russia with Lofts (Immobilien)

From Russia with Code (Spieleprogrammierer) 

From Russia with Risk (Finanzen)

From Russia with Gloves (Ok, der ist eventuell tatsächlich ganz lusti… Fußball, es geht um Fußball)

From Russia with Talent (Eishockey)

From Russia with Hockey (Eishockey)

From Russia with Size (Eishockey)

From Russia with Chaos (Putin)

From Russia with Laughs (Buchkritik)

From Russia with Fuel (Nordkorea)

From Russia with Fraud (Geldwäsche)

From Russia with Lust (Fernsehkritik)

From Russia with Style (Theater)

From Russia with Malice (Putin)

From Russia with Tech (Startups)

From Russia with Ambivalence (Kunst)

From Russia with Incompetence (Filmkritik)

From Russia with Incomprehension (Reise)

From Russia with Caviar (Kaviar)

From Russia with Trump (Donald Trump)

From Russia with Likes (Twitter)

From Russia with Hate (Desinformation)

From Russia with Bluff (Staatsmedien)

From Russia with Views (Bergsteigen)

From Russia with Lunch (Restaurantkritik)

From Russia with Loss (General Motors)

From Russia with Circus (Zirkustournee)

From Russia with Rev (Geländewagen)

From Russia with Crime and Punishment (Reisen)

From Russia with Cybercrime (Hacker)

From Russia with Fear (Taxifahren)

From Russia with Poison (Desinformation)

From Russia with Fireworks (Raumfahrt)

From Russia with Questions (US-Präsidentschaftswahl)

From Russia with Jazz (Jazz)

From Russia with Laughter (US-Präsidentschaftswahl)

From Russia with Loneliness (Sport)

From Russia with Nuance (Fernsehserien)

Die Liste wäre noch länger, hätte ich mich nicht auf den Zeitraum seit Anfang 2016 beschränkt. Allein auf der Seite der New York Times gibt es seitenweise Google-Treffer mit „From Russia with…“ in der Überschrift, beim Guardian sieht es kaum besser aus. Eine Formulierung, so abgenutzt wie Varianten von „Ziemlich beste Freunde“ in deutschen Überschriften

Also, liebe englischsprachigen Kollegen: Das Thema ist durch, wirklich. Kein Bedarf mehr. Null.

Es sei denn, es möchte jemand eine Hymne auf den unglaublich leckeren Reiseintopf schreiben, den man hier in vielen Restaurants bekommt. „From Russia with Plov“ geht noch durch. Ausnahmsweise.

 

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