Russball, Folge 67: Fußballspielen auf alten Bierbechern

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„Guck mal, der Nachtkönig sitzt auf dem Thron und guckt Fußball“, schreibt eine Moskauer Bekannte. Sie war gerade Lokomotive beim Spiel gegen den FK Jenissei anfeuern – erfolgreich, Loko hat 2:1 gewonnen. Und das Foto, das sie da schickt – joah, ganz nett. Haben die halt so nen Typen aus Game of Thrones auf der Leinwand gezeigt, mit einem rot-grünen Fanschal.

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„Es gibt noch mehr Bilder“, schreibt sie weiter, ich soll dringend mal bei Lokomotive auf Instagram gucken. Da sieht das Ganze dann doch etwas beeindruckender aus: Der Typ war nicht nur eingeblendet, sondern wirklich dort. Sie haben ihm ein Stück Tribüne freigeräumt, schön schneeweiß abgedeckt, so einen Thron hingestellt und von da hat er dann das Spiel verfolgt. Alles ein subtiler kleiner Hinweis, dass man demnächst das Finale von Game of Thrones im Stadion gucken kann. Und vielleicht auch, um die Jungs von Jenissei ein bisschen aus dem Konzept zu bringen.

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⚽ Tom Tomsk klingt wie ein Mensch, als hieße da jemand Peter Petersson. Tatsächlich aber ist es ein Fußballclub, der nach einem Fluss und der daran gelegenen Stadt heißt – als spiele da Düssel Düsseldorf oder Donau Donaueschingen. Aber der Name steht nicht nur für Fluss und Stadt, sondern auch für ein Problem, das in Russlands Ligafußball weit verbreitet ist: die Angst vor dem Aufstieg, aus Geldgründen. Im Detail ist hier bei Futbolgrad gut erklärt, warum der aktuelle Zweite der zweithöchsten Liga nicht in die höchste Liga aufsteigen will.

Kurz lässt sich die Lage so zusammenfassen: Viele Vereine, die in der Ersten Division spielen (der Name ist etwas irreführend, es handelt sich um Russlands zweite Liga), kämpfen schon genug damit, ihren Alltag finanziert zu kriegen. Aufzusteigen und mit den Teams der Premjer-Liga mitzuhalten, würde noch teurer. Oft haben Clubs, die auf Zweitliganiveau spielen, auch keine reichen Sponsoren, sondern gehören der Stadt, der Region, irgendeinem Teil des Staates. Keine Grundlage für große Sprünge, erst recht nicht rauf in die Premjer-Liga. Championat hat sich unter den Vereinen der Ersten Division umgehört, wer überhaupt an einem Aufstieg interessiert wäre, und kommt zu dem Schluss: Kann sein, dass sich da demnächst in den Playoffs zwei Mannschaften gegenüberstehen, von denen keine gewinnen will.

⚽  Budweiser und Umweltschutz, das gehört bekanntlich zusammen wie Russland und Mülltrennung: Eigentlich gar nicht, aber für die Öffentlichkeitswirkung stellt man dann doch mal ein paar Eimer in unterschiedlichen Farben auf. Oder schreddert eben 50.000 Plastikbecher, die bei der WM im Stadion liegengeblieben sind, und macht daraus einen kompletten neuen Fußballplatz.

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Wie fühlt es sich an, auf sowas zu stehen oder gar zu spielen? Marco Materazzi hat es ausprobiert und zwei Dinge gesagt: Erstens „Das ist ein ausgezeichneter Platz, auch wenn er ungewöhnlich ist,“ und zweitens, was die Sache vielleicht ein wenig relativiert, „Fußball kann man überall spielen, sogar auf Asphalt.“ Budweiser gibt unterdessen eine Pressemitteilung raus, in der fünfmal Varianten von „Recycling“ vorkommen und nennt das Plastikbecherfeld die „ReCup Arena“. Ich verkneife mir derzeit, auszurechnen, wieviel Prozent (oder Promille?) der bei der WM verwendeten Plastikbecher diese 50.000 Stück wohl ausmachen.

⚽ Entstanden ist das Plastikbecherfeld nicht weit vom Fischt-Stadion in Sotschi, also reden wir doch kurz mal darüber, was für ein Verein dort seine Heimspiele austrägt: Klar, der PFC Sotschi, soweit einleuchtend. Der allerdings wurde erst im Juni 2018 gegründet, oder vielmehr: umgewidmet. Das ganze war ein halbwegs komplexer Prozess, bei dem der Traditionsverein Dynamo St. Petersburg in FK Sotschi umbenannt wurde und von der Ostsee ans Schwarze Meer umzog. Alte Spieler, neues Trikot, fertig. Ergebnis: Es spielt jetzt immerhin ein Zweitligaclub in dem schicken WM-Stadion. Soweit Teil eins der Geschichte, das war vor knapp einem Jahr.

Teil zwei spielt sich derzeit ab. Der PFC Sotschi spielt ganz gut und hat sogar Aufstiegschancen, obwohl zu den Spielen kaum jemand kommt. Aber nach dem Manöver „Bestehender Club wird umgetauft und zieht in eine 2000 Kilometer entfernte Stadt“ war ja nun ein Vereinsname mit viel Tradition vakant. Das kann so nicht bleiben, weshalb das bisschen, was in Petersburg noch von Dynamo übrig war (die Jugendmannschaft?) nun mit dem FK LAS Luga zusammengeht. Luga liegt im Petersburger Umland, das bisherige Highlight in der Vereinsgeschichte war laut VKontakte-Seite der dritte Platz unter allen Männerteams im Bezirk Leningrad im Jahr 2015. Mal sehen, ob der neue, alte Name noch höhere Höhenflüge möglich macht.

⚽ Wir müssen mal über Saransk reden. Ihr erinnert euch: Die eher kleine Stadt, bei der man nicht so genau wusste, warum sie zu den WM-Gastgebern gehören durfte. Seitdem spielt dort der FK Mordowija, derzeit im Mittelfeld der Ersten Division, in einem schicken WM-Stadion. Kleiner Haken: Mordowija hatte in der Spielzeit 2017/18 im Schnitt nicht mal ein Prozent der Zuschauer, die in das Stadion passen. Zu Beginn der aktuellen Saison sah das besser aus, statt wie zuvor ein paar tausend kamen nach Vereinsangaben um die 20.000.

Dann kamen der Herbst, der Winter, immer weniger Leute. Und nun, im Frühling, war ein Reporter von Championat dort und fand beim Spiel gegen Wladiwostok ein nahezu leeres Stadion vor. Hier, wie war das mit 20.000 Zuschauern? Naja, sagt der Mann an der Ticketkasse, damals haben sie halt die Eintrittskarten kostenlos verteilt. „Der Klub stellt Zuschauerrekorde auf, indem er nicht nur Arbeiter, sondern auch Studenten und Schüler hierherbringen lässt“, hatte es ein Saransker schon im Oktober auf den Punkt gebracht. Klar, dass es andere Vereine ärgert, wenn dann Besucherrekorde verkündet werden. Aber damit scheint, zumindest in Saransk, ja nun Schluss zu sein – jedenfalls, wenn man sich das fast menschenleere Stadion ansieht, in dem vor einem Jahr noch Cristiano Ronaldo einen Elfmeter verschoss.

⚽  Ihr erinnert euch an Alexander Kokorin und Pawel Mamajew? Die beiden Fußballer sitzen in Untersuchungshaft, seit sie sich an einem Abend im Oktober mit mehreren Leuten geprügelt haben sollen. Keiner von beiden streitet das ab, es gab öffentliche Entschuldigungen, inzwischen läuft der Prozess. Kokorin hat bei seiner Aussage eingeräumt, einen Mann namens Denis Pak mit einem Stuhl geschlagen zu haben, Mamajew gab zu, einen anderen Mann leicht verletzt zu haben. Soweit dieser Fall. Und dann gab es den hier:

Noch ein Verletzter, noch ein prügelnder Profifußballer, diesmal Ajas Gulijew von Spartak. Die Boulevardzeitung Moskowski Komsomolez textet launing und kaum verholen schadenfroh, da habe ein Amerikaner das Unglück gehabt, zu erfahren, wie rau Moskauer Autofahrer sein können. Nun ja. Opfer und Täter einigten sich später, Gulijew entschuldigte sich und spendete Geld an einen guten Zweck. Glimpflich gelaufen – aber warum nur für ihn und nicht für Kokorin und Mamajew? Vielleicht, weil unter deren Opfern eben Denis Pak ist, ein nicht ganz unwichtiger Mitarbeiter des Industrie- und Handelsministeriums. Oder weil es immer gut ist, wenn man den Leuten was anderes gibt zum Empören als politische Themen, die ihre Empörung wert wären.

⚽  Das Porträt-aller-Porträts von Kokorin hat übrigens Neil Salata drüben bei Russian Football News geschrieben. Ausgedruckt auf Papier wäre es vermutlich länger als Kokorin groß ist. „Despite the growth in his wages since 2012-2013, arguably, the only other visible consistent growth for much of the time was his scandals“, heißt es da unter anderem sehr treffend. Dass er bei seiner ersten Chance, für einen Proficlub zu spielen, alles vor Wut noch vor dem Start wieder hingeschmissen hat, passt auch ins Bild. Das war’s dann aber jetzt auch mal mit Kokorin, jedenfalls für diesen Monat.

⚽ Ach, ich mag ja die Bilder, die bei Twitter unter @RUSNLF gepostet werden, hab ich vielleicht schon mal erwähnt. Die Abkürzung steht für „Russian Non-League Football“ – ein guter Einblick, wie es aussieht, wenn Fußball Breitensport wird, mit weniger prominenten Clubs, aber genau so begeisterten Fans. Und eben mit Plätzen wie diesem hier:

Womit man nicht rechnet: Dass bei solch unterklassigen Spielen ein früherer Nationalspieler antritt. Roman Pawljutschenko hat das dennoch getan. Er war bei Spartak, Lokomotive und sogar ein paar Jahre in England unter Vertrag. Dmitriy Podrubniy hat aufgeschrieben, wie es war, als Pawljutschenko letzten Herbst plötzlich für den FK Snamja spielte, in einem Stadion mit dem traditionell sowjetischen Namen „Awtomobilist“. Eine lesenswerter Ausflug in die Provinz.

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Zum Schluss noch etwas, das zwar nichts mit Fußball, aber doch mit Sport in Russland zu tun hat. Es geht um dieses Wesen hier, eine Mischung aus Bär, Matrjoschka und Stehaufmännchen.

Er ist eines von zwei neuen Maskottchen der russischen Olympiamannschaft, entworfen natürlich vom Studio Art.Lebedev, das alles erledigt, was gerade mal wegdesignt werden muss – in Moskau etwa die Gullydeckel, den Metroplan oder das überraschend interessante Muster für die Sitze im Bus. Als die Premjer-Liga letztes Jahr ein neues Logo wollte, hat das Studio auch ihnen einen Bärendesigndienst erwiesen.

Dass dieser Olympia-Stehaufbär besonders ist, liegt an den Worten, die in dem kleinen Video an ihm vorbeisausen. „Doping“ steht da, „Sanktionen“ und „Skandale“. Ist dem Bären alles egal, er steht wieder auf. Viel deutlicher kann man nicht signalisieren: Eure Vorschriften sind uns egal, oder bestenfalls Futter für einen Bärenwitz. Nicht nur ich hab mich gefragt, ob das wohl ernstgemeint ist, aber die neuen Maskottchen wurden Mitte des Monats vorgestellt, seitdem gab es weder ein Dementi noch eine total meta-mäßige „Da haben wir’s euch aber gezeigt“-Erklärung. Der Doping-ist-kein-Problem-Bär ist also ebenso echt wie sein Co-Maskottchen, eine Katze, die an eine russische Fellmütze mit Ohrenklappen erinnert. Doch, wirklich.



 

Russball, Folge 62: Boris Rotenberg darf in der Champions League spielen

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Da ist sie also wieder, die Zeit, in der man keine Bundesliga-Konferenz im Radio höen kann, ohne dass einem zwischendurch jemand vom Weihnachtsmarkt erzählt. Auch hier in Moskau laufen die Vorbereitungen auf die Feiertage, im Supermarkt auf der anderen Straßenseite gibt es sogar deutschen Stollen zu kaufen. Dabei ist hier ja nicht Weihnachten, sondern Neujahr das Fest, bei dem die Familie um einen Baum sitzt und gemeinsam feiert – es wäre also durchaus noch Zeit.

Nicht nur Festbeleuchtung glitzert auf den Straßen, auch Schnee und stellenweise Eis. Weshalb es in dieser Russball-Ausgabe auch um die Frage geht: Wie kalt muss es eigentlich werden, damit selbst russische Profisportler einen Anspruch darauf haben, nicht im Freien gegeneinander antreten zu müssen?

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⚽ „Die Passion des Andrei“ – wer so eine Überschrift raushaut, der signalisiert: Es geht um Monumentales. Um das Ende einer Spielerkarriere, die so bisher kein zweiter Russe wiederholen konnte. Andrei Arschawin, der zuletzt in Kasachstan der Rente entgegendribbelte, aber zu seinen Glanzzeiten für Zenit und für Arsenal gespielt hat. Der zu Beginn seiner Zeit in London beeindruckte, aber daraus kein Sprungbrett für eine internationale Karriere machen konnte. Der zwar Nationalspieler war, aber nie bei einer WM mitspielte.

Glorreicher Held oder gescheitertes Talent, „gifted maverick who completed a fairytale rise to the top, or wasted talent who let it all slide when on the edge of greatness“ – für den Guardian sind beides mögliche Deutungen von Arschawins Lebensweg. In Russland klingen die Reaktionen eher wohlwollend: „Der Zar geht und nimmt die Krone mit“, schreibt die Iswestija, und die russische Nationalmannschaft lässt twittern: „Auf Wiedersehen, Legende!“

⚽ Und weil er ja nun Zeit hat, gibt Arschawin dann auch gleich eine ganze Reihe von Interviews. Dass er gegen die Einbürgerung ausländischer Spieler ist, gibt er dort dann zum Beispiel zu Protokoll (eine populäre Praxis, um die russische Nationalmannschaft zu verstärken). Oder er erzählt, wer für ihn derzeit die besten russischen Fußballer sind: „Ich denke, der stärkste ist dem Potenzial nach sicherlich Golowin, der zweitstärkste sitzt leider im Gefängnis. Der Rest spielt auf einem niedrigeren Niveau.“

Das war deutlich. Der Mann im Gefängnis, genau genommen in U-Haft, ist Alexander Kokorin. Er und Pawel Mamajew, beide russische Nationalspieler, werden demnächst für das vor Gericht stehen, was in Russland „Hooliganismus“ heißt: In einem Café sollen sie mehrere Menschen angegriffen und verletzt haben, Mamajew soll sogar mit einem Stuhl auf eines der Opfer eingeschlagen haben. Mamajews Frau hat unterdessen ein Foto von ihrem Instagram-Account gelöscht, auf dem der Name ihres Mannes und ein Stuhl zu sehen waren. Auf einem anderen Bild kann man ihn, wenn man genau hinsieht, noch erkennen.

⚽ Im März hatte ich schon mal auf Tschertanowo Moskau hingewiesen. Der Verein hat die bemerkenswerte Philosophie, für seine Profimannschaft nicht auf teure Spieler-Einkäufe zu setzen, sondern stattdessen auf seine eigenen Nachwuchsspieler. „Russian Football News“, durch die ich auf die Mannschaft aufmerksam geworden war, sind am Thema drangeblieben und berichten nun, wie es seitdem weiterging: Tschertanowo ist in die Erste Division aufgestiegen – Russlands zweithöchste Profiliga – und steht dort aktuell komfortabel auf Tabellenplatz 6.

Bemerkenswert auch: Obwohl in dieser Liga die Nachwuchsteams mehrerer großer Clubs spielen, ist Tschertanowo die Mannschaft mit dem niedrigsten Altersdurchschnitt. Mehr dazu, unter anderem ein Blick darauf, wie stark sie in den U20-, U18- und noch jüngeren Nationalmannschaften vertreten ist, hier: Chertanovo Moscow – Finally getting the recognition they deserve?

⚽ Im russischen Fußball ist etwas geschehen, was es so zuvor noch nie gab. Es geht um Boris Rotenberg, einen Rekordspieler der besonderen Sorte: Im Sommer hatte ich schon mal über ihn geschrieben, weil er nicht zur russischen WM-Auswahl gehörte, trotz eines Alleinstellungsmerkmals, an das sonst keiner rankommt: Niemand hatte bei so vielen Liga-Spielen bloß auf der Bank gesessen wie Rotenberg.

Darum war das, was da am 28. November beim Spiel zwischen Lokomotive und Galatasaray passiert ist, auch so besonders: In der 90. Minute durfte Rotenberg auf den Platz, eingewechselt für Jefferson Farfán. „Der große Boris Rotenberg debütiert in der Champions League“, twittert Eurosport und frotzelt damit nur ein ganz klein wenig.

⚽ Gleiches Spiel, anderer Spieler: Grzegorz Krychowiak, polnischer Nationalspieler, hat in seiner Vereinskarriere unter anderem beim FC Sevilla gespielt. Derzeit ist er bei Paris Saint-Germain unter Vertrag, von wo er erst nach West Bromwich Albion und aktuell an Lokomotive Moskau ausgeliehen wurde.

Dass er sich auf diesem Karriereweg nicht nur Fußballkönnen angeeignet hat, hat er in einem Interview für den Youtube-Kanal von Loko gezeigt. „How was your emotions?“, fragt der Interviewer nach dem Sieg gegen Galatasaray, und Krychowiak legt los:

⚽ Mutko-Watch, nächste Runde: Der Mann hatte bekanntlich eine ganze Reihe von Ämtern, nicht ganz unprominent darunter z.B. der Job als Sportminister und als Präsident des russischen Fußballverbandes. Letztere Aufgabe ließ er, als der öffentlich Druck wegen der Doping-Vorwürfe zu groß wurde, kurz vor der Fußball-Weltmeisterschaft ruhen. (Wie weit man da wirklich von „ruhen“ sprechen kann und es nicht eher sowas war wie „unter der Bettdecke mit der Taschenlampe weiterlesen, was auch alle wissen, aber keinen stört, weil man da eh von ausgegangen war“ – unklar.)

Klar ist dafür, dass Mutko neuerdings wieder hochrangige Termine für den russischen Fußballverband wahrnimmt und auch beim Training der Nationalmannschaft gerne mal an der Seitenlinie entlangpatroulliert. Heißt dass, das sein Amt nicht mehr ruht? Die Nachrichtenagentur AP hat nachgefragt, Ergebnis: Russlands Fußballverband gibt derzeit keine Auskunft darüber, wer aktuell dort den Präsidentenjob macht.

⚽ Ich hab nachgezählt: Das hier ist nun schon der dritte „Russballl“ in Folge, in der Denis Gluschakow Thema ist. Erst wegen der Sache mit dem Instagram-Like für Kritik am Damals-noch-Trainer von Spartak, Massimo Carrera, dann wegen der Abwesenheit bei dessen Abschiedsessen. Und jetzt? Carrera ist doch inzwischen weg, was kann da noch kommen?

Ein wütender Fan. Einer von vielen, die sauer sind auf Gluschakow und ihm die Schuld dafür geben, dass Carrera Spartak nicht mehr trainiert. Er rannte beim Spiel gegen Rapid Wien aufs Feld, direkt zu Gluschakow, schubste ihn und schrie auf ihn ein. Die Situation dauerte nicht lang, schnell drängten andere Spartak-Spieler den Mann ab. Was bleibt, ist das Wissen, dass das nur der Gipfel war unter vielen Protesten gegen Gluschakow. Und dieser überaus hilfreiche Artikel (okay, wohl eher native advertising) bei Sports.ru, der erklärt, wie viel Geld man verdienen kann, wenn man darauf wettet, dass er den Verein verlässt oder nicht. Noch sind die Quoten ein wenig besser, wenn man wettet, dass er geht.

⚽ Russischer Fußballhumor im Winter: Vor dem Spiel gegen Amkar Grosny hatte der FK Jenissei noch das hier getwittert, Text: „Wir bereiten uns aufs Spiel vor.“ Anders gesagt: Her mit dem Thermometer, denn in Russland liegt bei -15 Grad die magische Grenze, ab der Vereine verlangen können, dass das Spiel verlegt wird. Schon vor dem Spieltag waren beide Clubs wenig begeistert gewesen von dem, was der Wetterbericht da vorhersagte, Jenissei versuchte sogar durchzusetzen, das Spiel in eine Halle zu verlegen – vergeblich.

Vor dem Anpfiff wurden dann -13,9 Grad auf dem Platz gemessen, das Spiel fand statt. Abgesagt wurde hingegen die Begegnung zwischen dem FK Orenburg und Krylja Sowetow Samara: -17 Grad, und damit die eben zwei Grad unter der entscheidenden Marke. Alles, was wärmer als -15 ist, ist eben kein Grund. Sondern nur normales russisches Winterwetter.

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Zum Schluss noch etwas, das nichts mit Russland zu tun hat, aber viel mit Fußball und mit Profi-Spielern, die zwischen Vereinen in verschiedenen Ländern wechseln. Was wird der Brexit für Folgen haben für Fußballvereine in Großbritannien? Ich wusste vorher nicht, wie das mit der offiziellen Arbeitserlaubnis funktioniert – das wird in Zukunft definitiv nicht einfacher. Und dann ist da noch der englische Fußballverband, der hofft, dass durch den Brexit einheimische Spieler weniger Konkurrenz haben, dadurch mehr Einsätze im Vereinsfußball, dadurch mehr Erfahrung für die Nationalmannschaft…

Die nächste Russball-Folge gibt es… tja. Liest die irgendjemand, wenn sie am Neujahrsmorgen kommt? Wäre es besser schon kurz nach der deutschen Weihnacht? Oder eher kurz vor der russischen? Ich freu mich über Rückmeldungen.



 

Russball, Folge 41: Ein russischer Blick auf die „sentimentalen Deutschen“

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Eine fleißige Woche war das. Mit Max vom Rasenfunk-Podcast habe ich angesichts der nahenden WM über Witali Mutko, Hooligans und Rassismus in Russland gesprochen, das Ergebnis könnt ihr hier hören. Außerdem habe ich dem Projekt „Handelsblatt macht Schule“ ein paar Fragen beantwortet, zum Beispiel: „Warum steht es um den russischen Fußball so schlecht, obwohl es Geld genug gibt?“

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⚽ Die Wahl in Russland ist vorbei, und mit ihr auch all die offiziellen Anstrengungen, die Wahlbeteiligung möglichst weit nach oben zu treiben, um dem alten, neuen Präsidenten seine Legitimation zu sichern. Auch Russlands Fußball-Nationalmannschaft trug ihren Teil bei mit einem „Wir fahren jetzt abstimmen“-Tweet, samt Foto. Die Twitter-Follower waren wenig beeindruckt, unter dem Tweet sammeln sich spöttische Kommentare. Einer der kürzesten ist auch gleichzeitig der lustigste, in seiner ganzen Süffisanz: „Hauptsache, ihr trefft die Urne.“

⚽ Direkt noch ein politisches Thema: Nach dem Giftanschlag auf den Spion Sergei Skripal hört man immer wieder Forderungen nach einem Boykott der Fußball-Weltmeisterschaft. Eine ganze Reihe von Redaktionen hat dazu Kommentare veröffentlicht, zwei möchte ich hier verlinken: In der Welt argumentiert Ralf-Dieter Brunowsky, der Anschlag sei eine Attacke auf die gesamte Nato, „der Westen sollte auf eine robustere Widerstandslinie und härtere Sanktionen einschwenken.“ Solch einen Boykott, argumentiert er weiter, könnten die einzelnen Regierungen auch gegen den Willen der jeweiligen Fußballverbände beschließen.

Gesine Dornblüth hält im Deutschlandfunk dagegen und listet fünf Gründe auf, warum ein solcher Boykott unwirksam, unnötig oder sogar kontraproduktiv wäre. Besonders einleuchtend finde ich ihre Argumentation, wonach Putin ja gerade davon lebt, dass er sich als Verteidiger eines Landes inszenieren kann, dass das Opfer ungerechtfertigter Aggressionen und Schuldzuweisungen aus anderen Ländern. Ein Boykott würde ihm da ein weiteres Argument liefern. Ihre Zusammenfassung daher: „Für einen Boykott der Fußball-WM gibt es gute Argumente; die besseren sprechen dagegen.“

⚽ Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß: Nun fällt schon der dritte russische Nationalspieler bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land aus, und in allen drei Fällen ist eine Knieverletzung schuld. Im Januar war es Georgi Dschikija, im Februar Wiktor Wassin und nun, im März, Alexander Kokorin. Alle drei werden sie wegen eines Kreuzbandrisses nicht bei der WM antreten können.

Vor allem bei Stürmer Kokorin gibt es nun allerlei Spekulationen, wer ihn beim Turnier ersetzen könnte. Wie sieht eine russische Aufstellung aus ohne ihn im Angriff? Nationaltrainer Stanislaw Tschertschessow lässt beiläufig fallen, dass Denis Tscheryschew ja ein ganz ähnlicher Spielertyp sei wie Kokorin. Der langjähriger Trainer Anatoli Byschowez verweist auf Fjodor Smolow und Anton Sabolotni, und dann sind da ja auch noch die Mirantschuk-Brüder. Hauptsache, von all denen verletzt sich jetzt keiner mehr.

⚽ Kurz vor der WM wird der deutsche Astronaut Alexander Gerst zur ISS fliegen, um deren neuer Kommandant zu werden. Im Moment macht er sich gerade Gedanken darüber, was alles in sein Gepäck soll – und hat da mal eine Frage an den DFB:

⚽ Die Zeitung „Moskowski Komsomolez“ möchte ihren Lesern erklären, „Warum sie in Deutschland RB Leipzig hassen“. Von Plastikvereinen ist da die Rede, von Leverkusen und Wolfsburg, die als Werkselfs ebenfalls unpopulär sind, aber dann doch nicht so verhasst wie Leipzig. Es gibt einen Einblick in Besitzstrukturen deutscher Bundesligavereine und eine beiläufige Erwähnung der Fan-Szene von St. Pauli als „Ableger der Reeperbahn“. Ein guter Überblick, aber am besten gefallen hat mir das Fazit der Analyse: „Bei allen Stereotypen über ihre trockene, pragmatische Art sind die Deutschen eigentlich sehr sentimental.“

⚽ Das Leben genießen in vollen Zügen: Mit der Fan-ID kann man ja während der WM im Sommer kostenlos mit dem Zug von einem WM-Austragungsort zum anderen fahren. Klingt so, als würde das ziemlich voll da im Abteil: Bisher haben schon mehr als 100.000 Fans solche Gratis-Tickets gebucht, besonders populär sind sie bei WM-Reisenden aus Kolumbien, China und den USA.

⚽ Ohne Abkürzungen wäre das Leben in Russland sehr viel langsamer. Man müsste zum Beispiel jedes Mal „Federalnaja sluschba po nadsoru w sferje swjasi, informationnich technologii i massowich kommunikazii“ sagen statt einfach „Roskomnadsor“. Diese russische Medienaufsicht hat nun bekanntgegeben, dass sie auf 858 Internetseiten gefälschte WM-Tickets entdeckt hat. 822 Seiten haben diese Angebote auf Anweisung von Roskomnadsor gelöscht, 8 Seiten weigerten sich und wurden blockiert, bei 28 steht ihre Reaktion noch aus.

⚽  Und noch eine Zahlenmeldung: 20 Prozent aller Isländer haben sich auf WM-Tickets beworben. 20 Prozent! Das ist, auf Deutschland übertragen, als wollten ganz Hessen und ganz Baden-Württemberg geschlossen zur WM fahren. Das große Fußball-Interesse ihrer Landsleute feiern zwei Journalisten der Reykjavik Grapevine mit einem Artikel, den ich mir nur so erklären kann, dass er unter Schlafentzug, viel Alkohol und permanentem Anhören von Björks „Utopia“ zustande gekommen ist: „Smite The Kremlin: 20% Of All Icelanders Form A Russia-Sacking Football Horde“.

⚽ Mit Interesse verfolgt habe ich in den letzten Tagen die Debatte rund um die „Datei Gewalttäter Sport“. Rund 10.000 Namen stehen dort drauf, umgangssprachlich ist oft von einer „Hooliganliste“ die Rede. Nun ist nicht nur die Liste an sich problematisch, im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft bekommt sie eine zusätzliche Brisanz.

Denn die Bundesregierung tauscht die Daten auf der Liste mit den russischen Behörden aus, also mit offiziellen Einrichtungen eines autoritär regierten Staates, der Bürgerrechte und Datenschutz nicht allzu wichtig nimmt. (Von den Menschen, die auf der russischen „Hooligan-Liste“ stehen, kann zum Beispiel jedermann Name, Geburtstagdatum und andere persönliche Daten online einsehen.) Kritiker sehen im Verhalten der Bundesregierung eine „rechtswidrige Datenweitergabe an ein autoritäres Regime“, die Bundesregierung argumentiert, Russland müsse als Mitglied des Europarates grundlegende Datenschutzregeln einhalten, in Einzelfällen sei die Weitergabe von Personendaten also in Ordnung.

⚽ „Don’t quit your day job“ sagt man auf Englisch, wenn sich jemand an etwas versucht und richtig schlecht darin ist – ein Gegenstück zu der Redensart mit dem Schuster und seinen Leisten. Gianni Infantino ist so ein Kandidat, dem das auch mal jemand sagen müsste: Der Wechsel ins Comedy-Fach ist derzeit keine Option.

Infantino nämlich hat bei einer Pressekonferenz betont, dass alle Dopingproben des russischen Nationalmannschaft bei den letzten drei internationalen Turnieren negativ waren. „Würden die Spieler dopen, dann wäre ihre Leistung vielleicht besser“, kommentierte er die Ergebnisse im Labor und auf dem Platz. Ha. Haha. Hahaha. Ha.

⚽ Zum Schluss noch eine Meldung, die im Baltikum spielt, aber dennoch hierher gehört. Im Moment gibt es jeden Tag zwei Züge zwischen Kaliningrad und dem Rest von Russland; die Strecke führt quer durch Litauen. Dieses ganze Konstrukt rund um Kaliningrad ist ohnehin schon faszinierend – eine Exklave, umringt von EU-Ländern und doch zutiefst russisch. Eine Stadt, in der deutsche, russische und europäische Geschichte in jedem Haus, in jedem Straßennamen stecken.

Kaliningrad gehört zu den Gastgeberstädten der Fußball-WM, unter anderem hat England eines seiner Spiele dort. Damit Fans gut von Kaliningrad nach Restrussland kommen und zurück, haben sich die Regierungen in Vilnius und in Moskau nun geeinigt: Während der WM wird es täglich sechs Züge geben statt zwei. Einziger Haken: In Kaliningrad spielen auch Marokko und Nigeria – und deren Fans dürfen die Züge nur benutzen, wenn sie für den Transit durch Litauen ein Schengenvisum haben.

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Nächste Woche müsst ihr übrigens ohne Russball-Folge auskommen, weil ich mich in Schottland rumtreibe. Alle Tipps, was man in Edinburgh anstellen sollte, wenn man schon ein paar Jahre nicht mehr da war, gerne an mich. Danke, macht’s gut und bis in zwei Wochen!

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Russball, Folge 40: Zenits Trainer pöbelt bei Instagram zurück

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Diese Russball-Folge entsteht, während im Browser-Tab nebenan ein Wartebalken von links nach rechts kriecht. Die letzte Phase des Kartenverkaufs für die Fußball-Weltmeisterschaft hat begonnen, diesmal nach dem Prinzip „Wer zuerst kommt, kauft zuerst“. Spätestens jetzt muss es also klappen – kann doch nicht sein, dass in meiner Stadt WM ist und ich geh nicht hin! Also, falls ihr in diesem Text Tippfehler, unnötige Wiederholugnen oder Tippfehler findet, dann seht es mir nach. Ich bin ein bisschen abgelenkt.

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⚽ Letzte Woche Spekulation, diese Woche Tatsache: Leonid Sluzky wird neuer Trainer bei Vitesse Arnheim. So ein russischer Trainer im europäischen Ausland ist durchaus eine Rarität – um so bemerkenswerter also, dass Sluzky nach Hull nun schon seine zweite solche Station in kurzer Zeit antritt. (Und wie hübsch: Auf Niederländisch schreiben ihn einige Medien dort ‚Sloetski‘.)

⚽ Zenit St. Petersburg steht auf Tabellenplatz 5, das sah schon mal deutlich besser aus. Auch beim Spiel gegen Leipzig neulich kam Zenit nicht wie ein allzu bedrohlicher Gegner rüber, am Ende gewann Leipzig 2:1. Entsprechend sauer sind die Fans derzeit, vor allem Trainer Roberto Mancini steht in der Kritik: „@mrmancini10 Va fa’n’culo!“, schrieb ein wütender Zenit-Fan unter sein Instagram-Foto, was nichts anderes als „Fick dich“ bedeutet.

Nun ist @mrmancini10 der Instagram-Name von Roberto Mancini. Aber der Trainer ist ja Profi, auch im Umgang mit der Öffentlichkeit. Was wird er also tun? Den Post ignorieren? Zur Sachlichkeit aufrufen? Äh, nein. Der Trainer reagierte auf die Pöbelei unter dem Foto höchstselbst, und im selben Ton: „Tu e tua sorella“, antwortete er dem Fan, „Dich und deine Schwester.“ Nun ja.

kscheib zenit mancini instagram

⚽ Russlands Nationaltrainer Stanislaw Tschertschessow hat sich im brasilianischen Fernsehen zu den Themen Rassismus und Hooligans in Russland geäußert. Leider bewegt sich seine Äußerung auf dem Niveau von Franz „Ich hab noch nicht einen einz’gen Sklaven in Katar g’sehn“ Beckenbauer: Das mit dem Rassismus ist gar nicht so schlimm, und das mit den Hooligans ebenfalls alles halb so wild. (Warum ich das anders sehe, steht hier.)

⚽ So, das muss aber jetzt erst mal reichen an Trainer-Geschichten. Reden wir vom Titan: Die Iswestija hat Oliver Kahn ein paar Fragen gestellt, zum Einstieg geht es um Russlands Rolle als WM-Gastgeberland, die Antworten sind alle freundlich-unverbindlich. Interessanter fand ich, was Kahn zum russischen Fußball zu sagen hat, genau genommen zu Igor Akinfejew.

kscheib russball oliver kahn

Der Mann ist, was Kahn auch mal war: Torwart und Kapitän der Nationalmannschaft. Kahn hält, das kommt bei dem Interview gut raus, große Stücke auf Akinfejew und ist selbst verwundert, dass dem der internationale Durchbruch noch nicht gelungen ist. Von einem Torwart zum anderen rät er ihm darum, sein Glück außerhalb des russischen Vereinsfußballs zu suchen: „Er muss sich die Frage stellen, wie weit er im russischen Fußball sein Potenzial realisieren kann. Um sich völlig zu entwickeln, muss er raus aus seiner Komfortzone.“

⚽ Twitter und FOX haben sich zur gemeinsamen WM-Berichterstattung zusammengetan, täglich soll es bei Twitter eine halbstündige Livesendung mit Highlights des Turniers geben. Gedacht ist das Angebot allerdings für Zuschauer in den USA – Twitter-Nutzer in Europa brauchen also vermutlich ein VPN, um mitgucken zu können. Das Studio zur Sendung soll übrigens mitten auf dem Roten Platz stehen – mal sehen, ob das bei den Moskauern auf ähnlich viel Gegenliebe stößt wie vor ein paar Jahren der Louis-Vuitton-Koffer.

⚽ Schlimm: Dass immer noch Leute Überschriften nach dem Prinzip „From Russia with XY“ (oder auf deutsch „XY-Grüße aus Moskau“) machen. Dann doch bitte besser so schmerzhaft kalauernd, aber immerhin originell, wie hier. (Ja, ich musste mir das auch laut vorlesen. Wenn das nicht reicht, hilft dieser Clip euch vielleicht auf die Sprünge.)

⚽ Das „Mannschaft Magazin“ kannte ich bisher nicht, begegnet ist es mir nun durch einen langen Artikel über die Situation schwuler Fußballfans in Russland, der im Gegensatz zu vielen anderen über die bloße Bestandsaufnahme hinausgeht. In der interessantesten Passage des Textes kommt Ale­xander Agapow zu Wort, der Präsident des russischen LGBT-Sportverbandes.

Er berichtet aus der Praxis, wie schwierig es ist, Mitstreiter im Kampf gegen Homophobie zu finden, und wie schwer sich schwule und lesbische Sportfans mobilisieren lassen: „Sie akzeptieren ihre Situation und glauben, sie seien machtlos. Sie sehen nicht, dass ihre Teilnahme etwas bewirken könnte,“ kritisiert Agapow.

⚽ Zwei prominente russische Fußballer haben auf ihren Social-Media-Accounts dazu aufgerufen, am kommenden Wochenende wählen zu gehen – klingt erst mal nicht besonders interessant. Doch Sports.ru hat da etwas beobachtet: Es sind schon ziemlich auffällig ähnliche Bilder, die die beiden Nationalspieler Artjom Rebrow und Alexander Kokorin da gepostet haben, beide mit denselben Hashtags, beide mit abgeschalteter Kommentarfunktion.

Neben den beiden Nationalspielern haben auch andere Promis solche Motive veröffentlicht. Und das, wo jedem klar ist, dass Wladimir Putin die Präsidentschaftswahl ohnehin gewinnen wird – womit die Wahlbeteiligung der eigentliche Gradmesser für seinen Rückhalt in der Bevölkerung ist.

Haben sich die beiden also anwerben lassen für eine Promokampagne, die Putin die erhoffte hohe Wahlbeteiligung bescheren soll? (Schließlich machen die Behörden hier gerade jede Menge Wellen, um Wähler anzulocken – man kann sogar ein Auto gewinnen.) Kokorin hat auf Anrufe von Sports.ru nicht reagiert, und das kurze Interview mit Rebrow ist in all seiner Schlichtheit ziemlich deutlich:

– Ach, lassen Sie uns darüber nicht diskutieren. Das ist doch ein politischer Moment. Kein Kommentar.

– Haben Sie selbst entschieden, das zu posten, oder hat Sie jemand darum gebeten?

– Ich sagte doch: Da reden wir nicht drüber. Das ist doch nicht die Frage. Mit Sport hat das nichts zu tun, stimmt’s? Und über Politik diskutiere ich nicht.

– Aber Sie sind Sportler.

– Aber über Politik rede ich nicht. Zum Thema Sport beantworte ich alle Fragen.

– Sie wollen also überhaupt nichts dazu sagen? Kokorin hat heute einen ähnlichen Post veröffentlicht.

– Genau, da will ich gar nichts zu sagen.

Was Sports.ru noch über die mögliche Kampagne herausgefunden hat, steht hier.

⚽ Schon seit einigen Wochen protestieren Studierende an Moskaus wichtigster Uni gegen Pläne der FIFA, bei ihnen rund ums Gebäude eine Fan-Zone einzurichten. Die Studentinnen und Studenten der Lomonossow-Universität haben Angst, das 40.000 feiernde Fußballfans den Unibetrieb durcheinanderbringen können – das sorgt nicht nur diejenigen, bei denen im Sommer Prüfungen anstehen.

Nachdem von der FIFA niemand auf die Proteste reagiert hat, hoffen sie nun auf Unterstützung von Wissenschaftlern und Studenten aus aller Welt, um endlich Gehör zu finden. Warum sich die FIFA nicht bewegt, dazu haben sie jedenfalls eine simple These: “Vielleicht ignoriert sie das Problem aufgrund ihrer Sponsoren, die ja gute Bilder für ihre Fernsehberichterstattung brauchen.“ Das Unigebäude ist ein Prunkstück der Moskauer Architektur, eignet sich also in der Tat gut als TV-tauglicher Hintergrund für Bilder feiernder Menschen.

⚽ Der Fall Sergei Skripal geht in die zweite Woche, und nein, ich hätte nicht gedacht, dass sich da ein fußballerischer Aspekt dran finden lässt. Aber das Team der BBC-Nachrichtensatireshow „Have I got News For You“ hat sich Mühe gegeben und dann doch einen entdeckt: „England stellt neues Auswärtstrikot für WM in Russland vor“.

⚽ So sehr es sich manchmal anfühlt, als laufe im Fußball im Moment alles nur auf die Weltmeisterschaft hin: Es gibt ein Leben nach der WM, sogar ein fußballerisches. Ja, stimmt, erst mal reist die deutsche Nationalmannschaft im Sommer nach Russland, aus bekannten Gründen. Aber Mitte November gibt es dann einen Gegenbesuch: Russland schickt seine Elf zum Länderspiel nach Deutschland, genau genommen nach Leipzig. Könnt ihr euch ja schon mal in den Kalender eintragen.

⚽ Und dann noch eine Kleinigkeit, die nur indirekt mit Fußball zu tun hat: Seit kurzem bin ich Besitzerin eines Stapels alter Fußballbücher. Design aus der Sowjetzeit, seien es Werbeplakate, Alltagsgegenstände oder Schnittmuster, ist ein Faible von mir.
In dem Bücherstapel ist auch sicher einiges an künftigem Blogmaterial enthalten, aber im Moment bin ich noch perplex und begeistert von drei Fundstücken, die zwischen den Seiten lagen: Olympia-Andenken aus dem Jahr 1980.

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So. Russball ist fertig, bloß der doofe Wartebalken hat es noch nicht mal bis zur Hälfte des Bildschirms geschafft. Vier Stunden lang regelmäßiges Gucken auf diese Info, einschließlich Tippfehler.

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Vier Stunden das Gefühl, dass „more than an hour“ mindestens Schönfärberei ist, vielleicht auch einfach Spott. Mal sehen, ob sich in den nächsten vier Stunden was tut, aber so lange müsst ihr ja nicht warten – wir sprechen uns in einer Woche wieder. Bis dann!



 

Russball, Folge 29: Witali Mutko tut der FIFA einen Gefallen

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Wer Fußball sagt, muss auch Maniküre sagen. Doch, wirklich. Ich wollte diese Russball-Folge sogar damit beginnen, aber dann hat sich Witali Mutko vorgedrängelt. Darum also jetzt: erst Mutko, dann Maniküre, und dann, zum letzten Mal in diesem Jahr, alles, was ihr sonst noch über den Fußball in Russland wissen müsst.

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⚽ Die Zeitung „Kommersant“ hatte die Info schon in der vergangenen Woche, am Montag kam die offizielle Bestätigung: Witali Mutko lässt sein Amt als Chef des russischen Fußballverbandes ruhen, sechs Monate lang. Die Entscheidung fiel rund drei Wochen, nachdem das Internationale Olympische Komitee Mutko wegen des russischen Dopingskandals lebenslang gesperrt hatte. Um gegen diese Sperre vorzugehen, lege er den Verbandsvorsitz vorübergehend nieder, so Mutko.

Eine Entwicklung, aus der man einiges herauslesen kann. Erstens, wie froh die FIFA ist, die seit der IOC-Entscheidung herumlaviert und sich um eigene Konsequenzen gedrückt hat. Sie dankte Mutko am Tag danach für seine „verantwortungsvolle Entscheidung“, die auch im Interesse der Fußball-WM sei. So klingt Erleichterung. Zweitens ist bemerkenswert, wie es den Mitarbeitern der staatlichen russischen Nachrichtenagentur TASS gelingt, Mutkos zeitweisen Beinahe-Rücktritt zu melden, ohne auch nur ein einziges Mal das böse Wort „Doping“ zu erwähnen. Weder am Tag des Geschehens, noch am Morgen danach. Das muss man erst mal hinkriegen. Ein kleines Weihnachtswunder.

Ein Geschenk ist Mutkos Schritt übrigens für alle, die Spaß an Memes haben. Seit seiner legendären „Let me speak from my heart“-Rede (hier als grandioses Musikvideo) wird Mutkos extrem harter russischer Akzent beim Englischsprechen immer wieder parodiert. „Bat ai em teird, nid tu rest“, frotzelt nun ein Tweet, ein anderer zeigt Mutko als trauriges, kopfschüttelndes GIF: „Wenn du nicht mehr spik from mai hart kannst.“

⚽ Jetzt aber zur Maniküre! Sehr wichtiges Thema hier in Russland – wie konnte ich nur jemals glauben, man müsse Nägel nur gelegentlich schneiden, in Form feilen und ansonsten darauf achten, dass sich kein Dreck unter ihnen sammelt? Hier bin ich umgeben von Frauen mit mindestens lackierten, wenn nicht künstlich verlängerten, gerne auch mit Strass oder Glitter bestäubten Fingernägeln. Neulich erzählte eine Bekannte, sie habe als Kind Klavier gespielt, sei dann in der Pubertät zur Gitarre gewechselt, weil man da zumindest an einer Hand schöne lange Fingernägel haben könne.

Was das mit Fußball zu tun hat? Ist doch klar: In einem Land mit so viel Nagelkreativität ist potentiell alles ein Motiv, auch Fußballspieler, Trainer, die Tore und der Ball. Dank dem Instagram-Account der Moskauer Manikürekette „Nail Sunny“ weiß ich nun also endlich, was mir als Fußballfan für Styling-Optionen offenstehen. (In deren Team scheint es übrigens einige Anhänger von Manchester United zu geben.)

⚽ Immer, wenn in der russischen Öffentlichkeit das große Fußballgejammer ausbricht (Warum nur steht unsere Nationalmannschaft international so schlecht da? Warum nur reißen sich Real Madrid, Arsenal und der FC Bayen München nicht um unsere Spieler? Warum nur, warum?), sagt früher oder später einer: „Legionäre“. Was ausformuliert in etwa heißen soll: Natürlich werden unsere Spieler nicht stärker, wenn wir reihenweise ausländische Spieler einkaufen, die dann bei russischen Vereinen auf prominenter Position spielen und unsere eigenen Leute bestenfalls Torvorlagen für sie liefern dürfen.

Seit dem Confed-Cup hatten wir wieder ein paar Monate lang diese Debatte. Dann hieß es, Russlands Fußballverband werde sich Ende des Jahres mit dem Thema befassen und überprüfen, ob eine neue Regelung nötig ist – aktuell gilt die sogenannte Sechs-plus-fünf-Regel, wonach gleichzeitig pro Mannschaft nie mehr als sechs nichtrussische Spieler auf dem Platz sein dürfen. Jetzt hat der russische Fußballverband also getagt und entschieden: Bleibt alles beim Alten, Sechs-plus-fünf ist weiter der Status quo. Langfristig können man ja mal über Sieben-plus-Achtzehn nachdenken, da wären dann die Auswechselspieler mit einkalkuliert. Aber erst mal ändert sich nichts. Auch nicht das Gejammer.

⚽ Während Mutko sich am Montag auf seine Pressekonferenz vorbereitet hat, war ich ein bisschen im Moskauer Siegespark unterwegs. Seit einigen Jahren gibt es dort im Winter immer eine Eisskulpturen-Ausstellung, aktuell arbeiten dort ein paar Dutzend Leute mit Motorsägen und Meißeln an den Blöcken, aus denen in diesem Jahr die Kunstwerke werden sollen.

Diesmal hat die Ausstellung ein WM-Thema: 40 Statuen sollen die Teilnehmerländer repräsentieren. Seltsamerweise stehen dort dann aber keine berühmten Fußballer als Eisskulpturen, sondern Figuren aus Büchern: kein Eis-Wayne-Rooney, sondern Eis-Sherlock-Holmes. Kein Eis-Zlatan-Ibrahimović, sondern Eis-Karlsson-vom-Dach. Nach demselben Prinzip wird Deutschland also auch nicht durch eine Eisvariante von Thomas Müller vertreten, sondern durch, na? Genau: Baron von Münchhausen.

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⚽ Was bedeutet Russlands Gesetz gegen sogenannte „homosexuelle Propaganda“ für schwule und lesbische Fußballfans, die zur WM anreisen wollen? Dürfen sie sich zum Beispiel, ganz konkret gefragt, im Stadion küssen?

Mehrere russische Sportseiten zitieren einen FIFA-Sprecher: Gefühlsäußerungen seien natürlicher Bestandteil des Fußballs, das gelte auch für die Fußball-Weltmeisterschaft. Sports.ru nimmt das zum Anlass, sich unter schwulen Fußballfans darüber umzuhören, ob sie zur WM kommen wollen, und ob sie anderen dazu raten. Zu den Interviewten gehört auch der deutsche Fußballfan Sven Kistner, der sich beim Netzwerk der schwul-lesbischen Fußball-Fanclubs Europas engagiert.

⚽ Dieser Text hier ist schon ein paar Wochen alt, lohnt sich aber als Hintergrundlektüre für die Tage zwischen den Jahren: Toke Theilade, Chefredakteur von Russian Football News, blickt auf den WM-Spielplan und analysiert, bei welchen Begegnungen das Risiko von Hooligan-Krawallen besonders groß ist. Das kann am Spielort liegen, an den beteiligten Mannschaften oder am historischen Kontext.

Bemerkenswert ist dabei auch, wie er die Gewaltbereitschaft unter den deutschen WM-Reisenden einschätzt: Polnische und russische Hooligans in derselben Stadt, das sei schon riskant genug. Komme dazu noch „Deutschland als weiteres Land, das für seine Hooligans berüchtigt ist“, dann sei das nichts anderes als „ein Rezept für eine Katastrophe“. Die ganze Analyse gibt es hier.

⚽ Jahresende, das bedeutet auch: Zeit für allerlei Statistiken. So wissen wir nun, dass Alexander Kokorin von Zenit St. Petersburg in diesem Jahr der am häufigsten in den russischen Medien erwähnte Sportler war. Unter den Top Ten in diesem Ranking waren nur zwei Nicht-Fußballer: der Eishockeyspieler Alexander Owetschkin und die Tennisspielerin Marija Scharapowa. Wir wissen, dass Fjodor Smolow vom FK Krasnodar es auf die Liste der 100 weltbesten Fußballer geschafft hat (ja, okay, auf Platz 97, aber drin ist drin).

Bei der Wahl des besten Fußballers in Russland kam Smolow sogar auf Platz drei, Platz eins gehört allerdings Quincy Promes, der für Spartak Moskau und in der niederländischen Nationalmannschaft spielt. Und schließlich haben Sportjournalisten abgestimmt, wen sie aktuell für den besten russischen Sportler, den besten Trainer und die beste Mannschaft halten. In die erste Kategorie hat es kein Fußballer geschafft, aber als Trainer wurde Juri Sjomin ausgezeichnet, dessen Erfolg mit Lokomotive Moskau in der aktuellen Saison viele Fußballfans überrascht hat. Russlands beste Mannschaft wurde der Lokalrivale Spartak.

⚽ Wer übrigens auch zur Fußball-WM kommt: Jelzin. Nein, nicht Boris, der ist ja nun schon länger tot und liegt auf dem Moskauer Neujungfrauenfriedhof unter einem Grabmal, das wie ein ungemachtes Bett aussieht. Nein, der Jelzin, um den es hier geht, reist aus Costa Rica an. Die Neue Zürcher Zeitung hat ihn ausfindig gemacht und erklärt, warum er so einen ungewöhnlichen Namen hat.

⚽ Zum Schluss noch eine kleine Lokalposse aus Saratow. Bevor einer fragt: Nein, das ist kein WM-Austragungsort. Dass im Moment dort das „Avantgarde“ genannte Stadion renoviert wird, hat dennoch mit der Weltmeisterschaft zu tun: Die Stadtverwaltung hofft, dass sich vielleicht eine Nationalmannschaft findet, die hier ihr Trainingslager aufschlagen mag. Damit das möglich wird, scheren sich die Fachkräfte vor Ort nicht um altbackene Traditionen wie die, dass sich frisches Gras und der russische Winter vielleicht nicht so gut vertragen.

Dieser Tage wurde deshalb, bei gerade mal einem Grad plus, im Stadion von Saratow der neue Rollrasen verlegt – direkt auf einer Schneeschicht, von Arbeitern in dicken Winterstiefeln. Ob das denn so sinnvoll sei, fragte eine Reporterin der Nowaja Gaseta, und bekam als Antwort: „Das ist sogar gut so, dann bleibt der Rasen länger frisch„. Im Frühjahr, wenn der Schnee weg sei, wolle man ihn dann mit einer besonderen Methode „aktivieren“. Süffisantes Fazit der Reporterin: Okay, die nächsten WM-Austragungsorte Samara und Wolgograd mögen 400 Kilometer entfernt sein – aber wieso sollte man sich deshalb die Chance entgehen lassen, mit staatlichen Fördergeldern das eigene Stadion zu renovieren?

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Letzte Woche gab es hier keine Weihnachtsgrüße, weil die Russen erst im Januar Weihnachten feiern. Silvester hingegen liegt in Russland und in Deutschland praktischerweise am selben Tag; hier in Moskau bekommen wir das neue Jahr sogar schon zwei Stunden vor euch geliefert. Wenn ihr dann die nächste Russball-Folge lest, sind wir schon im WM-Jahr. Also, macht keinen Quatsch mit den Böllern, kommt gut rüber und с новым годом!