Russball, Folge 70: Angriff auf den Thron

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Wir können nicht über Russland reden, ohne die Gewalt zu erwähnen, mit der dort im Moment gegen Menschen vorgegangen wird, die für mehr Demokratie auf die Straße gehen. Dieser Mann zum Beispiel wurde von Sicherheitskräften zu Boden geworfen und abgeführt, nachdem er Spartak-Fangesänge gesungen hatte. Diesen Demonstranten halten mehrere Polizisten fest, während einer von ihnen auf ihn einprügelt. Journalistenkollegen, denen ich seit gemeinsamen Moskauer Zeiten bei Twitter folge, posten dort plötzlich (hier und hier), dass sie bei der Arbeit trotz Akkreditierung festgenommen werden.

Beeindruckt hat mich ein Text des Geschichtsprofessors Sergej Radschenko, indem er erklärt, warum er trotz der drohenden Polizeigewalt an den Protesten teilnimmt: „Wir – Russland, Europa, die Welt – waren schon einmal an diesem Punkt. Wir dürfen nicht zulassen, dass die Unterdrückung zurückkehrt.“

Und jetzt reden wir über Fußball.

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Mitte Juli waren wir zum ersten Mal in Moskau, seit wir Anfang des Jahres dort weggezogen sind – ich hab damit gerechnet, gelegentlich sentimental zu werden und zu schwelgen. Aber dass sich einem die Stadt schon aus der Ferne an den Hals wirft, war dann doch eine Überraschung: Wir sitzen in Schönefeld, dieser Flughafen-Parodie, als auf dem Handy aufplöppt: Ihr Boardingpass hat sich geändert – ein Upgrade in die Business Class. Sekt, ausgestreckte Beine und vom Zeitungswägelchen eine Sport Express, Flugcharme rundum.

Auf Seite 1 haben die Blattmacher eine Ladung Dramatik geschaufelt: „Die neue Saison der Premjer-Liga, Episode: ANGRIFF AUF DEN THRON„. Wir haben Großbuchstaben! Wir haben Spieler von Krasnodar, Lokomotive, Spartak und ZSKA, die um den Game-of-Thrones-Thron rumstehen! Aber darauf sitzen darf nur Artjom Dsjuba von Zenit, dem amtierenden Meister!

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Nach der Landung, auf dem Weg ins Zentrum, sage ich zu Markus: Dir ist natürlich klar, dass ich diese Stadt betrete mit der Erwartung, zufällig auf der Straße jemanden zu treffen, den ich kenne. Er macht angesichts von zwölf Millionen Einwohnern ein paar Geräusche. Ich glaube, einen halblustigen Witz gemacht zu haben darüber, wie sehr sich diese Stadt immer noch wie zuhause anfühlt. Soweit alles normal, nur dass wir am nächsten Tag auf dem Roten Platz stehen (wir sind jetzt Touristen, wir machen Touristendinge) und das hier geschieht:

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Eine Nachricht von Jura – wir waren mal zusammen im Stadion, als Schalke nach Moskau gekommen ist, um dort in der Champions League gegen Lokomotive anzutreten. Als Chef der Russischen Knappen, Russlands Schalke-Fanclub, hatte Jura damals die Karten organisiert und uns im strömenden Regen vorm Stadion getroffen, damit wir die anderen Schalke-Fans auch finden. Also, schnell einmal treffen neben dem Leninmausoleum, ein gemeinsames Foto, gemacht von Juras Vater, die beiden wollen später zum Spiel Sotschi – Spartak gehen. Ach so, Jura ist übrigens keineswegs aus Moskau, sondern aus Krasnodar, mehr als 1000 Kilometer entfernt. Was dieses Treffen hier auf dem Roten Platz noch unwahrscheinlicher macht.

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⚽ Sotschi, das gegen Spartak dann übrigens 0:1 verloren hat, ist ein Neuzugang in der Premier-Liga. Die hat ihre Saison 2019/20 zwar mit einem Zuschauerrekord begonnen, dafür hat es mit einer großen Neuerung nicht hingehauen: Der Videobeweis, für den die Russen die englische Abkürzung VAR übernommen haben, war nicht rechtzeitig zum Saisonbeginn am Start. Dabei war die Fußball-WM 2018 doch das große VAR-Vorzeigeturnier gewesen.

Woran’s lag? Zu viele Beteiligte, die sich bei der Umsetzung nicht einig geworden sind. So hat es jedenfalls zum Saisonbeginn Alexander Djukow erklärt, der Präsident des russischen Fußballverbands. Zum zweiten Spieltag sollte es klappen, meinte er da noch, letztlich wurde es der dritte. Ärgerlich ist das für Sotschi, denn das Siegtor für Spartak war alles andere als regelkonform: Fernsehbilder zeigen deutlich, wie sich Spartaks Samuel Gigot bei seinem Kopfballtreffer auf einen Spieler von Sotschi aufstützt. Sport Express titelt dazu: „VAR hätte so einen Sieg nicht zugelassen“.

⚽ Noch mal Spartak: Die haben da jetzt ja diesen frisch ausgeliehenen neuen Spieler im Kader, dessen Ü im Nachnamen im Russischen als ю, also [ju] wiedergegeben wird. „Andre Schjurrle“ also hat nach seinem ersten Spartak-Spiel (0:0 gegen Dynamo) Sowjetski Sport ein Interview gegeben, das meiste waren höfliche Floskeln, die Fans von BVB und Spartak seien sich sehr ähnlich, sowas. Eine Passage fand ich aber doch ganz lustig: Offenbar ist in der Umkleide einer der jungen Spartak-Spieler auf Schürrle zugekommen und hat sinngemäß gesagt: „Hey, ich hab beim FIFA-Zocken immer als du gespielt!“ Fühlt man sich da geehrt? Alt? Schürrle jedenfalls hat im Interview von seinen eigenen FIFA-Spielzeiten erzählt: Er war am liebsten Lampard oder Ballack.

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Auf die Liste der zehn wichtigsten Sommertransfers im russischen Fußball hat es Schürrle nicht geschafft – die war schon veröffentlicht, als er bei Spartak anfing. Dafür punktet er mit Sprachkompetenzdialektik: Auf die Interviewfrage, ob ihm seine aus Kasachstan stammende Frau denn schon Russisch beigebracht habe, hat er mit „Ich spreche kein Russisch“ geantwortet. Auf Russisch.

⚽ Noch mal Spartak, dann ist aber echt Schluss: Leonid Fedun, Besitzer des Vereins, bekommt bei Gol.ru eine, tja… Würdigung? Anklage? Jedenfalls ein ungewöhnliches Artikelformat. Aufgehängt an Feduns Versprechen aus dem Januar, Zé Luís und Luiz Adriano würden noch jahrelang für Spartak spielen (heute ist der eine beim FC Porto unter Vertrag und der andere bei Palmeiras São Paulo) hat die Redaktion eine Liste veröffentlicht: „14 Beispiele, in denen Fedun das eine sagt und das andere tut“. Besonders hübsch, im April 2011: „Den neuen Trainer verkünden wir wahrscheinlich am Donnerstag.“ Tatsächlich hat es noch mehr als ein Jahr gedauert.

⚽ Es gibt ja so journalistische Projekte, die man gerne verfolgt, bei denen man aber schon auch arg froh ist, sie nicht selber umsetzen zu müssen. Andrew Flint hat sich so eins ausgedacht. Er lebt seit Jahren in Tjumen in Sibirien, und in dieser Saison will er alle Spiele des Drittliga-Vereins FK Tjumen besuchen. Diese Liga ist aufgeteilt in Regionen, Tjumen tritt im Bereich Ural-Wolga an gegen Vereine, die wie Autos heißen – Kamaz, Wolga, dazu der doppelte Lada aus Lada Dimitrowgrad und Lada Togliatti. Dass zwei Wochen vor Saisonbeginn noch nicht bekannt war, welcher dieser Clubs wann gegen wen spielen würde ist nur eine der vielen Randbeobachtungen, über die Flint bei Futbolgrad berichtet.

Über Tjumen wusste ich bisher nur, wo es grob liegt und dass man es auf der zweiten Silbe betont. Ein Blick in die Vereinschronik zeigt, dass das einer dieser Sowjetclubs war, die alle paar Jahre einen neuen Namen bekamen. So stand der Verein immer wieder für andere Berufsgruppen und hieß: Geologe Tjumen, Ölarbeiter Tjumen, Bauarbeiter Tjumen, später dann wieder Geologe. Wenn Andrew Flint sein Saisonprojekt wirklich durchzieht – wer weiß, was da noch alles an Nischenwissen über den sibirischen Fußball rauskommt.

⚽ Rammstein sind gerade auf Tour durch Russland, am Freitagabend sind sie im Stadion von Krasnodar aufgetreten. Ja genau, Rammstein, die mit den spektakulären Bühnenshows. Ja genau, das Stadion, wo am Samstag ein Spiel der Premjer-Liga anstand, Krasnodar gegen Zenit. Sportreporter Goscha Tschernow war bei dem Konzert und hat gefilmt, wie viele Menschen da zehn Minuten nach dem letzten Lied schon mit dem Abbau beschäftigt waren:

Tatsächlich hat es geklappt, kurz nach Samstagmittag waren Bühne, Lautsprecher und andere Aufbauten weg und der Rasen wieder freigelegt. „Ein Rekord“, schrieb der Konzertveranstalter bei Instagram und dankte allen Mitarbeitern für die „heiße Nacht“, nach der das Stadion wieder anpfifftauglich aussah:

⚽ Was macht eigentlich Andrei Arschawin? Vergangenes Jahr hat er seine Spielerkarriere beendet, seitdem hört man von Arschawin, wenn er zum Beispiel aus einem Petersburger Strip-Club rauskommt und auf einem Pferd davonreitet. Aber immerhin, wenn ihn ein Fernsehsender als Fußballexperten bucht, scheint er das ja ernst zu nehmen und sich anständig vorzubereiten. Oder so.

⚽ Die Älteren werden sich erinnern: Franz Beckenbauer war einst nicht Bundestrainer der westdeutschen-Fußball-Nationalmannschaft, er war ihr Teamchef – für alles andere fehlte ihm die Lizenz. Also wurde nominell jemand anderes Bundestrainer, Beckenbauer als Teamchef dessen Vorgesetzter. Das Modell hatte über Jahre Bestand und endete mit einem Weltmeistertitel für die DFB-Mannschaft.

Beim FK Krasnodar haben sie das ganz ähnlich versucht: Murad Mussajew trainiert den Verein seit einem guten Jahr, allerdings fehlt die Lizenz. Offizieller Cheftrainer war also jemand anderes, Mussajew als Obertrainer dessen Vorgesetzter. Ergebnis: Krasnodar qualifizierte sich zum ersten Mal für die Champions League, muss aber wegen der Nummer mit dem Trainer, der eigentlich gar keiner sein darf, 50.000 Euro Strafe zahlen. Außerdem hat die Uefa entschieden: Die Lizenz, die Mussajew braucht, um offiziell den FK Krasnodar trainieren zu dürfen, kann er frühestens in einem Jahr machen.

⚽  Möglicherweise verfolge ich nicht mit der notwendigen Aufmerksamkeit, wie die Begegnungen der einzelnen Champions-League-Runden ausgelost werden. Jedenfalls habe ich erst nachträglich mitbekommen, was da am 22. Juli geschehen ist: Das Los wollte es so, dass da demnächst eine russische und eine ukrainische Mannschaft gegeneinander antreten. Das aber will die UEFA nicht, mit gutem Grund, weshalb eine Sonderregel gegriffen hat:

Ein wenig Nachlesen ergab: Diese Regel gilt bereits seit 2014, dem Jahr, in dem Russland die Krim annektiert hat. Die Fußballverbände der beiden Länder hatten ebenso Sicherheitsbedenken wie die Uefa selber. Nach denselben UEFA-Regeln werden Vereinen aus Armenien keine Gegner aus Aserbaidschan zugelost, Teams aus Spanien müssen nicht gegen Teams aus Gibraltar antreten.

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Der Rausschmeißertext kommt diesmal aus Großbritannien. Über spektakuläre Transfers reden alle, über mittelwichtige Spieler, die sich ein Fußballteam vom anderen ausleiht, eher nicht. Deshalb fand ich so interessant, was die New York Times berichtet: wie sich Vertreter vor allem europäischer Clubs an einem Nachmittag in London zu einer Art Speed-Dating treffen, um dort in Begegnungen à 15 Minuten zu klären: Wen kann ich bei euch leihen? Wen könnt ihr von uns brauchen?

„To be sure, this is not the place where Cristiano Ronaldo or Lionel Messi will move from one club to another, but rather where useful, reasonably priced players change teams“, heißt es taktvoll in dem Artikel. „Reasonably priced“ bedeutet demnach: 20, maximal 25 Millionen Pfund.



 

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Russball, Folge 64: Gryffindor, Slytherin oder Jenissei?

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Eventuell habe ich in der Dezember-Ausgabe versäumt, mit einem meiner Weihnachtsgeschenke anzugeben. Darum hier kurz nachgereicht: Zwei 100-Rubel-Scheine, die nie im Umlauf waren. Es sind Sonderbanknoten zur Fußball-Weltmeisterschaft, im Supermarkt bekäme man für beide zusammen zwei Kilo Äpfel. Aber auf die Idee kommt eh keiner, schließlich sind das Sammlerstücke.

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Auf der Vorderseite ein Kind, das zuschaut, wie Lew Jaschin nach einem Ball hechtet. Auf der Rückseite die Namen der Gastgeberstädte und eine russische Fahne aus jubelnden Fans. Ich hab die Scheine extra auf einen roten Untergrund gelegt, damit man sieht: Sie sind aus Plastik und an mehreren Stellen durchsichtig – eines von mehreren Sicherheitsmerkmalen. Wer eine Idee hat, wie man die Scheine gut präsentieren kann (rahmen und aufhängen?), möge doch bitte Bescheid sagen. Danke!

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⚽ Im Januar erinnern gläubige Russen daran, wie Jesus im Jordan getauft wurde. Sie tun das, indem sie Löcher in das Eis zugefrorener Flüsse oder Seen hacken und dort dann ins Wasser gehen und dreimal untertauchen (sehenswertes TASS-Video hier, wenn ihr ein bisschen runterscrollt). Manchmal hat das Loch sogar die Form eines orthodoxen Kreuzes. Bei ordentlichen Minustemperaturen, wie wir sie zuletzt hier in Moskau hatten, kann es sich sogar wärmer anfühlen, ins Wasser einzutauchen, als wenn man vorher in Badesachen am Ufer rumsteht.

Nicht nur Glaubensgründe bringen Menschen dazu, so die „Kreschenie“ zu begehen. Angeblich wird, wer das Eiswassertauchbad übersteht, das folgende Jahr lang nicht krank werden. Ob das auch gilt, wenn man wie die Lokomotiv-Spieler schnell mal im Persischen Golf untertaucht – ich weiß ja nicht.

⚽ Apropos Loko. So kann’s gehen: Ein paar Stunden, nachdem ich den Dezember-Newsletter verschickt hatte, erschien bei Instagram ein Post von Erik Stoffelshaus: „Nach zwei wundervollen Jahren in Moskau habe ich entschieden, dass es Zeit ist für etwas Neues in meinem Leben – daher gebe ich meine Position als Sportdirektor bei Lokomotive Moskau auf.“ Wäre ich mal bloß nicht so jahresendtugendhaft gewesen, die Russball-Folge schön früh morgens zu veröffentlichen – dann hätte ich den Abgang noch in der Ausgabe drin gehabt.

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

Dear friends, after two wonderful years in Moscow, I decided it was time for something new in my life – that's why I give up my position as the Sporting Director of Lokomotiv Moscow. But not without saying thank you. Thank you for a time that will remain in my memory forever. Celebrating the cup victory and the long-awaited third championship with this club – that was something very special. And one thing is clear: I‘m leaving as the Sporting Director, but I will stay as a supporter of this magnificent club. Thanks for everything and see you soon! Дорогие друзья! После двух замечательных лет в Москве я решил, что настало время для чего-то нового в моей жизни – поэтому я снимаю с себя обязанности спортивного директора «Локомотива». Но не без слов благодарности. Спасибо за время, которое я всегда буду вспоминать с теплотой как в спортивном, так и в бытовом плане. Праздновать вместе с этой командой победу в Кубке России и долгожданный третий титул Чемпиона – это было нечто особенное. И ясно одно: я ухожу как спортивный директор. Но я остаюсь ярым поклонником этого замечательного клуба. Спасибо за все и до скорой встречи! #локомотив #fclokomotiv #рпл #тольколоко #самыйлучшийколлектив

Ein Beitrag geteilt von Erik Stoffelshaus (@estoffelshaus) am

Jetzt, einen Monat später, reicht wohl eine schnelle Zusammenfassung dessen, was sich da bei Loko getan hat: Erst ging Präsident Ilja Gerkus, dann folgte Stoffelshaus. Trainer Juri Sjomin dagegen bleibt, als neuen Präsidenten hat sich der Verein Wassili Kiknadse ausgesucht, der seit 2013 zum Aufsichtsrat gehört und Sportjournalist ist. Mal sehen, ob der dieselbe Hasen-Instagram-Kompetenz mitbringt wie Gerkus.

⚽  Eine Neuverpflichtung bei Twitter/Instagram/Facebook zu verkünden, das ist ja inzwischen schon eine kleine Kunstform für sich. Der FK Jenissei Krasnojarsk hat vor ein paar Tagen eine solche Perle des Genres veröffentlicht, dass ich sie in all ihrer Low-Budget-Brillanz hier unbedingt zeigen muss.

„Schwierig, sehr schwierig,“ murmelt der sprechende Hut, der heute mal nicht über Gryffindor, Hufflepuff, Ravenclaw oder Slytherin entscheiden soll, sondern über einen neuen Verein für Mittelfeldspieler Konstantin Sawichtschew. Gute Technik, Schnelligkeit, Talent… das kann nur eines heißen: „Jenissei!“ (Am schönsten ist eventuell das Lächeln, das sie Sawitschew da ins Gesicht montiert haben.)

⚽  Jetzt muss man schon „im vergangenen Jahr“ sagen, wenn man von der Fußball-Weltmeisterschaft hier in Russland spricht. Das ändert nichts daran, dass es immer noch reichlich Berichterstattung gibt über ihre Folgen. Zum Beispiel sind von den 650.000 Menschen, die zur WM mit einer Fan-ID (einer Art Visums-Ersatz, ohne den man auch nicht ins Stadion kam) eingereist sind, 5500 immer noch im Land. Laut Andrej Kajuschin, der im Innenministerium den Bereich Migration leitet, waren es zum Jahreswechsel, als die IDs ihre Gültigkeit verloren, sogar noch 12.000 Leute. Die Sicherheitskräfte hätten diese Zahl bereits auf 5500 reduziert, so Kajuschin, alle anderen sollten bis Ende März deportiert werden.

⚽  Noch eine WM-Folge, auch hier geht es um eine Statistik, aber mit willkommenerem Ergebnis: Scheremetjewo in Moskau war 2018 einer der zehn Flughäfen in Europa mit dem höchsten Passagieraufkommen. In den Jahren davor hat es immer ganz knapp nicht geklappt, Scheremetjewo – dessen altes Terminal übrigens nach dem Vorbild des Flughafens Hannover gebaut wurde – landete meist auf Platz 11. Dann kam die WM, brachte gut 14 Prozent mehr Reisende und machte Scheremetjewo damit auch zum europäischen Flughafen mit dem größten Passagierwachstum. Sorry, Fiumicino!

⚽  WM-Spiele gab es in Moskaus Dynamo-Stadion nicht, das steckte zu der Zeit noch im Umbau. Inzwischen ist es wieder eröffnet und gehört jetzt zur sogenannten VTB-Arena, die auch noch eine Eishockeyhalle und ein großes Einkaufszentrum umfasst. Wie sich all das rechnen soll, hat Wedomosti aufgeschrieben. Die Hälfte der Verkaufsfläche wurde demnach von Geschäften gemietet, die Sportwaren verkaufen.

Schwierig könnte es werden, Restaurants und Cafés zu finden, die sich in der Arena einmieten wollen: Weil der Einkaufsbereich zu einer Sportstätte gehört, darf dort nach russischem Recht kein Alkohol ausgeschenkt werden. Trotzdem gehen Fachleute dem Bericht zufolge davon aus, dass der Shopping-Bereich des Komplexes nach acht bis zehn Jahren seine Baukosten wieder reingeholt hat. Zum ersten Heimspiel empfängt Dynamo dann am 10. März Spartak, wenn endlich die Winterpause vorbei ist.

⚽  Bis zum 16. Januar konnte die Hand heben, wer Nachfolger von Witali Mutko als Chef des russischen Fußballverbandes RFS werden will. Die Frist ist vorbei, Kandidaten gibt es genau einen: Alexander Djukow, ein Zenit- und Gazprom-Mann. Beim Fußballverein ist er Präsident, bei Gazprom Neft Vorstandsvorsitzender. Als Forbes 2018 das Vermögen reicher Russen ausgerechnet hat, standen bei Djukow am Ende 500 Millionen Dollar. Nach seiner Wahl Ende Februar plant er „keine Revolutionen“, zumindest bei der Nachwuchsförderung sieht er aber Verbesserungsbedarf.

⚽ Ihr erinnert euch noch an Tschertanowo Moskau, den Verein mit der beeindruckenden Nachwuchsarbeit? Gerade feiern sie dort wieder, weil zwei ihrer jungen Spieler Verträge bei Spartak unterschrieben haben. Nail Umjarow (18) und Maxim Gluschenkow (19) brachten dem Club, der sie ausgebildet hat, zusammen 37,5 Millionen Rubel Ablöse ein, das ist eine halbe Million Euro. „Denkt dran, die Türen unserer Schule stehen für euch immer weit offen“, schrieb Tschertanowo in seinem Gratulationstweet – dieselbe Schule, in der Sergej Pinjajew gelernt hat, Tore wie dieses hier zu schießen.

Sergej Pinjajew ist übrigens 13 Jahre alt. Doch, wirklich. Dreieinhalb Millionen Menschen haben sich dieses Tor bisher bei Instagram angesehen, aber Aufmerksamkeit bei Social Media ist Sergej ja gewohnt: Nachdem er im November sieben Spieler der gegnerischen Mannschaft ausdribbelte, twitterte Russlands Nationalmannschaft einen Clip davon und schrieb dazu: „Glaubt ihr, wenn er älter ist, spielt er mal in der Nationalmannschaft?“

⚽  Vielleicht haben die Erfolge von Tschertanowo-Spielern ja mit dazu beigetragen, dass Spartak nun mehr in die Nachwuchsarbeit investieren will: „Hunderte Fußballschulen“ sollen dazu in den nächsten fünf Jahren in Russland und anderen GUS-Staaten entstehen, nach einem Franchise-Prinzip. Für so eine große Zahl klingt der erste Schritt recht klein: Tatsächlich konkret geplant sind erst mal neun Stück, unter anderem in Moskau, St. Petersburg, Tula und Krasnojarsk.

⚽ Sports.ru hat sowjetische Zeichentrickfilme gesammelt, in denen es um Fußball geht. Trickfilme waren in der Sowjetunion sehr populär, sie heißen auf Russisch „Multfilm“ wegen der Vielzahl einzelner Bilder, die nötig sind, damit der Eindruck einer Bewegung entsteht. Darum hieß das bekannteste Trickfilmstudio auch Sojusmultfilm – das „Sojus“ kommt vom russischen Wort für „Union“, wie in Sowjetunion.

In den gesammelten Filmen spielen zum Beispiel Bären gegen Hasen, Kuscheltiere gegen Fußballer-Figuren und Kosaken gegen deutsche Ritter. Das geht sogar komplett ohne Worte:

Hübsch ist auch ein Blick auf die Nutzerkommentare, die sich bei YouTube unter diesem Film angesammelt haben. Vor Beginn der WM schreibt da jemand: „Hat unsere (russische) Nationalmannschaft das gesehen? Falls ja, habe ich eine Frage: Schämen die sich nicht?“. Nach der WM, bei der Russland seine Fans bekanntlich begeisterte und Deutschland die seinen enttäuschte, klingt das anders: „Würde die deutsche Nationalmannschaft so spielen wie hier, sie gewänne alle Turniere.“

⚽ Ach so, und der BVB wird übrigens nicht Deutscher Meister. Sports.ru hat das mal durchgerechnet und kommt zu dem Schluss: „Favre und Witzel haben die Borussia stärker gemacht, aber sie wird wohl kaum Meister werden.“ Den ganzen, tiefgehenden Text mit allerlei Statistiken und Diagrammen gibt es hier. Tl;dr: Es wird doch wieder der FC Bayern.

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So ist das, eine Russball-Folge während der Winterpause: viel Buntes und Hintergründiges, wenig auf’m Platz oder im Stadion. Apropos: Der Guardian hat Beispiele von Fußballvereinen gesucht, bei denen die komplette Bevölkerung ihres Heimatortes ins Stadion passt. Ja, Hoffenheim ist auch dabei.

Die nächste Russball-Folge gibt es Ende Februar – dann nicht mehr aus der Heimatstadt von Lokomotive, Spartak. Dynamo und ZSKA, sondern aus der von Hertha und Union. Bis dahin, macht’s gut!



 

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Russball, Folge 4: Nach dem Confed Cup ist vor der Fußball-WM

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„Fußball statt Pornostars, oder: Die deutsche Maschine fährt weiter“. Das ist doch mal ein Kracher-Einstieg, leiderleider nicht von mir, sondern von Nikolai Jaremenko. Der Chefredakteur von Sowjetski Sport versucht unter diesem Motto zu erklären, warum deutsche Fußballer derzeit so erfolgreich sind: „Die Deutschen passen sich nicht an das Spiel ihres Gegners an, sie spielen einfach ihren Fußball.“ Oder: „Sie spielen sich nicht einfach einen Pass – sie leben ihn. Sie laufen nicht einfach zum Angriff – sie atmen ihn.“ 

Und die klickträchtig erwähnten Pornostars? Weiter unten findet sich diese Behauptung: „Die Spieler heiraten keine Fotomodels oder Schönheitskoniginnen. Fast immer sind die Ehefrauen Freundinnen aus der Kindheit, alles ruhige, bescheidene Mädchen.“ Nun ja. Nach solch blumiger Prosa gönnt sich Jaremenko dann noch einen komplett verunglückten Schluss für seine Kolumne. Einfach mal hier gucken und runterscrollen, man muss kein Russisch können. 

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⚽ Immer, wenn Twitter mir einen Link der Tageswoche in die Timeline spült, gehen bei mir die Satire-Warnglocken an. Tageswoche, schon klar, haha, lustig. Ist aber offenbar tatsächlich ein ernst gemeinter Name für ein ernst gemeintes Medium. Einer ihrer Mitarbeiter hat eine dieser Reportagen geschrieben, bei denen man froh ist, dass sich andere des Themas annehmen: 60 Stunden kostenlose Zugfahrt von Kasan nach Sotschi, zusammen mit Fußballfans aus allerlei Ländern. Das Ergebnis ist ein Artikel, so lang wie die Fahrt – aber auch so interessant

⚽ Mannmannmann, dieser Brief von Julian Draxler an die russischen Fans! Wer einen Beleg braucht für den Unterschied zwischen gut gemeint und gut gemacht, kann sich das Schreiben ja mal bookmarken. Klar, sich beim Gastgeberland zu bedanken, beim Personal im Hotel, den Freiwilligen – das ist eine nette Geste, die jedem gut zu Gesicht steht. Die Fans loben, die schönen Stadien, alles gute Ideen, nicht nur um sich Unterstützung im Finale zu sichern. Aber muss das dann gleich so ein unreflektiertes Ranwanzen sein?

Drinnen schick, draußen mit Zaun und Security: das deutsche Mannschaftshotel in Sotschi
Drinnen schick, draußen mit Zaun und Security: das deutsche Mannschaftshotel in Sotschi

Natürlich hattet ihr, lieber Julian, „ein immer vorhandenes Gefühl der Sicherheit“, schließlich hat euer Hotel in Sotschi schön hohe Zäune und reichlich Wachmänner, außerdem sind autoritär regierte Staaten nun mal gut in Sekundärtugenden wie Ordnung, Sauberkeit, Sicherheit.  Vielleicht hätte man mal überlegen können, wie sicher sich hier im Lande Leute fühlen können, die eine andere Meinung haben als die Kreml-Linie. Oder der im Brief erwähnte Thomas Hitzlsperger, wenn er auf die Idee käme, hier offen als schwuler Mann zu leben. Ohne diese Gedanken jedoch ist ein Schrieb von ärgerlicher Naivität entstanden, irgendwo zwischen „mein schönstes Ferienerlebnis“ („Es schien immer die Sonne.“) und „Ich hab noch nicht einen einzigen Sklaven in Katar gesehen.“ Ist ja alles nur Sport hier, keine Politik. Bitte gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen.

⚽ Was unterscheidet den russischen Amateurfußball vom deutschen? Oliver Fritsch hat sich für den direktesten Weg entschieden, das herauszufinden, und mitgespielt. Kostprobe: „Auf dem Platz ähnelt der Amateurfußball in Russland dem in Deutschland. Das Niveau ist gut. Mein Eindruck ist, dass in Russland die Einzelaktion – das Dribbling, der Schuss – etwas höher im Kurs steht. In Deutschland wird ein bisschen härter gespielt.“

⚽ Was bleibt sonst noch vom Confed Cup? Ein leicht erhöhter Adrenalinspiegel dank einer Rundmail, die von den russischen Organisatoren kurz vor dem Finale an viele Fans geschickt wurde. Darin hieß es, man hätte ja nun Tickets fürs Finale gekauft (auch wenn man das gar nicht hatte) und solle nun auch bitte rechtzeitig am Stadion sein. In Zeiten von Phishing, Hacking und Identitätsdiebstahl fanden das viele Fans beunruhigend, in der Schweiz bei der FIFA lief die Hotline namensgemäß heiß. Ein Moskauer Bekannter bekam die Mail sogar dreimal – auf Russisch, Deutsch und Englisch. Wenn schon Unruhe stiften, dann bitte auch mit maximaler Reichweite.

⚽ Nach dem Confed Cup ist vor der Fußball-Weltmeisterschaft. Wir können uns in Russland also in den kommenden Monaten auf weitere Vorfälle nach diesem Schema einstellen: Behörden planen Bauprojekt, Umweltschützer protestieren, das hat Konsequenzen – allerdings nur für die Umweltschützer. Das haben wir bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi erlebt, jetzt beim Confed Cup beispielsweise in Kasan. Es wäre leider naiv zu hoffen, dass das anders läuft, wenn Russland im kommenden Jahr die WM ausrichtet.

⚽ Diego Maradona war ein paar Tage in Russland und hat dafür gesorgt, dass die Schlagzeilen nicht knapp werden. „Maradona: Russland, das sind Putin, schöne Frauen und Fußball“ – „Maradona bekommt einen Samowar geschenkt“ – „Diego Maradona: Ich bin bereit, Russlands Nationalmannschaft anzuführen! – „Maradona: Wenn sich die Möglichkeit ergibt, werde ich Eishockey spielen“ – „Diego Maradona möchte die russische Staatsangehörigkeit annehmen“. Alles übrigens Überschriften aus ein und demselben Medium: Sowjetski Sport hat sich über sein Exklusivinterview mit Maradona so gefreut, dass sie innerhalb von einer Woche knapp 50 Artikel mit Maradona-Überschrift veröffentlicht hat.

⚽ Noch zwei Wochen, dann beginnt die Fußball-Europameisterschaft der Frauen. Das russische Team hat gerade seine neue Mannschaftskleidung vorgestellt und wollte von seinen Twitter-Followern wissen, wie ihnen die Auswärtsvariante gefällt: 

https://twitter.com/WomenRussia/status/881814159075270657

Die kritischen Reaktionen waren durch die Bank identisch: Пижама! Schlafanzug! Vielleicht liegt es am blassmöglichsten Pastellbleu? Bei Heimspielen jedenfalls wird die Frauen-Nationalmannschaft in Knallrot auflaufen.

⚽ Anfang Mai jubelten die Fans von Spartak Moskau, weil ihr Verein zum ersten Mal seit 2001 wieder russischer Fußballmeister wurde. Nun kam raus, worüber die Vereinsführung außerdem noch jubeln konnte: Zusätzlich zum Titel auch über ein dickes Plus in der Bilanz, denn Gewinnen ist lukrativ: „Ich glaube, dass Spartak damit so um die fünf Millionen Dollar verdient hat“, zitiert Lenta.ru einen Offiziellen des russischen Fußballverbands.

⚽ Es wundert mich schon, wenn immer wieder zu lesen ist, dass die deutsche Nationalmannschaft für die WM 2018 in Russland Moskau als ihr Hauptquartier anpeilt. Inzwischen klingt es allerdings so, als wäre Sotschi ebenfalls im Rennen. Ein paar Argumente dafür kann man hier nachlesen.

Aus eigener Erfahrung würde ich noch hinzufügen: Leistungssportler in einer Stadt mit so hoher Luftverschmutzung unterzubringen wie Moskau, scheint mir nicht allzu leistungsfördernd. Wald- oder Torfbrände tragen dazu bei, Industrie, vor allem aber: 80 Prozent der Luftverschmutzung in Moskau kommt vom Straßenverkehr, will sagen: viele Autos, ständig Stau. Dass das nervt, wenn man zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort sein muss (sagen wir mal: zum Anpfiff in einem Stadion), weiß nicht nur Kameruns Trainer. ESPN will unterdessen erfahren haben, dass bereits 18 Nationalmannschaften bei der FIFA Interesse angemeldet haben, um kommendes Jahr Sotschi zu ihrem Hauptquartier zu machen. 

 

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Zum Schluss noch ein Gruß nach Schottland. Pedro Caixinha, Trainer der Glasgow Rangers, hat mich diese Woche mit seinem Wunsch nach Bären in Russland verwirrt.

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I Want Bears in Russia“ ist auf den ersten Blick ähnlich sinnvoll wie „I Want Sheep in New Zealand“ oder „I Want a Schwebebahn in Wuppertal“. Man muss Russland keine Bären wünschen, die gibt es hier so reichlich, dass es schon fast ein Klischee ist. Was will uns der Mann also sagen?

Ein wenig Rumgoogeln ergibt, dass die Fußballer der Glasgow Rangers als „Bears“ bezeichnet werden; Caixinha hofft also, dass Spieler seines Vereins bei der Fußball-WM im kommenden Jahr zum Einsatz kommen. Ich wiederum hoffe, dass euch diese Folge „Russball“ gefallen hat. Wenn ja, sagt es gerne weiter – oder abonniert hier den Newsletter:



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