Wie ich einmal Gesangsunterricht auf Russisch nahm

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Meine Gesangslehrerin hab ich mir ja nach ihrem Lächeln ausgesucht. Also: Das soll nicht heißen, dass sie nicht kompetent ist – ihre Qualifikationen kann auf „Wasch Repetitor“, der Webseite, die Schüler und Lehrer für alle möglichen Fächer zueinander bringt, jeder nachlesen. Aber qualifiziert sind die anderen da ja auch, mich hat nur deren Mimik abgeschreckt. Dieser Blick, der sagt: „Soso, Sie haben also schon Erfahrung? Hört man gar nicht.“ „Na, war wohl keine Zeit zum Üben seit dem letzten Mal?“„Also wenn Sie nicht mal das können, wollen Sie dann nicht vielleicht noch mal von vorne anfangen? In der Orff-Gruppe, mit Klanghölzern und Schellenkranz?“

Statt mir das anzutun, gehe ich nun also zu D., die auf ihrer Wasch-Repetiror-Seite lächelt, freundlich und konstruktiv. Der Unterricht findet im Büro ihres Mannes statt, ein Souterrain-Raum mit ein paar Schreibtischen, einem Kopierer (sehr praktisch für Noten) und gelegentlich dem einen oder anderen Mitarbeiter, der vor Stundenbeginn von D. höflich verscheucht wird. Manchmal feudelt eine Putzfrau durchs Bild. In der einen Ecke liegen Stücke dicker Metallrohre – die Männer, die hier arbeiten, überprüfen Schweißnähte auf Baustellen. In der anderen Ecke steht das E-Piano. Und daneben, einmal die Woche, ich.

⁃ „Also im (…..) müssen Sie mehr (…)“, sagt D.

⁃ Ich sage: „Wie bitte?“

⁃ „Naja, beim Singen ist ihr (…) zu (…).“

⁃ „Entschuldigung, das versteh ich nicht.“

⁃ „Sie müssen singen, als hätten Sie ein Äpfelchen im Mund.“

Aaah, der Rachenraum. Die Klangfarbe. Kein Standardvokabular. Ich bin froh, dass D. sich auf diese seltsame Schülerin mit den seltsamen Wünschen eingelassen hat: Bitte komplett auf Russisch, auch wenn’s dann länger dauert – kein Ausweichen auf Englisch oder Musiker-Italienisch. Und bitte auch nicht die üblichen Gassenhauer aus dem internationalen Repertoire, nicht wieder „Voi che sapete“. Ich möchte die Stücke kennenlernen, an denen sich russische Gesangsschüler so abarbeiten.

Wie es läuft? Schwer zu sagen. Einerseits merke ich, wie gut es tut, sich mal wieder konzentriert mit der eigenen Stimme und dem eigenen Körper auseinanderzusetzen, statt nur die grundlegenden Choranforderungen (richtige Töne, richtiges Tempo und im Zweifel gerne richtig laut) zu erfüllen. Andererseits ist Musikausbildung in Russland, auch für Amateure, um einiges anspruchsvoller als in Deutschland. Jeder Musikschüler muss hier regelmäßig Prüfungen ablegen, es geht nicht nur ums gemeinsame Musizieren.

Entsprechend hoch sind, Lächeln hin oder her, auch die Ansprüche von D. So viel und so schwierig wie hier musste ich zum Beispiel lange nicht mehr vom Blatt singen. Ergebnis: „Patschti choroscho“ – beinahe gut. Zwischendurch erzählt und erklärt D. auch gerne: „Das russische Repertoire besteht zu einem hohen Anteil aus Liedern über unglückliche Liebe. Weil das Land halt so groß ist. Stellen Sie sich vor, Sie sind allein, gucken aus dem Fenster und sehen nur Wald, Wald, Wald. Keinen anderen Menschen. Da entstehen dann solche Lieder.“

Oder, in einer anderen Stunde, mal wieder zum Thema Rachenraum: „Russischen Schülern muss man immer beibringen, alles ein bisschen enger zu machen Westliche Schüler müssen lernen, ihn zu weiten. Das liegt an der Phonetik unserer Sprachen, daran, was wir gewöhnt sind.“ Interessant, und noch dazu verständlich – wie schön, wenn der Schlüsselbegriff ein Fremdwort ist! Direkt mal probieren, den weiten Rachenraum – „patschti choroscho!“

Was auch bei der Verständigung hilft: Bei den Sprachbildern scheinen sich deutsche und russische Musiklehrer nicht groß zu unterscheiden. Mein Atem ist eine Springbrunnenfontäne, oben drauf liegt ein Tennisball, und der muss immer auf derselben Höhe bleiben? Sehr gern. Stehen wie eine Marionette, bei der jemand am Kopf-Faden noch mal extra gezogen hat? Natürlich. In die Stirn atmen und in den Raum unterhalb der Augen? Bitte sehr, bitte gleich.

Andere Stunden sind deutlich härter. Vergiss alles, was du über Artikulation, Intonation und Phrasierung gelernt hast – wir arbeiten heute nur am Klang, 60 Minuten lang. Sing mit rausgestreckter Zunge! Patschti choroscho, aber nicht so nasal! Nochmal, nur diese zwei Takte. Und jetzt mit einem kleinen Glissando von jeder Note zur nächsten. Patschti choroscho, aber leiser! Egal, wenn die Tonhöhe verrutscht, wir reden hier über Klang, wiederholt D.: „Man sagt ja immer, wir Russen können gut Fünfe gerade sein lassen und ihr Deutschen plant, bis alles perfekt ist. Also, Sie müssen russischer singen.“

Ich schaue auf meine Notenmappe, in der inzwischen Stücke von Glinka und von Rubinstein liegen, russische Volkslieder, vertonte Puschkingedichte. Dann strecke ich die Zunge raus, atme ein, versuche es ein weiteres Mal. Und verdränge die Stimme, die aus dem Hinterkopf ruft: „Wenn es auch diesmal wieder nur ‚patschti choroscho‘ ist, werfe ich mich auf die Rohre in der Ecke da drüben und beiße ihnen allen die Schweißnähte durch.“

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Google Translate und die Sache mit dem Wichsen

Niemand ist unfehlbar, erst recht kein automatisches Übersetzungsprogramm. Wer über einen Fehler von Google Translate bloggt, riskiert also, ungefähr so originell rüberzukommen wie Mario Barth. Oder noch schlimmer: Wie Leute, die als Beispiel für einfallslose Witze immer Mario Barth nennen.

Warum es trotzdem diesen Blogpost hier gibt? Weil es bei den folgenden Fehlern um ein Prinzip geht. Um etwas, das bei Google Translate grundsätzlich falsch eingerichtet ist. So entstehen zwangsweise immer wieder Fehler nach demselben Prinzip. Und wer das weiß, kann sie vielleicht umschiffen.

In der jüngsten „Russball“-Folge hatte ich eine Fotoreportage aus dem Trainingslager von ZSKA Moskau verlinkt. Knapp zwei Dutzend Bilder, mit Ein-Wort-Unterschriften wie „природа“ (Natur), „расслабление“ (Entspannung), „мяч“ (Ball). Dann kam die Nachricht eines Freundes: „Das Beste an den Bildern ist die Übersetzung in Google Translate“. Dazu dieses Bild:

google translate

Wichsen, soso. Im Original steht unter dem Bild „рывок“, das heißt sowas wie „Ruck“ oder im Sport auch „Spurt“. Warum Google daraus ganz was anderes macht? Weil es aus dem Russischen ins Deutsche nicht direkt übersetzt, sondern mit Umweg übers Englische. So wird aus „рывок“ das Englische „jerk“, was wiederum von Google Translate als Verb aufgefasst wird statt als Substantiv. Und dann eben auch noch so übersetzt, als stünde da nicht „jerk“, sondern „jerk off“. Ergebnis: wichsen.

Nicht nur vom Trainingslager russischer Profifußballer kann man einen seltsamen Eindruck bekommen, wenn man sich auf Google Translate verlässt. Angenommen, auf einem Aushang im Hausflur steht was von einer „штраф“. Google Translate übersetzt das nicht, wie es richtig wäre, mit „Bußgeld“, sondern schlicht und positiv mit „gut“. Denn „штраф“ heißt auf Englisch „fine“, und dass „fine“ nichts anderes als „gut“ bedeutet, weiß ja jedes Schulkind.

Ich hab dann mal die Übersetzerin meines Vertrauens gefragt, ob es dafür ein Wort gibt, und natürlich gibt es dafür ein Wort: Wenn wie hier zum Beispiel Englisch als Umweg zwischen Deutsch und Russisch herhalten muss, dann ist Englisch eine „Relaissprache“. Und dieses Relais neigt immer dann zu Fehlfunktionen, wenn ein Begriff mehr als eine Bedeutung hat. Wer Russisch und Deutsch spricht, der weiß, das „штраф“ ein Bußgeld ist. Alle anderen sind darauf angeweisen, zu deuteln: „fine“, ja, aber in welcher Bedeutung? Bußgeld? Gut? Dünn? Fein?

Ach so, und das Problem besteht natürlich in beide Richtungen, auch wenn man Google Translate um eine Übersetzung aus dem Deutschen ins Russische bittet. Ihr könnt nicht schlafen, weil der Hund eures Nachbarn die ganze Nacht bellt? Für „bellen“ schlägt das Programm „кора“ vor, das bedeutet Rinde – denn der Relais-Umweg geht über das englische „bark“. Oder ihr wollt im Vorgarten ein paar Blumen säen? Viel Spaß beim Einkaufen, denn aus „säen“ macht Google Translate „свиноматка“. Das heißt – der Umweg geht über „sow“ – nichts anderes als Sau.

(Danke an Dominic und Ricarda)

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Rollmops, Anschlag, Kammerton: Deutsche Wörter im Russischen

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Fünf Minuten bis zum Konzertbeginn, das Haus ist voll – und hier unten im Keller steht immer noch eine lange Schlange vor dem Damenklo. „Oh Gott, wieder voll der Anschlag hier“, murmelt die Frau hinter mir, und ich denke: Mensch, du wolltest doch immer mal über deutsche Wörter bloggen, die es ins Russische geschafft haben.

„Anschlag“ gehört im Russischen ganz in den Bereich von Kultur und Freizeit – keine Bomben, keine Attacke. Aber wenn ein Theaterstück ausverkauft ist, ein Opernhaus bis auf den letzten Platz gefüllt, bei einem Konzert nicht mal mehr Stehplätze frei, dann herrscht dort „аншлаг“ (anSCHLAG), es ist also bis zum Anschlag voll. Nicht zu verwechseln mit дуршлаг (durSCHLAG):

Klar gibt es im Russischen einige Begriffe, die nur nötig sind, um mehr oder weniger deutsche Phänomene zu beschreiben. Der доберман (doberMANN), der ризеншнауцер (riesenSCHNAUzer) und der рольмопс (ralMOPS) sind solche Fälle, брудершафт (bruderSCHAFT) trinken und кегельбан (kegelBAHN) ebenso. Ihr versteht das Prinzip – und auch, dass sich die Betonung meistens verschiebt.

Dann gibt es die Wörter, von denen jeder schon mal gehört hat. Ja, Russisch hat tatsächlich einen бухгалтер (buchGALter) und ein бутерброд (butterBROD). Ja, der Friseur heißt hier tatsächlich парикмахер (paRIKmacher), von Perückenmacher. Und ja, aus Halstuch ist tatsächlich галстук (GALStuk) geworden, wobei das nun eine Krawatte bezeichnet. Alles schon mal gehört, müssen wir uns hier nicht mit aufhalten. Auch nicht mit den фейерверки (fejerWERki), die hier regelmäßig über der ландшафт (landSCHAFT) abgefackelt werden.

Stattdessen eine definitiv unvollständige, aber hoffentlich unterhaltsame Liste deutscher Lehnwörter im Russischen, die noch nicht jeder kennt.

1. бакенбарды

Was hat das Hipster-Männchen rechts und links an Wange und Kinn? Koteletten? Höchstens in Deutschland. In Russland ist das natürlich ein бакенбард (backenBARD) oder, wenn man links und rechts zusammenzählt, бакенбарды (backenBARDI). Hier schön zu sehen an Russlands original hipster, Alexander Puschkin.

2. кабель

Handy schon wieder leer? Dann her mit dem кабель (KAbel) oder, auch nicht unüblich, der шнур (SCHNUR). Die endet, natürlich, mit einem штекер (STEcker) oder, besonders niedlich, mit einem штепсель (STEPsel).

3. цейтнот

Wer Englisch spricht, kennt die deutschen Begriffe Zeitgeist und Weltschmerz. Ins Russische hat es, thematisch irgendwo dazwischen, die Zeitnot geschafft, die als цейтнот hier aber eher zejtNOT gesprochen wird. Verwendet wird der Begriff vor allem beim Schachspiel – wenn dort цейтнот herrscht, gerät ein Spieler schon mal unter цугцванг (zugZWANG). Bis vor ein paar Jahren gab es auch eine russische Band namens ЦейтноТ, deren Lied „Времени нет“ man hier anhören kann. Übersetzt bedeutet das: „Keine Zeit“.

4. гастарбайтер

Manche Lehnwörter setzen sich durch, weil sie kürzer, griffiger, einfacher sind. Wer im deutsch-russischen Wörterbuch nach „Gastarbeiter“ sucht, findet deshalb zwar „иностранный рабочий“ oder „рабочий-иностранец“, was beides „ausländischer Arbeiter“ bedeutet. Im Alltag aber hört man auch regelmäßig гастарбайтер (gastarBEIter). Das Wort wie auch der Sachverhalt gehören hier zum Alltag – es gibt komplette Staaten, oft in Zentralasien, die davon abhängig sind, dass ihre Bürger in Russland arbeiten und Geld nach Hause zu ihren Familien schicken.

5. дюбель

Die Werkstatt. Unendliche Weiten. Dies sind die deutschen Wörter, die inzwischen auch Russen verwenden: дюбель (DJUbel), also der Dübel, mit dem der Haken für ein Bild in der Wand befestigt wird. Лобзик (LOBsik), die Laubsäge oder inzwischen auch Stichsäge, mit deren Hilfe ein Rahmen für das Bild entsteht. Und, wenn einem das Bild irgendwann nicht mehr gefällt, man es abhängt, den Haken entfernt und nur noch ein Loch in der Wand hat, was braucht man dann? Klar doch, den шпатель (SPAtel).

6. капут

Die Lexikon-App auf meinem Handy verweigert sich: капут (kaPUT) kennt sie nicht, auch LEO hat keine Ahnung. Ja, okay, das Wort ist auch eher umgangssprachlich – immerhin schlägt Google Translate „aus“ und „erledigt“ vor. „Hinüber“ würde auch noch gut passen, im Sinne von „da kannst du nichts machen, Totalschaden – das Auto ist hinüber“. Am häufigsten tritt капут allerdings zusammen mit dem Mann auf, der in Deutschland Hitler heißt und den die Russen vorne mit einem G-Laut sprechen: Гитлер. Wenn sich Anfang Mai das Ende des Zweiten Weltkriegs jährt, sieht man schon mal Plakate für „гитлер капут“ (GITler kaPUTT)-Partys; 2008 lief auch eine Komödie mit diesem Titel im Kino. Aber natürlich können auch andere Dinge капут sein:

 

Game over 😫💕☠️. . #newdesign#minniemouse#капут

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7. шлагбаум

Besonders großzügig bedient haben sich die Russen beim deutschen Vokabular zum Thema „Recht und Ordnung“. Der шлагбаум (schlagBAUM), an dem man nicht so leicht vorbeikommt – heute hilft meist ein Ausweis, früher tat es auch die richtige лозунг (LOsung). Der штаб (STAB), der Dinge organisiert und leitet. Die штраф (STRAF), die Schwarzfahrer zahlen müssen, wenn sie erwischt werden. Einigen Begriffen merkt man noch ihren militärischen Hintergrund an: Der Weg, den zum Beispiel ein Linienbus durch die Stadt nimmt, heißt bis heute маршрут (marschRUT).

7. форшлаг

Wenn ein Mensch einem anderen Menschen einen Vorschlag macht, sagt man auf Russisch am besten предложение. Dass es außerdem auch das Wort форшлаг (farSCHLAG) gibt, liegt an der Musik. Dort gehören Vorschlag und Nachschlag/нахшлаг/(nachSCHLAG) zu den musikalischen Verzierungen. (Das hört sich dann in etwa so an wie hier.) Damit Chorsänger den richtigen Ton zu treffen, greift ihr Dirigent gerne mal zur Stimmgabel, die auf Russisch камертон (kammerTON) heißt. Und wenn die Musiker richtig gut sind, ist sicher auch mal ein Gastspiel irgendwo drin, auf Russisch: гастроль (gastROL). Wer weiß, vielleicht ja in einem idyllischen курорт (kurORT).

Welche französischen Wörter es im Russischen gibt, steht hier.

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Russball, Folge 15: Jogi Löw gerät unter die Deutschlehrer

Russball kscheib Suus Agnes 2 signed

Willkommen zur neuen Russball-Folge, die mit einer Zahl beginnt: 500.000. Laut FIFA sind schon mehr als eine halbe Million Bestellungen für WM-Tickets eingegangen, seit der Verkauf letzte Woche begonnen hat.

Im Moment läuft die erste von vier Verkaufsphasen, in der man feste Reihen von Karten kaufen kann, zum Beispiel für einen bestimmten Ort oder ein bestimmtes Team. Wer in Russland lebt, für den gibt es übrigens eine eigene Kategorie mit besonders preisgünstigen Tickets – schließlich haben viele Fans hier deutlich weniger Geld zur Verfügung als in anderen WM-Teilnehmerländern.

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⚽  Konstantin Rausch vom 1. FC Köln hat mit Futbol darüber gesprochen, wie es zu seinem Einsatz für die russische Fußball-Nationalmannschaft gekommen ist und welche Verbindungen er zu Russland hat. Es geht sowohl um seine Lebensumstände (in einem sibirischen Kuhkaff geboren, ab dem fünften Lebensjahr in Deutschland) als auch ums Sportliche (Ausdauer, Geschwindigkeit, gute Flanken nennt er als seine Stärken). Man kann den ganzen langen Riemen von einem Gespräch hier nachlesen.

Oder man nimmt einfach die Erkenntnis mit, dass es in Russland offenbar ein Ritual gibt, wie es klischee-russischer nicht sein könnte. Gerade hat Rausch erzählt, dass es für ihn nicht schwer war, einen russischen Pass zu bekommen, da erklärt ihm die Interviewerin: „In Russland haben wir eine Tradition: Wenn du deinen Pass erhältst, musst du als erstes die letzten beiden Ziffern deiner Passnummer ansehen. Sie stehen für die Anzahl der Liter Alkohol, die du zur Feier des Tages trinken musst.“ Ich könnte jetzt hier noch einen Witz mit Konstantin Rauschs Nachnamen machen, aber dafür bin ich mir zu fein.

⚽ Endlich mal eine Kick-Off-Veranstaltung, die den Namen verdient: Am Goethe-Institut hier in Moskau war letzte Woche großes Gewusel zum Start in ein russlandweites Projekt. Dabei lernen Kinder Deutsch, indem sie sich mit Fußball beschäftigen. Die Schüler zwischen 11 und 13 Jahren, die bei „Mit Deutsch zum Titel“ mitmachen, bekommen jede Woche zwei zusätzliche Unterrichtsstunden: eine zum Fußballtraining, eine zum Deutschlernen mit Fußballbezug.

kscheib Russball Goetheinstitut Wladislaw Schaworonkow

Zum Anpfiff (schön stilecht mit Trillerpfeife) waren einige Schüler aus Moskau direkt ins Institut gekommen. Wladislaw Schaworonkow, einer der beteiligten Deutschlehrer, hat das Foto aufgenommen – vielen Dank dafür! Der Schirmherr des Projekts spricht selber übrigens zwar nicht immer Hochdeutsch, aber gut, dafür kennt er sich mit der anderen Hälfte des Projektes gut aus: Jogi Löw hat den Job übernommen. Das kann man ja dann auch direkt mal als Anlass nehmen, um über Umlaute zu sprechen.

⚽ Hat man eigentlich mal wieder was gehört, wo die deutsche Nationalmannschaft während der Fußball-WM wohnen will? Letzter Stand war ja, dass Sotschi noch im Rennen ist – der Strand, die Ruhe, die kurzen Wege. Die USA jedenfalls haben sich laut Sports Illustrated bereits entschieden, und zwar für St. Petersburg. Jetzt fehlt nur noch eines: Die US-Mannschaft muss sich für das Turnier auch qualifizieren.

⚽  Spannung, Tore, Fangesänge, Debatten über Schiedsrichterentscheidungen. Einige Dinge, die die Fußball-Weltmeisterschaft mit sich bringt, fallen einem sofort ein. Russlands Zentralbank hat nun auf etwas hingewiesen, was wohl nicht jeder Fußballfan direkt mit der WM verbindet: Inflation. Durch die steigende Nachfrage werden demnach rund um die Austragungsorte wahrscheinlich die Preise steigen, wenn auch nur kurzfristig. Insgesamt sind elf Städte davon betroffen.

⚽ Pyros im Stadion sind in Russland leider keine Seltenheit. Beim Champions-League-Spiel von Spartak Moskau gegen Maribor flog aus dem Spartak-Fanblock eine Leuchtrakete in Richtung des deutschen Schiedsrichters Deniz Aytekin und nur knapp an ihm vorbei:

Die UEFA wird sich morgen, am Donnerstag, mit dem Vorfall befassen. Auf die Entscheidung blicken auch viele Engländer mit großem Interesse, denn Spartaks nächstes Spiel geht gegen den FC Liverpool. Falls die UEFA entscheidet, dieses Spiel zur Strafe ohne Publikum stattfinden zu lassen, würden viele Liverpool-Fans ihre Reisepläne sicher noch mal überdenken.

⚽ Und als hätte Spartak damit nicht genug Baustellen, haben sie es in der Liga noch nicht mal geschafft, den FK Tosno zu besiegen. Dabei war Tosno nach einer Roten Karte den größten Teil des Spiels in Unterzahl. Der amtierende Meister erreicht nur ein 2:2 gegen den Dreizehnten der Tabelle. Das ist, als scheitere Bayern München an Eintracht Frankfurt.

Nach dem Abpfiff soll es bei Spartak in der Kabine ziemlich abgegangen sein: „Wollt ihr, dass ich gehe? Macht ihr das absichtlich?“ soll Trainer Massimo Carrera gefragt und danach einen nicht näher bezeichneten Gegenstand an die Wand geworfen haben. Und Bombardir.ru analysiert so schlicht wie vernichtend: „Spartak hat vergessen, wie man gewinnt.“ Unterm Strich: Keine Situation, wo man als Journalist bei einer Pressekonferenz unbedacht lachen sollte.

⚽ Letzte Woche hab ich hier schon auf das Foto-Essay hingewiesen, mit dem Sports.ru Jekaterinburg vorgestellt hat, eine der Gastgeberstädte der Fußball-Weltmeisterschaft. Nun ist mir noch eines begegnet, die Bilder sind schon von Ende August, diesmal geht es um Samara. Die Stadt liegt südöstlich von Moskau, auch dort sollen WM-Spiele stattfinden, allerdings hängt man mit den Vorbereitungen etwas hinter dem Zeitplan.

Hässliche Wohnklötze, dafür die Lage der Stadt direkt an der Wolga – ein Blick auf Samaras Kontraste lohnt sich. Und wer danach noch Interesse hat, klickt hier für eine Übersicht der schäbigsten Ecken der Stadt. Sie sollen bis zur Weltmeisterschaft im kommenden Jahr hinter hohen Zäunen versteckt werden, damit Besucher sie nicht zu Gesicht bekommen.

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Mit einer Zahl ging es diese Woche los, mit einer anderen Zahl hören wir auf, es ist ein Negativrekord: 64 – so einen niedrigen Rang auf der FIFA-Liste hat Russland noch nie gehabt. Mal sehen, ob sich Russland da bis zum WM-Beginn in neun Monaten wieder ein bisschen weiter nach oben kämpfen kann.

Wenn ja, werde ich es hier selbstverständlich erwähnen – ihr könnt ja den Russball-Newsletter abonnieren, dann bekommt ihr es garantiert mit. Und nun packe ich den Zaunpfahl wieder ein und verabschiede mich bis zur nächsten Woche. Macht’s gut!



 

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Phallsche Freunde

дылда russisch

Was beim Russisch lernen ja sehr hilft: Freunde, die sprachlich schon ein Stück weiter sind und deshalb die wirklich unterhaltsamen Vokabeln kennen. Neulich kamen Frances, die seit Jahren hier lebt und mit einem Russen verheiratet ist, und ich aufs Thema „falsche Freunde“. Auf Wörter also, die klingen, als ob sie eine Sache beschreiben, in Wirklichkeit aber ganz etwas anderes bedeuten.

Ein paar Beispiele: Das russische „шлагбаум“ [schlagBAUM] bezeichnet tatsächlich eine Schranke und ist damit ein echter Freund. Aber „ангел“ ist keine Angel, sondern ein Engel, „фамилия“ nicht die Familie, sondern der Nachname, und „шах“ nicht Schach, sondern ein Schah. Ziemlich falsche Freunde.

Um Frances‘ Vokabel zu verstehen, muss man wissen, dass ein unbetontes O im Russischen als A gesprochen wird. (Das macht die Chorproben immer sehr feminin, wenn wir pianissimo, gesprochen [piaNIssima], singen und der Dirigent am Ende bravo, gesprochen [BRAva], ruft.) Was also würde man von einem russischen Wort erwarten, das [DILda] gesprochen wird? Klar, ein Dildo. Ist es aber nicht – дылда nennt man einen großen, schlanken Menschen. Einen Schlaks, einen langen Lulatsch.

Noch schöner – und komplett unmissverständlich – ist übrigens das Wort, das Russen benutzen, wenn sie wirklich „Dildo“ meinen: фаллоимитатор. Gesprochen: [fallaimiTAtar]. Und was machen Sie so beruflich? Ach, ich bin Phalloimitator.

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Der freundliche Schrankenmann

„Sie sind… Sie sind eine… eine…“ Eine Hand greift in die Jackentasche, holt einen Zettel hervor und faltet ihn auf. Dann, langsam vorgelesen, jede Silbe betont: „Sie sind eine sehr attraktive deutsche Dame.“

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Wenn Menschen in Russland mitkriegen, dass man aus Deutschland kommt, ist das Repertoire an Reaktionen nicht sehr groß. Taxifahrer fangen an, laut Musik von Rammstein zu spielen und mitzusprechen: „Du… Du hast… Du hasst mich… Du hast mich gefragt.“ Manche Leute reden von der Bundesliga, wollen wissen, was ein Visum kostet oder erzählen, dass sie selber ein bisschen Deutsch können. Es folgt ein kurzer Moment des Hoffens, dass es nicht wieder „Heil Hitler“ sein möge, sondern, wie neulich: „Komm an die Tafel! Schlagt die Bücher auf!“

Der freundliche Schrankenmann ist eine mehrfache Ausnahme. Erstens, weil er aus dem Team an Schrankenmännern – unser Eingang wird immer von mindestens dreien gehütet – der einzige ist, der zurückgrüßt oder auch nur Blickkontakt aufnimmt. Silvester waren wir um Mitternacht auf der Straße und haben dem Wärter, der diese Schicht erwischt hatte, eine Schachtel Pralinen gebracht. Keine Regung, nur eine Handbewegung, um den Karton anzunehmen.

Der freundliche Schrankenmann winkt, lacht, und er lernt Deutsch. Schon sein Vater hat sich für die Sprache interessiert, hat er mal erzählt, jetzt hört er selber deutsches Radio, zum Üben. Und manchmal hat er Fragen: Wie sagt man auf Deutsch „Die Sonne scheint wie auf Jamaika“? Was heißt das „fröhlich“ in „fröhliche Weihnachten“? „Lieben Sie den Sommer oder den Herbst?“ Und könnte man ihm vielleicht aus dem Urlaub zuhause was mitbringen, „einen kleinen deutschen Schnaps“? Einen Killepitsch hat er bekommen, auch manche Nachbarn haben ihm schon was zu Trinken mitgebracht.

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Neulich kam der erste Wiederholungs-Besuch aus Deutschland extra mit Schokolade im Gepäck, „für euren Schrankenmann.“ Er ist ein Stückchen Zuhause, ein lieb gewonnenes Gesicht, eine Institution. Der man es dann auch verzeiht, dass sie den Spickzettel aus der Jackentasche schon für mehrere „attraktive deutsche Damen“ recycelt hat.

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Chorprobe in Babylon

Kraniche Pixabay

Wer glaubt, dass es bei einer Chorprobe ums Musizieren geht, um die richtigen Harmonien, Artikulation, Dynamik, der hat Recht, aber halt nur halb. Es geht auch und vor allem um die Pausen. Das unterscheidet Sänger nicht groß von Bolzplatzhelden und Golfern am 19. Loch.

Beim Moscow International Choir sind die Pausen erst recht wichtig, weil sich da die russischen Sänger Zeit nehmen, uns anderen noch mal zu erklären, was der Dirigent eben gewollt hat, wie ein Wort auf drei U-Laute enden kann oder was Бемоль (beMOLL) bedeutet. (Natürlich nicht b-Moll, das wäre ja einfach.)

Sprachlich treffen wir uns dazu meist im Englischen, auch wenn die wenigsten von uns Muttersprachler sind. Und dann kommt, was ich in all seiner Kreativität und Absurdität liebe: Der Versuch, aus Vokabeln und Anekdoten, aus gemeinsamen Bezügen (also bei Dirty Dancing… also in der Bibel…), aus Pantomime und Ausdruckstanz, aus „Sag das Wort mal in Deiner Sprache“ und „Kennst Du das Wort noch in einer anderen Sprache?“ ein gemeinsames Verständnis zu erreichen. Der folgende Dialog ist echt:

Katja: „Hey, Katrin, I’m trying to explain to Cathérine what this song is about. Are storks and cranes the same birds?“

Katrin: „Don’t think so, no – storks bring babies. Putin flew with cranes.“

Cathérine: „But what are they in French, do you know?“

Katrin: „No idea.“

Cathérine: „Can you say the German words?“

Katrin: „Storch und Kranich.“

Cathérine: „Never heard those before.“

Katja: „There is also a third kind, they are grey and walk on the shore to find food.“

Katrin: „Yes, aren’t they herons? They’re called ‚Reiher‘ in German.“

Cathérine: „Ah, heron, that’s actually the same in French, héron. Is the song about them?“

Katja: „No, the bird on the shore is ‚tsapplya‘ in Russian, but this song is about a flock of zhuravli. May be cranes, may be storks. Can you look it up?.“

Katrin: „Sure… it says ‚grue‘, does that make any sense?“

Cathérine: „Ah, grue – yes of course. And what about them?

Katja: „They fly past and remind the singer of friends who have died in the War.“

Kein Problem, wenn der Lösungsweg komplexer ist als die Ausgangsfrage. Darum sind wir ja hier (und wegen der Musik).

 

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Wie man dem FC Schalke das Russischsprechen abgewöhnt

Und dann kam plötzlich der Tag, an dem der FC Schalke begann, Russisch mit mir zu sprechen. Jedenfalls auf Facebook.

Schalke Facebook Russisch

Dass da was von Schalke steht, gehört so. Dass es auf Russisch ist, eher nicht. „Unser Kapitän Benedikt Höwedes,“ okay, aber dann? Irgendwas mit Movember, verdammt langes Adjektiv, und dann „mehr zum Movember unter diesem Link.“ Es ist derselbe Rechner wie immer, er hat dieselbe IP-Adresse. Wieso also auf Russisch?

Der Grund sind die „Global Pages“, die es Unternehmen ermöglichen, über eine einzelne Firmen-Facebookseite viele verschiedene Versionen auszuspielen; je nachdem, wo der Leser sitzt. Eine auf Deutsch für Fans in Deutschland und Österreich, eine auf Schwedisch für Fans in Schweden, eine auf Russisch für Fans in Russland und so weiter.

Was diese Variante für Vor- und Nachteile für die Firmen hat, kann man hier ziemlich detailliert nachlesen. Muss man aber auch nicht. Entscheidend ist, dass diese gar nicht mehr so neue Seitenstruktur bei Facebook neuerdings auch Sportvereinen offen steht.

Wer also demnächst im Ausland plötzlich von Schalke, den Bayern oder diesem einen Dortmunder Verein, auf den ich gerade nicht komme, in der Landessprache angesprochen wird, sollte wissen: Das gehört so. Wer es nicht mag, der klickt im Header der Facebookseite oben rechts auf die drei Pünktchen und sucht sich eine andere Sprache aus. Dann ist Höwedes wieder Kapitän statt капитан.

Schalke Facebook

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Wortfindungstweets

Was fehlt: ein mit #wasfehlt verwandter Hashtag für ein Phänomen, das bei Twitter immer wieder auftritt. Englisch-Sprecher, die Schadenfreude, Wanderlust, Zeitgeist und Leitmotiv kennen. Die sich freuen über ein neu kennengelerntes Backpfeifengesicht, einen Kabelsalat, einen Kummerspeck.

Twitterer, die daraus schließen: Mannmannmann. Dieses Deutsch hat wohl für jeden komplexen Sachverhalt ein Substantiv.
Und dann sowas hier twittern – zum Beispiel aus dem Bereich „Frust und Weltschmerz“.

Schön bei den beiden hier, dass jeweils in den Replies Variationen von „Schadenfreude“ vorgeschlagen werden: Snackenfreude und Foodenfreude.

Und aus diesem hier…

…ist parallel zum Schreiben dieses Blogposts ein kleiner Twitter-Dialog entstanden, aus dem ich dann auch ein neues Wort gelernt habe: hwyl. Scheint nach dieser Erklärung hier sowas wie Schmackes zu heißen.

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