So viel Spaß für wenig Geld: 2000 Rubel

Keine WM mehr, das heißt: Endlich Zeit, das zu bloggen, was in den letzten Wochen liegengeblieben ist. Dazu gehört ein 2000-Rubel-Schein, der hier auf dem Schreibtisch lag, damit ich ihn nicht versehentlich ausgebe.

Der 2000er und der 200er sind beide noch recht neu im russischen Banknotensortiment. Ich wusste also, dass sie bunter sind als die anderen, mit leuchtenderen Farben, und dass sie irgendwelche tollen Sicherheitsmerkmale haben. Auf der einen Seite des 2000ers ist das Kosmodrom Wostotschny zu sehen, der Weltraumbahnhof, der mal Baikonur ablösen soll:

2000 rubel augmented reality wostotschny

Die andere Seite zeigt die Russki-Brücke von Wladiwostok:

2000 Rubel augmented reality

Das war mein Kenntnisstand, bis wir mit ein paar Leuten in einem Café saßen und P., meine frühere Sprachtandem-Partnerin, sagte: Jetzt passt mal auf, ich zeig euch was. Handy raus, App geöffnet, Ergebnis: Fünf Menschen machen große Augen. Denn zu den Geldscheinen gibt es eine Augmented-Reality-Version. Also hab ich nachgeschlagen, wie man das Bild auf seinem Handybildschirm mitschneidet, und dann auf der Fensterbank ein kleines Experiment gestartet.

Okay, das ruckelt ein bisschen, wenn ich zu nah dran gehe, aber ansonsten ist das schon sehr schick gemacht: Wie die Planeten da um die Sojus-2-Rakete kreisen, die auf dem Weltraumbahnhof auf ihren Start wartet. Habt ihr die Erde gesehen? Warte, da kommt sie wieder vorbeirotiert!

Dann die Rückseite, das mit den Autos auf der Brücke ist auch ziemlich klasse – auch, wenn beim Rauszoomen irgendwann die Bereiche der Straße ins Blickfeld kommen, wo die animierten Autos plötzlich verschwinden. Unterm Strich aber eine feine Spielerei, und die Zutaten – Geld und Handy – hat man ja meistens dabei. Nächstes Mal bin also ich diejenige, die im Café sagt: Jetzt passt mal auf, ich zeig euch was.

(Mit Dank an Matt fürs Identifizieren der Rakete und an Iuliia für Hilfe beim Video.)

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Putin der Woche (XXXII)

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Gesehen: Im Handy-Spiel „Демократия“ (Demokratie). Das Prinzip ist einfach: Baut man drei Dollarbündel nebeneinander, entsteht daraus ein Schaf. Aus drei Schafen wird ein Wähler, aus drei Wählern ein Wahllokal, aus drei Wahllokalen eine Wahlurne, aus drei Wahlurnen ein Abgeordneter, aus drei Abgeordneten ein Weißes Haus, aus drei Weißen Häusern ein Dmitri Medwedew und, endlich, aus drei Medwedews ein Putin. Und bei jedem Schritt erscheint Russlands derzeit berühmtester Schnurrbart, Regierungssprecher Dmitri Peskow, und gibt seinen Senf dazu.

Begleitung: Neben den schon erwähnten Vorstufen zum Präsidenten ist vor allem der Bereich über dem Spielfeld interessant. Eine Wüste in der prallen Sonne, in der irgendwann ein bärtiger Mann mit Maschinengewehr erscheint und „“Allahu akbar“ ruft. Es folgt ein russisches Militärflugzeug und, kurz darauf, Baschar al-Assad. Er wirft ein paar Goldmünzen in die Luft, die direkt auf das Konto des Spielers gehen.

Text: „Innovation, Skolkowo, Retweet! Schaffst Du drei Präsidenten in einer Reihe? … welche Verfassung?“

Subtext: Aus Schafen werden Wähler, und am Ende erscheint Putin? Die Macher dieser App haben jeglichen Subtext überflüssig gemacht.

Oben-Ohne-Punkte: 0/10

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Wählen Sie jetzt die Nummer 1945!

Mein Mobilfunkanbieter möchte mit mir 70 Jahre Kriegsende feiern. Er teilt mir das abends mit, und auf den ersten Blick denke ich, mein müder Kopf hat da was falsch übersetzt.

Beeline Sonderangebot

Schon seit Wochen gibt es hier „70 Jahre Sieg“-Glückwunschkarten in den Läden, in Russlands Farben, aber auch mit vielen Design-Zitaten aus der Sowjetunion. Auf der riesigen Leuchttafel an der Ecke Arbat und Neuer Arbat, die den Abendhimmel immer nach Gewitter aussehen lässt, erscheint schon im März regelmäßig ein Siegesslogan.

Da kann mein Bauchgefühl noch so sehr sein, dass man mit der Erinnerung an einen Sieg, der Millionen russischer Leben gekostet hat, vielleicht besser nicht seine Produkte bewerben sollte, wenn man die Kunden nicht vergrätzen will. Aber so scheint hier keiner zu denken. Schließlich hängt hier jeder Friseur und jede Apotheke Plakate ins Schaufenster, die das Ergebnis des „Großen Vaterländischen Krieges“ nicht etwa würdigen – das wäre die falsche Wortfamilie – sondern in Knatschfarben in die Welt rausplärren.

Beeline muss also wohl eher keinen Backlash fürchten, wenn es sich zum allgegenwärtigen Hurrapatriotismus folgende Produktideen einfallen lässt:

„Lieber Kunde! Machen Sie mit bei unserer Aktion „Hurra Sieg!“ Alle Dienstleistungen der Aktion sind kostenlos. Melodien aus den Kriegsjahren statt des Freizeichens – „Katjuscha„, „Tag des Sieges„, „Dunkle Nacht„. Rufen sie kostenlos die Nummer 1945 an oder gehen Sie auf Mai9.ru/hurra“

Beeline SMS ganz

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Warum Kiew-Boryspil das Zeug zum Lieblingsflughafen hat

Kostenloses WLAN mit konstant gutem Signal. Ein Lächeln an der Passkontrolle (okay, das mag sich nur durch den Kontrast zu den Moskauer Flughäfen besonders anfühlen). Wer am Gate was essen will, hat zwar nur die Auswahl zwischen zwei „Henry“ Filialen, aber bei beiden gibt’s Focaccia und Obst.

Alles fein. Aber der eigentliche Grund, warum Boryspil auf meiner Favoritenliste ganz nach oben gerutscht ist, ist der hier:

Ladestation Kiew Boryspil

So, Düsseldorf. Und jetzt kommst Du.

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Drei kleine Geschichten zur Medienkompetenz

Als Arne klein war, hat seine Mutter ihm erklärt, dass man nicht zu allem seinen Senf dazu geben muss. Wer den großen Arne kennt – schlau, schnell, schlagfertig – kann sich vorstellen, dass der kleine Arne diese Erklärung öfter als nur einmal gehört hat. Der große Arne hat gerade keine Zeit, das zu bestätigen. Er sucht seit Wochen nach den richtigen Worten, um zu sagen: „Mama, bei aller Liebe: Bloß weil Du jetzt auch bei Facebook bist und noch nicht so viele Leute kennst, heißt das nicht, dass Du jeden meiner Einträge kommentieren musst.“

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„Mein Kollege liest, was Du schreibst. Kannst Du nicht mal beiläufig darüber schreiben, dass es sich gehört, im Büro das Handy auf lautlos zu stellen? Seins klingelt auf „Don’t worry, be happy“, und es macht mich raderdoll.“ Erledigt. Bitteschön. Ach so: dasselbe gilt übrigens für das Auslöser-Geräusch beim Fotografieren mit dem Handy. Nichts zu danken.

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Skypen mit Patenkind 2 (inzwischen fünf Jahre alt) und seinem Vater. Als der kurz aus dem Zimmer geht, hat P. sofort den Finger in der Nase.
– „…und Vietnam grenzt auch an China. Laos ja auch und…“
– „Komm, P., jetzt nicht popeln.“
– „…Nordkorea, die Mongolei…“
– „Echt jetzt, Finger aus der Nase!“
– „…Afghanistan…(geht zwei Schritte zur Seite, damit er nicht mehr im Bild ist) „…und Pakistan auch.“

(Dieser Text ist so ähnlich auch in der Wochenendbeilage der WAZ erschienen.)

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Pou, das Häufchen fürs Handy

Da ist ein Häufchen auf meinem Handy. Ich habe dafür 1,79 Euro bezahlt. Nach einer Party, wie das halt so ist.

Familienfeier, ringsum Schwippschwiegercousinen und -cousins im Schüler- und Studentenalter. Sie haben Häufchen auf dem Handy und erzählen, was da alles geht: mit dem Häufchen spielen, damit es fröhlich ist. Es schlafen schicken, wenn es müde ist. Ihm Kleidung kaufen und die Wohnung tapezieren. Es füttern, bis das Häufchen ein Häufchenchen macht. Wie ein Tamagotchi (Ältere werden sich erinnern), nur halt bunter, und nicht ei-, sondern häufchenförmig. In braun.

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Dass das Wesen – laut App-Beschreibung ein Alien – auch noch „Pou“ heißt zeigt allen, die Englisch sprechen, das Humorniveau der App-Entwickler: Seht, wir haben ihn endlich gefunden – den Weg, aus Scheiße Geld zu machen.

Denn die 1,79 habe nicht nur ich bezahlt. Kollege und Chef verweisen bei Pou-Fragen an ihre jeweiligen Töchter. Fragen im Freundeskreis ergeben: Nicht nur Nichten und Neffen sind Experten in der Häufchenpflege. Auch Erwachsene melden sich, ihr Häufchen sei seinerseits schon fast volljährig. Und falls sie alle ihrem Pou mal was gönnen wollen, gibt es ja In-App-Käufe. Zaubertränke zum Beispiel, für schnell ausgegebene Kleckerbeträge wie 89 Cent. Es läppert sich.

Eine Kollegin, die anonym bleiben möchte, gesteht dann noch: Sie müsse dringend mal wieder nach dem Häufchen schauen. Lange her, dass sie es gefüttert hat: „Aber die sterben ja nicht.“

(Dieser Text ist so ähnlich auch in der Wochenendbeilage der WAZ erschienen. Möglicherweise so gar einschließlich der Formulierung „aus Scheiße Geld machen“.)

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Sieben nützliche China-Apps

Was muss aufs Handy eines China-Reisenden? Diese sieben Apps helfen, sich einzuleben, von A nach B zu kommen oder mit anderen ins Gespräch. Die meisten dieser Apps sind kostenlos – und die, die was kosten, ihr Geld wert.

Das Zeichen für „Frau“ in der Schrifterkennung von KTdict

Pleco und KTdict C-D sind von vielen ausprobierten die besten Wörterbuch-Apps. Einfach zu bedienen, großer Wortschatz, Aussprache-Hilfen, alles da. Einmal Chinesisch/Englisch, einmal Chinesisch/Deutsch – wer doch mal eine Vokabel in der einen App nicht findet, kann mit der anderen ausgleichen.

Besonders gut an KTdict: Man kann mit dem Finger auf dem Display Schriftzeichen nachmalen und bekommt sie dann übersetzt.

Hinter Beijing on a Budget steckt Daniel McCrohan, der in China lebt und hier für den „Lonely Planet“ schreibt. In der App gibt er Tipps, wie man kostenlos oder für kleines Geld das Alltagspeking kennenlernt – zum Beispiel das Kaufhaus Tian Yi, in dem Chinesen Schnäppchen shoppen. Schal, Mütze, Notizblöcke, Handy-Hülle – ich bin mit zwei vollen Tüten rausmarschiert. Wer die App offline benutzen möchte, braucht die Bezahlversion.

MotionX-GPS ist keine spezifische China-App, aber seit zwei Jahren meine Begleitung. Nicht nur, weil man so von jedem neuen Ort eine Landkarte in der Tasche hat (vorher im WLAN runterladen). MotionX nutzt das GPS-Signal, um einem auf dieser Karte auch zu zeigen, wo man ist – und zeichnet den gelaufenen Weg auf. Heißt also: Einfach loslaufen in der neuen Stadt. Wenn jegliche Orientierung verschütt geht, kann man immer noch den getrackten Pfad zurücklaufen.

Besonders hohe Werte bei der Luftverschmutzug schickt die App auf Wunsch auch als Push-Meldung

Die Luft in Peking ist vielleicht nicht ganz so schlecht wie in Delhi, aber immer noch so ungesund, dass man es merkt. Brennen im Rachen, juckende Augen. Wie schlimm ist es heute? Atemmaske anziehen? Die Infos liefert CN Air Quality.

Während offizielle Daten zur Luftverschmutzung oft überraschend positiv sind, verwendet diese App als Quelle unter anderem Messwerte der Pekinger US-Botschaft. Die gibt es auch hier bei Twitter.

Von den zahlreichen U-Bahn-Plänen bin ich mit Explore Metro immer gut gefahren. Leicht zu bedienen, übersichtlich – außerdem gibt es Nutzer-Tipps, was man an den einzelnen Haltestellen unternehmen kann. Wenn jetzt bitte jemand noch was ähnlich Gutes für Busse programmieren könnte.

Keine Lust auf Körperkontakt in der U-Bahn? Taxis sind in Peking lächerlich billig. Allerdings müssen Aussprache-Anfänger mit Dialogen wie diesem leben: „Bitte nach Dongzhimen.“ – „Dongzhimen?“ – „Nach Dongzhimen.“ – „Dongzhimen?“ – „Dongzhimen!“ – „Ach DONGzhimen!“ (Folgt Wortschwall, der wohl grob bedeutet: Komische Ausländerin, hätte se ja auch mal direkt sagen können.)

Manchmal ist das lustig, für alle anderen Fälle zeigt TaxiBook gut lesbar auf dem Handybildschirm an: „Guten Tag, bitte bringen Sie mich nach…“ Bei der Liste der Ziele fehlt die Deutsche Botschaft, aber die Kanadische direkt nebenan ist drin.

Und hier ein paar Apps, die ihr euch sparen könnt: City Weekend (zeigt bei der Suche nach Veranstaltungen in Peking welche in Shanghai an), Beijing Guide (arg spärlicher Inhalt), Doodle Chinese (langweilig), Every Trail (hakelige Handhabung, ungenaue Ortung), China Goggles (tut’s nicht), Lost in China (tut’s nur selten).

 

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