Russball, Folge 47: Ein neuer Job für Witali Mutko

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Zwei Dinge sind geschehen zwischen der letzten Russball-Folge und dieser hier. Erst mal war re:publica in Berlin, eine gute Gelegenheit, den Horizont ein bisschen zu erweitern, Freunde und frühere Kollegen zu treffen. Es gab einen kleinen Talk darüber, wie Podcasts den Sportjournalismus verändern, das fand ich ganz interessant – könnt ihr euch hier ansehen oder anhören.

Außerdem ist eine DFB-Delegation nach Russland gereist, um organisatorische, aber auch sehr viel komplexere Themen anzugehen: Fair Play, Menschenrechte, Gedenken an den Zweiten Weltkrieg. Nach dem, was Präsident Reinhard Grindel dazu am Montag hier in Moskau erzählt hat, nehme ich dem DFB ab, dass er sich ernsthaft bemüht, diesen Themen gerecht zu werden. Warum mich die Haltung zu Russland und Menschenrechten trotzdem nicht überzeugt, habe ich hier aufgeschrieben.

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⚽ Was bedeuten diese vier Emojis? 🚂🏅🔥🙏 Ganz klar: Lokomotive Moskau ist russischer Fußballmeister, und der Mann, der diese Symbole aneinanderreihte, ist deshalb begeistert und dankbar: Ilja Gerkus, Präsident des Vereins, postete kurz nach der Entscheidung diesen Jubeltweet: „Wir sind Meister! Das ist fantastisch, kosmisch, unwirklich. Unglaublich! Aber wir haben es geschafft! Zusammen! Vom allerersten Anfang bis zum Moment des Sieges! Danke an alle, die zu uns gehalten und an uns geglaubt haben. Begreifen werden wir das erst später. Lasst uns uns bis dahin einfach freuen! Lokomotive ist Meister!“ (Bereut schon jemand, dass man bei Twitter heutzutage 280 statt 140 Zeichen hat?)

Seinen Jahresvorrat an Ausrufezeichen hat Gerkus damit aufgebraucht – aber wann denn bitte auch sonst, wenn nicht in diesem Moment? Endlich wieder Meister, nach 14 Jahren Durststrecke, und dann auch noch unter Juri Sjomin, der Jahrzehnte seines Lebens investiert hat, um Lokomotive zu dem Verein zu machen, der er heute ist. Der Mann ist, in den Worten von „Sowetski Sport“, der „letzte russische Toptrainer“. Demnächst wird Sjomin 71. Gerade hat er seinen Vertrag bei Lokomotive verlängert.

⚽ Auch eine Liga weiter unten wird gefeiert: In der WM-Stadt Samara ist der örtliche Klub soeben in die Premjer-Liga aufgestiegen, vor vollem Haus. Und ich möchte dazu gerne mehr lesen und mich mitfreuen und euch hier im Newsletter erzählen, wie begeistert die Fans gefeiert haben. Aber je mehr ich bei Twitter rumsuche, desto lauter plärrt mein pubertierendes Unterbewusstsein dazwischen: „Ziemlich unglücklichen Twitternamen hat der Verein, was? @fckssamara, wer denkt sich denn sowas aus?“ Ich kann so nicht arbeiten.

⚽  Ihr erinnert euch an Witali Mutko und seine vielen, vielen Ämter? In der Politik, als Fußballfunktionär, bei der WM-Vorbereitung? Und wie diese Ämter nach und nach immer weniger wurden, je mehr über das systematische Doping zu seiner Zeit als Sportminister berichtet wurde? Seit dieser Woche hat Mutko nun auch kein Regierungsamt mehr, das irgendwie mit Sport zu tun hat. Bisher war er ja noch Vize-Premierminister mit Zuständigkeit für den Sport.

Witali Mutko bei einem Treffen mit Präsident Putin. Als dieses Bild entstand, war Mutko noch Sportminister.  (Foto: Kremlin.ru)
Witali Mutko bei einem Treffen mit Präsident Putin. Als dieses Bild entstand, war Mutko noch Sportminister.
(Foto: Kremlin.ru)

Nun wurde Wladimir Putin ins Präsidentenamt wiedereingeführt, sein Premierminister Medwedjew stellte die Pläne fürs neue Kabinett vor, und siehe da: Mutko bleibt zwar Vize, muss die Zuständigkeit für den Sport aber abgeben und soll sich stattdessen um Bauprojekte und regionale Entwicklung kümmern. Wenn selbst die staatliche Nachrichtenagentur Tass berichtet, dass die Mutko-Personalie für Unruhe unter den anwesenden Abgeordneten geführt hat, merkt man, wie klar auch den russischen Politprofis ist: Hier wird wieder einmal demonstrativ die Regel bestätigt: Putin ist loyal zu seinen Leuten und sorgt dafür, dass sie versorgt sind.

⚽  Manchmal habe ich das Gefühl, die Berichterstattung über Diskriminierung im russischen Fußball läuft immer in denselben Phasen ab. Erst gibt es einen Vorfall – Affenrufe, beiläufig rassistische Kommentare. Jemand meldet es, gerne Journalisten. Unterdessen Empörungswelle in Russland, das ist ja wohl kein Rassismus, muss man ja wohl noch sagen dürfen, und überhaupt, ich hab nichts gehört. Es folgt meist eine Strafe, die dann recht milde ausfällt. Dann warten alle auf die nächste Runde.

Wer einen tieferen Einblick gewinnen möchte, wie es hier im Land mit Rassismus im Fußball aussieht, der sollte lesen, was Bryan Idowu (Oder Brian? Auch das war ein Aha-Moment) dazu zu sagen hat. Er ist Profifußballer, Sohn eines Nigerianers, in Russland geboren und aufgewachsen, und hat vieles selbst erlebt: Beschimpfungen auf der Straße, Racial Profiling in der Metro, Beleidigungen auf dem Platz. Aber er sieht auch Fortschritt. Faszinierender Mann, das Porträt kann man hier nachlesen.

⚽  Mit dem Wort „Diskriminierung“ fasst auch Sport Express einen Sachverhalt zusammen, von dem ich noch nie gehört hatte. Wer es im russischen Profifußball zu etwas bringen will, der sollte am besten im Januar oder Februar geboren werden, lieber nicht im November oder Dezember. Ich dachte erst, das soll eine Glosse werden – eine statistische Anomalie benennen, dann ein bisschen weiterspinnen, ein oder zwei Pointen finden. Aber nein, Autor Gosha Chernov hat seine statistischen Hausaufgaben gemacht, hat möglicher Verzerrungen durch die Geburtenrate rausgerechnet, es bleibt dabei: Schau dir die besten Spieler beim russischen Fußballnachwuchs an, egal in welcher Altersklasse – sie sind zu Beginn des Jahres geboren.

Warum? Die Auflösung hat mit dem System zu tun, wie Nachwuchsförderung in Russland funktioniert: Vielversprechende Talente werden immer jahrgangsweise gesichtet – und da haben die Januarkinder den Dezemberkindern nun mal ein ganzes Jahr an körperlicher Entwicklung voraus. „Stellen Sie sich das mal vor“, schreibt Chernov, „Sie bringen ihren Sechsjährigen zu einer der besten (Sport)schulen des Landes. Die Trainer schauen sich aufmerksam hundert oder mehr Kinder an, aber Ihr Kind wird nicht angenommen mit den Worten: ‚Kommen Sie nächstes Jahr wieder, der Kleine muss noch wachsen.‘… Und das geschieht dann jedes Jahr.“

Wozu das führt, zeigt eine Grafik, für die Chernov alle Spieler der beiden obersten russischen Ligen nach Geburtsmonat sortiert hat: Der Januar schlägt sie alle, um Längen. Offenbar lässt sich das sogar teilweise auf den deutschen Fußballnachwuchs übertragen, von der Schalker U17 zum Beispiel sind nur vier Spieler in der zweiten Jahreshälfte geboren. Ich hab das dann spaßeshalber auch mal schnell bei der deutschen Nationalmannschaft durchgezählt, am Beispiel des Kaders für das Länderspiel am 27. März. Was soll ich sagen: 26 Mann, die Hälfte davon feiert zwischen Januar und April Geburtstag. Ein Phänomen, von dem ich noch nie gehört hatte, und das mich jetzt ziemlich fasziniert.

⚽ Von den riesigen Entfernungen, die russische Ligafußballer zu ihren Auswärtsspielen zurücklegen müssen, war hier ja schon öfter die Rede. Dass das selbst bei einem Derby gelten kann, zeigt aktuell dieser Tweet:

⚽ Dann hat noch Andrei Arschawin das Ende seiner Spielerkarriere angekündigt, was man vielleicht ein enig einordnen muss. Ja, okay, der Mann spielt aktuell irgendwo in Kasachstan. Aber zu seinen besten Zeiten hat er nicht nur mit Zenit St. Petersburg einen Erfolg nach dem anderen eingefahren, er war auch einer der wenigen russischen Spieler in jüngerer Zeit, die den Durchbruch im internationalen Spitzenfußball geschafft haben.

Als Arschawin 2009 zu Arsenal nach London ging, war er der teuerste Spieler im gesamten Team. Was nun kommt, nach dem Ende der aktiven Karriere? Normalerweise würde man ein Statement erwarten wie „Mehr Zeit mit der Familie“, allerdings scheint Arschawins Frau einen ziemlichen Vollschuss zu haben. Da klingt es ganz plausibel, dass er direkt von möglichen anderen Aufgaben im Profifußball spricht, die er sich vorstellen kann.

⚽ An dieser Überschrift konnte ich einfach nicht vorbeiscrollen: „Wie geht es dem ältesten Fußballclub in Russland – der offiziell schlechtesten Mannschaft des Landes?“ Der Autor verspricht eine Geschichte darüber, „wie eine große Vergangenheit unter dem Druck der harten Gegenwart bröckelt.“ Das ist dann aber auch genug Lyrik, es geht ab nach Orechowo-Sujewo. In Deutschland wäre das eine Großstadt, hier ist es halt irgendein Provinzort, eine Stunde Autofahrt von Moskau. Zehn Jahre vor der Russischen Revolution gründeten Fußballfans hier den Verein „Snamja Truda“, übersetzt heißt das „Das Banner der Arbeit“.

Heute weht das Banner auf Halbmast, bestenfalls: Wer den Verein in einer Tabelle finden will, der muss schon im drittklassigen Bereich gucken – und dann am besten unten anfangen. Die Spieler, berichtet Bombardir, bekommen hier so niedrige Gehälter, dass sie sich anderswo etwas hinzuverdienen müssen – aber immerhin, sie werden pünktlich bezahlt, das ist im russischen Profifußball keineswegs garantiert. Trotzdem ist das hier keine Reportage aus dem Tal der Tränen. Die Fans haben mit ihrem Verein Tragödien überstanden, gegen die die aktuelle Saison mit einer Tordifferenz von -50 kaum erwähnenswert ist. Es ist auch eine Geschichte über Tradition und über Stolz, die sich zu lesen lohnt.

⚽ Zenit St. Petersburg verdient sich ganz gut was dazu, indem es die Spieler, die gerade nicht erste Garnitur sind, an andere Vereine verleiht. So weit, so bekannt. Ein Mitarbeiter von Championat.com hat jetzt mal nachgezählt, und siehe da: In diesem Sommer kommt gleich eine komplette Fußballmannschaft aus der Ausleihe zurück zu Zenit – elf Spieler, die bisher in Frankreich, Griechenland, der Türkei oder anderswo in Russland im Einsatz waren. Das Timing ist auch deshalb interessant, wiel alles danach aussieht, dass Trainer Roberto Mancini bei Zenit aufhört, um die italienische Nationalmannschaft zu übernehmen. Der neue Trainer kann dann also aus dem Vollen schöpfen.

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Zum Schluss verlassen wir noch kurz Russland und blicken über die Grenze rüber, in die Ukraine. Ihr erinnert euch an die vielen russischen Hotels, die dabei erwischt wurden, wie sie rechtzeitig zur Weltmeisterschaft ihre Preise drastisch erhöhten? In Kiew sieht es ganz ähnlich aus: Die ukrainische Hauptstadt ist Ende des Monats Gastgeber für das Champions-League-Finale, auch hier wollen sich Hoteliers damit eine goldene Nase verdienen.

Doch ukrainische Fußballfans halten dagegen, sie wollen die Abzocke verhindern. „Gratis-Unterkunft für Fans“ nennen sie ihren Service, den sie über Facebook organisieren. Anreisenden Fußballfans können sich dort melden und sollen dann einen Schlafplatz bei Fans vor Ort finden. Fußball-Couchsurfing, als Solidaritätsaktion. „Los jetzt“, heißt es auf der Facebookseite unter einer Suchanfrage von vier Liverpool-Fans aus Malta, „zeigen wir ihnen, dass Kiew eine gastfreundliche Stadt ist!“

Nächste Woche mehr – bis dahin könnt ihr eure Freunde, Kolleginnen und Familie gerne auf den Russball-Newsletter hinweisen. Es ist zwar nur mein kleines Spaßprojekt, aber je mehr Leute mitlesen, desto größer die Motivation. Bis dann, macht’s gut!



 

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Russball, Folge 29: Witali Mutko tut der FIFA einen Gefallen

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Wer Fußball sagt, muss auch Maniküre sagen. Doch, wirklich. Ich wollte diese Russball-Folge sogar damit beginnen, aber dann hat sich Witali Mutko vorgedrängelt. Darum also jetzt: erst Mutko, dann Maniküre, und dann, zum letzten Mal in diesem Jahr, alles, was ihr sonst noch über den Fußball in Russland wissen müsst.

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⚽ Die Zeitung „Kommersant“ hatte die Info schon in der vergangenen Woche, am Montag kam die offizielle Bestätigung: Witali Mutko lässt sein Amt als Chef des russischen Fußballverbandes ruhen, sechs Monate lang. Die Entscheidung fiel rund drei Wochen, nachdem das Internationale Olympische Komitee Mutko wegen des russischen Dopingskandals lebenslang gesperrt hatte. Um gegen diese Sperre vorzugehen, lege er den Verbandsvorsitz vorübergehend nieder, so Mutko.

Eine Entwicklung, aus der man einiges herauslesen kann. Erstens, wie froh die FIFA ist, die seit der IOC-Entscheidung herumlaviert und sich um eigene Konsequenzen gedrückt hat. Sie dankte Mutko am Tag danach für seine „verantwortungsvolle Entscheidung“, die auch im Interesse der Fußball-WM sei. So klingt Erleichterung. Zweitens ist bemerkenswert, wie es den Mitarbeitern der staatlichen russischen Nachrichtenagentur TASS gelingt, Mutkos zeitweisen Beinahe-Rücktritt zu melden, ohne auch nur ein einziges Mal das böse Wort „Doping“ zu erwähnen. Weder am Tag des Geschehens, noch am Morgen danach. Das muss man erst mal hinkriegen. Ein kleines Weihnachtswunder.

Ein Geschenk ist Mutkos Schritt übrigens für alle, die Spaß an Memes haben. Seit seiner legendären „Let me speak from my heart“-Rede (hier als grandioses Musikvideo) wird Mutkos extrem harter russischer Akzent beim Englischsprechen immer wieder parodiert. „Bat ai em teird, nid tu rest“, frotzelt nun ein Tweet, ein anderer zeigt Mutko als trauriges, kopfschüttelndes GIF: „Wenn du nicht mehr spik from mai hart kannst.“

⚽ Jetzt aber zur Maniküre! Sehr wichtiges Thema hier in Russland – wie konnte ich nur jemals glauben, man müsse Nägel nur gelegentlich schneiden, in Form feilen und ansonsten darauf achten, dass sich kein Dreck unter ihnen sammelt? Hier bin ich umgeben von Frauen mit mindestens lackierten, wenn nicht künstlich verlängerten, gerne auch mit Strass oder Glitter bestäubten Fingernägeln. Neulich erzählte eine Bekannte, sie habe als Kind Klavier gespielt, sei dann in der Pubertät zur Gitarre gewechselt, weil man da zumindest an einer Hand schöne lange Fingernägel haben könne.

Was das mit Fußball zu tun hat? Ist doch klar: In einem Land mit so viel Nagelkreativität ist potentiell alles ein Motiv, auch Fußballspieler, Trainer, die Tore und der Ball. Dank dem Instagram-Account der Moskauer Manikürekette „Nail Sunny“ weiß ich nun also endlich, was mir als Fußballfan für Styling-Optionen offenstehen. (In deren Team scheint es übrigens einige Anhänger von Manchester United zu geben.)

⚽ Immer, wenn in der russischen Öffentlichkeit das große Fußballgejammer ausbricht (Warum nur steht unsere Nationalmannschaft international so schlecht da? Warum nur reißen sich Real Madrid, Arsenal und der FC Bayen München nicht um unsere Spieler? Warum nur, warum?), sagt früher oder später einer: „Legionäre“. Was ausformuliert in etwa heißen soll: Natürlich werden unsere Spieler nicht stärker, wenn wir reihenweise ausländische Spieler einkaufen, die dann bei russischen Vereinen auf prominenter Position spielen und unsere eigenen Leute bestenfalls Torvorlagen für sie liefern dürfen.

Seit dem Confed-Cup hatten wir wieder ein paar Monate lang diese Debatte. Dann hieß es, Russlands Fußballverband werde sich Ende des Jahres mit dem Thema befassen und überprüfen, ob eine neue Regelung nötig ist – aktuell gilt die sogenannte Sechs-plus-fünf-Regel, wonach gleichzeitig pro Mannschaft nie mehr als sechs nichtrussische Spieler auf dem Platz sein dürfen. Jetzt hat der russische Fußballverband also getagt und entschieden: Bleibt alles beim Alten, Sechs-plus-fünf ist weiter der Status quo. Langfristig können man ja mal über Sieben-plus-Achtzehn nachdenken, da wären dann die Auswechselspieler mit einkalkuliert. Aber erst mal ändert sich nichts. Auch nicht das Gejammer.

⚽ Während Mutko sich am Montag auf seine Pressekonferenz vorbereitet hat, war ich ein bisschen im Moskauer Siegespark unterwegs. Seit einigen Jahren gibt es dort im Winter immer eine Eisskulpturen-Ausstellung, aktuell arbeiten dort ein paar Dutzend Leute mit Motorsägen und Meißeln an den Blöcken, aus denen in diesem Jahr die Kunstwerke werden sollen.

Diesmal hat die Ausstellung ein WM-Thema: 40 Statuen sollen die Teilnehmerländer repräsentieren. Seltsamerweise stehen dort dann aber keine berühmten Fußballer als Eisskulpturen, sondern Figuren aus Büchern: kein Eis-Wayne-Rooney, sondern Eis-Sherlock-Holmes. Kein Eis-Zlatan-Ibrahimović, sondern Eis-Karlsson-vom-Dach. Nach demselben Prinzip wird Deutschland also auch nicht durch eine Eisvariante von Thomas Müller vertreten, sondern durch, na? Genau: Baron von Münchhausen.

kscheib russball eisskulpturen

⚽ Was bedeutet Russlands Gesetz gegen sogenannte „homosexuelle Propaganda“ für schwule und lesbische Fußballfans, die zur WM anreisen wollen? Dürfen sie sich zum Beispiel, ganz konkret gefragt, im Stadion küssen?

Mehrere russische Sportseiten zitieren einen FIFA-Sprecher: Gefühlsäußerungen seien natürlicher Bestandteil des Fußballs, das gelte auch für die Fußball-Weltmeisterschaft. Sports.ru nimmt das zum Anlass, sich unter schwulen Fußballfans darüber umzuhören, ob sie zur WM kommen wollen, und ob sie anderen dazu raten. Zu den Interviewten gehört auch der deutsche Fußballfan Sven Kistner, der sich beim Netzwerk der schwul-lesbischen Fußball-Fanclubs Europas engagiert.

⚽ Dieser Text hier ist schon ein paar Wochen alt, lohnt sich aber als Hintergrundlektüre für die Tage zwischen den Jahren: Toke Theilade, Chefredakteur von Russian Football News, blickt auf den WM-Spielplan und analysiert, bei welchen Begegnungen das Risiko von Hooligan-Krawallen besonders groß ist. Das kann am Spielort liegen, an den beteiligten Mannschaften oder am historischen Kontext.

Bemerkenswert ist dabei auch, wie er die Gewaltbereitschaft unter den deutschen WM-Reisenden einschätzt: Polnische und russische Hooligans in derselben Stadt, das sei schon riskant genug. Komme dazu noch „Deutschland als weiteres Land, das für seine Hooligans berüchtigt ist“, dann sei das nichts anderes als „ein Rezept für eine Katastrophe“. Die ganze Analyse gibt es hier.

⚽ Jahresende, das bedeutet auch: Zeit für allerlei Statistiken. So wissen wir nun, dass Alexander Kokorin von Zenit St. Petersburg in diesem Jahr der am häufigsten in den russischen Medien erwähnte Sportler war. Unter den Top Ten in diesem Ranking waren nur zwei Nicht-Fußballer: der Eishockeyspieler Alexander Owetschkin und die Tennisspielerin Marija Scharapowa. Wir wissen, dass Fjodor Smolow vom FK Krasnodar es auf die Liste der 100 weltbesten Fußballer geschafft hat (ja, okay, auf Platz 97, aber drin ist drin).

Bei der Wahl des besten Fußballers in Russland kam Smolow sogar auf Platz drei, Platz eins gehört allerdings Quincy Promes, der für Spartak Moskau und in der niederländischen Nationalmannschaft spielt. Und schließlich haben Sportjournalisten abgestimmt, wen sie aktuell für den besten russischen Sportler, den besten Trainer und die beste Mannschaft halten. In die erste Kategorie hat es kein Fußballer geschafft, aber als Trainer wurde Juri Sjomin ausgezeichnet, dessen Erfolg mit Lokomotive Moskau in der aktuellen Saison viele Fußballfans überrascht hat. Russlands beste Mannschaft wurde der Lokalrivale Spartak.

⚽ Wer übrigens auch zur Fußball-WM kommt: Jelzin. Nein, nicht Boris, der ist ja nun schon länger tot und liegt auf dem Moskauer Neujungfrauenfriedhof unter einem Grabmal, das wie ein ungemachtes Bett aussieht. Nein, der Jelzin, um den es hier geht, reist aus Costa Rica an. Die Neue Zürcher Zeitung hat ihn ausfindig gemacht und erklärt, warum er so einen ungewöhnlichen Namen hat.

⚽ Zum Schluss noch eine kleine Lokalposse aus Saratow. Bevor einer fragt: Nein, das ist kein WM-Austragungsort. Dass im Moment dort das „Avantgarde“ genannte Stadion renoviert wird, hat dennoch mit der Weltmeisterschaft zu tun: Die Stadtverwaltung hofft, dass sich vielleicht eine Nationalmannschaft findet, die hier ihr Trainingslager aufschlagen mag. Damit das möglich wird, scheren sich die Fachkräfte vor Ort nicht um altbackene Traditionen wie die, dass sich frisches Gras und der russische Winter vielleicht nicht so gut vertragen.

Dieser Tage wurde deshalb, bei gerade mal einem Grad plus, im Stadion von Saratow der neue Rollrasen verlegt – direkt auf einer Schneeschicht, von Arbeitern in dicken Winterstiefeln. Ob das denn so sinnvoll sei, fragte eine Reporterin der Nowaja Gaseta, und bekam als Antwort: „Das ist sogar gut so, dann bleibt der Rasen länger frisch„. Im Frühjahr, wenn der Schnee weg sei, wolle man ihn dann mit einer besonderen Methode „aktivieren“. Süffisantes Fazit der Reporterin: Okay, die nächsten WM-Austragungsorte Samara und Wolgograd mögen 400 Kilometer entfernt sein – aber wieso sollte man sich deshalb die Chance entgehen lassen, mit staatlichen Fördergeldern das eigene Stadion zu renovieren?

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Letzte Woche gab es hier keine Weihnachtsgrüße, weil die Russen erst im Januar Weihnachten feiern. Silvester hingegen liegt in Russland und in Deutschland praktischerweise am selben Tag; hier in Moskau bekommen wir das neue Jahr sogar schon zwei Stunden vor euch geliefert. Wenn ihr dann die nächste Russball-Folge lest, sind wir schon im WM-Jahr. Also, macht keinen Quatsch mit den Böllern, kommt gut rüber und с новым годом!



 

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Russball, Folge 24: Liebeserklärung an eine alte Schachtel

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Diese Woche machen wir das hier mal ein bisschen anders. Es gibt so viele kleine Meldungen rund um die kommende Fußball-Weltmeisterschaft in Russland, die aber untereinander nicht viel miteinander zu tun haben. Darum hat diese Russball-Ausgabe am Schluss einen kleinen Block mit Kurzmeldungen. Aber erst mal reden wir über die Liebe.

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⚽ Denn es ist ganz klar eine Liebeserklärung, die der Journalist Jegor Arefjew da verfasst hat. Er feiert darin das, wozu die Russen Korobka sagen, also Schachtel. Gemeint sind damit die umzäunten kleinen Plätze, oft im Innenhof russischer Wohnkomplexe, in denen nicht nur Kinder gerne Fußball spielen. „Der Boden war aus Erde, was heute eine Seltenheit ist“, erinnert sich Arefjew an die Korobka seiner Jugend. „Ein bisschen mehr Gras, und es wäre das Luschniki-Stadion im Miniformat gewesen. Unsere Zuschauer waren die Bewohner der beiden fünfgeschossigen Häuser nebenan und die Leser in der Bibliothek.“

Kaputte Knie, zerschossene Fensterscheiben im Erdgeschoss. Eine buntgemischte Subkultur mit ihren eigenen Regeln, zu der jedes Kind, jeder Jugendliche Zugang hatte. Es ist ein romantisches Bild, das Arefjew von dieser russischen Institution zeichnet. Das Calvert Journal hat vor ein paar Jahren mal ein Foto-Essay zu dem Thema zusammengestellt, das zeigt: Eine Korobka kann runtergekommen sein, mit Graffiti besprüht, mit rostigen Gittern oder Wänden aus nacktem Beton. Alles egal, es zählt, was man daraus macht. Und, schöner Zufall: Der Tagesspiegel hat auch gerade eine Hymne an die Korobka veröffentlich, in ihrer Berliner Variante. Mit dem wunderschönen ersten Satz: „Manche Menschen brauchen Käfige, um frei zu sein.“

kscheib russball korobka in bischkek

Das Foto ist in Kirgistan entstanden, bei einem abendlichen Spiel in einer Korobka in Bischkek – leicht verwischt, aber eine schöne Erinnerung. Auch unsere Wohnanlage hier in Moskau hat übrigens eine Korobka, auch wenn sie selten zum Fußballspielen genutzt wird. Dafür ist es ein untrügliches Zeichen für den Frühling, wenn die indischen Nachbarskinder darin wieder Cricket spielen.

⚽ Die Zeitschrift „Futbol“ zeichnet die Verletzungsprobleme von Manuel Neuer nach. „Ein neuer Lew Jaschin“ hätte Neuer werden können, heißt es dort in Erinnerung an die sowjetische Torwart-Legende.

Stattdessen stehe Deutschlands bester Torwart nun am Abgrund und werde auch nicht mehr zu seiner alten Form zurückfinden – da ist sich die Autorin sicher. Aber gut, das ist dieselbe Frau, die auch behauptet, im Stadion des VfL Osnabrück werde das Bier in Anderthalbliterbechern ausgeschenkt. Wäre ja schön, wenn sie in Sachen Manuel Neuer genau so falsch läge.

⚽ Keine Woche ohne Neuigkeiten zum Petersburger Krestowski-Stadion (ja, das mit der Korruption und dem undichten Dach). Laut Sports.ru wurde der Pressebereich dort so gebaut, dass sich dadurch das Spielfeld nicht mehr aus dem Stadion rausrollen lässt. Kann man ändern, kostet dann aber halt auch 300 Millionen Rubel, also 4,3 Millionen Euro.

Wenn eh gerade die Handwerker im Haus sind, kann ja vielleicht auch gerade mal jemand auf den Bot gucken, der zu jedem Spiel twittert, ob das Stadiondach offen oder zu sein wird. Der leider nämlich gerade an akuter Redundanz, will sagen: Er wiederholt sich. Oft.

⚽ Wo wir schon in Petersburg sind: Roberto Mancini legt Wert auf die Feststellung, dass er Trainer von Zenit bleiben will. Der Job als italienischer Nationaltrainer reize ihn nicht, auch wenn er nicht überrascht sei, dass sein Name als möglicher Nachfolger von Gian Piero Ventura im Gespräch sei. Der hatte den Job ja verloren, nachdem Italien in der WM-Quali gescheitert war.

„Surreal und extrem traurig“ fühle sich die Aussicht auf eine Fußball-Weltmeisterschaft ohne Italien für ihn an, sagte Manchini weiter. Er will sich aber ganz darauf konzentrieren, mit Zenit den russischen Meistertitel zu holen.

⚽ Was ich ja allmählich nicht mehr lesen kann, sind diese ganzen „Was läuft nur schief im russischen Fußball“-Artikel. Nicht, weil es da keine Probleme gäbe oder sie schwer zu benennen wären, nein – mangelnde Jugendarbeit, zu hohe Spielergehälter und Clubs, die sich nicht genug um die Fans kümmern, das sind schon alles legitime Sorgen. Aber dieses Déjà-vu, wenn jede Woche eine andere Website das grundsätzliche Lamentieren anstimmt…

Diesmal ist also Bombardir.ru dran und fragt: „Worin besteht das Hauptproblem des russischen Fußballs?“. Russian Football News hält dagegen und sammelt Zeichen dafür, dass die Mannschaft im Vorfeld der WM Fortschritte macht. Aber die vielleicht beste, weil konkreteste Bestandsaufnahme liefert Sports.ru: Wäre morgen schon WM, wie sähe dann die bestmögliche russische Nationalmannschaft aus? (Spoiler: Im Tor steht Igor Akinfejew.)

⚽ Mit zwei Instagram-Posts 20.000 Abonnenten erreichen – das schafft nicht jeder. Aber Juri Sjomin hat gerade halt auch einen Lauf. Als Trainer hat er Lokomotive Moskau auf den ersten Tabellenplatz gebracht, zuletzt gab es einen 1:0-Sieg gegen Anschi Machatschkala. (Wie die Chancen stehen, diese Position zu verteidigen, kann man hier nachlesen.)

Jetzt also auch noch Instagram. Sjomin, Jahrgang ’47, hat es klug angefangen und sich Hilfe von einem Digital Native aus der eigenen Familie geholt. Der – oder vielmehr: die – darf dann auch direkt mit aufs erste Bild: „Meine Enkelin hatte die Idee, hier einen Account zu eröffnen. Sie sagt, die Leute lesen und gucken sowas gerne, und ich hab hab was zu erzählen. Na dann mal los.“

Und jetzt, wie versprochen, noch ein paar kleine Meldungen rund um die WM:

⚽ Studenten an den WM-Austragungsorten sollen nun doch nicht aus dem Wohnheimen vertrieben werden, um Platz für Sicherheitskräfte zu schaffen. Das hat das russische Bildungsministerium versprochen. Stattdessen sollen die Nationalgardisten nur in den Zimmern derjenigen Stundenten einziehen, die zufällig genau dann, wenn an ihrem Studienort die Fußball-Weltmeisterschaft stattfindet, im Urlaub sind.

⚽  1. Dezember, 16 Uhr deutscher Zeit – dann werden in Moskau die WM-Gruppen ausgelost. Mit prominentem Personal: Miroslav Klose trägt den Pokal rein, es moderieren Gary Lineker und die russische Sportjournalistin Maria Komandnaja. Sie ist auch die Frontfrau dieses virtuellen Rundgangs durchs Luschniki-Stadion:

⚽ Apropos: Die Länder, die ein Spiel in Rostow am Don zugelost bekommen, wissen schon mal, dass ihre Mannschaft und deren Fans an einem frisch gebauten Flughafen landen. Im Frühling soll er eröffnet werden, jetzt durfte schon mal ein Fernsehreporter durchs Gebäude gehen.

⚽  Noch mal apropos: Russlands Fluglinien hoffen selbstverständlich, dass die WM ihnen einen ordentlichen Gewinn beschert. Im Moment sieht es danach aus: Laut Interfax werden Flüge zwischen Moskau und St. Petersburg im kommenden Sommer 40 Prozent teurer sein als üblich. Bei Austragungsorten wie Jekaterinburg oder Sotschi ist der Anstieg nicht ganz so hoch.

⚽ Falls jemand Ambitionen hat, bis zur Weltmeisterschaft sein Russisch aufzupolieren: Sports.ru hat ein Quiz gebaut, bei dem man alle WM-Teilnehmerländer aufzählen soll. Auf Russisch natürlich, in kyrillischen Buchstaben. Wer am Laptop keine kyrillische Tastatur hat, probiert es also vielleicht am besten per Handy.

⚽ „Überall auf der Welt weihnachtet es, so auch in Langenfeld.“ So hat mir im Volontariat mal ein Redakteur erklärt, wie man große Geschichten aufs Lokale runterbricht. Nach demselben Prinzip gibt es gerade allerlei Berichte dazu, welcher Bundesliga-Verein welche Spieler zur WM nach Russland schickt – Eintracht Frankfurt zum Beispiel, Borussia Mönchengladbach oder auch der HSV und St. Pauli.

⚽ Die Doping-Proben, die bei der WM genommen werden, sollen nicht in Russland untersucht werden, sondern dafür extra ins Ausland gebracht werden. Schließlich ist die russische Anti-Doping-Agentur immer noch suspendiert, weil sie sich nicht an die Regeln der Welt-Anti-Doping-Agentur hält.

⚽ Zwölf WM-Stadien werden es kommendes Jahr sein, fünf davon bekommen ihren Rasen aus Frankreich. Der soll besonders widerstandsfährig sein, schreibt der Courrier de Russie.

⚽ Sehr schmeichelhaft, was die Leser von Lenta.ru da für die Fußball-Weltmeisterschaft vorhersagen: Rund 3000 von ihnen haben sich bisher an einer Umfrage beteiligt, wer der nächste Fußball-Weltmeister wird, und beinahe jeder zweite hat für Deutschland gestimmt. Immerhin 8 Prozent antworteten auf „Wer wird bei der WM 2018 gewinnen“ mit „Die Freundschaft“. Hach!

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Die Schlusspointe kommt in dieser Russball-Folge von Wjatscheslaw Nesterow. Er ist Illustrator und arbeitet gerade an einem satirischen Kalender, der bis ins Jahr 2120 gehen und sich komplett um Wladimir Putin drehen soll. Für jedes Jahr hat sich Nesterow außerdem eine Überschrift ausgedacht. Eine davon passt in ihrer ganzen Bosheit, die sich erst nach der Hälfte des Satzes zeigt, hier sehr hübsch rein: „2030 – die russische Fußball-Nationalmannschaft gewinnt den Hauptpreis im Sportlotto.“



 

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Russball, Folge 8: Was betrunkene Fans bei der WM erwartet

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Die neue Russball-Folge beginnt mit der Gewissheit, dass Slapstick immer noch existiert und funktioniert. Beweis: der Versuch von Juri Sjomin, Trainer von Lokomotive Moskau, eine Wasserflasche wegzukicken. Die Flasche war danach weg, Sjomins Schuh allerdings auch. Gibt es das auch als GIF? Aber natürlich gibt es das auch als GIF.

Schön auch: Der Twitter-Account @welcome_2018, der Vorfreude auf die Fußball-WM im kommenden Jahr schüren soll, berichtet oft und gerne davon, wie gut alles beim Bau der Stadien vorangeht. Diesmal gab es ein echtes Knüllerbild: Im Stadion in Rostow sprießen die ersten Grashalme!

Gut, dass das mal einer dokumentiert hat.

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⚽ Jewgeni Brjun hat einen Plan. Der Mann ist (wörtlich übersetzt) oberster Psychiater-Narkologe des russischen Gesundheitsministerium, kennt sich also aus mit Betäubungsmitteln und ihren Auswirkungen auf die Psyche des gemeinen Fußballfans. Und da bei der Fußballweltmeisterschaft „die Anwesenheit betrunkener Fans unvermeidlich ist“, will das Ministerium laut Westi eine Einrichtung wiederbeleben, die vor allem in der Sowjetunion verbreitet war: die Ausnüchterungszentren.

Wer in Deutschland so betrunken ist, dass er der Polizei auffällt, landet vielleicht in einer Ausnüchterungszelle oder, in extremen Fällen, im Krankenhaus. In Russland dagegen gab es seit dem frühen 20. Jahrhundert die вытрезвители (Wytreswiteli), spezielle Einrichtungen für die nicht lebensgefährlich Betrunkenen. Abwarten, kalte Dusche, den Rausch ausschlafen, oft in Gruppenzimmern, anschließend dafür bezahlen (in den Achtzigern in Moskau zum Beispiel zwei Kopeken).

Erst vor wenigen Jahren wurden alle Ausnüchterungszentren geschlossen, nun soll es sie also bald wieder geben, jedenfalls in den WM-Gastgeberstädten. In einem TASS -Text umreißt ein anderer Offizieller den Zweck der Zentren so: „Ausnüchtern, eine Strafe bezahlen  (…) und nach Hause gehen.“

⚽  „Lorem ipsum dolor sit amet.“ Wer einfach irgendeinen Fülltext braucht, nimmt gerne diesen. Schwieriger wird es schon, wenn der Text nach etwas Bestimmten aussehen soll und von ihm abhängt, ob Fernsehzuschauer einen Plot glaubwürdig finden. In der Serie „The Americans“ etwa kommt in Folge 11 der aktuellen Staffel eine Kladde vor, in der eine Russin, die unter Korruptionsverdacht steht, die Namen ihrer Kontaktpersonen festgehalten hat.

Was schreibt man da rein, damit es hübsch authentisch-russisch aussieht? Die Antwort machte diese Woche hier in Russland bei Twitter die Runde: lauter Namen russischer Fußballspieler und -trainer.  Wladimir Granat, Wiktor Wassin,  Rolan Gussew… wer die komplette Liste der Fußballschurken selbst entziffern möchte, kann das hier:

⚽ Bombardir.ru will wissen, welcher russische Spitzenverein auch bei Social Media spitze ist und hat sich darum acht Vereine vorgenommen: Zenit St. Petersburg, Spartak Moskau, ZSKA Moskau, Lokomotive Moskau, Dynamo Moskau, Rostow, Krasnodar und Rubin Kasan. Beim Ranking nach Followern liegt Zenit ganz vorne: 979.358 bei Facebook, 844.344 bei VKontakte, 840.000 bei Twitter und 288.000 bei Instagram, das ist der Sieg in allen Disziplinen des digitalen Vierkampfs.

Auch gemessen an den Interaktionen der Fans gewinnt Zenit deutlich: die meisten Likes, die meisten Shares. Wer sich für die genauen Zahlen und Platzierungen der einzelnen Vereine interessiert, findet den detaillierten Artikel hier. Außerdem gibt es kurze Einzelkritiken dazu, wie sich die acht Clubs inhaltlich in sozialen Netzwerken positionieren. 

⚽ „Wie sich zeigt, kommt der beste Torschütze der Europa League aus Russland“, freut sich Sport.ru, und ich musste spontan erst mal nachgucken, wer eigentlich alles zur UEFA gehört, also bei der Europa League prinzipiell teilnehmen darf. Klar, die west- und mitteleuropäischen Länder – aber wie weit nach Asien reicht eigentlich das „E“ von „UEFA“? Ziemlich weit, wie sich rausstellt. Armenien, Aserbaidschan und Georgien im Kaukuasus, dann Kasachstan in Zentralasien und, ja, auch Russland. Insgesamt sind es aktuell acht Länder, an die Wikipedia ein dezentes Sternchen macht: „Mitgliedsland liegt vollständig oder zum größten Teil in Asien.“

Aus Russland sind dieses Mal Lokomotive Moskau, Zenit St. Petersburg und der FK Krasnodar bei der Europa League dabei, der erfolgreichste Torschütze spielt allerdings bei keinem dieser drei Vereine. Maxim Maximow ist zwar Russe, trifft aber für den FK Trakai aus Litauen – in der Europa League bisher siebenmal. Sein Trainer lässt bereits durchblicken, dass diverse Vereine Interesse an Maximow angemeldet haben, auch aus Russland.

⚽ Als Schiedsrichter bist du natürlich neutral, das steht in der Arbeitsplatzbeschreibung. Außer vielleicht, es fällt ein Tor, du stehst an der Seitenlinie und das Jubelrudel aus glücklichen Spielern bildet sich direkt vor dir. Da könntest du doch mal… nur ganz kurz… und diskret. Ha! Abgeklatscht! Hat ja keiner gesehen, oder?

⚽ Arsenal Tula hat neulich den FK SKA-Energija Chabarowsk mit 1:0 geschlagen. Ein Freistoß-Tor, alles nicht besonders spektakulär. Dass das Match hier trotzdem eine Erwähnung wert ist, liegt an einer Begebenheit vor dem Spiel, die Tula eine Strafe von 10.000 Rubel (etwa 140 Euro) eingebracht hat: Tulas Spieler haben den Fehler begangen, beim Aussteigen alle Türen des Mannschaftsbus zu benutzen. Dabei ist doch klar festgeschrieben, wie das mit dem Aussteigen zu gehen hat: „Die Fußballer sollen nur durch die vordere Tür aussteigen, und zwar in Abständen von drei bis fünf Sekunden.“

⚽ Seit Trainer Mircea Lucescu wegen Erfolglosigkeit bei Zenit St. Petersburg rausgeflogen ist, hat er Zeit. Zeit, um in langen Interviews Theorien zu entwickeln, warum russische Vereine international nicht mithalten können. Russische Klubs müssten, so Lucescu, ihre eigenen Stars heranziehen – schließlich seien ihre Einnahmen nicht so hoch, dass sie ernsthaft auf dem internationalen Transfermarkt mitbieten könnten.

„Ich war beim deutschen Pokalfinale, Bayern gegen Dortmund,“ erinnert sich der Trainer, 100 Euro habe er gezahlt für eine ganz normale Eintrittskarte. „Der Lebensstandard in Russland ermöglicht es heutzutage nicht, Tickets zu solchen Preisen zu verkaufen“, auch die Einnahmen durch Fernsehrechte seien in Russland deutlich niedriger als anderswo. Dann noch die UEFA-Regeln fürs Financial Fair Play, die begrenzen, wie sehr sich Vereine verschulden dürfen – für Lucescu alles Gründe, warum es russischen Clubs schwerfällt, Spitzenspieler einzukaufen

⚽ Lokomotive Moskau hat sein Stadion aufgehübscht – neue Leinwände, bessere VIP-Logen, mehr Souvenirstände, bald soll es auch kostenloses WLAN geben. Etwa tausend Menschen weniger passen nun ins Stadion, aber akute Überfüllung ist für den Verein ohnehin nur selten ein Problem.

Gekostet hat der ganze Spaß laut Präsident ‎Ilja Gerkus ein paar Millionen Euro, da waren dann auch noch neue Sitze und einmal frisch Anstreichen drin, beides in der Vereinsfarben – dieser Kombi aus Rot und Grün, die bei mir sofort Hunger auf Chipsfrisch von Funny-Frisch auslösen. Ilja Gerkus ist jedenfalls mächtig verliebt in seine neuen Leinwände und instagrammt darum neuerdings gerne mal sowas hier (Vorsicht, auch ihr könntet Sehnsucht nach dem Chipsregal kriegen):

Начинаем чемпионат!!

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⚽ Weniger begeistert haben sich im Stadion zuletzt einige Fans von Zenit St. Petersburg umgesehen. Es waren die wirklich treuen Anhänger. Die, die Geld in die Hand nehmen und sich eine Dauerkarte kaufen. Dumm nur, dass es die Plätze, die zu den Karten gehören, im Stadion dann gar nicht gab. „Wir hatten Karten für Sektor A 207, Reihe 11, Platz 16, 17 und 18“, erzählt ein Fan. Im Stadion musste er dann feststellen, dass Reihe 11 nur bis Platz 15 geht.

Erst nach mehreren Beschwerden habe der Verein sich des Problems angenommen und die Dauerkarten auf andere Plätze umgeschrieben. Wie es dazu kommen konnte? Vermutlich, weil während des Confed Cups zusätzliche Sitzplätze zur Verfügung standen und diese Information im Buchungssystem nach dem Ende des Turniers nicht korrigiert wurde.

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Zum Abschluss ein Foto. James Hill hat es gemacht, wie so viele großartige Bilder aus Russland. Da steht ein zotteliges Pferd auf etwas, das mal ein Fußballplatz gewesen sein muss. Man sieht noch ein Tor, ein Klotz Birkenholz hält eine der Stangen aufrecht, das Netz ist zerfleddert. Eine Szene aus Baruta, so weit westlich in Russland, dass man fast schon in Lettland ist.

Die New York Times erzählt an diesem Dorf entlang die Geschichte vom Schrumpfen der russischen Bevölkerung, vor allem auf dem Land. Kein Fußballtext, trotzdem unbedingt lesenswert. Bis nächste Woche!



 

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