Russball, Folge 21: Was ihr bei der Fußball-WM um den Hals hängen habt

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Diese Russball-Folge muss am Anfang kurz mal Dänball sein. Wir waren eine wunderbare Woche lang auf Fanø, vier Große, zwei Kleine – oder anders gesagt, zwei Schalker und vier mehr oder weniger langjährige BVB-Fans. Was tut man nicht alles, um dem Patenkind und seinem Bruder vorzuleben, dass es noch andere Optionen gibt: „Stimmt, das ist cool, dass da jemand einen Drachen steigen lässt, der aussieht wie die BVB-Biene. Aber hast du dir mal den restlichen Himmel angeguckt? Alles blau und weiß!“

Auf der Insel gibt es auch eine Schule, flankiert von einer Bücherei, allerlei Kletter- und Hüpfmöglichkeiten und einer Sportanlage. Nicht nur für Schüler, sondern offen für alle. Beeindruckt hat mich dort der Aushang am Fußballfeld, der vor allem im Herbst und Winter nützlich ist: Schicke eine SMS an diese Nummer, und die Beleuchtung wird für eine Stunde eingeschaltet.

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Sehr einfach, sehr schlau – jetzt wüsste ich nur noch gerne, ob das automatisiert ist oder am anderen Ende ein Mensch sitzt, der einen Lichtschalter drücken muss. So oder so: Falls ihr Fußball spielenden Kindern eine Stunde Strom organisieren oder einfach als Kunstprojekt mitten in der Nacht einen dänischen Bolzplatz beleuchten wollt: Die Ländervorwahl ist +45, der Rest steht auf dem Zettel.

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⚽ Sports Illustrated hat einen Auszug aus dem Buch „Under the Lights and In the Dark: Untold Stories of Women’s Soccer“ veröffentlicht. Es geht um die junge amerikanische Fußballerin Danielle Foxhoven, die 2012 für Energija Woronesch gespielt hat – eine gruselige Erfahrung. Kurzentschlossen hatte sie dem Club zugesagt, nachdem ihr Job bei einem US-Verein weggebrochen war. Der Artikel beginnt mit einer krassen Szene, in der ihr russischer Trainer sie ins Gesicht schlägt, weil sie sich auf den kalten Boden gesetzt hat. Es folgen Sexismus, Beschimpfungen, als Vitamine getarntes Doping.

Man kann das kaum lesen, ohne sich zu fragen, wie leidensfähig man als Profisportlerin eigentlich sein muss – und wie naiv man sein kann: Tabletten einfach schlucken, unerklärte Spritzen einfach akzeptieren. Wer über den Buchauszug hinaus weiterlesen will: Danielle Foxhoven hat über ihre Zeit in Russland gebloggt. Hier etwa über den traurigen Entschluss, mit dem Russischlernen aufzuhören: Sonst, so die Logik, würde sie noch mehr von den Seitenhieben ihrer Mitspielerinnen verstehen.

⚽ Dass Moskaus renoviertes Luschniki-Stadion mit einem Freundschaftsspiel gegen Argentinien wiedereröffnet werden soll, ist ja schon ein paar Tage bekannt. Neu sind aber die Infos, die RBK zu den Kosten für dieses Spiel recherchiert hat. Demnach zahlt Russland rund eine Million Dollar, damit die Argentinier dem Eröffnungsspiel den nötigen fußballerischen Glanz verleihen.

Bemerkenswert sind an dem RBK-Bericht zwei Details. Zum einen zitiert er einen Experten mit den Worten, Argentinien verlange normalerweise eher zwei Millionen pro Spiel. Der Russland-Rabatt entstehe dadurch, dass aktuell „alle Nationalmannschaften froh darüber sind, im Land der nächsten Weltmeisterschaft zu trainieren.“ Derselbe Experte veranschlagt dann auch noch schnell, welcher Anteil der Millionensumme dafür fällig wird, dass Lionel Messi mit anreist: zwischen 35 und 50 Prozent. So fühlt es sich also an, argentinischer Nationalspieler, aber nicht Messi zu sein: Schau mal, der da drüben ist genau so viel wert wie wir restlichen alle zusammen.

⚽ Neuer Tabellenführer in der Premjer Liga: Lokomotive Moskau hat den bisherigen Spitzenreiter Zenit St. Petersburg sowas von geschlagen – 3:0, und das auswärts. Zwei der Tore hat Jefferson Farfán geschossen, das dritte für Alexei Mirantschuk vorbereitet, das sah dann so aus:

Was heißt das nun für die restliche Saison? Einerseits ist der Verlust der Tabellenspitze noch keine Krise. Zenit war im vergangenen Jahrzehnt viermal russischer Meister, Lokomotives letzte Meisterschaft war 2004. Andererseits, das fasst der Chefredakteur von Russian Football News hier gut zusammen, haben die Moskauer eine deutlich leichtere Rückrunde vor sich. Bei Lokomotive jedenfalls ist der Jubel groß – schließlich bedeutet der Spitzenplatz auch, dass man vor den drei Lokalrivalen ZSKA, Spartak und Dynamo liegt.

⚽ Noch 225 Tage bis zur Fußball-WM, dazu machen hier gerade zwei Zahlen die Runde. Zum einen werden die Kosten für das Turnier höher liegen als bisher geplant: 678 Milliarden Rubel statt 643,5 Milliarden – umgerechnet ist das ein Anstieg von rund 500 Millionen Euro. Warum? Die offizielle Verlautbarung nennt keine Gründe. Aber solche Preissteigerungen sind bei Großereignissen nicht unüblich – und in Russland, wir erinnern uns an den Stadionbau in St. Petersburg, erst recht nicht.

Auch Zahl Nummer zwei liegt höher als bisher erwartet, das dürfte allerdings die meisten WM-Teilnehmer freuen. Die FIFA erhöht das Preisgeld, um das die Mannschaften bei der Weltmeisterschaft konkurrieren. 344 Millionen Euro oder, schön rund, 400 Millionen Dollar sind nun im Topf. Wer schon in der Gruppenphase ausscheidet, nimmt 8 Millionen mit heim, dem Weltmeister winken 38 Millionen. Alle Stufen dazwischen hier zum Nachlesen.

⚽ Falls ihr zur Weltmeisterschaft nach Russland kommen wollt, werdet ihr übrigens das hier um den Hals hängen haben – das neue Design wurde gerade vorgestellt:

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Die Fan-ID ist, wie schon beim Confed-Cup diesen Sommer, der Ausweis, ohne den nichts geht. Nur wer ihn vorzeigen kann, darf ins Stadion – die Eintrittskarte allein reicht da nicht. Auch wer ohne Visum einreisen oder einfach nur kostenlos mit der Metro zum Stadion fahren will, braucht die Fan-ID.

Was mich übrigens interessieren würde: Warum ist die ID das einzige, was zwar zur WM gehört, aber nicht im WM-Design gestaltet ist? Dieses Planschbecken-Stadion, aus dem da der Ball raushüpft, hat nichts mit dem Look des Turniers zu tun. Nicht mal die Schrifttype stimmt, das müsste Duscha (Душа) sein. Beim Confed-Cup war das auch schon so – was es nicht leichter macht, wenn man versucht, den Ort zu finden, wo man seinen Ausweis abholt.

⚽ Maslow, Maslow, warum kommt mir der Name noch mal bekannt vor? Ach ja, die Bedürfnispyramide, damals im SoWi-Unterricht. Erfunden hat sie Abraham Maslow, dessen Namensvetter Denis heute Geschäftsführer beim FK Amkar Perm ist. Und es wäre mir ein akutes Bedürfnis, dass der Mann seine schwulenfeindlichen Statements künftig für sich behält – oder ihm zumindest ordentlich Kritik entgegenschlägt, wenn er sowas hier sagt:

„Schwule im russischen Fußball? Gottseidank bin ich noch keinem begegnet und ich hoffe, das bleibt auch so. (…) In der Bibel steht, dass Gott Adam und Eva schuf, nicht Adam und Adam.“ Bei den Spieler von Perm sei er sich jedenfalls sicher, dass alle „eine traditionelle Orientierung“ haben, behauptet Maslow weiter: „Alle Jungs sind entweder verheiratet oder leben mit ihrer Freundin.“ (Was, die leben unverheiratet zusammen? Was sagt denn da die Bibel?)

Lenta.ru protokolliert Maslows Äußerungen und weist zur darauf hin, dass es in Europa durchaus offen schwule Männer im Fußball gibt: Thomas Hitzlsperger als Profifußballer, den Briten Ryan Atkin als Schiedsrichter. Und ich frage mich, ob man da unten auf die Fan-ID vielleicht nicht nur „Say no to racism“ drucken könnte, sondern auch „Say no to homophobia“. Oder, ganz schlicht, „Don’t be an idiot.“

⚽ Zum Runterkommen eine kleine Nachricht von der Rheinland-Russland-Schiene. Normalerweise ist Konstantin Rausch ja immer der FC-Köln-Spieler, der auch zur russischen Nationalmannschaft gehört. Heute also mal andersrum: Der russische Nationalspieler Konstantin Rausch hat seinen Vertrag beim 1. FC Köln verlängert und bleibt nun bis 2021. Soundtrack zur Entscheidung: Wat och passeet, dat Eine es doch klor: Mer blieven, wo mer sin, schon all die lange Johr.

⚽ Begonnen hat diese Russball-Ausgabe mit einer leidensfähigen Fußballerin, enden soll sie also mit zwei nicht minder unerschütterlichen Nachwuchsmannschaften. Am Samstag sollten die Jugendteams des FK Amkar Perm und des FK Ural gegeneinander antreten – in Perm, also fast schon im asiatischen Teil Russlands. Anfangs war das auch ein ganz normales Spiel. Bis zur 35. Minute.

Nein, das ist kein Nebel. Das ist Schnee.

Viel Schnee.

Verdammt viel Schnee.

Wie sagt man noch mal „Abbrechen wegen Unbespielbarkeit“ auf Russisch? Keine Ahnung, und auch egal. Die 90 Minuten wurden ganz normal runtergespielt, nur der schwarzweiße Ball gegen einen bunten ausgetauscht. Am Ende stand es 5:1 für die Gastgeber; die dann vor lauter Glück noch eine endlose Fotostrecke des Schneematches veröffentlicht haben.

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Während ihr das hier gelesen habt, bin ich auf dem Weg nach Tiflis – das Team von Coda Story, zu dem ich als Social Media Editor gehöre, trifft sich dort zur Redaktionsklausur. Mal sehen, vielleicht erzählt ja jemand am Rande eine interessante Geschichte vom georgischen Fußball. Die lest ihr dann nächsten Mittwoch hier – bis dahin, macht’s gut!



 

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Russball, Folge 17: Wohin mit den Fans, wenn das WM-Stadion zu klein ist?

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Es war so ein guter Plan gewesen: ein Sonntag auf der Datsche, draußen Herbst, drinnen Tee und ein Laptop, um an diesem Blogpost zu schreiben. So hatte ich mir das vorgestellt, bis der Link zum „Virtuellen Museum“ von Zenit St. Petersburg dazwischen kam. Alte Fußballregelbücher, Plakate, Trophäen, Schuhe… eventuell habe ich mich da ein klein wenig festgelesen.

Immerhin, ein bisschen was habt ihr auch davon, denn sonst könnte ich nicht zu dieser Adidas-Sporttasche aus den Siebzigern verlinken. In den Jahrzehnten davor war die Ausrüstung sowjetischer Fußballer immer in der Sowjetunion hergestellt worden, dann folgte, so die Museumsmacher, eine vorsichtige Öffnung: Es gab die ersten importierten Trainingsklamotten aus Finnland. Die Tasche bekam ein Zenit-Spieler schließlich bei einem Freundschaftsspiel in Westdeutschland geschenkt – „einer der ersten Markenartikel, den unsere Mannschaft je erhalten hat.“

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⚽ „Russlands Fußball-Nationalmannschaft bekommt einen weiteren Legionär“, titelt Lenta.ru. Es geht um den Kölner Abwehrspieler Konstantin Rausch, der ja neulich schon mal bei einem Freundschaftsspiel Russland – Dynamo Moskau ran durfte. Nun hat die FIFA also abgenickt, dass Rausch auch bei offiziellen Länderspielen für Russland antreten darf.

Gemeinsam mit Roman Neustädter wird er zum Kader gehören, wenn Russland am Samstag gegen Südkorea und am Dienstag gegen den Iran spielt. Für die Leser, denen Rausch noch kein Begriff ist, reicht Lenta noch eine kurze Info nach: In der aktuellen Saison habe Rausch bisher fünfmal für Köln gespielt und sei dabei „nicht durch erfolgreiche Aktionen aufgefallen.“

⚽  Damit bei der Fußball-Weltmeisterschaft genügend Fans ins Stadion von Jekaterinburg passen, mussten die Architekten improvisieren. Die Lösung, die in diesen Tagen dort entsteht, erinnert an einen Klapptisch: Eine der Tribünen wird derzeit so weit nach oben verlängert, dass die Zuschauer de facto außerhalb des Stadions sitzen und hinein blicken in Richtung Spielfeld.

Man kann das „unglaublich“ finden wie The Sun oder Facepalm-würdig wie manche Sportjournalisten. Oder man nimmt es einfach philosophisch: „Wenn du dich einsam fühlst, dann denk einfach an die Tribüne in Jekaterinburg, die ganz alleine außerhalb des Stadions steht.“

⚽ Kleiner Service für Fans von Borussia Dortmund: Bei ESPN gibt es ein ausführliches Spielerporträt von Alexander Golowin, an dem seit dem Sommer offenbar sowohl der BVB als auch Arsenal interessiert sind. Der Mann ist 21, spielt bei ZSKA Moskau und gilt als einer der besten jungen Spieler, die Russland derzeit zu bieten hat. Drahtig und wendig ist der Mittelfeldspieler, der seit zwei Jahren auch zum Kader der Nationalmannschaft gehört. Für die WM im kommenden Jahr gilt er als gesetzt.

⚽ Allmählich läuft das hier auch an mit dem Weltmeisterschafts-Merchandising: Neulich war ich abends noch im Buchladen Dom Knigi, nach einem Geburtstagsgeschenk für den großen Bruder von Patenkind 3 suchen. Und da, zwischen den ganzen anderen Schulutensilien, lagen diese Hefte mit Zabivaka, dem WM-Maskottchen in allerlei Posen. Für 20 Rubel das Stück (30 Cent), also hab ich mal den ganzen Fünfer-Satz mitgenommen. Vielleicht ja ein Thema für einen eigenen Blogpost, wenn mir in den nächsten Tagen noch mehr Merchandising begegnet.

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⚽ Für einen Euro hat der Russe Alexander Grinberg 2013 den FC Marbella gekauft, der spanische Klub steckte damals tief in den roten Zahlen. Seitdem müssen dort allerdings deutlich höhere Summen geflossen sein, nicht nur in saubere Geschäfte. Denn nun hat die spanische Polizei nicht nur Vereinspräsident Grinberg, sondern gleich ein ganzes Dutzend Menschen aus seinem Umfeld festgenommen. Der Vorwurf: Geldwäsche und Zugehörigkeit zur russischen Mafia.

⚽ Gerade erst haben die Fans von Spartak Moskau ihrem Verein ein Auswärtsspiel vor leerem Gästeblock in Sevilla eingebrockt, da droht dem Verein schon neuer Ärger. Beim Spiel gegen den FC Liverpool in der vergangenen Woche gab es mehrere Vorfälle, die nun von der UEFA untersucht werden, auch Rassismusvorwürfe stehen im Raum. Letzteres gilt übrigens nicht nur für das eigentliche Champions-League-Spiel der beiden Vereine, sondern auch für die Begegnung ihrer Nachwuchsmannschaften in der Uefa Youth League.

⚽ Zugunsten von Menschen mit Kinderlähmung gab es am vergangenen Freitag ein Benefiz-Fußballspiel in der Sapsan-Arena, dem kleinen Stadion, in dem die Jugendmannschaft von Lokomotive Moskau ihre Spiele austrägt. Russlands Sportminister Pawel Kolobkow hat mitgespielt, NOK-Chef Alexander Schukow, diverse Wirtschaftsbosse. Vor allem aber war ein Mann auf dem Platz, an den sich Schalke-Fans noch gut erinnern. Und siehe da: Marcelo Bordon sieht noch haargenau so aus wie damals:

⚽ Nachdem der Ticketverkauf für die Fußball-Weltmeisterschaft im kommenden Sommer angelaufen ist, bekommen allmählich auch die Flughafenbetreiber eine genauere Vorstellung davon, was da so auf sie zukommt. In St. Petersburg zum Beispiel hat die Leitung des Flughafens Pulkowo mal durchgerechnet und erwartet nun für 2018 ein Plus von zehn Prozent bei den Reisenden.

An Domodedowo, Moskaus größtem Flughafen, soll unterdessen die Ladenfläche fast vervierfacht werden, damit Fußballfans möglichst viel Geld in den Geschäften lassen und der Flughafenbetreiber seine Mieteinnahmen steigern kann. Aus Deutschland gibt es Flugverbindungen von Berlin, Düsseldorf, Frankfurt, Leipzig und München nach Domodedowo.

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Als Rausschmeißer noch ein Stück aus dem Guardian, das nur am Rande mit Russland zu tun hat: „Terrace diplomacy: when football fans get political“ gibt einen guten Überblick, welche Fans sich in letzter Zeit mit Bannern politisch positioniert haben. Spartak-Fans hatten zum Beispiel Anfang des Jahres gegen eine Hooligan-Doku der BBC protestiert, andere Banner forderten Beispielsweise die Rückgabe der Elgin Marbles an Griechenland oder kritisierten die UEFA.

Nächste Wochen schauen wir dann mal, wie sich Russland in seinen beiden Länderspielen geschlagen hat. Wem das zu lange dauert: Alle alten Russball-Folgen könnt ihr hier nachlesen.



 

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Russball, Folge 15: Jogi Löw gerät unter die Deutschlehrer

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Willkommen zur neuen Russball-Folge, die mit einer Zahl beginnt: 500.000. Laut FIFA sind schon mehr als eine halbe Million Bestellungen für WM-Tickets eingegangen, seit der Verkauf letzte Woche begonnen hat.

Im Moment läuft die erste von vier Verkaufsphasen, in der man feste Reihen von Karten kaufen kann, zum Beispiel für einen bestimmten Ort oder ein bestimmtes Team. Wer in Russland lebt, für den gibt es übrigens eine eigene Kategorie mit besonders preisgünstigen Tickets – schließlich haben viele Fans hier deutlich weniger Geld zur Verfügung als in anderen WM-Teilnehmerländern.

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⚽  Konstantin Rausch vom 1. FC Köln hat mit Futbol darüber gesprochen, wie es zu seinem Einsatz für die russische Fußball-Nationalmannschaft gekommen ist und welche Verbindungen er zu Russland hat. Es geht sowohl um seine Lebensumstände (in einem sibirischen Kuhkaff geboren, ab dem fünften Lebensjahr in Deutschland) als auch ums Sportliche (Ausdauer, Geschwindigkeit, gute Flanken nennt er als seine Stärken). Man kann den ganzen langen Riemen von einem Gespräch hier nachlesen.

Oder man nimmt einfach die Erkenntnis mit, dass es in Russland offenbar ein Ritual gibt, wie es klischee-russischer nicht sein könnte. Gerade hat Rausch erzählt, dass es für ihn nicht schwer war, einen russischen Pass zu bekommen, da erklärt ihm die Interviewerin: „In Russland haben wir eine Tradition: Wenn du deinen Pass erhältst, musst du als erstes die letzten beiden Ziffern deiner Passnummer ansehen. Sie stehen für die Anzahl der Liter Alkohol, die du zur Feier des Tages trinken musst.“ Ich könnte jetzt hier noch einen Witz mit Konstantin Rauschs Nachnamen machen, aber dafür bin ich mir zu fein.

⚽ Endlich mal eine Kick-Off-Veranstaltung, die den Namen verdient: Am Goethe-Institut hier in Moskau war letzte Woche großes Gewusel zum Start in ein russlandweites Projekt. Dabei lernen Kinder Deutsch, indem sie sich mit Fußball beschäftigen. Die Schüler zwischen 11 und 13 Jahren, die bei „Mit Deutsch zum Titel“ mitmachen, bekommen jede Woche zwei zusätzliche Unterrichtsstunden: eine zum Fußballtraining, eine zum Deutschlernen mit Fußballbezug.

kscheib Russball Goetheinstitut Wladislaw Schaworonkow

Zum Anpfiff (schön stilecht mit Trillerpfeife) waren einige Schüler aus Moskau direkt ins Institut gekommen. Wladislaw Schaworonkow, einer der beteiligten Deutschlehrer, hat das Foto aufgenommen – vielen Dank dafür! Der Schirmherr des Projekts spricht selber übrigens zwar nicht immer Hochdeutsch, aber gut, dafür kennt er sich mit der anderen Hälfte des Projektes gut aus: Jogi Löw hat den Job übernommen. Das kann man ja dann auch direkt mal als Anlass nehmen, um über Umlaute zu sprechen.

⚽ Hat man eigentlich mal wieder was gehört, wo die deutsche Nationalmannschaft während der Fußball-WM wohnen will? Letzter Stand war ja, dass Sotschi noch im Rennen ist – der Strand, die Ruhe, die kurzen Wege. Die USA jedenfalls haben sich laut Sports Illustrated bereits entschieden, und zwar für St. Petersburg. Jetzt fehlt nur noch eines: Die US-Mannschaft muss sich für das Turnier auch qualifizieren.

⚽  Spannung, Tore, Fangesänge, Debatten über Schiedsrichterentscheidungen. Einige Dinge, die die Fußball-Weltmeisterschaft mit sich bringt, fallen einem sofort ein. Russlands Zentralbank hat nun auf etwas hingewiesen, was wohl nicht jeder Fußballfan direkt mit der WM verbindet: Inflation. Durch die steigende Nachfrage werden demnach rund um die Austragungsorte wahrscheinlich die Preise steigen, wenn auch nur kurzfristig. Insgesamt sind elf Städte davon betroffen.

⚽ Pyros im Stadion sind in Russland leider keine Seltenheit. Beim Champions-League-Spiel von Spartak Moskau gegen Maribor flog aus dem Spartak-Fanblock eine Leuchtrakete in Richtung des deutschen Schiedsrichters Deniz Aytekin und nur knapp an ihm vorbei:

Die UEFA wird sich morgen, am Donnerstag, mit dem Vorfall befassen. Auf die Entscheidung blicken auch viele Engländer mit großem Interesse, denn Spartaks nächstes Spiel geht gegen den FC Liverpool. Falls die UEFA entscheidet, dieses Spiel zur Strafe ohne Publikum stattfinden zu lassen, würden viele Liverpool-Fans ihre Reisepläne sicher noch mal überdenken.

⚽ Und als hätte Spartak damit nicht genug Baustellen, haben sie es in der Liga noch nicht mal geschafft, den FK Tosno zu besiegen. Dabei war Tosno nach einer Roten Karte den größten Teil des Spiels in Unterzahl. Der amtierende Meister erreicht nur ein 2:2 gegen den Dreizehnten der Tabelle. Das ist, als scheitere Bayern München an Eintracht Frankfurt.

Nach dem Abpfiff soll es bei Spartak in der Kabine ziemlich abgegangen sein: „Wollt ihr, dass ich gehe? Macht ihr das absichtlich?“ soll Trainer Massimo Carrera gefragt und danach einen nicht näher bezeichneten Gegenstand an die Wand geworfen haben. Und Bombardir.ru analysiert so schlicht wie vernichtend: „Spartak hat vergessen, wie man gewinnt.“ Unterm Strich: Keine Situation, wo man als Journalist bei einer Pressekonferenz unbedacht lachen sollte.

⚽ Letzte Woche hab ich hier schon auf das Foto-Essay hingewiesen, mit dem Sports.ru Jekaterinburg vorgestellt hat, eine der Gastgeberstädte der Fußball-Weltmeisterschaft. Nun ist mir noch eines begegnet, die Bilder sind schon von Ende August, diesmal geht es um Samara. Die Stadt liegt südöstlich von Moskau, auch dort sollen WM-Spiele stattfinden, allerdings hängt man mit den Vorbereitungen etwas hinter dem Zeitplan.

Hässliche Wohnklötze, dafür die Lage der Stadt direkt an der Wolga – ein Blick auf Samaras Kontraste lohnt sich. Und wer danach noch Interesse hat, klickt hier für eine Übersicht der schäbigsten Ecken der Stadt. Sie sollen bis zur Weltmeisterschaft im kommenden Jahr hinter hohen Zäunen versteckt werden, damit Besucher sie nicht zu Gesicht bekommen.

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Mit einer Zahl ging es diese Woche los, mit einer anderen Zahl hören wir auf, es ist ein Negativrekord: 64 – so einen niedrigen Rang auf der FIFA-Liste hat Russland noch nie gehabt. Mal sehen, ob sich Russland da bis zum WM-Beginn in neun Monaten wieder ein bisschen weiter nach oben kämpfen kann.

Wenn ja, werde ich es hier selbstverständlich erwähnen – ihr könnt ja den Russball-Newsletter abonnieren, dann bekommt ihr es garantiert mit. Und nun packe ich den Zaunpfahl wieder ein und verabschiede mich bis zur nächsten Woche. Macht’s gut!



 

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Russball, Folge 13: Was Russlands Fußballfans über Osnabrück wissen

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Während wir hier schön entspannt über Fußball reden, strampelt sich Matyas Amaya schon wieder ab. Er ist vor vier Jahren in Argentinien losgeradelt, rollt derzeit durch Westeuropa und will es bis zum Beginn der Fußball-WM im kommenden Jahr nach St. Petersburg schaffen. Ob er weiß, dass es da von Lübeck aus eine Fähre… na, lassen wir das.

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⚽ Rumms, das Transferfenster ist zu, einige sind echt noch auf den allerletzten Drücker durchgeklettert. Die komplette Liste aller Abgänge und Neuzugänge der russischen Premjer-Liga gibt es hier (haben Rostow und Anschi eigentlich den kompletten Kader ausgetauscht?), es reichen aber eigentlich auch einzelne Personalien: Éder zu Lokomotive Moskau. Mollo, der von russischen Fans schwulenfeindlich beschimpft wurde, von Zenit nach Fulham.

Einigkeit besteht unterdessen bei Autoren und Lesern von Bombardir.ru darüber, dass Spartak die Transferpriode komplett verbockt hat: Nur vier neue Spieler, und die nicht mal auf den Positionen, wo die Mannschaft schwächelt. Dazu zahlreiche Absagen, die dem Image des Vereins schaden. Das hat Sports.ru besonders süffisant aufgearbeitet: Mit einer Liste der „18 Spieler, die Spartak diesen Sommer nicht gekauft hat“. Unterzeile: „Obwohl der Verein wollte.“ Benedikt Höwedes gehört übrigens auch dazu.

⚽ So kann man natürlich auch für genug Unterstützung bei Auswärtsspielen sorgen: Manchester United kommt Ende September nach Moskau, um hier gegen ZSKA ein Champions-League-Spiel zu bestreiten. Nun verspricht der Verein: Alle Fans, die zum Anfeuern mit nach Russland fliegen, bekommen die Visumgebühr erstattet. 118,20 Pfund pro Nase sind das laut Manchester Evening News. (Falls es übrigens deutsche Manchester-Fans gibt, die ebenfalls zu dem Spiel anreisen wollen: Sagt mir Bescheid und ich verrate euch, wo ihr das Visum deutlich günstiger bekommt.)

⚽ Als ich ganz neu in Russland war, gab es diese Werbung der Otkritije-Bank. Sie bestand weitgehend daraus, dass Cristiano Ronaldo versuchte, das Wort „Otkritije“ auszusprechen. Ich saß vorm Fernseher, fühlte mich verstanden und getröstet. Russische Aussprache, it’s complicated.

Heute ist Otkritije für etwas anderes bekannt: Sie ist der erste von Russlands zehn „systemrelevanten“ Banken, die vom Staat gerettet werden musste. So geschehen in der vergangenen Woche – danke, Zentralbank! Und warum steht das hier, zwischen all den Fußballthemen? Weil die Retter abgenickt haben, dass Otkritije trotz Pleite weiterhin Sponsor von Spartak Moskau bleiben darf. 1,2 Milliarden Rubel dafür, dass das Stadion „Otkritije-Arena“ heißt, das sind doch Peanuts.

⚽ Russlands Nationalmannschaft hat sich ein Freundschaftsspiel gegen Dynamo Moskau gegönnt – wer siegen will, muss sich halt die Gegner entsprechend aussuchen. 3:0 stand es am Ende einer Begegnung, die nach allem, was man so liest, wohl eher mittelprächtig war. Kaum Stars auf dem Platz (ein kluger Mensch hat daraus direkt ein Quiz gemacht: „Russlands neue Nationalelf: Wer sind all diese Menschen?“), ein Spiel ohne Glanz.

Oder, wie Sport.ru zusammenfasst: „Die russische Nationalmannschaft im September 2017, das sind: Vorlagen von Konstantin Rausch, ein Tor von Mário Fernandes, und Roman Neustädter mit Kapitänsbinde. Bekäme man so etwas in irgend einem anderen Spiel zu sehen? Natürlich nicht.“ Immerhin: Anton Miranchuk von Lokomotive Moskau stand erstmals im Nationalmannschaftstrikot auf dem Platz und bedankte sich mit einem Wuchtschuss zum 1:0.

⚽ Die Zeitschrift „Futbol“ hat eine Reporterin nach Osnabrück (ins Russische übertragen als Оснабрюк, also Osnabrjuk) geschickt. Was Lydia Didyk dort vorgefunden hat: Spuren der Hexenverfolgung, von Addi Vetter und Patrick Owomoyela, vom „Lieblingsautor jugendlicher Mädchen, Erich Maria Remarque“. Fans, die fast alle Trikots mit der Nummer 9 tragen. Und die Erinnerung an den Feuerzeugwurf eines Fans damals im DFB-Pokal: „Sie wissen hier, wie man seinen Spaß hat.“

Es ist kein besonders schmeichelhafter Blick auf den VfL Osnabrück und seine Stadt, wo es 20 Meter vom Stadioneingang „ein Solarium gibt, aus dem gebräunte Frauen direkt auf die Tribünen gehen“. Im Stadion dann: Bierleichen und wabernde Marihuana-Schwaden, getrunken wird dem Bericht zufolge aus „Anderthalbliterbechern“ (in Wirklichkeit eher nicht). Anekdoten, Szenen, die sich nicht so recht zu einem Ganzen fügen wollen. Ihr Fazit liefert die Autorin darum sicherheitshalber ausformuliert mit – und sagt darin mehr über sich selbst als über Osnabrück: „Es sind nicht nur die mächtigen Fanbewegungen, die Fußballdeutschland groß machen, sondern auch ihre kleineren Ableger in den umliegenden Städten. Auch, wenn man die Namen mancher dieser Clubs erst bei der Wikipedia-Lektüre kennenlernt.“

⚽ Auch, dass ab dieser Saison eine Frau Bundesligaspiele pfeift, dürfen wir ab sofort bei fußballinteressierten Russen als bekannt voraussetzen. Im Portrait – ebenfalls in „Futbol“, ebenfalls von Lydia Didyk – erfahren wir, wie viel Zeit es Bibiana Steinhaus gekostet hat, sich immer wieder zu bewähren und langsam nach ganz oben zu arbeiten. Ergebnis: „Feministinnen in aller Welt freuen sich“, Ribéry hin, Demirbay her.

⚽ Hab ich’s gesagt, vor ein paar Wochen, dass Zenit St. Petersburg einfach den allerbesten Social-Media-Auftritt aller russischen Vereine hinlegt? Und als bräuchte es noch eine Bestätigung, hat das Team dieses Wochenende wieder einen rausgehauen. Auch in Russland ist Liga-Pause wegen der WM-Quali, man muss sich also anderweitig die Zeit vertreiben.

Zenits englischsprachiges Twitter-Team hat darum seine „Beardy XI“ aufgestellt, eine Elf nur aus Bartträgern. Andere Vereine zogen nach (Respekt, FC Bayern!), und schon war wieder eine ligalose Stunde gefüllt. Wer mag, kann ja mal einen ganz genauen Blick auf den Zenit-Spieler oben links werfen. Oder hier noch mehr Twitterperlen ansehen.

⚽ Welche jungen Bundesliga-Spieler haben Großes vor sich? Die Antwort gibt dieser Talent-Radar, mit dem russische Fußballfans deutsche Namen wie Gian-Luca Itter, Johannes Eggestein und Dženis Burnić, aber auch internationale wie Amine Harit und Dan-Axel Zagadou kennen lernen können. Wenn ich ehrlich bin: Manche Namen auf dieser Liste hatte ich auch noch nicht gehört.

⚽ Noch eine Schiedsrichtergeschichte? Na gut. Wladislaw Besborodow war erst Profifußballer, heute ist er Schiedsrichter und pfeift seit 2009 auch international. Ab und zu spielt er aber auch gerne noch mal selber, zuletzt bei einem Jubiläumsspiel zum 20. Geburtstag seines lettischen Ex-Vereins FK Ventspils. 5:5 ging das Match zwischen der aktuellen Mannschaft und einem Altherrenteam aus, Besborodow schoss zwei Tore. Und eines davon war ein echtes Zückerchen, direkt von der Mittellinie. (Ich hätte es gern hier eingebettet, aber es gibt leider nur eine Autoplay-Variante mit Sound, und das war mir dann doch zu penetrant. Also, hier klicken und staunen).

⚽ RBTH, das Flauschportal unter den russischen Staatsmedien, die sich an Ausländer wenden, wirft eine elementare Frage auf: Was wird bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 bloß Russlands Antwort auf die Vuvuzela sein? Die Antwort ist: Löffel, genau genommen bunt lackierte Holzlöffel. Ein traditionelles Rhythmusinstrument, dessen Auftritte man im Russland der Gegenwart leiderleider suchen muss.

Verdienstvoll also, dass die RBTH-Leute gleich auch noch dieses Video ausgegraben haben, damit man sich vorstellen kann, wie das nächstes Jahr im Stadion dann klingt (nämlich: sehr viel besser als eine Vuvuzela, was aber auch überhaupt keine Kunst ist). Und damit auch Anfänger mitlöffeln können, gibt es analog zum Esstäbchenhalter für Kinder jetzt Löffelhalter. Die formen ein V, für Victory. Die Löffel des Sieges. So schön.

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Zum Schluss noch Glückwünsche an Stanislaw Tschertschessow. Russlands Nationaltrainer ist gerade 54 Jahre alt geworden. Von den Spielern gab es ein Trikot mit der neuen Zahl an Lebensjahren drauf – in Sachen Kreativität ungefähr das Fußball-Äquivalent von Schlips oder Socken. Die Redaktion der offiziellen WM-Website dagegen hat eine ganz zauberhafte Grafik gebastelt. Sie würdigt Tschertschessows Erfolge und, als einizges Element im ansonsten leeren Gesicht: Tschertschessows Schnäuzer!

Nächste Woche dann mehr. Und wenn ihr wollt, könnt ihr Russball auch hier direkt abonnieren:



 

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Russball, Folge 11: Russische Fußballstadien und ihre Probleme

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Es ist die erste Russball-Folge nach dem Urlaub, darum erst einmal danke für all die positiven Rückmeldungen zur zeitlosen, hintergründigen Ausgabe letzte Woche! Und, weil Fragen kamen: Ja, demnächst blogge ich auf jeden Fall auch über die Zeit in Kirgistan, es war wirklich beeindruckend dort. Fußball kam allerdings nur am Rande vor, mit einem abendlichen Flutlicht-Match in einem Fußballkäfig in Bischkek – Fotos hier und hier.

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⚽  Zum Start eine Folgeempfehlung: James Ellingworth, der für AP über Sport in Russland schreibt, tingelt gerade die Gastgeberstädte der Fußball-Weltmeisterschaft im kommenden Jahr ab. Die Fotos, die er von dieser Tour twittert, geben einen guten Eindruck von den WM-Vorbereitungen. Außerdem bekommt, wer James‘ Tweets liest, die Chance, sich schon mal auf die Tücken des Pressezentrums im Stadion von Jekaterinburg vorzubereiten. Also, Folgen lohnt sich.

⚽  Letzte Woche ging es hier um die endlosen Reisen, die Mannschaften der FNL (Russlands zweiter Liga) auf sich nehmen müssen, weil das Land so groß und die Stadien entsprechend weit von einander entfernt sind. Für viele Vereine ein großes finanzielles Problem.

Nun hat Russian Football News nachgelegt und macht – in epischer Länge – Vorschläge, wie man die FNL reformieren und das Problem lösen könnte. Knackpunkt wäre eine geographische Aufteilung, wie man es aus dem Eishockey kennt: Sowohl die NHL als auch die KHL funktionieren ja nach dem Prinzip regionaler Konferenzen.

⚽  Warum bekommt ZSKA Moskau sein schickes neues Stadion nicht voll? Am sportlichen Erfolg kann es nicht liegen, es ist einer der russischen Spitzenvereine, und das schon länger. Nach der Analyse von Sports.ru tragen viele Faktoren dazu bei, dass in der WEB-Arena so viele Plätze frei bleiben: Vergleichsweise hohe Ticketpreise. Undurchschaubare, immer wieder neue Regeln beim Ticketkauf. Ein langweiliger, zu klein geratener Fan-Shop. Rucksäcke, die nicht ins Stadion mitgenommen werden dürfen, müssen umständlich abgegeben werden – mit langen Wartezeiten beim Abholen nach dem Spiel.

Die offiziellen Begründungen des Vereins für leere Tribünen klingen dagegen ganz anders: „Heute ist es heiß, alle sind auf die Datscha gefahren“ (29. Juli) – „Mittwoch ist halt ein Werktag“ (2. August) – „Es ist Urlaubszeit, da haben viele die Stadt verlassen.“ Klar, dass dazu den Fans anderer Teams einiges an Gefrotzel einfällt: „Die Fans von ZSKA sind das ganze Jahr auf der Datsche.“

⚽  Anderes Stadion, andere Probleme: Das neue Krestowski-Stadion in St. Petersburg soll ein Prestigeprojekt sein, stattdessen regnet es rein, immer wieder. An Spieltagen posten regennasse Fans Videos von immer neuen undichten Stellen. Nun, endlich, wissen wir, wer schuld ist: der gemeine Kormoran.

So hat das jedenfalls Vizegouverneur Igor Albin in einem Interview hergeleitet: Das Stadiondach sei mit einem wasserabweisenden Schutzfilm bedeckt, der zwar bis zu 400 Kilo Gewicht pro Quadratmeter tragen kann, aber keinen Vogelschnäbeln widerstehen. Der „berühmte Vogel“ Kormoran mit seinem „mächtigen Schnabel“ macht also laut Albin die Fans nass, weshalb das Stadion nun, ähnlich wie ein Flughafengelände, gegen Vögel gesichert werden soll.

⚽  Dieses Jahr der Confed-Cup, nächstes Jahr die Fußball-WM – was bedeutet das für Russlands Wirtschaft? Die Hotelbranche blickt zurück und ist unzufrieden: Bis zu 90 Prozent Auslastung waren während des Confed-Cups angepeilt, die tatsächlichen Zahlen lagen deutlich niedriger. Das lag möglicherweise daran, dass das Turnier nicht allzu viele ausländische Fans angelockt hat. Denn wer innerhalb Russlands zu einem Match anreist, bei dem ist die Chance größer, dass er direkt im Anschluss wieder heimfährt, ohne Übernachtung vor Ort.

Andererseits meldet der Flughafen in Sotschi – wo während des Confed-Cups die deutsche Mannschaft drei Spiele austrug – einen deutlichen Anstieg bei den Passagierzahlen. So richtig lukrativ dürfte die Weltmeisterschaft im kommenden Jahr vor allem für Aeroflot werden. Russlands staatliche Fluglinie hat vorsorglich schon mal die Preise für Flüge von Moskau zu diversen Austragungsorten erhöht, und zwar deutlich: Flugtickets nach Wolgograd kosten künftig sechsmal mehr, nach Rostow am Don viermal mehr. Es lohnt sich also erst recht, sich rechtzeitig um eines der kostenlosen Zugtickets für WM-Besucher zu kümmern.

⚽  Neulich war hier schon mal die Rede davon, dass Russlands Nationalmannschaft ein Freundschaftsspiel gegen Dynamo Moskau plant. Nun wissen wir, dass auch ein Spieler des 1. FC Köln zum Kader gehören wird: Konstantin Rausch, geboren so gerade noch in der Sowjetunion. „Dynamik, Tempo und Spielwitz waren genau die Attribute, der der russischen Mannschaft beim Confed Cup im Sommer immer wieder gefehlt hatten“, begründet der Kicker die Auswahl – und was sagen die russischen Medien zum Neuzugang im Kader?

Argumenty i Fakty erwähnt, dass Rausch „meist als linker Verteidiger oder im linken Mittelfeld spielt, RBK zählt seine Karrierestationen auf, einschließlich Fritz-Walter-Medaille. Und Sport Express hat nicht nur bei Instagram grandiose Fotos des „deutschen Sibiriers“ ausgegraben, sondern verweist auch auf ein Interview mit Rausch aus dem Jahr 2016. Schon damals hatte er gehofft, sich durch gute Leistungen in Köln für einen Platz im russischen WM-Kader zu empfehlen.

⚽  Zenit St. Petersburg hat besser als viele andere Vereine verstanden, wie Social Media funktioniert: kleinteilig, nah am Fan, nicht nur aufs Sportliche konzentriert, sondern auch mal verspielt. Besonders hübsch war unlängst dieser Tweet, mit dem der Verein für seine 200-Rubel-Tickets beim Spiel gegen Rostow warb:

https://twitter.com/fczenit_en/status/898537927478784001

⚽  Ein Zückerchen für alle, deren Sehnsucht nach Fußballstatistik mit so profanen Informationen wie gelaufenen Kilometern einzelner Spieler, Ballbesitz-Anteilen beider Teams oder deren Chancenverhältnis noch lange nicht gestillt ist. Es geht um die Frage, welcher russische Verein die jüngste Mannschaft stellt.

Wer nun glaubt, da müsse man ja nur das Alter der Spieler addieren, dann durch die Zahl der Spieler teilen, der darf sich schon mal seine Buntstifte nehmen und das hier ausmalen. Schön leise, ja? Die Erwachsenen lesen unterdessen hier weiter: das Durchschnittsalter russischer Fußballmannschaften, gewichtet danach, wie viele Minuten jeder Spieler in der bisherigen Saison auch tatsächlich eingesetzt wurde.

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Das Schlusswort gehört diese Woche Artur Jussupow. Der russische Nationalspieler, der im Moment von Zenit an Rostow ausgeliehen ist, wurde gefragt, wie er zur geplanten Neuregelung in Sachen Fußball-Legionäre steht. (Russlands Fußball-Offizielle wollen sich im September mit dem Thema befassen.) Seine Antwort schafft es, ein Seitenhieb gegen gleich zwei Vereine zu sein: „Ohne eine Begrenzung für Legionäre würden bei Zenit elf Argentinier spielen, bei Spartak elf Brasilianer, und die beiden würden die Meisterschaft unter sich ausmachen.“

Wenn euch diese Folge gefallen hat, freu ich mich, wenn ihr es euren Freunden und Kollegen sagt. Mehr Russball dann wieder in einer Woche – bis dann!



 

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