Moskauer Warenkorb, November 2014

November – Zeit, Plätzchenzutaten zu kaufen auf dem Dorogomilowski-Markt, nicht weit vom Kiewer Bahnhof. Ein Gelände mit Markthalle und kleinen Buden, dessen Atmosphäre sich am besten genießen lässt, wenn man vergisst, je das Wort „Kühlkette“ gekannt zu haben. Dann ist es wirklich interessant zwischen all den Metzgern, den drei Dutzend Sorten Honig, den duftenden Bäckereiständen und den Fischen, die unter freiem Himmel auf Eis liegen, während über ihnen die Tauben schweben.

„Mandeln, geschnitten?“ Die Händlerin nickt, telefoniert, kurz danach bringt ihr jemand einen Kilobeutel. Okay, sie sind gehobelt, taugen also nicht für Wespennester. Aber da findet sich schon was, einfach improvisieren.

Das ist diesen Monat auch das Stichwort für den Warenkorb. Denn auf Dauer macht Preislistenlesen wahrscheinlich genau so wenig Spaß wie Preislistenschreiben. Eigentlich sollte es hier darum allerlei schicke Diagramme geben – und für mich die Gelegenheit, mit ein paar Programmen rumzuspielen. Nach einigen Stunden Frickeln und Frust mir Datawrapper und Tableau hier also der Versuch einer Erklärgrafik mit Piktochart.

Empfehlungen für laientaugliche Datenvisualisierungs-Programme gerne in den Kommentaren posten, dann versuch ich mich in den kommenden Monaten mal daran. Und wer sie ernsthaft vermisst, findet die ausführlichen Preislisten weiter unten.

Moskauer Warenkorb November 2014 kscheib

Supermarktpreise:

Möhren für 34,90 Rubel/Kilo (Oktober: 28,00)
Tomaten für 99,00 Rubel/Kilo (Oktober: 99,90)
Rote Paprika für 185,00 Rubel/Kilo (Oktober: 194,00)
Weißkohl für 21,00 Rubel/Kilo (Oktober: 11,90)
Äpfel für 44,90 Rubel/Kilo (Oktober: 69,90)
Birnen für 65,00 Rubel/Kilo (Oktober: 69,90)

Milch (2,5%) für 63,44 Rubel/Liter (Oktober: 63,44)
Butter für 27,22 Rubel/100g (Oktober: 41,66)
Brie für 111,20 Rubel/100g (Oktober: 111,20)
Parmesan für 96,66 Rubel/100g (Oktober: 91,90)

Hähnchenbrust für 179,00 Rubel/Kilo (Oktober: 199,00)
Schweinekotelett für 369,00 für Rubel/Kilo (Oktober: 369,00)

Onlinehändlerpreise

Kartoffeln für 29,00 Rubel/Kilo (Oktober: 29,00)
Zwiebeln für 27,00 Rubel/Kilo (Oktober: 27,00)
Gurken für 207,00 Rubel/Kilo (Oktober: 145,00)
Zucchini für 153,00 Rubel/Kilo (Oktober: 139,00)
Auberginen für 199,00 Rubel/Kilo (Oktober: 195,00)
Rote Bete für 21,00 Rubel/Kilo (Oktober: 18,50)
Eisbergsalat für 210,00 Rubel/Stück (Oktober: 210,00)
Kohlrabi für 215,00 Rubel/Kilo (Oktober: 188,00)

Zitronen für 98,00 Rubel/Kilo (Oktober: 93,00)
Papaya für 455,00 Rubel/Kilo (Oktober: 455,00)
Mango für 315,00 Rubel/Kilo (Oktober: 299,00)
Bananen für 59,90 Rubel/Kilo (Oktober: 63,00)
Orangen für 72,00 Rubel/Kilo (Oktober: 72,00)
Grapefruit für 78,00 Rubel/Kilo (Oktober: 99,00)
Kiwi für 115,00 Rubel/Kilo (Oktober: 142,00)

Milch für 66,74 Rubel/Liter (Oktober: 63,40)
Butter für 50,39 Rubel/100 g (Oktober: 45,35)

Graubrot, geschnitten, für 79,06 Rubel/Kilo (Oktober: 79,06)
Toastbrot für 82,40 Rubel/Kilo (Oktober: 82,40)

Rinderhack für 398,00 Rubel/Kilo (Oktober: 336,00)
Ganzes Hähnchen 119,00 für Rubel/Kilo (Oktober: 150,00)
Durchwachsener Speck für 747,50 Rubel/Kilo (Oktober: 498,33)

Kabeljau (TK) für 251,00 Rubel/Kilo (Oktober: 251,00)
Lachssteak (TK) für 640,00 Rubel/Kilo (Oktober: 640,00)

(Das Kleingedruckte: Der Warenkorb ist nicht repräsentativ. Außerdem gibt es in unserem Supermarkt jetzt keinen Parmesan am Stück mehr – dafür aber frischen geriebenen in der Tüte, zum fast exakt gleichen Rubelpreis pro Kilo. Darum habe ich mir erlaubt, den geriebenen hier in die Wertung zu nehmen.)

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Moskauer Warenkorb, Oktober 2014

Wenn der letzte Warenkorb-Blogpost mit Parmesan aufgehört hat, darf der hier auch mit Parmesan anfangen. Genau genommen mit einem Drama in zwei Akten – der berühmte szenische Einstieg.

– „Entschuldigung, wo ist der Parmesan?“
– „Weiß ich nicht.“ (geht weg)
– „Wer weiß das denn?“
– (kneift die Lippen zusammen und geht schneller)

– „Entschuldigung, wo ist der Parmesan?“
– „Weiß ich nicht.“ (geht weg)
– „Wer weiß das denn?“
– (bückt sich hinter eine Palette H-Milch)

Der Klarheit halber sollte man sagen, dass es zwei verschiedene Gesprächspartnerinnen waren, wenn auch kurz hintereinander. Beide angetroffen im selben Biotop, zwischen zwei Kühltheken. Ein Kunde mit einer Frage und eine Servicekultur mit armdicken Wurzeln im Sozialismus, das ist schon eine unterhaltsame Kombination. Also, es sei denn, es ist einem wichtig, eine Antwort zu bekommen.

Parmesan Perekrestok Oktober 2014 

Dass trotzdem im Oktober-Warenkorb noch ein Stück Parmesan drin ist, liegt an dem kleinen Menschenauflauf (keine Gratin-Witze jetzt, bitte) vor einem schmalen Kühlregal, einschließlich Beiseitestoßen mit Hüften und Ellenbogen. Für mich oberhalb der Augenhöhe, außerdem ganz hinten an der Wand, lagen sie: die letzten Parmesanstücke im ganzen, großen Perekrestok-Laden. Und dazu auch noch günstig – vermutlich Reste aus dem Lager, die abverkauft werden mussten.

Und sonst? Hier die Supermarkt-Liste.

Möhren für 28,00 Rubel/Kilo (September: 17,90)
Tomaten für 99,90 Rubel/Kilo (September: 44,00)
Rote Paprika für 194,00 Rubel/Kilo (September: 189,00)
Weißkohl für 11,90 Rubel/Kilo (September: 9,90)
Äpfel für 69,90 Rubel/Kilo (September: 32,00)
Birnen für 69,90 Rubel/Kilo (September: 129,00)

Milch (2,5%) für 63,44 Rubel/Liter (September: 56,99)
Butter für 41,66 Rubel/100g (September: 37,22)
Brie für 111,20 Rubel/100g (September: 111,20)
Parmesan für 91,90 Rubel/100g (September: 232,67 )

Hähnchenbrust für 199,00 Rubel/Kilo (September: 195,00)
Schweinekotelett für 369,00 für Rubel/Kilo (September: 384,00)

Wer kein Ladenlokal betritt, sondern bei Utkonos.ru online bestellt, tut das im Oktober zu diesen Preisen:

Kartoffeln für 29,00 Rubel/Kilo (September: 21,50)
Zwiebeln für 27,00 Rubel/Kilo (September: 21,50)
Gurken für 145 Rubel/Kilo (September: 99,90)
Zucchini für 139,00 Rubel/Kilo (September: 36,00)
Auberginen für 195,00 Rubel/Kilo (September: 178,00)
Rote Bete für 18,50 Rubel/Kilo (September: 19,00)
Eisbergsalat für 210,00 Rubel/Stück (September: 148,00)
Kohlrabi für 188,00 Rubel/Kilo (September: 188,00)

Zitronen für 93,00 Rubel/Kilo (September: 139,00)
Papaya für 455,00 Rubel/Kilo (September: 417,00)
Mango für 299,00 Rubel/Kilo (September: 759,00)
Bananen für 63,00 Rubel/Kilo (September: 57,50)
Orangen für 72,00 Rubel/Kilo (September: 75,00)
Grapefruit für 99,00 Rubel/Kilo (September: 99,50)
Kiwi für 142,00 Rubel/Kilo (September: 225,00)

Milch für 63,40 Rubel/Liter (September: 66,11)
Butter für 45,35 Rubel/100 g (September: 49,89)

Graubrot, geschnitten, für 79,06 Rubel/Kilo (September: 79,06)
Toastbrot für 82,40 Rubel/Kilo (September: 82,40)

Rinderhack für 336,00 Rubel/Kilo (September: 412,00)
Ganzes Hähnchen 150,00 für Rubel/Kilo (September: 150,00)
Durchwachsener Speck für 498,33 Rubel/Kilo (September: 650,00)

Kabeljau (TK) für 251,00 Rubel/Kilo (September: 228,00)
Lachssteak (TK) für 640,00 Rubel/Kilo (September: 640,00)

Die Listen sind lang, die Erkenntnisse aus ihnen lassen sich kurz fassen: Knapp die Hälfte der Preise sind, verglichen mit September, weiter gestiegen – im Schnitt wurde der Supermarkt-Warenkorb um 20 Prozent teurer, der Online-Einkauf um 11,6 Prozent. Das ist in beiden Fällen aber ein geringerer Preisanstieg als von August auf September. Bei einigen Lebensmitteln in dieser Stichprobe sind die Preise sogar gefallen – Birnen zum Beispiel, Butter und auch Rinderhack waren im Oktober alle günstiger.

Gleichzeitig sind einige Dinge, die Utkonos im September noch als „nicht auf Lager“ markiert hatte, nun wieder lieferbar, wobei sich oft die Marken geändert haben. Beides zusammen legt eine Deutung nahe: Nach dem überstürzt verkündeten Einfuhrverbot für westliche Lebensmittel haben russische Händler inzwischen Lieferanten aus anderen Ländern gefunden, die zum Teil sogar billigere Ware anbieten.

Zum Beispiel darf China neuerdings wieder Schweinefleisch nach Russland einführen – das war seit zehn Jahren aus Angst vor Krankheitserregern verboten gewesen. In Namibia planen die Rinderzüchter für künftige Bestellungen aus Russland, und auf den Philippinen gucken die Krokodile mit Tränen in den Augen in die Zukunft.

Krokodile Pixabay 

(Das Kleingedruckte: Der Warenkorb ist nicht repräsentativ. Er ist auch kein Beleg dafür, dass das Lebensmittel-Importverbot als alleiniger Faktor die Preise hochtreibt – im Spätherbst haben halt nicht mehr allzu viele Obst- und Gemüsesorten Saison. Außerdem sind nach dem Naturjoghurt nun auch die Nektarinen aus der Wertung geflogen, weil es bei Utkonos keine mehr gab. Damit der Vergleich nicht hinkt, hab ich die beiden Produkte auch aus den Warenkorb-Summen für August und September rausgerechnet.)

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Moskauer Warenkorb, September 2014

Perekrestok Moskau Äpfel 

Der zweite Warenkorb-Monat beginnt mit einer neuen Vokabel: отсутствует. Etwas fehlt, bedeutet das wörtlich, sinngemäß passt „nicht vorhanden“ oder „nicht auf Lager“, Hauptsache Verneinung.

Zucchini nicht auf LagerAls kleine rosa Grafik klebt dieses Wort beim Online-Lebensmittelhändler Utkonos neuerdings auf vielen Produkten, die ich mir beim Ausgangs-Korb im August gebookmarkt habe. Trotzdem hat sich der Preis im Vergleich zum August verändert – also vielleicht nur ein paar Tage Lieferengpass? Die hypothetischen Zucchini und Auberginen dürfen erst mal im Korb bleiben.

Im echten Supermarkt ist das Ganze subtiler: Die Lücken im Regal, von denen so viele Fotos online kursieren, hat unsere Perekrestok-Filiale nicht. Übers Angebot sagt das allerdings nichts aus, höchstens über geschickte Regalvollräumer.

So erkennt man erst auf den zweiten Blick, dass plötzlich acht Becher russischer Frischkäse im Kühlregal nebeneinander stehen. Gleiche Marke, gleiche Sorte. Dafür kein Brie, nirgends – ach doch: Da oben, die zwei Sorten, bei denen der Käse in einer flachen Konservendose verpackt ist, die dann wiederum in einem Kartönchen steckt. Ein kostbares Gut.

Pseudo-Bio-JoghurtEin besonders ärgerlicher Platzhalter ist das, was da als Bio-Naturjoghurt in der Milchtheke steht. Die Zusatzstoffe in ihm (E 1422, E 1442) kennt man sonst vor allem aus Fertiggerichten, die sich besonders lange halten sollen, Gelatine ist auch drin. Sicherheitshalber sind die Viererpacks dann auch direkt so bedruckt, dass der Käufer das Kleingedruckte nur lesen kann, wenn er die Becher auseinanderknickt.

Kein Wunder, dass das Zeug nur die Hälfte kostet (17,30 Rubel statt 37,60 für 100 Gramm). Trotzdem: Was nur gleich heißt, aber nicht vergleichbar ist, fliegt aus dem Korb. Bei der restlichen Liste im Supermarkt ergibt der Vergleich keinen einheitlichen Trend: Manches ist billiger geworden, manches teurer – vor allem der Käse.

Möhren für 17,90 Rubel/Kilo (August: 29)
Tomaten für 44 Rubel/Kilo (August: 39)
Rote Paprika für 189 Rubel/Kilo (August: 44,50)
Weißkohl für 9,90 Rubel/Kilo (August: 10)
Äpfel für 32 Rubel/Kilo (August: 44,50)
Birnen für 129 Rubel/Kilo (August: 69)

Milch (2,5%) für 56,99 Rubel/Liter (August: 63,44)
Butter für 37,22 Rubel/100g (August: 46,50)
Brie für 111,20 Rubel/100g (August: 97,50)
Parmesan für 232,67 Rubel/100g (August: 159,50)

Hähnchenbrust für 195 Rubel/Kilo (August: 185)
Schweinekotelett für 384 Rubel/Kilo (August: 406)

Im Schnitt ist mein Supermarkt-Einkauf im Vergleich zum vorigen Monat 32,24 Prozent teurer geworden. Schuld ist daran vor allem die rote Paprika, deren Preis jetzt mehr als 300 Prozent höher ist. Ohne sie wäre der gesamte Einkauf nur 5,65 Prozent teurer.

Und so ist die Preisentwicklung beim Online-Händler Utkonos:

Kartoffeln für 21,50 Rubel/Kilo (August: 28)
Zwiebeln für 21,50 Rubel/Kilo (August: 34)
Gurken für 99,90 Rubel/Kilo (August: 109)
Zucchini für 36 Rubel/Kilo (August: 26) (nicht auf Lager)
Auberginen für 178 Rubel/Kilo (August: 145) (nicht auf Lager)
Rote Bete für 19 Rubel/Kilo (August: 17)
Eisbergsalat für 148 Rubel/Stück (August: 75) (nicht auf Lager)
Kohlrabi für 188 Rubel/Kilo (August: 85) (nicht auf Lager)

Nektarinen für 117 Rubel/Kilo (August: 117) (nicht auf Lager)
Zitronen für 139 Rubel/Kilo (August: 139) (nicht auf Lager)
Papaya für 417 Rubel/Kilo (August: 415) (nicht auf Lager)
Mango für 378 Rubel/Kilo (August: 330) (nicht auf Lager)
Bananen für 57,50 Rubel/Kilo (August: 47)
Orangen für 75,00 Rubel/Kilo (August: 85)
Grapefruit für 99,50 Rubel/Kilo (August: 82)
Kiwi für 225 Rubel/Kilo (August: 229)

Milch für 66,11 Rubel/Liter (August: 66,10)
Butter für 49,89 Rubel/100 g (August: 49,88)

Graubrot, geschnitten, für 79,06 Rubel/Kilo (August: 76,56)
Toastbrot für 82,40 Rubel/Kilo (August: 79,80)

Rinderhack für 412 Rubel/Kilo (August: 412)
Ganzes Hähnchen für 150 Rubel/Kilo (August: 150)
Durchwachsener Speck für 650 Rubel/Kilo (August: 650)

Kabeljau (TK) für 228 Rubel/Kilo (August: 228)
Lachssteak (TK) für 640 Rubel/Kilo (August: 576)

Hier gehen die Preise im September im Vergleich zum August ebenfalls nach oben, allerdings bloß um 11,44 Prozent. Und auch hier gibt kommen die Preistreiber aus der Gemüsetheke: Eisbergsalat (97,33 Prozent) und Kohlrabi (121,18).

Was heißt das alles, und was heißt es nicht? Es heißt nicht, dass im letzten Monat die Lebensmittel in Russland um 32,24 Prozent oder um 11,44 Prozent teurer geworden sind. Auch nicht um den Mittelwert aus beiden. Es heißt bloß, dass eine willkürliche, kleine Auswahl an Lebensmitteln in einem Moskauer Supermarkt im Moment mehr kostet als letzten Monat. Und eine willkürliche, etwas größere Auswahl an Lebensmitteln bei einem Moskauer Online-Händler auch, wenn auch nicht so doll.

Und es heißt, dass der nächste West-Besuch Parmesan mitbringt.

(Danke an Gerrit und an Markus für Zahlen- und Excelhilfe.)

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Ein Jahr ohne West-Essen als Facebook-Projekt

Am Tag, als Russland seinen Lebensmittelmarkt abschottete, entschied sich Eva Mala für die Öffentlichkeit. Die 29-jährige Tschechin mit russischen Wurzeln lebt in Moskau, gibt hier Sprachunterricht und betreibt neuerdings eine Facebookseite: 365 Days Of Russian Ban On Food. Ein Jahr lang will sie dort Mahlzeit für Mahlzeit dokumentieren, wie sie sich ernährt – und wie sich die Ernährung im Laufe des Jahres verändert.

„Es gibt auf den diversen Websites so viele Kommentare zu dem Thema, die manchmal gar nicht stimmen, also will ich das korrigieren“, erklärt sie. Den Facebooknutzern wolle sie zeigen, wie es tatsächlich hier aussehe, was wirklich geschehe. „Denn die Menschen im Westen denken, hier gibt es nichts mehr zu essen, und die Russen denken, das Einfuhrverbot ist eine super Sache. Keiner von beiden hat Recht.“

Bisher sind es erst knapp über 100 Facebook-Nutzer, die Eva auf den Teller gucken wollen. Dass die Seite schon bald wachsen wird, liegt nahe – denn die Einblicke in Evas Essens-Alltag sind nicht nur anschaulich, sondern auch gut so getextet, dass der Genussmensch durchkommt.

Nicht jedes Glas Wasser will sie posten, sonst aber alles – auch, wenn es am Wochenende mal zu viel Wein war oder eine ganze Tafel Schokolade nach einem harten Tag. Das ist der Plan.

Schon vor dem Einfuhrverbot sei das russische Essen nicht allzu gut gewesen, findet Eva, die gerne kocht und nach Einschätzung ihres Freundes auch ziemlich gut. „Seit einem Jahr lebe ich jetzt hier, und das Problem waren immer niedrige Qualität und hohe Preise.“ Das selbstgebackene Brot aus russischem Mehl habe nicht richtig geschmeckt, und nun also auch noch das Einfuhrverbot. Seitdem, sagt Eva, sei ihr vor allem eines aufgefallen: die Sache mit dem Käse.

„Ich finde keinen Parmesan, keinen Camembert, keinen guten Blauschimmelkäse.“ Auch manche Obst- und Gemüsesorten seien in Noginsk, wo sie sich derzeit aufhält, schwer zu bekommen. Alles noch keine ernsthaften Probleme, aber das Einfuhrverbot ist ja auch erst ein paar Tage alt. Die Pizza mit sauren Gurken könnte da nur der Anfang sein.

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Moskauer Warenkorb, August 2014

Dieser Blogpost ist leider nicht besonders faszinierend, aber nötig als Ausgangspunkt für andere in der Zukunft. Die werden dann auch hoffentlich wieder interessanter, versprochen. Sorry.

Seit dieser Woche gilt also das russische Einfuhrverbot für viele Lebensmittel aus dem Westen. Nach allen Gesetzen von Angebot und Nachfrage müsste das zu steigenden Lebensmittelpreisen führen – erst recht, weil die Entscheidung so abrupt kommt. Die Lücken gibt es ab sofort, wer sie füllt, klärt sich erst nach und nach. Was also wird teurer, was verschwindet vielleicht ganz aus dem Angebot?

Zeit für einen Warenkorb.

Wissenschaftlich ist das hier nicht, die Auswahl eine Mischung aus Nachdenken und Zufall: Es sollten Obst, Gemüse, Milchprodukte und Fleisch dabei sein; russische Produkte und solche, bei denen mir in der Vergangenheit aufgefallen ist, dass sie importiert waren, etwa Holland-Tomaten. Andererseits gab es zum Beispiel Auberginen, die eigentlich in den Korb sollten, gerade schlicht nicht. Das ist halt manchmal so, auch schon vor dem Importverbot.

Herausgekommen ist darum, der Vollständigkeit halber, ein Warenkorb in zwei Hälften*. Die erste Hälfte sind Preise aus einem echten Supermarkt. Perekrjostok (Kreuzung) ist ein mittelguter, mittelteurer Laden; wer Luxusprodukte will, muss zu Asbuka Vkusa gehen oder zur Perekrestok-Edelschwester Seljonyj Perekrjostok. Die Preise sind die unserer Filiale am Kiewer Bahnhof. Dort gab es diese Woche:

    Möhren für 29 Rubel/Kilo
    Tomaten für 39 Rubel/Kilo
    Rote Paprika für 44,50 Rubel/Kilo
    Weißkohl für 10 Rubel/Kilo
    Äpfel für 44,50 Rubel/Kilo
    Birnen für 69 Rubel/Kilo

    Milch (2,5%) für 63,44 Rubel/Liter**
    Naturjoghurt (bio) für 37,6 Rubel/100g
    Butter für 46,50 Rubel/100g
    Brie für 97,50 Rubel/100g
    Parmesan für 159,50 Rubel/100g

    Hähnchenbrust (aus der Fleischtheke) für 185 Rubel/Kilo
    Schweinekotelett (aus der Fleischtheke) für 406 Rubel/Kilo

Der zweite Teil des Korbes ist umfassender und deutlich leichter recherchiert. Aus dem Angebot von Utkonos (Schnabeltier), einem Lebensmittel-Lieferdienst mit halbwegs zivilen Preisen, habe ich für die kommenden Monate diese Lebensmittel gebookmarkt, auch hier sind die Preise aus dieser Woche.

Kartoffeln für 28 Rubel/Kilo
Zwiebeln für 34 Rubel/Kilo
Gurken für 109 Rubel/Kilo
Zucchini (hellgrüne, nicht die dunklen, die wir in Deutschland kennen) für 26 Rubel/Kilo
Auberginen für 145 Rubel/Kilo
Rote Bete für 17 Rubel/Kilo
Eisbergsalat für 75 Rubel/Stück
Kohlrabi für 85 Rubel/Kilo

Nektarinen für 117 Rubel/Kilo
Zitronen für 139 Rubel/Kilo
Papaya für 415 Rubel/Kilo
Mango für 330 Rubel/Kilo
Bananen für 47 Rubel/Kilo
Orangen für 85 Rubel/Kilo
Grapefruit für 82 Rubel/Kilo
Kiwi für 229 Rubel/Kilo

Milch für 66,10 Rubel/Liter
Butter für 49,88 Rubel/100 g

Graubrot, geschnitten, für 76,56/Kilo
Toastbrot für 79,80 Rubel/Kilo

Rinderhack für 412 Rubel/Kilo
Ganzes Hähnchen für 150 Rubel/Kilo
Durchwachsener Speck für 650 Rubel/Kilo

Kabeljau (TK) für 228 Rubel/Kilo
Lachssteak (TK) für 576 Rubel/Kilo

Damit ist der langweilige Blogpost auch schon vorbei. Mehr dann im September, wenn es was zu vergleichen gibt. Und für alle, die bis hierher durchgehalten haben: ein Bild vom einem Schnabeltier, dem Namenspatron des Lieferdienstes.

* Im Supermarkt, wo man leicht den Blick schweifen lassen kann, gilt immer der Preis für die billigsten Äpfel, den billigsten Liter Milch. Bei Lieferservice mit seinem Riesenangebot, das man tatsächlich nicht nach Kilopreis sortieren kann, ist es jeweils ein Produkt von einer Marke, also zB immer die 1,5%-Milch von „Häuschen auf dem Lande“.

**Krumme Preise wie dieser liegen meist daran, dass hier viel mit Packungsgrößen getrickst wird. Bei der Milch zum Beispiel waren es im Original 59 Rubel für eine 930-Milliliter-Flasche.

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So lange der Vorrat reicht

Hamsterkauf

„Wenn sie noch mehr wollen, kann ich Ihnen auch noch was holen“, sagt die Supermarkt-Mitarbeiterin. Von sich aus, mit einem Lächeln, was für Moskauer Verhältnisse ungewöhnlich ist. Aber gut, ich steh hier jetzt auch schon fünf Minuten an der Milchtheke und staple Brie und Ziegenfrischkäse in den Wagen, Halloumi und Mozzarella, Milch und Joghurt.

Vor drei Stunden hat Dmitri Medwedew verkündet, welche Lebensmittel aus den USA, der EU und einigen anderen Ländern ab sofort nicht mehr nach Russland eingeführt werden dürfen. Die Liste ist so umfassend, dass man besser aufzählt, was künftig von dort noch ins Land darf: Getränke und Babynahrung.

Für mich ist das lästig, aber letztlich ein Lifestyleproblem. Da ich meinen Joghurt gerne ohne Zuckerzusatz und Konservierungsstoffe habe, kam der bisher aus Lettland. Die Milch ist finnisch, der Käse italienisch, deutsch oder französisch – denn das sonstige Käseangebot kennt zwar viele Darreichungsformen (bis hin zur Käseschnur, gerne auch als Zopf), an Geschmacksrichtungen aber nur Fifty Shades of Salt.

Was noch? Russischen Tofu hab ich bisher nirgends gesehen, ärgerlich für einen Halbvegetarierhaushalt. Andererseits ist die Blockade von Fleischimporten da kein großes Problem, dann schon eher die von Fisch. Beim Rest – Obst und Gemüse, Mehl, Müsli, Nüsse – bleibt vor allem das Gefühl, dass künftig manches ein bisschen suspekter sein wird. „Bio“ ist hier kein großes Thema, und von der Lebensmittelaufsicht hört man vor allem, wenn Politiker westliche Firmen schikanieren wollen oder ein paar junge Sibirier meinen, sie seien Kleopatra.

Was für Europäer mit Europäergewohnheiten und Europäergehalt nur ein Verlust an Lebensqualität ist, trifft die Russen sehr viel härter. Die billigen polnischen Äpfel gibt es schon ein paar Tage nicht mehr, auch anderes Obst und Gemüse wird teurer werden, denn Russland ist weit davon entfernt, sich selbst versorgen zu können. Und wer das russische Durchschnittseinkommen von monatlich 23,000 Rubel (knapp 490 Euro) zur Verfügung hat – viele haben nicht mal das – , für den macht es einen Unterschied, ob die Tomaten 48 Rubel fürs Kilo kosten oder 68, die Birnen 95 oder 115.

KäseIn einem Land mit ohnenhin erschreckend niedriger Lebenserwartung heißt das: Für viele wird es schwieriger werden, sich gesund zu ernähren – und für einige, sich überhaupt zu ernähren. Über allzuviel öffentlichen Protest muss sich Putin trotzdem keine Gedanken machen. So ein gemeinsamer Feind, das eint – und die frisch annektierte Krim hat seiner Beliebtheit sicher auch nicht geschadet. Jede Umfrage liefert neue Rekordwerte.

„Und ab morgen gibt es das alles nicht mehr?“, frage ich die Supermarktfrau vorm Käseregal. „Wer sagt das?“, will sie wisen, und ihr Gesicht zeigt nur ganz kurz, dass sie diese Frage heute nicht zum ersten Mal hört. „Wir haben noch viel auf Lager“, sagt sie dann, „und das verkaufen wir auch.“

(Tafelbild via Chalkboard Generator)

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